• Hat Boccaccio damit wirklich eine neue Gattung geschaffen, an der sich andere
Autoren orientierten?
• Welchen Einfluß übte seine Rahmenidee auf nachfolgende Autoren aus?
• Ist nicht Boccaccio selbst auch schon einem früheren Pfad gefolgt?
• Wer hat sich denn tatsächlich daran orientiert?
• Woher kommt der Begriff „Novelle“?
• Was eigentlich ist eine Novelle, welches sind ihre Wesensmerkmale?
• Ist die Novelle heute noch das, was sie zu Zeiten Boccaccios war?
In dieser Arbeit wird versucht, diese Fragen anhand historischer Untersuchungen und dem Vergleich mit ihm nachfolgenden europäischen Autoren von Rahmenwerken zu beantworten.
I. Giovanni Boccaccio: Il Decameron
1. Giovanni Boccaccio
Der italienische Dichter und Humanist Giovanni Boccaccio wurde im Juni oder Juli 4 in Certaldo oder Florenz geboren. 5 Als möglicher Geburtsort wird aber auch 1313
6 genannt, was aber von der neueren Forschung für wenig zuverlässig gehalten Paris 7 Er ist wird („oggi non si ritiene più attendibile la notizia di una sua nascita a Parigi“). Zeitgenosse Dantes (1265 - 1321) und Petrarcas (1304 - 1374). Zusammen mit diesen beiden Dichtern wird Boccaccio als einer der drei Dichterfürsten (tres poetarum 8 der italienischen Renaissanceliteratur des Trecento genannt. Boccaccio principes)
entstammt einer Liaison des florentinischen Kaufmannes und Bankiers Boccaccio di
4 http://www.liberliber.it/biblioteca/b/boccaccio/index.htm, Manfred Hardt, Geschichte der italienischen Literatur: S. 148
5 Manfred Hardt: Geschichte der italienischen Literatur, S. 148 6 Thomas Degering: Kurze Geschichte der Novelle, S. 12 7 http://www.liberliber.it/biblioteca/b/boccaccio/index.htm 8 Brockmeier, Peter: Boccaccios Decameron, S. 6
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Chellino mit einer unbekannten Frau. Giovanni Boccaccio wuchs in Florenz auf und begann dort eine kaufmännische Lehre, die ihn 1330 nach Neapel führte. Hier studierte 9 Im Jahr 1332 gab er den Kaufmannsberuf auf, um sich dem er auch alte Sprachen.
Studium der Rechte zu widmen. Er verbrachte einige Jahre am Königshof in Neapel, wo der Vater als Teilhaber des Bankhauses Bardi in enger Verbindung mit dem königlichen Hof stand. Dort begann seine dichterische Laufbahn. Zwischen 1339 und 1341 kehrte Boccaccio nach Florenz zurück, wo er das Amt eines Richters und Notars antrat. Diplomatische Missionen führten ihn 1365 zu Papst Urban V. zunächst nach Avignon und später, 1367, nach Rom. Gemeinsam mit Petrarca bemühte er sich um die Wiederbelebung der lateinischen und auch der griechischen Studien; ebenso wie er die 10 1373 hielt er noch erste vollständige Übersetzung Homers ins Lateinische veranlaßte. Vorlesungen über Dantes „Göttliche Komödie“, dann zog er sich auf sein Landgut in Certaldo bei Florenz zurück, wo er am 21. Dezember 1375 starb.
2. Der Decameron 11
Giovanni Boccaccio hat den Decameron in der Zeit unter dem Einfluß der Pest in Florenz von 1348 im gleichen oder folgenden Jahr begonnen, und es wird 12 angenommen, daß er 1351 oder 1353 abgeschlossen wurde.
9 dtv-Lexikon, Band 2. „Boccaccio“, S. 315
10 dtv-Lexikon, Band 2. „Boccaccio“ , S. 315
11 Im folgenden Text wird der männliche Artikel entsprechend dem Italienischen „il“ verwendet. Auf das Buch wird sich als „der Decameron“ bezogen. 12 Giovanni Boccaccio: Das Dekameron, S. 853, Die Meinung für die Fertigstellung im Jahre 1351 vertreten: Wilhelm Theodor Elwert: Die italienische Literatur des Mittelalters, S. 213: „Von 1351 an, genauere Angaben lassen sich nicht machen, dürfte das Werk vollendet vorgelegen haben.“ und
http://www.liberliber.it/biblioteca/b/boccaccio/index.htm: „(...) il Decameron (era) terminato nel 1351.“
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13 , wovon Boccaccio selbst Jedoch waren schon vorher Teile des Werkes in Umlauf
indirekt in der Einleitung des vierten Tages Zeugnis gibt, wo er sich den anscheinend existierenden kritischen Stimmen zu seinen Geschichte stellt: „Es haben sich nun beim Lesen dieser Geschichten einige gefunden, meine Damen, die behaupteten, daß ihr mir zu gut gefielet und daß mein Bestreben, euch zu erheitern und zu trösten, unschicklich sei. Noch schlimmer sei es - so meinen andere - , euch in dem Maße zu preisen, wie ich es tue. Wieder andre, (...) warfen mir vor, es zieme meinem Alter nicht [Boccaccio war doch höchstens 35 Jahre alt!!!], noch den Dingen der Liebe nachzugehen, (...). (...). Bevor ich jedoch darangehe, einem meiner Widersacher entgegenzutreten, möchte ich zu meiner Rechtfertigung eine Erzählung 14 vortragen (...).“
Er verteidigt die unschicklichen Geschichten des Decameron auf etwas unaufrichtige Art, für ihn ist es der prosaische Autor, welcher sie aufgeschrieben hat, es liege am Leser, eine Seite oder Geschichte umzuschlagen, wenn ihm eine Geschichte nicht 15 gefalle.
Während der Renaissance gilt der Decameron als Vorbild einer gepflegten, der lateinischen Sprache ebenbürtigen volkssprachlichen Ausdrucksweise, und er wird als „tesoro di lingua“ (Sprachschatz) und als „insuperabile esempio dell’uso del volgare“ 16 Man könnte fast (unübertreffliches Beispiel im Gebrauch der Volgare) bezeichnet. sagen, daß ähnlich wie Luthers Bibelübersetzung die deutsche Sprache, Boccaccios Decameron das Italienische „salonfähig“ gemacht hat.
13 Wilhelm Theodor Elwert: Die italienische Literatur des Mittelalters, S. 213 14 Das Dekameron des Giovanni Boccaccio. Erster bis fünfter Tag: S. 424 / 425 15 Helen Cooper. Oxford Guides to Chaucer Studies. The Canterbury Tales, S. 93. „Boccaccio had defended the improper tales of the Decameron along similarly disingenious lines. It is the literal authour who chooses to write the tale; but since it is possible to „turne over the leef“, it can be presented as the reader’s fault, not the author’s, if the tale is not found objectionable.“ 16 Brockmeier, Peter (Hrsg.): Boccaccios Decameron, S. 6
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a) Il Decameron - Das Zehntagewerk
Der Titel des Buches, „Decameron“, erschließt bereits das Gerüst des Werkes, er ist aus griechisch déka (zehn) und heméra (Tag) gebildet und bedeutet damit „Zehntagewerk“, ähnlich wie schon der „Hexaëmeron“ Basileos des Großen bzw. des Ambrosius von Mailand, welcher etwa im 4. Jahrhundert als sechsteiliges Gedicht das Sechstagewerk der Weltschöpfung beinhaltet.
Die Hundertzahl der Novellen schließt sicherlich an die Sammlung der „Ciento novelle antike“ (Ende des 12. Jahrhunderts, auch als „Novellino“ zitiert) an, und verweist möglicherweise auch auf die hundert Gesänge von Dantes „Divina Commedia“. In der 17 Renaissance war der Decameron auch unter dem Titel „Le cento novelle“ bekannt. Schon vom Titel her soll signalisiert werden, daß der Decameron „(...) um das Leben in der irdischen Schöpfung kreist und zugleich um das Erzählen selbst als schöpferischer Leistung des Autors wie seiner fiktiven Figuren, die er uns in der sogenannten 18 „Rahmenhandlung“ vorstellt.“.
Hinzu kommt, das im Mittelalter geglaubt wurde, daß Zahlen eine göttliche Symbolik haben. Die Drei wies auf die heilige Dreifaltigkeit hin, die Vier stand für die vier Apostel oder die vier Himmelsrichtungen. Die Zehn hingegen gilt als die Weisheitszahl. Die Gebote Gottes wurden auf zwei Steintafeln zu je fünf Gesetzen festgehalten, und seit dem Beginn des jüdischen Glaubens stand Gott der zehnte Teil von allem zu. Es scheint zwar etwas phantastisch, wenn man den Decameron als Zehnt Boccaccios an Gott verstehen will, aber es ist bestimmt kein Zufall, daß die Zehnzahl gleich dreifach erscheint: an zehn Tagen werden von zehn Personen jeweils zehn Geschichten erzählt.
17 Eberhard Leube: Boccaccio und die europäische Novellendichtung, S. 134
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b) Der vollständige Titel
Der Titel von Boccaccios Novellensammlung lautet vollständig:
„Comincia il libro chiamato il Decameron, cognominato Prencipe Galeotto, nel quale si 19 contengono cento novelle in diece dí dette da sette donne e da tre giovani uomini.“
Die deutsche Übersetzung des Titels gestaltet sich als etwas schwierig. Der Ausdruck „Prencipe Galeotto“ wird in der Übertragung von Karl Witte (1800 - 1883) im Jahre 1827 mit „der Erzkuppler“ übersetzt:
„Der Dekameron
Hier beginnt das Buch, genannt Dekameron, beigenannt der Erzkuppler, worin hundert Geschichten enthalten sind, die von sieben Damen und drei jungen Männern erzählt 20 werden.“
Eine andere Ausgabe, welche die Übertragung der ersten drei Tage von August 21 des Decameron verwendet (die folgenden Tage stammen ebenfalls Wilhelm Schlegel
aus der Übertragung Karl Wittes), behält den Ausdruck „Prencipe Galeotto“ bei:
18 Volker Krapp (Hrsg.): Italienische Literaturgeschichte, S. 79
19 Giovanni Boccaccio: Decameron. Zwanzig ausgewählte Novellen. Italienisch / Deutsch. Übersetzt und herausgegeben von Peter Brockmeier, S. 5 20 Giovanni Boccaccio: Das Dekameron, S. 5. Hier wurde das italienische „novella“ mit „Geschichte“ übersetzt.
21 Das Dekameron des Giovanni Boccaccio. Erster bis fünfter Tag: S. 668.
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„Es beginnt das Buch Dekameron, auch Prencipe Galeotto genannt, mit seinen hundert Geschichten, die in zehn Tagen von sieben Damen und drei jungen Männern erzählt 22 werden.“
Noch eine andere, jüngere Übersetzung lautet folgendermaßen:
„Es beginnt das Buch Decameron genannt, mit dem Beinamen Prencipe Galeotto, in welchem hundert Novellen an zehn Tagen von sieben Damen und drei jungen Männern 23 erzählt werden.“
„Prencipe“ bzw. „principe“ bedeutet in heutigem Italienisch „Fürst“ oder „Prinz“. „Galeotto“ hingegen findet mehrere Übersetzungsmöglichkeiten: Zuchthäusler, 24 Galeerensträfling, Schurke, Gauner, Galgenvogel.
Der „Prencipe Galeotto“ ist aber eine Figur des altfranzösischen Lancelotromans von 25 Es handelt sich um König Galehaut, derjenige, welcher Chrétien, „Lancelot du Lac“.
König Arturs Gattin Guinevre mit Lancelot zusammenführt. Für Lancelot war Galeotto 26 , und genauso sieht „der höfisch vornehme Freund, Berater und Tröster der Liebenden“ Boccaccio seinen Decameron: Als einen guten, unaufdringlichen Freund.
Einige Wissenschaftler sind noch der Ansicht, daß Boccaccio mit der Wahl dieses „Prencipe Galeotto“ auf Dante Bezug nimmt, welcher eben diesen Prencipe Galeotto in 27 die Hölle verdammt, weil er Lancelot und Guinevra miteinander bekanntgemacht hat.
22 Das Dekameron des Giovanni Boccaccio. Erster bis fünfter Tag: S. 4. 23 Giovanni Boccaccio: Decameron. Zwanzig a usgewählte Novellen. Italienisch / Deutsch. Übersetzt und herausgegeben von Peter Brockmeier, S. 5 24 Langenscheidts Taschenwörterbuch Italienisch (1998), S. 250 25 Diemut Maria Billen: Boccaccios Decameron und die didaktische Literatur des Mittelalters, S. 65, Anm. 154
26 Wilhelm Theodor Elwert: Die italienische Literatur des Mittelalters, S. 214 27 Hannelore Schlaffer: Poetik der Novelle, S. 25 und
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Genauer wird diese Parallele von Peter Brockmeier erklärt: Er sieht den „Prencipe Galeotto“ als eine Anspielung auf den 5. Gesang von Dantes „Inferno“ an. Darin wird ein Liebespaar, das sich beim Lesen des „Lancelot du Lac“ näherkommt, und dabei gleich vom Schwager der Dame in flagranti erwischt und von diesem getötet wird. Er vertritt damit die Ansicht, daß „der Untertitel des Decameron auf die vermittelnde Funktion des Buches (das Unglück führt die Erzählerschar zusammen, in einer Vielzahl ihrer Novellen führt die allmächtige Liebe die Menschen zusammen) verweist, und auf die 28 Liebesleidenschaft sowie ihre Gefahren als Thema des Buches.“.
Die Übersetzung des Beinamens „Prencipe Galeotto“ mit „Erzkuppler“ wirkt daher etwas unbeholfen, ja verfehlt und sogar herabwertend, denn als ein Kuppler wird eine Person bezeichnet, die sich nach heutigem Recht durch die Begünstigung von Unzucht strafbar macht. Dem heutigen Leser wird dadurch eine falsche Vorstellung des Buches geliefert. Der Lösung Schlegels und auch Brockmeiers, nämlich den Eigennamen beizubehalten, ist daher Vorzug zu gewährleisten.
c) Der Rahmen
Boccaccios Decameron stellt ein in sich geschlossenes Werk dar, „daß durch eine Grundidee zusammengehalten und in ein ganz bestimmtes moralische Gefüge eingefaßt ist, dessen kostbares, aber notwendiges Element der sogenannte „Rahmen“ 29 ist.
Diemut Maria Billen: Boccaccios Decameron und die didaktische Literatur des Mittelalters, S. 65
28 Giovanni Boccaccio: Decameron. Zwanzig ausgewählte Novellen. Italienisch / Deutsch. Übersetzt und herausgegeben von Peter Brockmeier, S. 277 29 Vittore Branca: Die neuen Dimensionen des Erzählens. In: Boccaccios Decameron. Herausgegeben von Peter Brockmeier, S. 125
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Hier ist Boccaccio in der Tat innovativ, der Dialog nach innen ist seine geniale Erfindung: „nicht der Autor selbst erzählt, und er spricht nicht aus dem Buch heraus, 30 . sondern durch zehn Sprecher läßt er (...) erzählen.“
Betrachtet man den Proemio, die Conclusione dell’autore und die Vor-, Zwischen- und Nachgeschichte des Decameron, so ist man versucht zu sagen, daß es sich hier um zwei ineinander verwobene Rahmen handelt:
Nämlich einmal der Rahmen, in dem Boccaccio selbst seiner Leserschaft Anweisung und Hilfe gibt, wie man den Decameron lesen und verstehen sollte, und andererseits der eigentliche Rahmen mit der Schilderung der Pest, dem Zusammentreffen, dem Aufenthalt auf dem Landgut und dem Auseinandergehen der Brigata. Man kann hier von einem diskursiven und einem erzählerischen Rahmen sprechen.
aa) Der diskursive Rahmen
Die erzählerische Funktion des diskursiven Rahmens wird von Boccaccio recht klar dargestellt, Boccaccio macht schon mit der Verwendung des Beinamens „Prencipe Galeotto“ deutlich, welchen Zweck er mit dem Decameron verfolgt: Er will diejenigen, die Liebeskummer haben, erheitern und trösten: „Als Hilfe und Zuflucht der Liebenden 31 Ganz besonders spricht er die Frauen (...) will ich hundert Geschichten (...) erzählen.“
an, denn Männer haben einen solchen Trost nicht so sehr nötig, weil sie sich durch ihre 32 Arbeit oder andere Betätigungen von ihrem Liebeskummer ablenken können.
30 Walter Pabst: Novellentheorie und Novellendichtung. Zur Geschichte ihrer Antinomie in den romanischen Literaturen. In: Novellen. Herausgegeben von Josef Kunz, S. 326 31 Das Dekameron des Giovanni Boccaccio, Erster bis fünfter Tag: S. 9 32 Giovanni Boccaccio: Decameron. Zwanzig ausgewählte Novellen. Italienisch / Deutsch. Übersetzt und herausgegeben von Peter Brockmeier, S. 8 „E chi negherá questo, quatunque egli sia, non molto più alle vaghe donne che agli uomini convenirsi donare? (...) Addunque, acciò che in parte per me s’ammendi il peccato della fortuna, la quale dove meno era di forza, sì come noi nelle dilicate donne veggiamo, quivi più avara fu di sostegno, in soccorso e rifugio di quelle che amano, per ciò che all’altre è assai l’ago e ’l fuso e l’arcolaio, intendo di raccontare (...)
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bb) Der Erzählrahmen
Ebenfalls im Titel wird der Erzählrahmen, welcher die hundert Geschichten umschließt, angedeutet. Es handelt sich nicht nur um eine Anzahl lose gesammelter Stücke, sondern diese werden von sieben Damen und drei jungen Männern erzählt. Der eigentliche Erzählanlaß wird jedoch erst in der Vorrede des ersten Tages dargelegt.
Im Jahre 1348 wütet die Pest in ganz Europa und rafft Tausende von Menschen dahin. Die Menschen wußten nicht, wie man sich infiziert, und so wurde der schwarze Tod als eine Geißel Gottes verstanden, die dieser ausgesandt hat um die Menschen für ihre Sünden zu bestrafen. Auch die Menschen der Stadt Florenz blieben von ihr nicht verschont, die Pest wütete 1348 auch hier. Grausig muß es zugegangen sein in der Stadt. Es starben so viele, daß man sie gar nicht alle beerdigen konnte, und so liegen die Toten auf den Straßen. Die gesunden Menschen flohen die Erkrankten, und es kam sogar soweit, daß
„ein Mitbürger den andern mied, daß der Nachbar fast nie den Nachbarn pflegte und die Verwandten einander selten oder nie besuchten; aber mit solchem Schrecken hatte dieses Elend die Brust der Männer wie der Frauen erfüllt, daß ein Bruder den andern im Stich ließ, der Oheim seinen Neffen, die Schwester den Bruder und oft die Frau den Mann, ja, was das schrecklichste ist und kaum zu glauben scheint: Vater und Mutter weigerten sich, ihre Kinder zu besuchen und zu pflegen, als wären es nicht die 33 ihrigen.“
Nelle quali novelle piacevoli e aspri casi d’amore e altri fortunati avvenimenti si vederanno così né moderni tempi avvenuti come negli antichi; delle quali già dette donne, che queste legeranno, (...).“ 33 Giovanni Boccaccio: Das Dekameron, S. 17 / 18
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Nach dieser außerordentlich drastischen Beschreibung der Zustände in Florenz werden dem Leser nun die im Titel erwähnten Damen und Herren, die sogenannte Brigata, und deren Plan vorgestellt:
Man sucht Trost im Gebet und so trifft es sich, daß zehn junge Menschen, die im Titel 34 erwähnten Damen und Herren, sich zufällig in der Kirche Santa Maria Novella begegnen und einen Entschluß fassen: Nämlich ihr Recht auf Selbsterhaltung wahrzunehmen und die Stadt zu verlassen, um auf einem Landsitz außerhalb der Stadt Zuflucht zu nehmen. Dort angekommen, werden am ersten Tag die Spielregeln für den Aufenthalt festgelegt: Jeder soll einmal König sein, und über das Tun und Lassen der anderen bestimmen. Anschließend vergnügt man sich - aber immer schicklich! - singt Lieder und tanzt, und nach einem ausgiebigen Mittagsschläfchen versammeln sich alle, 35 zu erzählen. So um am ersten Tag „jeder eine Geschichte von beliebigem Inhalt“ werden an zehn Tagen zehn Geschichten erzählt, jedesmal unter dem Vorsitz einer neuen Königin oder eines neuen Königs, welcher auch das Thema des Tages vorgibt. In Anlehnung an die „Fragespiele und Liebeskasuistik der französischen Minnehöfe“ 36 werden die Geschichten dann von den Mitgliedern der Brigata kommentiert.
37 - kehrt die Nach vierzehn Tagen - am Freitag und am Samstag wurde nicht erzählt Brigata, zu Deutsch „Gesellschaft, Schar“, auf den Vorschlag Panfilos hin nach Florenz zurück, da dieser befürchtet, daß ein noch längerer gemeinsamer Aufenthalt den Anstand der Gruppe gefährden könne. Man trifft sich noch einmal in der Kirche Santa Maria Novella und geht dann auseinander.
d) Die Brigata
34 Heute direkt gegenüber dem Bahnhof, welcher den gleichen Namen trägt. 35 Giovanni Boccaccio: Das Dekameron, S. 33
36 Walter Pabst: Die Theorie der Novelle in Deutschland (1920 - 1940). In: Novelle. Herausgegeben von Josef Kunz, S. 254 37 Giovanni Boccaccio: Das Dekameron, S. 201
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In der Einleitung des ersten Tages gibt Boccaccio seinen Lesern eine ausführliche Vorstellung seiner Brigata, diese allerdings mehr auf die inneren Charakterzüge, weniger auf das äußere Erscheinungsbild bezogen. Zu den Damen heißt es, daß sie „gebildet und von vornehmer Herkunft, schön gewachsen, von besten Sitten und artigem Anstand“ waren.
Es trug sich also zu, daß sich diese sieben jungen Damen, „die einander sämtlich als Freundinnen, Verwandte oder Nachbarinnen nahestanden, sich an einem Dienstagmorgen in der ehrwürdigen Kirche Santa Maria Novella, (...), trafen, nachdem sie in Trauerkleidern, wie sie sich für eine solche Zeit schickten, dem Gottesdienst beigewohnt hatten. Keine von ihnen hatte das achtundzwanzigste Lebensjahr überschritten, keine zählte weniger als achtzehn Lenze.“ Um den guten Ruf der Damen zu schützen, gibt Boccaccio ihnen Decknamen: „und so wollen wir denn die erste und im Alter am meisten vorgerückte Pampinea nennen, die zweite Fiammetta, Filomena die dritte, die vierte Emilia, Lauretta soll die fünfte heißen, die sechste Neifile, und die letzte 38 mag, nicht ohne Grund, Elissa genannt werden.“
Während sich die Damen über die schlimmen Zeiten unterhalten und die Idee zur Flucht aus der Stadt Gestalt annimmt, „traten unvermutet drei junge Männer in die Kirche, unter denen indes der jüngste kein geringeres Alter als fünfundzwanzig Jahre hatte (...). Der erste unter ihnen hieß Panfilo, Filostrato der zweite und Dioneo der dritte, von denen ein jeder gar artig und gebildet war. Sie waren eben unterwegs, um als höchsten Trost (...) den Anblick ihrer Damen zu suchen, die sich zufällig unter den genannten sieben befanden, wie denn auch der eine und der andere unter ihnen mit einigen der übrigen 39 Mädchen durch Verwandtschaft verbunden war.“
Boccaccio konnte bei seinen Leserinnen und Lesern voraussetzen, daß sie ein wenig mit dem Griechischen vertraut waren. Dies zeigt schon der Titel seines Werkes, „Decameron“. Aber auch die Namen der Mitglieder der Brigata sind gräzisiert. Zum
38 Giovanni Boccaccio: Das Dekameron, S. 22 / 23 39 Giovanni Boccaccio: Das Dekameron, S. 27
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Beispiel findet sich bei vier von ihnen, nämlich Filomena, Neifile, Panfilo und Filostrato das griechische „filo“ (philo), welches „Liebe“ heißt. So bedeutet der Name „Filomena“ 40 , „Neifile“ ist „die in Liebessachen die „temperamentvoll und doch beherrschte Liebe“
41 , „Filostrato“ läßt sich mit „der von der Liebe Besiegte“ deuten, und „Panfilo“ Neue“
heißt dann etwa soviel wie „der ganz der Liebe Lebende“ oder auch „der All- 42 . Liebende“ 43 Dioneos Name soll sich von „Dione“, einer der Venus geweihten Insel, ableiten. Dieser Erkenntnis ist aber nur schwer zu folgen. Dione ist nach der Götterhierarchie des Homer eine Gemahlin des Zeus und Mutter der Aphrodite, ein Hinweis auf eine der Venus (bzw. Aphrodite) geweihten Insel läßt sich nicht finden. So bleibt also eine 44 Skizzierung des Dioneo als „der zur Venus Gehörende“.
Einige der Namen sind auch aus früheren Werken übernommen, der bekannteste wird jener der Fiammetta sein, der Name der vielgerühmten aber unbekannten Geliebten Boccaccios. Weiterhin werden auch hinter Pampinea, Filomena, Emilia, Neifile, Elissa und Lauretta Frauen vermutet, die der Dichter einst geliebt hat, und denen er quasi ein literarisches Denkmal setzen wollte. Die letzteren drei gelten zudem als Hommage an Vergil, Dante und Petrarca: „Die herbe Elissa erinnert an Vergils Dido (deren phönikischen Namen sie trägt), die sehnsüchtige Lauretta an die Geliebte Petrarcas,
40 Wilhelm Theodor Elwert: Die italienische Literatur des Mittelalters, S. 215. Zudem hat Boccaccio einer „Filomena“ genannten Frau den Roman „Filostrato“ gewidmet. 41 Manfred Hardt: Geschichte der italienischen Literatur, S. 167. 42 Giuseppe Petronio: Geschichte der italienischen Literatur 1, S. 134, und Manfred Hardt, Geschichte der italienischen Literatur: S. 167.
43 Giuseppe Petronio: Geschichte der italienischen Literatur 1, S. 134: Er schreibt: „(...) Dioneo (der der Venus Gehörende, nach Dione, der der Venus geweihten Insel) ist ein heiterer und frohgemuter Genießer (...).“ Dies ist falsch. 44 Eberhard Leube: Boccaccio und die europäische Novellendichtung, S. 128 Wilhelm Theodor Elwert: Die italienische Literatur des Mittelalters, S. 215.
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und Neifile (...) möglicherweise an die ‘Pargoletta’, eine anonyme Frauengestalt in der 45 Lyrik Dantes.“
Für jeden Tag wählt die Gruppe eine Königin oder einen König. Diese legen jeweils, mit Ausnahme des ersten und des neunten Tages die Themen fest, wobei diese oft schon in den Namen der einzelnen Vorsitzenden anklingen: Am vierten Tag führt zum Beispiel Filostrato, der von der Liebe geschlagene, den Vorsitz, und an diesem Tag werden 46 dann nur Liebesgeschichten mit unglücklichem Ausgang erzählt.
Unter Filomenas Herrschaft werden am zweiten Tag Geschichten von Menschen berichtet, die, von mancherlei Ungemach bedroht, entgegen ihrer eigenen Hoffnung doch noch ein fröhliches Ziel erreichen. Am dritten Tag des Decameron wird unter Neifiles Herrschaft von Menschen erzählt, die mit List etwas Heißersehntes erreichten oder Verlorenes wiedergewannen. Als Fiammetta am fünften Tag das Zepter übernimmt, werden Geschichten von Liebenden erzählt, die nach bösen und 47 Am sechsten gefahrvollen Zwischenfällen doch zu einem glücklichen Ende kommen. Tag werden unter der Herrschaft Elissas Geschichten von solchen Menschen berichtet, die mit einem Geistreichen Einfall eine Herausforderung zurückzugeben wußten oder durch prompte Erwiderung und kluge Vorsicht einem Verlust, einer Gefahr oder der Schande entgingen. Unter Dioneos Regierung am siebenten Tage wird von manchem Schabernack erzählt, den die Frauen - entweder aus Liebe oder zu ihrer eigenen Rettung - ihren Ehemännern zugefügt haben, gleichviel, ob diese dahinterkamen oder nicht. Es folgt der achte Tag mit Lauretta, an welchem von jenen Streichen erzählt wird, die täglich entweder die Frauen den Männern oder die Männer den Frauen spielen oder überhaupt ein Mensch dem andern. Am zehnten und letzten Tag wird unter Panfilos
45 Manfred Hardt: Geschichte der italienischen Literatur: S. 167.
46 Das Dekameron der Giovanni Boccaccio. Erster bis fünfter Tag. S. 421 47 Das Dekameron der Giovanni Boccaccio. Erster bis fünfter Tag. S. 113, 285, 541
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Regierung von solchen Menschen berichtet, die edel oder wahrhaft großmütig in 48 Liebesangelegenheiten oder andern Dingen verfuhren.
e) Die Motive / Stoffe / Symbolik im Decameron
Vittore Branca schreibt in seinem Werk „Boccaccio medievale“ wie Boccaccio zeigt, „wie die Menschen sich im alltäglichen Kampf untereinander und mit den großen beherrschenden Kräften der Welt , Fortuna, Amore, Ingegeno [Geist, Genie], bewähren 49 (...).“
Meist haben die Geschichten die Liebe zum Gegenstand, diese gehen von Schilderungen reinster, aufopfernder Zuneigung wie in der Falkennovelle (Decameron 50 über Eifersucht bis hin zu den vielfältigen Spielarten der unerlaubten, das heißt V, 9)
vor- oder außerehelichen Beziehungen, aber auch Partnertausch (Decameron VIII, 8), Homo- und Bisexualität (Decameron V, 10) kommt im Decameron vor.
Beliebtes Thema ist außerdem die Unzucht in Klöstern, Immer wieder wird die Scheinheiligkeit und Sittenlosigkeit der Mönche und Nonnen augenzwinkernd aufgedeckt, es scheint, daß man schon im Trecento das Thema Zölibat als relativ unnatürlich empfand. Hinzu kommt die Behandlung des Mißbrauchs von Reliquienhandel, Almosenbettelei und Ablaßkrämerei, wobei besonders die Geschichte von Bruder Cipolla (Decameron VI, 10) ein köstliches Beispiel liefert.
48 Das Dekameron der Giovanni Boccaccio. Sechster bis zehnter Tag. S. 5, 71, 169, 391
49 Vittore Branca: Die neuen Dimensionen des Erzählens. In: Boccaccios Decameron. Herausgegeben von Peter Brockmeier, S. 125
50 Bei Stellenangaben aus dem Decameron (z. B. Decameron I, 1) bezeichnet die römische Ziffer den Erzähltag, die lateinische Ziffer bezeichnet dann jene der zehn Geschichte, die gerade an jenem Tag erzählt wird.
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Hinzu kommt die Darstellung der menschlichen Dummheit in all ihren Variationen, wenn auch hier die „heitere, komische, schwankhafte, satirische oder ironische Darstellung 51 dominiert“.
Boccaccio kann aber auch ernsthaft schreiben, wie man an der Falkennovelle (Decameron V, 9) sehen kann. Auch das Thema des vierten Tages, Liebesgeschichten mit unglücklichem Ausgang, zeigen, daß Boccaccio durchaus mit den menschlichen Gefühlshöhen und -tiefen vertraut war.
3. Die Novelle bei Boccaccio
Giovanni Boccaccio war der Begriff „Novelle“ bekannt, verwendet er ihn doch schon im Titel seines Werkes:
„Comincia il libro chiamato il Decameron, cognominato Prencipe Galeotto, nel quale si contengono cento novelle in diece di’ dette da sette donne e da tre giovani uomini.“
a) Der Novellenbegriff Boccaccios
Was Boccaccio unter dem Begriff „Novelle“ verstand, gibt er dem Leser im Proemio des Decameron zu verstehen: „(...), intendo di raccontare cento novelle, o favole, o 52 : Er werde „hundert Novellen oder Fabeln parabole o istorie che dire le vogliamo (...)“
oder Parabeln oder Geschichten, wie (auch immer) wir sie nennen wollen, erzählen (...).“
Der Begriff „Novelle“ war für Boccaccio also noch keine feststehende Gattungsbezeichnung, sondern das Italienische benutzt den Begriff zur Bezeichnung von 53 Er hat also nicht „Die Novelle“ Kurzerzählungen unterschiedlichen Charakters.
erschaffen, sondern unter Verwendung einer Rahmenhandlung eine „offene, vielfach
51 Eberhard Leube: Boccaccio und die europäische Novellendichtung, S. 133 52 http://www.crs4.it/∼riccardo/letteratura/Decamerone/Proemio.htm 53 Wolfram Krömer: Kurzerzählungen und Novellen in den romanischen Literaturen bis 1700, S. 16
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variierte Form der Kurzerzählung geschaffen, die er unter anderem mit dem Ausdruck „novella“ bezeichnete.“ Und genau darin ist er zum Anreger vieler ihm nachfolgenden europäischen Kurzerzähler geworden.
b) Beffe und Motti
aa) Beffa
Die sogenannte „Beffa“, welches auf Deutsch „Spott“ bedeutet, ist eine bestimmte Form der Novelle bei Boccaccio. Der Ausdruck „Schwanknovelle“ trifft ihren Kern am ehesten. Bei dem selbstbewußten Novellenheld der Beffa wird die Handlung autonom geplant und entsprechend narrativ ausgestaltet. Das Selbstbewußtsein der Helden entsteht aus dem Selbstverständnis, das die Menschen der Frührenaissance in Italien hatten, „sie hatten sich von feudalen und religiösen Abhängigkeiten emanzipiert aufgrund ihrer persönlichen Erfolge in bürgerlichem Handwerk, Handel und Gewerbe und hatten die Erkenntnis gewonnen, daß das Vertrauen auf die eigene Tüchtigkeit und Cleverness („forza e avvedimento“) statt auf die Vorsehung sie als Händler, Bankiers, und Manufakturbesitzer (...) weiter bringt als d as Beharren auf überkommenen 54 ökonomischen Strukturen (...)“.
So überwiegen an den Tagen III ( es wird von Menschen erzählt, die mit List etwas Heißersehntes erreichten oder Verlorenes wiedergewannen), VII (es wird von Schabernack erzählt, den Die Frauen ihren Männern zufügen, egal, ob er bemerkt wird oder nicht) und VIII (es wird von Streichen erzählt, die Männer und Frauen oder Menschen überhaupt sich einander täglich spielen) sowie an den themenfreien Tagen I und IX die Beffe, die handelnden Figuren müssen schnell auf unvorhergesehene Ereignisse reagieren, und Einfallsreichtum und Gerissenheit werden bis zu einem gewissen Grad augenzwinkernd hingenommen, wenn denn das Unternehmen erfolgreich verläuft. Ein schönes Beispiel für eine gelungene Beffa liefert die Geschichte des Decameron VII, 9, „Der verzauberte Birnbaum“:
54 Hermann H. Wetzel: Die romanische Novelle bis Cervantes, S. 73
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„Lydia, die Frau des Nicostratus, liebt Pyrrhus, der - bevor er ihrer Liebe Glauben schenken will - drei Beweise von ihr verlangt, die sie alle drei erbringt; darüber hinaus vergnügt sie sich sogar in Nicostratus’ Gegenwart mit Pyrrhus und macht ihrem Mann 55 weis, daß das, was er gesehen hat, gar nicht geschehen ist.“
bb) Motto
Tag VI des Decameron ist ganz den Motti gewidmet, „an welchem von solchen Menschen erzählt wird, die mit einem geistreichen Einfall eine Herausforderung zurückgeben oder durch prompte Erwiderung und kluge Vorsicht, „leggiardri motti“, einem Verlust, einer Gefahr oder der Schande entgingen.“
Ein Motto kann in verschiedenen erzählerischen Formen auftreten. Meistens erscheint es am Ende einer Geschichte, welche die Personen und die Handlung ganz auf das Motto ausgerichtet hat. Als Beispiel könnte hier die erste Geschichte des sechsten Tages dienen, „Die Geschichte, die macht, daß man zu reiten glaubt“: „Ein Kavalier verspricht Madonna Oretta, ihr mit einer Erzählung die Zeit so zu verkürzen, als säße sie zu Pferde; da er aber schlecht erzählt, bittet sie ihn bald, sie wieder auf die eigenen 56 Das Motto könnte bei dieser Geschichte heißen „Schuster bleib bei Füße zu stellen.“
deinen Leisten“, schließlich bewahrt die Dame den Kavalier durch ihr gewitztes Wort vor weiterer Schande. Ebenso kann man auf die Geschichte von Bruder Cipolla ein Leitwort anwenden, da er „diejenigen durch seinen raschen Einfall hereingelegt, die, indem sie 57 Wer zuletzt lacht, ihm die Feder wegnahmen, ihn hereinlegen zu können glaubten.“ lacht am besten.
c) Dingsymbol
55 Das Dekameron des Giovanni Boccaccio, S. 144
56 Das Dekameron des Giovanni Boccaccio, S. 11
57 Giovanni Boccaccio: Decameron. Deutsch / Italienisch. Herausgegeben von Peter Brockmeier, S. 215
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Paul von Heyse (1830 - 1914) fordert von jeder guten Novelle einen „Falken“, das heißt ein Leitmotiv beziehungsweise Dingsymbol als verbindendes Aufbaumittel an wesentlicher Stelle. „Wenn der Erzähler auch bei dem innerlichsten oder reichsten Stoff sich zuerst fragen sollte, wo der Falce sei, das Specifische, das diese Geschichte von 58 tausend anderen unterscheidet.“
Seine Falkentheorie leitet sich von Boccaccios „Falkennovelle“, Decameron V,9 ab, welche er als vorbildlich für eine Novelle empfand. Diese Novelle nämlich ist eines der wenigen Beispiele der hohen Minne im Decameron. Die Kurzfassung vor der Geschichte gibt den Inhalt wieder: „Federigo degli Alberighi liebt und findet keine Gegenliebe. Zu Ehren seiner Dame verschwendet er alle seine Reichtümer und richtet sich zugrunde. Es bleibt ihm nur sein Falke, den er - da er nichts anderes mehr besitztder geliebten Frau bei einem unerwarteten Besuch zu Tisch vorsetzt. Als die Dame dies erfährt, ändern sich ihre Gefühle, sie nimmt Federigo zum Gatten und macht ihn wieder 59 zum reichen Mann.“
Diesen Angaben ist allerdings noch ein weiteres Motiv hinzuzufügen: Die Witwe hat einen, den es dermaßen nach diesem Falken verlangt, daß er krank wird. Nur um des Lebens ihres Sohnes Willen kommt die Dame überhaupt auf die Idee, dem Ritter einen Besuch zu machen und ihn um sein letztes Hab und Gut, den Falken zu bitten.
An dem Falken wird die Überwindung der Dame und die großzügige Opferbereitschaft des Ritters für den Leser deutlich gemacht. Abstrakt gesagt, könnte man die Bedeutung eines „Dingsymbols“ etwa so verstehen. Es handelt sich um einen Gegenstand, der immer dann zugegen oder gar Thema ist, wenn es bei Menschen ein überraschende Wendung in ihrem Leben gibt. In Annette von Droste-Hülshoffs „Judenbuche“, eine Novelle, die in Bruchhausen und Bellersen bei Höxter spielt, stellt eben diese Buche das Dingsymbol dar, welche bei einer überraschender Lebenswendung, Ermordung des Juden und Selbstmord des Mörders, bei letzterem eine tragende Rolle spielt.
58 Paul Heyse: Deutscher Novellenschatz. Band 1 S. XX
59 Das Dekameron des Giovanni Boccaccio. Erster bis fünfter Tag, S. 628
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4. Vorlagen zum Decameron
Boccaccio nahm seine Stoffe, wo er sie fand, in der Antike und im Orient, in der lateinischen, französischen, deutschen und italienischen Literatur und nicht zuletzt aus der mündlichen Überlieferung.
a) Antike Vorlagen
Wichtige antike Quellen waren zum Beispiel die erotisch-frivolen (nur indirekt überlieferten) „Milesischen Geschichten“ des Aristeides von Milet, eines griechischer 60 Schriftstellers, welcher um 100 vor Christus gelebt hat.
61 , Ein anderes Werk waren die „Metamorphosen“ des Schriftstellers Apuleius Lucius geboren in Numidien um 125 nach Christus, gestorben wohl unter Marc Aurel (161 -180). Der Roman, den schon Augustinus als den „Goldenen Esel“ zitiert, behandelt frei nach einem griechischen Original die Abenteuer eines vornehmen Griechen, der in einen Esel verwandelt wird, und seine Rückverwandlung und Erlösung durch die Göttin Isis, In die Handlung sind zahlreiche Novellen eingeflochten, darunter das Märchen „Amor und Psyche“. Die Peronella - Novelle (Decameron VII, 2) ist eine fast direkte 62 Die Novelle „Der Geliebte von Mann und Frau“ (Decameron V Übersetzung daraus. 63 10) wird ebenfalls von Boccaccio nacherzählt.
64 . Ovid, oder lateinisch Publius Ebenfalls „Metamorphosen“ heißt ein Werk Ovids
Ovidius Naso, war römischer Dichter. Er wurde in Sulmo am 20. März 43 vor Christus
60 dtv - Lexikon, Band 1. „Aristides“, S. 268 61 dtv - Lexikon, Band 1 „Apuleius, Appuleius“, S. 239 62 Manfred Hardt: Geschichte der italienischen Literatur, S. 171; ebenso Marcus Landau: die Quellen des Boccaccio, S. 311
63 Wilhelm Theodor Elwert: Die italienische Literatur des Mittelalters, S. 225; und Marcus Landau: Die Quellen des Boccaccio, S. 311 64 dtv Lexikon, Band 13. „Ovid“, S. 281
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geboren, und starb ungefähr 17 nach Christus in Tomi. Ovid stammte aus einer wohlhabenden Ritterfamilie und war nach dem Tod des Horaz der gefeierteste Dichter Roms. Im Jahre 8 nach Christus wurde er nach Tomi verbannt, wohl als Mitwisser der Ausschweifungen von Augustus’ Enkelin Julia.
Die „Metamorphosen“ stellen in 15 Büchern einen großen Kranz von Sagenerzählungen dar, die Verwandlungen von Menschen in Tiere, Pflanzen u. a. behandeln. Im vierten Buche der „Metamorphosen“ erzählt Ovid, wie die Töchter des Minyas, um sich die Zeit 65 Hier kann man bei der Arbeit zu vertreiben, „einander pikante Geschichten erzählen.“ sicherlich eine Parallele zu Boccaccios Rahmen und auch zum Grundtonus seiner Geschichten sehen.
Als mögliche Quellen oder Vorlagen sind außerdem die „Aeneis“ und die „Buccolica“ 66 Vergil, oder Publius Vergilius Magro, war römischer Dichter und Vergils zu nennen.
wurde am 15. Oktober 70 vor Christus in Andes bei Mantua geboren, und starb am 21. September 19 nach Christus in Brundisium (Brindisi). Die „Aeneis“, begonnen 29 vor Christus, ist das große Epos von Aeneas, der nach Trojas Fall mit seiner Schar nach wechselvollen Schicksalen zur See und bei der Karthagerkönigin Dido (= Elissa) die neue Heimat Latium findet, die ihm der Wille der Götter bestimmt hat. Nach schweren Kämpfen mit den Italikern erringt er den Sieg. Die „Aeneis“ vereinigt in sich alle Elemente des mythologischen und des historischen Epos; darüber hinaus unternimmt sie ein Deutung der weltgeschichtlichen Sendung Roms, der Romidee, von der Wirklichkeit der Augusteischen Ordnung her, in der Vergil die Vollendung Roms sah. Bei den „Buccolica“ (um 42 - 39 vor Christus entstanden)handelt es sich um Hirtengedichte, sie gehören zu den frühesten Werken Vergils.
b) Orientalische Vorlagen
Orientalische Vorlagen waren u. a. die rund 300 Erzählungen aus „1001 Nacht“. Sowohl der Verfasser als auch die Entstehungsgeschichte sind weitgehend unbekannt. Die
65 Marcus Landau: Die Quellen des Dekameron, S. 315 66 dtv Lexikon, Band 19. „Vergil“, S. 142
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bekanntesten Geschichten sind sicherlich die des „Sindbad“ und die des „Ali Baba und die vierzig Räuber“. Mit vielen anderen Geschichten sind sie in einen kunstvoll konstruierten Erzählrahmen eingebettet: Der König von Samarkand ist nach einer herben Enttäuschung notorisch eifersüchtig. Um ganz sicher zu gehen, daß keine seiner Gattinnen ihn betrügt, läßt er die Frauen gleich nach der Hochzeitsnacht umbringen. Die kluge Schehezerade, die als Tochter des königlichen Wesirs ebenfalls eines Tages des Königs Auserwählte ist, weiß diesen durch ihre Erzählung, die sie von Nacht zu Nacht weiterspinnt, so zu fesseln, daß ihr schließlich das Leben geschenkt wird.
Zwar werden auch hier die Geschichten, Märchen und Novellen durch eine Rahmenhandlung umfaßt, weil aber erst seit 1400 Teile des Werkes in Italien erschienen, scheint es unwahrscheinlich, daß Boccaccio es gekannt hat, folglich konnte 67 . er es auch nicht als Vorlage zum Decameron benutzen
Eine andere orientalische Quelle ist das im Mittelalter in vielen Fassungen verbreitete 68 . Es handelt sich hier um eine altindische Sammlung von indische Panchatantra
Erzählungen didaktischen Inhalts in einem kompliziertem Erzählrahmen; entstanden ist es im 1. Jahrhundert nach Christus. Eine frühe Version (das „Tantrakhyayika“, 300 - 500 nach Christus) ist Grundlage der Übersetzungen ins Pehlewi (verloren) und von da ins Syrische, Arabische und in europäische Sprachen. Erhalten sind Jaina-Versionen des
9. und 10. Jahrhunderts sowie eine Neubearbeitung des 10. Jahrhunderts. Die fünf Hauptstücke behandeln, wie zwei Freunde entzweit werden, wie Schwache, vereint, Starken widerstehen können; geben Lehren über Krieg und Frieden; beschreiben den Verlust von Gütern durch Torheit und die Folgen von unbedachtem Handeln.
c) Französische Vorlagen
Stoffe schöpfte Boccaccio aus der provenzalischen Troubadourliteratur. Die Novelle „Guillem Cabestaingh und die Dame von Roussillon“ (Decameron V, 9) hat ganz
67 Marcus Landau: Die Quellen des Dekameron, S. 4; dtv Lexikon, Band 18, S. 107 68 dtv Lexikon, Band 13. „Panchatantra“, S. 313
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69 offensichtlich ihr Vorbild in der Vida des Troubadours Guilhelm de Cabestanh. Boccaccio verweist selbst auf die Herkunft der Novelle aus dem Provenzalischen: „So vernehmet denn, daß nach alten provenzalischen Überlieferungen einmal in der 70 In viel stärkerem Maße aber aus der Literatur Provence ein edler Ritter lebte (...)“
Nordfrankreichs, aus den ‘Fabliaux’. Das Fabliau „Boivin des Provins“ entspricht 71 Weitere beispielsweise der Geschichte „Andreuccio in Neapel“ für (Decameron II, 5). 72 , welch letzterer er Quellen sind die Ritterromane und die „Lais“ der Marie de France zum Beispiel das Griseldis-Motiv der letzten Novelle X, 10, „Griselda“, des Decameron verdankt. Marie de France war eine der ersten französischen Dichterinnen aus der 2. Hälfte des 12. Jahrhunderts. Über ihr Leben ist nur wenig bekannt, sie soll in England gelebt haben. Ihr berühmtestes Werk sind die „Lais“, zwölf gereimte Kurzerzählungen, die bretonischen Sagenstoff verwenden und Liebesabenteuer schildern.
d) Deutsche Vorlagen
Zur Verbreitung und Entwicklung von Sammlungen und Novellen im deutschsprachigen Raum schreibt Wilhelm Scherer in der „Geschichte der deutschen Litteratur“:
„Innerhalb des deutschen Gebietes sind (...) Oesterreich und Baiern auch die classischen Länder der Satire, der Novelle und des Schwankes. In Oesterreich wirkte Stricker (...), der bedeutendste Name unter den deutschen Novellisten des Mittelalters. Die Novelle, wie er sie behandelt, steht mit der Fabel und Parabel auf einer Linie und 73 fällt, nach der mittelalterlichen Bezeichnung, in die Gattung des ‘Beispells’.“
69 Wilhelm Theodor Elwert: Die italienische Literatur des Mittelalters, S. 225 und Hans-Jörg Neuschäfer: Der typische Fall und der einmalige Fall. Die Komplizierung traditioneller Handlungsschemata durch „besondere Umstände“. Novelle im Vergleich mit Vida und Exemplum. In: Peter Brockmeier: Novelle, S. 343 70 Das Dekameron des Giovanni Boccaccio, S. 517 71 Theodor Elwert: Die italienische Literatur des Mittelalters, S. 226 72 dtv Lexikon, Band 11. „Marie de France“, S.264 73 Wilhelm Scherer: Geschichte der Deutschen Litteratur, S. 225 / 226
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Der Stricker, d. h. „Wirker“ oder „Weber“ war ein mittelhochdeutscher Dichter aus der ersten Hälfte des 13. Jahrhunderts. Er hat zwei Epen, „Karl der Große“, um 1220, und ein Artus-Epos mit dem Titel „Daniel vom blühenden Tal“, geschrieben, wurde aber vor allem als Verfasser von Novellen, Fabeln, Schwänken, lehrhaften Verserzählungen, „Bîspel“ genannt, gesellschaftskritischen Kurzerzählungen und dem ersten deutschen 74 Schwankzyklus, „Pfaffe Âmîs“, bekannt.
e) Italienische Vorlagen
Italienische Vorlagen waren der Novellino, Francesco da Barberinos Lehrbuch der Frauenerziehung „Del reggimento e dei costume delle donne“, und der Reiseroman „L’avventuroso Ciciliano“ des Busone de’ Raffaelli da Gubbio aus dem Jahre 1311, von welchem Boccaccio die Ringparabel in I, 3, „Die drei Ringe“ übernommen und 75 Die älteste italienische Fassung dieser Geschichte findet sich jedoch überarbeitet hat.
76 , diese wiederum soll aus Spanien stammen. 77 im Novellino (Novellino LXXIII)
Das „Reggimento“ enthält elf Novellen, die der Erziehung der Frauen dienlich sein sollen, und eine davon ist der Novelle „Masetto von Lamporecchio“ (Decameron III, 1) ähnlich: Es treten hier wie bei Boccaccio neun Nonnen auf, aber statt des einen Gärtners erscheinen drei junge Männer, und diese „sind keine irdischen Liebhaber von 78 Fleisch und Blut, sondern Geschöpfe des Satans.“
„Als Stoffvorlage dienten auch zahlreiche Werke der mittellateinischen Literatur von meist erbaulichem, moralisierendem oder lehrhaften Charakter: so etwa der früh aus
74 Wolfgang Spiewok (Hrsg.): Altdeutsches Decamerone, S. 773 dtv Lexikon, Band 17. „Stricker, Der S.“, S. 318 75 Marcus Landau: Die Quellen des Dekameron, S. 183
76 Bei Erwähnung von Erzählungen aus dem Novellino gibt die römische Ziffer die Reihenfolge an, in der sie in der verwendeten Reclam-Ausgabe abgedruckt wurde. 77 ebenda, S. 183; ebenso Il Novellino, S. 274 78 Marcus Landau: Die Quellen des Dekameron, S. 177
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dem Griechischen ins Lateinische übersetzte Mönchsroman „Baarlam und Josaphat“, welcher sich in der „Zwischengeschichte“ in der Einleitung zum vierten Tag und zuvor im „Novellino“ als Novelle No. XIV wiederfindet, die „Gesta Romanorum“, eine Sammlung erbaulicher, für die Predigt bestimmter Exempla, die „Disciplina Clericalis“ des Petrus Alphonsus oder etwa der „Dialogus miraculorum“, eine weitere Exemplasammlung des 79 Caesarius von Heisterbach.“
„Als erste konkrete, wenn auch in Form und Inhalt sehr bescheidene Vorstufe der italienischen Novellistik kann das „Libro dei sette savi“ (Buch der sieben Weisen ) verstanden werden, die recht grob und unorganisch verfahrene volkssprachliche Version einer französischen Vorlage, die ihrerseits auf dem Erzählwerk „De rege et septem 80 sapientibus“ beruht, das auch unter dem Titel „Dolopathos“ bekannt wurde.“ Der Dolopathos ist eine Bearbeitung der orientalischen Erzählung von den „Sieben Weisen“, die Johannes von Silva, ein Mönch aus Haute-Seille, im Jahr 1184 dem Bischof Bertrand von Metz gewidmet hat. Trotz ziemlich einfacher Erzählweise war es dieses „Libro dei sette savi“, welches ein wichtiges Schema der späteren italienischen Novellistik bekannt machte, nämlich die Technik, einzelne Geschichten in einen Erzählrahmen zu integrieren, der zugleich über deren Herkunft und Entstehung Auskunft 81 gibt.
f) Der Novellino
Die erste bedeutende volkssprachliche Novellensammlung der Neuzeit ist der sogenannte „Novellino“, der zwischen 1281 und 1300 entstanden ist. Er enthält bereits zahlreiche Elemente, welche sich in späteren Novellensammlungen finden, wie etwa die
79 Manfred Hardt: Geschichte der Italienischen Literatur, S. 171 / 172 80 Manfred Hardt: Geschichte der italienischen Literatur, S. 69 81 Manfred Hardt: Geschichte der italienischen Literatur, S. 69
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Hundertzahl. Aber auch die thematische Durchstrukturierung, das Einbeziehen und Umwandeln populärer Erzählstoffe aus Mythos und Geschichte, die Verbindung von heidnischer Antike, islamischem Orient, und christlichem Mittelalter und die mögliche 82 Nutzanwendung finden sich später im Decameron wieder.“
Es handelt sich im Novellino um „(...) hundert meist kurze Erzählungen in überwiegend 83 Weil das toskanischer, doch mit venezianischen Elementen durchsetzter Sprache.“ kulturelle Umfeld des „Novellino“ stark von Frankreich und französischer Literatur beeinflußt ist, welche Ende des 13. Jahrhunderts besonders im Veneto ausgeprägt war, 84 Dennoch sind weder könnte es sein, daß der Autor aus der Region Treviso stammt.
der Autor noch der genaue Titel noch die ursprüngliche Entstehung, Absicht und Struktur des Werkes sind bekannt. Wahrscheinlich kommt der auf eine Handschrift zurückgehende ältere Titel „Libro di novelle e di bel parlar gentile“, „Buch der Novellen und des schönen, höflichen Redens“, dem Originaltitel am nächsten. Die ebenfalls gebräuchliche Bezeichnung „Le cento novelle antiche“ entstammt der ersten gedruckten Fassung des 16. Jahrhunderts und ist dem Titel von Boccaccios Novellenwerk nachgebildet.
Die heute übliche Bezeichnung „Novellino“ wurde zum ersten Mal 1525 in einem Brief 85 Eine andere Meinung ist des Herausgebers Gualteruzzi der ersten Edition gebraucht. der Ansicht, daß die Bezeichnung „Novellino“ zum ersten Mal in einer Mailänder 86 Ausgabe von 1836 verwandt wurde.
82 Volker Krapp (Hrsg.): Italienische Literaturgeschichte, S. 25
83 Il Novellino, S. 307, und
Manfred Hardt: Geschichte der italienischen Literatur, S. 69 / 70 84 Il Novellino, S. 308
85 Volker Krapp (Hrsg.): Italienische Literaturgeschichte, S. 26, Hermann H. Wetzel: Die romanische Novelle bis Cervantes, S. 80 86 Marcus Landau: Die Quellen des Dekameron, S. 164
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Verwechslungen treten häufig mit dem Werk von Marsuccio Salernitano (1410 - 1475) auf, welcher ebenfalls eine Geschichtensammlung mit dem Titel „Novellino“ versehen 87 hat.
aa) „Der König von Cypern“ (Decameron I, 9) und “Die Gascognerin in
Cypern“ (Novellino No. LI)
In der Anekdote aus dem historischen Kontext des 3. Kreuzzuges von 1189 bis 1192 läßt Boccaccio Elissa erzählen, wie der König von Cypern durch das beißend ironische Motto einer Dame von einem schwächlichen zu einem tapferen Herrscher wird.
Einer Frau aus dem Baskenland war im Königreich Zypern eine so große Schmach angetan worden, daß sie nicht bereit war, die Sache auf siech beruhen zu lassen. Sie machte sich auf und ging zum König der Insel und fragte: „Herr, Eure Ehre ist schon zehntausendmal gekränkt worden, meine erst einmal. Doch bitte ich Euch, der ihr schon so viele Kränkungen erlitten habt, daß Ihr mich lehrt, die eine zu verschmerzen, die man mir angetan hat.“ Da schämte sich der König und begann, die ihm angetanen 88 Beleidigungen zu rächen, und wollte sich fortan keine mehr gefallen lassen.“
bb) „Mönch und Abt“ ( Decameron I, 4), und Novellino No. LIV
Das Thema, bei welchem der ranghöhere Kleriker das Vergehen eines ihm untergeordneten Klerikers gegen das Keuschheitsgebot nicht bestrafen kann, weil er sich dessen selbst schuldig gemacht hat und dabei erwischt wurde, erscheint im Decameron häufiger, der Gleichberechtigung von Frauen und Männern halber ist es mal der Mönch, der der Strafe des Abtes entgeht (Decameron I, 4), aber auch im Decameron IX, 2, „Die Unterhosen als Nonnenschleier“, weiß sich eine Nonne, die der Äbtissin ihre eigene Verfehlung entdeckt, der Strafe zu entziehen.
87 Il Novellino, S. 309
88 Il Novellino, S. 115
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cc) „Zwischengeschichte“ in der Einleitung zum vierten Tag und
Novellino No. XIV
Die Geschichte Filostratos in seiner Vorrede am vierten Tag beruht auf der weitverbreiteten Legende von „Baarlam und Josaphat“, welche wiederum eine 89 christliche Bearbeitung des Lebens von Gautama Buddha darstellt. Die Thematik bleibt grundsätzlich gleich, nur wird die Geschichte von ihm dahingehend abgewandelt, daß der Sohn nicht aus gesundheitlichen Gründen in der Abgeschiedenheit aufwächst, sondern weil der Vater den Tod von seiner Frau nicht verwinden kann, und daher ein gottgeweihtes Leben in der Wildnis wählt. Auch erfährt die Geschichte bei Boccaccio etwas mehr Ausschmückung, und die Frauen sind bei ihm keine Dämonen, sondern Gänse.
dd) Ergebnis
Die Geschichten des Novellino lassen sich nicht auf einen einheitlichen Gattungstyp reduzieren, den man dann den „Novellen“ des Decameron gegenüberstellen könnte, sondern vielgestaltig wie die Quellen des Novellino ist auch die gattungsmäßige Herkunft der darin enthaltenen Geschichten. Im Novellino finden sich „Exempel, Vita, 90 Legende, Kasus, Fabel, Mythe, Sage u. a. m.“
Obwohl der „Novellino“ die Novelle schon als eigenständige Gattung kennt, bleiben die 91 „Grenzen zu anderen Gattungen fließend“.
II. Die europäischen Nachfolger
89 Il Novellino, S. 164
90 Diemut Maria Billen: Boccaccios Decameron und die didaktische Literatur des Hochmittelalters, S. 64
91 Volker Krapp (Hrsg.): Italienische Literaturgeschichte, S. 85
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Der Decameron wurde sehr bald nach seinem Erscheinen in diverse Sprachen übersetzt, und fand in Europa viel mehr oder weniger direkte Nachfolger. Es soll nun an Beispielen aus England, Frankreich, Spanien und Deutschland gezeigt werden, inwiefern Boccaccios Decameron tatsächlich die nachfolgende europäische Literatur beeinflußte.
1. Geoffrey Chaucer: The Canterbury Tales
a) Geoffrey Chaucer
Geoffrey Chaucer wurde um 1343 als Sohn eines wohlhabenden Weinhändlers in London geboren. Er heiratete 1366 Philippa Swynford, die Schwester Katherine 92 , der langjährigen Geliebten und späteren Ehefrau seines sein ihm Swynfords
freundschaftlich verbundenen Gönners John of Gaunt (durch diese Ehe sind die Tudors mit Chaucer verschwägert). Von 1357 bis 1374 befand er sich im Dienst der englischen Könige, zunächst als Page im Haushalt der Gräfin von Ulster. Chaucer hat nachweislich im 100jährigen Krieg für Edward III. gekämpft, dies belegen Lösegeldzahlungen aus der königlichen Kasse nach Chaucers Gefangennahme (1360). Seit 1367 erhält er eine Pension vom König, welche 1378, 1394 und 1399 erneut bestätigt wird, und bleibt Mitglied des königlichen Haushaltes bis zu seinem Tod. In den siebziger Jahren des 14. Jahrhunderts wurde er mit mehreren politischen Missionen betraut, die ihn unter anderem nach Flandern, Frankreich und Italien (1372 / 1373, und u. a. 1376 - 1381) führten. Hier besteht die Möglichkeit, daß sich Chaucer und Boccaccio begegnet sind,
92 Beryl Rowland: Companion to Chaucer Studies, S. 213: „(...) and Venus Katherine Swynford, Chaucer’s sister-in-law .“ ebenso
Dieter Mehl: Geoffrey Chaucer. Eine Einführung in seine erzählenden Dichtungen. S.12, und
David Crystal: The Cambridge Encyclopedia of the English Language, S. 38.
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93 Die Reisen führten unter denn Chaucer befand sich 1372/73 in Genua und Florenz.
anderem dazu, daß er nicht nur Englisch und Latein, sondern auch Französisch und 94 Im April 1388 nahm Chaucer an einer Pilgerfahrt nach Italienisch beherrschte.
Canterbury teil. Am 25. Oktober 1400 starb er in London und wurde in der Westminster Abbey beigesetzt.
b) The Canterbury Tales
Chaucer hat die Canterbury Tales wahrscheinlich in den späten 80er Jahren des 14. Jahrhunderts begonnen, was recht wahrscheinlich erscheint, weil Chaucer selbst im Jahr 1388 eine Pilgerreise nach Canterbury unternommen hat. Man ist sich jedoch nicht 95 sicher, ob er tatsächlich bis zu seinem Tode an den Canterbury Tales gearbeitet hat. Auch ist man sich nicht sicher, ob das Werk vollendet wurde oder nicht, weil es durch Aussagen der Figuren im Prolog und auch später statt den vorliegenden 23 Geschichten eigentlich 112 Geschichten sein müßten, oder aber zumindest 56 Geschichten (s.u.).
Das gesamte Werk ist im Gegensatz zu Boccaccios Decameron in Versform geschrieben, und bis heute sind 55 Manuskripte überliefert, die ursprünglich wohl die gesamten Canterbury Tales enthalten haben, heute jedoch zum Teil recht schwer beschädigt sind. Da sich die Texte in einigen größeren und vielen kleinen Details unterscheiden, hat der Versuch einer Rekonstruktion der Chaucerschen Originalfassung bis jetzt noch keinen wirklichen Erfolg gehabt. Hinzu kommen noch etwa 28 Manuskripte, die lediglich eine oder zwei der Canterbury Tales enthalten.
aa) Der Rahmen
93 http://icg.fas.harvard.edu/~chaucer/special/authors/boccaccio.htm. „There is a slim possibility that Chaucer met Boccaccio, who was living in Certaldo, south of Florence, in the 1370’s when Chaucer was in Italy.“ 94 Beryl Rowland: Companion to Chaucer, S. 161 95 Helen Cooper: Oxford Guides to Chaucer. The Canterbury Tales: S. 5
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Eine aus 29 Vertretern verschiedenster Stände zusammengesetzte Pilgerschar will von Southwark zum Grab des heiligen Thomas Becket in Canterbury pilgern. Zum Zeitpunkt des Beginns der Geschichte befinden sie sich noch in Southwark, in einem Gasthof, welcher „Tabard“ („Heroldsrock“) heißt. Man kommt überein, daß jeder auf dem Hin- und Rückweg je zwei Geschichten erzählen soll, um sich die Zeit zu verkürzen:
Derjenige, welcher dann die beste Geschichte erzählt, soll von den anderen mit einem Abendessen im Tabard Inn belohnt werden. Etwas später im Text, im V. Teil der Canterbury Tales, werden die geforderten vier Geschichten auf ein bis zwei 97 Geschichten reduziert.
Außerdem kommt auch nicht jede der im Prolog vorgestellten Personen dazu, eine Geschichte zu erzählen. Die schließlich erzählten 23 Geschichten entwerfen ein wirklichkeitsnahes und buntes Panorama englischen Lebens.
bb) Die Brigata
Die Brigata der Canterbury Tales besteht aus insgesamt 29 Personen unterschiedlichsten Standes und Herkunft. Es befinden sich darunter Vertreter des Klerus, der Handwerkszünfte, Ritter, Frauen, Bauern, und Vertreter des Staates.
96 John H. Fisher: The Complete Poetry and Prose of Geoffrey Chaucer, S. 23 97 John H. Fisher: The Complete Poetry and Prose of Geoffrey Chaucer, S. 198
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Die Aufzählung beginnt mit dem Ritter und dessen Sohn einem Squire (Schildknappe), welches die Vorstufe zum Rittertum darstellt. Sodann folgt der „Yeoman“, ein Bediensteter. Nun werden vier Vertreter des Klerus genannt, eine Priorin, eine einfache Nonne in Begleitung von drei Priestern, ein Mönch und ein Angehöriger eines Bettelordens. Die Aufzählung geht weiter mit dem Kaufmann, einem Scholaren aus Oxford, und einem Juristen, dem Seargeant of the Law (einer von zwanzig Richtern, die vom König ausgewählt wurden um über das Finanzwesen zu wachen). Es werden weiter ein „Frankeleyn“ (wohlhabender Gutsbesitzer), ein „Haberdasshere“ (Krämer), ein „Carpenter“ (Zimmermann), ein „Webbe“ (Weber), ein „Dyere“ (Färber) und ein „Tapycier“ (Teppichknüpfer) aufgezählt. Die letzten vier stellen eine Gruppe von Personen dar, die in der Textilbranche tätig sind. Ein Koch ist mit von der Partie, ein Seemann aus dem berüchtigten Seeräubernest Dertemouthe in Devonshire, und ein Doktor der Physik, was soviel wie ein Arzt ist. Weiterhin nimmt an der Pilgerreise eine Frau aus Bath teil, weiterhin ein „Persoun“ ( Landpfarrer), und dessen Bruder, der „Plowman“ (Ploughman = Mann, der den Pflugschar bedient, also Ackermann). Eine weitere Gruppe, bestehend aus dem Müller, dem Obersten Magistrat von Norfolk, einem Gerichtsdiener oder -boten, einem „Somonour“ (Ablaßprediger) aus Rouncivale, einem „Maunciple“ (Handelsvertreter) und schließlich der Erzähler selbst, beschließt die gesamte Pilgerschar.
Während die Brigata bei Boccaccio untereinander verwandt, verliebt oder zumindest befreundet ist, so bestehen hier nur zwei Verwandschaftsverhältnisse, zum einen das des Ritters und seines Sohnes, zum anderen das des Pfarrers und seines Bruders, dem „Plowman“. Auch gibt es persönliche Animositäten zwischen den Pilgern, zum Beispiel 98 , und der Müller hegt können sich der Bettelmönch und der Summoner nicht ausstehen 99 . Diese Abneigungen beruhen auf den gar einen Haß auf den Gutsverwalter von Norfolk
Standesunterschieden, wie sie bei Boccaccio nicht vorhanden sind, da dort die Brigata einer Schicht angehört.
98 Dieter Mehl: Geoffrey Chaucer. Eine Einführung in seine erzählenden Dichtungen, S. 150
99 John H. Fisher: The Complete Poetry and Prose of Geoffrey Chaucer, S. 58
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c) Unterschiede der Canterbury Tales und des Decameron
Die Unterschiede liegen in drei nach Helen Cooper Hauptbereichen („The differences 100 : lie in three principal areas“)
aa) Rahmenerzählung
Zum einen die Art der Rahmenerzählung, die Chaucer benutzt, mit ihren unterschiedlichen Erzählfiguren. Bei Chaucer werden die Mitglieder der Pilgerschar detailliert dargestellt, es wird ihr Äußeres beschrieben, und sie sind stärker als Boccaccios Brigata während der Erzählhandlung präsent. Die unterschiedlichen sozialen Stellungen führen zum Beispiel dazu, daß der Ritter als erster seine Geschichte vortragen darf, und, als der Müller die seine direkt im Anschluß daran erzählt, kann er seine Mißbilligung über das „höfische Getue“ der Protagonisten der „Knight’s Tale“ nur so zum Ausdruck bringen, als daß er die Frau, welche von einem Verehrer auf die eben genannte höfische Weise umworben wird, nach dem berühmten Zitat Götz von 101 zeigen läßt, was sie davon hält. Berlichingens
bb) Moralisches Rahmenthema
Schließlich das fehlt ein klares moralisches Rahmenthema. Während bei Boccaccio an jedem Tag zumindest in der Theorie ein Thema vorgegeben wird, schreibt Chaucer schreibt kein moralisches Vorbild oder Struktur vor, und auch die einzelnen Geschichten der Canterbury Tales widerstehen dieser Tendenz.
cc) Variationsreichtum
100 Helen Cooper: Oxford Guides to Chaucer. The Canterbury Tales, S. 8 101 Johann Wolfgang von Goethe: Götz von Berlichingen mit der eisernen Hand, S. 73
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Weiterhin hat Decameron Boccaccios hat nicht den selben Variationsreichtum an 102 Gattungen und Stilen, behauptet zumindest Helen Cooper.
Diese sind in der Tat in unterschiedlichster Form vertreten: Die vornehme Romanze (passend zum Erzähler: Knight und Squire), das höfische Lai (Wife of Bath Tale und Franklin), die Parodie auf die Romanze (Sir Thopas), Fabliaux (Miller, Reeve, Cook, Merchant, Shipman) , die Legende (Prioress und Second Nun), das Exempel (Man of Law, Clerk, Doctor of Physic, Manciple), das Tierepos (Nun’s Priest), und die schwankhafte Beispielerzählung (Friar und Summoner).
Heinz Berger nennt außerdem noch weitere Gattungen die in den Canterbury Tales vertreten sein sollen: „ die Parodie auf die (vor allem ostmittelländische) Romanze (Sir Thopas), die allegorische Debatte (Melibee), das Tierepos (Nun’s Priest), das Tierepos (Nun’s Priest), das moralphilosophische Traktat (Monk) und die Ständesatire (Prolog, 103 Yeoman).“
Dem kann man bei Betrachtung der Quellen, Motive und Stoffe Boccaccios aber getrost widersprechen.
dd) Zwischenergebnis
Generell scheinen die britischen Forscher aber einige Ressentiments gegen die Versuche zu haben, die den Canterbury Tales eine mehr oder weniger nahe Verwandtschaft zum Decameron nachweisen wollen. So findet Beryl Rowland es beunruhigend, daß die Italiener Chaucer für einen Imitator des für sie intellektuell und kulturell höherstehenden Boccaccio halten: „It is chastening to know that to Italians 104 Chaucer is an imitator of - to them - the more sophisticated Boccaccio (...).“
d) Decameron und die Canterbury Tales
102 Helen Cooper: Oxford Guides to Chaucer. The Canterbury Tales, S. 8 103 Heinz Bergner (Hrsg.): Geoffrey Chaucer. The Canterbury Tales, S. 17 104 Beryl Rowland: Companion to Chaucer, S.171
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Ähnlich wie die italienischen Zeitgenossen Boccaccios, so erleben auch die Engländer in der zweiten Hälfte des 14. Jahrhunderts die Entwicklung einer neuen, selbstbewußteren Geisteshaltung. Ursächlich ist hierfür die Aufweichung der hierarchischen und feudalen Fronten, welche wiederum im Rückgang der aristokratischen Macht begründet liegt. Hinzu kommt die ständig steigende Bedeutung des Mittelstandes, der Städte und ihrer Gilden Zünfte und Kaufleute. Die Kirche sieht sich zunehmend scharfer Kritik ausgesetzt, und die Menschen entwickelten ein individuelleres Selbstverständnis.
Und ebenso wie Boccaccio schreibt Chaucer sein Werk in einer Zeit, als das Mittelenglische sich als allgemein verwendete und verstandene Sprache etabliert.
Die Einflüsse, unter welchen Chaucers Werke entstanden sind, gehen zunächst sehr stark von der altfranzösischen Poesie aus. Angesichts der Tatsache, daß Guillaume IX. Herzog von Aquitanien, dessen Enkelin Eleonore von Aquitanien, die Königin von Frankreich, dann England und gefeiert als die der Troubadoure, und ihr Sohn Richard Löwenherz, der auch kein poetischer Kostverächter war, alle drei gesamt Ahnherren des herrschenden Königshauses der Plantagenêt sind, und der Tatsache, daß Französisch lange Zeit die Sprache der Herrschenden war, ist dieser Einfluß nicht schwer nachzuvollziehen.
Schwieriger ist es, die italienischen Einflüsse und damit Einflüsse Boccaccios zu erkennen. Durch seine diplomatischen Missionen in Italien steht es zwar außer Frage, daß Chaucer, wenn schon nicht, wie schon vermutet, mit Boccaccio persönlich zusammengetroffen ist, so hat er aber zweifellos Bekanntschaft mit zumindest einem Teil dessen Werkes gemacht, dieser Ansicht ist zumindest Helen Cooper: „If Chaucer knew the Decameron at all, it was probably through reading or hearing some of it while 105 visiting Italy“
105 Helen Cooper. Oxford Guides to Chaucer. The Canterbury Tales, S. 9
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Zur Frage nach der Inspiration der Canterbury Tales wird von Dieter Mehl die Ansicht vertreten, daß Chaucer sich an dem Novellenzyklus ‘Novelliere’ des Giovanni Sercambi orientiert haben soll.
Dies ist aber eher unwahrscheinlich, denn der Novellenzyklus stammt aus dem Jahr 1399 / 1400, und somit kann man kaum annehmen, daß Chaucer ihn überhaupt gekannt hat. Anlaß des Geschichtenerzählens ist bei Sercambi ebenfalls eine Reise. Eine Gruppe von Frauen, Männern, Priestern und Mönchen verläßt auf der Flucht vor der Pest die Stadt. Einer der Mitreisenden erzählt Geschichten, und ebenso wie die Rahmenhandlung Sercambis stark an den Decameron erinnert, so fällt auf, daß viele 106 dieser Geschichten sind aus dem Decameron entnommen sind. Dieter Mehl gibt versehentlich an, der Zyklus stamme aus dem Jahr 1374, und es bestehe deshalb die Möglichkeit, daß Chaucer die Rahmenidee dieses Werkes bekannt gewesen sei. Tatsächlich hängt die Jahreszahl 1374 aber mit einem 107 Pestausbruch in Lucca zusammen.
Trotz der Ähnlichkeit der Rahmenhandlung erscheint es unwahrscheinlich, schon aufgrund des Zeitpunktes des Erscheinens des Werkes, daß Chaucer sich von diesem Rahmen hat inspirieren lassen.
Wahrscheinlicher ist, daß Chaucer der Decameron bekannt war. Zwar existieren keine Beweise dafür, ob Chaucer Boccaccios Decameron gelesen hat, es wäre aber erstaunlich, wenn Chaucer, der sonst sehr viel von Boccaccio übernahm („Filostrato“ und „Troilus and Criseyde“), gerade dieses Werk nicht gekannt haben sollte, zumal es
106 Manfred Hardt: Die Geschichte der italienischen Literatur, S. 190; Volker Kapp: Italienische Literaturgeschichte, S. 85 107 Manfred Hardt: Die Geschichte der italienischen Literatur, S. 190; ebenso Volker Kapp: Italienische Literaturgeschichte, S. 85 und
Dieter Mehl: Geoffrey Chaucer. Eine Einführung in seine erzählenden Dichtungen, S. 124.
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108 sehr wahrscheinlich ist, daß die beiden sich 1372 / 1373 in Florenz begegnet sind. Wegen dieses Streites ist es aber bis heute nicht möglich, klare Aussagen über eine Patenschaft des Decameron bei den Canterbury Tales zu machen, man kann nur aufgrund der Ähnlichkeiten bei einigen Geschichten Vermutungen über mögliche Verwandtschaften aufstellen, etwa wenn Chaucer Quellen verwandt hat, die auch schon Boccaccio bekannt waren.
Wenn auch die Rahmensituation eine unterschiedliche als zum Decameron ist, so finden sich aber in einigen Geschichten der Canterbury Tales Analogien zu Geschichten aus dem Decameron.
Problematisch ist jedoch die Tatsache, daß Chaucer zwar kein Problem damit hatte, Dante oder Petrarca als seine Quellen anzugeben, aber aus unerfindlichen Gründen hat er es unterlassen, Boccaccio zu nennen. Zwar ist Boccaccio die Quelle für die Handlung 109 , jedoch fußt dieser „im wesentlichen auf Giovanni Boccaccios des Knight’s Tale
„Teseida delle Nozze d’Emilia“ (1340), einem aus zwölf Büchern bestehenden Epos 110 (...).“
aa) The Miller’s Tale und „Bruder Puccio“ (Decameron III, 4)
Helen Cooper ist der Ansicht, daß zwischen diesen beiden Geschichten zumindest eine entfernte Verwandtschaft besteht:.“(...) there is a remote analogue to Decameron 3, 111 4.“
Die Inhaltsangabe von Boccaccios Geschichte lautet: „Don Felice belehrt den Bruder Puccio, wie er durch eine Bußübung der ewigen Seligkeit teilhaftig werden könne, und 112 ergötzt sich, indessen Bruder Puccio diese Übung nachkommt, mit dessen Frau.“
108 Dieter Mehl: Geoffrey Chaucer. Eine Einführung in seine erzählenden Dichtungen, S. 123
109 Beryl Rowland: Companion to Chaucer, S.164
110 Heinz Bergner (Hrsg.):Geoffrey Chaucer: The Canterbury Tales, S. 451 111 Helen Cooper: Oxford Guides to Chaucer. The Canterbury Tales, S. 96
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Der Müller, welcher als zweiter der Pilgerschar erzählt, ist schon dermaßen betrunken, daß er schief auf seinem Pferd sitzt. Seine Geschichte ist, rein äußerlich betrachtet, mit 667 Zeilen erheblich länger als die Boccaccios (229 Zeilen). Zum Vergleich wurde die Zeilenanzahl herangezogen, da die verwendeten Ausgaben in etwa die selbe 113 Buchstabenanzahl pro Zeile hat.
Auch inhaltlich ergeben sich einige Unterschiede. So hat die Handlung vier Hauptpersonen: der alte Zimmermann John, seine junge Frau Alisoun, der nette Student Nicholas (Alisouns Geliebter) und schließlich der Pfarrdiener Absolon, welcher Alisoun ebenfalls begehrt. Das beliebte Motiv vom gehörnten Ehemann wird also noch dahingehend variiert, daß der Liebhaber selbst einen - wenn auch erfolglosen -Mitbewerber hat. So entwickeln sich im Gegensatz zur Geschichte Boccaccios zwei verschiedene Handlungsstränge: die Beziehung John - Alisoun - Nicholas und die Beziehung Nicholas - Alisoun - Absolom, welche durch das intrigierende Paar Alisoun und Nicholas verbunden sind.
Die Verwandtschaft zu Boccaccios Geschichte besteht aber nicht nur beim Motiv, sondern auch durch die Art und Weise, wie jeweils die Ehemänner von den Liebhabern an der Nase herumgeführt werden. Beide Verwirrungen der Ehemänner haben einen religiösen Hintergrund, der eine fürchtet um sein Seelenheil, der andere eine zweite Sintflut. Um nun das drohende Unheil abzuwenden, folgen sie den Anweisungen des gewitzten Liebhabers.
In beiden Geschichten wird auch das moralische Verhalten des Klerus zum Gegenstand der Geschichte, bei Boccaccio ist der Liebhaber selbst ein Ordensgeistlicher, der in Paris studiert hatte. Bei Chaucer hingegen es der verschmähte Liebhaber, der den Klerus vertritt, dieser ist nämlich Pfarrdiener.
112 Das Dekameron des Giovanni Boccaccio, S. 325
113 Zum Vergleich wurden Das Dekameron des Giovanni Boccaccio, S. 325 bis 332 exclusive der Inhaltsangabe und Heinz Bergner (Hrsg.):Geoffrey Chaucer: The Canterbury Tales, S.189, 191, 193, ...225 verwandt.
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bb) The Reeve’s Tale und Decameron IX, 6, „Die Bettverwechslungen“
Eine starke Ähnlichkeit läßt sich zwischen The Reeve’s Tale und Decameron IX, 6, „Die Bettverwechslungen“, erkennen. Die Kurzfassung der Geschichte Boccaccios geht folgendermaßen:
„Zwei junge Männer übernachten bei einem Wirt. Während einer der beiden mit dessen Tochter schläft, legt sich seine Frau versehentlich zu dem andern. Schließlich steigt der, welcher bei der Tochter war, im Glauben, er begebe sich zu seinem Freunde, zu dem Vater ins Bett und berichtet ihm alles. Als sie darüber in Streit geraten, bemerkt die Frau ihren Irrtum, kriecht zu der Tochter ins Bett und stiftet mit wenigen Worten 114 Frieden.“
In der Version Chaucers wird der Wirt zu einem Müller, der beim Mahlen des Mehl betrügt. Um ihm eins auszuwischen, beschlafen die beiden jungen Männer, die bei ihm um Mehl betrogen wurden, aber nicht nur des Müllers Frau und Tochter, sondern verprügeln diesen noch, als jener es entdeckt. Anschließend verschwinden sie, nicht 115 ohne ihr Korn mitgenommen zu haben.
cc) „The Man of Law’s Tale“ und Decameron V, 2 „Gostanza und
Martuccio“
Bei „The Man of Law’s Tale“ und Decameron V, 2 „Gostanza und Martuccio“ beginnt Boccaccios Geschichte völlig anders als bei Chaucer, wo sich Gostanza, die Martuccio liebt, allein ein Boot besteigt, als sie hört, er sei tot. Das Boot wird vom Winde nach Susa getrieben. Sie trifft Martuccio lebend in Tunis an und gibt sich ihm zu erkennen, der inzwischen durch manch klugen Rat die Gunst des Königs gewonnen hat. Martuccio heiratet seine Geliebte und kehrt schließlich als reicher Mann nach Lipari zurück. Bei Chaucer hingegen teilt sich die Geschichte in drei Teile: Zunächst die Reise der Christen von Rom nach Syrien, Custances Trennung von ihrem Vater und die
114 Das Dekameron des Giovanni Boccaccio, S. 574 115 Helen Cooper: Oxford Guides to Chaucer. The Canterbury Tales, S. 111
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Auseinandersetzungen mit ihrer Schwiegermutter, dann von Syrien nach Northumbrien. Bei dieser Reise wird Custance in einem Boot ausgesetzt, sie wird des Mordes angeklagt, heiratet erneut und hat unter ihrer eifersüchtigen Schwiegermutter zu 116 Die dritte Reise birgt wieder einige Gefahr, sie entgeht einer Vergewaltigung, leiden.
und schließlich wird sie mit ihrem Kind doch wieder mit ihrem Gatten vereint.
Obwohl beide Geschichten sehr verschiedene Handlungen haben, so könnte man Analogien in der Tatsache sehen, daß beide Geschichten mit einem Reich-Arm Motiv beginnen: beide Mädchen sind reich, die Freier hingegen arm. Als sie an ferne Gestade gespült werden, ist es beiden Mädchen möglich sich auf 117 Italienisch beziehungsweise Latein („in manner latyn corrupt“) zu verständigen. Eine weitere Verwandtschaft besteht in der Namensähnlichkeit „Gostanza“ und „Custance“.
dd) The Pardoner’s Tale und Decameron VI, 10 „Bruder Cipolla und die
Kohlen des heiligen Laurentius“
Bruder Cipolla verspricht einigen Landleuten, ihnen eine Feder des Erzengels Gabriel zu zeigen. Als er aber an Stelle der Feder nur Kohlen vorfindet, macht er den Leuten weis, daß diese Kohlen von jenen seien, auf welchen der heilige Laurentius gebraten worden sei.
Die Rede, die Bruder Cipolla hält, um den Tausch zu vertuschen, zeigt gleichermaßen seine Gewitztheit, so daß man ihm die Tücke, mit welcher er die Leichtgläubigkeit der Menschen, verzeihen möchte. In seinem Besitz befindet sich „der Finger des heiligen Geistes, vollständig und unverändert wie eh und je, ein Löckchen des Seraphins, der dem heiligen Franz erschienen ist, und ein Fingernagel der Cherubine, sowie eine Rippe von Das-Wort-ist-Fleisch-geworden, Kleidungsstücke des heiligen katholischen Glaubens, einige Strahlen des Sternes der Heiligen drei Könige, ein Fläschchen mit dem Schweiß des heiligen Michael, als er mit dem Teufel kämpfte, einen Kiefer des
116 Helen Cooper: Oxford Guides to Chaucer. The Canterbury Tales, S. 129 117 Helen Cooper: Oxford Guides to Chaucer. The Canterbury Tales, S. 126 und S. 128
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Todes des heiligen Lazarus (...), ein Zahn des heiligen Kreuzes, eine Ampulle mit etwas Glockenklang aus dem Tempel Salomons, die besagte Feder des Engels Gabriel (...) 118 und eben die Kohlen, auf denen der heilige Laurentius geröstet wurde.“
119 werden ebenfalls die aberwitzigsten Reliquien Bei der The Pardoner’s Tale
aufgezählt, die dieser bei sich hat: den wundersamen, in Messing eingefaßten Schulterknochen eines Schafes eines heiligen Juden, einen Kissenüberzug als Schleier Unsrer lieben Frau, ein Glas mit Schweineknochen, und einen wundertätigen Handschuh. Ohne Scham gibt er zu, daß er mit diesen Trick schon viel Geld auf Jahrmärkten verdient habe.
In seiner nun folgenden Predigt wettert der Ablaßhändler zunächst gegen Trunksucht, Völlerei, Wollust und das Glücksspiel, welches die Menschen gottlos macht. Er erzählt sodann unter dem Motto „Habsucht ist die Wurzel allen Übels“ ein Exemplum von drei Jungen Männern, die aufgrund ihrer Trunk- und Habsucht die Warnungen eines alten Mannes in den Wind schlagen und sich dann gegenseitig umbringen. Ungeachtet des Geständnisses, welches er vor seiner Predigt gemacht hat, wendet er sich nun wieder an seine Mitreisenden. Um sie vor den beschriebenen Sünden zu bewahren beziehungsweise ihnen die Vergebung derselben zu ermöglichen, sollen diese sich von ihrer Habsucht, sprich ihrem Gold und anderen Habseligkeiten trennen. Zudem preist er sogleich seine Reliquien an, und macht dem Wirt des „Tabard“ quasi ein Sonderangebot: Wenn dieser einen Groschen gebe, so dürfe er sämtliche Reliquien küssen, die der Ablaßhändler bei sich hat.
Das Motiv beider Geschichten ist also die Reliquienverehrung, der Ablaßhandel und dessen Mißbrauch durch die Geistlichen.
118 Giovanni Boccaccio: Decameron. Zwanzig ausgewählte Novellen. Italienisch / Deutsch. Übersetzt und herausgegeben von Peter Brockmeier, S. 211 und S. 213 119 Heinz Bergner: Geoffrey Chaucer. The Canterbury Tales. Mittelenglisch / Deutsch. S. 354 - 391
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Unterschiedlich ist hier aber die Länge der Erzählebenen. Bei Boccaccio rahmen eine kurze Einleitung des Erzählers sowie die meist ebenfalls sehr kurze Reaktion der Zuhörer die jeweilige Geschichte ein. Hier jedoch
dauert es sehr lange, bis sich der erzählende Ablaßhändler von seiner Ebene abhebt. Am deutlichsten läßt sich diese Tatsache darstellen, wenn man wieder den Vergleich der Zeilenanzahlen zu Rate zieht.
So hat „Bruder Cipolla“ insgesamt 283 Zeilen, wovon die Einleitung Elissas gerade einmal 5 Zeilen, also etwa 2% beträgt. The Pardoner’s Tale hingegen erstreckt sich über insgesamt 681 Zeilen, von denen die Exempelgeschichte mit Einleitung, Fortsetzung und Schluß gerade 262 Zeilen hat. Der Rest der Pardoner’s Tale befindet sich mit einem Anteil von 38 % auf der Erzählebene der Pilgerreise.
e) Ergebnis zu Decameron und Canterbury Tales
Aufgrund der im Vergleich zu Werken anderer Autoren nur sehr vagen Ähnlichkeiten, die sich in Chaucers und Boccaccios Geschichten finden lassen und der Tatsache, daß Chaucer niemals den Decameron direkt als Quelle zitiert hat, muß man sich tatsächlich fragen, ob Chaucer der Decameron bekannt war. („There is no evidence he had access to it (the Decameron) while he was writing, and even the memorial knowledge falls short 120 of proof.“)
Gesichert ist, daß Chaucer sich in seinem Werk „Troilus and Creseyde“ (1385), welches später wiederum von William Shakespeare in der Tragikkomödie „The history of Troylus and Cresseida“ verarbeitet wird, stark an Boccaccios Versepos „Filostrato“ (1337 / 39) orientiert hat. Helen Cooper stellt schließlich fest, daß ein Viertel der Tales mehr oder 121 weniger starke Analogien zum Decameron haben.
120 Helen Cooper: Oxford Guide to Chaucer. The Canterbury Tales: S. 9 121 Helen Cooper. Oxford Guide to Chaucer. The Canterbury Tales: S. 9. Sie schreibt: „Boccaccio’s Decameron, written some forty years before Chaucer started on the tales, provides the closest parallel, and a quarter of the tales in Chaucer’s collections have analogues in Boccaccio’s work.“
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2. Marguerite de Navarre: L’Heptaméron
a) Marguerite de Navarre
122 ) nimmt als Königin von Marguerite de Navarre (11. April 1492 - 21. Dezember 1549 Navarra und Schwester des Königs von Frankreich, François I. , eine ungewöhnlich hohe soziale Stellung ein. Aber schon vor ihr hat es Adlige und sogar einen Kaiser gegeben, die schriftstellerisch tätig wurden, und auch Frauen schrieben: Guillaume IX. Herzog von Aquitanien (1071 - 1127, der erste Troubadour, von dessen poetischem Werk 11 Lieder erhalten sind), Walther von der Vogelweide (1170 - ~1230), Kaiser Friedrich II. (1194 - 1250, ‘De arte venandi cum avibus’, ein Buch über die Falkenjagd, aber auch fünf Gedichte sind von ihm überliefert), der (Raub-) Ritter Oskar von Wolkenstein (1377 - 1445, von welchem geistliche Lieder, Liebeslieder und 123 , und schließlich Marie de France (zweite Hälfte biographische Lieder erhalten sind)
des 12. Jahrhunderts, Werk sind die ‘Lais’, zwölf gereimte Kurzerzählungen) und Christine de Pizan (1365 - 1430, ‘La cité des Dames’).
b) L’Heptaméron
Schon um 1542 soll Marguerite de Navarre die Idee gehabt haben, eine Sammlung von Geschichten in Analogie zu der Sammlung Boccaccios zu schreiben: „(...) c’est au environs de 1542 Marguerite eut l’idée d’écrire un recueil des contes divisé en dix jours 124 analogue au Décaméron de Boccace (...).“
„L’Heptaméron“, das Siebentagewerk, lautet der Titel der von Marguerite de Navarre verfaßten Sammlung von 72 Novellen. Ursprünglich sollten es, genau wie bei Boccaccio
122 Ein kleiner Zufall: auch Boccaccio starb an einem 21. Dezember. 123 Ausführliche und gut lesbare Biographie von Dieter Kühn: Ich Wolkenstein, S. 239 124 ebenda, S. IX
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125 auch, genau einhundert Geschichten werden, die an zehn Tagen erzählt werden. Unklar ist, warum das Werk, das zwischen 1540 und 1549 entstand, unvollendet geblieben ist. Das Werk an sich ist auch erst posthum veröffentlicht worden, Marguerite starb nämlich schon 1549.
Die erste gedruckte Fassung mit 67 Geschichten erscheint unter dem Titel „Histoires 126 Mit Rahmen, den des amants fortunés“ 1558, allerdings ohne Rahmen und anonym. insgesamt 72 Novellen und Verfasserangabe erscheint der Heptaméron schließlich 1559 zum ersten Mal vollständig in Frankreich.
Schon in der Einleitung spricht Marguerite de Navarre davon, daß die Absicht bestanden habe, ein Novellenwerk nach dem Vorbild Boccaccios zu schaffen, denn man ist von ihm so begeistert, „daß Boccaccio, wenn er denn die ganzen Lobpreisungen seitens des Königs, des Dauphins, der Dauphine und von Marguerite 127 selbst hören könnte, von den Toten auferstehen müßte.“.
aa) Vorgänger des Heptaméron: Les Cent Nouvelles nouvelles
1461 oder 1462 erscheint die französische Antwort auf den Decameron: „Les cent 128 Die von einem anonym gebliebenen Autor verfaßte Sammlung Nouvelles nouvelles“.
125 Wolfram Krömer: Kurzerzählungen und Novellen in den romanischen Literaturen bis 1700, S. 130 / 131.
126 Eberhard Leube: Boccaccio und die europäische Novellendichtung, S. 145 127 Marguerite de Navarre: L’Heptaméron. Texte établi sur les manuscrits avec une introduction, des notes et un index des noms propres par Michel François, S. 9. „Entre autres, je croy qu’il n’y a nulle de vous qui n’ait leu les cent Nouvelles de Bocace, nouvellement traduictes d’ytalien en françois, que le roy François, premier de son nom, monseigneur le Daulphin, Madame la Daulphine, madame Marguerite, font des cas, que si Bocace, du lieu où il estoit, les eut peu oyr, il debvoit resusciter à la louange de telles personnes.“
128 Eberhard Leube: Boccaccio und die europäische Novellendichtung, S. 141
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ist dem Herzog von Bourgogne gewidmet. Eberhard Leube ist der Ansicht, daß der Autor mit der doppelten Verwendung von „nouvelle“ seine Unsicherheit im Gebrauch 129 Trotzdem im Widmungsschreiben steht, daß Boccaccio des Wortes zeigt.
„Geschichten erzählt, die sich schon vor langer Zeit ereignet hätten“, während die „Cent Nouvelles nouvelles“ nur neuste Geschichten enthält, könnte es sich bei dem Titel doch auch um ein Wortspiel handeln.
Eine Rahmenhandlung wie bei Boccaccio gibt es nicht, die Geschichten werden von „36 130 verschiedenen Personen erzählt, die alle am burgundischen Hofe leben (...). Thema ist wieder die Liebe, allerdings mehr die physische denn die höfische. Erwähnenswert ist noch, daß die - je nach Ausgabe - letzte Novelle die Vorlage für 131 Goethes „Prokurator-Novelle“ darstellt .
bb) Der Rahmen
Fünf Damen und fünf Herren, allesamt adlig, werden an einem ersten September durch ein Hochwasser in den Pyrenäen an der Pilgerraststätte „Nostre-Dame de Serrance“ zusammengeführt. Zunächst werden Oisille, Dagoucin, Hircan und dessen Gattin Parlamente vorgestellt. Weitere Mitglieder sind Saffredent, Simontault, Geburon, Longarine, Nomerfide und Ennasuite. Es wird beschlossen, sich mit wechselseitigen Geschichten in der Manier des Boccaccio zu erzählen. Im Gegensatz zu Boccaccio aber nur solche, die der jeweilige Vortragende selbst erlebt oder gesehen hat, oder die 132 von zuverlässigen Dritten stammen.
129 Eberhard Leube: Boccaccio und die europäische Novellendichtung, S. 141 130 ebenda, S. 142
131 Bernd Witte: Goethe Handbuch. Band 3. Prosaschriften,S. 238 132 Marguerite de Navarre: L’Heptaméron. Texte établi sur les manuscrits avec une introduction, des notes et un index des noms propres par Michel François, S.9 / 10. „(...) une chose differente de Bocace: C’est de n’escripre nulle nouvelle qui ne soit veritable histoire.(...) dira chascun quelque histoire qu’il aura veue bien oy dire À quelque homme digne de foie.“
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cc) Die Brigata
Auch hier klingen die Namen der Brigata beziehungsweise der „devisantes“ (von Französisch „deviser“: plaudern), sehr phantastisch, jedoch stehen, anders als bei Boccaccio, keine Allegorien oder Charakterandeutungen dahinter, sondern reale Personen aus dem persönlichen Umfeld der Marguerite de Navarre: Man kann in ihnen zunächst „die Königin selbst, ihren Gatten, und ihre Mutter 133 So verbirgt sich hinter „Oisille“ die Mutter Marguerite de Navarres und erblicken.“
François I., Louise (in der alten französischen Schreibung: „Loyse“) de Savoye. Bei 134 „Oysille“ beziehungsweise „Osyle“ handelt es sich um ein Anagramm von „Loyse“. Hinter dem Namen „Hircan“ verbirgt sich sodann Henri d’Albret, Marguerites zweiter Mann. ‘Hircan’ ist ebenfalls ein Anagramm, das von „Hanric“, der béarnesischen Form 135 Hinter der Figur der „Parlamente“ verbirgt s ich wiederum von Henri kommt. 136 Marguerite de Navarre selbst.
Mit „Dagoucin“ ist Nicolas Dangu, Abt von Juilly und Saint-Savin de Tarbes, Bischof von 137 „Saffredent“ Séez und Mende, ein Vertrauter von Marguerite de Navarre, gemeint. steht für Jean de Montpezat, und wird hinter der Figur des „Simontault“ wird Baron 138 In „Geburon“ kann man den Seigneur de Burye François de Bourdeille vermutet.
erkennen, er war Generalleutnant des Königs in Guyenne, und gehörte nach 1540 zum 139 Der Name „Longarine“ wiederum Hofstaat der Königin Marguerite de Navarre.
133 Wolfram Krömer: Kurzerzählungen und Novellen in den romanischen Literaturen bis 1700, S. 131
134 Marguerite de Navarre: L’Heptaméron. Texte établi sur les manuscrits avec une introduction, des notes et un index des noms propres par Michel François, S. 447 und S. 448 135 ebenda, S. 447 136 ebenda, S. 448 137 ebenda, S. 447 138 ebenda, S. 448 139 ebenda, S. 448
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identifiziert sich mit der Landvogtin von Caen, Aimée Motier de la Fayette, Dame de Longray, wobei der Name dieses Lehens Marguerite zu der Form „Longarine“ inspiriert 140 „Nomerfide“ nun ist der verballhornte Name eines Lehens des Jean de hat.
141 Die Figur der „Ennasuite“ schließlich repräsentiert die Montpezat (Saffredent).
Baronin Anne de Vivons, Gemahlin des Baron François de Bourdeille (Simontault) und 142 Ehrendame bei Marguerite de Navarre seit 1529.
c) Decameron und Heptaméron
aa) War der Decameron als Vorlage überhaupt möglich?
Erstmalig wurde der Decameron 1414 von Laurent de Premierfaict übersetzt und in verstümmelter Form zum ersten Mal 1485 gedruckt.
Wenn seit diesem Zeitpunkt eine französische Übersetzung existiert hat, so war Marguerite de Navarre der Decameron Boccaccios sicherlich bekannt. In der vorliegenden Ausgabe des „Heptaméron“ aus dem Jahr 1964 von Michel François heißt es in der Anmerkung 40 allerdings, daß der „Decameron des Giovanni Boccaccio vom königlichen Berater Antoine Le Maçon 1545 zum ersten Mal ins Französische übersetzt wurde.“ Das Werk widmete er Marguerite de Navarre, seiner Gönnerin. Es hatte einen solchen Erfolg, daß neue Editionen schon im Jahr 1548, sodann 1551 und 1553 herausgebracht wurden. Dieses Erwähnen einer Übersetzung von 1545 untermauert zudem die Behauptung François’, Marguerite de Navarre habe ihren „Prolog früher als 1545 geschrieben, und daß die meisten Novellen schon geschrieben gewesen seien.“ 143
140 ebenda, S. 447 141 ebenda, S. 448 142 ebenda, S. 448
143 Marguerite de Navarre: L’Heptaméron. Texte établi sur les manuscrits avec une introduction, des notes et un index des noms propres par Michel François, S. 449. Die Ausführungen zur Übersetzung von Antoine Le Maçon beziehen sich auf Anmerkung Nummer 40 im Anhang: „Il s’agit du Décameron de Jean Boccace qu’Antoine Le
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Ein Fehlen einer französischen Ausgabe des Decameron zu Beginn der Abfassung des Heptaméron heißt aber nicht, daß Marguerite de Navarre den Decameron erst nach der ersten Übersetzung kennengelernt hat, als gebildete und sozial hochstehende Persönlichkeit ist es durchaus möglich, daß sie den Decameron in Italienisch, schließlich kam ihre Schwägerin Katharina von Medici aus Florenz, oder in einer der lateinischen Übersetzungen gelesen hat.
Auch verträgt sich diese Ansicht nicht mit der Aussage Marguerite de Navarres in der Einleitung, wo sie behauptet, daß sie sicher sei, es gebe keinen unter ihnen, der die hundert Novellen des Boccaccio, welche kürzlich aus dem Italienischen ins 144 Französische übersetzt wurden, noch nicht gelesen habe.
bb) Vergleich der Rahmenhandlung und der Brigata
Insofern Marguerite de Navarre die Gruppe aufgrund einer Gefahr an einem Ort zusammentreffen und verweilen läßt, bleibt sie der Rahmenidee Boccaccios treu. Das Hochwasser ist aber nicht, wie die Pest, lebensgefährdend, sondern hätte durch einen Umweg umgangen werden können. Der Aufbau der einzelnen Tage ist ebenfalls sehr
Maçon, conseiller du roi et trésorier de l’extraordinaire des guerres, avait traduit en français pour la première fois en 1545; L’ouvrage était dédié à Marguerite elle-même: il connut un tel succes que des nouvelles éditions en furent donnés en 1548, puis en 1551 et 1553. Cette mention de la traduction d’Antoine Le Maçon fournit la preuve que Marguerite a composé son Prologue au plus tôt de 1545 et alors que la pluspart des nouvelles étaient écrites.“
144 Marguerite de Navarre: L’Heptaméron. Texte établi sur les manuscrits avec une introduction, des notes et un index des noms propres par Michel François, S. 9. „(...) je croy qu’il n’y a nulle de vous qui n’ait lu les cent nouvelles de Boccace, nouvellement traduictes d’ytalien en françois, (...).“
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ähnlich. Zu jedem Tag gibt es ein Motto, ebenso wie bei Boccaccio , die teilweise in ihrem Wortlaut fast identisch mit denen Boccaccios sind. So darf am zweiten Tag jeder erzählen, was ihm spontan einfällt, der sechste Tag berichtet von den Streichen, welche die Männer den Frauen, die Frauen den Männern, oder die Frauen den Frauen (Männer spielen sich bei Marguerite anscheinend keine Streiche) spielen. Die Geschichten des ersten Tages handeln davon, wie sich Frau und Mann oder Mann und Frau gegenseitig betrügen, Tag 3, 4, und 5 ist den Tugenden der Frau gewidmet, und wie sie sich gegen lüsterne Kleriker, Männer oder die Welt verteidigt. Der siebte Tag schließlich ist denen gewidmet, die genau das Gegenteil von dem tun oder erreichen, was sie ursprünglich vorgehabt haben.
Das dominierende Thema, und hier hebt Marguerite de Navarre sich klar von Boccaccio 145 Frauen verführen nicht ab, ist aber: Wie kann die sexuelle Liebe vermieden werden? mehr, sondern versagen sich und den Männern die Liebe. Gleichzeitig wissen sie aber ihren Stolz und ihre Ehre zu verteidigen.
Die Brigata, ebenfalls aus zehn Personen bestehend, hat jedoch eine gleiche Anzahl von Männern und Frauen. Im Gegensatz zu der Brigata Boccaccios sind die ‘devisantes’ aber nicht völlig gleichberechtigt, sondern unter ihnen nehmen „Oisille, Dagoucin, Hircan und dessen Gattin Parlamente eine etwas gesonderte Stellung ein“ 146 , was angesichts der realen Figuren, die sie repräsentieren, zu verstehen ist.
cc) Motive im Decameron und Heptaméron
In keiner der Novellen Marguerite de Navarres kann man nachweisen, daß sie von Boccaccio direkt abgeschrieben hätte. Nach längerem Suchen läßt sich aber doch Novellen-Pärchen ausmachen.
145 Hannelore Schlaffer: Die Poetik der Novelle, S. 64 146 Hermann H. Wetzel: Die romanische Novelle bis Cervantes, S. 35 / 36
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In Novelle Boccaccios „Der Hahnrei in der Truhe“, Decameron VIII, 8, wird von zwei Freunden erzählt, und „der eine schläft mit der Frau des andern. Als dieser es bemerkt, veranlaßt er seine Frau, jenen in eine große Truhe zu sperren, auf der er sich, sobald 147 Das Motiv, daß jemand nicht bemerkt, jener darinnen ist, mit dessen Frau ergötzt.“
mit wem Frau er oder sie sich vergnügt, findet sich in „Der Probst von Fiesole“, Decameron VIII, 4, wieder. Hier befindet sich der Probst im Irrtum, als er glaubt mit einer 148 Edelfrau zusammen zu sein, liegt er in den Armen ihrer Magd.
Marguerite de Navarre nimmt diese Motive wieder auf und erzählt in Novelle No. 8 die Geschichte in etwas abgewandelter Form: Bornet ist seiner Frau nicht so treu verbunden wie sie ihm, und hat Lust, mit der Kammerzofe zu schlafen. Er erklärt sein Vorhaben seinem Freund, welcher, in der Hoffnung ebenfalls einen Teil der Beute zu bekommen, ihm den Gefallen tut und ihm hilft. Während Bornet glaubt, daß er bei der Kammerfrau sei, befindet er sich jedoch bei seiner Frau. Um dem Freund einen Gefallen zu tun, lädt er ihn ein, sich ebenfalls gebührend zu vergnügen. So macht sich 149 Bornet zum Hahnrei, ohne daß seine Frau irgendeine Schuld trifft.
147 Das Dekameron des Giovanni Boccaccio. Sechster bis zehnter Tag, S. 259 148 Marguerite de Navarre: L’Heptaméron. Texte établi sur les manuscrits avec une introduction, des notes et un index des noms propres par Michel François, S. 456: „Ici encore Marguerite donne un cadre à une nouvelle dont le thème a été maintes fois utilisé avant elle, notamment (...) dans le Décaméron de Boccace (nouvelle IV, de la huitième journée) (...).“
149 Marguerite de Navarre: L’Heptaméron. Texte établi sur les manuscrits avec une introduction, des notes et un index des noms propres par Michel François, S. 43 „Bornet, ne gardant telle loyauté à sa faemme qu’elle à luy, eut envie de coucher avec sa chambriere, et declara son entreprinse à un sien compagnon, qui, soubz espoir d’avoir part au butin, luy porta telle faveur et ayde, que, pensant coucher avec sa chambriere, il coucha avec sa femme, au desceu de laquelle il feit participer son compagnon au plaisir qui n’appertenoit qu’a luy seul, et se feit coqu soy-mesme, sans la honte de sa femme.“
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Um die Pikanterie der Geschichte vollends zu verstehen, muß zur Kurzfassung Marguerites aber noch hinzugefügt werden, das die Zofe, um den Nachstellungen Bornets zu entgehen, sich bei ihrer Herrin beschwert, und diese sich dann an die Täuschung ihres Mannes macht.
Bei Marguerite nehmen noch zwei weitere Novellen, No. 14 und No. 23, das Motiv des unerkannten Liebhabers auf. Bei der 14. Novelle überzeugt der zuvor abgewiesene Liebhaber die Dame, ohne das sie es gewahr wird, von seinen Vorzügen. Novelle 23 handelt von einem Mönch, der des Nachts die Stelle des Ehemannes einnimmt, ohne daß die Frau es bemerkt.
In Novelle Nummer 33 geht dieses Motiv sogar so weit, daß ein Sohn nicht einmal bemerkt, daß er mit seiner eigenen Mutter schläft. Die wollte ihn nämlich vor einer Dienerin bewahren, aber ihre ursprüngliche keusche Absicht, mit der sie sich zu ihm ins Bett legt, weicht dann dem oben beschriebenen.
Die unerhörten Ereignisse werden von Marguerite de Navarre in den Kontext von Zeit und Charakter integriert. Es ist ebenfalls die Zeit, die kombiniert mit der Moral einen Anschein von Wahrheit der Ereignisse gibt, und es möglich macht, die Novellen im Alltagsgebrauch zu lesen.
3. Miguel de Cervantes Saaverda: Novelas ejemplares
1. Miguel Cervantes
Miguel de Cervantes Saaverda wird am 9. Oktober 1547 in Alcalá de Henares geboren. Er ist das vierte von sieben Kindern des Arztes Rodrigo de Cervantes und seiner Frau Leonor de Cortinas. Erste Aufzeichnungen über Cervantes finden sich in einem Jesuitenkolleg in Madrid.
1569 verläßt Miguel de Cervantes Spanien und zieht nach Italien, wo er im Dienste des Kardinals Acquaviva auch an den päpstlichen Hof kommt. Nachdem er in die spanische Marine eingetreten ist, nimmt er 1571 an der Seeschlacht bei Lepanto teil, nach deren
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Erfolg ein weiteres Vordringen der Türken in den Mittelmeerraum gestoppt ist. Bei dieser Schlacht wird Cervantes so schwer an der linken Hand verletzt, daß sie amputiert werden muß. Dies erwähnt er nicht ohne Stolz in der Vorrede seiner „Novelas ejemplares“. Er nimmt an weiteren Feldzügen teil und als er nach Spanien zurückkehren will, gerät mit einem seiner Brüder in die Gefangenschaft algerischer Seeräuber. Mehrere Fluchtversuche scheitern und erst auch fünf Jahren kann er als ihm die Verlegung nach Konstantinopel droht durch den Trinitarierorden freigekauft werden. In dieser Zeit der Gefangenschaft entstehen bereits literarische Werke.
1583 erscheint sein erstes Theaterstück, „El trato de Argel“. 1584 heiratete er Catalina de Palacios. Jedoch ist sein Leben von einigen Mißerfolgen geprägt, so kommen zu der Enttäuschung über den Niedergang Spaniens als Weltmacht finanzielle Probleme. Seinen Lebensunterhalt verdient Cervantes als Proviantkommissar der spanischen Flotte in Andalusien, und als Steuereintreiber in Grenada und Malaga. Hierbei veruntreut er Staatsgelder, und kommt dafür 1597 / 98 in Schuldhaft. Während der Zeit im Gefängnis entsteht das Konzept zu seinem berühmten „Don Quijote“, welchen er 1605 und 1615 in zwei Teilen veröffentlicht. Dazwischen erscheinen im Jahre 1613 die „Novelas ejemplares“. Die letzten Lebensjahre verbringt Cervantes in Madrid, wo er am
22. April 1616 stirbt.
2. Don Quijote und Novelas ejemplares
Der Spanier Cervantes setzt mit seinen drei Büchern, den beiden „Don Quijotes“ und den „Novelas ejemplares“ neue Akzente: „Don Quijote Teil I“ und „Don Quijote Teil II“, beide für sich genommen schon Rahmenerzählungen, rahmen wiederum die „Novelas ejemplares“ ein.
Die „Exemplarischen Novellen“ sind 1613 in Madrid erschienen, und schon 1617 erschien eine deutsche Auswahl, welche dann 1650 ergänzt wurde. „Die Gruppe von Anekdoten, Geschichten, Erzählungen und Novellen läßt sich als zusammenfassen als „Don-Quijote-Novellistik“, bestehend aus drei chronologisch voneinander getrennten Teilen: sechs abgeschlossene und eine fragmentarische Erzählung sowie eine Novelle im ersten Buch des „Don Quijote“ (1605), zwölf
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„Exemplarische Novellen“ mit eigener „Zueignung“ und „Vorrede an den Leser“ (1613) und endlich fünf Erzählungen und zwei Anekdoten im Zweiten Buch des „Don Quijote“ 150 (1615).“
aa) Die Vorrede
Die Zueignung wendete sich an einen Adligen mit dem bombastisch anmutenden Namen „Don Pedro Fernandez de Castro, Grafen von Lemos, Andrade und Villalba und so weiter“.
Die Vorrede an den Leser entstand schon zwei Jahre vor der Veröffentlichung, „...ich stehe im vierundsechzigsten Jahr...“. Sie enthält eine Personenbeschreibung des Autors, wonach er zwar eine „wohlproportionierte Nase“, aber „nicht ansehnliche Zähne“ hat. Er erzählt mit Stolz, daß er in der Seeschlacht von Lepanto seine linke Hand verlor, gibt aber ebenso zu, daß er ein wenig stottert. Weiter will die Vorrede - wie der Proemio des Boccaccio - auf den Inhalt und die Funktion der „Novelas ejemplares“ vorbereiten:
„Und so sage ich Dir denn, geliebter Leser, daß Du aus den Erzählungen, die ich dir hier anbiete, auf keine Weise ein Frikassee machen kannst, da sie weder Fuß noch Kopf noch Eingeweide haben; das heißt, daß die verliebten Redensarten, die du in einigen finden wirst, so züchtig und durch Vernunft und Christentum so gemäßigt sind, daß sie weder den befangenen noch den unbefangenen Leser auf üble Gedanken bringen können. Ich habe sie moralische Erzählungen genannt, und wenn du sie recht betrachtest, findet sich wirklich keine darunter, aus der sich nicht irgendein nützliches Vorbild entnehmen ließe, auch wollte ich, wenn mich die Sache nicht zu lange aufhielte, dir wohl die schmackhafte und reine Frucht nachweisen, die man aus allen zusammen, so wie aus jeder für sich allein, gewinnen kann. Meine Absicht war, mitten in unsere Gesellschaft einen Billiardtisch zu stellen, an den jeder, ohne durch den Einsatz Schaden zu erleiden, zum Zeitvertreib treten könne; ich meine, ohne Schaden an Seele
150 Miguel de Cervantes Saaverda: Novellen, S. 631
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oder Leib zu nehmen, indem eine ehrbare und angenehme Unterhaltung eher Vorteil als 151 Nachteil bringt.“
bb) Der fehlende Rahmen?
Aufgrund des fehlenden Rahmens der Novellensammlung läßt sich annehmen, daß diese nicht in die Untersuchung paßt. Die Erzählungen sind während der Arbeit am „Don Quijote“ entstanden, wurden zum Teil sogar erst nachträglich aus dem G efüge entnommen und müssen daher „mit den im Roman enthaltenen Geschichten 152 gesehen werden. zusammen“
Spekulativ ließe sich argumentieren, daß Cervantes die Novellen aus Geldnot veröffentlicht hat, obwohl er sie eigentlich ebenfalls in den „Don Quijote“ integrieren wollte. So erwähnt er in seiner Vorrede, daß er von „seiner Hände Arbeit“ lebe, zudem wirbt er für sein „Fortsetzung der Taten des Don Quijote und der anmutigen Reden 153 Sancho Pansas“.
c)Decameron und Novelas ejemplares
Die „Novelas ejemplares“ verfolgen wie Marguerite de Navarre und Boccaccio didaktische Ziele, allerdings nur das „ejemplo“, die nützliche Lehre, welche sich nicht 154 mehr länger auf den Bereich der Liebe beschränkt.
Relativ eng an das italienische Muster angelehnt ist die erste Gruppe der um Liebe und Glück kreisenden Geschichten. Erzählt werden Verwicklungen, die sich jeweils durch eine unerhörte Begebenheit (...) auflösen und zum Guten wenden. Das novellistische Geschehen erfüllt sich im Walten einer poetischen Gerechtigkeit mit dem Ziel, die durch menschliches Handeln angerichteten Verwirrungen wieder aus der Welt zu schaffen.
151 Miguel de Cervantes Saaverda: Novellen, S. 7 152 Miguel de Cervantes Saaverda: Novellen, S. 631 153 Miguel de Cervantes Saavedra: Novellen, S. 7 / 8 154 Winfried Freund: Novelle, S. 47
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In einer zweiten Gruppe entwirft Cervantes satirische Bilder einer Welt, in der es sittlich durchaus fragwürdig, und korrupt zugeht, in der allein Tugend und Verstand den rechten Weg weisen könne. Aber solche Einsichten werden groteskerweise nicht von Menschen, sondern von zwei redenden Hunden geäußert, eine Wendung, welche die skeptische Beurteilung der Welt und ihres Treibens nachhaltig unterstreicht. Nicht länger gestaltet die Novelle das bunte, sinnenfrohe Welttheater des Lebens, sondern einen kritischen Sittenspiegel. Marguerite de Navarre ebenso wie Cervantes setzen die Novelle als literarische Gesellschaftskritik ein und gewinnen der Gattung so eine 155 wichtige, in die Zukunft weisende Dimension hinzu.
Cervantes geht es primär nicht mehr um eine unterhaltsame Handlung, sondern bei ihm ist die Novelle bereits eine ‘sich ereignete, unerhörte Begebenheit’ (Goethe), das heißt, 156 in entscheidenden Situationen haben sich seine Charaktere zu bewähren.
Cervantes ist der Ansicht „der erste zu sein, der in kastilianischer Sprache Novellen geschrieben zu hat“. Er versichert weiterhin, daß ihm zwar bekannt sei, daß viele Novellen aus anderen Sprachen übersetzt worden seien, behauptet aber, daß die „Novelas ejemplares“ „weder nachgeahmt noch gestohlen“ seien.
Dieser Aussage ist Glauben zu schenken, und so werden die Novellen auf Motive untersucht, die sich sowohl bei Boccaccio als auch bei Cervantes finden lassen.
Die erste Novelle „Geschichte des Zigeunermädchens“ hat ein Motiv, was sich bei Boccaccio in der Novelle Giannole di Severino entführt seine Schwester“, Decameron V, 5, in ähnlicher Weise wiederfindet: Zwei Männer verlieben sich in dieselbe Frau, deren Abstammung zur Lösung des Konfliktes führt.
Eifersucht spielt im Decameron VII, 4 „Der Brunnen des Tofano“, VII, 5 „“Der eifersüchtige als Beichtvater“, VII, 8 „“Der Bindfaden der Monna Sismonda“ wie in der
155 Winfried Freund: Novelle, S. 47 / 48
156 Otto Bantel / Dieter Schaefer: Grundbegriffe der Literatur, S. 97
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Geschichte „Der eifersüchtige Estremadurer“ ebenfalls eine Rolle. Bei der Brunnengeschichte wie bei dem eifersüchtigen Estremadurer ergreifen die Ehemänner Maßnahmen, um ihre Frauen zu überwachen, der eine schläft immer mit dem Hausschlüssel unter dem Kopfkissen, ebenso wie auch der Estremadurer den Schlüssel zu seinem Haus immer bei sich trägt. Beide Geschichten werden glücklich gelöst.
4. Johann Wolfgang von Goethe: Erzählungen deutscher
Ausgewanderten
Die erste deutsche Gesamtübersetzung des Decameron von dem Humanisten und Übersetzer Heinrich Steinhoewel (1412 - 1482/3) wird 1472 oder 1473 in Ulm - als einer der frühesten Drucke überhaupt - verbreitet. 1490 erfolgt eine weitere Ausgabe in Augsburg, 1509 und 1519 werden zwei gekürzte Ausgaben in Straßburg veröffentlicht, und schließlich kommt es zwischen 1535 und 1590 zu insgesamt neun Neudrucken. 1827 übersetzt Karl Witte den Decameron erneut, und schenkt 1830 eine dieser Ausgaben Goethe zum Geburtstag.
a) Johann Wolfgang von Goethe
Johann Wolfgang von Goethe wurde am 28. August 1749 als Sohn des Kaiserlichen Rates Johann Kaspar Goethe und dessen Gattin Katharina Elisabeth in Frankfurt geboren.
1765 begann er das Studium der Jurisprudenz an der Universität zu Leipzig. Hier entstanden schon erste Gedichte, Lyrik, Oden und erste Versuche zu Theaterstücken. Im Juni 1768 erkrankt Goethe so schwer, daß er das Studium unterbrechen muß und nach Hause zurückkehrt. 1770 nimmt er das Studium in Straßburg wieder auf, er begegnet Johann Gottfried Herder. 1771 besteht Goethe die juristische Abschlußprüfung und beginnt im Herbst desselben Jahres als Advokat in Frankfurt zu arbeiten. 1775 macht er mit zwei Grafen eine Reise in die Schweiz, und nach seiner Rückkehr wird er von Carl August an den herzoglichen Hof in Weimar gerufen. An diesem „Musenhof“ trifft er unter anderem Wieland und Charlotte von Stein. Goethe wurden viele politische Aufgaben
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übertragen, und er wird schnell vom Geheimen Legionsrat und Geheimen Rat zum Staatsminister befördert. 1782 wird er schließlich durch Kaiser Joseph II. geadelt. 1786 und 1790 bereist Goethe Italien, und als er nach Weimar zurückkehrt, lebt er dort zunächst in wilder, ab 1806 in abgesegneter Ehe mit Christiane Vulpius, die ihm insgesamt fünf Kinder schenkt. Vom 8. August 1792 an begleitet er den Herzog Carl August, der als preußischer Offizier am Feldzug gegen die Revolutionsarmee teilnahm (siehe unten aa)). 1793 nimmt er an der erfolglosen Belagerung von Mainz teil, und stattet hierüber Bericht ab. Eine enge Beziehung entsteht zu Schiller etwa ab 1794, sie besteht bis zu Schillers Tod im Jahre 1805. Im Jahr 1795 verfaßt Goethe die Novellensammlung „Unterhaltungen deutscher Ausgewanderter“. Am 22. März 1832 stirbt Johann Wolfgang von Goethe in Weimar.
b) Unterhaltungen deutscher Ausgewanderten
Der Novellenzyklus ist zwischen dem Herbst 1794 und September 1795 entstanden. Sobald eine Erzählung fertiggestellt war, wurde diese in der von Schiller herausgegebenen Zeitschrift ‘Die Horen’ veröffentlicht. Der Zyklus enthält, das Märchen eingeschlossen, sieben Erzählungen, wobei die Rahmenerzählung als achte Erzählung gesehen werden könnte, ebenso wie die Erzählung in der Vorrede des vierten Tages des Decameron auch eine eigenständige Geschichte darstellt.
aa) Der Rahmen
Der Zyklus beginnt folgendermaßen: „In jenen unglücklichen Tagen, welche für Deutschland, für Europa, ja für die übrige Welt die traurigsten Folgen hatten, als das Heer der Franken durch eine übelverwahrte Lücke in unser Vaterland einbrach, verließ eine edle Familie ihre Besitzungen in jenen Gegenden und entfloh über den Rhein 157 (...).
Bei diesen „unglücklichen Tagen“ handelt es sich jene Zeit im Jahr 1792, als im Ersten Koalitionskrieg die Revolutionsarmee gegen Preußen und Österreich kämpfte. Nach
157 Johann Wolfgang von Goethe: Sämtliche Werke. Band 9, S. 995
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der Revolution fühlte sich die französische Nation als Vorkämpferin zur Befreiung von Absolutismus und Feudalismus, und beanspruchte zudem ihre natürlichen Grenzen, nämlich die Alpen und den Rhein. Bis zum 22. Oktober werden Speyer, Worms, Mainz und schließlich Frankfurt besetzt. Mit der „Lücke“ ist das pfälzische Landau gemeint, 158 durch welches im Oktober 1792 die französische Armee in Deutschland einfiel. So läßt sich das Einsetzen der Rahmenhandlung etwa auf das Jahr 1792 oder 1793 159 datieren, Ort ist der rechtsrheinische Landsitz der Baronesse von C. Durch diese Ausgangssituation fühlt sich August Wilhelm Schlegel an Boccaccio erinnert: „Der Eingang erinnert an einen ähnlichen, zu einer sonst noch genug verschiedenen Reihe von Erzählungen, dem Decameron des Boccaz. Dort flüchtete man sich von dem Schauplatze physischer Zerrüttung, wie hier von dem Schauplatze 160 der politischen.“
bb) Die Brigata
Bei den Personen der Rahmenhandlung handelt es sich vielmehr um Kriegsflüchtlinge denn um „Auswanderer“. Unähnlich der Brigata Boccaccios, aber ebenso wie die Pilger bei Chaucer haben die Auswanderer unterschiedliche soziale Stellungen und Ansichten.
Zu nennen wäre zunächst die Baronesse von C., die mit ihren beiden Kindern, Luise und dem ältesten Sohn Friedrich, zudem noch mit dem Vetter Karl eine kleine „Carawane“ anführt. Weiterhin wird sie begleitet vom Lehrer des jüngeren Sohnes (dieser Sohn wird nicht weiter erwähnt), sowie von einem alten Geistlichen, welcher als „Hausfreund“ vorgestellt wird. Die fünfköpfige Gruppe repräsentiert in ihren Mitgliedern „mögliche
158 dtv-Atlas zur Geschichte. Band 2. Von der französischen Revolution bis zur Gegenwart. S. 21; und
Johann Wolfgang von Goethe: Sämtliche Werke. Band 9, S. 1561 159 Bernd Witte (Hrsg.): Goethe Handbuch. Band 3. S. 235 160 Johann Wolfgang von Goethe: Sämtliche Werke. Band 9, S. 1531
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politische Positionen der deutschen Oberschicht“ in den 90er Jahren des 18. 161 Jahrhunderts.
Baronesse von C. ist eine Witwe von „edlen Manieren“ in mittleren Jahren, hilfsbereit, gebildet, und als „treffliche Hausmutter“ bekannt.
Die Tochter Luise, deren Verlobter in der alliierten Armee kämpft (PreußischÖsterreichische Union), und die Sorge um diesen führt sogar soweit, daß das Mädchen leichte Anfälle von geistiger Umnachtung zu haben scheint, hielt sie doch schon einen alten Bedienten für ihren Bräutigam. An ihren guten Tagen hat Luise einen lebhaften, 162 , was soviel heißen kann, daß sie eine kleine heftigen und herrischen Charakter
Cholerikerin ist. Auch mit Bildung und Weltoffenheit scheint es nicht weit her zu sein, sie beschwert sich nach der Prokurator-Novelle beim Abbé: „Muß denn alles in Italien und Sicilien geschehen? Sind denn Neapel, Palermo und Smyrna die einzigen Orte, wo 163 etwas Interessantes vorgehen kann?“
Ihr Bruder hingegen, Friedrich oder liebevoll Fritz genannt, wird als besonnener, ruhiger Mensch dargestellt, welcher brav den Anweisungen seiner Mutter gehorcht und als „Courier, Wagenmeister und Wegweiser“ zugleich organisatorisches Talent unter Beweis stellt. Mit seinem Vetter Karl hat er sich ob dessen liberalen Ansichten mehrmals gestritten, und geht diesem so gut wie möglich aus dem Weg.
Vetter Karl ist nämlich ein glühender Anhänger der französischen Revolution und ihrem Ideal, der Freiheit. Daneben läßt er nichts gelten und gerät mit dem Geheimen Rat von S. in heftigen Streit. Dieser war in Begleitung seiner Gattin, einer alten Jugendfreundin der Baronesse von C., zu der Gruppe gestoßen. Karl steigert sich so sehr in seine Bewunderung für die Franzosen, daß er den französischen Waffen alles Glück wünscht
161 Johann Wolfgang von Goethe: Sämtliche Werke. Band 9, S. 1553 162 Bernd Witte (Hrsg.): Goethe Handbuch. Band 3. S. 235, Johann Wolfgang von Goethe: Sämtliche Werke. Band 9, S. 996 163 Johann Wolfgang von Goethe: Sämtliche Werke. Band 9, S. 1059
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und daß die Deutschen der alten Sklaverei ein Ende machen sollte. Schlußendlich verleiht er der Hoffnung Ausdruck, daß „ die Guillotine in Deutschland eine gesegnete 164 Diese Bemerkung vergrätzt Ernte finden und kein schuldiges Haupt verfehlen werde.“
den Geheimen Rat, und er verläßt mit seiner Gemahlin das Gut, nicht ohne zu bedauern ein zweites Mal, diesmal allerdings von einem Landsmann, vertrieben zu werden.
Bei dem Geistlichen wird es sich um einen katholischen Priester handeln, da der linksrheinische Adel, ursprünglich zu den österreichischen Niederlanden gehörend, durch den jahrhundertelangen spanischen Einfluß überwiegend katholischer Überzeugung war. „Bei dem alten Hausfreund handelt es sich um den Typus des Abbé, der aus dem sozialen Umgang der Oberschichten des Ancien régime vor allem in 165 Frankreich und im katholischen Rheinland nicht mehr wegzudenken war.“
Der Lehrer schließlich nimmt in dieser den Runde geringsten sozialen Status ein. Als bürgerlicher Akademiker dürfte er den Ideen der Revolution aber eher positiv gegenüberstehen, allerdings insgeheim. Dennoch ist er ein sanfter Mann, welcher der Baronesse nach der Kontroverse zwischen Vetter Karl und dem Geheimen Rat von S. 166 verspricht, daß derlei Gespräche künftig unterblieben, um niemanden zu verletzen.
Insgesamt finden zwischen den Flüchtlingen drei Zusammenkünfte statt, am ersten Abend werden dann die ersten vier Geschichten erzählt, am nächsten Morgen werden zwei weitere erzählt, und die letzte Geschichte folgt am Abend dieses Tages. Drei Personen erzählen die Geschichten: Der Abbé beginnt mit den Erzählungen, außerdem berichtet er die beiden Novellen und das Märchen. Fritz erzählt die zweite Geschichte, und Karl die beiden Abenteuer nach Bassompierre. Die Damen hören zu, und geben Kommentare und Kritiken ab. An dem Abend, an welchem die ersten vier Geschichten erzählt werden, nimmt die Baronesse von C. nicht teil.
164 Johann Wolfgang von Goethe: Sämtliche Werke. Band 9, S. 1004 165 Johann Wolfgang von Goethe: Sämtliche Werke. Band 9, S. 1562 166 Johann Wolfgang von Goethe: Sämtliche Werke. Band 9, S. 1012
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c) Decameron und Unterhaltungen deutscher Ausgewanderten
Goethes frühe Bekanntschaft mit dem Decameron ist sicher bezeugt, denn man weiß, daß in der Bibliothek seines Vaters eine mit Goethes Exlibris versehene italienische Ausgabe des Decameron existierte, und daß Goethe in einem Brief sogar seiner Schwester verboten hat, darin zu lesen, weil ihm die Novellen generell zu schlüpfrig 167 erschienen.
Überhaupt waren ihm Geschichten mit einem solchen Grundtonus zuwider, was er auch in seinen „Unterhaltungen deutscher Ausgewanderten“ sehr deutlich macht: „Ein 168 Im Vergleich zu lüsternes Gespräch, eine lüsterne Erzählung sind mir unerträglich.“ Boccaccios fröhlich-pikanten Geschichten hat man ein wenig den Eindruck, Goethe habe der Novelle nicht nur jegliche Obszönität, sondern auch ihre Komik nehmen wollen. Insofern unterscheidet er sich sehr von Boccaccio. Andererseits kommt Goethe mit den Charakterisierungen seiner Erzählungen durchaus denen des Decameron nahe. Die Geschichten behandeln „gewöhnlich die Empfindungen, wodurch Männer und Frauen entzweiet, glücklich oder unglücklich gemacht, öfters aber verwirrt als aufgeklärt 169 werden.“
Ebenso wie Boccaccio ist Goethe aber durchaus der Ansicht, daß „Gute Laune“, Scherz und Lachen“ angemessene Mittel zur Überwindung von „Bangigkeit und Not“ 170 Darstellen.
167 Horst Rüdiger / Willi Hirdt: Studien über Pertrarca, Boccaccio und Ariost in der deutschen Literatur, S. 35. Es handelt sich um Briefe von Goethe an seine Schwester Cornelia vom 6. und 23. Dezember 1765.
168 Johann Wolfgang von Goethe: Sämtliche Werke. Band 9, S. 1014 169 ebenda, S. 1014
170 Horst Rüdiger / Willi Hirdt: Studien über Petrarca, Boccaccio und Ariost in der deutschen Literatur, S. 33
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Die Geschichte vom Prokurator, welche der Abbé am Morgen erzählt, findet ihre Vorlagen in den „Cent Nouvelles nouvelles“. Schiller befindet sich im Irrtum, wenn er in Briefen immer wieder davon spricht, Goethe habe diese Novelle von Boccaccio 171 übernommen.
5. Direkte Nachahmungen Boccaccios
a) Caterina de Valbona und die Nachtigall
Die kurze Inhaltsangabe der vierten Geschichte des fünften Tages des Decameron lautet folgendermaßen: „Ricciardo Manardi wird von Messer Lizio de Valbona bei dessen Tochter angetroffen. Er heiratet das Mädchen und lebt fortan bei ihrem Vater in gutem Einvernehmen.“ Die Nachtigall kommt ins Spiel, weil Caterina, vorgebend, besser schlafen zu können, wenn sie die Nachtigall singen hört, auf dem Altan schlafen möchte. Dies natürlich nur, um Ricciardo empfangen zu können. Aus dem 13. oder 14. Jahrhundert stammt dann die deutsche Fassung jener Geschichte, die in kräftig erotischer Tönung vom liebenden Sichfinden zweier junger Menschen im Baumgarten 172 erzählt.
Im Gegensatz zu Boccaccios Gestaltung braucht nur der Altan, eine Art Söller, gegen eine Gartenlaube ausgetauscht werden, und fertig ist die deutsche Version.
b) Die Vertreibung des Teufels
Im Decameron erscheint an zehnter Stelle des dritten Tages die Geschichte „Alibech in der Thebaide“: „Alibech wird Einsiedlerin, und der Mönch Rustico bringt ihr bei, wie man den Teufel in die Hölle schickt. Später, als man sie zurückgeholt hat, wird sie die Frau 173 des Neerbal.“
171 Bernd Witte (Hrsg.): Goethe Handbuch. Band 3. S. 239, und Johann Wolfgang von Goethe: Sämtliche Werke. Band 9, S. 1521 172 Wolfgang Spiewok (Hrsg.): Altdeutsches Decamerone, S. 780 173 Das Dekameron des Giovanni Boccaccio. Erster bis fünfter Tag, S. 408
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Die vor allem durch Boccaccio bekannt gewordene Novelle von der naiven Schönen, der die Liebesvereinigung als Vertreibung des Teufels religiös schmackhaft gemacht wird, ist von einem alemannischen Dichter im 14. Jahrhundert nachgestaltet worden, 174 Die alemannische Adaption erwähnt jedoch allerdings in stark abgewandelter Form.
gar keinen Mönch, sondern läßt gleich den Gatten der unaufgeklärten Gattin den Teufel austreiben.
III. Charakteristika von Novelle und Rahmenerzählung
Die Anfänge der literarischen Novelle liegen in den anonym verfaßten Biographien der altprovenzalischen Troubadoure aus dem 13. Jahrhundert. Die aus den Troubadour-Gedichten zusammengestellten Biographien erzählen Neues, nicht selten Außergewöhnliches, Geschichten von nicht alltäglichen Liebeserfüllungen und tragischen Verwicklungen. Neu und aufregend zur Zeit ihrer Verbreitung war vor allem das Bekenntnis zum persönlichen Schicksal, zum Erleben des einzelnen, dessen Glück 175 durch mißliche äußere Entwicklungen gefährdet ist.
Zu Herkunft und Quelle der Novelle schreibt Wilhelm Scherer 1898: „Die Fabeln, Novellen und Schwänke waren in der Pflege der Spielleute des 10. und 11. Jahrhunderts (...). (...). Die Novelle war von jeher international, sie war es im 10. und 11. Jahrhundert insbesondere durch die lateinische Poesie, die über ganz Europa Macht hatte. Im 12. und 13. Jahrhundert erhielt sie einen starken Zufluß an neuem Stoff aus orientalischen Quellen, wobei, gerade wie bei den Schriften des Aristoteles und der arabischen Philosophen, spanische und italienische Juden die Vermittlung übernahmen: indische Erzählungen, die einst ins Persische und daraus ins Arabische übertragen worden waren, gingen jetzt ins Hebräische und Lateinische und daraus in die 176 Landessprachen über.
174 Wolfgang Spiewok (Hrsg.): Altdeutsches Decamerone, S. 787
175 Winfried Freund: Novelle, S. 9
176 Wilhelm Scherer: Geschichte der Deutschen Litteratur, S. 225
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Sowohl von der Handlungsnovelle Boccaccios als auch von der Charakternovelle Cervantes’ wird die deutsche Novelle beeinflußt, die von Goethe begründet und dann 177 vor allem in der Romantik und im Realismus gepflegt wird.
1. Die Herkunft der Gattungsbezeichnung „Novelle“
Der Begriff „Novelle“ wird zum ersten Mal durch den oströmischen Kaiser Justinian (527
- 565 n. Chr.) geprägt. Es werden hiermit diejenigen Gesetzesnovellen („leges novellae“) bezeichnet, die der Kaiser vornehmen mußte, um das bis dahin bestehende 178 Dieser juristische Terminus römische Recht näher an die Praxis heranzuführen. 179 Es besteht aber die besteht bis heute, hat aber mit dem Gattungsbegriff nichts zu tun. Möglichkeit, daß italienische Humanisten den Begriff „aus der juristischen Sphäre auf 180 In der Bedeutung ‘Nachricht’, ‘Neuigkeit’ war das Gebiet der Dichtkunst übertrugen“.
„novella“ schon vor Boccaccio in Gebrauch; die Italiener hatten das Wort aus dem Provenzalischen entlehnt, das den Terminus ‘novela’ oder novelha’ seit dem 12. 181 Jahrhundert, vorwiegend im Sinne von ‘neu vorgefallen’ kannte.
2. Forschung
Die Rahmenerzählung, der etwa Arnims Wintergarten, Tiecks Phantasus, in verschiedenen Märchenzyklen Hauffs oder in Hoffmann „Serapionsbrüdern“ - also in der Romantik - begegnet wird, findet erst mit der Klassik den Weg in die deutsche 182 Literatur.
177 Otto Bantel / Dieter Schaefer: Grundbegriffe der Literatur, S. 97 178 Alfred Söllner: Einführung in die römische Rechtsgeschichte, S. 135 179 Winfried Freund: Novelle, S. 9 180 Thomas Degering: Kurze Geschichte der Novelle, S. 7, Hugo Ast, Novelle, S. 20
181 Eberhard Leube: Boccaccio und die europäische Novellendichtung, S. 128 182 Horst Rüdiger / Willi Hirdt: Studien über Petrarca, Boccaccio und Ariost in der deutschen Literatur, S. 33
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In der Anfang des 20. Jahrhunderts einsetzenden Novellenforschung lassen sich grundsätzlich zwei Richtungen unterscheiden: Geht die eine mehr idealtypisch und normsetzende vor, stets auf der Suche nach der sogenannten Urform, so ist die andere mehr historisch interpretierend.
Generell wird gesagt, daß die romanische Novelle des Mittelalters ein Gespräch zum Ursprung hat, bei welchem die Beteiligten durch das Erzählen von Geschichten den wertorientierten Bestand einer Gemeinschaft aufzeigen. Hingegen soll die deutsche Novelle keine solchen wertbildenden oder wertsetzenden Wechselbeziehungen haben.
Diese Mündlichkeit der Novelle macht sie so authentisch, durch die dialogische Motivierung wird erreicht, daß die Ereignisse, wenn sie dem Erzähler schon nicht selbst widerfahren sind, so hat er sie zumindest aus zuverlässiger „Dritter Hand“. Dieser Gegenwartsbezug wird bei allen zuvor behandelten Autoren deutlich. Die Authentizität wird bei Boccaccio durch das Schildern der soeben überstandenen Pest und dem Einflechten bekannter Florentiner Personen aus Gesellschaft und Politik erreicht. Als Beispiel mögen hier Bruno, Buffalmacco, Calandrino dienen, welche alle drei Florentiner Maler gewesen sind, oder die Adelsfamilien Alberighi, Baronci und Donati, von denen Mitglieder der Familie in den Geschichten Boccaccios Eintritt fanden.
Eine andere Form der Authentizität erreicht Margarete de Navarre, indem sie schon die Mitglieder ihrer Brigata mit realen Figuren, darunter sich selbst, ausstattet.
3. Charakteristika der Novelle
Die Novelle repräsentiert eine kurze Form der epischen Gattung, und unterscheidet sich insofern von der Erzählung, als daß sie einen straffen, auf ein einzelnes Ereignis hin komponierten Aufbau mit dramatischem Moment hat. Bei Boccaccio gibt sich die Novelle als eine möglichst geradlinige, gut pointierte epische Form der Unterhaltung, die einen bislang unbekannten oder merkwürdigen Vorfall in den Mittelpunkt rückt.
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a) Die Länge
183 Was heißt hier nun Eine Novelle wird als Erzählung von mittlerer Länge angesehen. mittlere Länge? Diese Frage läßt sich nur beantworten, wenn man die Novelle im Verhältnis von Roman und Anekdote vergleicht. Die Geschichtchen des Novellino zum Beispiel sind oft so kurz, daß sie schwerlich als Novellen angesehen werden können, umfassen sie doch nur wenige Zeilen. Romane hingegen beginnen etwa mit 250 bis 300 Seiten. Tatsächlich wurde auch schon versucht, den Umfang der Novelle absolut zu erfassen, man spricht von einem Umfang von 75 bis 100 Taschenbuchseiten, oder auch 184 von einem Umfang von 20.000 bis 40.000 Wörtern.
Dieser Versuch einer Längenerfassung von Novellen trifft allerdings auf keine der Novellensammlungen zu, sie eignet sich mehr für die Stormschen oder Kellerschen Novellen.
Zutreffender ist der Versuch, die Novelle zeittechnisch zu erfassen, sie muß in einem Stück lesbar sein, was dann eine Lesezeit von 5 Minuten bis zu einer Stunde ergeben würde. Unter diese Zeitvorgabe lassen sich alle Novellen der einzelnen Sammlungen zusammenfassen, diese Maßeinheit kommt auch der Forderung nach Mündlichkeit der Novelle nach, so kann man sich tatsächlich vorstellen kann, daß die Geschichten abends bei einem schönen Glas Rotwein erzählt werden.
b) Die wahre Begebenheit
Wenn man Lexika und Wörterbüchern nach einer Definition der Novelle sucht, findet man immer wieder in mehr oder weniger abgewandelter Form den Ausspruch von Johann Wolfgang von Goethe: „...was ist die Novelle anderes als eine sich ereignete
183 Hugo Aust: Novelle, S. 9 184 Hugo Aust: Novelle, S. 9
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unerhörte Begebenheit. Dies ist der eigentliche Begriff, und so vieles was ... unter dem 185 Titel Novelle geht, ist gar keine Novelle, sondern bloß Erzählungen...“
Dieser von Goethe formulierte Anspruch auf Wahrheit, „...denn was ist eine Novelle anderes als eine sich ereignete, (...) Begebenheit.“, stellt ein wesentliches Merkmal, vielleicht sogar das wesentlichste Merkmal der Novelle dar. Sämtliche Geschichten des Decameron spielen in der Gegenwart des Autors, es werden bekannte Personen aus Gesellschaft und Politik in die Handlungsflüsse verwoben, und alles Geschichten haben zumindest den Anschein, als könnten sie sich tatsächlich ereignet haben. Ähnliches gilt für den Heptaméron, auch hier werden Geschichten mit engem Gegenwartsbezug erzählt, welche sich ebenfalls durchaus ereignet haben können. Ähnliches gilt für die Canterbury Tales von Chaucer. Es ist durchaus vorstellbar, daß sich die Leute auf ihren Pilgerreisen alle möglichen Geschichten erzählt haben, die ihnen im Laufe der Zeit entweder selbst zugestoßen oder durch andere begegnet sind. Nur Cervantes’ Novelle „Gespräch zwischen Cipion und Braganza, Hunden des Auferstehungshospitals“ weicht bei strenger Betrachtung von dieser Forderung nach Wahrheit ab, schließlich können Hunde nicht sprechen.
c) „Unerhört“
Dieser ebenfalls auf Goethe zurückgehende Anspruch der Novelle auf Unerhörtheit impliziert noch einmal den Anspruch auf Wahrheit und Authentizität. Die Novelle soll etwas neues, noch nicht dagewesenes, also im w ahrsten Sinne des Wortes „Unerhörtes“ berichten.
185 Johann Wolfgang von Goethe: Gespräch mit Eckermann vom 27. 1. 1827. Aus: Johann Peter Eckermann: Gespräche mit Goethe in den letzten Jahren seines Lebens. Johann Wolfgang von Goethe: Gedenkausgabe der Werke, Briefe und Gespräche. Band 24. Hrsg. v. Ernst Beutler. Zürich 1948, S. 225
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Wie verträgt sich aber nun diese Forderungen mit den Parallelen, die sich nachweislich bei Boccaccio, Chaucer, Marguerite de Navarre, Cervantes und selbst bei Goethe finden? Zum Beispiel findet sich im Novellino folgende Anekdote: „Lo ‘mperatore medesimo volle provare la moglie, però che li era detto che uno suon barone giaceva con lei. Levossi una notte e andò a lei nella camera; e quella disse: ’Voi 186 ci foste pur ora un’altra volta.’“
„Der Kaiser selbst wollte einmal die Treue seiner Frau prüfen, weil man ihm hinterbracht hatte, daß einer seiner Barone mit ihr schlief. Er stand bei Nacht auf und ging in ihr 187 Zimmer. Da sagte sie ihm: ’Ihr seid ja eben schon dagewesen.’“
Ausgehend von der Forderung nach Unerhörtheit fragt man sich, ob Boccaccios zweite Geschichte des dritten Tages so angesehen werden darf oder nicht. Sie darf, wenn man liest, wie schön Boccaccio die Geschichte des gehörnten Kaisers bzw. Königs erzählt, wohingegen die frühere Version des Novellino mehr als dürftig ausfällt. So hat es auch Friedrich Schlegel ausgedrückt, der meinte: „Novellen dürfen im Buchstaben alt sein, 188 wenn nur der Geist neu ist.“
Und auch Goethe hält sich nicht streng an den von ihm postulierten Grundsatz. Die Quelle der Prokurator-Novelle ist nämlich in der Sammlung der „Cent Nouvelles nouvelles“ zu finden, es handelt sich um die letzte Novelle, welche heute mit dem Titel „Le sage Nicaise ou l’amant vertueux“ versehen ist. Die Zusammenfassung im Inhaltsverzeichnis des Erstdrucks von 1462 lautet:
„La centiesme et derreniere de ces nouvelles, par l’acteur, d’un riche marchant de la cité de Jennes, qui se maria a une belle et jeune fille, laquelle, pour la longue absence de son mary, et par son mesme advertissement, manda querir ung jeune sage clerc
186 Il Novellino: Novella No. C, S. 216
187 Il Novellino: Novella No. C, S. 217 188 Hugo Aust: Novellen, S. 11; ebenso:
Friedrich Schlegel: Fragmente zur Litteratur und Poesie. In: Novelle. Herausgegeben von Josef Kunz, S. 35
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pour la secourir de ce dont elle avoit mestier; et de la response qu’il luy donna, comme 189 cy après pourrez oyr.“
Die Urform der Novelle ist das ungewöhnliche Ereignis, zum Beispiel Berichte über Katastrophen und über Menschen, die sie vorgeahnt haben. Gibt die Katastrophe das Geschehnis her, an dem kaum etwas geändert werden braucht, so liefert die innere Warnung das leitende Motiv. Durch ungewöhnliche Vorfälle, welche selbstverständlich nicht immer Katastrophen sein müssen, wird zugleich die Person unterstrichen, der sie passieren.
d) Der Wendepunkt
Die Handlung konzentriert sich auf ein plötzliches, krisenhaftes Ereignis, durch welches der Lebensweg der Protagonisten eine schicksalhafte Wendung erfährt. Dieser Wendepunkt wird oft durch ein sogenanntes ‘Dingsymbol’, ein äußeres, gegenständliches Zeichen des Angel- und Drehpunktes erreicht. Berühmtestes Beispiel ist Boccaccios Falke, zumindest nach Ansicht von Paul Heyse, der schon meinte, daß eine Novelle ohne ‘Falken’ gar keine Novelle sei.
e) Konzentrierung des Erzählten
Die Form der Novelle ist dergestalt, daß man eine Konzentrierung des Erzählten vor sich hat, eine starke Verdichtung und einen gerafften Zeitablauf. Dies wird besonders bei der Griseldis-Novelle, Decameron X, 10, und der Alatiel-Novelle, Decameron II, 7 deutlich, deren Ablauf sich über Jahre hinweg erstreckt. Die Struktur ist zudem dem Drama verwandt: Eine knappe Exposition, das heißt die für den Zuschauer beziehungsweise dem Leser zum Verstehen des Stückes notwendige einführende Information über die Ausgangssituation und Hauptcharaktere wird gleich zu Beginn gegeben, und ein zusammenraffendes Hinführen zum Höhe- und Wendepunkt , schließlich folgt der Abfall und Ausklang der Geschichte.
189 Johann Wolfgang von Goethe: Sämtliche Werke. Band 9, S. 1521 / 22
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4. Die erzählerische Intention der Novelle
Die Absichten von erzählten Geschichten sind vielfältig, sie wollen unterhalten und belehren, retten und heilen, sie können Beichte und Anvertrauen eines Geheimnisses 190 sein.
Erzählen an sich geschieht ständig, sei es im Alltag, Berufsleben oder als Kunst. Die Gebrauchsgeschichte macht die unterschiedlichen Stufen zwischen Erzählfunktion und der Einheit des Epischen deutlich. Es geht um das Mitteilen vergangener, erlebter Ereignisse, wobei alles Mögliche erzählt werden kann, egal ob es einem selbst widerfahren ist oder ob man es von dritten gehört hat.
a) Giovanni Boccaccio
Giovanni Boccaccio selbst macht in seiner ersten Geschichte des sechsten Tages klar, was er für eine schlechte Erzählung hält. Es geht um einen Kavalier, der eine Dame unterhält: „Da er aber ein und dasselbe Wort nicht nur drei- bis viermal, sondern mindestens sechsmal gebrauchte, sich ewig wiederholte - wobei er alle Augenblicke ausrief: ’Ach, das habe ich nicht richtig erzählt!’ - sich dazu in de Namen irrte und einen für den anderen einsetzte, verdarb er die Geschichte nach allen Regeln der Kunst, ohne die Eigenschaften der Personen oder die vorkommenden Begebenheiten richtig 191 darzustellen.“
b) Geoffrey Chaucer
Im allgemeinen Prolog der Canterbury Tales werden die Geschichten erzählt, um sich die „Zeit auf dem Wege zu verkürzen“, den „es macht kein Vergnügen, stumm wie ein
190 Hugo Aust: Novelle, S. 5
191 Das Dekameron des Giovanni Boccaccio, Sechster bis Zehnter Tag, S. 13
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Fisch dahinzuschreiten“. Daher sollen die Geschichten „etwas Abwechslung verschaffen 192 und Behaglichkeit bereiten.“
c) Marguerite de Navarre
Marguerite de Navarre lebte in der Zeit der Religionskriege, welche sich zu ihren Lebzeiten immer mehr verschärften, und schließlich 1572 mit den Morden der Bartolomäusnacht verschärften. Zwar sind auch ihre Novellen in erster Linie der Unterhaltung gewidmet, und enthalten wenig politische oder religiöse Themen, aber es gibt kaum witzige Elemente und Humor. Ihr Heptaméron dient daher in seiner Ernsthaftigkeit auch der Darlegung bestimmter Lehren, und die Geschichten sollen als 193 „Exemplifizierung einer bestimmten abstrakten Norm verstanden werden“.
d) Miguel de Cervantes Saavedra
Wenn man mal nicht arbeitet, oder in der Kirche ist, will Cervantes in den Erholungstunden, die der müde Geist sucht, seinen Lesern eine „ehrbare und angenehme Unterhaltung“ bieten, die eher „Vorteil als Nachteil“ bringt. „Nützliche Vorbilder“ sollen seine Geschichten sein, aus denen ein jeder die „schmackhafte und reine Frucht“ erkennnen könne. Auf gar keinen Fall will er seine Leser durch die erzählten Novellen zu bösen Wünschen oder gar Taten bringen, eher wolle er sich die 194 verbliebene Hand abhacken.
e) Johann Wolfgang von Goethe
In den „Unterhaltungen deutscher Ausgewanderten“ zeigt Goethe durch die Baronesse von C., wie er sich eine gut erzählte Geschichte vorstellt: „(...) so muß ich Ihnen sagen,
192 Heinz Bergner: Geoffrey Chaucer. The Canterbury Tales. Mittelenglisch / Deutsch, S. 51
193 Eberhardt Leube: Boccaccio und die europäische Novellendichtung, S. 146 194 Miguel de Cervantes Saavedra: Novellen, S. 7
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welche Art ich nicht liebe. Jene Erzählungen machen mir keine Freude, bei welchen, nach Weise der Tausend und einen Nacht, Eine Begebenheit in die andere eingeschachtelt, Ein Interesse durch das andere verdrängt wird. Wo sich der Erzähler genötigt sieht, die Neugierde, die er auf eine leichtsinnige Weise erregt hat, durch Unterbrechung zu reizen, und die Aufmerksamkeit, anstatt sie durch eine vernünftige Folge zu befriedigen, nur durch seltsame und keineswegs lobenswürdige Kunstgriffe aufzuspannen. Ich tadle das Bestreben nach Geschichten, die sich der Einheit des Gedichts nähern sollen, rhapsodische Rätsel zu machen und den Geschmack immer 195 tiefer zu verderben.“
Eine Geschichte wird von ihm dann gelobt, wenn sie „zierlich, vernünftig, unterhaltend und unterrichtend“ ist. Solcherlei Erzählungen, die den Verstand angenehm beschäftigen, verdienen den „Ehrentitel moralische Erzählung“.
Der Wunsch nach Unterhaltung und Zeitvertreib überwiegt bei allen fünf Autoren. Bei Boccaccio und Chaucer läßt sich diese Intention am schönsten sehen, denn die meisten ihrer Geschichten sind in der Tat kurzweilig und rühren zum Lachen. Marguerite de Navarre fällt etwas zu oft zurück in die starren Gesellschaftsvorstellungen ihrer Zeit, Geschichten, die bei Boccaccio oder Chaucer glimpflich ausgegangen wären, werden von Standesdünkel oder Moralvorstellungen ihrer Komik beraubt. Ganz deutlich wird Cervantes mit seinen Vorstellungen, was Geschichten bewirken sollen. Zeitvertreib ist zwar wichtig, aber man soll auch aus den Geschichten lernen, die man liest, und ihren 196 Sinn suchen.
5. Erscheinungsformen der Novelle
Die Erscheinungsformen der Novelle kann man in drei Typologien unterteilen: Beispielnovelle, Schwanknovelle, und Abenteuernovelle. Zur Rechtfertigung kann man sich auf Boccaccio berufen, der im Proemio zum Decameron auch eine Dreiteilung
195 Johann Wolfgang von Goethe: Sämtliche Werke. Band 9, S. 1037 196 Hannelore Schlaffer: Poetik der Novelle, S. 19
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seiner Novellen vornimmt: „(...) cento novelle o favole o parabole o istorie o che dire le 197 , „(...) hundert Geschichten, Fabeln, Parabeln oder wirkliche vogliamo (...)“ 198 Begebenheiten, wie wir sie nennen wollen (...)“
„ ‘Favole’ übersetzt in etwa altfranzösisch ‘fabliaux’ und repräsentiert den Typ der Schwanknovelle, das witzig Unterhaltende schlagfertigen Handelns und Redens; ‘parabole’ betont eher die beispielhafte, didaktisch-allegorische Funktion, während ‘istorie’ der Wiedergabe historischer und pseudohistorischer Ereignisse und längerer 199 Geschichten abenteuerlichen Charakters entspricht.“
Eine Parabel ist eine „lehrhafte Erzählung, die eine allgemeine Erkenntnis oder Lebensweisheit durch eine als Gleichnis zu deutende Begebenheit aus einem anderen 200 Vorstellungsbereich veranschaulicht.“
In Boccaccios Decameron soll die dritte Geschichte des ersten Tages als Beispiel dienen. In der kurzen Inhaltsangabe, welche jeder der Geschichten vorangeht, heißt es: „Der Jude Melchisedech entgeht durch eine Geschichte von drei Ringen einer großen 201 Gefahr, die ihm Saladin bereitet hat.“
Die berühmte Ringparabel findet sich Jahrhunderte später in Lessings „Nathan dem Weisen“ wieder.
IV. Entwicklung eines Novellenschemas von Boccaccio bis Goethe
1. Boccaccio:
Boccaccio, der als Schöpfer der modernen Novelle gilt und den Terminus selbst erst literarisch salonfähig gemacht hat, ist es offenbar ziemlich gleichgültig, wie seine
197 http://www.crs4.it/∼riccardo/letteratura/Decamerone/Proemio.htm 198 Giovanni Boccaccio: Das Dekameron, S. 9 199 Hermann H. Wetzel: Die romanische Novelle bis Cervantes, S. 58 200 Otto Bantel / Dieter Schaefer: Grundbegriffe der Literatur, S. 100 201 Giovanni Boccaccio: Das Dekameron, S. 51
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Geschichten bezeichnet werden: „ (...) intendo di raccontare cento novelle, o favole o parabole o istorie (...)“
Er gibt keine Definition, sondern die terminologische Wertung bleibt wage. Am treffendsten ist hier Eberhard Leube in seinem Aufsatz „Boccaccio und die europäische Novellendichtung“:
„Boccaccio hat nicht die Novelle, sondern eine moderne, offene und schon vor ihm vielfach variierte Form der Kurzerzählung geschaffen, die er unter anderem mit dem Wort „novella“ bezeichnete, und darin ist er zum Anreger vieler Generationen europäischer Kurzerzähler geworden, die ihre Werke häufig nach seinem Vorbild als Novellen bezeichneten, ohne daß sie unter dem Wort genau das Gleiche verstehen 202 mußten wie der Dichter des 14. Jahrhunderts (...).“
Novellistisch ist vor allem das Eingebundensein des Menschen in die schwankende Welt von Amor und Fortuna, eine Welt, in der die Personen nicht um ihrer selbst willen da sind, sondern die Aufgabe haben, die Begebenheiten zu verursachen, den großen 203 Reigen des Lebens, die „Commedia Umana“ zu inszenieren.
2. Chaucer
Die gesamten Canterbury Tales sind in Versen abgefaßt, da von der Wissenschaft jedoch einmütig angenommen wird, daß es sich bei Novellen um Prosa handelt, bleibt natürlich zu überlegen, ob eine Einordnung der Geschichten in die Gattung „Versnovelle“ geboten sein könnte, wovon in den wissenschaftlichen Untersuchungen aber nichts geschrieben steht.
3. Marguerite de Navarre
202 Eberhard Leube: Boccaccio und die europäische Novellendichtung, S. 134 203 Winfried Freund: Novelle, S. 46
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An den Aussagen „ (...) nulle nouvelle que ne soit veritable histoire.“ und „(...)dira quascun quelqe histoire qu’il aura veue ou bien oy dire À quelque homme digne de foy.“, macht Marguerite de Navarre deutlich, daß sie sehr viel Wert darauf legt, den 204 Da an einem Tag immer von Mittag Novellen einen Schein von Wahrheit zu geben.
bis 4 Uhr nachmittags erzählt wird, und die Geschichten zudem von der Brigata kommentiert werden, versteht es sich von selbst, daß sie nicht zu lang sein dürfen. Eine Definition ihrer Novellen wird im Heptaméron ansonsten nicht gegeben.
4. Goethe
Bei den Gesprächen mit seinem Freund Eckermann„...was ist die Novelle anderes als eine sich ereignete unerhörte Begebenheit. Dies ist der eigentliche Begriff, und so vieles was ... unter dem Titel Novelle geht, ist gar keine Novelle, sondern bloß 205 Erzählungen...“
5. Stimmen aus Literatur und Forschung
a) Friedrich Schlegel
Friedrich Schlegel schreibt 1798 in seinen „Athenäumsfragmenten“, daß „die Novelle in jedem Punkt ihres Seyns und ihres Werdens neu und frappant seyn muß, (...) sie will nicht bloß die Fantasie interessiren, sondern auch den Geist bezaubern und 206 das Gemüth reizen (...).“.
204 Marguerite de Navarre: L’Heptaméron. Texte établi sur les manuscrits avec une introduction, des notes et un index des noms propres par Michel François, S. 9 / 10 205 Johann Wolfgang von Goethe: Gespräch mit Eckermann vom 27. 1. 1827. Aus: Johann Peter Eckermann: Gespräche mit Goethe in den letzten Jahren seines Lebens. Johann Wolfgang von Goethe: Gedenkausgabe der Werke, Briefe und Gespräche. Band 24. Hrsg. v. Ernst Beutler. Zürich 1948, S. 225 206 Friedrich Schlegel: Athenäumsfragmente, S. 284
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Eine ausgereiftere Definition erfolgt 1801 in den „Prosaischen Jugendschriften“: „Es ist die Novelle eine Anekdote, eine noch unbekannte Geschichte, so erzählt, wie man sie in einer Gesellschaft erzählen würde, eine Geschichte, die an und für sich schon einzeln interessiren können muß, ohne irgend auf den Zusammenhang der Nationen, oder der Zeiten, oder auch auf die Fortschritte der Menschheit und das Verhältniß zur Bildung derselben zu sehen. Eine Geschichte also, die streng genommen, nicht zur Geschichte gehört, und die Anlage zur Ironie schon in der Geburtsstunde mit auf die Welt bringt. Da sie interessiren soll, so muß sie in ihrer Form irgend etwas enthalten, 207 was vielen merkwürdig oder lieb zu sein verspricht.“
b) August Wilhelm Schlegel
Im III. Teil der „Vorlesungen über schöne Litteratur und Kunst“ aus den Jahren 1803 bis 1804 heißt es:
„Um eine Novelle gut zu erzählen, muß man das alltägliche, was in die Geschichte mit eintritt, so kurz als möglich abfertigen, und (...) bey dem Außerordentlichen und Einzigen verweilen (...). Das Unwahrscheinlichste darf dabei nicht vermieden werden, vielmehr ist es oft gerade das Wahrscheinlichste (...). (...) Die Novelle, als ein poetisches Gegenbild derselben [zur politischen Historie], ist vielmehr der Erholung gewidmet, die Unterhaltung muß in der Erscheinung obenauf seyn. (...). Die Novelle kann von ernsten Begebenheiten mit tragischer Katastrophe bis hin zur bloßen Posse alle Töne 208 durchlaufen, aber immer soll sie sich in der wirklichen Welt zu Hause seyn...“ .“
207 Friedrich Schlegel: Nachricht von den poetischen Werken des Johannes Boccaz, S. 411
208 August Wilhelm Schlegel: Vorlesungen über schöne Litteratur und Kunst. III. Teil: Geschichte der romanischen Literatur. S. 246 / 247
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c) Wilhelm Scherer
Wilhelm Scherer (1841 - 1886) ein österreichischer Germanist, sieht die Novelle in 209 folgendermaßen: seinem Werk „Geschichte der deutschen Litteratur“ von 1883
„Legenden und Novellen sind, litterarisch genommen, dieselbe Gattung, 210 Unterhaltungslectüre beide; nur jene zugleich erbauend und Frömmigkeit fördernd.“
d) Walter Pabst
Zu Definitionsversuchen der romanistischen Novelle schreibt Walter Pabst im Romanistischen Jahrbuch 2 von 1949: „Arbeiten wie Die altprovenzalische Versnovelle, Ursprung und Eigenart der älteren italienischen Novelle, Zur Technik der Frührenaissance novelle in Italien und Frankreich, die Rahmenerzählung des Decameron, die Novellistik der französischen Hochrenaissance, Das Gefüge einer cervantinischen Novelle usw. lassen erkennen, daß der Terminus in den Gebieten seines Ursprungs und seiner frühen Anwendung vielfach die Bedeutung gewechselt hat und daß ihm höchstens innerhalb abgegrenzter Entwicklungsphasen ein befristetes 211 Dasein als Gattungsname zugebilligt werden kann.“
Er argumentiert weiterhin, daß wo „nebeneinander und gleichzeitig die Rahmenschemata und Darbietungsformen Boccaccios [und anderer] existieren - jedes und jede als Versuch, eine gewagte Aussage einer vorurteilsvollen Welt schmackhaft zu machen - so bestehen zur gleichen Zeit (...) die verschiedenen Novellen-Individualitäten, 212 deren einheitliche Definition nie gelingen wird.“.
209 dtv-Lexikon: Band 16. „Scherer“, S. 107 210 Wilhelm Scherer: Geschichte der Deutschen Litteratur, S. 57 211 Walter Pabst: Theorie der Novelle in Deutschland (1920 - 1940). In: Novelle. Herausgegeben von Joseph Kunz, S. 274 / 275
212 Walter Pabst: Novellentheorie und Novellendichtung. Zur Geschichte ihrer Antinomie in den romanischen Literaturen. In: Josef Kunz: Novellen, S. 330
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6. Die Brötchen-Theorie
Bei der ganzen Flut an Untersuchungen und Arbeiten, die sich mit dem Wesen der Novelle beschäftigen bietet die „Brötchen-Theorie“ weniger eine wissenschaftliche, aber eine pädagogisch-didaktische Möglichkeit, um sich das Wesen der Novelle zu verdeutlichen. Was das Brötchen für das Brot ist, ist die Novelle für den Roman: Eine kleine leckere Variante, die sich während einer Mahlzeit oder zwischendurch genießen läßt. Eine Prosahandlung als Teig, die einzelnen Zutaten sind die einzelnen Personen der Handlung. Beim Brot sind das meist mehr als beim Brötchen, und auch die Back-oder Lesezeit ist unterschiedlich. Ein Brot wird in Scheiben geschnitten, um gegessen zu werden, der Roman hingegen in verdauliche Kapitel unterteilt. Und so, wie die Brotscheiben mit unterschiedlichen Zutaten belegt werden, wird der Roman mit unterschiedlichen Handlungsebenen versehen. Das Brötchen - die Novelle - wird in der Mitte aufgeschnitten, der Käse beziehungsweise die Handlungsebene wird
hineingelegt, und das Brötchen - die Novelle, ist perfekt.
V. Schluß und Ausblick / Zusammenfassung
Die obigen Stimmen machen eines deutlich: Eine entgültige Definition der Novelle gibt es bis heute nicht. Dies ist insofern nachvollziehbar, als daß die Novelle, gerade weil sie in der gesamten europäischen Literatur vertreten ist, die verschiedensten Formen herausgebildet hat. Dies macht sie so interessant, aber erschwert zugleich den Versuch, die Gattung mit einer klaren Definition zu versehen.
Um auf den Fragenkatalog am Anfang dieser Untersuchung zurückzukommen, sollen nun folgende antworten gegeben werden. Boccaccio hat bei strenger Betrachtung keine neue Gattung erschaffen, sehr wohl haben sich aber andere Autoren, am stärksten Marguerite de Navarre, an ihm orientiert. Innovativ ist jedoch die Rahmenerzählung, die alle untersuchten Autoren von Boccaccio bis Goethe benutzt haben, bleibt zu bemerken,
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213 , daß sie, solange keine „eigene Poetik und Geschichte Gattung der Novelle existiert“ eine notwendige Zutat ist.. Niemand zuvor hat diese vor Boccaccio in dieser einheitlichen und in sich abgeschlossenen Komposition verwendet. Hingegen ist nach Boccaccio ein wahrer Rahmenboom zu verzeichnen, und aus allen untersuchten Nationen sind bis heute diese Rahmenerzählungen populär, „Don Quijote“ ist sogar zu einer Kinderzeichentrickserie verarbeitet worden. Der Decameron wird heute immer noch gerne gelesen, leider wird aber auch Mißbrauch mit ihm betrieben, um im Internet pornographisches Material zu verbreiten.
Die Frage, ob die Novelle auch heute noch das ist, was sie früher war, läßt auf die obigen Ausführungen verweisen, „die Novelle“ gab es nicht und gibt es damit auch heute nicht. Es läßt sich nur feststellen, daß die Novelle mehr und mehr an Bedeutung zu verlieren scheint und von der Kurzgeschichte verdrängt wird. Offenbar entspricht die Gattung nicht mehr der modernen Bewußtseinslage und den Lebensbedingungen des modernen Menschen. So bleibt nur, der Einschätzung Benno von Wieses zuzustimmen, welche in seinem Werk „Novelle“ feststellt, daß erst eine spätere Zeit werde „darüber belehren können, wieweit sich die Novelle als Gattung weiter neben ihrer (...) Erbin, der 214 Kurzgeschichte, behaupten wird.“
Giovanni Boccaccio hingegen wird aus der europäischen Geschichte und der Literatur jedoch auf keinen Fall mehr wegzudenken sein. Ihn und den Decameron zu übergehen, hieße sich einer Fülle an Freude zu berauben.
213 Hannelore Schlaffer: Poetik der Novelle, S. 8
214 Benno von Wiese: Novelle, S. 86
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Verena Lowens, 2001, Boccaccios Dekameron und die nachfolgende eurpäische Literatur, München, GRIN Verlag GmbH
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Anmerkung zum Dekameron.
Ich habe festgestellt, dass der 4. Tag des Dekamerons fehlt. Da läßt Filostrato Geschichten erzählen über Menschen, deren Liebe ein unglückliches Ende nahm. Das paßt zur Übersetzung von seinem Namen "der von der Liebe besiegte".
Am 9. Tag ist Emilia Königin, und läßt von das erzählen, was jedem gefällt und was jedem am meisten zusagt.
am Wednesday, June 12, 2002-