Autor: Elisabeth Oschkinat
Pierre Bourdieu
Die männliche Herrschaft
im Französischen
La domination masculine
Inhalt
Einleitung ................................................................ 2
1. Pierre Bourdieu .................................................. 2
1.1. Person
............................................................... 2
1.2. Forschung .......................................................... 3
2. Der Habitus ........................................................ 4
3. Der Mensch als Gefangener der Kultureinflüsse ........ 5
4 Männliche Herrschaft ..................................................... 6
4.1. Geschlechtsrollenzuschreibung ........................................ 7
4.2. Spiegelungen des Alltagshandeln ..................................... 8
4.3. Die Somatisierung der Herrschaftsverhältnisse.................. 9
4.4. Die gesellschaftliche Konstruktion des Geschlechts ......... 10
4.5. Abschließende Gedanken
.............................................. 11
Literaturliste ...................................................................... 12
Einleitung
Die Verinnerlichung gesellschaftlicher Herrschaftsstrukturen führt zu einer immer wiederkehrenden Verfestigung der Geschlechterrollen. Männliche Männer und weibliche Frauen sind ist es, was die herrschende Klasse, - meistens Männer, will! Bourdieu zeigt auf, wie die Hegemonie der Männer, meist auch von den Frauen getragen, sich auf den, als natürlich empfundenen Differenzen der Geschlechterpräsentation gründet. Versteckt hinter den Charakteristika des Sexus kann sich die Männerherrschaft, als von Natur aus gegeben, immerfort reproduzieren.
Die zentralen Gedanken dieses Aufsatzes beziehen sich auf einem Text Bourdieu′s mit dem Titel:
Die männliche Herrschaft,
welcher, angeregt durch feministischer Theoriedebatte, die Konstruktion von Geschlecht und ihre Wirkungen beschreibt.
Geleitet von der Absicht, Bourdieu`s Gedanken in seinem Sinn wiederzugeben leite ich, nach einer kurzen Biographie, zu seiner Forschung und den von ihm geprägten Begriff des Habitus über. Anschließend werde ich seine Darstellung zur männlichen Herrschaft besprechen und abschließen mit, wie ich meine, seiner eher pessimistischen Prognose einer möglichen Emanzipation der Welt von morgen.

1. Pierre Bourdieu
1.1 Person
Pierre Bourdieu,
geb. am 1.8.1930 in Denguin, geht
zunächst den Weg der traditionellen
geisteswissenschaftlichen Ausbildung.
Als Schüler der Ècole Normale Supèrieure wird er dort bereits mit 25 Jahren Assistenzprofessor und ein Jahr später ist er als Hochschullehrer an der Sorbonne. Mit der Berufung 1964 als Professor an die Ècole Pratique des Hautes Ètudes beginnt Bourdieu′s Bilderbuchkarriere: 1968 Leiter des Centre de Sociologie Europèen, seit 1982 Berufung an das renommierte Collège de France.1
Bourdieu ist einer der wichtigsten Soziologen in Frankreich und Europa und einer der Hauptvertreter des sozialwissenschaftlichen Strukturalismus.2 Er bezieht diesen Ansatz auf objektiv erfassbare Lebensbedingungen und auf symbolische Formen des sozialen Lebens wie Sprache, Mythos, Religion und Kunst.
1.2. Forschung
Er analysiert die soziale Konstruktion der symbolischer Ordnung, die Sichtweisen, Ordnungsschemata und Vorstellungen, in denen sich die Welt den Menschen darstellt. Sein soziologisches Verständnis steht, nach seinen eigenen Aussagen, in Zusammenhang mit seinem Werdegang:
,,....ich denke, dass der Umstand, an die Eliteschule gekommen zu sein, ohne über den entsprechenden Habitus zu verfügen, zwar Anpassungsschwierigkeiten schafft, einem aber auch in vielerlei Hinsicht die Augen öffnet."3
Feldstudien unter den Kabylen, die in einem nordalgerischen Gebirgszug lebende Berbergesellschaft, führen zu theoretischen Überlegungen, die sein gesamtes späteres Werk durchziehen.
Auf der Suche nach Erklärungen gesellschaftlicher Zusammenhänge lenkt er häufig seinen Blick auf scheinbar Nebensächliches wie Kleidung, Fotografie oder die Eßgewohnheiten. Auf diese Weise schärft er unseren Blick für die vielen, meist unbeachteten, `Nichtigkeiten´4 des Alltags. Er analysiert die den einzelnen Elementen inhärente Struktur, ihre Wertvorstellungen und ihr auf einander bezogen sein. Um das Repertoire kultureller Praktiken, das den Mitgliedern einer sozialen Einheit jeweils gemeinsam ist, mit einem Begriff zu fassen, prägt er den (später genauer erläuterten) Begriff des Habitus5 als zweite, durch Kultur verinnerlichte, Natur des Menschen.
Seine theoretischen Konstrukte und seine methodischen Vorgehensweisen erörtern Zusammenhänge rund um den Themenkreis "Strukturen sozialer Ungleichheit" und die ihnen innewohnenden Herrschaftsbeziehungen. Um diese aufzuzeigen, richtet er seine Untersuchungen auf die verschiedensten gesellschaftlichen Bereiche und Institutionen wie: Soziale Schichten, Bildung, Politik, Familie und Geschlechterrollen.
Vorgefundene Strukturen sind für ihn nicht perse vorhanden, sondern die handelnden Individuen sind es, die diese Strukturen ausmachen und aufrecht erhalten. Daraus resultiert die Frage: Welche gesellschaftlichen Strukturen führen dazu, dass die der Herrschaft Unterworfenen, diese Unterwerfung zulassen, diese anerkennen und auf diese Weise dieselbe mit - konstruieren und reproduzieren.67
2. Der Habitus
"Der Habitus ist Erzeugungsprinzip objektiv klassifizierbarer Formen von Praxis und Klassifikationssystem dieser Formen". 8
Er erzeugt Formen des Verhaltens und der Wertung. Diese entstehen nicht willkürlich, sondern durch Einfluss des sozialen Raumes9. So wie der jedem Individuum inhärente Habitus durch den sozialen Raum strukturiert wird, strukturiert er selbst anhand jener Strukturierung Systeme der Erzeugung von Verhalten (Praxisformen) und Bewertung (Geschmack). Er ist also strukturierte und strukturierende Struktur in einem10. Zwei Punkte lassen sich daraus erkennen:
· Der erste ist, dass der Habitus zwar jedem Individuum inhärent, aber nicht individuell ist. Vielmehr betrifft er anstatt persönlicher Differenzierungen den Grundrahmen, an dem alle Individuen eines gemeinsamen sozialen Raumes zu diesem Raum zugehörig erkennbar sind. Vorausgesetzt natürlich, dass der Beobachter seinen Blick für diese oft wirklich feinen Unterschiede geschult hat.
· Der zweite Punkt ist, dass der Habitus in seiner Eigenart als Struktur nur indirekt durch den daraus entstehenden Ausdruck, doch nicht direkt erkennbar und somit definierbar ist (Ein großes Manko für den Erklärungsansatz). Er ist ein Teil des Unbewussten eines jeden Individuums, somit Teil seines Charakters. Das Erkennen einer Zugehörigkeit findet daher auch nicht bei dem Erleben des eigenen Seins, sondern durch die Erfahrung des Empfindens von Differenz zu anderen statt.
Aus seinen Forschungen zu Klassen wird deutlich, dass die große Übereinstimmung in Verhalten und Geschmack innerhalb gleicher kultureller und ökonomischer Verhältnisse zugunsten eines zumindest sehr starken, anscheinend nicht von individueller Persönlichkeit überarbeiteten gesellschaftlichen Einflusses, inkorporiert als Habitus, entscheidet. Bei dem Habitus geht es nicht darum, ob und wie sich jemand z.B. verhält, sondern ob das Verhalten gemäß den durch den Habitus erzeugten Bewertungsschemata geduldet werden kann. Ein Ausdruck für sich kann also nicht als entscheidendes Kriterium herhalten. Alle Ausdrücke stehen in komplexer Verstrickung zueinander, deren Gesamterscheinung durch ihre Einhaltung von, oder ihren Verstoß gegen, über die Zugehörigkeit entscheidet.
3. Der Mensch als Gefangener der Kultureinflüsse
Bourdieu vertritt die Meinung, das (Menschen, im Aufsatz beschränkt auf männliche-) Autoren immer gefangen sind in dem, was sie zu verstehen glauben. Aus diesem Grund werden männliche Analytiker in ihrer Sicht zum Geschlechterverhältnis immer auch ihre internalisierten Werte und Normen zu diesem Thema mit einfließen lassen. Mit dem Aufsatz Die männliche Herrschaft stützt B. die von feministischer Seite ausgesprochenen Zweifel an der Objektivität der Analysen männlicher Autoren.
Er stellt die Frage: ,, ........, ob nicht der Diskurs des Psychoanalytikers bis in seinen Konzepte und seine Problematik hinein von einem nicht analysierten Unbewussten durchzogen ist, das, ganz wie bei den Analysanten, sein Spiel mit ihm treibt, und zwar gerade mittels seiner theoretischen Wortspiele."11
Er hält es, gestützt auf einige Zitate, u.a. von Freud, für wahrscheinlicher,
dass eine solche feste Institution, wie die des Geschlechterverhältnisses, die über Jahrtausende die Objektivität der sozialen Strukturen und die Subjektivität der mentalen Strukturen durchzieht, ohne es zu wissen, eher rechtfertigt als durchschauen wird.
4. Männliche Herrschaft
Die kulturellen Grundlagen unserer westeuropäischen Gesellschaft finden sich im Wesentlichen im mediteranen Raum wieder. Dieser ist, bis zum heutigen Tag, mit seiner Tradition, im sozialen Miteinander in Kult, Ritual und Mythos auf Männlichkeit ausgerichtet. Die aus dieser Sphäre übernommenen Kulturgüter und Denkschemata haben unbemerkt vom kulturellen Unbewussten importiert. Bezugnahme auf ein solches System bzw. auf dessen Autoren, birgt die Gefahr in sich, Informationen samt Auslassungen, Umformungen und Umdeutungen zu übernehmen und in das hiesige kulturelle Unbewußte12 zu implantieren. Die Griechische Gesellschaft, in der die Vorrangstellung des Maskulinen und die auf Männlichkeit zentrierten Überzeugungen durch Tradition, die Reproduktion der vorhandenen sozialen und kosmologischen Ordnung sichert, ist u.a. auch Quelle psychoanalytischer Interpretationsschemata.
Bourdieu geht davon aus, dass ...."eine phallisch-narzißtische Kosmologie, (auch) unser Unbewusstes beherrscht.13"
Als Teil einer solchen Gesellschaft ist auch der Analytiker Teil des kulturellen Unbewussten und damit (ungewollt) auch Reproduzent dieser sozialen und kosmischen Ordnung. Er meint,
dass Denk- und Wahrnehmungskategorien, welche als Erkenntnismittel verwendet werden, eher als Erkenntnisgegenstände zu behandeln wären, da auch diese der gleichen gesellschaftliche Disposition entspringen.
4.1. Geschlechtsrollenzuschreibung
Die herrschende Sicht der Geschlechtertrennung durchzieht die Gesellschaft, drückt sich in allen Lebensbereichen aus und weckt, - weil subtil, fast unsichtbar und meist nicht hinterfragt, den Eindruck des Natürlichen.
Verwachsen mit seiner Umgebung scheint es unmöglich, diese gesellschaftlich gewachsene Konstruktion in seine Einzelteile aufzulösen und als solche zu erkennen. Es erscheint so als ´normal ` und wird als die `Natur der Dinge´ wahrgenommen.
Die soziale Welt faßt ihre willkürliche ,, gesellschaftlich konstruierte Einteilung der Geschlechter, als natürlich gegeben, als evident und unabwendbar auf.14"
Eine, meist unbewußte, ständige Zuordnung der Dinge, Verhaltensweisen und Aufgaben zu den Geschlechtern ist so fest in unseren Köpfen,
dass sie eine unauflösliche Verknüpfung mit der menschlichen Wahrnehmung eingeht.
Diese Zuordnungen sind nicht neutral, sondern führen zu Wertungen. Klassifizierend vermitteln sie uns ständig eine Hierarchie zugunsten der Männlichkeit, die, weil `normales´ nicht hinterfragt wird, als gegeben akzeptiert wird.
WEIBLICH
Drinnen (Hausfrau)
Privat (Familienfeier) Kinder (Windeln) Verborgen (Schüchtern) Monoton (Selbstgenügsam) Kontinuierlich (Pflege) Schmutzig (WC) Gekrümmt (Buße/Fromm) Feucht (Putzlappen) Subjektiv (Unglaubwürdig) Schwach (Labil) |
MÄNNLICH
Draußen (Beruf)
Offiziell (Politik) Geschäft (Erfolg) Öffentlich (Selbstbewusst) Spektakulär (Bestätigung) Diskontinuierlich (Erlebnis) Sauber (Geld) Aufrecht (Ehre/Wahrheit) Trocken (Bohrmaschine) Objektiv (Glaubwürdig) Stark (Stabil) |
Tabelle frei nach Bourdieu, in: Dölling, I. Krais, B. : Ein alltägliches Spiel Geschlechterkonstruktion in der sozialen Praxis. Suhrkamp Ffm 1997 : Kap. Symbolische Gewalt : ein Zwang durch den Körper
Als ständig mitlaufendes Programm teilen wir alles wie z. B.: Tätigkeiten, Auftreten, Reden, Bewegen etc. in zwei entgegengesetzte, sich ergänzende Formen ein. Bis in die Tugenden hinein vollzieht sich diese Zuteilung, die die Geschlechter zugleich eint und entzweit, komplimentiert und gleichzeitig ausschließt.
4.2. Spiegelungen des Alltagshandeln
Die durch die Handlung ausgelösten Reaktionen der Mitmenschen lassen den Akteur nicht unberührt, spiegeln sein Verhalten wieder und beeinflussen seine späteren Handlungsentscheidungen.
Schon 1895 schrieb Durkheim: "Wenn ich mich geltenden Konventionen der Gesellschaft nicht füge, etwa in meiner Kleidung den Gewohnheiten meines Landes und meiner Klasse keine Rechnung trage, wird die Heiterkeit, die ich errege, und die Distanz, in der man mich hält, auf sanfte Art denselben Erfolg erzielen wie eine eigentliche Strafe.15" Mit anderen Worten: Die Aufsicht der öffentliche Meinung wirkt zwingend wie ein moralisches Gebot auf das Benehmen der Bürger.
Bourdieu weist nun daraufhin, dass wir auf gleicher Weise unsere Rollen im Geschlechterverhältnis immer wieder bestätigen und herausfordern.
An dieser Stelle möchte ich ein Beispiel wiedergeben, wie ich sie häufiger in Gespräche mit Mütter, sowohl zu Mädchen als zu Jungen, zu Ohren bekam:
Ein kleiner Junge trägt liebend gern Rock und mag rotlackierte Fingernägel (wie seine Mutter). Seine Familie macht keine Besonderheit daraus. Spätesten im Grundschulalter, reagiert sein Umfeld mit Unverständnis. Diese Reaktionen, meist verbal, nach der Art: "Du bist doch kein Mädchen!", kränken zutiefst und beeinflussen unweigerlich sein zukünftiges Handeln. Diese Erfahrung wird generalisiert und ab nun ist `weibliches` Verhalten für ihn Tabu.
Bourdieu sieht die Funktion dieser Bildungs- und Erziehungsarbeit auf männlichen Männer und weibliche Frauen hin, in der Verschleierung der Prinzipien androzentrischer Weltsicht. ,,Der gesellschaftlich geformte biologische Körper ist ein politisierter Körper.....16" Mit dem Ziel die Ausdrucksformen der Geschlechter als natürliche Tendenzen wahrzunehmen, um auf diese Weise die Logik des Beherrschens und Unterwerfens zu Gunsten der männliche Herrschaft zu erhalten.
Da diese (meist) unbewusste Denkschemata sich den Zugriff der Selbstreflexion und der Willenskontrolle versperren, ist ein aufbrechen dieser Gesellschaftsstruktur, nach Bourdieu, nicht möglich . Nur wenn der Kreislauf von Anerkennung, Zwang, Nötigung, Zustimmung und Ablehnung überwunden wird, sprich die Menschen diesen erkennen und reflektieren , ist es möglich, diesen Prozess klar zu erfassen. Weil wir die Grundlage der wahrgenommenen Spiegelungen, (Unverständnis auf des Jungens rote Fingernägel) nicht erkennen, bemerken wir auch nicht,
dass die negativen Eigenschaften, die die herrschende Sicht den Frauen zuschreibt, ihnen durch ein Gewaltverhältnis aufgezwungen worden ist.
Fest verankert in unserem Habitus, als Produkt der Inkorporierung dieser Machtbeziehung, bekommt das Geschlechterverhältnis die Kraft des Symbolischen.
4.3. Die Somatisierung der Herrschaftsverhältnisse
Der Habitus ist das Produkt des kollektiven Prägungsprozesses durch Eingewöhnung in die symbolisch strukturierte Welt. Ein scheinbar magischer Vorgang bringt z.B. die passenden Antworten, obwohl sie keineswegs auf einem mobilisierten Bewusstsein basieren, hervor. Die eingeübten üblichen Umgangsweisen verkörpern sich z.B. in dem Boxer, der einem Schlag ausweicht, dem Kind,
dass sein Messer (in der rechten Hand) hält. Dies ist ein Verhalten, welchem sowohl die Realität als auch die Vorstellung von der Realität, zugrunde liegt.
So ist z. B. der Sexismus vermutlich am schwersten zu überwinden, da er eine scheinbare Grundlage in den Erscheinungsformen des Körpers findet. Im Laufe der Jahrtausende alten Vergesellschaftung hat sich die Beziehung zwischen Ursachen und Wirkung umgekehrt. Das vom Körper vermittelte Wissen des
Herrschaftsverhältnisses, bringt die Beherrschten dazu, fortlaufend (ungewollt) an ihren eigenen Unterdrückungen mitzuwirken und stillschweigend, die ihnen auferlegten Grenzen, sogar wenn diese in der Rechtsordnung bereits aufgehoben sind, zu akzeptieren. Das Übertreten der Grenzen wird in den Bereich des Undenkbaren verwiesen.
Typisch `weibliche´ Verhaltensweisen werden, z.B. durch das einer starken Zensur unterworfene Auftreten von Frauen (besonders in der Öffentlichkeit) als habituelle Konstanten, gewährleistet.17 Weil die Somatisierung gesellschaftlicher Verhältnisse einem Einteilungsprinzip folgt, ist jeder imstande, gemäß diesem Prinzip wahrzunehmen und zu unterscheiden. Die Transzendenz des Sozialen verkörpert sich in unserer Gestalt und ist somit in Schicksal verwandelt worden.
4.4. Die gesellschaftliche Konstruktion des Geschlechts
Bourdieu beschränkt sich in seinen Ausführungen auf die Darstellung der unmittelbarsten Mechanismen, die zur geschlechtlichen Differenzierung führen. Geschlechtsidentität macht sich am ehesten an ihren Merkmalen, nämlich am männlichen bzw. weiblichen Körper und im speziellen an ihren Geschlechtsorganen, fest. Die Geschlechtsorgane sind prädestiniert, diese Differenzierung zu symbolisieren. Der Phallus, Symbol des genuin männlichen, ist der Kern aller Klassifikation, die auf dem Unterscheidungsgrund, des biologischen Körpers gründet.
,,Der Vorrang des Männlichen ( in der legitimen Definition der Teilung der geschlechtlichen Arbeit und der geschlechtlichen Arbeitsteilung, in denen der Mann beidemal _den oberen Part_ einnimmt, während die Frau _unten_ ist, wird er offenbar) drängt sich - vermittels des Systems konstitutiver Schemata des Habitus - nahezu unausweichlich auf als Matrix aller Wahrnehmungen, Gedanken und Handlungen sämtlicher Mitglieder der Gesellschaft und als unangefochtenes, weil außerhalb der Bewusstwerdung und der Überprüfung gelegenes Fundament einer androzentrischen Vorstellung von der biologischen und der sozialen Reproduktion."18
Die unanfechtbaren, mit dem ganz normalen Prozess des Sexualaktes einhergehenden natürlichen Eigenschaften, wie das Schwellen und Aufrichten des Phallus oder das Feucht- und Weitwerden der Scheide, werden selektiv mit semantisch passenden Bezügen besetzt. Auf diese Weise werden dem Mann erhebende Merkmale, wie Kraft, Vitalität, Aktivität, Kompetenz u.a. zugewiesen. Der Frau kommen eher abwertende Assoziationen, wie Nachgiebigkeit, Passivität, Mangel, Impotenz im doppelten Sinne u.a. zu.
4.5. Abschließende Gedanken
Bourdieu ist der Meinung, dass wir die fundamentalen Prinzipien der männlichen Herrschaft und die Interessen zu deren Erhalt nicht unterschätzen sollten. Eine Revolution, die darauf zielt, männliche Weltsicht in den Köpfen wie in der Wirklichkeit umzustürzen, müsste sich zugleich gegen allgemeine Herrschaft, - auch die politische Herrschaft, richten, denn:
,,männliche Herrschaft ist das Paradigma aller Herrschaft.". 19
An dieser Stelle möchte ich auf einen Gedanken Canetti′s20 aus seinem Buch Masse und Macht (1960) verweisen. Er erörtert die Unlösbarkeit dieser Machtverhältnisse aus einer etwas anderen Perspektive.
Mit dem Begriff der Doppel-Masse fasst er die gesellschaftliche Zweiteilung in Männer und Frauen ( nicht die biologische!) als sich bedingende und einander am Leben erhaltende Massen. In diesem Zwei-Massen-System bedingt der Machterhalt der einen Seite das Vorhandensein der anderen Seite, auf die sie sich bezieht.
,,Die sicherste und oft die einzige Möglichkeit für die Masse, sich zu erhalten, ist das Vorhandensein einer zweiten Masse (ungefähr gleicher Stärke), auf die sie sich bezieht."21
Was in der logischen Fortführung bedeutet, dass der herrschende Teil auch immer um den Erhalt und das Wohlergehen des Anderen zu seiner Selbst bemüht ist. Dieses `sich sorgen um` hält den Beherrschten bei guter Laune und liefert zugleich Gründe, selbst für die Konservierung dieser Ordnung zu sorgen. (- Die Braut lässt sich in diesem Bündnis gern verschleiern.)
Der häufig vorkommende Vorwurf, Bourdieu würde in seinem Ansatz die Lernprozesse einer Gesellschaft völlig ausklammern, ist meines Erachtens nicht richtig. Er ist (auch sich selbst gegenüber) kritisch und hält es für fast unmöglich, sich aus den Verflechtungen des umgebenden Sozialraums zu entwinden, und diesen objektiv, reflektierend und einflussfrei zu betrachten. Für eine Umgestaltung der Gesellschaft setzt er aufgeklärte, informierte und gebildete Individuen voraus. Doch ganz nach dem Motto: ,,In die Soziologie tritt nur ein, wer die Bande und Verhaftungen löst, die ihn gemeinhin an eine Gruppe binden, wer den Glaubensüberzeugungen abschwört, die unabdingbar sind, um dazuzugehören, wer jegliche Mitgliedschaft oder Abstammung verleugnet"22, stößt auch er an seine Grenzen.
Als Spielerei anmutend ermutigt Bourdieu den Frauen, durch einer Art Revanche, zur Aufklärung des Geschlechterverhältnis beizutragen. Assoziationen, die sich z.B. auf das schlaffe Herunterhängen des Gliedes richten oder auf die Weibliche (Zusatz der Autorin), als den Zeitpunkt bestimmende, schaffende, omnipotente Instanz, können daran erinnern,
dass die Zuschreibungen der Eigenschaften ein Produkt von Herrschaft sind. Um sie einander entgegen zu stellen, möchte er die Willkür und die Parodie dieser Kategorien der legitimierten Kultur aufzeigen.
Vorbei an verschiedenen Kulturen und Sichtweisen macht er einen Exkurs und stellt zynisch die Frage : ,,Und wie sollte der Geschlechtsakt nicht als eine Art Urmatrix, die alles nach dem Prinzip der Männlichkeit einteilt, dienen? Wie die Vagina den verderblichen, unheilvollen Charakter ohne Zweifel den Umstand schuldet,
dass sie ein Loch ist, hohl und unausgefüllt..... [und] den beiden Geschlechtern..... in der gesamten sozialen und darüber hinaus kosmischen Ordnung zugewiesen sind."23
Er kommt zur Schlussfolgerung, dass eine wirkliche Emanzipation mit einem Umsturz der grundlegenden Strukturen einher gehen muss.
Literatur:
Durkheim, Emil
Die Regeln der soziologische Methode.
Suhrkamp Ffm.: 1995
Bourdieu, P.
Die männliche Herrschaft
in: Dölling, I. Krais, B. : Ein alltägliches Spiel
Geschlechterkonstruktion in der sozialen Praxis. Suhrkamp, Ffm.: 1997
Bourdieu, P.
Satz und Gegensatz. Über die Verantwortung des Intellektuellen.
Wagenbach, Berlin: 1989
Bourdieu, P.
Sozialer Raum und Klassen. Zwei Vorlesungen.
Ffm.1985 ( Verweis in Dölling/ Krais )
Bourdieu, P.
Die feinen Unterschiede.
Suhrkamp, Ffm.: 1982
Canetti, E.
Masse und Macht.
Fischer Verl. (25. Aufl.) Ffm. 1999
Treibel, A.
Einführung in soziologische Theorien der Gegenwart.
Opladen 1997
Lexikon zur Soziologie:
Hrsg. Von Werner Fuchs - Heinritz. Westdt. Verl., Opladen: 1995
1 Biografische Daten: vgl. Treibel, A. Einführung in soziologische Theorien der Gegenwart. Opladen 1997 : 200
2 Sammelbezeichnung für verschiedene Theorieansätze, die alle methodisch auf F. de Saussures These zurückgreifen, dass zwischen dem Wort als Ausdruck und als Bedeutung keine natürliche Beziehung bestehe. Phänomene können daher nicht als Einzelerscheinung betrachtet werden, sondern erhalten ihre Bedeutung erst als Elemente eines Systems. Als Vertreter gelten: u.a. C. Lèvi-Strauss, L. Althusser, J. Lacan, R. Barthes. (Nach Lexikon zur Soziologie hrgs. Fuchs- Heinritz u.a. Westdeutscher Verlag, Opladen 1995)
3 Bourdieu, P. Satz und Gegensatz. Über die Verantwortung des Intellektuellen. Berlin: Wagenbach, 1989 :36
4 Treibel, A.: Einführung in soziologische Theorien der Gegenwart. Leske u. Budrich, Opladen 1997 : 200
5 Bourdieu zufolge produzieren Familie, Schule und Kulturindustrie einen für jede soziale Einheit spezifischen Habitus, indem sie für dessen Verinnerlichung seitens der Individuen sorgen, denen dann der Habitus zur zweiten Natur wird. Der Habitus dient der Unterscheidung zwischen verschiedene soziale Einheiten und deren jeweiligen Mitgliedern.
Aus: Lexikon zur Soziologie: Hrsg. Von Werner Fuchs-Heinritz. Opladen: Westdt. Verl. 1995:
6 Vgl. Dölling, I. Krais, B. : Ein alltägliches Spiel Geschlechterkonstruktion in der sozialen Praxis. Suhrkamp Ffm 1997 :10
7 Diese Sicht auf die zwei Seiten der Macht, teilt er mit Norbert Elias und Antony Giddens.
8 Pierre Bourdieu : Die feinen Unterschiede. Suhrkamp Ffm. 1982 : 277
9 den Begriff des sozialen Raumes verwendet er lieber als den Begriff der Klasse für missverständlich hält. B. definiert den Begr. sozialen Raum als die objektiv erfassbaren Lebensbedingungen und die daran gebundene/ darin enthaltene Wertvorstellungen, wie sie jeder Mensch für sich selbst in seinem Lebensraum seit Beginn seiner Wahrnehmung erfährt. Ihm weist B. hohe Bedeutung zu, da er das prägende Element im Heranwachsen eines jeden darstellt er den einen konditionierenden Effekt ausübt. strukturierende Struktur.
Vgl. Pierre Bourdieu : Die feinen Unterschiede Suhrkamp Ffm. 1982 : 279
10 Bourdieu, P. in Dölling, I. Krais, B. : Ein alltägliches Spiel Geschlechterkonstruktion in der sozialen Praxis. Suhrkamp Ffm 1997 : 154
11 Bourdieu, P. in Dölling, I. Krais, B. : Ein alltägliches Spiel Geschlechterkonstruktion in der sozialen Praxis. Suhrkamp Ffm 1997 : 154
12 B. benutzt verschiedene Quellen, wie einen mündlich überlieferten Mythos ( Am Brunnen) und Romane von Virginia Woolf, um dem Leser Zusammenhänge seiner Überlegungen zum hiesigen kulturellen Unbewussten zu erschließen.
13 Bourdieu, P. in: Dölling, I. Krais, B. : Ein alltägliches Spiel Geschlechterkonstruktion in der sozialen Praxis. Suhrkamp Ffm 1997 :156
14 Bourdieu, P. in: Dölling, I. Krais, B. : Ein alltägliches Spiel Geschlechterkonstruktion in der sozialen Praxis. Suhrkamp Ffm 1997 :159
15 Durkheim, Emile.: Die Regeln der soziologische Methode. Suhrkamp Ffm 1995 :106
16 Bourdieu, P. in: Dölling, I. Krais, B. : Ein alltägliches Spiel Geschlechterkonstruktion in der sozialen Praxis. Suhrkamp Ffm 1997 : 186
17 Die einem Akteur gesellschaftlich zuerkannte Kompetenz ist ausschlaggebend für seine Neigung, die entsprechende fachliche Kompetenz zu erwerben, und damit die Chancen, diese tatsächlich zu besitzen. Daher sind Frauen in der Regel seltener als die Männer geneigt, sich die legitimen Kompetenzen zuzurechnen .
Vgl. dazu Bourdieu, P. in: Dölling, I. Krais, B. : Ein alltägliches Spiel Geschlechterkonstruktion in der sozialen Praxis. Suhrkamp Ffm 1997 : 171, 172
18 Bourdieu, P. in: Dölling, I. Krais, B. : Ein alltägliches Spiel Geschlechterkonstruktion in der sozialen Praxis. Suhrkamp Ffm 1997 : 175
19 Bourdieu, P. in: Dölling, I. Krais, B. : Ein alltägliches Spiel Geschlechterkonstruktion in der sozialen Praxis. Suhrkamp Ffm 1997 : 216
20 Canetti, Elias.: Masse und Macht. Fischer Verl. (25. Aufl.) Ffm. 1999 : 71-81
21 Canetti, Elias.: Masse und Macht. Fischer Verl. (25. Aufl.) Ffm. 1999 :71
22 Verweis in: Dölling, I. Krais, B.: Bourdieu, P. Sozialer Raum und Klassen. Zwei Vorlesungen. Ffm.1985 : 50
23 Bourdieu, P. in: Dölling, I. Krais, B. : Ein alltägliches Spiel Geschlechterkonstruktion in der sozialen Praxis. Suhrkamp Ffm 1997 : 182
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Elisabeth Oschkinat, 2000, Männliche Herrschaft, München, GRIN Verlag GmbH
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Ich schlage vor, dass die Redaktion von Hausarbeiten.de derartige Arbeiten mit der Bitte um Korrekturen an den Autoren zurückschickt, bevor sie ins Netz gestellt werden.
am Saturday, May 29, 2004-
Tom Turbo
sehr verständliche Zusammenfassung.
Eine inhaltlich überzeugende Arbeit die als hervorragende Zusammenfassung des doch anfänglich schwer zu verstehenden Textes Bourdieus dient. Um einen schnellen Überblick der "männlichen Herrschaft" zu erhalten ist die Arbeit uneingeschränkt zu empfehlen.
am Saturday, February 16, 2008-