Inhaltsverzeichnis
I. Einleitung 1
II. Einordnung des Textes in das Werk des Autors 1
III. Tillichs Denkmodelle 2
IV. Struktur und Inhalt Tillichs Offenbarungsbegriffes. 3
IV. 1. Offenbarung in Ekstase und Wunder - Eine Definition 3
IV. 2. Kontakt mit dem Seinsgrund durch Offenbarungsmedien 5
IV. 3. Das Verhältnis der Offenbarungen: Originale und abhängige Offenbarung. 6
IV. 4. Die Folge von Offenbarung: Offenbarungserkenntnis 7
IV. 5. Zusammenfassung 7
V. Tillichs Verständnis von aktueller Offenbarung. 8
V. 1. Das Offenbarungskriterium in aktueller und letztgültiger Offenbarung. 8
V. 1. a) Das Kriterium 8
V. 1. b) Das Kriterium als konkreter Offenbarungsinhalt der letztgültigen
Offenbarung 9
V. 2. Vor- und außerchristliche Offenbarung - Teil der Offenbarungsgeschichte 10
V. 3. Die Wirkung der Offenbarung: Erlösung. 11
V. 4. Zusammenfassung. 12
VI. Traditionsbezug 13
VI. 1. Biblischer Bezug 13
VI. 2. Theologie- und philosophiegeschichtliche Bezüge 16
VII. Situationsbezug 17
VIII. Nachwort 19
IX. Literaturverzeichnis und Abkürzungen 21
In dem systematischen Proseminar „Offenbarung - was ist das?“ wurden verschiedene Offenbarungsvorstellungen unterschiedlicher Theologen skizziert. In diesem ausgearbeiteten Referat soll es nun darum gehen, Tillichs Verständnis von Offenbarung, wie er es in seiner „Systematischen Theologie“ darlegt, nachzuzeichnen und sowohl theologische und philosophische als auch situationsbedingte Hintergründe aufzuzeigen, die Tillichs Theologie geprägt haben. Der Interpretation, dem Nachvollziehen des Gedankenganges des Autors, habe ich dabei den meisten Platz eingeräumt, da Tillichs dichte und an philosophischen und theologischen Begriffen reiche Sprache eine genaue, oft satzweise Analyse fordert. Vorangestellt habe ich der Interpretation eine kurze Beschreibung wesentlicher Denkmodelle Tillichs, da mir das zum Verständnis unbedingt notwendig schien. Sowohl der theologie- und philosophiegeschichtliche Bezug als auch der Situationsbezug haben einen eher stichpunktartigen Charakter, da Tillich in seinem besonderen Ansatz so viele unterschiedliche Vorstellungen aufnimmt, daß eine Aufführung und Auswertung aller im Rahmen dieser Arbeit nicht möglich ist. Allerdings denke ich, daß auch eine Auswahl theologischer und philosophischer Bezüge ausreicht, um zu zeigen, daß Tillich keiner „theologischen Schule oder Linie“ zuzuordnen ist, sondern Tillichs Besonderheit in seinem ganz eigenen Weg liegt.
Der Text, der im folgenden analysiert und interpretiert werden soll, um Tillichs Offenbarungsbegriff und sein Verständnis von „aktueller Offenbarung“ darzulegen, ist Teil des ersten Bandes seiner dreibändigen „Systematischen Theologie“, erschienen 1951-1963. Bei diesem letzten großen Werk Tillichs handelt es sich um eine Übersetzung der amerikanischen Ausgabe des Buches „Systematic Theology, Volume I-III“. Da die erste Auflage des ersten Bandes mit sehr vielen Fehlern behaftet war -nach Renate Albrecht und Werner Schüßler nahm der Autor an dieser rund 3000 Änderungen vor 1 - dient mir eine spätere Auflage als Textgrundlage. Seine „Systematische Theologie“ gliedert Tillich in fünf Teile, die jeweils in zwei Abschnitte unterteilt sind. In einem ersten Abschnitt gibt er eine „Analyse der menschlichen Situation, aus der die existentiellen Fragen hervorgehen,
1 Vgl. Gesammelte Werke, Bd. XIV, S. 97.
1
und in einem zweiten zeigt er, „daß die Symbole der christlichen Botschaft die Antworten auf diese Fragen sind“ 2 . Unser Text steht in einem solchen zweiten Abschnitt. Er befindet sich im zweiten Abschnitt des Teiles „Vernunft und Offenbarung“. Somit ist er eine Komponente von Tillichs theologischer Antwort auf die existentiellen Fragen der (erkennenden) Vernunft. Seine Antwort heißt Offenbarung. „Vernunft und Offenbarung“ ist der erste von fünf Teilen, in die Tillich seine „Systematische Theologie“ gegliedert hat. Er kommt darin zu der Erkenntnis, daß „die Vernunft der Offenbarung nicht widerspricht, sondern nach ihr fragt“ 3 und daß die Theologie … theonome Vernunft benutzen [muß], um die christliche Botschaft zu erklären“ 4 . Dies ist eine Grundentscheidung, auf der die folgenden vier Teile „Sein und Gott“, „Die Existenz und der Christus“, „Das Leben und der Geist“ und „Die Geschichte und das Reich Gottes“ aufbauen.
Paul Tillich wählt als Ausgangspunkt seines Denkens die Grenze. Sie „ist der eigentlich fruchtbare Ort der Erkenntnis“ 5 , da sie nicht nur trennt, sondern verbindet. Konkret steht Tillich auf der Grenze zwischen Philosophie und Theologie. In seiner Schrift „Philosophie und Theologie“ bekennt er sich zu einer „philosophischen Theologie“ 6 . Philosophie und Theologie stellen dieselbe Frage, nämlich nach „der Wirklichkeit als solcher“, nach „der Struktur des Seins“ 7 . Allerdings ist der Ausgangspunkt verschieden; während der Theologe vom „theologischen Zirkel“ aus fragt, ist der Standort des Philosophen die reine Vernunft. Beide Gesichtspunkte bringt Tillich im jeweils ersten Abschnitt seiner fünf Teile in Korrelation, in Beziehung. Hat er so die menschliche Existenz, die Situation des Menschen aus philosophischer und theologischer Sicht beschrieben, setzt er sie mit der christlichen Botschaft in Korrelation. Diese „Methode der Korrelation“ drückt sich aus in einer Beziehung von Frage und Antwort: Die menschliche Situation stellt eine existentielle Frage, auf die Tillich eine theologische Antwort gibt. Er versucht, „mit dieser Methode Botschaft und Situation zu vereinigen“ 8 . Seine theologische Antwort gibt Tillich aus dem „theologischen Zirkel“ heraus. Der Mittelpunkt dieses „theologischen Zirkels“ ist „die
2 Systematische Theologie, Bd. 1, S. 76.
3 Systematische Theologie, Bd. 1, S. 113. Vgl. auch dort.
4 Systematische Theologie, Bd. 1, S. 184.
5 PAUL TILLICH: Auf der Grenze, S. 13.
6 Gesammelte Werke, Bd. V, S. 110.
7 Systematische Theologie, Bd. 1, S. 29.
2
Manifestation des universalen Logos in dem Christus“ 9 . Das heißt, „er ist als Theologe nicht … von seinem Gegenstand distanziert“, sondern er hat schon von der christlichen Botschaft gehört, als Theologe ist er „seinem Gegenstand, dem christlichen Apriori, verpflichtet“ 10 .
IV.1. Offenbarung in Ekstase und Wunder - Eine Definition
Bevor Tillich beginnt, sein Verständnis von Offenbarung darzulegen, stellt er die Methode vor, nach der er verfahren wird, die Methode der „kritischen Phänomenologie“. Während die „reine Phänomenologie“ ein beliebiges Beispiel eines Phänomens untersucht und von diesem auf die Gesamtheit des Phänomens schließt, schaltet Tillich bei der Auswahl des Beispiels ein „existentiell-kritisches Element“ ein, da „der phänomenologischen Intuition verschiedene und vielleicht einander widersprechende Beispiele von Offenbarung begegnen“ 11 können. Das existentiell-kritische Element besteht in einer „Offenbarung, die man empfangen hat und die man für die vollkommene Offenbarung hält“ 12 , was zu einer kritischen Beurteilung anderer Offenbarungen führt.
Nun beginnt Tillich mit der Entwicklung seines Offenbarungsbegriffes. Den Anfang bildet die Definition des Wortes „Offenbarung“. Offenbarung ist danach nichts, was der Mensch mit seiner Vernunft auf irgendeinem Erkenntnisweg jetzt oder in Zukunft von sich aus erkennen kann, also nichts, was zu seiner Wirklichkeitsstruktur gehört. Offenbarung ist vielmehr die „Manifestation von etwas Verborgenem“ 13 , eines Mysteriums. Das Mysterium ist wesenhaft verborgen. Das heißt, es ist einerseits unterschieden von unserer Wirklichkeitsstruktur und kann andererseits „seinen Geheimnischarakter nicht verlieren, auch wenn es offenbart ist“ 14 . Dieses Mysterium hat eine negative und eine positive Seite. Die negative Seite ist, daß es dort -und zwar nur dort- erscheint, wo der Mensch nach dem Sinn des Seins fragt, wo er fragt, warum etwas ist und warum nicht Nichts ist („Abgrund“). Hier erscheint die positive Seite des Mysteriums. Denn „es erscheint als die
8 Systematische Theologie, Bd. 1, S. 15.
9 Systematische Theologie, Bd. 1, S. 14.
10 INGEBORG C. HENEL: Philosophie und Theologie, S. 14.
11 Systematische Theologie, Bd. 1, S. 130.
12 Systematische Theologie, Bd. 1, S. 130.
13 Systematische Theologie, Bd. 1, S. 131.
14 Systematische Theologie, Bd. 1, S. 132.
3
Macht des Seins, die das Nicht-Sein überwindet“ 15 („Grund“). Es muß uns demzufolge unbedingt angehen. Auf diesem Hintergrund kann Tillich zu der Aussage kommen: „Offenbarung ist die Manifestation dessen, was uns unbedingt angeht. Das Mysterium, das offenbart wird, geht uns deshalb unbedingt an, weil es der Grund unseres Seins ist.“ 16 Eine „Offenbarung überhaupt“ kann es nicht geben, da Offenbarung sich nur in der konkreten Situation des betroffenen Erkennens von Grund und Abgrund des Seins ereignet. Außerhalb dieser „konkreten Situation unbedingten Betroffenseins“ handelt es sich lediglich um „Berichte von Offenbarungen“ 17 Doch auch in einer konkreten Situation geschieht Offenbarung nicht zwangsläufig, sondern ist von zwei Bedingungen abhängig: Einerseits muß ein Ereignis die Offenbarung vermitteln (objektive Seite), andererseits muß die Offenbarung aufgenommen werden (subjektive Seite). Die Form der objektiven Seite ist das Wunder, die der subjektiven Seite die Ekstase.
Nachdem Tillich Offenbarung als „Manifestation dessen, was uns unbedingt angeht, … weil es der Grund unseres Seins ist“, definiert und bei dem Offenbarungsereignis eine subjektive und eine objektive Seite unterschieden hat, bestimmt er nun sowohl das Verhältnis von Offenbarung und Ekstase als auch von Offenbarung und Wunder näher. Ekstase ist ein Bewußtseinszustand, in dem „das Bewußtsein seinen gewohnten Zustand transzendiert“ 18 . Deshalb kann erst und nur im Zustand der Ekstase die Offenbarung etwas wesenhaft Verborgenen aufgenommen werden. Ekstase bedeutet das Erleben sowohl eines „ontologischen Schocks“ als auch von Inspiration. Der ontologische Schock, die „vernichtende Macht der göttlichen Gegenwart“ 19 , wird ausgelöst durch die Bedrohung durch das Nichtsein, den Seinsabgrund. Die Inspiration wird durch die Begegnung mit dem Seinsgrund hervorgerufen, durch die Erkenntnis, daß Nichtsein nur negiertes Sein und damit abhängig vom Sein ist. Inspiration eröffnet die Möglichkeit mittels „Intuition“ oder in „schöpferischer Stimmung“ Verständnis für das Mysterium des Seins zu gewinnen. Die objektive Seite der Offenbarung ereignet sich als Wunder, als etwas, „was Verwunderung erregt“ 20 , allerdings ohne die Naturgesetze zu durchbrechen. Würde nämlich die Offenbarung, die Manifestation des Seinsgrundes die Naturgesetze durchbrechen, dann zerstörte sie somit die Struktur des Seins. Ein Wunder ist vielmehr ein „zeichengebendes
15 Systematische Theologie, Bd. 1, S. 133/134.
16 Systematische Theologie, Bd. 1, S. 134.
17 Systematische Theologie, Bd. 1, S. 134.
18 Systematische Theologie, Bd. 1, S. 135.
19 Systematische Theologie, Bd. 1, S. 137.
20 Systematische Theologie, Bd. 1, S. 139.
4
Ereignis“, da es auf das Seinsgeheimnis hinweist. Es erregt Staunen und Erschüttern und wird in Ekstase erfahren.
Mit dem Ende dieses Kapitels ist die Definition des Begriffes „Offenbarung“ abgeschlossen. In einem ersten theoretischen Teil wurde Offenbarung als Manifestation des Seinsgrundes beschrieben, in einem zweiten phänomenologischen stellte Tillich die erfahrbaren Merkmale von Offenbarung dar: Ekstase und Wunder. Im Mittelpunkt des zweiten Kapitels steht nun die Frage: Wie erreicht uns die Offenbarung? Wie wird sie zu uns übertragen?
IV.2. Kontakt mit dem Seinsgrund durch Offenbarungsmedien
Alles kann Träger des Seinsgeheimnisses sein, antwortet Tillich auf oben gestellte Frage. Denn jedes Ding und jedes Ereignis wurzelt im Seinsgrund, ist mit diesem verbunden, und kann deshalb in Offenbarungskorrelation, in Korrelation von Ekstase und Wunder, eintreten, um dort zum Medium der Offenbarung zu werden. Paul Tillich beschreibt im folgenden in drei Schritten (1) die Natur, (2) Geschichte, Gruppen und Individuen und (3) das Wort als Medien der Offenbarung. (1) Naturobjekte, wie Sterne, Pflanzen, Seele des Menschen…, können ebenso wie Naturereignisse, zum Beispiel Himmelsbewegungen, Naturkatastrophen, Geburt und Tod…, Medien der Offenbarung werden. Dabei wird der materielle Zusammenhang des Gegenstandes nicht zerstört. Aber die in jedem Gegenstand verborgene Möglichkeit, „auf etwas hinzuweisen, was nicht seiner Bedingtheit angehört“ 21 , wird zur Wirklichkeit, sofern ein solches Medium in Offenbarungskorrelation steht. (2) „Geschichtliche Offenbarung ist nicht Offenbarung in … sondern durch [Kursiv im Original - R. L.] die Geschichte.“ 22 Der Mensch ist ein geschichtliches Wesen, weshalb sich jede Offenbarung in der Geschichte ereignet. Geschichte an sich hat dann Offenbarungsqualität, wenn ein Ereignis oder eine Abfolge von Ereignissen in ekstatischem Zustand als Wunder erfahren oder als göttliches Gericht bzw. Verheißung gedeutet werden. „In Verbindung mit historischen Ereignissen von
Offenbarungscharakter“ 23 können Gruppen, die ihr historisches Schicksal ekstatisch erleben oder Personen, deren Leben zu einem zeichengebenden Ereignis für andere wird, Medien der Offenbarung werden, wenn sie darin transparent für den Seinsgrund sind.
21 Gesammelte Werke, Bd. VIII, S. 35.
22 Systematische Theologie, Bd. 1, S. 145.
23 Systematische Theologie, Bd. 1, S. 146.
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Robert Mahling, 1996, Darstellung des Offenbarungsverständnisses Paul Tillichs, München, GRIN Verlag GmbH
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