Inhalt:
1. Einleitung 2
2. Hauptteil
2.1 Vorkriegsavantgarde 2
2.2 Der Devetsil
2.2 a Entstehung 3
2.2 b Nové umení proletarské 4
2.2 c Einflüsse 6
2.3 Der Poetismus
2.3 a Theorie Entwicklung 8
2.3 b Umsetzung (Teige, Nezval, Seifert) 10
2.4 Weiterentwicklung 12
3. Schluß 12
Literaturverzeichnis 13
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1. Einleitung
In dieser Arbeit möchte ich die Entwicklung der tschechischen Avantgarde am Anfang des 20.Jahrhunderts darstellen. Von der Gründung des Devetsil ausgehend, möchte ich dessen Vorbilder und Einflüsse im In - und Ausland, die Herausbildung des Poetismus als eigenständige tschechische Avantgardeströmung, dessen Theorie, sowie seine praktische Umsetzung in den Werken einiger bedeutender Künstler beschreiben. Zum Abschluß werde ich dann kurz die Endphase des Poetismus und den Übergang zum Surrealismus behandeln.
2. Hauptteil
2.1 Vorkriegsavantgarde
Bereits vor dem ersten Weltkrieg hatte sich auf tschechischem Gebiet eine Reihe junger Künstler, die sich zur Avantgarde zählten, zusammengefunden. Die 1911 gegründete Gruppe ‚Skupina výtvarných umelcú‘, zu deren Mitgliedern Josef Capek, E.Filla, V.Špala und B.Kubišta gehörten, verstand sich vor allem als Gegenreaktion auf die konventionelle Kunst der älteren Generation (Generation der 90er Jahre, z.B. Sova, Machar, Brezina). Ihre Einflüsse entstammten der europäischen Avantgarde, insbesondere dem Kubismus, dem Fauvismus und dem Expressionismus. Diese junge Künstlergeneration wurde nach der Veröffentlichung ihres ‚Almanach na rok 1914‘ auf ‚Generation von 1914‘ getauft. Stanislav Kostka Neumann wurde zum Sprecher und wichtigsten Theoretiker der Gruppe.
In seinem Manifest ‚Es lebe das Leben‘ fordert er , das ganze Leben als Kunst anzuerkennen, denn alles sei es wert in der Poesie verarbeitet zu werden. Durch die Erschließung dieser von früheren Generationen als nicht ‚exklusiv‘ genug angesehenen Themen, ergibt sich für die Poesie ein enormer Themenreichtum. Dieser sollte einhergehen mit der Freiheit der dichterischen Sprache, z.B. im vers libre. Die Ablehnung jeglicher veralteter Tradition, die Bejahung des neuen Lebens, der Modernität und ein
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gewisser Technikkult zeigen eine Nähe zum italienischen Futurismus. Die Grundhaltung war zwar antibürgerlich, aber nicht vollkommen radikal.
Diese Avantgarde blieb in ihren Ansätzen stecken, sie konnte sich literarisch (in der Bildenden Kunst war sie ergiebiger) nicht voll entwickeln und ausprägen, denn sie wurde durch den ersten Weltkrieg abgebrochen.
2.2 Der Devetsil
2.2 a Entstehung
Die Situation nach dem ersten Weltkrieg bot die Voraussetzungen für eine grundlegende Neuorientierung sowohl in der Kunst als auch in der Gesellschaft. Zwar hatte der Zerfall der Österreichisch-ungarischen Monarchie nicht den sozialistischen tschechischen Staat hervorgebracht, den sich viele linke Künstler erhofft hatten, aber immerhin war die Tschechoslowakei unabhängig und selbständig. Die gesellschaftlichen Ziele mußten neu abgesteckt werden und diese Umorientierung mündete in die für diese Zeit charakteristische kritische Arbeiterlyrik, das Engagement für den Sozialismus hielt also weiter an. Denn die ersten Jahre der Republik waren chaotisch und brachten soziale Probleme mit sich.
Engagierte junge Autoren schlossen s ich auf Gymnasien und Universitäten zu Literaturzirkeln zusammen und begründeten so eine neue Bewegung. Bald gaben sie eigene Zeitschriften heraus und veröffentlichten in den Literaturzeitschriften der Angehörigen der älteren Generation (z.B. Neumanns ‚Kmen‘). Hierbei konzentrierten sich die neuen Gruppen vor allem in Prag, später auch in Brno und Bratislava. In Prag ist besonders das Gymnasium in der K remencova, da dort einige bedeutende Künstlerpersönlichkeiten anzutreffen waren , die teilweise durch einen intellektuellen oder künstlerischen sozialen Hintergrund bereits gute Voraussetzungen für eine Förderung künstlerischer Begabung hatten (z.B. Teige, Vanek, Süss). 1915 bildete sich dort eine Gruppierung, der u.a. auch Hoffmeister und Wachsmann angehörten. Die Betonung lag dabei zuerst auf der Malerei, aber auch die literarische Tätigkeit war
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ausgeprägt, so veröffentlicht Teige bereits ab 1916. Diese G ruppen waren Zusammenschlüsse, die auf einer relativ breiten Basis standen, die Interessen waren noch nicht so klar gegeneinander abgegrenzt. Diese Abgrenzung vollzog sich erst nach der Gründung der maßgeblichen literarischen und künstlerischen Gruppierungen und in deren Anfangsphasen. So gründeten sich 1920 der ‚Umelecký svaz Devetsilu‘ (Künstlerbund Devetsil). Der Name wurde von Josef Capek vorgeschlagen und bezeichnet ein Gewächs der Huflattichfamilie, den Pestwurz. Es handelt sich dabei um die erste keimende Pflanze im Frühling, was sich auf die Gruppe als erste aufkeimende Bewegung nach dem Krieg übertragen ließe (über die Bedeutung war man sich aber in der Gruppe selbst nicht ganz einig). Der Vorsitzende des Devetsil wurde Vladislav Vancura, Karel Teige wurde Sekretär und arbeitete ein Programm aus. In Mähren (in Prerov) wurde währenddessen 1921 die Literarní skupina (Literarische Gruppe) gegründet. Später siedelte man nach Brno um, zu den wichtigsten Mitgliedern gehörten Götz, Berák, Vítezslav Nezval, Jirí Wolker und Antonín Matej Píša. Die letzten drei verließen die Gruppe allerdings schnell wieder und schlossen sich auch dem Devetsil an, wo sich nun die wichtigsten jungen Künstler (Artuš Cerník, Adolf Hoffmeister, Jaroslav Seifert, Karel Teige, Vladislav Vancura u.a.) zusammenfanden. Zu den über die Jahre immer wieder wechselnden Mitgliedern gehörten Künstler aller Sparten: Maler (Toyen 1 , Štyrský) und Grafiker, Dichter und Prosaautoren, Architekten (Krejcar), Journalisten (Milena Jesenská), Theaterleute (Burian) und Sprachwissenschaftler (Jakobson).
2.2 b Nové umení proletárské
Der Devetsil vertrat zunächst nicht nur künstlerische Ziele; das politische Engagement, insbesondere in der kommunistischen Jugendbewegung, stand sehr im Vordergrund. So kam es in der Anfangsphase verstärkt zu einer Zusammenarbeit mit S.K. Neumann, der
bürgerl.: Marie Cerminová 1
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den 1921 gegründeten Proletkult, die Kulturabteilung der KSC (Kommunistische Partei der Tschechoslowakei), dem u.a. Teige und Seifert beitraten, leitete. Bei anderen Mitgliedern der älteren Generation, besonders Karel Capek, stieß die Verbindung von Kunst und Politik, Kunst als Mittel zur gesellschaftlichen Revolution auf Ablehnung.
Durch Teiges Artikel ‚Nové umení proletárské‘ (Neue proletarische Kunst) wurde dieser Haltung und Kunstauffassung theoretisch untermauert. Ein Vortragszyklus wurde abgehalten, um das neue Kunstprogramm vorzustellen und zu propagieren. Auch in diesem Programm bezog man sich auf den Marxismus, als wichtige Grundlage einer neuen Kunstwissenschaft. Teige fordert darin eine Entmystifizierung und Entpsychologisierung der Kunst. Der Künstler wird mit dem Wissenschaftler, Ingenieur und Arbeiter auf eine Stufe gestellt, er soll von seinem Elfenbeinturm heruntersteigen. Die Kunst wurde als eine moralische und soziale Aufgabe betrachtet und sollte der gesamtgesellschaftlichen Entwicklung verpflichtet sein. Man wollte die Kunst wieder in Beziehung zum Leben setzen und kritisierte die welt- und lebensfremde Kunst der literarischen Vorgänger.
Laut Teige, der in seinem Artikel von der Verwirklichung der proletarischen Kunst in der näheren Zukunft ausging, zeichnet sich die bürgerliche Kunst vor allem durch Individualismus aus, sie bleibt trotz ihrer Protesthaltung immer ein Produkt ihrer Klasse. Die proletarische Kunst dagegen zeichnet sich durch Kollektivität, Tendenziosität, das positive Verhältnis zu unterdrückten Gesellschaftsschichten und eine etwas pessimistische Einstellung zur Zivilisationswelt aus.
In seinem ersten programmatischen Artikel ‚Obrazy a predobrazy‘ (1920) beschrieb Teige die Aufgabe des Künstlers im gesellschaftlichen Neuaufbau und im Kampf um soziale Gerechtigkeit. Die neue Kunst solle das Bild einer neuen, besseren Gesellschaft kreieren und diese vorwegnehmen. Es sollte keine Kunst als Selbstzweck mehr geben, die Kunst sollte nicht formbetont, sondern inhaltsbetont sein. Dabei sollte der Mensch
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wieder in den Mittelpunkt gerückt werden, den die Technik in der modernen Zeit zu verdrängen droht.
2.2 c Einflüsse
Die Einflüsse des Devetsil und des Poetismus waren zahlreich und kamen aus ganz verschiedenen Richtungen. Im Ausland war zunächst Frankreich am bedeutendsten. Es wurden die Symbolisten (Rimbaud und Baudelaire), sowie die katholischen Sozialisten Duhamel und Vildrac gelesen. Allerdings war die europäische Avantgardeliteratur (die Bildende Kunst hatte es leichter) für die junge Generation, nicht zuletzt aufgrund schlechter Sprachkenntnisse, schwer zugänglich. So wurden Mitglieder der älteren Generation, wie die Brüder Capek, zu wichtigen Vermittlern. Karel Capek übersetzte „Zone“ von Apollinaire, der für den Poetismus von entscheidender Bedeutung war. Es war jedoch eher seine Methode der Dichtung, die die jungen Künstler beeinflußte, die freie Metaphorik und freie Assoziation. Apollinaire hatte die Prinzipien des Kubismus auf die Poesie übertragen: Simultaneität, die Betrachtung aus mehreren Perspektiven zugleich und die Montage. Daraus entstanden seine typographischen Bildgedichte. Er setzte auch ‚parole in libertà‘, das befreite Wort aus dem italienischen Futurismus, ein. Apollinaire war auch der Vorläufer der Surrealisten. Als maßgebliche französische Avantgarderichtung entwickelte sich nach kurzem dadaistischem Einfluß der Surrealismus, mit André Breton als wichtigstem Theoretiker. 1924 gründete sich die Gruppe der Surrealisten, die ihr Feld als die Wissenschaft von der Befreiung des Geistes bezeichneten. Die wichtigsten Elemente des Surrealismus sind der Traum und das Unterbewußte. Da man sich aber der sozialen Einflüsse auf die Psyche des Menschen bewußt war, nahm das gesellschaftliche Engagement ebenfalls eine wichtige Rolle ein. Die geistige Revolution und die soziale Revolution gehörten zusammen.
Ein weiterer, wenn auch umstrittener, Einfluß war der italienische Futurismus, der von F.T. Marinetti initiiert wurde. Der Futurismus sollte, ähnlich wie später der Poetismus,
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keine bloße Kunstrichtung, sondern eine Lebenshaltung und Philosophie sein. Formal entwickelten die Futuristen den ‚vers libre‘ weiter und praktizierten eine noch weitergehende Befreiung des Wortes aus den grammatischen Strukturen. Dabei wurden Substantive ohne Verbindung aneinandergereiht und die Verben im Infinitiv belassen. Politisch herrschte eine radikale Ablehnung aller Traditionen, auch des Parlamentarismus, vor. Man orientierte sich vollkommen auf die Zukunft. Die Technik, der Kraftmensch und Lebensfreude wurden verherrlicht, ebenso der Krieg und der italienische Futurismus näherte sich dem Faschismus mehr und mehr an. Der russische Futurismus hat wenig Gemeinsamkeiten mit dem Italienischen. Politisch standen die russischen Futuristen (Kamenskij, Chlebnikov, Majakovskij u.a.) links. Der Kunst kam jedoch größere Bedeutung zu, formal forderten sie ebenfalls die Befreiung des Wortes. Sie wollten eine völlig neue Sprache entwickeln, neue Wörter schaffen und einen freien Rhythmus und Reim durchsetzen.
Eine Bewegung, die europaweit großen Einfluß gewann zur Zeit des 1. Weltkriegs und danach, war der Dadaismus. Dada war im Grunde eher unpolitisch, auf keine Richtung festgelegt. Protest, Pazifismus und Aktionismus machten die Grundhaltung aus. Dada war eine ‚multimediale‘ Kunst, die sich in verschiedenen Medien, besonders aber auf der Bühne, ausdrückte. Viele Dada-Veranstaltungen waren großartige oder skandalöse Spektakel. Der Tabubruch, die Ablehnung von Traditionen, die Provokation, die Verherrlichung des Absurden und die Zerstörung alles Geordneten waren Teil der Ideologie. Überhaupt verstand sich auch der Dadaismus als eine Lebenshaltung, nach der Maxime: Freiheit statt Festlegung.
Der Devetsil und der Poetismus zogen aus allen diesen Quellen, direkt oder indirekt, ihre Inspiration, doch auch die tschechische Literaturtradition hatte Bedeutung für ihre Entwicklung. Zwar lehnte man, wie in der Avantgarde üblich, die überkommenen Traditionen ab, aber eine Verbindung mit den eigenen Wurzeln ist immer vorhanden, so z.B. mit dem tschechischen Volkslied oder mit großen Schriftstellern der Vergangenheit (vielleicht z.T. auch nur als Gegenpol). Und nicht zuletzt bestand rege Zusammenarbeit
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mit S.K. Neumann und den Brüdern Capek, die in der Anfangsphase als Mentoren auftraten.
2.3 Der Poetismus
2.3 a Theorie & Entwicklung
Der Poetismus entwickelte sich aus einer Distanzierung von den in der ‚Neuen Proletarischen Kunst‘ proklamierte n Prinzipien der gesellschaftlichen Verpflichtung der Kunst (die vor allem durch den Dichter Jirí Wolker symbolisiert wurde, der den Devetsil bereits verlassen hatte und am 3.1.1924 verstarb). Es wurde in der Theorie eine Trennung von Kunst und Politik vollzogen, die Kunst und das gesellschaftliche, politische Leben sollten fortan auf verschiedenen Ebenen existieren. Die Kunst sollte nicht mehr zur Vermittlung von Ideologie benutzt werden, sondern (dem Arbeiter) eine Erholung von der Arbeit und dem revolutionären Kampf bieten. Die politische Haltung der überwiegenden Zahl der Devetsil-Mitglieder blieb dabei unverändert kommunistisch, denn der Poetismus sollte ja keine Weltanschauung sein. Thematisch konzentrierte man sich jetzt mehr auf „das Individuum und seine freie kreative Entfaltung“ 2 . Außerdem kündigte sich bereits in dem im Oktober 1922 erschienenen ‚Revolucní sborník Devetsil‘ die künstlerische und thematische Hinwendung zur Phantasie an.
Darin führt Teige außerdem die moderne Architektur als maßgebenden Einfluß für das neue Kunstverständnis an. So wurde das Funktionalitätsprinzip des Konstruktivismus auch auf die Kunst angewendet, der ein Gebrauchswert auf der einen Seite zugesprochen wird, auf der anderen Seite steht der ästhetische Wert. Diese beiden Ebenen existieren jedoch getrennt voneinander, wobei das Gewicht jetzt stärker auf der Ästhetik und der Phantasie liegt. In diesem Geiste werden auch Zirkus , Kabarett, Film und Music-Hall in die neue Kunst miteinbezogen, es wird eine Kunst für alle 5 Sinne gefordert, die Verschmelzung aller Kunstformen zu einem neuen Lebensgefühl.
P.Drews, Devetsil und Poetismus, S.83 2
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Aufgrund des Konstruktivismus, findet auch eine gewisse Aussöhnung mit der modernen, technisierten Gesellschaft statt. So soll sie einerseits die Basis für die Kunst bilden, und durch den Poetismus ihre perfekte Ergänzung finden. Der Welt der Arbeit und Maschinen wird eine bunte Welt der Ästhetik und Phantasie, des Gefühls, der Schönheit und des Lachens zur Seite gestellt.
In seinem Artikel ‚Poetismus‘ (erschienen in der Zeits chrift der Literarní skupina ‚Host‘ vom Juli 1924) beschrieb Teige den Poetismus als „ die Kunst zu leben und zu genießen“ 3 , als unterhaltend und spontan, eine Art modernen Epikureismus. Am 15.12.1923 gründete sich der Brünner Devetsil und Cerník, Halas und Václavek gaben dort die neue Devetsil-Zeitschrift ‚Pásmo‘ heraus. Schon im November war die erste Ausgabe von ‚Disk‘, einer etwas kurzlebigeren Publikation, erschienen. In dieser sehr fruchtbaren Zeit des Devetsil, war die Gruppe nicht nur im Inland aktiv, sondern es wurden auch rege Kontakte zum Ausland gepflegt. 1925 fand in der Sovjetunion ein Treffen mit russischen Konstruktivisten statt. Besonders das russische Avantgardetheater sollte großen Einfluß auf die neugegründete Theatersektion des Devetsil, das ‚Osvobozené divadlo‘ (Befreites Theater), ausüben. Die Erneuerung der dichterischen Sprache, die zu dieser Zeit vor allem von Nezval und Seifert vorangetrieben wurde, orientierte sich zum Teil an den russischen Formalisten (Jakobson). Das Prinzip der Verfremdung und Deautomatisierung wurden ebenso aufgenommen, wie die ‚parole in libertà‘ der italienischen Futuristen. Ab 1925 sieht sich der Devetsil allerdings auch schärferer Kritik von außen, vor allem von seiten der marxistischen Literaturkritik, ausgesetzt. Dem Poetismus wurde politische Indifferenz vorgeworfen und die Trennung von Kunst und Ideologie wurde heftig kritisiert. Dazu kamen innere Konflikte und eine starke Mitgliederfluktuation, damit begann was Drews als „Die Krise des Poetismus und seine scheinbare Renaissance“ 4 bezeichnet. So löst sich der Brünner Devetsil am 23.6.1927 aus Mitgliedermangel offiziell auf und auch
K.Teige, Poetismus-ein Manifest, in:K.Chvatík(Hsg.),
Die Prager Moderne,
S.139
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P.Drews, Devetsil und Poetismus, S.86 4
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in Prag verabschieden sich einige Mitglieder (z.B. Vancura).
Im Oktober 1927 wurde mit der Veröffentlichung einer neuen Zeitschrift, der ‚Revue Devetsilu‘ (ReD); unter der Redaktion Teiges und mit dem 2. Manifest des Poetismus ein zweiter Anlauf gewagt.
2.3 b Umsetzung Karel Teige (1900-1951)
Als Haupttheoretiker des Devetsil und Kritiker verfaßte Teige hauptsächlich Manifeste und literaturtheoretische und -kritische Artikel. Seine publizistische Tätigkeit begann schon früh, als Gymnasiast veröffentlichte er bereits ab 1917 in zahlreichen Zeitschriften und Zeitungen seine Artikel und Grafiken. Das Zeichnen, Grafik und Typographie waren sozusagen sein zweites Standbein. Die Buchillustrationen und Umschlagentwürfe, die er für seine Dichterkollegen (z.B. Seifert 5 ) anfertigte, prägten das (optische) Erscheinungsbild des Poetismus entscheidend mit. Ein weiteres Spezialgebiet Teiges war die Architektur. Er pflegte rege Kontakte zu Vertretern der modernen Architektur (wie z.B. Le Corbusier), die starken Einfluß auf seine Kunstauffassung hatten. Ab 1923 war Teige außerdem Redakteur bei der Architekturzeitschrift ‚Stavba‘, dem führenden Organ des Konstruktivismus in der Architektur.
Vítezslav Nezval (1900-1958)
Er war einer der bedeutendsten Dichter und Dramatiker des Devetsil, dem er 1922 beitrat. Davor war er Mitglied der in Mähren angesiedelten ‚Literarní skupina‘, da er zu der Zeit in Brünn studierte. 1922 erschien auch sein erster Lyrikband ‚Most‘ (Die Brücke). Bereits in dieser Phase legte er sehr viel Wert auf Individualismus, im Gegensatz zur allgemein kollektivistischen Einstellung der Devetsil-Theorie. Für Nezval stand die eigene Persönlichkeit, bzw. die Gefühlswelt des Protagonisten im Mittelpunkt. In seinem ersten poetistischen Werk ‚Podivuhodný kouzelník‘ (Der wundersame Zauberer) schlug er
K.Teige, Umschlag zu ‚Na vlnách TSF‘, in: L.Kundera (Hsg.), Die Sonnenuhr, S. 249 5
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künstlerisch neue Wege ein. Es wurde, ähnlich wie bei Seifert, eine Erneuerung der dichterischen Sprache eingeleitet, zunächst einmal durch vermehrten Gebrauch von Fremdwörtern. Später wurde auch durch freie Assoziationen das Wort aus den grammatischen und Sinnzusammenhängen ‚befreit‘.
Seine folgenden Gedichte und Stücke zeichnen sich vor allem durch spielerische Heiterkeit und die Betonung der positiven Seiten des Lebens aus. Thematisch herrschen die Exotik, Vergnügungen, aber auch die Randfiguren der Gesellschaft vor. Die Beschäftigung mit der Identitätsfindung spielt ebenfalls eine wichtige Rolle. Nezval übersetzte auch aus dem Französischen (z.B. Rimbaud, Breton, Elouard)und Englischen (E.A.Poe). Sein wichtigstes Bühnenstück war ‚Depeše na kolickách‘ (Depesche auf Rädern, Erstaufführung 1926).
Nezval interessierte sich mehr für die praktische Seite der Kunst als für die Theorie, war sich jedoch mit Teige weitestgehend einig.
Da er besonders die Subjektivität und Rolle der Psyche in der Dichtung betonte, fand Nezval nach dem Ende des Poetismus einen starken Bezug zum Surrealismus und gründete 1934 die ‚Skupina surrealistu v CSR‘.
Jaroslav Seifert (1901-1986)
Seifert, ebenfalls ein bedeutender Dichter des Devetsil, war ein Arbeitersohn aus dem Prager Industrievorort Žižkov. Dementsprechend beschäftigte er sich i n seinem Erstlingswerk, die Gedichtsammlung ‚Mesto v slzách‘ (Stadt in Tränen, 1920) hauptsächlich mit dem Leben der Arbeiter und mit dem Klassenkampf. Er beschrieb die soziale Ungerechtigkeit und rief zum Aufbau einer neuen, besseren Welt -im Kollektivauf. Sein zweiter Lyrikband ‚Samá láska‘ (Lauter Liebe, 1923) hatte völlig andere Prioritäten. Die Gedichte handeln von Liebe, Erotik und Exotik. Der Leser soll Kraft schöpfen und sich erholen können. Ihm werden Visionen von der besseren Zukunft geboten. I n ‚Na vlnách TSF‘ 6 (1925), seinem wichtigsten poetistischen Werk, trat die
6 (Auf den Wellen von TSF),Titel in späteren Ausgaben: ‚Svatební cesta‘ (Hochzeitsreise)
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politische Thematik völlig in den Hintergrund. Die Gedichte sind spielerisch-assoziativ, mit typographischen Elementen kombiniert und von Auslandsreisen inspiriert. Nach seiner Vierten Veröffentlichung, ‚Slavík zpívá špatne‘ (Die Nachtigall singt schlecht, 1926), entfernte er sich zunehmend vom Poetismus und verfolgte seinen eigenen Weg.
2.4 Weiterentwicklung
Um 1929 befand sich der Devetsil in einer Phase der Veränderung. Das Konzept des Poetismus und die Haltung der Kunst zur gesellschaftlichen Entwicklung mußte neu diskutiert werden, da viele Devetsil-Mitglieder aufgrund einer Krise der KSC eine Einmischung der Kunst in das politische Leben wieder für notwendig hielten. Teige, Seifert, Nezval, Toyen und andere gründeten im Oktober 1929 die ‚Levá Fronta‘ (Linke Front), die den Devetsil, der „von den politischen Ereignissen überholt worden“ 7 war, sozusagen ablöste. (Offiziell aufgelöst wurde er allerdings nie.) Damit rückte die Kunst wieder in unmittelbare Nähe des gesellschaftlichen Geschehens und wurde wieder politisch aktiv.
Langfristig fand jedoch ein Übergang zum Surrealismus statt.
3. Schluß
Der Poetismus war der tschechische Beitrag zur Avantgarde: ein umfassendes Kunstk onzept, das Einflüsse sowohl aus den europäischen Avantgardeströmungen als auch aus der eigenen Literaturtradition verarbeitet hat. Die alte und überholte Kunst wurde abgelöst und die dichterische Sprache erneuert. Eine der größten Leistungen des Poetismus war jedoch die gelungene Synthese der verschiedenen Kunstformen, z.B. die Anwendung visueller (typographischer) Elemente in der Dichtung. Die Zusammenarbeit zahlreicher Künstler verschiedener Medien brachte neue Ideen auf den Weg und verband die vielseitigsten Einflüsse. Der Poetismus ist noch heute eine wichtige Pase für die tschechische Kunst, und er brachte viele bedeutende Künstler hervor.
P.Drews, Devetsil und Poetismus, S.91 7
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Literatur:
Brousek, Marketa: Der Poetismus, München: Carl Hanser Verlag, 1975 Chvatík, Kvetoslav (Hsg.): Die Prager Moderne, Frankfurt a.M.: Suhrkamp Verlag, 1991 Drews, Peter: Devetsil und Poetismus, München: Verlag Otto Sagner, 1975 Kundera, Ludvík (Hsg.): Die Sonnenuhr (2. Auflage), Leipzig: Reclam Verlag, 1993 Kunstmann, H.: Tschechische Erzählkunst im 20. Jahrhundert, Köln:Böhlau Verlag, 1974 Mešt’an, A.: Geschichte der tschechischen Literatur im 19. & 20. Jahrhundert, Köln:
Böhlau Verlag, 1984
Seifert, Jaroslav: Ceskoslovenský spisovatel, Praha, 1989
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Quote paper:
Katharina Hinderer, 1999, Der Tschechische Poetismus, Munich, GRIN Publishing GmbH
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