1. Einleitung
Ad vocem Politik: Vielleicht ist es wahr, daß ich zur Politik geboren bin. Wenigstens zielte alles, was ich jemals tat und was mich interessierte, wenn auch nur indirekt, auf die Politik hin. Aber niemals genügte mir das Politisieren an sich, ob es nun um nationale oder soziale Ideale oder anderes ging. Ich forderte immer eine vernünftige und ehrliche Politik. In diesem Sinn habe ich gesagt, daß auch die Selbständigkeit uns nicht erlösen werde. Ich sah in der Politik ein Mittel, das Ziel war für mich ein religiöses und moralisches. Aber ich wußte, daß wir politisch frei sein müßten, um unsern geistigen Weg frei zu gehen. Nicht einmal heute sage ich, daß der Staat die Erfüllung unserer Sendung ist: Wir müssen zum Bau der Civitas Dei beitragen. 1 Tomás Garrigue Masaryk ist eine der schillerndsten Gestalten der osteuropäischen Geschichte. Als Staatspräsident der Tschechoslowakei war er nicht nur fachlich überaus kompetent sondern aufgrund seiner menschlichen Art auch sehr beliebt. Bei den Tschechen als auch bei den Minderheiten im Land. Natürlich war er auch umstritten, zu seiner Zeit wahrscheinlich wesentlich mehr als heute. Da er keine konkreten, eigenen Programme und Philosophien entwickelte, sondern statt dessen alle vorhandenen Programme und Philosophien analysierte und in Frage stellte war er umso mehr Zeitgenossen suspekt. Eine Betrachtung der tschechoslowakischen Republik zur Zeit ihrer Gründung beziehungsweise in den ersten Jahren ihres Bestehens wäre ohne Einbeziehung der Person Masaryks undenkbar. Aufgrund des hohen Bekanntheitsgrades Masaryks gibt es natürlich eine Fülle von Biographien. Da uns aber daran gelegen ist, sein Denken, Fühlen und Handeln zu verstehen muss hier stark selektiert werden. Das wohl treffendste Werk über Masaryk und vor allem über seine humanistisch geprägte Tendenz im Denken stammt von Milan Machovec 2 . Eine ausgezeichnete und sehr ausführlich gegliederte Quelle bietet sich in dem von Karel Capek herausgegebenen Buch Gespräche mit Masaryk 3 . Ebenfalls erwähnenswert ist die Schrift von Roman Szporluk: The political thought of Thomas G. Masaryk 4 . Wer sich einen Überblick über die damaligen Ereignisse und politischen Zusammenhänge im Donauraum verschaffen möchte, der sei an Wenzel Jaksch und sein Standardwerk Europas Weg nach Potsdam verwiesen 5 .
In dieser Arbeit soll Masaryks politisches Denken im Vordergrund stehen. Die Frage die es zu klären gilt ist: auf welchen theoretischen Grundlagen basierten letztlich seine Entscheidungen? Die Arbeit ist daher in zwei gedankliche Teile gegliedert. Im ersten Teil
werden einige biographische Erläuterungen gemacht. Somit kann die Person Masaryk schnell in das damalige Geschehen und den Gesamtzusammenhang eingeordnet werden und es kann im zweiten Teil detaillierter auf den Intellekt und das Gedankengebäude eingegangen werden. Es wurde Wert darauf gelegt, häufig Masaryk selbst zu Wort kommen zu lassen. Dies erfordert zum einen das Thema, aber vor allem gebietet es Masaryks unnachahmliche Art die Dinge in Worte zu fassen.
2. Biographisches zum Leben von T. G. Masaryks
Tomás Garrigue Masaryk, wurde am 7.März 1850 im mährischen Hodonín, (Göding) geboren. Er entstammte einer armen und einfachen Familie. Sein Vater Josef, ein Herrschaftskutscher, war Tscheche, seine Mutter deutschsprachig. Er studierte in Brünn und Wien, und drei Jahre nach der Promotion (1876) habilitierte er sich mit einer sozialpsychologischen 6 Arbeit. 1882 erhielt er eine Professur an der tschechischen Universität in Prag. Während dieser Zeit warf er sich unter anderem ,,(...) mit seltenem moralischem Mut einer antisemitischen Welle entgegen, die durch das Gerücht über einen Ritualmord 7 in dem mährischen Ort Polna ausgelöst worden war." 8 1891 wurde er als Vertreter der Jungtschechen Mitglied des österreichischen Reichsrates, trat aber zwei Jahre später zurück, um sich der politischen Bildung der Tschechen zu widmen. Als ,,kritischer Realist" setzte er sich mit dem Erbe der tschechischen politischen Romantik aus der Zeit der nationalen ,,Wiedergeburt" auseinander. Im Jahr 1900 gründete er seine eigene Partei, die linksorientierte ,,Tschechische Volkspartei" (ab 1905 ,,Tschechische Fortschritts oder Realistenpartei"). Es war eine der kleinsten Gruppierungen im österreichischen Parlament. Als Führer der ,,Realistenpartei" wurde er 1907 erneut in den Wiener Reichsrat gewählt und kämpfte dort gegen die österreichische Allianz mit Deutschland und dessen aggressiver Politik auf dem Balkan. Seine parlamentarische Tätigkeit bis 1913 zeichnete sich vor allem durch eine Undoktrinäre und realistische Einstellung zur nationalen Frage aus. Sein politisches Programm beruhte auf der Überzeugung, dass die tschechische Sache nicht auf den historischen Privilegien des böhmischen Staatsrechts, sondern auf der gleichberechtigten Stellung des tschechischen Volkes unter allen anderen gleichberechtigten österreichischen Nationalitäten aufgebaut werden müsse. Ähnlich wie Palacký war er von der österreichischen Reichsidee (Austroslawismus) fasziniert aber er bekämpfte die undemokratische Nationalitätenpolitik der führenden Politiker in Wien und Budapest. Während des 1.Weltkrieges (1915), floh er aus Österreich nach Italien und in die Schweiz, ließ sich später in London nieder und erhielt am King's College in Newcastle upon Tyne einen Lehrauftrag. Masaryks Staatsphilosophie war
antiautoritär und hatte stets das Ideal der ,,Humanität" als Vorbild. Er war ein Propagandist der tschechischen Eigenstaatlichkeit, was ihn schließlich in die Arme der westlichen Alliierten trieb. 1917 organisierte er aus Überläufern und Gefangenen die Tschechische Legion 9 in Russland, 1918 handelte er den Pittsburger Vertrag zwischen tschechischen und
slowakischen Emigranten aus und im Oktober dieses Jahres wurde er Präsident einer provisorischen Regierung.
Bis 1914 bestand Masaryks großer Beitrag zur Entwicklung der Nationalitätenfrage im Habsburgerreich weniger in einer aktiven politischen Führung als in seinem geistigen Einfluss. Er wirkte durch seine Persönlichkeit als Philosoph, Lehrer und Wissenschaftler auf die tschechische und auch auf die jugoslawische junge Intelligenz. Viele später bekannte Politiker aus den südslawischen Gebieten der Monarchie standen zwischen 1895 und 1912 unter Masaryks Einfluss (unter anderem Stjepan Radic, Svetozar Pribicevic, Josip Smodlaka). Masaryk selbst hat sich wiederholt mit dem Problem der südslawischen Gebiete beschäftigt. Ende 1912 versuchte Masaryk vergeblich, zwischen Außenminister Graf Berchtold und dem serbischen Ministerpräsidenten Nikola Pasic zu vermitteln. Auch ein kurz vor Ausbruch des Ersten Weltkrieges unternommener Versuch, Serbien und Bulgarien einander anzunähern, blieb erfolglos.
Während seiner Emigration ab Dezember 1914 stand er in engem Kontakt zum Südslawischen Komitee in London (Franjo Supilo, Ante Trumbic u. a.) sowie zu mehreren serbischen Diplomaten und einflussreichen britischen Persönlichkeiten, wie zum Beispiel zu dem Historiker und Publizisten Robert William Seton-Watson, einem Kenner der Nationalitätenprobleme im Donauraum. Masaryk betrachtete Serbien als Kristallisationszentrum eines künftigen südslawischen Staates und führte in diesem Sinn Gespräche mit dem serbischen Thronfolger und dem Ministerpräsident Pasic. In Unterredungen mit Trumbic und dem rumänischen Politiker Take lonescu in Paris wurden außerdem bereits die Grundrisse der künftigen Kleinen Entente vorgezeichnet, deren Mitglieder durch einen ,,Korridor" zwischen der Tschechoslowakei und Jugoslawien eng miteinander verbunden werden sollten 10 . Das hohe Ansehen, das Masaryk nach Kriegsende im neuen Königreich der Serben, Kroaten und Slowenen genoss beruht auf seinen Aktivitäten in der Emigration, die erheblich zur Vorbereitung der Nachkriegsordnung beigetragen hatten. Als eigentlicher Gründer der Tschechoslowakei wurde er 1918, 1920, 1927 und 1934 zum Staatspräsidenten gewählt. Im Dezember 1935 trat er aus gesundheitlichen Gründen von seinem Amt zurück. Masaryk starb am 14. September 1937 in Schloss Lana bei Prag.
3. Masaryks politisches Denken
3.1 Die Entwicklung in der Jugend; Religion, Nationalität, Philosophie
In Masaryks Jugend gab es sichtlich nur drei oder vier Menschen, die nachhaltig auf ihn wirkten. Nicht nur als Wissensvermittler, sondern vielmehr noch als Vorbilder und Impulsgeber für den eigenen Reifeprozess. In zeitlicher Folge war dies zuerst seine Mutter, von der Masaryk selbst sagte: ,,Mutter war klug und erfahren, kannte ein Stück Welt, hatte längere Zeit in _bester Gesellschaft_ gelebt, wenn auch nur im Dienst; [...]" 11 . Sie war sehr fromm und eröffnete ihm ,, [...] insbesondere durch die Art des gefühlsmäßigen Erlebens der katholischen Liturgie, die Dimension der Gefühlssinnigkeit." 12 In seinem späteren Verhalten wird auffallen, dass er in seinem Handeln stets vollkommen aufklärerisch, nüchtern und bar jeder Gefühlsbetontheit wirkt. Dennoch war Masaryk immer voller Menschlichkeit. Sein berühmtes Motto Jesus- nicht Caesar ist ein Beleg dafür. Er versuchte zu sagen der Menschnicht die Politik. Er verneinte die Mittel Caesars, wie Macht, Gewalt, Polizei, Zentralismus, aber natürlich auch Diktatur, Totalität und Monopol.
Die zweite Person war der katholische Priester Franz Satora. Ebenfalls ein Gefühlsmensch, voll Liebe zu den einfachen und armen Menschen. Die Gleichgültigkeit der katholischen Obrigkeit in der sozialen Frage empörte ihn und er kämpfte stets dagegen und ebenso gegen die kirchliche Routine an. Satora zeigte Masaryk die Spaltung und Zwietracht des Katholizismus auf. Er führte ihn aber auch in die Welt des Studiums und der Bücher ein; eine Welt, die Masaryk sein Leben lang faszinierte.
Während seiner Zeit in Brünn begegnet Masaryk einem weiteren Katecheten, Matej Procházka. Er machte ihn mit der Theorie des christlichen Sozialismus vertraut. Procházka wurde für Masaryk auch durch seine Beziehung zur Arbeiterfrage interessant. Auf der Universität in Wien trifft Masaryk schließlich auf den Philosophie Professor Franz Brentano. Ein bekennender Häretiker und für Masaryk, der bis zu diesem Zeitpunkt zu kritischer und ketzerischer Anschauung gereift ist gerade der richtige Mann. Masaryk sagt über Brentano: ,,Während meiner Wiener Studentenjahre übte der Philosoph Franz Brentano als Lehrer und Mensch den größten Einfluss auf mich aus. (...) Mir half er viel durch die Betonung der Methode, der Empirie und vielleicht am meisten durch das Vorbild seiner durchdringenden Kritik der Philosophen und ihrer Lehren." 13
Masaryk, nach seiner eigenen Philosophie gefragt antwortete: ,, [...] Ich habe mich nie für einen Philosophen ausgegeben, schon gar nicht für einen Metaphysiker. [...] Mit Recht. Ich lehrte Geschichte der Philosophie, Geschichtsphilosophie, Soziologie; natürlich legte ich
meine Philosophie, meine Metaphysik da hinein, doch habe ich sie systematisch weder vorgetragen noch niedergeschrieben." 14 Seine Weltanschauung ist nicht leicht einzuordnen,
ebenso wie es schwer fällt zu sagen ist, was er eigentlich war. Philosoph, Politiker, Wissenschaftler, Moralist oder Essayist? Formulierungen wie philosophierender Politiker oder politisierender Philosoph versuchen dieser Vielseitigkeit Rechnung zu tragen. Nationalismus war Masaryk im Großen und Ganzen unbekannt. Er sprach oft von der kleinen Nation und der kleinen Minderheit der Tschechen. Aber die Quantität bei einem Volk ist nicht alles. Um dies und die geographisch ungünstige Lage auszugleichen müsste ,,jeder bewusste Tscheche und Slowake [...] dreimal soviel tun wie die Mitglieder großer , in vorteilhafter Lage befindlicher Nationen." 15 Man dürfe keine Mühen scheuen und müsse echte, tiefe Liebe
für das Volk zeigen. Die Liebe zu seinem Land war für ihn selbstverständlich, genauso selbstverständlich, wie ein jeder Mensch seine Eltern, seine Frau und seine Kinder liebt, ohne es jedoch immer und überall herauszuposaunen.
Aufgrund der bedeutenden Minderheiten war sich Masaryk stets des Unterschiedes zwischen Staat und Volk bewußt. Der Unterschied zwischen kultureller (Volk) und politischer (Staat) Institution. Der von ihm sehr verehrte Schriftsteller Karel Havlicek (1821-1856), dem er auch ein Buch widmete, drückte es so aus: ,,Früher starben die Männer für die Ehre, für das Wohl ihres Volkes, wir aber werden aus demselben Grunde leben und arbeiten." 16 Masaryks Programm hieß immer Humanität.
3.2 Politische Theorie und Praxis
Masaryk war überzeugt davon, dass die Politik, wie alles andere auch ethischen Grundsätzen untergeordnet werden muss. Am wirksamsten und praktischsten sei eine vernünftige und ehrliche Politik. Ein politisches Programm ist leicht zu schreiben, aber ,,etwas anderes ist es, die Administrative zu kennen und sie anständig auszuüben; und wieder etwas anderes ist es, zu begreifen, worauf es zu gegebener Zeit für den Staat und die Nation ankommt, in schweren und verhängnisvollen Augenblicken den Weg zu zeigen, das geeignete Vorgehen zu bestimmen - und zu führen." 17 Die Politik musste für Masaryk auch immer Wissenschaft sein. Ihm missfiel die Situation, dass es noch keine Politik als Wissenschaft an den Hochschulen gab. Sie war aufgeteilt auf die juristischen Fächer, Staatswissenschaften, Statistik und auf die philosophischen Fächer, Geschichte, Soziologie und andere. Angesprochen auf die Diskrepanz zwischen wissenschaftlicher und praktischer, parlamentarischer Politik verglich er dies mit einem Abgrund, der ,,zwischen den religiösen Anschauungen der unzähligen Kirchengläubigen und denen der gebildeten Theologen" 18 klafft. Die Gründer und Führer -vor
allem der tschechischen- Parteien mussten ohne die theoretischen Grundlagen zurechtkommen und sich in der Praxis die Theorie schaffen. Die Verbindung der Politik zur Philosophie bestand für ihn darin, dass sich beide um die gesamte Lebens- und Weltanschauung und somit auch um die Anschauung des Gesellschaftslebens bemühten. ,,Heute umfassen die Politik und der moderne Staat alle Gebiete der gesellschaftlichen Administration und tun das in der Praxis, was die Philosophie theoretisch tut." 19 So sei auch die Forderung Platos zu verstehen (dem sich Masaryk ein Leben lang verbunden fühlte), der Philosoph solle Herrscher sein 20 .
Für Masaryk muss der moderne Staatsmann kritisch, gebildet und weise sein, aber auch Phantasie haben. Das Denken der Menschen seiner Zeit verstehen und fähig sein die Richtung der gesellschaftlichen Entwicklung abzuschätzen. Die wichtigsten Eigenschaften aber die er haben muss sind Menschenkenntnis und Lebenserfahrung.
3.3 Sein Geschichtsbewußtsein
Masaryk hat stets die Bedeutung der Geschichte für die Politik hervorgehoben. Obwohl kein Historiker, sah er sich doch als Theologe, der den Sinn des Geschehens in seinem Land und in der Welt ergründen wollte. Tschechische Politik sollte Weltpolitik bzw. weltpolitisch orientiert sein. Er verweist hierbei auf Palacký und seine weltpolitische Zentralisation. Die kleine Nation in der Mitte des Kontinents hat an der Grenze von Rassen, Kulturen und Kirchen zu bestehen. Einige seiner bedeutendsten Schriften zur Geschichte entstanden in den Jahren zwischen
1895 und 1898, darunter ,,Die tschechische Frage", ,,Jan Hus" oder ,,Palackýs Idee vom tschechischen Volk". Masaryk unterscheidet sich mit seinen Schriften stark von den Historikern seiner Zeit. Ihm ging es nicht primär um Ereignisgeschichte, um die Darstellung von Handlungen oder Personen. Er richtete sein Augenmerk stets auf das Geschichtsbewusstsein des heutigen Menschen, also nicht auf das was war, sondern auf das was die Menschen heute davon wissen. Es geht ihm nicht um Hus oder Palacký, sondern um das Heute, um unser Wissen über Hus oder darum was Palackýs Ideen heute für uns bedeuten. Welche Relevanz haben die Ereignisse von Damals für das Zusammenleben heute? Wann ist unser Geschichtsbewusstsein authentisch, und wann nicht? Am deutlichsten wird diese Thematik bei der Behandlung der Handschriftenkampagne.
3.3.1 Der Handschriftenstreit
Der Handschriftenstreit bewegte jahrzehntelang die tschechische Öffentlichkeit. Stein des
Anstoßes waren die Königinhofer Handschrift und die Grünberger Handschrift. Beide waren Fälschungen des Prager Philologen und Bibliothekars Václav Hanka (1791-1861). Sie entstanden um 1818 und sollten dem tschechischen Volke ,,epische und lyrische Dokumente aus seiner halbmythischen Vorzeit geben." 21 Die Handschriften sollten der Beweis sein für ein
extrem hohes slawisches Kulturniveau, das tatsächlich innerhalb des Slawentums erst viel später erreicht wurde. Schon nach kurzer Zeit traten wissenschaftliche Zweifel an der Echtheit der Dokumente auf. Die Zweifler wurden von der Öffentlichkeit als nationale Verräter gebrandmarkt und es kam zu einer Krise der nationalen Moral. Masaryk sowie mehrere Literatur- und Sprachforscher setzten sich unablässig für die Wahrheit ein. Masaryk selbst war empört über die Bereitschaft der Masse, im Betrug zu leben und über die Fähigkeit sich eine Überzeugung einzureden, wenn sie nur den eigenen Interessen entspricht. Er erkannte was für eine schreckliche Kraft das Geschichtsbewusstsein hat, und wie gefährlich es sein kann, wenn es falsch und nicht authentisch ist. Masaryk schrieb in der von ihm herausgegebenen Zeitschrift Athenaeum: ,,Ich verstehe nicht, wie jemand behaupten kann, dass die Ehre des Volkes eine Verteidigung der Handschriften erfordert! Die Ehre des Volkes erfordert die Verteidigung bzw. das Erkennen der Wahrheit, nicht mehr, und die Sittlichkeit und Tugend, einen Fehler zuzugeben, ist größer, als einen Fehler zu verteidigen, an dem vielleicht das ganze Volk teilhat." 22 3.4 Demokratie und Theokratie
,,Das tiefste Argument für die Demokratie ist der Glaube an den Menschen, an seinen Wert, an seine Geistigkeit und seine unsterbliche Seele; das ist die wahre, metaphysische Gleichheit. Ethisch ist die Demokratie als politische Verwirklichung der Nächstenliebe gerechtfertigt." 23 Masaryk sieht sich durchaus als Theokrat, unter der Voraussetzung, dass man Theokratie wörtlich als Gottesherrschaft annimmt. Für ihn ist Demokratie nicht nur eine Staatsform, sondern vor allem eine Lebensanschauung, die beruht auf Menschlichkeit, Vertrauen und Liebe. Demokratie ist Diskussion, und Diskussion findet statt zwischen Gleichen, die einander vertrauen und ehrlich zueinander sind. Masaryk geht sogar soweit, dass er der französischen Revolution und ihren Rationalisten bescheinigt Theokraten gewesen zu sein, indem sie mit ihrer Losung -Liberté, égalité, fraternité- ,,de facto das Gebot Jesu, das Gebot der Nächstenliebe angenommen" 24 haben. In seiner Weltrevolution 25 stellt Masaryk sehr detailliert seine politischen Vorstellungen der neuen Tschechoslovakei dar. Die neue demokratische Republik erfordert einen neuen, unbeeinflussten Menschen, der sich von den alten politischen Gebräuchen lossagt und der sich vor allem ,,entösterreicht". In der
Demokratie kommt es dann nicht mehr darauf an zu herrschen, sondern sich selbst zu verwalten und die staatsschöpferischen Kräfte aufeinander abzustimmen. Aufgrund der Bevölkerungszahlen muss von direktem Regieren auf die Methode des indirekten Regierens durch Parlamente übergegangen werden. Die Demokratie, die ,,ein ständiges Streben nach politischer Erziehung" 26 ist, wird sich festigen. Institutionen werden sich etablieren und
Persönlichkeiten, die zu schöpferischer politischer Arbeit fähig sind werden als Parlamentarier unter der Maxime leben: ,,Bildung und Sittlichkeit der Abgeordneten." 27 Neben der Reform des Parlamentarismus wird der Moloch der Bürokratie zerschlagen werden. Vereinfachen, beschleunigen und abspecken. Die Demokratie nach außen äußert sich in kultureller Zusammenarbeit, Organisierung und Festigung der Zwischenstaatlichkeit und Arbeitsteilung der Nationen und Staaten. Diese ,,allgemeine demokratische Außenpolitik bedeutet allgemeinen Frieden, allgemeine Freiheit." 28 Auch der Begriff der Staatssouveränität
muss eine Wandlung erfahren. Entstanden zur Zeit des theokratischen Absolutismus war er geprägt durch die Abgeschlossenheit und Isolation der Staaten mangels Verkehrsmitteln. Der moderne Staat kann aber ohne internationale Wechselbeziehungen nicht existieren. Auch der Eindruck der Unfehlbarkeit der Souveränität muss abgelegt und demokratisiert werden. Ist schließlich alles eingerichtet, so muss durch stete Bildungsarbeit und politischen Nachwuchs der Bestand der Demokratie gesichert werden.
Masaryk war nach seinen eigenen Worten ein ,,[...] grundsätzlicher, aber kein blinder Anhänger der Demokratie. [...] Die Demokratie ist eine Gewähr des Friedens. Für uns und für die Welt." 29 4. Schluss
Die Gestalt Masaryks fasziniert auch heute noch. Seine Gedanken des friedlichen Zusammenlebens sind aktueller denn je. Das Haus Europa wird gebaut und wer Masaryks Denken versteht, wird die Baupläne dieses Hauses besser verstehen lernen und kann sich besser einbringen. Masaryk wollte eigentlich kein ,,großer Staatsmann" sein, aber durch seine Auffassung, Politik als Dienst an individueller und gemeinschaftlicher Wahrhaftigkeit zu verstehen, wurde er es umso mehr.
Er wollte die Völker im Donauraum nicht abtrennen und isolieren sondern setzte stets auf Gemeinsamkeit und Zusammenarbeit. Aber zunächst war er mitverantwortlich für die Zerschlagung des Habsburger Reiches. Dies wird ihm heute noch ,vor allem in Österreich, vorgeworfen. Natürlich ist das nicht von der Hand zu weisen aber man muss sich Fragen, wie sich seine Einflussnahme auswirkte. Masaryk hatte so lange wie möglich versucht, vergleichbar mit Gandhi in Indien, über Partnerschaft, freundschaftliches Zusammenleben
und Reformen an sein Ziel, die Gründung eines unabhängigen tschechischen Staates, zu gelangen. Er wandte sich immer gegen übersteigerten tschechischen Nationalismus, Isolationismus und auch Provinzialismus.
Masaryk war nicht der Zerstörer Österreichs, sonder lediglich ein Katalysator des Zerfalls. Sein Verdienst ist es, dass die Grundlage des neuen tschechoslowakischen Staates nicht eine nationalistische slawische oder antideutsche wurde, sondern Humanität und Annäherung zwischen Osten und Esten. Die Idee der Demokratisierung und Föderalisierung des alten österreichischen Staates trieb Masaryk allezeit vorwärts und die Erfahrungen dieser beeindruckenden Persönlichkeit sollten bei der Umsetzung der europäischen Idee nicht ungenutzt bleiben.
Quellenverzeichnis:
Masaryk T. G., Die Weltrevolution- Erinnerungen und Betrachtungen 1914-1918, Berlin, 1925
Masaryk T. G., Der Selbstmord als soziale Massenerscheinung der modernen Civilisation, Wien, 1881 Literaturverzeichnis:
Capek K., Gespräche mit Masaryk, Mindelheim, 1990
Hoensch J. K., Die Geschichte der Tschechoslowakei, Stuttgart-Berlin-Köln, 1966 Jaksch W., Europas Weg nach Potsdam, Stuttgart, 1958 Machovec M., Thomas G. Masaryk, Graz-Wien-Köln, 1969 Szporluk R., The political thought of Thomas G. Masaryk, New York, 1981
1 Capek K., Gespräche mit Masaryk, Mindelheim, 1990, S. 102 2 Machovec M., Thomas G. Masaryk, Graz-Wien-Köln, 1969 3 wie Anm. 1, Capek K., 1990
4 Szporluk R., The political thought of Thomas G. Masaryk, New York, 1981 5 Jaksch W., Europas Weg nach Potsdam, Stuttgart, 1958
6 Masaryk T. G., Der Selbstmord als soziale Massenerscheinung der modernen Civilisation, Wien, 1881
7 Der jüdische Landstreicher Hilsner wurde 1899 des Mordes an einem Mädchen angeklagt und auf Grund von bloßen Indizien zum Tode bzw. zu lebenslänglichem Kerker verurteilt. Die Hilsner Affäre hat einige Parallelen mit der Dreyfus-Affäre zur selben Zeit in Frankreich und spielt eine ähnlich bedeutende Rolle für den Fortschritt der Gesellschaft. 8 Jaksch W., Europas Weg nach Potsdam, Stuttgart, 1958, S. 87
9 Vgl.: Hoensch J. K., Die Geschichte der Tschechoslowakei, Stuttgart-Berlin-Köln, 1966, S. 20 ff.
10 Vgl. hierzu: Masaryk T. G., Die Weltrevolution- Erinnerungen und Betrachtungen 1914-1918, Berlin, 1925, ab S. 441
11 Capek K., Gespräche mit Masaryk, Mindelheim, 1990, S. 22 12 Machovec M., Thomas G. Masaryk, Graz-Wien-Köln, 1969, S. 35 13 Capek K., 1990, S. 59 14 Machovec M., 1969, S. 50 15 Capek K., 1990, S. 283 16 Capek K., Mindelheim, 1990, S. 65 17 Capek K., 1990, S. 254
18 ebd., S. 255 19 ebd., S. 256
20 Vgl. hierzu: Szporluk R., The political thought of Thomas G. Masaryk, New York, 1981, S. 45f. 21 Capek K., 1990, S. 73 22 Machovec M., , 1969, S. 249 23 Capek K., 1990, S. 272 24 ebd., S. 272
25 Masaryk T. G., Die Weltrevolution-Erinnerungen und Betrachtungen 1914-1918, Berlin, 1925 26 ebd., S. 470 27 ebd., S. 471 28 ebd., S. 471 29 Capek K., 1990, S. 276
Arbeit zitieren:
Alexander Jordan, 2001, Das politische Denken bei Tomás Garrigue Masaryk, München, GRIN Verlag GmbH
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