Ungeheuer und Platon.......................................17 4.1 Parallelen bei dem Ausdrucksschema von Ungeheuer und dem bei Platon.....................................19 4.2 Parallelen bei dem Eindrucksschema von Ungeheuer und dem bei Platon.....................................21
5. Zusammenfassung............................................30
6. Literaturverzeichnis.......................................32
1. Einleitung
Diese Zwischenprüfung beschäftigt sich insbesondere mit den Parallelen des Aus- und Eindrucksschemas der Kommunikation bei G. Ungeheuer und bei Platon, denn beide Autoren haben sowohl ein Auswie auch ein Eindrucksschema skizziert.
Es soll herausgearbeitet werden, in welchem Umfang die beiden Kommunikationsschemata bei Ungeheuer und bei Platon übereinstimmen, und in welchen Teilen sie voneinander abweichen (wobei mein Hauptinteresse dem Ersteren gilt).
Ziel dieser Zwischenprüfung kann es folglich nur sein, kommunika- tionstheoretische Ähnlichkeiten zwischen Ungeheuer und Platon
aufzudecken, mit besonderer Ausrichtung auf das Aus- und Eindrucksschema der Kommunikation.
Anmerkend ist noch zu sagen, daß ich in dieser Zwischenprüfung eine Vielzahl von Zitaten verwenden werde, um den Ansprüchen an einen wissenschaftlichen Text gerecht zu werden. Sollte beim Leser der 'Eindruck' entstehen, ich hätte es mit der Anzahl und dem Umfang der Zitate etwas zu gut gemeint, so verweise ich auf den Umfang der Zitate in dem Maieutik-Aufsatz und zitiere aus ihm: "...(ich mag mich täuschen und einiges übersehen, aber nach längerem Umgang mit der Literatur fördert das Netzwerk der Zitate und Verweise das Wichtigste zutage)." (Ungeheuer 1990: 446)
1.1 Einleitende Worte zu Gerold Ungeheuer
G. Ungeheuer (1930-1982) studierte Physik und Nachrichtentechnik (Dipl.Ing.) an der Th Karlsruhe und anschließend Phonetik und Kommunikationsforschung (Dr.phil.) an der Universität Bonn. 1967 übernahm er die Leitung des Institutes für Phonetik und Kommunikationsforschung, das auf seine Veranlassung dann in Institut für Kommunikationsforschung und Phonetik unbenannt wurde (Lenke/Lutz/Sprenger 1995: 68). Zu seinen Lebzeiten schrieb er viele kritische Texte, die sein Wissen über linguistische, semiotische und psychologische Aspekte deutlich machen. In 40 Jahren Forschungsarbeit verfaßte G. Ungeheuer weit über 100 Texte, Auf-
sätze und Ausarbeitungen. Die für uns wichtigste Quelle um Informationen über das Aus- und Eindrucksschema der Kommunikation bei Ungeheuer zu erhalten, ist der in den "Kommunikationstheoretische Schriften I: Sprechen, Mitteilen, Verstehen" veröffentlichte Aufsatz "Vor-Urteile über Sprechen, Mitteilen, Verstehen". Dieser Aufsatz stellt nach H.G. Soeffner und T. Luckmann "wohl die beste Einführung" in Ungeheuers Werk dar (Soeffner/Luckmann 1987: 342). Darüber hinaus grenzt Ungeheuer in diesem Aufsatz die beiden für uns besonders interessanten Kommunikationsschemata voneinander ab.
1.2 Einleitende Worte zu Platon
Platon (427-347 v.Chr.) war griechischer Philosoph und Schüler des Sokrates. Er wird als einer der bedeutendsten Philosophen der griechischen Antike bezeichnet. Nahezu alle seine der Nachwelt hinterlassenen Texte hat er in Dialogform verfaßt, wobei heutzutage seine Dialoge in Frühe, Mittlere und Späte eingeteilt werden. Seine Dialoge beschäftigen sich mit erkenntnistheoretischen, ethischen, politischen und naturphilosophischen Fragestellungen. Uns interessieren vor allem die beiden Dialoge "Theaitetos" und "Phaidros", in denen Platon ein Ausdrucks- und ein Eindrucksschema der Kommunikation entwirft. Der Dialog "Theaitetos" gehört zu den späteren Dialogen, während der Dialog "Phaidros" den Mittleren zugeordnet wird (vgl. Platon 1994 Bd3: 9). Um die Relevanz dieses bedeutenden Philosophen für die Wissenschaften nach ihm hervorzuheben, sei nur auf die Worte von A.N. Whitehead verwiesen, der alle abendländische Philosophie als "Fußnoten zu Platon" versteht (Kunzemann/Burkard/Wiedemann 1995: 39).
2. Das Ausdrucks- und Eindrucksschema bei G.Ungeheuer
G.Ungeheuer verweist in seinem 1982 geschriebenen Aufsatz "Vor-Urteile über Sprechen, Mitteilen, Verstehen" auf ein Ausdruck- und ein Eindrucksschema der Kommunikation.
Um ein Vorverständnis zu erzeugen, möchte ich einleitend die beiden Schemata skizzenhaft gegeneinander abgrenzen. Das Ausdrucksschema, daß Ungeheuer erwähnt, stellt den Begriff "Ausdruck" in den Mittelpunkt des Kommunikationsgeschehens. Dabei rückt aber auch der Sprecher in den Mittelpunkt, da er ja den Ausdruck verursacht. Dem Hörer wird keine oder nur wenig Aufmerksamkeit geschenkt. Er hat das "Ausgedrückte" aufzunehmen und zu verstehen. Die Kommunikationshandlung zerfällt in Sprecherhandlung auf der einen und Hörerverhalten auf der anderen Seite. Im Eindrucksmodell versucht nun Ungeheuer, den Blick weg vom Sprecher und hin zum Hörer zu lenken. Hier wird die Hörerleistung, Bedeutung mit Hilfe eines Planes überhaupt erst zu rekonstruieren, hervorgehoben, da das Hauptaugenmerk auf den Handlungen des Hörers liegt. Dennoch zerfällt die kommunikative Handlung nicht in Partialhandlungen, da Sprecher und Hörer gemeinsam handeln und die Handlung des einen die Handlung des anderen bedingt.
2.1 Das Ausdrucksschema bei G.Ungeheuer
Im oben genannten "Vor-Urteile" Aufsatz beschreibt Gerold Ungeheuer die Tatsache, daß in alle wissenschaftlichen Theorien Vor-Urteile und Vor-Entscheidungen eingehen, die es offenzulegen
und explizit zu machen gilt. Als Beispiel für ein Vor-Urteil oder eine Vor-Entscheidung einer Theorie, die sich in irgend einer Weise mit dem Phänomen Kommunikation beschäftigt, nennt er die Auffassung, daß sich die Funktionsweise von Kommunikation in einem Ausdrucksschema beschreiben läßt. Dieses Vor-Urteil legt uns nach Ungeheuer unsere Sprache nahe und wird von ihm als "geläufiges Denkschema des Alltagsbewußtseins" beschrieben, daß in allen modernen indo-germanischen Sprachen anzutreffen ist (Ungeheuer 1987: 294). Dem Ausdrucksschema folgend drückt sich der Sprecher aus, während dem Hörer lediglich die Aufgabe zukommt, die ausgedrückte Äußerung zu verstehen (oder auch nicht). Und da der Begriff "Ausdruck" eine besonders wichtige Rolle in diesem Schema spielt, steht der Sprecher im Mittelpunkt des Kommunikationsgeschehens.
"..., daß in diesem, in unserer Sprache und in unserem Sprechen vorgegebenen Modell von Kommunikation diejenige Größe dominiert, die Ausdruck heißt."(Ungeheuer 1987: 294). "...und, da der Sprecher den sprachlichen Ausdruck verursacht, rückt er in den Mittelpunkt der Aufmerksamkeit,..." (Ungheuer 1987: 294).
Der Hörer nimmt eher eine passive, untergeordnete Rolle ein. Danach zerfällt nach Ungeheuer der Kommunikationsakt in zwei Indi-vidualhandlungen, des Sprechers auf der einen und des Hörers auf der anderen Seite, wobei in diesem Schema dem Sprecher mehr Aufmerksamkeit als dem Hörer geschenkt wird. "Dementsprechend zerfällt die kommunikative Sozialhandlung in zwei partielle Individualhandlungen,..."(Ungeheuer 1987: 294) Interessant ist auch der Aspekt den Ungeheuer andeutet, daß das Ausdrucksschema so ziemlich allen Untersuchungen, die sich mit dem Phänomen Kommunikation beschäftigen, zugrunde liegt. Hier wird die
Tragweite dieses Vor-Urteils deutlich, das uns unsere Sprache nahelegt.
2.2 Das Eindrucksschema bei G.Ungeheuer
Ungeheuer möchte in seinem "Vor-Urteile"-Aufsatz nun ein Eindrucksschema der Kommunikation skizzieren, daß nach seinen Aussagen nichts völlig Neues ist, sondern einer Denktradition der Geistesgeschichte folgt. Dieses Modell der Eindruckskommunikation stellt er dem Ausdrucksschema gegenüber. Vorab beschreibt Ungeheuer die Problematik, das Eindrucksschema der Kommunikation sprachlich darzustellen, da unsere Sprache sehr gut für die Darstellung des Ausdrucksschemas geeignet ist, bezeichende, beschreibende und erklärende Worte für ein Eindrucksschema aber weitgehend fehlen (vgl. Ungeheuer 1987: 294). Im Gegensatz zum Ausdrucksmodell der Kommunikation steht beim Eindrucksmodell der Sprecher nicht im Vordergrund, sondern wird bestenfalls gleichbedeutend zum Hörer behandelt. "Es ist jedoch deutlich, daß im Modell der Eindruckskommunikation der Hörer in den Vordergrund rückt, er mindestens aber in seiner kommunikativen Tätigkeit gleichrangig mit dem Sprecher behandelt werden muß." (Ungeheuer 1987: 294ff.). Eine kommunikative Handlung eines Sprechers kann nicht,wie im Ausdrucksschema mit dem Begriff "Ausdruck" vollständig beschrieben werden, sondern stellt sich nach Ungeheuer als Versuch dar, einen bestimmten Eindruck beim Hörer hervorzurufen.
"Denn hier handelt der Sprecher kommunikativ, indem er einen "Eindruck" beim oder im oder für den Hörer hervorbringt. Dieser "Eindruck" aber kann nur entstehen, wenn der Hörer das vom Sprecher Hervorgebrachte durch eigene Tätigkeit zu seinem "Eindruck" gemacht hat." (Ungeheuer 1987: 295). Da der Sprecher aber auch auf die Mitarbeit des Hörers angewiesen ist, der nämlich das vom Sprecher geäußert zu seinen Eindruck machen muß, zerfällt die kommunikative Handlung nicht in zwei In-dividualhandlungen (Ungeheuer 1987: 295). Der Hörer verhält sich in diesem Schema nicht passiv und nimmt nur auf, was der Sprecher äußert, sondern er ist eine aktive Größe im Kommunikationsprozeß und übernimmt keine Bedeutung, sondern konstruiert sie unter Anleitung des Sprechers.
"Da jedoch der jeweils das Thema der Kommunikation Inaugurierende gewissermaßen auffordert,in dieser Phase sich auf seine Gedanken einzulassen, kann im Hinblick auf ihn von einer kommunikativen Seelensteuerung gesprochen werden, kommunikative Psychagogie angenommen werden." (Ungeheuer 1969: 252). Das Eindrucksschema folgt nach Ungeheuer einer Denktradition der Geistesgeschichte, die sich aus der jahrhundertelangen Auseinandersetzung mit Bestandteilen des Phänomens Kommunikation entwickelt hat.
"In der jahrhundertelangen Auseinandersetzung um die Konzeptionen von Sprechen, Mitteilen und Verstehen, um Sprache und Kommunikation tauchen auch Ideen auf, die durchaus mit dem Eindrucks-Schema zu verbinden sind oder dessen Grundlage abgeben können." (Ungeheuer 1987: 295). Ungeheuer versucht die Grundlagen und Konzeptionen, die dem Eindrucksschema zugrunde liegen, in der Geistesgeschichte zu veror- ten, indem er sie bestimmten Autoren und Denkern zuordnet, von
denen er annimmt, sie hätten die Denktradition maßgeblich mitgestaltet. Das leitet zum nächsten Kapitel über, in dem ich einen dieser Denker und seine Konzeption von Sprechen, Mitteilen und Verstehen darstellen möchte.
3. Das Ausdrucks- und das Eindrucksschema
in den platonischen Dialogen
3.1 Ungeheuers Verweis auf Platon
Ungeheuer fordert in seinem Vor-Urteile-Aufsatz einen Beginn der Betrachtung der beiden Kommunikationsschemata bei Platon, da Platon beide Schemata beschrieben hat. "Bei Platon muß begonnen werden, denn bei ihm überlagern sich "Ausdrucks-" und "Eindrucksschema" mit gleicher Stärke." (Ungeheuer 1987: 296).
Ungeheuer gibt als Beginn der Rede vom Ausdruck den platonischen Spätdialog Theaitetos an, unter besonderer Berücksichtigung der Textstelle 206d1-5, während er das Eindrucksschema im mittleren Dialog Phaidros verortet.
3.2 Sokrates und Platon
Bevor wir uns mit den platonischen Dialogen beschäftigen, sollte die Frage aufgeworfen werden, wessen philosophische Position wir überhaupt betrachten, wenn wir uns den platonischen Dialogen zu-
wenden. Denn in fast allen platonischen Dialogen ist Sokrates, der Lehrer Platons, der Träger des Gespräches. "Diese Dialoge sind Gespräche, und Sokrates ist der Träger des Gespräches." (Martin 1967: 9). Die erkenntnistheoretischen Positionen von Platon und Sokrates stimmen aber mit hoher Wahrscheinlichkeit nicht überein. Hieraus ergibt sich nun das Problem, zuzuordnen, was zu der erkenntnis-theoretischen Position von Platon und was zu der von Sokrates gehört, da Platon fast immer Sokrates für sich sprechen läßt. "Sie ist aber schon in sich problematisch, weil (wir wiesen schon darauf hin) fast in sämtlichen Dialogen Platons Sokrates der Hauptsprecher ist, so daß Platon nahezu alles, was er sagt, durch Sokrates sagen läßt." (Martin 1967: 11). Die Lösung dieses Problems findet auch in der Fachwelt nicht einheitlich statt, da die Ansichten der Sachkenner stark auseinandergehen. Nach G.Martin gibt es drei Meinungen darüber. (vgl. Martin 1967: 11ff.).
1) Den in den platonischen Dialogen dargestellte Sokrates hat es so nie gegeben. Er ist eine dichterische Figur. Demnach wären die in den platonischen Dialogen gewonnen Erkenntnisse Platon zuzuschreiben. 2) Eine zweite Position erklärt, daß alles, was Platon durch Sokrates sagen läßt, als eine historisches Darstellung des Sokrates betrachtet werden muß. 3) Eine dritte Position vertritt die Meinung, daß an vielen Stellen der Dialoge Platon seine eigene Meinung durch Sokrates aussprechen läßt, an anderen Stellen wiederum historisch über seinen Lehrer Sokrates be- richtet.
Da wir dieses historische Problem hier nicht lösen können, bleibt mir nur die Möglichkeit, mich für eine der drei verschiedenen Positionen zu entscheiden. Daher möchte ich mich der dritten Position anschließen, die auch F. Schleiermacher vertritt (vgl. Schleiermacher 1938: 293ff.).
Dieser etwas längerer Diskurs diente einzig und alleine dem Zweck, den Leser um Nachsicht zu bitten, wenn in Zusammenhang mit Textstellten der platonischen Dialoge nicht eindeutig von mir ausgeführt wird, ob die beiden Kommunikationsschemata Sokrates oder Platon zugeordnet werden. Und da Ungeheuer sie ohne weitere Diskussion im Vor-Urteile Aufsatz Platon zugeordnet hat, möchte ich dies auch tun.
3.3 Das Ausdrucksschema bei Platon
Im Dialog Theaitetos ist der Gegenstand der Untersuchung die Frage: "Was ist Wissen?" (vgl. Bonitz 1968: 82). Der vollständige Verlauf des Dialoges ist für unsere Betrachtungsweise nicht von relevanter Bedeutung, da es Ungeheuer darum geht, Vor-Urteile von Sprechen, Mitteilen und Verstehen bei Platon aufzudecken, und nicht die Frage zu diskutieren, was Erkenntnis bzw. Wissen ist. Daher beschränken wir uns bei der Betrachtung des Dialoges Theaitetos auf die Analyse des Dialogteiles 206d1-5, die Textstelle, auf die auch Ungeheuer in seinem "Vor-Urteile"-Aufsatz verwiesen hat und skizzieren den unmittelbaren Zusammenhang kurz.
Sokrates diskutiert mit Theaitetos über die von Letzterem geäu-
ßerte These "Erkenntnis ist richtige Vorstellung verbunden mit Erklärung" (Platon 1994 Bd.3: 237, 201c10). 1 Um diese These zu prüfen, fragt Sokrates, wie Theaitetos den Begriff "Logos" (Erklärung) meint, da es nach Sokrates drei Möglichkeiten der Betrachtung des Begriffes gibt. (Platon 1994 Bd.3: 245, 206c8). Die erste dieser drei Möglichkeiten, die Sokrates im Folgenden des Dialoges erläutert (Platon 1994 Bd.3: 245, 206d1-5), ist für uns von besonderem Interesse, da Ungeheuer in seinem "Vor-Urteile" -Aufsatz auf sie verwiesen hat (vgl. Ungeheuer 1987: 296). Als erste Bedeutungsmöglichkeit des Begriffes "Logos" ist nach Bonitz das Aussprechen in Worten gemeint (Bonitz 1968: 65). H. Gaus beschreibt die erste Deutungsmöglichkeit als "rein sprachliche Formulierung eines Gedankens in Worten..."(Gauss 1960: 104). Peipers bezeichnet die erste Deutung des Begriffes Logos als gesprochene Rede (Peipers 1979: 153). Dieser ersten Bedeutungsmöglichkeit des Logos kommt im weiteren Verlauf des Dialoges keine große Relevanz zu (Peipers 1979: 153). Auch H. Gaus führt aus, daß die erste Deutung des "Logos" im Dialog verworfen wird, wenn Platon in der Textstelle 206d1-7 sie explizit bezweifelt. "Denn wahrscheinlich hat er nicht dies gemeint." (Platon 1994: 245, 206e7-8).
Dennoch kann man dieser Deutung des Logos ein ausdrucksschematisches Verständnis von Kommunikation bei Platon entnehmen. Ungeheuer tut dies in seinem "Vor-Urteile" - Aufsatz mit den Worten.
"Den Beginn der Rede vom "Ausdruck" findet man etwa Theaitetos 206d1-5,..." (Ungeheuer 1987: 296).
Weil uns aber die philosophischen Platon-Kommentare in dieser Hinsicht nicht weiterbringen, werde ich im Folgenden versuchen, die
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1 Die Verweise auf die Quellen der Platon Zitate sind sowohl mit
Seitenzahlen als auch mit der üblichen Durchnummerierung der platonischen Dialoge angegeben. Da aber die Durchnummerierung meiner Platon Texte (vgl. Platon 1994) mit der ursprünglich richtungsweisenden Durchnummerierung der lateinischen Burnet Ausgabe (Platonis Opera) an manchen Stellen nicht übereinstimmt, ist mit geringfügigen Abweichungen zu rechnen. von Ungeheuer im "Vor-Urteile" - Aufsatz erwähnte Textpassage im Theaitetos aus kommunikationswissenschaftlicher Sicht zu beleuchten, unter besonderer Berücksichtigung der Kommunikationstheorie von G. Ungeheuer. In dieser Textpassage soll zwar von Platon nicht das Phänomen Kommunikation, sondern der Begriff "Logos" (Erklärung) gedeutet und erläutert werden. Dennoch werden hier bestimmte Vor-Urteile und Vor-Entscheidungen von Platons Auffassung über Kommunikation deutlich. Allerdings sind diese Vor-Urteile nur unter der Prämisse Platon zuzurechnen, daß sie auch seinem Standpunkt zugrunde liegen. In dem Fall, daß Platon nur eine Begriffsbestimmung der Begriffes "Logos" referiert, wie das in den platonischen Dialogen ja häufig vorkommt, würde es fraglich, ob Platon überhaupt als Begründer oder Vertreter des Ausdrucksschemas genannt werden kann. Denn dann muß diese Begriffsbestimmung ja nicht Platons Meinung entsprechen. Da wir diese Frage aber nicht klären können, denn auch D. Peipers kommt bei diesem Aspekt nicht über Spekulationen hinaus (Peipers 1979: 153), gehen wir zunächst einmal davon aus, daß Platon in der Textstelle 206d1-5 seine Meinung wiedergibt und nicht eine Fremde referiert. Zur genaueren Analyse zitiere ich die entscheidende Textstelle aus dem Dialog Theaitetos hier.
"Sokrates:Das erste wäre dieses, daß man überhaupt seine Gedanken durch die Stimme vermittels der Haupt- und Zeitwörter deutlich macht,indem man seine Vorstellung,wie im Spiegel oder im Wasser,so in dieser Ausströmung des Mundes ausdrückt." (Platon 1994 Bd.3: 245, 206d1-5). Diese Textpassage könnten man in folgenden Argumente (A1-A4) zerlegen:
A1 (206d1-2): Vorstellungen werden durch die Stimme deutlich gemacht
A2 (206d2-3): Die Verdeutlichung der Vorstellungen findet mit Hilfe von Haupt- und Zeitwörtern statt A3 (206d3-4): Die Vorstellungen werden in die Ausströmung des Mundes gedrückt
A4 (206d3-4): Die Vorstellung werden durch die von der Stimme verursachte Ausströmung des Mundes herausgedrückt
Um sich nach Platon erklären zu können müssen bei einem Menschen folgende Voraussetzungen (V1-V4) vorhanden sein. Man benötigt V1) eine Vorstellung V2) eine Stimme
V3) Haupt- und Zeitwörter (Substantive und Verben) V4) die Fähigkeit, die Vorstellung mit Hilfe der Haupt- und Zeitwörter in die von der Stimme verursachte Ausströmung des Mundes zu drücken
Aus den hier aufgezählten Argumenten und Voraussetzungen ergeben
sich für die erste Auffassung des Begriffes Erklärung (Logos) und implizit für Platons Verständnis von Kommunikation folgende Konsequenzen, sofern man Kommunikation nur mit dem Ausdrucksschema beschreiben will und nicht, wie M. Hanke es fordert, den Kommunikationsprozess unter Berücksichtigung sowohl des Ausdrucks- als auch des Eindrucksschemas betrachtet.
"Eindruck und Ausdruck müssen zusammengenommen werden, um so im Theorieansatz die kommunikative Sozialhandlung zu erhalten und diese nicht personenbezogene Partialhandlungen zerfallen zu lassen." (Hanke 1996: 23).
K1) Gedanken und Vorstellung eines Menschen können mit der Stimme und Benutzung von Haupt- und Zeitwörtern anderen Menschen gegeben werden. (Das ein Hörer in einem Kommunikationsprozess in hohem Maße kreativ vorgeht und an der Konstitution der Vorstellungen in entscheidender Weise mitbeteiligt ist, ist dem in 206d1-5 dargestellten Ausdrucksschema nicht zu entnehmen.)
K2) Überhaupt scheint es in diesem Ausdrucksmodell möglich zu sein, Vorstellung in Worte und Schall "hineinzupressen". Man drückt die Vorstellung mit der Stimme aus sich heraus. K3) Gedanken können nur verbal vermittelt werden. Mit nonverbaler Kommunikation können keine Gedanken vermittelt werden. Demnach können Taubstumme keine Gedanken vermitteln und somit nicht kommunizieren. Da sie dies aber nun mal doch können, benötigen die Menschen zur Gedankenvermittlung weder eine Stimme, noch Substantive und Verben.
K4) Ein Mensch kann sich auch durchaus erklären und mit anderen Menschen kommunizieren, wenn er nur seine Stimme und Substantive verwendet. Wenn ein Kleinkind das Wort "Hunger" äußert, wird auch jeder wissen, was das Kind meint. K5) Jeder Sprecher, der seine Gedanken einem Hörer übermitteln möchte, muß sich nur der Stimme und Haupt- und Zeitwörtern bedienen.
"Dieses ist nun aber jeder zu tun imstande, schneller oder langsamer, zu äußern, was er von jeder Sache meint, wer nur nicht ganz und gar taub oder stumm ist. " (Platon 1994 Bd.3: 245, 206d8-10).
Probleme, die bei dem Versuch, jemanden eine Erfahrung machen zu lassen, entstehen können, erfaßt dieses Modell nicht. Dies zeigt auch die Tatsache, daß Platon in 206d1-2 nicht schreibt, es wird durch Haupt- und Zeitwörter und die Stimme versucht, Gedanken deutlich zu machen, sondern, daß er davon ausgeht, bei der Benutzung der Stimme und mit Hilfe von Haupt- und Zeitwörtern ist ein Gedankenaustausch erfolgreich. Kommunikationprobleme gibt es auf der Sprecherseite nur, wenn er die Voraussetzungen V1-V4 nicht erfüllen kann. K6) Der Hörer muß die ausgedrückte Vorstellung des Sprechers nur aufnehmen. Er wird in diesem von Platon entworfenen Modell nicht einmal erwähnt und ihm kommt nur eine untergeordnete Rolle zu.
K7) Die Tatsache, daß es in der alltäglichen Kommunikationssitua- tion sehr oft zu Mißverständnissen über Gesagtes und Gemein-
tes kommt, wird nicht dem Sprecher angelastet werden, da er ja nur seine Stimme und Haupt- und Zeitwörter benutzen muß, um seine Gedanken deutlich zu machen.
Hier könnte man noch einige Konsequenzen des Ausdrucksschemas anführen, jedoch möchte ich es vorerst dabei belassen, um nicht vom eigentlichen Thema der Zwischenprüfung abzukommen.
3.4 Das Eindrucksschema bei Platon
Das Eindrucksschema finden wir vor allem in dem Dialog Phaidros. Für H. Gaus zerfällt der Dialog in zwei Teile. Im ersten Teil werden Reden gehalten und in einem zweiten Teil wird abstrakt über die Rede reflektiert (vgl. Gaus 1958: 239). Auch H. Bonitz teilt den Dialog in zwei Teile.
"Der Dialog Phädros scheidet sich in zwei durch Inhalt und Form scharf von einander abgehobene Theile 6) , die Liebesreden der ersten Hälfte und das die zweite Hälfte einnehmende Gespräch über Rhetorik." (Bonitz 1968: 276). Die Erläuterung des Eindrucksschemas der Kommunikation findet, wie auch bei dem Ausdrucksschema, unter einer anderen thematischen Fragestellung statt, bei der dennoch platonische Vor-Urteile über das Phänomen Kommunikation deutlich werden, ein Aspekt, auf den ich später noch eingehe. Die Darstellung des Eindrucksschemas findet nämlich bei der Beantwortung der Frage nach der richtigen Rhe- torik-Konzeption statt. Die Frage wird im zweiten Teil des Dialo-
ges gestellt, wobei sich für uns die Konsequenz ergibt, unsere Betrachtungen auf den zweiten Teil zu beschränken. An den Stellen, wo die Rhetorik als Seelenleitung auftaucht, möchten wir, der Anregung im Vor-Urteile Aufsatz folgend (Ungeheuer 1987: 295ff.), die Parallele zum Eindrucksschema der Kommunikation ziehen. An zwei Stellen im Phaidros wird die Rhetorik als Seelenleitung direkt beschrieben. (261a8-261b3 / 271c12). Die zuerst genannte dieser beiden Textstellen ist die Relevantere von beiden. Diese Textstelle, die in "Platon. Sämtliche Werke. Bd.2" mit der Überschrift "Die Redekunst Seelenführung" (Platon 1994 Bd.2: 584, 260d4) überschrieben ist, stellt sich als ein Bestandteil Platons Bestimmung der Rhetorik dar.
"In der Phaidros-Stelle geht es Platon um eine Bestimmung dessen, was unter Rhetorik zu verstehen ist." (Hanke 1996: 24)
Platon stellt die traditionelle Rede-Rhetorik der Sophisten, die er kritisiert, eine andere Redekunst gegenüber, die er als Seelenleitung durch Reden bezeichnet.
"Der traditionellen Rede-Rhetorik, als "kunstlose Betriebsamkeit" verspottet, da sie nicht wahrheits-, sondern nützlich-keitsorientiert ist, setzt Sokrates eine andere Redekunst entgegen "eine Art Führung der Seelen durch Reden" (psychagogia tis dia logon),..." (Hanke 1996: 24). Es findet hier eine Neubestimmung des Geltungsbereiches der Rhe-torik statt, als Bestandteil des Beweises, daß man nur rhetorische Kompetenz erwerben kann, wenn man sich um Wissen bemüht. (Heitsch 1993: 129ff.). Die alte Rhetorik-Konzeption, die sich nur auf politisches und prozessuales Reden bezog, wird abgelöst von einer neuen Konzeption, die als Kunst der Seelenführung beschrieben wird und die überall da Anwendung findet, wo geredet und geschrieben wird.
"Mag eine veraltete Theorie in veralteten Lehrbüchern 251 die
Meinung vertreten, die Rhetorik sei zuständig nur für politische und prozessuale Reden, so ist sie nach neuerer Erkenntnis als Kunst der Seelenführung 252 in Wahrheit überall zuständig, wo geredet und geschrieben wird." (Heitsch 1993: 130).
Aus der Neubestimmung der Rhetorik im Phaidros folgert M. Hanke, daß Platon jeglicher Rhetorik-Konzeption eine Kommunikations-theorie vorausgehen lassen möchte.
"Jeglicher Rhetorik-Konzeption ist nach Platon eine grundlegede Kommunikationstheorie vorzuschalten,..." (Hanke 1996: 24). Wenn diese These zutrifft, dann legitimiert sich auch der Vergleich der platonischen Rhetorik-Konzeption mit dem Eindrucksschema der Kommunikation, auch wenn Platon den Begriff Kommunikation ja nicht explizit erwähnt.
G. Ungeheuer spricht zwar nicht von einer Gegenüberstellung zweier Rhetorik-Konzeptionen im Phaidros, aber er stellt das im Phaidros niedergeschriebene Konzept der Psychagogie, das sich zu einer allgemeinen Lehre der Mitteilung entwickelt, als eine Erweiterung der klassischen Rhetorik dar.
"Im Phaidros hingegen, in welchem Dialog Platon die richtige Rhetorik zu einer allgemeinen Lehre von der Mitteilung zu erweitern versucht" (...) "und dazu das Konzept der Psychagogie, der Seelenführung zum Ausgangspunkt nimmt,...“ (Ungeheuer 1987: 296).
In der Textstelle 261c8-c13 wird nun diese Erweiterung vorgenommen. Nach H.Gaus kann die Rhetorik aber nur zu einer Seelenführung werden, wenn derjenige, der sich der Rhetorik bedient, auch schon etwas weiß.
"Aber - und das ist jetzt das Neue -,für denjenigen,der schon etwas weiss,ist die Redekunst (und zu einer solchen wird sie,wenn sie einem höherem Zwecke dient) das notwendige Mittel,die condicio sine qua non,seine Einsichten einem andern mitzuteilen und für sie seine Zustimmung zu gewinnen (260d)
4
.Stellt sich die Rhetorik in diesen höheren Dienst, dann wird <
In einer Alltagssituation müßte man dann allwissend sein, um bei der Vielzahl von Gesprächsthemen immer noch in seinem Sinne beeinflussen zu können. Dieser Widerspruch, der bei der Übertragung der Rhetorik-Konzeption auf eine allgemeine Lehre von der Mitteilung entsteht würde, löst E. Heitsch, wenn er beschreibt, daß die
Methode der Rhetorik dem Sprecher die Fähigkeit an die Hand gibt,
über eine Vielzahl von Dingen mit Sachkenntnis zu sprechen. "Er meint, der wahre Redner sei im Besitz einer Methode, die es ihm erlaube, in jedem Sachbereich, über den er sich äußern wolle, die für diesen Bereich spezifischen Ähnlichkeiten zu erkennen und so seinen Hörer zu beeinflussen." (Heitsch 1993: 135).
Dennoch geht es Platon im Phaidros darum darzustellen, daß ein Sprecher eine gewisse Kompetenz besitzen muß, um etwas sprachlich darzustellen und den gewünschten Effekt der Beeinflussung bei einem Hörer hervorzurufen.
"Die sprachliche Kompetenz, wie sie hier im ,Phaidrus' von Platon erörtert wird, ist eine Fähigkeit, für eine Darstellung jene Form zu finden, die dem fraglichen Sachverhalt, dem konkreten Hörer und der konkreten Situation angemessen ist, und diese Fähigkeit ist nun zweifellos nicht Sache eines jeden der sprechen kann." (Heitsch 1988: 152).
Platon stellt offenbar bestimmte Bedingungen an die Rede, wenn sie zur Seelenleitung werden soll. 1) Der Rhetor muß das Wahre wissen (Sachkenntnis über den Gegenstand haben, über den er spricht). 2) Der Rhetor muß wissen, durch was für Reden er überreden kann (sprachliche Kompetenz).
3) Der Rhetor muß wissen, wann er welche Reden halten muß, um zu überreden (das gleiche sprachliches Zeichen kann in
verschiedenen Situationen verschiedene Bedeutungen haben).
4) Der Rhetor muß die Seele des Hörers kennen, um ihn überreden zu können (Adressatenbezogenheit jeglicher Rede). Erst, wenn der Rhetor diese Fähigkeiten innehat, und auch einsetzt, dann wird die Rede zur Seelenleitung. "Rhetorik wird durch Techne zur "Seelenleitung vermittels Rede" (Psychagogie)." (Ungeheuer 1969: 249). Mit ihr kann der Sprecher den Hörer zu etwas verleiten, ihn überreden und von etwas bestimmten überzeugen. Offenbar gibt es im alltäglichen Leben gute und schlechte Redner, welche den Hörer zu verleiten wissen, und andere, die dies nicht vermögen, denn die Rhetorik bezieht sich ja auf alle Situationen, in denen gesprochen wird.
4. Parallelen der beiden Kommunikationsschemata von Ungeheuer und Platon
Nachdem wir nun die beiden Kommunikationsschemata bei G. Ungeheuer und bei Platon betrachtet haben, wollen wir in einem nächsten Schritt die beiden Autoren direkt vergleichen, um Parallelen oder auch Unterschiede ihrer Kommunkationsschemata herauszuarbeiten.
Eine erste Parallele zwischen Ungheuers und Platons kommunika-tionstheoretischen Überlegungen findet sich in der Tatsache, daß die Autoren den Kommunikationsprozess sowohl eindrucksschematisch als auch ausdrucksschematisch betrachten. Das von Ungeheuer beschriebene Eindrucksschema ist hörerorien-
tiert, während sein Ausdrucksschema wie auch das platonische Ausdrucksschema sprecherorientiert ist.
Aber schon in seiner Habilitationsschrift von 1967 sind Ungeheuers phonetische Studien auf den Hörer ausgerichtet. "Aufs Ganze gesehen sollte die vorliegende Arbeit als eine vorbereitende Studie zu einer "Hörerphonetik" oder "ergematischen Phonetik" verstanden werden, ein Aufgabengebiet, das andere Probleme stellt als etwa eine "Sprecherphonetik" oder "genetische Phonetik" und dessen Grenzen und Inhalte im Gegensatz zu den bisher im Vordergrund stehenden genegenetischen Forschungen nur vage sichtbar sind." (Ungeheuer 1962: 3).
In seiner Habilitationsschrift möchte Ungeheuer sich auf die phonetischen Probleme beim Sprachverstehen konzentrieren und um dieses Unternehmen umzusetzen, hat für ihn der Hörer größere Relevanz.
Dennoch wird, sofern seine phonetischen Überlegungen mit seinen kommunikationstheoretischen übereinstimmen, deutlich, daß Ungeheuer zwar eine hörerorientierte Betrachtungsweise fordert, die Sprecherorientierte aber nicht völlig verwirft. "Man kann eine Behandlung der phonetischen Fragestellungen beim Sprachverstehen geradezu als eine "Hörerphonetik" oder ergematische Phonetik" bezeichnen, der man dann eine Sprecherphonetik" oder "genetische Phonetik" gegenüberstellen müßte." (Ungeheuer 1962: 11).
Auch M. Hanke sieht Ungeheuers Kommunikationstheorie sowohl
sprecher- als auch hörerorientiert,wenn er in seinem Aufsatz „Dialektik und Kommunikation“ davon spricht, daß Ungeheuer den Kommunikationsprozess als Gemeinschaftshandlung von Sprecher und Hörer auffaßt.
"Zum einen wird Kommunikation nicht sprecherzentriert, sondern als Gemeinschaftshandlung von Sprecher und Hörer, dyadisch also, aufgefaßt, wenn bereits 1956 als Besonderheit des "Instituts für Kommunikationsforschung" von einer "aus dem Gesamt von Sender, Übertragungsweg und Empfänger bestehenden Kommunikationskette" (Ungeheuer/Heike 1956: 1) gesprochen wird." (Hanke 1996: 17).
Auch Platon betrachtet den Kommunikationsprozess eindrucksschematisch im Dialog Phaidros und ausdrucksschematisch im Dialog Theaitetos. Hieraus ergibt sich folgende Parallele P1) P1: Sowohl Ungeheuer als auch Platon betrachten den Kommunikationsprozess eindrucks- und ausdrucksschematisch. 4.1 Parallelen bei dem Ausdrucksschema von Ungeheuer und dem bei Platon
Die Ähnlichkeit der beiden ausdrucksschematischen Ansätze zeigt sich alleine schon in der sprachlichen Beschreibung. Während Ungeheuer kurz formuliert "Sprechen ist sich ausdrücken" (Ungeheuer 1987: 294), führt Platon aus, daß man seine Gedanken deutlich macht, "indem man seine Vorstellungen ... ausdrückt." (Platon 1994 Bd.3: 245, 206d3-4).
P2: Eine Ähnlichkeit der beiden ausdrucksschematischen Ansätze findet sich alleine schon in der sprachlichen Beschreibung des Ausdrucksschemas
Dem Begriff "Ausdruck" kommt sowohl in dem von Ungeheuer beschriebenen Ausdrucksschema als auch der ersten Deutungsmöglichkeit des Begriffes "Logos" im platonischen Dialog Theaitetos ein besonderer Stellenwert zu. Bei Platon macht der Redner seine Gedanken in einer Kommunikationssituation deutlich, indem er seine Vorstellungen einfach ausdrückt. Sofern er die Voraussetzungen in Kapitel 3.3 V1-V4 hat, kann er seine Gedanken gegenüber einem Sprecher auch deutlich machen. Diese Deutlichmachung, die eher an ein "übergeben" erinnert, ist allein Sprechersache. Auch in dem von Ungeheuer beschriebenen Ausdruckschema steht der Begriff "Ausdruck" im Mittelpunkt der Betrachtung des Kommunikationsgeschehens.
"..., in unserer Sprache und in unserem Sprechen vorgegebenen Modell von Kommunikation diejenige Größe dominiert, die "Ausdruck" heißt." (Ungeheuer 1987: 294). P3: Im Ausdrucksschema bei Ungeheuer und bei Platon dominiert der Begriff Ausdruck
Nun rückt aber bei dieser Betrachtungsweise des Kommunkationsprozesses der Sprecher unweigerlich in den Mittelpunkt, denn er ist es, der das Kommunikationsgeschehen diktiert, während der Hörer eine eher untergeordnete Rolle einnimmt. Platon erwähnt in der für sein Ausdrucksschema entscheidenden Textstelle 206d1-4 den Hörer gar nicht, ein Faktum, daß der Sprecherorientierung dieses Kommunikationsschemas Rechnung trägt.
Ungeheuer bringt das Kommunikationgeschehen des Ausdrucksschemas auf folgende Formel.
"Sprechen ist Sich-Ausdrücken, und zuhören heißt, die ausgedrückte Äußerung verstehen." (Ungeheuer 1987: 294). Auch in dem von ihm beschriebenen Ausdrucksschema wird dem Hörer nur eine untergeordnete Rolle eingeräumt. Er kann das vom Sprecher ’Ausgedrückte’ aufnehmen, oder auch nicht. Die Gleichstellung von zuhören und verstehen blendet die Problematik des Hörers, die vom Sprecher umschriebenen Wissensinhalte selbst zu konstituieren, komplett aus.
P4: Das Ausdrucksschema ist sowohl bei Platon als auch bei Ungeheuer sprecherorientiert
Durch diese Sprecherorientierung fällt natürlich das Hauptaugenmerk beim Kommunikationsprozess auf den Sprecher. Und da dieser seine Rolle auch unabhängig vom Hörer ausführen kann und die Sprecher- und Hörerhandlungen nicht als Gemeinschaftshandlungen betrachtet werden können, zerfällt der Kommunikationsprozess in die Sprecherhandlung auf der einen, und das Hörerverhalten auf der anderen Seite (vgl. Ungeheuer 1987: 294). Platon hat diesen Aspekt im Phaidros nicht erwähnt, aber man kann davon ausgehen, daß er auch auf sein Ausdrucksschema zutrifft, da auch bei ihm der Sprecher im Mittelpunkt und unabhängig von Hörer-handlungen agiert. Denn wenn man nur die Voraussetzungen V1-V4 (siehe Zwischenprüfung Kap.3.3, S.12) braucht, um einem Hörer etwas deutlich zu machen, so scheint der Hörer keinen Einfluß auf die Sprecherhandlungen zu haben.
P5: Sowohl in Platons als auch in Ungeheuers Ausdrucksschema zer-
fällt der Kommunikationprozess in die Sprecherhandlung auf der einen, und das Hörerverhalten auf der anderen Seite.
Abschließend muß angemerkt werden, daß bei Platon das Ausdrucksschema einen etwas engeren Geltungsbereich hat, als es bei Ungeheuer der Fall ist. Bei Platon benötigt der Sprecher eine Stimme und die Fähigkeit, unter Benutzung von Haupt- und Zeitwörtern die Vorstellung in die Ausströmung des Mundes zu pressen. Diese Einschränkungen werden bei Ungeheuer nicht vorgenommen. Bei ihm könnte sich auch ein taubstummer Mensch ausdrücken, eine Möglichkeit, die Platons Ausdrucksschema nicht faßt. Problematische Konsequenzen, die sich aus dem platonischen Ausdrucksschema ergeben (Kap.3.3 K1-K7), können teileise auch auf Ungeheuers Ausdrucksschema übertragen werden, z.B. die Konzequenz K2, die besagt, daß Vorstellungen in Worte und Schall gepreßt werden können. So, oder ähnlich wird auch in dem von Ungeheuer formulierten Ausdrucksschema mit Vorstellungen verfahren. Die Konsequenz K6, in der der Hörer die vom Sprecher ausgedrückte Vorstellung nur aufzunehmen braucht, ergibt sich, genauso wie die daraus folgende Tatsache, daß kommunikative Mißverständnisse meist dem Hörer angelastet werden, sowohl aus Platons als auch Ungeheuers Ausdrucksschema.
4.2 Parallelen bei dem Eindrucksschema von Ungeheuer
und dem bei Platon
"Eindruck" ist Stichwort und Leitfaden im Eindrucksschema von G. Ungeheuer. Denn der Sprecher will beim Hörer einen bestimmten Eindruck hervorrufen. Dieser Eindruck ist eine innere Handlung des Hörers, die sich als Rekonstruktion der vom Sprecher gewollten Gedankeninhalte darstellt.
"Allgemein möchte ich die kommunikative Handlung des Sprechers als die Anstrengung charakterisieren, den Hörer zu solchen inneren Erfahrungsakten des Verstehens anzuregen, die ihm zur Produktion derjenigen Wisseninhalte oder Verknüpfung von Wissensinhalten geeignet erscheinen, welcher er, der Sprecher, als zu kommunizierende meint." (Ungeheuer 1987: 316).
Entscheidend im Eindrucksschema ist also, daß der Sprecher dem Hörer keine vorgefertigte Bedeutung übergibt, die der Hörer nur aufzunehmen braucht, sondern daß der Sprecher eine Art Plan oder Anweisung ausspricht, mit Hilfe der der Hörer sich die Wissensinhalte selbst im Bewußtsein konstituiert. "Aus dieser Perspektive enthält die sprachliche Formulierung nicht die Information oder das Wissen, das der Hörer haben soll, sie ist vielmehr eine Anweisung, ein Plan für den Hörer, mit dessen Hilfe er diejenigen Wisseninhalte erzeugen soll, welche das vom Sprecher gemeinte darstellen." (Lenke/Lutz/Sprenger 1994: 74).
M. Hanke bringt nun die Kommunikationstheorie von Ungeheuer und die griechische Rhetorik in Verbindung.
"Dennoch steht Kommunikationstheorie in einer antiken rhetorischen Tradition 4 , ihr nicht explizierter Kern ist wesentlich älter als bisweilen angenommen. 5 " (Hanke 1996: 19). Auch in der klassischen Rhetorik, die Platon im Frühdialog Gorgias 1
beschreibt, geht es dem Rhetor darum, einen ganz bestim-mten Eindruck hervorzurufen, denn der Sprecher will den Hörer überreden, etwas ganz Bestimmtes zu glauben. "Sokrates: Also ist die Rhetorik, wie es scheint, eine Kunst der auf Glauben und nicht auf wirklicher Belehrung beruhenden Überredung hinsichtlich des Rechtes und Unrechtes." (Apelt 1953: 40).
Im Dialog Phaidros wird, wie in Kapitel 3.4 schon erwähnt, die Rhetorik-Konzeption dann von Platon modifiziert und ihr Geltungsbereich wird erweitert. Sie bezieht sich auf alle Situationen, in denen gesprochen wird.
"Nicht also nur auf die Gerichtsstätten erstreckt sich die Kunst des Gegenredens und auf die Volksversammlungen, sondern, wie es scheint, für alles, was geredet wird,..." (Platon 1994 Bd.2: 586, 261d11-e1).
Damit wird diese Rhetorik-Konzeption nach Ungeheuers Aussagen zur allgemeinen Lehre von der Mitteilung (vgl. Ungeheuer 1987: 296), denn die Rhetorik-Konzeption im Phaidros wird im Gegensatz zur Rhetorik-Konzeption im Gorgias verändert, insofern, daß sie nun für alle Situation gilt, in denen gesprochen wird, und der Rhetor im Besitz von Sachkenntnis über den Gegenstand sein muß, über den er sprechen möchte. Dennoch bleibt das Ziel der Überredung des Hörers auch in der erweiterten Rhetorik erhalten. Diese Überredung
---------------------- 1 Aus Platons "Sämtliche Werke" geht hervor, daß Gorgias zu den frühen Dialogen gehört, also von Platon vor dem Dialog Phaidros, der zu den Mittleren zählt, verfaßt wurde. Diese Tatsache befindet sich im Widerspruch zu den von M. Hanke gemachten Aussagen auf S.21 seines Aufsatzes "Dialektik und Kommunikation", im Gorgias
würde Platon den zweiten und späteren Teil seiner Rhetorik
wird erreicht, indem der Rhetor durch Sprache die Seele des Hörers leitet, mit dem Ziel, den Hörer bestimmte Wissensinhalte erfahren zu lassen.
"Ist also nicht überhaupt die Redekunst eine Seelenleitung durch Reden,..." (Platon 1994 Bd.2: 585, 261a8-9). Hier treten nun die Parallelen zwischen dem Eindrucksschema bei Ungeheuer und der Rhetorik-Konzeption im Phaidros deutlich zutage. Denn auch bei Ungeheuer ist die Handlung des Sprechers Anleitung für den Hörer.
"So beschrieben ist Kommunikation tatsächlich im innersten Kern eine Psychagogie, eine Diagogie des Hörers durch den Sprecher, eine Leitung und Führung der inneren Höreraktionen durch die Produkte der von innen nach außen verketteten Tätigkeiten des Sprechers." (Ungeheuer 1987: 317ff.). M. Hanke ordnet dieser Führung und Leitung nun ihre Relevanz in Ungeheuers Kommunikationstheorie zu. "Psychagogie oder kommunikative Seelensteuerung (1972e: 205) erhält somit einen zentralen und systematisch grundlegenden Stellenwert für Ungeheuers Kommunikationstheorie zur Kennzeichnung der Steuerungskomponente im Fremdseelischen ..." (Hanke 1996: 21).
Platon nennt diese Führung "Seelenleitung". Und wenn diese Seelenleitung immer dann gilt, wenn gesprochen wird, so ist sie Grund- lage jeder sprachlichen Kommunikation.
P6: Der wichtigste Bestandteil des von Ungeheuer beschriebenen Eindrucksschemas, nämlich die Hörerleitung, findet sich auch in leicht abgewandelter Form in der von Platon im Phaidros beschriebenen Rhetorik-Konzeption.
Wie schon erwähnt, ist das Ziel des Rhetors bei Platon, den Hörer zu überreden. Er ist bei richtiger Anwendung der Rhetorik in der Position, den Hörer zu den Ansichten zu überreden, die er möchte.
"Sokrates: Und wissen wir nicht vom eleatischen Palamedes, daß er durch Kunst so redet, daß den Hörenden dasselbe ähnlich und unähnlich erscheint, eins und vieles, ruhig und bewegt?" (Platon 1994 Bd.2: 556,261d7-9).
Und in gewisser Weise trifft dies auch für das Eindrucksschema von G. Ungeheuer zu, denn der Sprecher versucht, dem Hörer seine eigenen Inhalte zu vermitteln.
"Die antizipierenden Kommunikationsabsichten des Sprechers sind innere Erfahrungen über Inhalte vom Typus des Wissensvon-etwas, aber es sind seine Inhalte und nicht, intendiert, diejenigen des Hörers." (Ungeheuer 1987: 316). Ungeheuer unterscheidet dennoch etwas genauer in Kommunikationsziele und Kommunikationszwecke. Primäres Ziel der Kommunikation ist erst mal, Verständigung zwischen beiden Kommunikationspartnern zu erzeugen.
"Bezeichnet man als primäres Ziel die Sozialhandlung Kommuni- kation die gegenseitige Verständigung, so besteht dieses er-
ste Ziel in einem Wissen, das im Hörer durch Handlungsbeeinflussung herzustellen ist und das dem vom Sprecher kommunizierend gemeinten Inhalt entspricht." (Ungeheuer 1983: 13). Erst, wenn eine Verständigung erzeugt wurde, kann das vom Sprecher Gewollte, vom Hörer umgesetzt werden. Die Kommunikationszwecke sind die vom Sprecher nachgeordneten Handlungsziele, die über das Verständnis von etwas hinausgehen und das Ziel haben, einen Hörer zu einer bestimmten Handlung zu veranlassen. "Wenn man erreichen will, daß die Person A morgen mit dem Auto von Bonn nach Hamburg fährt, um dort etwas zu erledigen, dann bittet man darum. Bevor A auf die Bitte reagiert, muß sie verstanden worden sein, muß A wissen, worum es geht; sodann muß A der erbetenen Handlung zustimmen, und über weitere zu erreichende Zwecke muß A sich morgen schließlich in Bewegung setzen." (Ungeheuer 1983: 13).
Wenn nun neben dem Handlungsziel Verständigung der Sprecher noch weitere Handlungen vom Hörer fordert, nennt Ungeheuer dies persuasive Kommunikation (vgl. Ungeheuer 1983: 13). Die Möglichkeit dieser persuasiven Kommunikation, in der ein Sprecher einen Hörer zu etwas veranlassen kann, ergibt sich aus der grundsätzlichen "Asymmetrie des Kommunikationsgeschehens" (Ungeheuer 1987: 315). Will der Hörer, sofern er sich nicht kommunikativ verweigert, verstehen, was der Sprecher sagt, so muß er sich der diagogischen Absicht des Sprechers fügen und so genau wie möglich den Äußerungen des Sprechers folgen. Tut er dies aber, so unterwirft er sich für die Dauer des Sprecherbeitrages.
"Damit ist aber funktional für die Dauer eines Sprecherbeitrages eine Unterwerfung der inneren Kommunikationshandlung des Hörers eingeführt:..." (Ungeheuer 1987: 317). Diesen Sachverhalt nennt G. Ungeheuer kommunikative Subjektion.
Daher resultiert aus der grundsätzlichen Asymmetrie der Kommunikationssituation die Sprecher-Option, den Hörer dahin zu leiten,
"Im ganzen bleibt es aber eine Einlassung auf die sprachlich steuernde Macht des Sprechers, die freilich ihre Umkehrung erfährt, sobald der Hörer zum Sprecher wird." (Ungeheuer 1987: 317).
M. Hanke faßt den Zusammenhang von Psychagogie, Asymmetrie der Kommunikation und kommunikative Subjektion wie folgt zusammen: "...verbale Formulierungen werden demnach nicht als sprachliche Ausdrücke, sondern als sprachliche Anweisungen an den Hörer zur Steuerung seiner Verstehenshandlungen gefaßt, woraus das asymmetrische Verhältnis von führender Dominanz und verstehender Subjektion resultiert (1978: 67)." (Hanke 1996: 21).
In gewisser Weise hat also der Sprecher immer die aus der Kommunikationssituation entstehende Möglichkeit, den Hörer zu etwas zu überreden, ganz einfach, weil sich der Hörer dem Sprecher unterwirft.
Auch bei Platon finden wir in der Rhetorik-Konzeption das überredende Element. Er geht zwar nicht, wie Ungeheuer auf das der Überredung vorausgehende Kommunikationsziel der Verständigung ein, beschäftigt sich aber dafür intensiver mit der in Ungeheuers Terminologie formulierten Persuasion. Denn bei Platon will der Rhetor überreden und verleiten.
"..., welcher das Richtige weiß, spielend in Reden die Zuhörer verleiten kann." (Platon 1994 Bd.2: 587, 262d2-3). Es zeigt sich also eine weitere Parallele zwischen Ungeheuers Ein-
drucksschema und Platons Rhetorik-Konzeption. P7: Die Rede oder Kommunikation kann sowohl nach Ungeheuer als auch nach Platon das Ziel haben, den Hörer zu einer bestimmten Handlung zu veranlassen, oder zu überreden. 1
---------------------- 1 Anmerkendist zu sagen, daß Kommunikation bei Ungeheuer neben Verständigung und Persuasion noch viele andere Ziele haben kann.
Eine weitere Parallele zwischen Ungeheuers Eindrucksschema und Platons Rhetorik-Konzeption findet sich in der Tatsache, daß Platon im Phaidros fordert, wer die Rhetorik richtig anwenden will, muß die Seele des Hörers kennen. "Sokrates: Drittens, nachdem er der Reden wie auch der Seele Arten und ihr verschiedenes Verhalten ordentlich auseinandergesetzt,wird er alle verschieden Ursachen durchgehen, jedes mit jedem zusammenhaltend und lehrend, was für eine Seele durch was für Reden aus welcher Ursache überredet werden oder unüberredet bleiben wird." (Platon 1994 Bd.2: 598, 271b1-6).
Darüber hinaus fordert Platon auch, daß der Rhetor seine Rede zur richtigen Zeit und in der richtigen Situation vorträgt. "...- wenn er dies alles innehat und dann noch die Zeiten zu beurteilen weiß, wann er reden und innehalten soll, und von den gedrängten Stellen und den mitleiderregenden Stellen, und was sonst für vorhandene Arten von Verstärkungen der Rede er gelernt, von denen er weiß, wo sie an ihrer Stelle sind und wo nicht;..." (Platon 1994 Bd.2: 599ff.,272a4-9).
Ernst Heitsch nimmt in einem Exkurs in seinem Buch "Überlegungen Platons im Theatet" zu dieser Problematik Stellung. Er folgert, daß bei Platon "alles Sprechen adressaten- und situationsbezogen ...ist." (Heitsch 1988: 152).
Auch bei Ungeheuer finden wir diese beiden Voraussetzungen. In Zusammenhang mit der Beschreibung des Sozio-perzeptiven Kontaktes stellt Ungeheuer das adressatenbezogene Element jeder zwischenmenschlichen Kommunikation heraus.
"Vielmehr wird vom ersten Wahrnehmungskontakt an, der den jeweils anderen in seiner Erscheinung präsentiert, eine Einschätzung und Beurteilung der gesamten Situation aufgebaut, die zwischen den beiden Kommunikationspartnern eine Beziehung zugrunde legt, ..." (Ungeheuer 1987: 322). Weiterhin beschreiben H.-G. Soeffner und T. Luckmann in ihrem Aufsatz "Die Objektivität des Subjektiven- Nachwort zu G. Ungeheuers Entwurf einer Theorie kommunikativen Handelns" das situationsbezogene Element Ungeheuers Kommunikationstheorie. "Die Wendung zur Sparsamkeit und Konkretion in der Sprache ist Ausdruck einer immer stärkeren Zuwendung Ungeheuers zur Beschreibung und Analyse konkreter Texte und Situationen. Dahinter steht die Einsicht, daß es nichts Sinnloseres gibt als ein situationsloses Kommunikationsmodell oder die wissenschaftliche Konstruktion einer 'idealen Sprechsituation'." (Soeffner/Luckmann 1987: 344).
P8: Bei Platon und bei Ungeheuer ist Kommunikation adressaten- und situationsbezogen.
Eine weitere Übereinstimmung von Platons Rhetorik-Konzeption und Ungeheuer Eindrucksschema zeigt sich in Ungeheuer´s These, daß der Sprecher eine Verstehenshandlung beim Hörer hervorrufen möchte. "Kommunikationen sind Veranstaltungen von Sprechen, die beabsichtigen, Hörer bestimmte innere Erfahrungen, Erfahrungen des Verstehens, vollziehen zu lassen." (Ungeheuer 1987: 316). Auch bei Platon will der Sprecher beim Hörer etwas hervorbringen. Und da in der Rhetorik die überzeugende Komponente der Rede sehr wichtig ist, will der Sprecher oft Überzeugung in der Seele des Hörers hervorbringen.
"Gegen diese also ist sein ganzer Kampf gerichtet: denn in ihr will er Überzeugung hervorbringen." (Platon 1994 Bd.2: 598, 271a1-2).
Der Anspruch, zu überzeugen, nimmt natürlich in der Rhetorik einen höheren Stellenwert ein, als es in dem Eindrucksschema von Ungeheuer der Fall ist.
P9: Dennoch wollen sowohl Platon als auch Ungeheuer im Eindrucksschema der Kommunikation in der Seele des Hörers etwas erzeugen, oder einen Eindruck hervorrufen.
Bei Ungheuer besteht die Kommunikationhandlung aus den Sozial-handlungen des Sprechers und des Hörers. Der Sprecher versucht, den Hörer zu beeindrucken, während der Hörer versucht, den vom Sprecher gewollten Eindruck zu konstituieren. So gesehen bedarf die Kommunikation zweier Individuen der, deren Handlungen zusammen die kommunikative Sozialhandlung ergeben (vgl. Ungeheuer 1987: 295). In Platons Rhetorik-Konzeption besteht die Rede aus der Sprecherhandlung, die unter bestimmten Voraussetzungen die Seele
des Hörers leitet, und der Hörerhandlung, der sich normaler Weise leiten läßt. Auch wenn Platon dies nicht explizit macht, so muß man davon ausgehen, daß auch der, der geleitet wird, etwas tut, nämlich der Leitung folgt. So gesehen könnte man in Platons Eindrucksschema die Kommunikation zweier Individuen als Sozial-handlung bezeichnen, wenn dieser Aspekt auch bei Ungeheuer um einiges deutlicher wird.
P10:Sowohl im Eindrucksschema bei Ungeheuer wie auch bei Platon setzt sich die Kommunikationshandlung als Sprecher- und Hörer-handlung zusammen. Erst wenn Sprecher- und Hörerhandlung zusammenkommen, entsteht die kommunikative Sozialhandlung
Eine weitere Parallele der beiden Ansätze zeigt sich in den Fähigkeiten, die Ungeheuer und Platon bei ihren Sprechern voraussetzen. Bei Platon erwirbt sich der Redner sprachliche Kompetenz durch die Beherrschung der Fähigkeiten 1-4 (vgl. Zwischenprüfung Kap.3.4, S.17). Bei Ungeheuer muß der Sprecher einschätzen können, in welchen Schritten er beim Hörer einen Eindruck auslösen kann.
"Der Sprecher muß gut einschätzen können, was er vom Hörer an schrittweiser Befolgung seiner Anweisungen verlangen kann." (Ungeheuer 1987: 317).
Im direkten Vergleich wird aber doch deutlich, daß die erweiterte Rhetorik-Konzeption Platons nicht deckungsgleich mit Ungeheuers Eindrucksschemas ist. Nicht zu übersehen sind die Parallelen P6-P10, aber, wenn man sich die Aussagen über die erweiterte Rhetorik-Konzeption im Phaidros im Zusammenhang anschaut, so er-
scheint es, daß es Platons Ziel war, hier eine neue Rhetorik-Konzeption vorzustellen, und nicht ein vollständiges Kommunikationsschema auszuarbeiten. T. Szlezák löst diesen scheinbaren Widerspruch, indem er beschreibt, daß Sokrates die philosophische Rhetorik als Mittel zu Erforschung des menschlichen Sprechens und Denkens eingesetzt hat.
"Sokrates sieht in seiner philosophischen Rhetorik oder Dialektik nichts geringeres als die Erforschung der Grundlagen des menschlichen Sprechens und Denkens schlechthin (266b)." (Szlezák 1985: 31).
Da hier aber die Grenzen zwischen Rhetorik Konzeption und Kommunikationsschema verschwimmen, fällt es leicht, kommunikationstheoretische Aspekte zu finden. Dennoch gebe ich zu bedenken, daß Platon bestimmte Forderungen an einen Redner stellt, damit seine Rede zur Seelenleitung wird (vgl. Zwischenpüfung Kap.3.4, S.17). Für die alltägliche Kommunikatinspraxis erscheinen die Forderung fast etwas hoch.
Weiterhin steht bei Platon die Beschreibung der Rhetorik im Mittelpunkt, bei der dem Rhetor mehr Aufmerksamkeit geschenkt wird, und seiner Handlung zu verleiten mehr Relevanz zugeordnet wird, als dem Hörer. Es geht immer nur um die Fähigkeiten und Kompetenzen des Redners, während der Hörer nur selten erwähnt wird. Er wird bei der richtigen Anwendung der Rhetorik einfach verleitet. "..., welcher das richtige weiß, spielend in Reden die Zuhörer verleiten kann." (Platon 1994 Bd.2: 587, 262d2-3). Als hörerorientiert kann man das von Platon formulierte Eindrucksschema wohl nicht bezeichnen. Der Sprecher will zwar beim Hörer einen Eindruck hervorbringen, die Anforderungen an den Hörer die hierbei entstehen, beschreibt Platon jedoch nicht. Dennoch ist sein Eindrucksschema auch nicht sprecherorientiert, da ja die An-forderung an einen Sprecher, beim Hörer einen Eindruck zu erzeu- gen, von Platon erkannt und beschrieben wird.
Bei Ungheuer dagegen wird dem Hörer mehr Aufmerksamkeit geschenkt. Ungeheuer betont, daß der Hörer im hohen Maße die vom Sprecher vermittelten Wissensinhalte selbst konstituieren muß. "Dieser "Eindruck" aber kann nur entstehen, wenn der Hörer das vom Sprecher Hervorgebrachte durch eigene Tätigkeit zu seinem "Eindruck macht" gemacht hat." (Ungeheuer 1987: 295). Dieser Aspekt ist bei Platon nicht explizit gemacht worden. Auch die Möglichkeit einer Verweigerung des Hörers erwähnt Platon nicht. Bei Ungeheuer stellt aber gerade der Wandel von dem sprecherorientierten zum hörerorientierten Kommunikationsschema ein entscheidendes Charakteristikum seiner Eindrucksschemas dar. Betrachtet man solche Aspekte, so kann man nicht davon ausgehen, daß Ungeheuers Eindrucksschema und Platons Rhetorik-Konzeption deckungsgleich sind, sondern daß sich neben allen Parallelen auch
relevante Unterschiede finden lassen.
Im übrigen finden wir in Ungeheuers Eindrucksschema eine Vielzahl von Aspekten, die dort einsetzen, wo die Rhetorik-Konzeption von Platon aufhört. Da sich diese Zwischenprüfung aber mit Parallelen beschäftigt, werden wir diese weiterführenden Gedanken vernachlässigen.
5. Zusammenfassung
In dem letzten Kapitel habe ich versucht, durch eine direkte Gegenüberstellung der Kommunikationsschemata von Ungeheuer und von Platon Ähnlichkeiten und auch einige wenige Unterschiede herauszuarbeiten.
Es wurde in den Parallelen P1-P10 (vgl. Zwischenprüfung Kap. 4.1 und 4.2) ) deutlich, daß es eine Vielzahl von relevanten Übereinstimmungen zwischen dem Aus- und Eindrucksschema bei Ungeheuer und dem bei Platon gibt. Dennoch sind die Kommunikationsschemata der beiden Autoren nicht identisch, was besonders bei dem Eindrucksschema auffällt.
Es drängt sich einem natürlich die Frage auf, ob Ungeheuer bei der Erstellung seiner Kommunikationsschemata von Platon beeinflußt worden ist. Darüber hinaus wäre es interessant zu wissen, ob Ungeheuer direkt durch die Lektüre der platonischen Dialoge, oder indirekt über das Studium anderer Autoren, die sich mit Platon beschäftigt haben, beeinflußt worden ist.
Diese Rekonstruktion, sofern sie denn möglich ist, wäre aber wieder ein eigenständiges Thema, auf das wir hier leider nicht eingehen können. Es läßt sich hier nur soviel sagen, daß ein wichtiges Charakteristikum der wissenschaftlichen Methodik Gerold Ungeheuers darin bestand, alte Denktraditionen aufzugreifen und mit neuen Problemstellungen zu verknüpfen.
"Die Verknüpfung jener Denktraditionen mit neuen Problemstellungen führte ihn zwangsläufig zu einer neuen Sicht, die sowohl jener Theorien 3 als auch gegenwärtiger kommunikationswissenschaftlicher Problemstellungen und Lösungsversuche." (Soeffner/Luckmann 1987: 341)
Daher ist es recht wahrscheinlich, daß Platons Ausarbeitungen zum Aus- und Eindrucksschema Einfluß auf Ungeheuers Kommunikationsschemata genommen haben.
Da die beiden Autoren den Kommunikationsprozess sowohl ausdrucks- schematisch als auch eindrucksschematisch betrachten, ergibt sich
die Möglichkeit, den Kommunikationsprozess als Gemeinschaftshandlung aufzufassen, was ein Zerfallen der kommunikativen Sozialhandlung in Partialhandlungen verhindern würde. Besonders interessant scheint, daß Platon schon vor über 2000 Jahren kein einseitiges Verständnis von Kommunikation hatte, sondern sich dem Phänomen Kommunikation mit verschiedenen Theorieansätzen genähert hat. Auch Ungeheuer beschreibt das Phänomen Kommunikation mit den beiden verschiedenen Kommunikationsschemata, wobei er die Relevanz erkennt die beiden Schemata gegeneinanderzustellen, um nicht Gefahr zu laufen, den Kommunikationsprozess einseitig zu beschreiben (vgl. Ungeheuer 1962: 11). Damit wird Ungeheuer auch der von M. Hanke formulierten Forderung gerecht, bei der Beschreibung des Kommunikationsprozesses müssen "Eindruck und Ausdruck"..."zusammengenommen werden." (Hanke 1996: 23). Weiterhin stellt M. Hanke die "dyadische" Betrachtungsweise von Ungeheuer heraus, die sowohl sprecher- als auch hörerzentriert das Phänomen Kommunikation beschreibt.
Auch wenn Platon den Kommunikationsprozess in beiden Schemata eher sprecherzentriet beschreibt, so lassen sich doch die Wurzeln der dualen (ein- und ausdrucksschematischen) Betrachtungsweise schon bei Platon finden.
Somit wird Ungeheuers Methodik der Aufgreifung historischer Denk- traditionen mit Erfolg gekrönt und erhält ihre Legitimation.
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1938 Über den Werth des Sokrates als Philosophen. In: Sämtliche Werke. 3. Abt. 2 Bd., Berlin Soeffner, Hanz-Georg/ Luckmann, Thomas 1987 Die Objektivität des Subjektiven - Nachwort zu G. Ungeheurs Entwurf einer Theorie kommunikativen Handelns, in: Gerold Ungeheuer Kommunikationstheoretische Schriften I: Sprechen, Mitteilen, Verstehen, Hrsg. J.G. Juchem, Alano Rader Publikationen, Aachen 1987, S.339-357. Szkezák, Thomas Alexander
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1983 Einführung in die Kommunikationstheorie. Kurseinhei- heiten 1-3. Unter Mitarbeit von Juchem, H.-G., hgg.
v. der Fernuniversität Hagen. Hagen. Ungeheuer, Gerold
1987 Kommunikationstheoretische Schriften I: Sprechen, Mitteilen, Verstehen. ASSK 14, mit einen Vorwort von Thomas Luckmann und H.-G. Soeffner, Hrsg. von J.G. Juchem.-Aachen, Alano, Rader Publ. Ungeheuer, Gerold
1990 Kommunikationstheoretische Schriften II: Symbolische Erkenntnis und Kommunikation, Bd.15, Hsrg. u. einleitet von H.-W. Schmitz, ASSK 15, 1.Aufl., Aachen, Alano, Rader Publ.
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