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Vom Buch zur Leinwand: Die Verfilmung von Toni Morrisons Beloved
Inhalt
1. Einleitung Seite 3
2. Beloved (1998) Seite 4
2.1. Teil I Seite 4
2.1.1. Beloveds Rückkehr. Seite 8
2.1.2. Der erste konventionelle Flashback Seite 10
2.1.3. Sethe tötet Beloved. Seite 13
2.2. Teil II Seite 14
2.3. Teil III. Seite 15
3. Zusammenfassung und Analyse Seite 17
4. Schlusswort Seite 20
5. Bibliografie. Seite 22
6. Glossar der Filmbegriffe Seite 23
7. Stabangaben zum Film Seite 24
Vom Buch zur Leinwand: Die Verfilmung von Toni Morrisons Beloved
1. Einleitung
N
icht zuletzt im Zuge der Second Wave of Feminism begannen schwarze Autorinnen, in ihren Werken den Zustand zu kritisieren, dass es in allen Bürgerrechts-Bewegungen zu wenig um die Rechte schwarzer Frauen ging, die unter der sogenannten double jeopardy litten, d.h. dass sie sich gegen Rassismus und Sexismus zur Wehr setzen mussten. Einer der Vorreiterrinnen auf ihrem Gebiet war Toni Morrison, die mit The Bluest Eye einen Roman schrieb, den sie gerne selbst gelesen hätte. „The work must be political“ 1 , äußerte sie 1985 in einem Essay. Ihre Werke existieren demnach nicht um ihrer selbst und der Kunst willen, sondern sie sollen aufrütteln und bewegen. Self-Definition und Self-Empowerment zählen zu den Schlüsselqualifikationen, die sich die Protagonistinnen in ihren Romanen aneignen. Es geht darum, eine eigene Stimme zu finden, und zwar auch über die Rolle der Mutterschaft. Um bei der Metapher der Akustik zu bleiben, sagt Morrison darüber hinaus, dass man trotz des Übergangs der oralen Erzähltradition ins Schriftliche ihre Romane auch hören können soll. Durch eine bewusste Teilnahme des Lesers (Reader Participation) soll dieser interaktiv an der Handlung partizipieren und auch die Leerstellen eines Buches hinsichtlich der Ereignisse selbst interpretieren und konstruieren. Auch Hollywood hat sich für das Thema interessiert. Und trotz aller Bürgerrechtsbewegungen mussten auch in der Filmindustrie schwarze Frauen um die Lösung der Probleme durch die double jeopardy kämpfen. Ein Ziel, dem man in der jüngsten Oscar-Verleihung im März 2002 ein Stück näher kam, als man Halle Berry als erster schwarzen Hauptdarstellerin einen Academy Award verlieh. In ihrer Rede betonte sie:
„Dieser Augenblick ist so viel größer als ich selbst.
Jede namenlose farbige Frau bekommt jetzt eine neue Chance, weil heute eine Tür aufgestoßen worden ist.“ 2
Diese Hausarbeit befasst sich mit der Verfilmung von Toni Morrisons Beloved. Mehr als zehn Jahre nach der Entstehung des Romans leitete Talkmasterin Oprah Winfrey, die auch privat mit Morrison befreundet ist, die Umsetzung des komplexen
1 Toni Morrison, „Rootedness: The Ancestor as Foundation,“ in: Marie Evans (ed.), Black Women Writers, London 1985.
2 Zitiert in der WAZ vom 26.03.2002.
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Stoffes ein. Toni Morrison war bei den Dreharbeiten zugegen, und solch renommierte Darsteller wie Danny Glover a ls Paul D und Regisseur Jonathan Demme ( Das Schweigen der Lämmer, USA 1990) gaben dem Werk die besten Voraussetzungen. Im Folgenden wird darauf eingegangen, wie sehr sich der Film an die Vorlage hält. Wie wird das zentrale Thema der Mutterschaft im Film dargestellt? Welche visuellen Äquivalente zur narrativen Quilting-Technik werden gegeben? Folgt der Film überhaupt dem narrativen Muster des Romans, oder kreiert er eine eigene Chronologie der Handlung? Wie wird der Akt der Reader Participation und der Ancestor Presence umgesetzt? Welche Struktur verwendet er angesichts des Rememory-Prozesses von Sethe und den anderen Protagonisten? Der Aufbau des Films wird chronologisch analysiert und auf seine Funktion hin untersucht; dabei werden auch zahlreiche Passagen der Vorlage herangezogen. In einem Schlusswort werden die Ergebnisse noch einmal zusammengefasst. Die Minutenabkürzungen erfolgen mit dem Zeichen ´.
2. Beloved (1998)
2.1. Teil 1
Der erste Teil des Buches erstreckt sich über 162 Seiten. Die gesamte Struktur des Films hält sich im Großen und Ganzen an die Vorlage, vor allem der erste Teil, auch wenn es Passagen und Sequenzen gibt, die in ihrer Reihenfolge oder im Inhalt abweichen. Gleich die Anfangsszene ist ein Beispiel für die getreue Umsetzung: Bevor noch irgendetwas zu sehen ist, ertönt auf der Tonspur trauriger Vokalgesang, der schließlich eine langsame Kamerafahrt zu einem Grabstein mit der Inschrift Beloved begleitet; es folgt eine Überblende zu Sethes Haus in der Bluestone Road 124. Die Einblendung von Ohio, 1865 versetzt den Zuschauer in die Zeitperiode des Films. Der Gesang stoppt abrupt, und in fast schon Schwarz-Weiß anmutenden Bildern folgen in schnellen Shock-Cuts die Auswirkungen eines „Angriffs“ des Geistes von Sethes toter Tochter Beloved. In der Hektik der Schnitte und der Größe der gezeigten Ausschnitte (z.B. Füße im Close-Up) sowie der schiefen Einstellungswinkel (beispielsweise Sethes Behandlung an Here Boy) kann sich der Zuschauer kaum orientieren, vor allem, da er quasi mitten ins Geschehen geworfen wurde. Visuelle Effekte wie das heraushängende Auge des Hundes komplettieren die schockierende Wirkung des Gezeigten. Spätestens wenn Howard die plötzlich erscheinenden Fingerabdrücke im Kuchen sieht, weiß man, dass es sich hier um
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übernatürliche Kräfte handeln muss, die in dem Haus wüten. Kurz bevor die beiden Brüder den Ort des Schreckens verlassen wollen, stellt Denver sie zur Rede. Als die Brüder sich von ihr verabschieden, wiederholt sie ungläubig „Bye?!“, als vor ihr ein Spiegel zu Boden fällt und ihr Spiegelbild zerbricht, eine Metapher dafür, dass nunmit der Abreise von Howard und Buglar - ihr harter Kampf um das Finden einer eigenen Identität beginnt. Nach dem Angriff setzt ein langsames Flötenmotiv ein, was nach den vorangegangenen erschreckenden Szenen wieder für Beruhigung sorgen soll.
Es wird zu 1873, Eight Years Later übergeblendet. Der Vokalgesang setzt wieder ein, und Totalaufnahmen, die in der ersten Szene fehlten, stellen das Haus Sethes nun in den richtigen Kontext, sodass m an die Umgebung besser einschätzen kann. Paul Ds Ankunft wird in einer Parallelmontage zu Sethes Arbeit geschnitten. Wenn Paul D schließlich in 124 eintrifft, wechselt die Perspektive für einen kurzen Moment in eine Subjektiveinstellung Sethes, ein Stilmittel, das den Zuschauer intensiver involviert. Die Verwendung einer wackelnden Handkamera aus ihrer Sicht verstärkt die Funktion. Schließlich finden beide zueinander, und Sethes Gesicht ist in einer Nahaufnahme zu sehen, wohingegen Paul D. noch in einer Halbnah-Einstellung gefilmt wird. Hier wird klar, dass es zunächst Sethes Reaktionen sind, die wichtiger und detaillierter porträtiert werden müssen. Durch ihren direkten Blick in die Kamera wird der Zuschauer zum unsichtbaren dritten Beisteher der Szene. Abgesehen davon wird auch die Perspektive des Films erstmals festgelegt: Da Pauls Ankunft parallel mit Sethes Arbeit montiert wurde, hätte auch er der Hauptprotagonist des Films sein können, aber durch die Schnitttechnik während der ersten Begegnung wird Sethe als Hauptfigur, aus deren Perspektive geschildert wird, etabliert. Es folgen Auszüge im Dialog, die fast mit denen aus Morrisons Buch identisch sind 3 :
“‘Is that you?’
‘What’s left.’[...]
‘You looking good’ - ‘Devil’s confusion. He lets me look good as l ong as I feel bad.’ He looked at her and the word ‘bad’ took on another meaning.” 4
3 Im weiteren Verlauf des Filmes besteht der Dialog häufig aus den Dialogen des Buches. So verwundert es, dass Toni Morrison nicht auch bei den Credits für das Drehbuch genannt wird.
4 Toni Morrison, Beloved (London, 1987), S. 6, S. 7.
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Während der Konversation bewegt sich die Kamera kontinuierlich näher an Paul heran, ein Zeichen dafür, dass Sethe ihn intensiver betrachtet und die Verbindung vertraulicher wird.
Nach der ersten Unterhaltung auf der Treppe folgt ein Schnitt aus dem Inneren des Hauses. Die Einstellung und die Bewegung der Handkamera verraten, dass es sich um einen subjektiven Blick handeln muss - doch ist er von Denver oder gar von Beloved? Dies wird nicht aufgelöst. Als Paul eintritt, leuchtet ihm ein rotes Licht entgegen - ein Motiv, das später wiederkehren wird, wenn Beloved ihn verführt und somit zu ihrer Identifizierung seinerseits führt. Die schiefen Einstellungen und Großaufnahmen kehren zurück, zusammen mit kurzen Einschnitten aus der Szenerie im Stall, wo Sethe ihr Kind tötete - es ist klar, dass nach der anfänglichen Idylle womöglich ein weiterer Angriff bevorsteht. Auf der Tonspur erklingt das Geräusch von Fliegen - hier handelt es sich um die Einführung des Sound-Leitmotivs von Beloved, denn bei ihrer Ankunft und am Ende wird es konstant eingesetzt. Denvers erster Auftritt als erwachsene junge Frau wird parallel zu ihrem ersten Erscheinen im Film inszeniert: Sie steht auf der Treppe, genau wie viele Jahre zuvor, als ihre Brüder sie verließen. So wird symbolisiert, dass sie seit jener Zeit auf dem selben Stand geblieben ist (auf den Stufen der Treppe) und sich erst noch weiterentwickeln muss. Sie wird in Großaufnahmen gezeigt, ein Zeichen dafür, dass ihr nun besondere Aufmerksamkeit gewidmet wird. Die Kamera fährt behutsam auf sie zu, als sie emotional zusammenbricht; dies verleiht der Szene und den Problemen Denvers besondere Intensität.
Als Paul D nach dem Baum auf Sethes Rücken fragt, setzt die erste Rückblende ein; eine Erinnerung Sethes: In kurzen, lauten und völlig erschreckenden Einschnitten, die stark mit der Ruhe im Haus kontrastieren, werden assoziative Ereignisse aus Sethes Vergangenheit gezeigt (wie beispielsweise Sixos Tod, der Milchraub, Schoolteacher, der in der Untersicht gefilmt wird, ein Zeichen für Dominanz; Mrs. Garner, das Auspeitschen Sethes). Nachdem Paul sie tröstet, erfolgt ein weiterer Geisterangriff. Auch hier werden dieselben Stilmittel wie zu Beginn des Filmes eingesetzt: Schnelle, kontrastive Schnitte wirken im Gegensatz zu dem beruhigenden, behutsamen Sich-Herantasten Pauls an Sethe. Schiefe Einstellungen und detaillierte, jedoch verwirrende Großaufnahmen forcieren die Orientierungslosigkeit.
Arbeit zitieren:
Michael Himpler, 2002, Vom Buch zur Leinwand - Die Verfilmung von Toni Morrisons Beloved, München, GRIN Verlag GmbH
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