Vorwort
Ich habe dieses Thema gewählt, weil ich selbst seit meinem 14. Lebensjahr ein Scheidungskind bin und es mich aus diesem Grund immer wieder interessiert, mein Wissen in diesem Bereich zu vertiefen.
Das vorangestellte Gedicht drückt vermutlich die Gefühle vieler Scheidungskinder aus. Erschreckend ist jedoch die Resignation der lediglich 10-jährigen Autorin.
Neben den auch bei mir vorhandenen „negativen“ Scheidungsfolgen habe ich selbst erfahren, dass eine Scheidung durchaus auch positive Folgen haben kann. Was nützt einem Kind eine Familie, in der sich die Eltern ständig streiten oder sich nichts mehr zu sagen haben und nur der Kinder wegen die Ehe weiterbestehen lassen.
Auch habe ich oder speziell meine Mutter die Erfahrung gemacht, dass sich die Jugendämter und auch die anderen Beratungsstellen bemühen, den Hilfesuchenden die bestmögliche Beratung zu bieten. Leider sind sie dabei auf die Unterstützung beider Elternteile angewiesen, so dass eine erfolgreiche Beratung wie auch in meinem Fall an der fehlenden Mitwirkung eines Elternteiles scheitert. Viel w ichtiger als professionelle Hilfe habe ich aber in meiner damaligen Situation die Unterstützung meiner Eltern, speziell meiner Mutter und Freunde empfunden. Ohne ihren positiven Zuspruch wäre vieles für mich schwerer gewesen. Meine Mutter hat versucht, mich so wenig wie möglich unter den Folgen der Trennung leiden zu lassen. So wurden mein Bruder und ich nicht wie viele andere Kinder aus unserer gewohnten Umgebung herausgerissen und mussten auch f inanziell kaum Verluste einstecken. Dennoch habe ich bei meinen Literaturrecherchen oft Parallelen ziehen können und so manch beschriebene Verhaltensmuster an mir wiederentdeckt.
Die vorliegende Arbeit widme ich meinen Eltern. Meiner Mutter danke ich dafür, dass sie in vielen schwierigen Situationen eiserne Nerven gezeigt hat und mich und meinen Bruder niemals allein gelassen hat. Dafür liebe ich sie. Vom meinem Vater wünsche ich mir, dass er sich irgendwann daran erinnert, eine Tochter zu haben.
III
Inhaltsverzeichnis
ABK ÜRZUNGSVERZEICHNIS VI
DARSTELLUNGSVERZEICHNIS VII
TEIL I ENTWICKLUNGSCHANCEN UND RISIKEN VON
SCHEIDUNGSKINDERN AUS SOZIALWISSENSCHAFTLICHER
SICHT. 1
1 EINLEITUNG 2
2 EHE UND FAMILIE IM WANDEL: DIE AKTUELLE SCHEIDUNGSLAGE IN
DEUTSCHLAND. 4
2.1 Ehemodelle im Wandel der Zeit und ihre Auswirkungen auf die
Scheidungsraten 4
2.2 Aktuelle statistische Daten zur Scheidungssituation in Deutschland 8
3 DIE SCHEIDUNG AUS DER SICHT DES KINDES. 10
4 DIE PHASEN DER EHESCHEIDUNG IM KINDLICHEN ERLEBEN 12
4.1 Die Vorscheidungsphase 12
4.2 Die Scheidungsphase 13
4.3 Die Nachscheidungsphase 14
4.4 Zusammenfassung. 15
5 BEWÄLTIGUNGSSTRATEGIEN DES KINDES 16
5.1 Defensive Strategien 16
5.1.1 Ablehnung oder Verleugnen 16
5.1.2 Regression. 16
5.1.3 Rückzug 17
5.1.4 Impulsives Ausagieren. 17
5.2 Aktive Bewältigungsstrategien 17
5.2.1 Altruismus 17
5.2.2 Humor. 17
5.2.3 Unterdrückung. 17
5.2.4 Antizipation. 17
5.2.5 Sublimierung 18
5.3 Bewältigungsstrategien in Abhängigkeit von soziokognitiven Kompetenzen 18
5.3.1 Die Egozentrische Perspektive (3 bis 6 Jahre) 19
5.3.2 Die Subjektive Perspektive (5 bis 9 Jahre) 20
5.3.3 Die Reziproke Perspektive (7 bis 12 Jahre) 20
5.3.4 Die Perspektive der Dritten Person (10 bis 15 Jahre) 22
IV
6 MÖGLICHE KURZFRISTIGE SCHEIDUNGSFOLGEN FÜR DIE KINDER 23
7 MÖGLICHE LANGFRISTIGE SCHEIDUNGSFOLGEN FÜR DIE KINDER 26
7.1 Psychische Erkrankungen. 26
7.2 Die Gestaltung von Partnerschaften. 27
7.3 Die Delinquenz. 28
7.4 Das Selbstmordrisiko. 29
7.5 Zusammenfassung. 30
8 SCHEIDUNGSKINDER - TRAUMA ODER CHANCE? 32
TEIL II DER UMGANG MIT SCHEIDUNGSKINDERN AUS
JURISTISCHER SICHT 35
9 SCHEIDUNGSKINDER IN DER JUGENDHILFE. 36
10 BERATUNG UND MITWIRKUNG - ZENTRALE AUFGABEN DER JUGENDHILFE. 37
11 DIE ROLLE UND AUFGABE DER JUGENDÄMTER IM SCHEIDUNGSVERFAHREN
NACH DER KINDSCHAFTSRECHTSREFORM 39
11.1 Gesetzliche Rahmenbedingungen 39
11.2 Herausforderungen für die Jugendhilfe 40
12 TRENNUNGS- UND SCHEIDUNGSBERATUNG. 44
12.1 Anforderungen an die Scheidungsberater 44
12.2 Beratung in den einzelnen Phasen der Trennung und Scheidung. 45
12.2.1 Beratung im Vorfeld der Trennung / Scheidung 45
12.2.2 Beratung im Kontext der Trennung / Scheidung 47
12.2.3 Beratung nach der Trennung/Scheidung 48
12.3 Mediation in der Trennungs- und Scheidungsberatung 49
12.3.1 Wie wirkt sich Mediation auf die Kinder aus? 51
12.4 Grenzen der Beratung 52
13 RESÜMEE 54
THESEN VIII
ANHANG. X
LITERATURVERZEICHNIS. XVIII
EIDESSTATTLICHE ERKLÄRUNG. XXV
V
Darstellungsverzeichnis
Abbildung 1: Geschiedene Ehen und Zahl der betroffenen Kinder ab 1960 in Deutschland Abbildung 2:
Teil I
Entwicklungschancen und Risi-
ken von Scheidungskindern aus
sozialwissenschaftlicher Sicht
1
1 Einleitung
Unter einer Scheidung leiden nicht nur die Kinder sondern natürlich auch die E ltern. Dennoch möchte ich mich in meiner Arbeit lediglich den Kindern widmen, denn allzu oft werden deren Ängste und Gefühle über all der Aufregung gar nicht wahrgenommen.
Wenn ich in meiner Arbeit von Scheidungskindern spreche, beziehe ich mich damit natürlich auch auf Kinder, deren Eltern „nur“ zusammengelebt haben. Denn ob verheiratet oder nicht, spielt für Kinder in einer Trennungssituation wohl kaum eine Rolle.
Für die Kinder / Jugendlichen ist die Trennung / Scheidung der Eltern ein einschneidendes Erlebnis. Streit, Unsicherheiten über die Zukunft, Auseinandersetzungen sowie wirtschaftliche und räumliche Veränderungen können dazu führen, dass sich Kinder / Jugendliche sozial auffällig verhalten. Es ist zwar kein direkter Zusammenhang von Trennung / Scheidung der Eltern und auffälligem Verhalten nachzuweisen, die Belastung über eine längere Zeit mit einem tiefen E inschnitt in eine Lebenskonzeption und Lebensgestaltung der Kinder / Jugendlichen ist jedoch unbestritten.
Trotzdem kann man einer Scheidung bei genauer Betrachtung durchaus positive Seiten abgewinnen, welche jedoch in der bisherigen Scheidungsforschung w enig beachtet wurden.
Wenn es den Menschen gelingen würde, Scheidungen als Lernsituationen und Chancen zur Veränderung aufzufassen, wenn sie sich rechtzeitig - d.h. immer vor dem Schließen einer Ehe - auf sie einstellten, dann hätten die Menschen in ihrem Leben viel gewonnen.
Die Gedanken von Khalil Gibran (arabischer Schriftsteller) haben mich während der Anfertigung dieser Arbeit begleitet und sollten alle Eltern zum Nachdenken anregen.
„Eure Kinder sind nicht eure Kinder. Es sind die Söhne und Töchter von des Lebens Verlangen nach euch selber. Sie kommen durch euch, doch nicht von euch; Und sind sie auch bei euch, so gehören sie euch doch nicht. Ihr dürft ihnen eure Liebe geben, doch nicht eure Gedanken. Ihr dürft ihren Leib behausen, doch nicht ihre Seele, denn ihre Seele wohnt im Haus von Morgen, das ihr nicht zu betreten vermöget, selbst nicht in euren Träumen. Ihr dürft euch bestreben, ihnen gleich zu werden, doch suchet nicht, sie euch gleich zu machen. Denn das Leben läuft nicht rückwärts, noch verweilt es bei Gestern.“
2
Eltern haben im Trennungsprozess häufig Probleme, die Partnerebene und die Elternebene auseinanderzuhalten. Die Verletztheiten und Kränkungen erschweren den Kontakt untereinander und zum Kind. In dem Maße, wie die Selbstregulierungskräfte versagen und die eigentliche Elternaufgabe zu kurz kommt, müssen hier subsidiäre öffentliche Instanzen eingreifen. Dem juristischen Verfahren wird häufig vorgeworfen, den Konflikt eher zu verschärfen und die Kommunikationsbarrieren eher zu erhöhen statt zu mildern, da die Beteiligten sich quasi ohnmächtig einem Verfahren ausgeliefert sehen, um sich dann in Sieger und Besiegte aufzuteilen. 2
Die Trennungs- und Scheidungsberatung sieht phasenspezifische Hilfestellungen vor, und zwar vor, während und nach der Scheidung; sie schließt eine Differenzierung des Vorgehens auf der Eltern-, Paar- und Kindebene, entwicklungs- und altersabhängige Hilfen der Trennungs- und Trauerverarbeitung beim Kind, Kooperationsvereinbarungen mit den verfahrensbeteiligten Institutionen, einvernehmliche Sorgerechts- und Umgangsregelungen sowie die Entwicklung spezifischer präventiver Angebote ein.
Das neue Kinder- und Jugendhilfegesetz (KJHG) sieht nicht nur eine Beratung in Fragen der Partnerschaft, Trennung und Scheidung und eine Unterstützung A lleinerziehender in der Familie, sondern auch eine Trennungs- und Scheidungsberatung im Rahmen der Erziehungsberatung mit öffentlich - subjektivem Rechtsanspruch vor. Dazu zählen sowohl längerfristige pädagogische als auch therapeutische Leistungen unter intensiver Einbeziehung der Familie. Im Mittelpunkt der Förderhilfen stehen dabei die Entwicklung und das Wohl des Kindes und Jugendlichen.
Bei allen Angeboten zur Beratung von Kindern und Jugendlichen steht das präventive Element im Vordergrund. Den betroffenen Kindern und Jugendlichen soll bei der besseren Verarbeitung der Trennungserfahrung geholfen werden, um längerfristige Auswirkungen der elterlichen Scheidung zu vermeiden. Angestrebt wird außerdem in vielen Konzepten, dass sich die Kinder über ihre Gefühle bewusst werden sollen; sie sollen die Möglichkeit erhalten, sich mitzuteilen, und lernen, mit ihrer Situation und ihren Gefühlen umzugehen. Das schließt die Stärkung sozialer Rückhalte ein. Scheidungskinder sollen erkennen, dass es anderen Kindern ähnlich geht. Nur dann ist es möglich, die Isolation aufzuheben.
2 Vgl. Merdian, F.; Zur Anhörung von Kindern im gerichtlichen Verfahren. Soziale Arbeit, 12, S. 413-418, 1994.
3
2 Ehe und Familie im Wandel: Die Aktuelle
Scheidungslage in Deutschland
2.1 Ehemodelle im Wandel der Zeit und ihre Auswirkungen
auf die Scheidungsraten
Betrachtet man den Zeitablauf, das „Schicksal“ eines Eheschließungsjahrganges, so zeigt sich, dass von den 1991 geschlossenen Ehen in den zehn seit der Eheschließung vergangenen Jahren 20% durch Scheidung beendet wurden. Allgemein werden ein Viertel bis ein Drittel aller jetzt geschlossenen Ehen g eschieden - in Ballungszentren bis zur Hälfte. Bei etwas mehr als der Hälfte dieser Scheidungen sind Kinder betroffen; dabei sind drei oder mehr Kinder in der Familie insgesamt eher „scheidungshemmend“. Bei der zweiten Ehe ist die Scheidungsrate sogar höher als bei ersten Ehen, vor allem wenn (Stief-) Kinder vorhanden sind. 3
Der amerikanische Soziologe Paul Amato 4 hat behauptet, dass der Wechsel von dem Modell einer lebenslangen Ehe zu einem Modell der „seriellen Monogamie“ eine grundlegende Veränderung in unserer Gesellschaft repräsentiert. Es geht d abei primär um das Thema, wie Menschen im Laufe ihrer Entwicklung ihr Bedürfnis nach Intimität befriedigen. Darüber hinaus ist im Gegensatz zu früher heute der Zusammenhang zwischen Sexualität und Ehe schwach. Der Anteil von Frauen und Männern, die bereits vor ihrer Ehe sexuelle Aktivitäten aufnehmen, hat in den letzten Jahrzehnten stark zugenommen. Die Zunahme ehelicher Instabilität hat dazu beigetragen, jeden dieser Trends zu verstärken, obwohl dies nicht die einzige Ursache sind. So werden zum Beispiel Kinder mit geschiedenen Eltern gewöhnlich früher sexuell aktiv als Kinder aus nicht geschiedenen Familien, fand die Soziologin Heike Diefenbach 5 von der TU Chemnitz in der Auswertung der „Mannheimer Scheidungsstudie“ heraus. Die Gelegenheit zur Beobachtung ehelicher Sexualität bei gleichzeitig geringer Überwachung der Kinder, wie dies bei alleinstehenden Eltern häufig vorkommt, erhöht die Wahrscheinlichkeit, dass Jugendliche selbst f rühzeitig sexuelle Beziehungen eingehen. Menschen, deren Ehe g escheitert ist, tendieren mit höherer Wahrscheinlichkeit zu nichtehelichem Zusam- 3 Vgl.Griebel, Wilfried; Oberndorfer, Rotraut - Scheidung und Trennung - Reaktionen der Kinder und der Schule; Beitrag zur Dokumentation des Symposiums "Was Kinder stark macht -
Gefährdungen und Chancen heutiger Kinder und Jugendlicher" der Staatlichen Akademie für
Lehrerfortbildung Donaueschingen am 16.07.1999.
4 Amato, P. R.: Children´s adjustment to divorce. Theories, hypotheses, and empirical support; Journal of Marriage and the Familiy 55; S.23-38; 1993.
5 Vgl. Freie Presse vom 03.08.1999.
4
menleben mit einem Partner oder einer Partnerin. In ähnlicher Weise wählen Kinder geschiedener Eltern in jungem Alter häufiger das nichteheliche Zusammenleben als bevorzugte Form der Partnerschaft als Kinder, deren Eltern nicht geschieden sind.
Für Menschen, die eine Scheidung unmittelbar miterlebt haben und auf diese Weise die Zerbrechlichkeit einer Ehe erfahren mussten, ist also das nichteheliche Zusammenleben ein Arrangement, dass die Möglichkeit bietet, Intimität und G emeinschaft zu erleben, ohne eine formelle Verpflichtung einzugehen, welche langfristig nicht tragfähig sein könnte.
Unabhängig davon, ob die Erklärung darin gesucht wird, dass Leute mit nicht traditionellen Einstellungen mit größerer Wahrscheinlichkeit ohne Trauschein zusammenleben beziehungsweise sich scheiden lassen oder ob die Erfahrung des nichtehelichen Zusammenlebens einer Liberalisierung der Einstellungen bedingt, stellen nichteheliche Lebensgemeinschaften somit nicht nur eine Reaktion auf die hohe Rate ehelicher Instabilität, sondern auch einen Faktor dar, welcher die Rate ehelicher Instabilität verstärkt. Man kann diesen Wechsel als Annahme, Bereitschaft oder Fähigkeit interpretieren, langfristige Beziehungen aufrecht zu erhalten oder als einen Zuwachs an individueller Freiheit, neue Beziehungen einzugehen und zu erproben, nicht befriedigende Verbindungen zu verlassen und nach besseren Perspektiven zu suchen.
Es stellt sich die Frage, ob dieser Trend nicht gleichzeitig die Ankündigung einer radikalen Veränderung unseres Ehekonzeptes oder des Modells partnerschaftlichen Zusammenlebens andeutet?
Im Verlauf der Geschichte gab es unterschiedliche Motive für eine Heirat. So hat der französische Soziologe Jean Roussell vier Modelle unterschieden 6 : Zunächst diente die Ehe der rechtlichen Absicherung und der Weitergabe von Besitz. Man heiratete deshalb nur, wenn man über Besitz verfügte. Familienrechtliche Fragen, wie wir sie heute kennen, wurden im Rahmen des Eigentumsrecht mitverhandelt. Inhaber der elterliche Sorge war der Eigentümer von Besitz, in der Regel der Vater.
Als ab Mitte des 19. Jahrhunderts, infolge politischer, wirtschaftlicher und ökonomischer Veränderungen, Menschen zu Geld kamen ohne über Besitz zu verfügen, wurde dieses ökonomisch - rechtliche Ehemodell durch ein neues, das institutionell - rechtliche Modell, ersetzt. Man heiratete nunmehr, um eine Familie zu gründen. Die Familie w urde als „Keimzelle“ der Gesellschaft betrachtet. Diese
6 Erkenntnisse basieren auf einem Telefongespräch mit Herrn Prof. Dr. Dr. Dr. Wassilios Fthenakis am 29.01.03.
5
institutionelle Orientierung in Hinblick auf die Ehe überließ die Entscheidung über die Partnerwahl nicht allein den Betroffenen: Eltern, Heiratsvermittler, der Staat, die Kirchen und andere hatten dabei ein gewichtiges, wenn nicht sogar entscheidendes Wort mitzureden. Das gemeinsame an beiden Modellen war eine gut funktionierende, starke rechtliche und soziale Kontrolle von Ehe und Familie. Folglich waren die Scheidungsraten gering.
Nach dem ersten u nd vor allem dem zweiten Weltkrieg, als die gesellschaftlichen Systeme zusammenbrachen, wurde die Frage aufgeworfen, welchen Zielen die Familie nunmehr dienen sollte. Hinzu kamen Veränderungen sowohl im sozialen Bereich als auch in den Partnerschaftskonzepten von Mann und Frau, die zu einer radikalen Veränderung bezüglich der Motivation zur Eheschließung geführt h aben: nicht mehr primär ökonomische oder sozial - normative Gründe, sondern psychologische Faktoren waren nunmehr für eine Familiengründung entscheidend. Man heiratete, um ein Kind zu bekommen, dass Mutter und Vater Freude bereiten und ihrem Leben einen Sinn geben sollte. Dieses kindzentrierte Modell mit sinnstiftendem Charakter war das dominante Modell der Nachkriegszeit. Das gemeinsame an allen drei Modellen war, dass sie sich auf die eine oder andere Weise sozial konstruieren ließen. Gerade bei dem kindzentrierten Modell hat die Gesellschaft den Eltern vermittelt, wie ein guter Vater und wie eine gute Mutter zu sein hat. Über die soziale Konstruktion von Elternrollen konnten die Gesellschaft und der Staat somit direkten Einfluss auf die Familie gewinnen. Seit geraumer Zeit haben sich die Motive für eine Eheschließung grundlegend geändert. Das Kind steht nicht mehr im Mittelpunkt der Motivation. V ielmehr wird eine Maximierung des individuellen Glücks in einer auf Dauer angelegten, qualitativ hochwertigen Beziehung angestrebt. Soziologen sprechen von Intimität in der Beziehung. Das neue in diesem Modell besteht darin, dass Intimität oder Maximierung des individuellen Glücks in einer Beziehung subjektiv bestimmbare Größen sind. Sie stellen in der Regel das Ergebnis eines Aushandlungsprozesses zwischen den beiden Partnern dar. Ein solcher Prozess wird mangels Vorbildern auch kaum sozial konstruiert werden können. Damit entzieht sich dieses Modell der sozialen Kontrolle wie kein anderes zuvor. Dass eine solche Form des Z usammenlebens weniger institutionalisiert und leichter aufgelöst werden kann als frühere Modelle, liegt auf der Hand.
Wenn sich diese Entwicklung fortsetzt wie bisher, resultiert daraus die Gefahr, eine „posteheliche“ Gesellschaft zu etablieren, in der traditionelle Werte gegenüber der Gemeinschaft und Verantwortung für andere Personen zunehmend verdrängt werden durch Betonung von Werten der Selbstbestimmung und dem Vorrang von persönlichem Glück.
6
Der Trend zu mehr Scheidungen wird sich nach Ansicht des Sozialrichters Jürgen Borchert auch fortsetzen, weil die Familien einem immer stärkeren finanziellen Druck ausgesetzt sind: „Geldsorgen bringen Partnerschaftsstress, der dann oft zur Scheidung führt.“
Heute verbreitet sich zunehmend ein neues Familienmodell, dessen Hauptcharakteristiken darin bestehen, dass es schwächere Zusammenhänge zwischen Sex, Ehe und Geburt, eine instabilere eheliche Beziehung, eine schwächere Verbindung zwischen Kindern und ihren Vätern, eine stärkere individualistische Orientierung seitens beider Partner und einen häufigen Wechsel in den Beziehungen impliziert. Auch wenn nicht übersehen werden soll, dass die aktuelle Situation mit dem Vorteil verknüpft ist, leichter als dies bei früheren Generationen der Fall war, aus einer unglücklichen Ehe auszutreten und eine individuelle Freiheit verbunden mit persönlichem Zuwachs wiedergewinnen zu können, so sind doch die Konsequenzen in Abhängigkeit von der Perspektive des jeweiligen Betrachters unterschiedlich. Das gegenwärtig bei Partnerbeziehungen vorherrschende Muster der seriellen Monogamie kann vielleicht die Bedürfnisse mancher Erwachsener besser b efriedigen als eine lebenslange erzwungene Ehe, es ist jedoch unwahrscheinlich, dass es den Bedürfnissen von Kindern am besten entspricht. Vielmehr legt dieses Muster die Grundlagen für die soziale Beständigkeit ehelicher Instabilität und anhaltend hoher Scheidungsraten.
Einige Ursachen für den Anstieg der Scheidungsraten in diesem Jahrhundert müssen aber auch auf der gesamtgesellschaftlichen Ebene gesucht werden. Mit der fortschreitenden Verstädterung und Industrialisierung ging ein tiefgreifender Wer-tewandel und eine „Pluralisierung 7 “ der Lebensformen einher. Ehescheidung ist offenkundig unter bestimmten gesellschaftlichen Verhältnissen und bis zu einem bestimmten Sättigungsgrad ein sich selbst verstärkter Prozess. Einer dieser durch positive Rückkoppelung gesteuerten Regelkreise ist laut Heekerens 8 folgender: „In dem Maße, in dem Ehescheidung sich ausbreitet, und zwar auch in der Mittel-und Oberschicht, wird sie „gesellschaftsfähig“, sinkt die soziale Ächtung. Dies wiederum bewirkt einen enthemmenden Effekt, der die Scheidungsquote erhöht.“
7 „Pluralisierung“ meint im eigentlichen Sinne des Wortes ,,Plural" gleich ,,Mehrzahl", dass es zu einer Zunahme von familialen oder außerfamilialen Formen, entgegen der ,,Normalfamilie" mit
,klassischer" Arbeitsteilung, kommt. Diese Zunahme folgt den neuen ökonomischen und de-mographischen Notwendigkeiten. Verlängerte Lebenszeiten und eine schwierige Arbeits-marktsituation führen zu der Freisetzung von industriegesellschaftlichen Männer- und Frauen-
rollen. Die These von der Individualisierung und Pluralisierung familialer Lebensformen meint
also, dass es aufgrund der ökonomischen Notwendigkeiten einer Gesellschaft, die sich durch
Modernisierungsschübe einstellen, zu einer Zunahme von individuellen Lebensformen kommt,
die jenseits der ,,traditionellen" Rollenvorstellungen liegen.
8 Heekerens, H.-P.; Das erhöhte Risiko der Ehescheidung. Zur intergenerationalen Scheidungs-Tradierung. Zeitschrift für Soziologie, 16, S. 190-203, 1987.
7
Hinzu kommt im besonderen: Die traditionelle Rollenzuweisung ist für die Frauen immer weniger richtungsweisend. An deren Stelle ist in wachsendem Maße die Erwerbstätigkeit auf der Basis einer zunehmenden Teilhabe von Frauen an einer qualifizierten Schul- und Berufsausbildung getreten. Kindererziehung hat sich für Frauen von einem zentralen Lebensziel zu einem zeitlich begrenzten Lebensabschnitt gewandelt.
Die gestärkte Position der Frauen auf dem Arbeitsmarkt sichert die ökonomische Unabhängigkeit vom Mann und ermöglicht den Frauen, außerdem einen eigenständigen sozialen Status. Familie ist nicht mehr die traditionelle Wirtschafts- und Solidargemeinschaft, die sie in frühen Jahrhunderten war. Durch die Trennung von Berufs- und Privatsphäre w andelte sich die Familie zum zentralen emotionalen und sozialen Bezugspunkt ihrer Mitglieder, wurde die emotionale Komponente besonders gewichtig. 9
Diese funktionelle Beschränkung wird von den Ehepartnern mit gestiegenen psychischen Anforderungen an die E he und erhöhten affektiv - emotionalen Ansprüchen an den Ehepartner in Verbindung gebracht. Dies wird tendenziell als besondere Gefährdung und Destabilisierung der Ehe erfahren. Somit sind die innerfamiliären Bindungen weniger als früher durch die Berufstätigkeit und die existentielle Absicherung durch den Mann bestimmend, dafür jedoch die Bedürfnisse der Selbstrealisierung der Frau und die Qualität des Familienlebens selbst an Bedeutung gewonnen haben und vermehrt darüber entscheiden, ob eine Familie bestehen bleibt oder nicht. 10
2.2 Aktuelle statistische Daten zur Scheidungssituation in
Deutschland
Die Scheidungsflut in Deutschland hat im vergangenen Jahr eine neue Rekordmarke erreicht: Rund 197.500 verheiratete Paare trennten sich, teilte das Statistische Bundesamt in Wiesbaden mit. Das sind 1,6 % mehr als im Jahr 2000. Damit stieg die Zahl der Ehescheidungen seit 1993 - mit Ausnahme des Jahres 1999 - kontinuierlich an und erreichte 2001 einen neuen Höchststand. Bei der Hälfte der Scheidungen waren minderjährige Kinder betroffen - insgesamt 153.500. Auch das ist ein Zuwachs von in diesem Fall 3,6 % gegenüber 2000. Eine positive Entwicklung zeigt sich jedoch beim Ablauf der Trennungen:
9 Vgl. Heekerens, H.-P.; Das erhöhte Risiko der Ehescheidung. Zur intergenerationalen Scheidungs-Tradierung. Zeitschrift für Soziologie, 16, S. 190-203, 1987.
10 Ebenda.
8
Arbeit zitieren:
Anja Liebenthal, 2003, Entwicklungschancen und Risiken von Kindern in der Auflösungsphase der ehelichen Beziehung aus sozialwissenschaftlicher und juristischer Sicht, München, GRIN Verlag GmbH
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DOI
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Amy
scheidungskinder.
was gibt es für positive folgen???????????????
danke vg Amy
am Wednesday, October 15, 2008-