Das Jahr 1933 - ein schmerzhafter Einschnitt im Lehen der jüdischen Bevölkerung Mit dem Beginn der faschistischen Diktatur verschärfte sich wie im gesamten Deutschland auch in Görlitz die antisemitische Situation. Bekanntlich erfanden die Hitlerfaschisten den Antisemitismus nicht, aber sie steigerten ihn bis zur letzten Konsequenz. Viele jüdische Bürger hatten nur noch eine lose Bindung an ihre Religion und einige waren sogar durch Taufe offiziell zum christlichen Glauben übergetreten. Doch die Nazis zielten nicht auf die Religionszugehörigkeit, sondern auf die sogenannten Rassejuden. Die OFP versuchte, ihren Lesern zu suggerieren, daß die jüdische Bevölkerung parasitär unter dem deutschen Volk leben würde und ihre völlige Vertreibung demzufolge die beste Lösung für Deutschland wäre. Zielgerichtet begannen auch in Görlitz die faschistischen Organisationen Maßnahmen zu inszenieren, um Bürger jüdischer Herkunft aus bestimmten Berufsgruppen zu verdrängen. Dabei trat jetzt der bereits seit Jahren existierende nationalsozialistische Juristenbund verstärkt in Erscheinung. In seiner Darstellung der jüdischen Anwaltschaft schrieb Hans Kilian, daß sich die fachlich unqualifiziertesten und unmoralischen Juristen schon seit Jahren immer der NSDAP anschlossen, in der Hoffnung> bei deren Sieg die jüdische Konkurrenz beseitigen zu können. Überhaupt stellte die jüdische Anwaltschaft eine gewisse Elite dar. Am 11. März 1933 stürmten SA-Horden mit wilden Rufen ,,Juden raus" das Breslauer Gerichtsgebäude. Vor brutalen Mitteln nicht zurückschreckend, jagten die braunen Machthaber jüdische Juristen auf die Straße. Ein in den Annalen der deutschen Rechtsgeschichte noch nicht dagewesenes Ereignis, schätzten die Breslauer Richter ein und bekundeten durch einen Streik ihre Solidarität mit den jüdischen Kollegen. Ein Beispiel, dem die meisten anderen Städte n i c h t folgten. Etwas später zeigten sich auch in Görlitz die zunehmenden Angriffe auf die Bürger jüdischer Herkunft ganz besonders bei einer diskriminierenden öffentlichen Zurschaustellung, welche die NSDAP organisiert hatte. Man zwang einige Festgenommene, sich ein Schild umzuhängen mit der Aufschrift ,,Wir alle lesen die Volkszeitung". Als Verhöhnung empfand es der Pazifist Paul Mühsam, doch die Faschisten wollten sicher auch ein Zusammenwirken der jüdischen Bevölkerung mit der Sozialdemokratie darstellen.
Im Görlitz betraf es überwiegend Kaufleute und Juristen, denn der nichtjüdische Vorsitzende des Ärztevereins hatte verhindern können, daß seine Berufskollegen jüdischer Herkunft diesem entwürdigenden Schauspiel ausgesetzt wurden. Es wurden
in Görlitz die meisten Verhafteten am Abend wieder freigelassen, diejenigen jedoch, welche sich besonders für das jüdische Leben engagiert hatten, mußten eine Nacht in den Zellen des Polizeigefängnisses verbringen. So vermutete jedenfalls der Leiter des jüdischen Jugendvereins Hans Karger. Diese Aktion wurde im gesamten faschistischen Deutschland an diesem Tag einheitlich durchgeführt, aber die Art und Weise blieb lokalen Parteiorganen überlassen.
Kurz darauf wurde wie im gesamten Reichsgebiet auch in Görlitz am 1.4.1933 der Boykott jüdischer Geschäftsleute, Ärzte und Rechtsanwälte angesetzt. Mit Gewehren bewaffnete SA-Leute nahmen vor den jüdischen Geschäften und Praxen demonstrativ Aufstellung. Die Aktion zielte besonders auf Inhaber von Einzelhandelsgeschäften. In Sprechchören hetzten die Nazis:
Wenn auch vorerst keine weiteren Pogrome folgten, so wurde jetzt die antisemitische Hetze eine Alltagserscheinung in der Presse. Besonders tat sich diesbezüglich natürlich das Organ der NSDAP, die Oberlausitzer Frühpost" (OFP), ab 1934 ,,Oberlausitzer Tagespost" (OTP) hervor, jedoch die ,,Görlitzer Nachrichten und Anzeiger (GN), obwohl noch mit der DNVP und der Deutschen Volkspartei sympathisierend, standen ihr kaum nach. Wenn auch der ,,Neue Görlitzer Anzeiger" (NGA) (Freisinn/DDP bzw. Deutsche Staatspartei) keine wüsten antisemitischen Hetzartikel brachte, so befand er sich trotzdem im faschistischen Fahrwasser. Die Auflösung der bürgerlichen Parteien erfolgte Ende Juni/Anfang Juli 1933 durch deren Führungen.
Angesichts der sich verschlechternden Lebensbedingungen setzte die Flucht jüdischer Einwohner aus Görlitz ein. Bereits am 6.9.1933 verließen Irma und Paul Mühsam die Stadt und waren somit die ersten jüdischen Bürger von Görlitz, welche während der faschistischen Diktatur planmäßig auswanderten, nachdem Kurt Warschawski bereits 1932 seine Heimatstadt verlassen hatte. Ihr Ziel war Haifa in Palästina. Vorher hatte sich Paul Mühsam u. a. auch von seinem geschätzten Kollegen, Justizrat Hans Nathan, der übrigens ein eifriger Leser seiner Bücher war, verabschiedet. Mühsam glaubte, daß sein Kollege den Ausreiseentschluß nicht verstehen konnte und selbst noch nicht
begriffen hatte, was ihn als jüdischen Bürger im faschistischen Deutschland noch erwartete. Mühsams jüdischer Kollege Richter Schwenk, ein Freund und Förderer von Künstlern, zerbrach an den diskriminierenden Maßnahmen. Ohne die Mittel für die Auswanderung zu haben, verharrte er passiv und hoffte auf irgendein Wunder. Schließlich zog er noch 1933 nach Berlin, von wo aus er später deportiert wurde. Schon damals stieg in Deutschland die Anzahl der Selbstmorde in Verbindung mit der Diffamierung von Menschen jüdischer Herkunft. So setzte der Görlitzer Sanitätsrat Dr. med. Georg Kautschke im August 1933 seinem Leben ein Ende, da wegen seiner jüdischen Frau Maria die berufliche Entwicklung seiner Kinder abrupt unterbrochen schien. Außerdem, so erzählte sein Sohn, Dr. Hans Joachim Kautschke, verlor er infolge des Berufsbeamtengesetzes seine Stellung als Reichsbahnarzt, kurz nachdem er diesbezüglich ein Jubiläum gefeiert hatte. Rechtsanwalt Schulze erschoß sich, da seine Frau als Halbjüdin eingestuft wurde und die Kinder demzufolge ihre Stellung verloren. Else Levi-Mühsam, eine Tochter Paul Mühsams, vermutete, daß sie keinen Studienplatz bekommen hatten.
Faschistische Ideologie im Bildungswesen, Vertreibung jüdischer Schüler und fortschrittlicher Lehrkräfte
Wie die Statistik ausweist, besuchten bis 1933 auch in Görlitz die jüdischen Kinder mit ihren nicht-jüdischen Altersgefährten gemeinsam die Gemeindeschulen, vor allem aber die höheren Lehranstalten, um sich auf ein Universitätsstudium vorzubereiten. Viele von ihnen wollten Jurist oder Arzt werden bzw. einen kaufmännischen Beruf ergreifen. Aber das Reichsgesetz gegen die Überfremdung der deutschen Schulen" vom April 1933 leitete die Vertreibung der jüdischen Schüler von höheren, aber auch von den Gemeindeschulen ein. Im Schuljahr 1932/1933 besuchten noch 38 Schüler jüdischer Herkunft die höheren Schulen von Görlitz, zu Beginn des Schuljahres 1935/1936 waren es noch 16 und am Anfang des Schuljahres 1938/1939 nur noch 1. Die Anzahl der jüdischen Kinder an den Gemeindeschulen zu den entsprechenden Zeitpunkten betrug: 23, 13 und 4. Es gab jüdische Schüler, auf welche sogenannte Ausnahmebedingungen zutrafen. Oft wurden diese unter Druck gesetzt und sie waren solange Schikanen ausgesetzt, bis die Familie schließlich die Konsequenzen zog und das Kind von der Schule nahm.
Die Nürnberger Gesetze 1935 verschärfen die Situation Auch Görlitzer Nazis nahmen an diesem Reichsparteitag, auf dem die Nürnberger Gesetze beschlossen wurden, teil welcher den wohl furchtbarsten Abschnitt der deutschen Geschichte einleitete. Die Neißestadt diente als Durchgangsbahnhof für die weiter aus Schlesien kommenden Delegationen.
Wie im gesamten Reich, so hofften auch die Faschisten in Görlitz, daß die bald folgenden Ausführungsbestimmungen zum ,,Reichsbürgergesetz" den 1933 noch ausgebliebenen Generalangriff auf die ökonomischen Positionen der jüdischen Bürger ermöglichen würden. Immerhin waren bereits am 30.7.1935 das Uhren- und Silberwarengeschäft Rudolf Bornschein und die Drogen- und chemische Großhandlung Heinrich Heyde sowie am 9.8.1935 das Bekleidungshaus Bernhard Opitz und die Stoffhandlung Agnes Kamm von der Liste der jüdischen Geschäfte gestrichen worden. Das Ausbleiben der Durchführungsverordnungen verstärkte natürlich die Unsicherheit bei den jüdischen Bürgern. Es kam in Görlitz, wie aus den Quellen ersichtlich, zunächst zu keiner weiteren Auflösung bzw. Arisierung" (jüdische Unternehmen bekommen einen ,,deutschen" Nachfolger) ihrer Geschäfte. Die faschistische, antisemitische Politik hatte natürlich auch direkte Auswirkungen im medizinischen Bereich. So wurden Anfang 1934 sechs als nichtarisch betrachtete Ärzte aus Görlitz von der Rechnungserstattung ausgeschlossen. Es handelte sich um Dr. Hans Frankenstein, Dr. Berthold Krebs, Dr. Arnold Malinowski, Dr. Rudolf Nürnberger, Dr. Erich Oppenheimer und Dr. Martin Schwarz. In Nazideutschland wurden damals 6 488 jüdische Ärzte aus der kassenärztlichen Versorgung ausgeschlossen. Hinzu kam die Entlassung vieler kommunistischer, sozialdemokratischer und jüdischer Wissenschaftler, Hochschullehrer, Krankenhausleiter, Ober- und Assistenzärzte. Ihre Planstellen besetzten junge Nazi-Ärzte. Im September 1935 wurde in Görlitz die Abteilung Erb- und Rassenpflege gebildet, welche Ende des Monats ihre Arbeit aufnahm. Dem Gesundheitswesen erwuchsen durch das berüchtigte Blutschutzgesetz" sowie das Ehegesundheitsgesetz" neue Aufgaben und es wurde gemäß den Richtlinien mit dem Aufbau einer entsprechenden Kartei begonnen. Ende Dezember 1937 wurde in Görlitz die unter Leitung des berühmten jüdischen HNO-Arztes Dr. med. Albert Blau stehende ,Klinik der Barmherzigen Schwestern". Blumenstr. 37 (Herbert-Balzer-Str.) für Patienten der Allgemeinen Ortskrankenkasse Görlitz gesperrt. Vom Ausschluß unbetroffen blieben jüdische Bürger, die Kassenmitglied waren und ihre Abstammung schriftlich versicherten, ebenso wie nichtjüdische Kassenmitglieder, die auf
ihrer Behandlung trotz der Sperre bestanden. Diese Regelung sollte nur eine vorübergehende Lösung sein, bis ein nichtjüdischer Arzt die Betreuung dieser Klinik übertragen bekommt. Durch entsprechende Rundschreiben des Oberbürgermeisters (OB) und Verfügungen wurden diskriminierende Bestimmungen, welche die jüdischen Bürger im gesamten faschistischen Deutschland betrafen, auch in Görlitz bekanntgegeben und realisiert. So wurden am 13.12.1935 sämtliche Beamte, Angestellte und Arbeiter verpflichtet, nur noch als arisch geltende Ärzte, Rechtsanwälte und Geschäfte in Anspruch zu nehmen. Am 17.1.1936 verfasste OB Konrad Jenzen ein Rundschreiben betr. Übertritt der jüdischen Beamten in den Ruhestand und ab 25.9.1936 mußten die Beamten auch die sogenannte arische Abstammung ihrer Ehefrau nachweisen können. Am 5.1.1937 betonte der OB wiederum die Notwendigkeit der ,,arischen Abstammung von Beamten und Beamtenanwärtern, und am 8.7.1937 verbot er ihnen jeglichen Umgang mit jüdischen Menschen. Bei Nichtbeachtung der Anordnung erfolgte die Dienstentlassung.
Am 31.5.1938 erschien ein Schreiben aus der Reichshauptstadt Berlin betr. Ausschluß von Juden von der Vergebung öffentlicher Aufträge", was u. a. auch Mitarbeit in Aufsichtsräten betraf, gemäß dem entsprechenden Beschluß der Reichsregierung vom 1. März 1938. Die Emigration jüdischer Bürger 1933 bis November 1938
Die Gesamtstatistik der jüdischen Auswanderung aus dem faschistischen Deutschland spiegelt die Tendenzen der antisemitischen Politik deutlich wider. 1933 37 000-38 000 jüdische Auswanderer 1934 22 000-23 000 jüdische Auswanderer 1935 20 000-21 000 jüdische Auswanderer 1936 24 000-25 000 jüdische Auswanderer 1937 23 000 jüdische Auswanderer 1938 33 000-40 000 jüdische Auswanderer
Die erste Auswanderungswelle erfolgte bereits - bedingt durch die gravierenden antisemitistischen Maßnahmen - 1933. 1934 und 1935 wurde der jüdische Auswanderungsstrom schwächer, da zunächst keine weiteren Pogrome noch andere einschneidende Ereignisse folgten. Das änderte sich jedoch bereits mit den diffamierenden Gesetzen, die der Nürnberger Parteitag 1935 verabschiedete. Folgerichtig stieg die Emigrantenzahl 1936 wieder an und verringerte sich 1937 wieder, als viele jüdische Bürger noch einmal hofften, es würde vielleicht doch nicht ganz so schlimm werden. Doch infolge
des faschistischen Novemberpogroms schwoll der Auswanderungsstrom wieder stark an. Gern emigrierten die jüdischen Deutschen in europäische Staaten, denn hier fanden sie Lebensbedingungen vor, die denen in Deutschland ähnelten. Außerdem waren sie hier nicht so weit von der ehemaligen Heimat entfernt, denn eine Reihe hoffte noch auf die Rückkehr nach einem möglichst baldigen Sturz Hitlers. So schrieb auch der ehemalige Görlitzer Jurist Prof. Hans Nathan rückblickend: ,,Letzten Endes waren wir immer der Meinung, der Faschismus ist eine Sache, die nur ... eine begrenzte Zeit bestehen kann... Von den Juden Deutschlands emigrierten zwischen 1933 und 1938 nach:
Die USA wurden erst 1937 zum Haupteinwanderungsland für die jüdischen Deutschen. Die Einwanderungsbedingungen waren ziemlich kompliziert. Relativ gute Entwicklungsbedingungen hatten jedoch die technischen Berufe. ,,Die Reichskristallnacht" - ein organisierter Pogrom
Susanne Krause erinnerte sich am 1.9.1986 wie folgt: ,,Die Synagoge wurde von ,Unbekannt' angezündet. Herr Fritz Cohn, der in der Villa daneben wohnte, bemerkte das. Er verständigte sofort die Feuerwehr, die schnellstens anrückte und den Brand löschte, so daß kein nennenswerter Sachschaden entstand. Johannes Perseke schrieb zu dieser Thematik im Februar 1985: ,,So erlebte ich als l1 jähriger die sogenannte Kristallnacht in Görlitz. In der Nacht brannte die jüdische Synagoge auf der Otto-Müller-Straße. Am folgenden Morgen versuchte die Feuerwehr den Brand zu löschen, doch die Nazis waren dagegen. Auf der Synagoge befand sich noch der Davidstern, ein gold gestrichener Holzstern. Schließlich gelang es den Nazis ihn abzuhacken. Anschließend wurde er zertrümmert. Bis auf wenige Schreihälse verhielt sich die Bevölkerung passiv. Viele schienen betroffen. Die profaschistischen ,,Görlitzer Nachrichten informierten: .... Während abends noch einzelne
Gruppen durch die Straßen der Stadt zogen, schlugen aus der Synagoge Flammen. Im Inneren schwelte und qualmte es. Die Inneneinrichtung brannte teilweise aus ..." Am wichtigsten für die ,,Görlitzer Nachrichten" schien offenbar ,,..., daß nun endlich der Davidstern verschwunden ist, der bisher als Fremdling das Stadtbild unserer aufragenden Türme störte."
Die ohnehin bereits prekäre Situation der jüdischen Einwohner spitzte sich immer mehr zu. Auch in Görlitz wurde in Verbindung mit dem Novemberpogrom eine das gesamte Reich umfassende Maßnahme durchgeführt, welche die Nazis ,,Vergeltungsaktion nannten. 32 jüdische Bürger wurden festgenommen und 24 davon ins KZ Sachsenhausen überführt, wie sich Ruth Pilz erinnerte.
So waren dort u. a. inhaftiert der Fell- und Häutekaufmann Arthur Hiller (is. 11. bis 28.12.1938), Salamon Freundlich, welcher ein Lampengeschäft hatte, der Darmhändler Robert Schaye und der Viehhändler Georg Schlesinger. Ruth Pilz berichtete, daß ihr Vater Georg Schlesinger mit einigen Leidensgefährten bereits kurz vor Weihnachten 1938 heimkehrte. Sie war erschrocken, denn sein Aussehen ließ auf zahlreiche Mißhandlungen schließen. Das Hauptziel der barbarischen Inhaftierung bestand darin, die Häftlinge und besonders natürlich ihre Angehörigen zu zwingen, jede sich bietende Gelegenheit zu nutzen, um Deutschland so schnell wie möglich zu verlassen. Die jüdischen Deutschen sollten in eine ständige Panikstimmung versetzt werden. Nicht alle Eingekerkerten überlebten diese furchtbaren Wochen. Hinzu kam, daß die SS-Wachmannschaft den Unglücklichen Wertsachen und Geld wegnahm und sie betr. Autos und Grundstücken erpreßte. Antisemitische Maßnahmen verschärfen die Lage in Görlitz
Für die in Görlitz verbliebenen jüdischen Bürger wurde die Situation immer aussichtsloser. Im Interesse einer schnellen Aufrüstung benötigte der faschistische Staat dringend Metall und es wurden die eisernen Zäune demontiert. So richtete am 18.11.1938 der Oberbürgermeister bzw. das Wirtschaftsamt an die Görlitzer Synagogengemeinde die Aufforderung, die eiserne, mit Davidsternen versehene Einfriedung des jüdischen Friedhofs zu beseitigen. Doch die Synagogengemeinde bat am 29.11.1938 um Aufschub wegen fehlender Mittel, da sowohl ihre Gemeindegelder als auch die Friedhofskasse durch die Gestapo gesperrt waren. Eine Angelegenheit gemäß einer Anordnung des Beauftragten für den Vierjahresplan duldete jedoch keine Verzögerung und ein Vertreter von der Görlitzer Strumpffabrik wurde mit der Demontage beauftragt. Entsprechend einem Erlaß des Reichsarbeitsministers vom 8.12.1938 wurden die jüdischen Bürger kompromißlos aus den Görlitzer Kleingartenkolonien
ausgeschlossen.
Am Abend des 30.1.1939 wurde es in der Stadt leiser und ab 20.00 Uhr ruhte sogar der Straßenbahnverkehr. Alle Bürger sollten am Lautsprecher die ,,Führerrede" anläßlich des 6. Jahrestages der faschistischen Machtergreifung verfolgen. Der Reichskanzler Adolf Hitler prophezeite. Wenn es dem internationalen Finanzjudentum in- und außerhalb Europas gelingen sollte, die Völker noch einmal in einen Weltkrieg zu stürzen, dann wird das Ergebnis nicht die Bolschewisierung der Erde und damit der Sieg des Judentums sein, sondern die Vernichtung der jüdischen Rasse in Europa ...,,
Ausbeutung und Ermordung von jüdischen Menschen im Görlitzer KZ, Biesnitzer Grund, 1943-1945
Im Jahre 1943 wurde in Görlitz das Konzentrationslager Biesnitzer Grund errichtet, eine Außenstelle der Lager Auschwitz-Birkenau und Groß-Rosen (Rogoznica), 60 km südwestlich von Breslau (Wroclaw). Zunächst wurden etwa 900 und später bis zu 1200 männliche und weibliche Häftlinge jüdischer Herkunft aus diesen beiden Lagern in das Görlitzer KZ verschleppt. In einer Meldung vom 5.12.1944 wurden betr. das Lager Biesnitzer Grund sogar 1406 Häftlinge (1106 männliche und 300 weibliche) angegeben. Auch sie wurden zu kriegswichtigen Arbeiten in der WUMAG eingesetzt. Die Bedingungen, so ergab der vom 6. bis 22.4.1948 in der Stadthalle von Görlitz stattfindende Prozeß gegen Nazi-Oberbürgermeister Dr. Hans Meinshausen und NSDAP-Kreisleiter Dr. Bruno Malitz,, unterschieden sich nicht von denen in den bekannten KZ wie zum Beispiel Buchenwald, Dachau und Sachsenhausen.
Das Einäscherungsregistrierbuch 1940-1949 des Krematoriums Görlitz enthält die Familiennamen der 148 Toten, welche aus dem KZ Biesnitzer Grund kamen. Knapp über 100 Namen könnten polnischen Bürgern gehören, wenige sowjetischen und der Rest wohl jüdischen Deutschen. Wenn es sich auch nur um einen relativ kleinen Teil der Gesamtbelegschaft handelte, so kann man daraus wahrscheinlich schließen, daß die polnischen Häftlinge jüdischer Herkunft in der Görlitzer KZ-Außenstelle quantitativ stark vertreten waren, zumal sich auch Hans-Joachim Kautschke hauptsächlich an jüdische polnische Häftlinge erinnerte.
Eine auf einem Lehmhügel stehende Baracke war mit modernen Möbeln ausgestattet und wie das Protokoll der Zeugenvernehmung im Prozeß vom April 1948 eindeutig belegt, gab es auch im Biesnitzer Grund noch weit grausamere Strafexekutionen, wie sie in den faschistischen Konzentrations- und Vernichtungslagern allgemein üblich waren. Die tägliche
Arbeitszeit betrug 12 Stunden. Hinzu kamen noch die Appelle im Lager. Die Verpflegung war unzureichend und schlecht zubereitet. Selbst das Mittagessen bestand nur aus Kohl und Pferdefleisch. Nachts hinderte die Häftlinge das sich in den Baracken befindliche Ungeziefer am Schlafen und im Winter froren sie infolge der unzureichenden Kleidung. Die unausbleiblichen Folgen der langandauernden, schweren Arbeit, der ständigen Unterernährung und des gesamten unmenschlichen Milieus waren Krankheit und Tod. Zum Transport der Leichen in das Görlitzer Krematorium war ein städtisches Unternehmen verpflichtet. Dem Prozeßprotokoll zufolge mußte es von 1943 bis Februar 1945 wöchentlich 20 bis 25 Leichen abholen. Der Statistik kann man entnehmen, daß von April 1944 bis Februar 1945 148 Tote jüdischen Glaubens eingeäschert wurden. Wahrscheinlich ist die hohe Anzahl der Leichen pro Woche damit zu erklären, daß der Biesnitzer Grund auch als heimlicher Hinrichtungsort für sowjetische Kriegsgefangene und politische Häftlinge diente. Ab Februar 1945 wurden die Toten des KZ in den Massengräbern des jüdischen Friedhofs verscharrt.
Aufgrund der aus nordöstlicher Richtung immer näher rückenden Roten Armee gab NSDAP-Kreisleiter Malitz im Rahmen der Zwangsevakuierung am 18.2.1945 den Befehl, das Konzentrationslager Biesnitzer Grund zu räumen,,,... Der von SS-Aufsehern bewachte Evakuierungsmarsch der Häftlinge führte u. a. über die Dörfer Kunnerwitz, Friedersdorf, Sohland, Altbernsdorf nach Rennersdorf. 20 bis 25 Gefangene, die aus gesundheitlichen Gründen nicht in der Lage waren, den Marsch anzutreten, erschoß das Wachpersonal sofort. Unterwegs ereilte Gehunfähige das gleiche Schicksal. Inzwischen war dem Kreisleiter Malitz auch eingefallen, daß er die jüdischen Gefangenen eigentlich noch für Schanzarbeiten und zur Errichtung von Panzersperren gebrauchen könnte und er befahl den Rückmarsch. Nach drei Wochen trafen die KZ-Häftlinge, welche den barbarischen Marsch überlebt hatten, wieder in Görlitz ein, wo sie dann am 8.5.1945 von der Roten Armee befreit wurden.
Arbeit zitieren:
Maik Globisch, 2001, Antisemitismus in Görlitz von 1933 bis 1945, München, GRIN Verlag GmbH
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