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Inhaltsverzeichnis
1. Einleitung. 1
2. Die Geschichte der Heimerziehung. 3
3. Heimerziehung heute. 15
3.1 Heimerziehung im Kontext KJHG. 15
3.1.1 KJHG allgemein. 16
3.1.2 KJHG speziell Heimbereich. 20
3.2 Heimarten. 25
4. Arbeitsfeld Heim. 29
4.1 Mitarbeiter im Bereich der Heimerziehung. 30
4.2 Aufgabenbereiche in der Heimerziehung. 31
4.3 Arbeitsbedingungen im Bereich der Heimerziehung. 39
5. Burnout 45
5.1 Der Begriff Burnout und die gefährdeten Berufsgruppen. 47
5.2 Der Verlauf. 51
5.3 Burnout fördernde Faktoren. 60
6. Maßnahmen zur Vorbeugung. 63
6.1 Allgemein zum Thema Vorbeugung. 63
6.2 Verschiedene Arten von Präventivmethoden. 63
6.2.1 Ausbildung. 64
6.2.2 Autogenes Training 66
6.2.3 Sport 67
6.2.4 Supervision 69
6.2.5 Zielsetzungen. 72
Fazit. 73
Literaturverzeichnis. 75
Anhang
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Einleitung
Ausschlaggebend für die Themenwahl meiner Diplomarbeit war zum einen meine eigene berufliche Erfahrung im Arbeitsfeld Heimerziehung und zum anderen mein Wunsch, in diesem Bereich nach meinem Studium erneut tätig zu werden. In den vier Jahren, in denen ich in einem privaten, therapeutischen Kinder- und Jugendheim gearbeitet habe, bemerkte ich bei einzelnen Mitarbeitern Anzeichen von Resignation bis hin zur Gleichgültigkeit in bezug auf die Arbeit.
Dieses Ausbrennen, Burnout genannt, schlägt sich auf die pädagogische Arbeit nieder und wirkt sich kontraproduktiv aus.
Das nachfolgende Zitat verdeutlicht, das speziell Mitarbeiter im Bereich der Heimerziehung von diesem Ausbrennen betroffen sind:
„`Ausgebrannt´. Ein stets wiederkehrender Zustand bei Mitarbeitern in der Heimerziehung.
Über diese Problematik wurde und wird nach wie vor intensiv in der Heimerziehung diskutiert. Vor allem die in den Heimgruppen tätigen Erzieher sind und werden es wohl auch bleiben, die Berufsgruppe, die am häufigsten und am intensivsten mit diesem Zustand nicht nur einmal im Verlaufe ihrer Berufstätigkeit konfrontiert werden und somit zur Auseinandersetzung gezwungen sind.“ ( Mueller, 1992, S.13).
Warum gerade Mitarbeiter im Bereich der Heimerziehung verstärkt von der Gefahr des Burnout betroffen sind und welche vorbeugenden Maßnahmen getroffen werden können um dieser Gefahr entgegen zu wirken, ist Gegenstand dieser Arbeit.
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Im Anschluss an die Einleitung folgt ein kurzer Einblick in die Geschichte der Heimerziehung, bevor ich auf die gegenwärtige Situation des Arbeitsfeldes Heim, insbesondere unter dem Aspekt des Kinder- und Jugendhilfegesetzes, eingehe.
Kapitel 4 behandelt das Arbeitsfeld Heim, insbesondere die Mitarbeiter, deren Aufgaben und Arbeitsbedingungen im Bereich der Heimerziehung.
Ein weiter Schwerpunkt meiner Arbeit basiert auf dem Thema Burnout (Kapitel 5) und beginnt mit einer Definition dieses Begriffes. Welche Berufsgruppen besonders gefährdet sind, wie Burnout verläuft werden und welche Faktoren Burnout fördern, werden in diesem Kapitel behandelt.
Der letzte Abschnitt meiner Arbeit befasst sich mit den Maßnahmen zur Vorbeugung. Hier stelle ich verschiedene Arten von präventiven Methoden vor, die im Zusammenhang mit Burnout hilfreich sein können.
Als Anhang füge ich einen Test von Pines, Aronson und Kafrey, Burnout-Forschern, bei. Der Test bietet die Möglichkeit zu veranschaulichen , in welchem Maße man gegenwärtig von Überdruss und Ausbrennen betroffen ist.
Das Fazit bildet den Abschluss meiner Arbeit.
Aus Gründen der besseren Lesbarkeit, verzichte ich in meiner Arbeit auf die weibliche Form der Anrede.
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1: Die Geschichte der Heimerziehung
Um sich ein vollständiges Bild vom Arbeitsfeld Heim machen zu können, sollte man sich mit der Geschichte der Heimerziehung befassen. Die auch heute noch existierenden Klischees tragen zum Negativ-Image von Heimerziehung bei. Durch Reformen wandelte sich die Anstaltserziehung zur Heimerziehung. Die letzte Reform fand mit der Einführung des Kinder- und Jugendhilfegesetzes statt. Dazu berichte ich später im Kapitel 3.1.2 ausführlicher. Da ich nur einen kurzen geschichtlichen Überblick geben möchte, habe ich die mir relevant erscheinenden Eckdaten herausgesucht und erläutert. Die Eckdaten beziehen sich nicht nur auf Jahreszahlen, sondern auch auf Personen, die sich im Bereich der Heimerziehung einen Namen gemacht haben. Dieser geschichtliche Überblick begrenzt sich auf Deutschland. Er beginnt ab dem 16. Jahrhundert und endet in der Gegenwart. Zudem möchte ich an der Geschichte der Heimerziehung verdeutlichen, wie sich das Aufgabenfeld der in Heimen tätigen Erziehern und Pädagogen verändert hat.
Waisenanstalten
Die ersten Waisenanstalten entstanden in den Reichstädten Deutschlands im 16. Jahrhundert. Davor war es üblich gewesen verwaiste Kinder in Familien unterzubringen. Hier wurden die Kinder dann als Arbeitskraft in verschieden Bereichen eingesetzt. Diese Unterbringung ist nicht vergleichbar mit den heutigen Pflegefamilien. Kinder, die nicht die Arbeitserwartungen erfüllten, wurden zurück auf die Straße geschickt.
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1546 entstand das erste Waisenhaus in Lübeck, gefolgt von Hamburg 1567 und Augsburg 1572.
Hallische Anstalten 1698 August Hermann Francke gründete 1698 die bekannt gewordenen Hallischen Anstalten. In diesen Anstalten fand eine strenge, pietistisch geprägte Erziehung statt. Die Kinder sollten ihre innere Haltung ganz auf Gott ausrichten. Neben der religiösen Unterweisung fand erstmals auch ein auf lebenspraktische Inhalte orientierter Unterricht statt. Das tägliche Leben der Waisenkinder war durch einengende Strenge und Disziplin geprägt. Ursprünglich sollten die Gruppengrößen im Waisenhaus in Halle möglichst gering sein, um die aus heutiger Sicht völlig falsche pädagogische Vorgehensweise zu garantieren. Doch durch den 30. jährigen Krieg und seinen Folgen wurden die Waisenanstalten nahezu überflutet. Die pädagogische Vorgehensweise bestand aus pausenloser Führung und Überwachung. Die Bedürfnisse der Kinder wurden, anders als heute, nicht beachtet. Die strenge, pietistische Erziehung und die Überwachung führten zur Kritik. Aus heutiger Sicht ist diese Kritik verständlich. Dennoch gibt Hegel folgendes zu bedenken :
„Die berechtigte Kritik an den Werken Franckes wird vermerken müssen, dass die Kasernisierung so vieler Kinder in einer Anstalt letztlich eine formale Reglementierung des Lebens in ihr notwendig machte, die ihrerseits Bemühungen zu einer pausenlosen Führung und Überwachung werden ließ, die dem kindlichen Wesen keine Freiheit zur eigener Entfaltung einräumte.“( Hegel, 1968, S. 21)
Hier wird deutlich, welchen Einfluss unter anderem die Gruppengröße auf die pädagogische Arbeitsweise hat.
Der Waisenhausstreit
Die Lage in den Waisenhäusern verschlimmerte sich weiter. Es fand eine regelrechte Massenunterbringung der Kinder statt. Die Sterblichkeitsrate war hoch. Diese Bedingungen und der Vorwurf, dass die Kinder nur zur Arbeit angetrieben
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würden, führten zu einem erbitterten und langandauernden Streit.
„Die Waisenhäuser wurden als Mördergruben, als Lazarette bezeichnet, in denen die armen Kinder elendiglich verdürben oder doch den Keim der Krankheit für das ganze Leben in sich aufnähmen; man nannte ihre Zöglinge Geschöpfe, die unter liebloser und sorgloser Verwaltung durch Schmutz und Krätze, durch schlechte Kost und geheime Sünden, bleiche, abschreckende Gespenster würden, während sie doch zu Christen, zu brauchbaren Bürgern, zu tüchtigen Menschen gebildet werden sollten.“ (Pädagogisches Handbuch 1885, S. 1209)
Nicht nur die schlimmen Zustände in den Waisenhäusern stellten ein Problem dar. Die finanzielle Seite war und ist auch gegenwärtig ein ebensolches Problem. Oft waren die Waisenhäuser in den örtlichen Armen- und Krankenhäusern eingegliedert. Schon 1862 war der Aufenthalt in einem Waisenhaus in Berlin dreimal so teuer wie in der Familienpflege. Es wurden Diskussionen über Vor- und Nachteile von Waisenhausunterbringungen und Familienpflege geführt. Im Jahr 1779 schrieb die „Hamburger Gesellschaft zur Beförderung der Künste und nützlichen Gewerbe“ zu dieser Diskussion eine Preisfrage aus, die klären sollte, ob Erziehung der Waisenkinder vorteilhafter in Familienpflege oder in Waisenhäuser sei.
„ Die Resultate, welche aus den Untersuchungen über jene Preisfrage hervorgehen, sind übereinstimmend ungünstig für die Waisenhäuser ausgefallen. Durch sehr ins Einzelne gehende Berechnungen ist dargethan worden, dass es für den Staat oder die Anstalten selbst weit vorteilhafter sey, die Kinder in auswärtiger Verpflegung zu geben.“ ( Conversations - Lexikon 1819, S. 422)
Bei dem Waisenhausstreit ging es um mehrere Aspekte die sich gegenseitig beeinflussten. Zum einen wurden die pädagogischen Gesichtspunkte angeprangert, zum anderen ging es um die finanziellen Aspekte. Zu dem gab es keine wirkliche Alternative zu den Waisenhäusern, da es gar nicht genügend Familien gab, welche die vielen Waisen aufnehmen konnten.
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„...wenn nur die entsprechende Anzahl tauglicher Familien gefunden würde, denen die Kinder anvertraut werden könnten.“ (Real-Encyclopädie 1874, S. 766)
Auch hier lassen sich Parallelen zur heutigen Situation ziehen.
Pestalozzi
Um eine Reform der Anstalten machte sich besonders der schweizer Pädagoge und Sozialreformer J.H. Pestalozzi verdient. Pestalozzi wurde 1798 die Gründung eines Armen-Erziehungshauses übertragen. Durch den Waisenhausstreit fand eine neue „Betrachtung“ und „Wertachtung“ in bezug auf die Kindheit und kindorientierte Erziehung statt. Diese neuen Sichtweisen und Pestalozzis pädagogische Ideen führten nur teilweise zu einer neuen Vorgehensweise in der Waisenhauserziehung.
Pestalozzi teilte das Leben gemeinsam mit seiner Familie und den Waisenkindern. Dieses Erziehungsideal ließ ihn, nach Sauer ( vgl. Sauer 1979, S.36 ), zum Begründer des Familienprinzips werden. Für Pestalozzi waren nicht mehr Zucht, Ordnung und Strenge die herausragenden Attribute. Es überwog das Element der Liebe zu den Kindern. Bedeutend sind die pädagogischen Sichtweisen von Pestalozzi zu Gunsten der Kinder. Durch die nachfolgende Aussage Pestalozzis wird deutlich, welch hohen Stellungswert Beziehungsarbeit hatte, hat und immer haben wird:
Leider fanden Pestalozzis, wie auch Rousseaus Erkenntnisse,
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„Die Zöglinge haben all ihren Vorgesetzten einschließlich allen Ordensmitgliedern Ehre, Liebe und Gehorsam zu erweisen.“(Mehringer 1977, S. 34)
Dieses Zitat aus einer Anstaltsordnung vom Jahre 1908 verdeutlicht, wie wenig Beachtung die bereits vorhandenen pädagogischen Erkenntnisse fanden. Der wichtige Aspekt der Beziehungsarbeit, der heute zu den pädagogischen Grundelementen der Erziehung gehört, wurde durch Strenge, Strafe und Disziplin von vorne herein ausgeschlossen. Es konnten keine emotionalen Beziehungen zwischen Kindern und Pädagogen entstehen. Der Begriff „Heim“ wurde Anfang des 20.Jahrhunderts üblich. Beschreibungen wie:
waren davor und auch danach üblich. Alleine diese Benennungen machen deutlich, wie negativ Heim umschrieben wurde. Diese Bezeichnungen förderten das Negative - image der Heimerziehung..
Heimerziehung im Dritten Reich Im Dritten Reich fand eine Unterteilung der Kinder und Jugendlichen in „gute“ Elemente, die als „erbgesund“, „normalbegabt“ und „eingliederungsfähig“ galten und in „halbgute“ Elemente, die Fürsorgeerziehung nach dem Reichsjugendwohlfahrtsgesetz (RJWG) von 1922 erhielten, statt. Die in „böse“ Elemente eingeteilten Kinder und Jugendlichen galten als schwererziehbar und kamen ab 1940
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in polizeiliche Jugendschutzlager. Alle Kinder, die nicht als „rassisch wertvoll“, erbgesund, sowie erziehungsfähig und erziehungswürdig angesehen wurden, kamen in die so genannte `Bewahrung´. Diese Bewahrung war Aufgabe der Wohlfahrtsverbände. Auch hier ist wieder der finanzielle Aspekt zu berücksichtigen. Denn die Wohlfahrtsverbände, die keinerlei finanzielle Unterstützung von Seiten des Staates erhielten, mussten das „qualifizierte“ Personal entlassen.
„Weil Bewahrung keiner fachlichen Qualifikation bedurfte und in Masseneinrichtung geschehen konnte, sahen sich die Wohlfahrtsverbände infolge ausbleibender staatlicher Hilfen gezwungen, ihr qualifiziertes Personal abzubauen und mit wenigen unausgebildeten Mitarbeitern die in ihrer Obhut befindlichen Menschen in Großgruppen von oft über 30 Personen zu betreuen.“ ( Heitkamp 1989, S. 27).
Auch in dieser Zeit waren Strenge, Disziplin und Unterwerfung die pädagogischen, wenn auch aus heutiger Sicht falschen, Aspekte der Erziehung.
SOS-Kinderdörfer
Nach dem Ende des Zweiten Weltkrieges waren nur noch wenige Heime vorhanden und die Anzahl der heimat- und elternlosen Kinder groß. Die Heime, die es noch gab, wurden von unausgebildetem Personal geführt. Ehemalige Soldaten zählten unter anderem zu diesem Personal. Da es eine große Anzahl an Waisenkindern gab, stieg die Gruppengröße in den Heimen immens an. Durch diese Gruppengrößen, die, wie schon erwähnt, Einfluss auf die pädagogischen Arbeitsweisen haben, und die Nichtqualifikation des Personals machten ein pädagogisches Arbeiten unmöglich.
„Um mit solchen Massen von Kindern einigermaßen fertig zu werden, blieben dem nichtqualifizierten Personal nur wenige Methoden übrig, die auf Strenge, Disziplin, Ruhe, Ordnung und Unterordnung basierten.“ ( Günder 2000, S.21).
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Einen entscheidenden Beitrag zur Unterbringung elternloser Kinder leisteten die SOS-Kinderdörfer. Sie wollten den Kindern ein „wirkliches Zuhause“ bieten und wandten sich so von der üblichen Anstaltspädagogik ab. Die SOS-Kinderdörfer waren auf einen familienähnlichen Rahmen ausgerichtet. Das sich mehr und mehr durchsetzende Familienprinzip war auf der einen Seite zu begrüßen, auf der anderen Seite kam unter anderem die Frage auf, ob diese Form der Erziehung für alle Kinder geeignet sei. Dies ist eine Kritik die 1968 erneute Aktualität erlangte. In der Zeit nach dem Zweiten Weltkrieg setzte sich in der Heimerziehung die familienähnliche, zumindest von der äußeren Form und Struktur, durch.
„Bis auf wenige andere Ausnahmen gebührt zweifellos der SOS-Kinderdorfbewegung der Verdienst, Heimkindern einen Rahmen geschaffen zu haben, in dem neben einer beständigen Bezugsperson eine wirkliche Atmosphäre der Geborgenheit und des Sich-Zuhause-Fühlens vorhanden war. Die übrigen Institutionen der Heimerziehung verfügten zwar im Laufe der Jahre über bessere Gebäude und nach und nach über zumindest einzelne pädagogisch ausgebildete MitarbeiterInnen, es waren aber trotzdem immer noch Anstalten mit ihrem typischen Negativmerkmalen“.(Günder 2000, S.22).
Mehringer
Zeitgleich zum Entstehen der SOS-Kinderdörfern realisierte Andreas Mehringer das Familienprinzip in seinem Münchener Waisenhaus. A.Mehringer hat entscheidende pädagogische Maßnahmen erkannt und eingeführt. Leider hat es aber noch Jahrzehnte gedauert, bis diese pädagogischen Impulse die allgemeine Heimerziehung erreichten.
„...muss der Unterschied zwischen einem Familienkind und einem Anstaltskind so riesengroß sein? Wir sagten: Nein. Es gibt einige wesentliche Elemente der Familie, welche auf Ersatzunterbringung übertragbar sind. Es sind vor allem diese drei: die überschaubare kleine Zahl; dann: nicht lauter gleiche, sondern verschiedene Kinder in der Gruppe, große und kleine, Knaben und Mädchen; und schließlich die abgeschlossene Wohnweise dieser kleinen gemischten Gruppe.“ ( Mehringer 1977, S.60)
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Mehringers Ansätze findet man auch noch heute in der gegenwärtigen Heimerziehung wieder. Die Rahmenbedingungen haben in Heimen Einzug gehalten.
Die Gruppenzahl ist gering und überschaubar, Mädchen und Jungen leben gemeinsam im Heim und das Haus gleicht keiner Anstalt mehr, sondern einem „Zuhause“.
60er Jahre
Bei der Geschichte der Heimerziehung spielen die 60er Jahre eine wichtige Rolle. Aus dieser Zeit stammt der bekannte Schlachtruf : „Holt die Kinder aus den Heimen“. Linke Studentengruppen wie die außerparlamentarische Opposition (APO), prangerten das vorherrschende, kapitalistische Gesellschaftssystem an und setzten sich für Randgruppen ein. Eine dieser Randgruppen waren die in Heimen und geschlossenen Fürsorgeheimen lebenden Kinder und Jugendlichen. Nach Kupffer/Martin bezog sich das pädagogische Interesse der Studentengruppen vor allem auf die vorherrschenden gesellschaftlichen und sozialen Rahmenbedingungen der Erziehung:
- Sprachbarrieren
- Chancengleichheit
- Sexuelle Repression
- Hierarchien
- Interpretationsmonopole in den Institutionen
( Kupffer/Martin 2000, S. 152 )
„Die Öffentlichkeit wurde - teilweise in spektakulären Formenauf die Not der in Heimen lebenden jungen Menschen aufmerksam gemacht, die Rahmenbedingungen und Erziehungspraktiken wurden angeprangert.“ ( Günder 2000, S. 22).
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In dieser Zeit entstand die antiautoritäre Erziehungsbewegung. Einer der Vorreiter auf diesem Gebiet war der britische Pädagoge Alexander Neill. Er gründete schon 1924 die bekannte Internatsschule „Summerhill“ bei Ipswich. Neill entwickelte eine Form repressionsfreier Erziehung. In Summerhill konnten die Kinder und Jugendlichen selber bestimmen, ob, was und wann sie lernen wollten. Es fand eine Erziehung ohne Zwang und Druckausübung auf die Kinder und Jugendlichen statt. Heute ist diese Art der Erziehung kaum zu finden. Teilweise entstanden daraus die auch heute noch aktiven autonomen Jugendfreizeiteinrichtungen. Die „Tek“ in der Adalbertstraße in Berlin ist zum Beispiel ein solches selbstverwaltetes Jugendprojekt. Auch wenn die antiautoritären Erziehungsmethoden aus heutiger Sicht eher skeptisch und von der allgemeinen Pädagogik ablehnend betrachtet wird, führten die Veröffentlichungen über Theorie und Praxis von der Internatsschule „Summerhill“ von A.Neill zu langanhaltenden Diskussionen, sowohl in der breiten Öffentlichkeit, als auch in der Fachwelt. Diese Diskussionen und die Skandalberichte über die Heimerziehung führten zu Reformforderungen für die Heimerziehung. Folgende Forderungen wurden unter anderem gestellt:
- die Abschaffung repressiver, autoritärer
Erziehungsmethoden
- die Verringerung der Gruppengrößen
- tarifgerechte Entlohnung sowie Weiter- und
Fortbildungsmöglichkeiten
- die Abschaffung von Stigmatisierungsmerkmalen wie
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zum Beispiel Anstaltskleidung.
„Nach und nach konnten die politisch und gesellschaftlich anerkannten Forderungen nach Reformen in der Praxis der Heimerziehung realisiert werden. Vor allem wurde dafür gesorgt, dass pädagogisch gut ausgebildetes Personal in den Heimen arbeitet und entsprechende Richtlinien der Heimaufsichtsbehörden wurden erlassen.“ (Günder 2000, S.23)
70er Jahre bis heute
Anfang der 70er Jahre wurde das Pflegewesen enorm ausgebaut. Viele Kinder kamen in Pflegefamilien, die für geeignet gehalten wurden. Die Zahl der in Heimen lebenden Kinder ging zurück. Allerdings wurden nur die jüngeren Kinder vermittelt. Die älteren, sowie „schwierige“ Kinder und Jugendliche verblieben in den Heimen, was für die dort tätigen Erzieher und Sozialarbeiter die Arbeit erschwerte. Zudem hatten die Strukturveränderungen und die Qualifizierungen der Mitarbeiter der Heime zu enormen Kostensteigerungen geführt. Ungefähr 70-80 % der Heimkosten resultierten aus Personalkosten. Dieser Aspekt ist bis heute noch aktuell.
„Heute liegen die tatsächlichen Kosten für ein Heimkind je nach Institution zwischen 200,- bis 250,- DM und darüber. Somit kostet ein Heimplatz im Monat ca. 6000,- bis 7500,-DM.“( Günder 2000, S.23).
Somit wurde und wird weiterhin versucht, Heimerziehung aus pädagogischen und finanziellen Gesichtspunkten zu vermeiden. Nicht nur durch das ausgebaute Pflegewesen gingen die Zahlen der in Heimen lebenden Kinder und Jugendlichen zurück. In den letzten 30 Jahren entstanden die Alternativen zur Heimerziehung. Allerdings möchte ich in
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Bezug auf die Pflegefamilien noch darauf verweisen, dass viele Pflegschaften scheiterten, bzw. immer noch scheitern. Es wird von einer Abbruchquote der Pflegeverhältnisse von über 30% ausgegangen. 1997 kamen 1.343 Kinder und Jugendliche in Pflegefamilien, 1.446 Kinder und Jugendliche kamen allerdings aus Pflegefamilien zurück ins Heim (vgl. Günder, 2000, S.25). Hier wird deutlich, dass Alternativen sowohl für die Heimunterbringung als auch für das Pflegewesen notwendig waren. Es wurden Maßnahmen entwickelt, um vorbeugend eingreifen zu können und so eine Alternative zur Heimerziehung zu bieten. Zu nennen sind hierbei:
- Erziehungsberatung
- Soziale Gruppenarbeit
- Erziehungsbeistand, Betreuungshelfer
- Sozialpädagogische Familienhilfe
- Erziehung in der Tagesgruppe
Diese ambulanten und teilstationären Erziehungshilfen werde ich noch kurz im Kapitel 3.1.1 erläutern.
Quantitative Veränderungen
Die Zahl der in Heimen lebenden Kinder und Jugendlichen ging in der Zeit von 1970 bis 1999 stark zurück.
- 1970 lebten in den alten Bundesländern 88.810 Minderjährige in Heimen der Jugendhilfe. Davon waren 10.126 (11,4%) im Rahmen der Fürsorgeerziehung untergebracht, also in der Regel unfreiwillig.
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- 1982 lebten in den alten Bundesländern 52.699 Minderjährige in Heimen, davon 2,9% im Rahmen der Fürsorgeerziehung.
- 1993 lebten in den alten Bundesländern 57.538 Kinder, Jugendliche und junge Erwachsene in Heimen, Wohngruppen oder in sonstigen betreuten Wohnformen.
Zur gleichen Zeit lebten in den neuen Bundesländern 18.639 Kinder und Jugendliche in Heimen.
- 1998 lebten im gesamten Bundesgebiet 78.212 junge Menschen in einer Institution der stationären Jugendhilfe.
Resümee
Wie man anhand der Geschichte der Heimerziehung erkennen kann, ist diese durch sehr viel Leid, Missachtung und das Fehlen elementarster Grundbedürfnisse, wie Geborgenheit und liebevolle Zuwendung, gekennzeichnet. Durch unzulängliche Rahmenbedingungen und das Fehlen bzw. Außerachtlassen pädagogischer Vorgehensweisen hat das Arbeitsfeld Heim sein Negativimage und die Abseitsstellung erlangt. In den letzten 30 Jahren veränderten sich die Einrichtungen von Anstalten mit Aufbewahrungscharakter hin zu differenzierten, pädagogischen Institutionen. Zudem fanden auch Veränderungen in bezug auf die dort tätigen Betreuer statt. War früher ungelerntes Personal, man denke an die Soldaten, in Heimen tätig, so sind heute viele verschiedene, gut ausgebildete, pädagogische Mitarbeiter verschiedener sozialer Fachrichtungen in Heimen tätig. Im Kapitel 4.1 werde ich dazu ausführlicher berichten. Die Gruppengröße wurde kontinuierlich reduziert, so das heute in der Regel keine Großheime mehr, wie früher üblich, vorhanden sind. Dieses Prinzip der Dezentralisierung ist eine der Auswirkungen, die sich aufgrund der Reformen eingestellt hat.
Arbeit zitieren:
Sandra Paterjey, 2002, Burnout in der Heimerziehung - Maßnahmen zur Vorbeugung, München, GRIN Verlag GmbH
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