Master of Arts (M.A.)
Textauszug
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5.1. Autobiografische Erinnerung: Reflexion der Vergangenheit und ein Bemühen um Authentizität
5.2. Autobiografische Erinnerung als Zeugenaussage, die Einfluss auf die Zukunft hat
6. SEGHERS ERINNERUNGEN AN DIE KINDHEIT
6.1. Mainz als Kulturraum: Anna Seghers Heimat und deren Einfluss auf ihre Entwicklung als Erzählerin
Das Schicksal der Eltern 6.2.
Die Sehnsucht nach der Ferne 6.3.
Einfluss der Bücher der Kindheit auf die Entwicklung 6.4.
Seghers als Erzählerin
MENCHÚS ERINNERUNGEN AN DIE KINDHEIT 7.
7.1. Der Nebelwald der Quiché: das nordwestliche Hochland von Guatemala als Einfluss auf die Entwicklung von Rigoberta Menchú
7.2. Schicksalsschläge der Familie Menchú
7.3. Die Wege in die Welt
7.4. Der Einfluss der Erfahrungen und Erzählungen des Vaters auf Menchús Entwicklung
DIE AUTORINNEN ANNA SEGHERS UND RIGOBERTA 8.
MENCHÚ: GEMEINSAMKEITEN UND UNTERSCHIEDE KINDHEITSERINNERUNGEN BASIEREN AUF UNIVERSALEN 9.
ERFAHRUNGEN
9.1. Zusammenwirken von Sinneseindrücken und Augenblicken des Glücks
9.2. Das Elternhaus und die Mutter
9.3. Der Vater
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9.5. Die Haarfarbe, ein Symbol für die Vergänglichkeit des Lebens
10. SCHLUSSFOLGERUNGEN
ABSTRACT
Pottmeyer-Gerber, Christiane. M.A., Purdue University, May 2010. Erinnerungen an die Kindheit als Webmuster von Erfahrungen, die durch universale Sprachsymbole ausgedrückt werden: Ein Vergleich zwischen Anna Seghers Der Ausflug der toten Mädchen und Rigoberta Menchús Enkelin der Maya. Major Professor: Jennifer Marston William.
The purpose of this study is to examine similarities and differences in the autobiographical texts Der Ausflug der toten Mädchen by Anna Seghers and Enkelin der Maya by Rigoberta Menchú. The analysis shows that the writing of a text follows the same principles as that of weaving. The first part explores how memory is formed and how it encodes complex symbols in texts and textiles. It then analyzes the influence of the immediate environment on the development of Seghers and Menchú as writers. Finally, it studies the symbols the two authors use to reflect on their childhood memories. This investigation explains that the cultural differences notwithstanding, the same symbols are used to express the experience of love, death, and persecution. In this paper the theme of weaving is connected to the concept of writing by reflecting on the idea of universal symbols that are repeatedly used in these creative processes.
1.
Aus der griechischen Mythologie stammt der Gedanke, den Verlauf des Lebens mit dem Spinnen eines Fadens zu vergleichen. Die Dauer des Lebens wird von den drei Schicksalsgöttinnen Klotho, Lachesis und Atropos bestimmt (Mören 801). Klotho spinnt den Lebensfaden, Lachesis bestimmt seine Länge und Atropos schneidet ihn ab. Die Idee des Fadens, der gesponnen wird, kann man auch auf die Gedanken eines Menschen anwenden. Die Kogi-Indianer der Sierra Nevada de Santa Maria in Kolumbien greifen diesen Gedanken auf und formulieren ihre Lebensphilosophie folgendermaßen: „Thoughts are threads and the strand we spin is our thought“ (Vicuña q98). Man kann das Leben eines Menschen als einen kontinuierlichen Prozess betrachten, Gedanken zu spinnen, die, wenn sie miteinander verknüpft werden, bestimmte Gedankenmuster ergeben. Diese sind einzigartig für jeden Menschen und beruhen auf einer individuellen, inneren Beobachtungsgabe und Denkweise. Durch die Gedanken, die ein Schriftsteller in Worte umformt, können Ereignisse aus der Vergangenheit verarbeitet werden. Dabei handelt es sich nicht nur um ein Wiederherstellen der vergangenen Erlebnisse in der Gegenwart, sondern um eine Interpretation der Vergangenheit aus der gegenwärtigen Sicht des Schriftstellers. Der wichtigste Zeitpunkt des künstlerischen Schaffens aber liegt in der Gegenwart, durch welche Vergangenheit und Zukunft miteinander verknüpft werden, wobei vergangene Ereignisse und Begegnungen mit Menschen die gegenwärtige Situation des Schriftstellers entscheidend beeinflussen. Fehervary beschreibt das künstlerische Schaffen Seghers mit folgenden Worten: „She wrote for the future, but not about the future, with urgency about a present that is
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always a past present, that is to say, an enchanted present inscribed by topographies inhabited by the dead“ (2).
Autobiografisches Schreiben wird durch den Vorgang des Vergessens und des Erinnems beeinflusst. Der Schriftsteller entscheidet, welche Gedanken er welter spinnt oder welche Gedanken vergessen werden. Damit trifft er erne bewusste Auswahl. Dieses Gedankenspinnen hat Ähnlichkeit mit dem Webvorgang, der durch ständige Hin- und Herbewegungen ein Webtuch produziert. Während ein Gewebe durch die komplementären und entgegengesetzten Bewegungen der Kett- und Schussfäden entsteht, „so mischen und kreuzen sich bei der .Produktion’ des Textes das Wirken der Erinnerung und das Wirken des Vergessens“ (Gagnebin 12). So wie Penelope tagsüber am Leichentuch Laertes webt und es nachts wieder auflöst, so werden auch die Gedanken des Schriftstellers gesponnen und wieder aufgelöst, bis sich ein Denkmuster ergibt, das die Identität des Schriftstellers definiert. Dabei ist festzuhalten, dass in den Aussagen des Schriftstellers „,die Dinge' nur deswegen präsent sind, well sie nicht als solche vorhanden sind, sondern in ihrer Abwesenheit gesagt werden“ (12). Die Gedanken, die erne Verarbeitung vergangener Erlebnisse darstellen, bewahren diese durch ihre erinnernde Wirkung für die Gegenwart, wobei die abwesenden Ereignisse nur durch die Worte des Schriftstellers anwesend sind. Die Fäden, die in der Vergangenheit gesponnen werden und die für den Schriftsteller wichtig sind, werden immer wieder aufgenommen und mit neuen Fäden kombiniert, die durch die gewonnene Lebenserfahrung hinzugekommen sind. Dadurch entsteht ein subjektives Zeitdokument, das vergangene Erlebnisse in der Gegenwart verarbeitet und somit für die Zukunft bewahrt. Die Fäden, die in diesem Zeitdokument gesponnen werden, stellen einen kleinen Flecken auf dem groOen Webtuch der Weltliteratur dar, welches seit dem Anfang der Welt bis zu ihrem Untergang von unzähligen Schriftstellem gewebt wird. Die Gedankenmuster, die Anna Seghers in Der Ausflug der toten Mädchen und Rigoberta Menchú in Enkelin der Maya in das Webtuch der Weltliteratur eingeflochten haben, stellen einen Versuch dar, die in ihrem Leben gesponnenen Fäden darin zu verewi-
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gen. Diese beiden aus unterschiedlichen Epochen und Kulturen stammenden Frauen haben einen Flecken auf dem Webtuch der Literatur geschaffen und sich somit ein Nest und eine Heimat in der Weltliteratur geschaffen. Die vorliegende Arbeit stellt sich die Aufgabe, die in der Kindheit gesponnenen Fäden und deren Verknüpfung mit der Gegenwart durch die Erinnerung in Der Ausflug der toten Mädchen und in Enkelin der Maya detailliert zu analysieren und miteinander zu vergleichen. Dabei werden Gemeinsamkeiten und Unterschiede zwischen den beiden Webmustern untersucht.
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2. EINE WELT OHNE ERINNERUNG
Groß ist sie, diese Kraft des Gedächtnisses; gewaltig
ist sie, mein Gott, ein weiter, ein unendlicher Innen-
raum. Wer erreichte je seinen Grund? Und doch han-
delt es sich um eine Kraft meines Geistes. Sie gehört
zu meinem Wesen, aber ich selbst fasse nicht das
Ganze, das ich bin. (Augustinus 87)
Mit dieser Aussage betont Augustinus die Wichtigkeit des Erinnerungsvermögens für die Identität des Menschen. Das Selbstverständnis eines Menschen beruht auf den Erfahrungen der Vergangenheit, die ständig mit neuen Erfahrungen verglichen und verarbeitet werden. Wenn ein Mensch sein Erinnerungsvermögen verliert, wird ihm diese Vergleichsmöglichkeit genommen. Ein Mensch ohne Erinnerung wird orientierungslos, er ist von seinen Gedanken und Erfahrungen der Vergangenheit abgeschnitten. Dies führt zur Befangenheit des Menschen in der gegenwärtigen Situation. Das Spinnen des Lebensfadens ist unterbrochen worden.
Was mit Menschen geschieht, die ihre Erinnerung verloren haben, schildert Gabriel García Márquez in One Hundred Years of Solitude. José Arcadia Buendía verlässt seine Heimat, da er einen Mord begangen hat und von dem Geist des Getöteten verfolgt wird. Buendía will dieser Verfolgung entkommen und in der Ferne ein neues Leben beginnen. Er zieht einen Schlussstrich unter die Vergangenheit. Er gründet fern und abgeschnitten von der Welt das Dorf Macondo, dessen Zusammenleben von Harmonie und Solidarität geprägt ist. Diese Isolation wird nur einmal im Jahr durch den Besuch der Zigeuner aufgehoben, die den Bewohnern die neuesten Erfindungen der Welt zeigen. Die dreihundert Bewohner Macondos sind alle unter dreißig Jahre alt, sodass die Erfahrung des Todes ihnen noch fremd ist (Marquéz 9). Das harmonische Gemeinschaftsleben
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in einem entlegenen Land, abgeschnitten von vergangenen Erfahrungen und nur auf Gegenwart und Zukunft ausgerichtet, wird durch auftretende Krankheiten ernsthaft infrage gestellt.
Eines Tages befällt die Einwohner von Macondo die Pest der Schlaflosigkeit, die allmählich zur Krankheit des Vergessens führt (Marquéz 43-49). Köller sieht in dieser Krankheit die Zuspitzung eines latenten Konflikts der Einwohner von Macondo. Dieser beruht darauf, „dass der Kontakt der Dorfbewohner mit der Außenwelt, mit der eigenen Vergangenheit, mit der Welt des Wissens […] in vielfältiger Weise eingeschränkt, wenn nicht gestört ist“ (Köller 353). Die Unfähigkeit, sich Wörter zu behalten oder sprachliche Inhalte zu kommunizieren, verändert das Alltagsleben der Bewohner von Macondo. Sie können die einfachsten alltäglichen Aufgaben nicht mehr bewältigen, da sie das Wissen über deren Bedeutung verloren haben. Ohne Bezug zur Vergangenheit verliert der Mensch seine Kommunikationsfähigkeit, da er keine Bezugsperspektive für seine gegenwärtigen Erfahrungen hat und sie nicht verarbeiten kann. Dies führt zu einer Verarmung des Menschen, die sich auch in der Sprache niederschlägt. Die letzte Konsequenz dieser Situation ist das Schweigen und die Einsamkeit, die sich darin äußert, kein Zeugnis von seinem Leben ablegen zu können.
Der Verlust der Kommunikationsfähigkeit ist ein sich langsam entwickelnder Prozess, wobei der Zustand der Schlaflosigkeit die Krankheit des Vergessens vorbereitet. Der Schlaf eines Menschen hat eine grundlegende Bedeutung für die Verarbeitung und Strukturierung von Erlebnissen und Wissen der Vergangenheit. Während des Schlafes werden Erlebnisse verarbeitet, in Perspektive zu anderen Ereignissen gesetzt und mit einem Sinngehalt ausgestattet. Dadurch werden Erwartungsperspektiven für die künftige Wahrnehmung von Ereignissen vorstrukturiert. Neue Ideen und Informationen werden mit vorhandenen Denkmustern und Informationen verglichen, sodass die Erfahrungsmuster und die Denkschemata ständig überprüft und neuen Erkenntnissen angepasst werden (Caruth, Trauma 170-71). Wenn man nicht mehr schlafen kann, dann fallen diese Aufarbeitungsprozesse aus.
Zusammenfassung oder Einleitung
The purpose of this study is to examine similarities and differences in the autobiographical texts "Der Ausflug der toten Madchen" by Anna Seghers and "Enkelin der Maya" by Rigoberta Menchu. The analysis shows that the writing of a text follows the same principles as that of weaving. The first part explores how memory is formed and how it encodes complex symbols in texts and textiles. It then analyzes the influence of the immediate environment on the development of Seghers and Menchu as writers. Finally, it studies the symbols the two authors use to reflect on their childhood memories. This investigation explains that the cultural differences notwithstanding, the same symbols are used to express the experience of love, death, and persecution. In this paper the theme of weaving is connected to the concept of writing by reflecting on the idea of universal symbols that are repeatedly used in these creative processes
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