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Inhalt
1. Fragestellung
2. Auf der Suche nach Wirklichkeit
3. Von der Schöpfung zum Schöpfer: Der Mensch in der modernen Wissenschaft und
Technik
4. Die Abschaffung der Herrschaft durch die Technik
5. Technik als Machtinstrument
1. Fragestellung
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Die Arbeitsgesellschaft scheint ausgedient zu haben. Durch Automatisierung und technisch
- wissenschaftliche Rationalisierung wird eine Vollbeschäftigung nach althergebrachtem Muster zur Illusion, die nur noch in den Wahlkampagnen als Schlagwort benutzt wird. Die Arbeitslosenzahlen geben Auskunft über den wirklichen Zustand. Prognosen behaupten, daß bei einer Arbeitsverteilung nach heutigem Muster zukünftig nur noch etwa zwanzig Prozent der Arbeitsfähigen Beschäftigung finden werden.
Hier sollen verschiedene Analysen der Technikentwicklung herangezogen werden, um sie daraufhin zu befragen, welche Möglichkeiten sie für eine neue Verteilung von Arbeit bzw. die Möglichkeit eines Rechts auf Faulheit, wie es Paul Lafargue 1883 forderte, eröffnen. 1 Lafargue stellt sich in genanntem Text gegen diejenigen Kräfte in der Arbeiterbewegung, die meinen, es müsse erst eine bestimmte Stufe der technisch - wissenschaftlichen Entwicklung abgewartet werden, damit sich die Arbeiter von den Mühen der Fabrik befreien können. Erst wenn durch Disziplin und kapitalistische Rationalisierung eine höhere Stufe der Produktivität erreicht sei, könne man demnach dazu übergehen, die Arbeitszeiten zu verkürzen und Arbeitsbedingungen zu erleichtern, also der Faulheit einen Platz einräumen. Dagegen stellt sich Lafargue, indem er die herrschenden entfremdeten Arbeitsbedingungen verantwortlich macht für die körperliche und geistige Verkrüppelung der Arbeiter. Diese müßten ein Bewußtsein von der Möglichkeit der Faulheit gewinnen, bevor sie in den Zwängen in der Fabrik soweit vom Arbeitswahn befallen würden, daß sie sich gar keine sinnvolle Gestaltung ihrer Zeit ohne Arbeit mehr vorstellen könnten. Faulheit bedeutet für Lafargue nämlich nicht ein Herumsitzen in Langeweile und Lethargie. Vielmehr orientiert er sich an der Antike und der Renaissance, wo Freiheit von Arbeit Feiern, Kultur und politische Betätigung bedeuteten. Anhand der Technikanalyse von Helmut Schelsky, der verschiedene andere Analysen gegenübergestellt werden, soll hier gefragt werden ob und wie ein solches Recht auf Faulheit möglich sein könnte.
2. Auf der Suche nach Wirklichkeit
Im ersten Abschnitt seines Textes “Der Mensch in der wissenschaftlichen Zivilisation” 2 legt Helmut Schelsky die Methode seines Vortrages dar: Die Erscheinungen und
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Auswirkungen moderner Wissenschaft und Technik sollen nicht in ein vorhandenes Theoriegebäude eingeordnet werden. Da sich nach Schelskys Meinung durch Wissenschaft und Technik das Handeln und Denken des Menschen grundlegend ändern, wäre das auch gar nicht möglich. Deshalb will er “von sehr verschiedenartigen konkreten Tatbeständen ausgehen und nach ihrer anthropologischen Grundbedeutung fragen” 3 . Hier bewegt er sich in seiner persönlichen Vorstellung von emp irischer Sozialwissenschaft, die er nach dem Ende des zweiten Weltkrieges entwickelte. Er will den Tatsachen auf die Spur kommen, bevor sie durch Abstraktionen und Verallgemeinerungen in ein Theoriegebäude eingebaut wurden, da die Allgemeinheit der Philosophie, die jedes Handeln durch eine Ideengeschichte als gerechtfertigt erscheinen ließ, den Blick auf die Realität verstelle. Das gehört sicherlich auch zu seiner Aufarbeitung der nationalsozialistischen Diktatur, in der humanistisch gebildete Deutsche jegliche Freiheit in einem System von Organisationen begruben, um dann unter der Fahne ihrer Ideologie den größten Massenmord der Menschheitsgeschichte zu begehen. Er befindet sich dabei in einer Reihe mit vielen anderen Sozialwissenschaftlern, die nach dem Krieg - sicherlich auch unter Einfluß der US-amerikanischen Wissenschaften - versuchten in Deutschland eine empirische Sozialwissenschaft zu begründen. Martin Heidegger ging hierbei noch einen Schritt weiter, indem er nicht nur vorangegangene Theoriemodelle verwarf, sondern sich anschickte, eine völlig neue Terminologie für die Sozial- und Geisteswissenschaften zu entwerfen. Die Sprache war geschichtlich besetzt und durch die Diktaturen hindurchgegangen, konnte also in ihrer bestehende Form angewandt, nichts mehr ausdrücken, ohne sogleich zur Ideologie zu verkommen. Die Sozialwissenschaftler dieser Zeit befanden sich also auf der “Suche nach Wirklichkeit”, die vom Eindringen der Ideologien in die Philosophie zerstört worden war.
Als weiteres Problem - dem die geschilderte Methode zugute kommen könne - gibt Schelsky an, daß es bei den Auswirkungen von Technik und Wissenschaft auf den Menschen um ein Thema geht, das in der Konkretheit der Erfahrungswelt jedem einzelnen bekannt ist, aber selten systematisch auf seine Folgen hin durchdacht wird. Die Technik dringt mit einer ungeheuren Geschwindigkeit in alle Lebensbereiche des Menschen ein und verändert dessen Denken und Handeln. Der Mensch gewinnt ein völlig neues Verhältnis
1 Paul Lafargue: Das Recht auf Faulheit, Frankfurt am Main 1966
2 Vortrag, gehalten vor der Arbeitsgemeinschaft für Forschung des Landes Nordrhein-Westfalen, zitiert aus:
Helmut Schelsky: Auf der Suche nach Wirklichkeit, Gesammelte Aufsätze, Düsseldorf - Köln 1965, S. 439-
480
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zur Welt: Bspw. bedeuten Krankheit und T od nicht mehr ein unvermeidliches Naturereignis, sondern die Naturkrankheiten werden von den Zivilisationskrankheiten abgelöst und der Tod durch die Apparatemedizin bis zum letztmöglichen Zeitpunkt hinausgezögert. Dadurch erscheinen Krankheit und Tod als ein technischer Unglücksfall, das Verhältnis des Menschen zu grundlegenden Bestandteilen seines Lebens hat sich grundsätzlich geändert.
Diese Veränderung im Bezug auf die Technikentwicklung spricht Max Weber bereits in seinem Vortrag “Wissenschaft als Beruf” von 1919 an. 4 Dort führt er aus, daß die zunehmende Technisierung und Verwissenschaftlichung der Welt nicht bedeute, daß der Einzelne besser über seine Lebensumstände bescheidwisse. Der Indianer habe über seine Werkzeuge weit bessere Kenntnisse als der zivilisierte Mensch, der beispielsweise wenig über die Funktionsweise der Straßenbahn weiß, die er jeden Tag benutzt. Die Verwissenschaftlichung bedeute vielmehr “das Wissen davon oder den Glauben daran: daß man, wenn man nur wollte, es jederzeit erfahren könnte, daß es also prinzipiell keine unberechenbaren Mächte gebe, die da hineinspielen, daß man vielmehr die Dinge - im Prinzip - durch Berechnen beherrschen könne. Das aber bedeutet: die Entzauberung der Welt.” 5
Arnold Gehlen hat darauf hingewiesen, daß dies für den Einzelnen so nicht gilt: Die Wissenschaften haben sich längst so spezialisiert, daß es nicht mehr jedem möglich ist, sich technische Zusammenhänge außerhalb eines eng begrenzten Spezialgebietes anzueignen. Das beste Beispiel dafür ist die in letzter Zeit geführte Debatte um das “Jahr -2000 - Problem”: Durch eine Reduzierung der Jahreszahlen in älteren Computerprogrammen auf die letzten beiden Stellen a us Gründen der Speicherplatzersparnis werden im Jahr 2000 Probleme entstehen, da die entsprechenden Programme beim Jahreswechsel auf 00 umspringen, was dem Jahr 1900 gleichkäme und zu Fehlberechnungen führen wird. Es wurde deshalb versucht, die alten Programme umzuschreiben. Dabei stellte sich heraus, daß hochspezialisierte Programmierer die Programmiersprachen dieser Programme, die vor 20 bis 30 Jahren geschrieben wurden, bereits nicht mehr verstanden. Hier zeigt sich im Extremfall deutlich, was Gehlen meint,
3 a.a.O. S. 440
4 in: Max Weber: Schriften zur Wissenschaftslehre, Stuttgart 1991, S.237-273
5 a.a.O. S.250
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wenn er von Abbau der Anschaulichkeit, Unmittelbarkeit und unproblematischer Zugänglichkeit in Wissenschaften und Künsten schreibt. 6 Es wird auch deutlich, daß Webers Entzauberung der Welt nicht das Wissen von der grundsätzlichen Erfahrbarkeit der Welt ausmachte, sondern, daß es der Glauben an diese Möglichkeit war. Die Wissenschaft diente als Religionsersatz, eine Rolle, die sie durch die allgemeine Erkenntnis ihrer Undurchdringlichkeit für den Einzelnen nicht mehr übernehmen konnte, New Age und Esotherik u.a. entstanden als moderne Religionen des 20. Jahrhunderts, nachdem die “Religion” des 19. Jahrhunderts - die Wissenschaft - als solche ausgedient hatte. Max Weber bezieht sich im gena nnten Vortrag im Folgenden auf Lew Tolstoi, der in seinen Romanen und philosophischen Traktaten immer wieder das Thema des Todes behandelte und zu dem Schluß kam, daß der technischwissenschaftliche Fortschritt den Tod für den Kulturmenschen zu einem sinnlosen Ereignis mache.
Die Diagnose Schelskys ist also bereits einige Jahrzehnte vor seinem Vortrag gemacht worden. Was für ihn das existentiell Neue an der Technikentwicklung ausmacht, wird bereits bei den nachfolgend von Schelsky genannten Problemen deutlicher. Er fragt nach der Bedeutung für die menschliche Gesellschaft und das Verhältnis von Mensch und Welt von Geburtenkontrolle, der Entstehung von Kunstprodukten, die kein Vorbild in der Natur haben, der entstehenden Abhängigkeit des Menschen von hochorganisierten Produktionsapparaten, der Entfremdung von der Natur, die als Lebensraum von der Stadt abgelöst wird und von nun an als Luxus, dem man sich an den Wochenenden hingibt, betrachtet wird. Auch das in der Darstellung von Gehlen bereits vorgestellte Problem spricht er an, nämlich daß sich durch das Spezialistentum, die Ablösung der Erfahrung durch von Medien vermittelte Informationen der Einzelne nur noch schwer ein Bild von politischen Vorgängen machen kann. Auch der Politiker unterliegt dieser Entwicklung des Eindringens der Technik in die Organisation der Gesellschaft. Es werden “Humantechniken” angewandt, die von Spezialisten kontrolliert, bestimmte Haltungen und Stimmungen in der Bevölkerung erzeugen sollen. Politische Entscheidungen werden “mehr und mehr Deduktionen aus technisch aufbereiteten Daten”. 7 Besonders prekär wird diese
6 Arnold Gehlen: Die Seele im technischen Zeitalter, Hamburg 1957
7 Schelsky 1965, S.442
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Tendenz, wenn durch die Meinungsforschung Stimmungen aufgefangen werden, zu Schlagworten verarbeitet und für die Wahlkampagnen der Parteien benutzt werden.
3. Von der Schöpfung zum Schöpfer: Der Mensch in der modernen Wissenschaft und Technik
Für diese Erscheinungen der modernen Technikentwicklung und ihre Auswirkungen auf die Gesellschaft will Schelsky versuchen, einen “Hauptnenner” zu finden, der Voraussagen über die möglichen Konsequenzen ermöglichen kann.
Zunächst unterscheidet er dazu die traditionelle Realtechnik, die mit Werkzeugen in die Außenwelt eingreift, um sie nach den Bedürfnissen des Menschen zu verändern. Diese Technik wird aber jetzt in ihren Anwendungsgebieten universeller, beschränkt sich also nicht mehr nur auf das Verändern der natürlichen Gegebenheiten, sondern greift auch auf die Organisation der menschlichen Gesellschaft und das Innenleben des Menschen zurück. Die dadurch entstehende neue Form der Universaltechnik bildet sich in Geistes- und Sozialwissenschaften sowie den Rechtswissenschaften als Organisationstechnik. Psychologie, Psychiatrie, Publizistik, Pädagogik und Meinungsforschung greifen in das Innenleben des Menschen ein. Sie werden in Form einer nichtwerkzeughaften Realtechnik betrieben, haben sich also den Formen der modernen Güterproduktion angepaßt. Der Mensch wird demnach als technischer Organismus betrachtet, der nach bestimmten Zielsetzungen verändert werden kann. Das läßt sich mit der Entwicklung der modernen Psychologie veranschaulichen, in der die klinische Psychologie und Neuropychologie einen immer höheren Stellenwert gewinnen. Der Eingang von Begriffen wie “Speicherkapazität” in die Lernpsyc hologie oder “Selbstmanagement” in der Organisationspsychologie verdeutlichen, daß die Merkmale, die Schelsky für die moderne Technik ausmacht, auch in den Humanwissenschaften Einzug genommen haben. Schelsky prägt deshalb den Begriff der Humantechniken. Si e folgen wie die Produktionstechniken auch den Prinzipien der modernen Technik, die für Schelsky darin bestehen, daß sie ihren Gegenstand - sei es das Atom in der Physik oder die menschlichen Handlungen in den Humanwissenschaften - in seine letzten in der Natur nicht mehr vorhandenen Elemente
8
zerlegen, um sie dann nach dem Prinzip der höchsten Wirksamkeit wieder zu synthetisieren.
Dadurch werden die bisherigen anthropologischen Bestimmungen der Technik hinfällig: Sie ist eben nicht mehr nur der Ausgleich von Mängeln des menschlichen Wesens wie bei Gehlen. Dort werden die Defizite gegenüber andern Lebewesen, etwa das Fehlen von Schwimmhäuten oder Flügeln durch technisch - wissenschaftliche Erfindungen ausgeglichen. 8 Der Mensch ist aber durch die Entwicklung seines Gehirns zum “Überschußwesen” geworden und greift nicht mehr nur verändernd in die Natur ein, sondern betätigt sich als Schöpfer von Gegenständen und Organisationen, die nicht mehr nur “künstliche Natur” sind, sondern völlig neue Sachverhalte und ein neues Verhältnis von Mensch und Natur schaffen. Diese neuen Sachverhalte verlangen auch eine Umformung des Menschen.
So wird durch die Automation ein Mensch verlangt, der sich schnell auf vorgegebene Arbeitsabläufe einstellen und diese mit hoher Präzision verrichten kann. Dieser Mensch muß mit Hilfe von Ausbildung und Einarbeitung erst geschaffen werden. Auch das Prinzip der höchsten Wirksamkeit findet sich hier wieder: Es werden auch neue Techniken zur Motivation gebraucht. Die Angestellten oder Arbeiter sollen durch das Herstellen einer Identität mit “ihrem Unternehmen” und ihren Mitarbeiter (“corporate identity”) und neue Formen der Teamarbeit zu höheren Leistungen angehalten werden. Hier funktionieren die Sozialwissenschaften als Humantechnik. Deren Technisierung im Sinne der Realtechnik wird an dem Beispiel deutlich, daß Fabrikarbeiter während der Arbeit mit regelmäßigen Lichtblitzen beschossen werden, weil die Ergebnisse der medizinischen Psychologie gezeigt haben, daß der Lichtimpuls die psychische und physische Leistungsfähigkeit des Menschen erhöhen kann. “Der Mensch löst sich vom Naturzwang ab, um sich seinem eigenen Produktionszwang wiederum zu unterwerfen.” 9 Was Lafargue befürchtete wäre demnach schon eingetreten: Der Mensch hat sich soweit von der Technik abhängig gemacht, daß die Arbeit der unveränderliche Normalzustand würde. Faulheit müßte als Abweichen von dieser Norm betrachtet werden, die durch die Humantechniken “behoben” wird, der Faule würde von Psychologie oder gar Psychiatrie wieder in die Arbeitsgesellschaft eingegliedert und mit Hilfe der betriebswirtschaftlichen Techniken aus
8 vgl. Gehlen 1957
9 Schelsky 1965, S.449
9
Organisationswissenschaft, Soziologie und Medizin zu Höchstleistungen am Arbeitsplatz gebracht.
4. Die Abschaffung der Herrschaft durch die Technik
Da sich die Technik nicht mehr auf bestimmte Ziele hin gerichtet entwickelt, sondern wissenschaftlich - technische Entdeckungen gemacht und Verfahren entwickelt werden, die erst später in bestimmte Erfindungen und Anwendungen übernommen werden, ist der Prozeß der Technikentwicklung nicht planbar. Und da auch die Sozialwissenschaften von dieser Entwicklung abhängen und durch die Humantechniken involviert sind, kann auch die Entwicklung der menschlichen “Selbstschöpfung” nicht bewußt entworfen werden. Die Technik drängt dem Menschen ihre Sachgesetzlichkeiten auf, man könne aber nicht sagen, daß die Technik den Menschen beherrscht, da letztlich immer noch der Mensch ihr Schöpfer ist, der sich nicht ganz aus dem Schöpfungsprozeß zurückziehen kann, ohne ihn zu beenden.
Auf diese Situation gibt es laut Schelsky nur zwei mögliche Reaktionsweisen. Erstens die historische Sicht, die zwangsweise pessimistisch wird, da sie die Neukonstruktion des Menschen als Ende von Kultur und Zivilisation sehen muß und zweitens die Technikfaszination, die jeden historischen “Ballast” abwirft und sich ohne wenn und aber dem Fortschrittsglauben hingibt.
Durch die wissenschaftliche - technische Entwicklung, behauptet nun Schelsky, verliere die Herrschaft von Personen über Personen ihre Bedeutung. Die Politik, die Ordnungen und Satzungen werden jetzt vielmehr von Sachzwängen bestimmt, die sich nicht mehr als Gesinnungs- und Weltanschauungsnormen verstehen lassen. “Damit verliert auch die Idee der Demokratie sozusagen ihre klassische Substanz: an die Stelle eines politischen Volkswillens tritt die Sachgesetzlichkeit, die der Mensch als Wissenschaft und Arbeit selbst produziert.” 10 Auf diese Stelle bezieht sich Jürgen Habermas in seinem Aufsatz “Technischer Fortschritt und soziale Lebenswelt” 11 . Er widerspricht Schelsky hier wie
10 Schelsky 1965, S.453
11 in: Jürgen Habermas: Technik und Wissenschaft als ‘Ideologie’, Frankfurt 1968, S. 104 -119
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folgt: “Es liegt auf der Hand, daß die These von der Eigengesetzlichkeit des technischen Fortschritts nicht stimmt. Die Richtung des technischen Fortschritts hängt heute in großem Maße von öffentlichen Investitionen ab: in den USA sind das Verteidigungsministerium und die Raumfahrtbehörde die beiden größten Auftraggeber der Forschung. Ich vermute, daß in der Sowjetunion die Lage ähnlich ist.” 12 Offensichtlich übersieht Habermas hier großzügig, was Schelsky im Folgenden über die Rolle des Staates bei der Technikentwicklung ausführt: Daß nämlich der Staat zwangsläufig “technischer Staat” werde, und zwar aus drei Gründen. Erstens weil die Technik und ihre Beherrschung Machtmittel werden. Deshalb kann der Staat bei dieser Entwicklung nicht hintenanstehen, um die Entstehung von Nebenherrschaften und Herrschaftskonkurrenzen zu verhindern. Dies führte zu Zeiten Schelskys zur Verstaatlichung der wichtigen Industrien. Aber auch die Humantechniken unterlagen dieser Tendenz, etwa in Form von staatlich organisierter Bildung und staatlichen Rundfunkanstalten. Zweitens erfordert die Technik einen finanziellen Aufwand, den Privatunternehmen nicht mehr leisten können. Drittens muß der Staat das innere Funktionieren der Gesellschaft absichern, wobei er auf die Beherrschung der in alle Lebensbereiche eingreifenden Technik nicht verzichten kann. Die Tendenz der Verstaatlichung der wichtigen technischen Zweige scheint sich in letzter Zeit umgekehrt zu haben: Verkehrsbetriebe, Atomindustrie, Telekommunikation, Strom-und Wasserversorger und Rundfunkanstalten, also die wichtigen Bereiche der gesellschaftlichen Infrastruktur werden privatisiert. Hans-Jürgen Michalski zeigt allerdings am Beispiel des deutschen Telekommunikationsmarktes, daß der Staat sehr wohl seine Hand auf den wichtigen technischen Entscheidungen behält: Die staatliche Regulierungsbehörde überprüft Preisvereinbarungen und regelt technische Normen. Die Privatisierung wird lediglich zur “Inszenierung von Wettbewerb”, die technischen Effizienzkriterien Rechnung trägt. 13 Auf diesem Hintergrund läßt sich meiner Meinung nach die These von der Entstehung des technischen Staates von Schelsky aufrechterhalten. Hinzu kommt ein weiterer Aspekt: Schelsky spricht den Abschuß des ersten Satelliten ins Weltall durch die SU an. Der Staat muß, um die wissenschaftlich technische Machtstellung des Landes in der Welt zu sichern, die Technikentwicklung vorantreiben, “das
12 a.a.O. S.116
13 Hans-Jürgen Michals ki: Die Inszenierung von Wettbewerb, Die Liberalisierung des deutschen
Telekommunikationsmarktes: Probleme, Auswirkungen, Perspektiven und Kritik der Regulierung; in: WSI
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‘imperialistische’ Wettrennen zur Beherrschung der wissenschaftlichen Zivilisation ist längst im Gange, es ist im Gegensatz zum nationalstaatlichen Imperialismus nicht raumextensiv, sondern entscheidet sich in der wissenschaftlich - technischen Leistungsintensität.” 14 Die oben aufgeführten Einwände Habermas’ werden also noch im von ihm kritisierten Text Schelskys entkräftet.
Die Entscheidungsspielräume der Politik sind durch die Sachgesetzlichkeiten der Technik so stark eingeschränkt, daß Schelsky von einer “fiktiven Entscheidungstätigkeit der Politiker im technischen Staat” spricht. Deshalb würde es auch keine Herrschaft der Techniker und Spezialisten geben, die Eigendynamik der Technikentwicklung lasse dafür keine Spielräume. Politische Entscheidungen könnten also eine Umgestaltung der Arbeitswelt wie sie sich Lafargue vorstellt gar nicht herbeiführen. Im Gegenteil: Die Technikentwicklung würde zwangsläufig die Subjektivität des Menschen auflösen. In einer Welt aus Glas und Metall bestünde seine einzige Freiheit in der sinnlosen Revolte, die gut mütig belächelt und ohne weiteres von den Humantechniken umgekippt würde. Ein solcher Mensch müßte geradezu beschäftigt werden, sei es mit Arbeit oder mittels einer technisierten Freizeitindustrie.
Allerdings ist sich Schelsky sicher, daß sich gegen diese unvermeidbare Entwicklung eine Gegenbewegung bilden wird. Dem subjektlosen Wesen des Menschen in der wissenschaftlich - technischen Zivilisation werde ein “Mythos Mensch” gegenübergestellt werden, der sich gegen die gleichmachenden Tendenzen der technischen Dynamik wehre. Eine solche Haltung müßte natürlich den Fortschrittsgedanken als nutzlos verwerfen, um nicht von der technischen Entwicklung überrollt zu werden. Faulheit wäre also nur über einen kollektiven Nihilismus möglich.
5. Technik als Machtinstrument
Foucault und Gorz beschreiben Technik als Machtinstrument, Gorz von Marx aus, Foucault von Kant.
Mitteilungen, Monatszeitschrift des Wirtschafts - und Sozialwissenschaftlichen Instituts in der Hans-Böckler-
Stiftung, Heft 5/1999, S. 338-348
12
Foucault beginnt seinen Vortrag “Was ist Kritik?” damit, daß es seit dem 15. Jahrhundert eine bestimmte Haltung der Kritik entwickelte “eine bestimmte Art zu denken, zu sagen, zu handeln auch, ein bestimmtes Verhältnis zu dem ,was existiert, zu dem, was man weiß, zu dem was man macht, ein Verhältnis zur Gesellschaft, zur Kultur, ein Verhältnis zu den andren”. 15 Diese Haltung der Kritik wollte nicht nur nützlich sein, sondern wurde noch von einem “allgemeineren Imperativ” getragen. Es gab in der Kritik etwas, was sich mit der Tugend verschwägerte.
Die Heilslehre christlichen Kirche war immer verbunden mit dem Glauben, daß es einen Heilsbringer gebe, der die Individuen in einem strengen Gehorsamsverhältnis zu ihrem Glück leitete. Diese Lenkung zum Heil entwickelte ein dreifaches Verhältnis zur Wahrheit. Einmal Wahrheit verstanden als Dogma, der Heilsbringer, die Kirche hatte in ihrer Bibelinterpretation die Wahrheit bereits gefunden. Zweitens mußten die Individuen, um sie lenken zu können vorher erkannt werden. Außerdem wurde die Lenkung zu einer reflektierten Technik, die Regeln, Erkenntnisse und Vorschriften enthielt. In der Kirche fand sich also der Ursprung der Regierungstechnik, die nach Foucault ab dem 15. Jahrhundert eine Explosion vollführte. Sie trat nämlich aus dem religiösen Bereich heraus in die zivile Gesellschaft und weitete sich dort auf die verschiedensten Bereiche aus: wie regiert man Kinder, die Armen, ein Heer, eine Familie, Gruppen, Städte, Staaten, den eigenen Körper und den Geist usw. Daraufhin entwickelten sich die verschiedenen Regierungskünste, Pädagogik, Politik, Ökonomie. Zusammen mit dieser Explosion der Regierungstechnik entstand aber auch die Frage “wie wird man nicht regiert?” oder wenigstens die Frage “Wie wird man nicht mit diesen bestimmten Mitteln oder von diesen bestimmten Personen regiert?”. 16
Dadurch stellte sich der Regierungskunst die anfangs beschriebene kritische Haltung als Gegenstück gegenüber. Durch den geistlichen Ursprung der Regierungskunst, mußte auch die Gegenbewegung aus diesem Bereich kommen, die ersten kritischen Haltungen versuchten deshalb die Bibel neu zu interpretieren, Dogmen und letztlich die ganze Heilige Schrift infrage zu stellen. Ein zweiter Weg war dann, der Regierung “universale und unverjährbare Rechte entgegenzusetzen”: Das Naturrecht. Nicht regiert werden zu wollen
14 Schelsky 1965, S.455
15 Michel Foucault: Was ist Kritik?, Berlin 1992
13
hieß schließlich n och: Die Autorität nicht anzuerkennen. Und wenn die Kritik diese Autoritäten, die sich auf die Wahrheit beriefen nicht anerkennen wollte, dann mußte sie die “Wahrheit auf ihre Machteffekte hin befragen und die Macht auf ihre Wahrheitsdiskurse hin.” Kritik würde dann die “Kunst der freiwilligen Unknechtschaft, der reflektierten Unfügsamkeit.” 17
Diese Definition war nicht weit entfernt von Kants Begriff der Aufklärung: Die Menschheit wurde autoritär in Unmündigkeit gehalten und verliere dadurch die Fähigkeit selbständig zu denken. Der regierenden Autorität stand nach Kant ein Mangel an Mut und Entschlossenheit gegenüber. Es gab also soetwas wie einen autoritären Charakter, der den Menschen in Unmündigkeit hielt. Die Befreiung von diesem Zustand, die Aufklärung Kants war also das was Foucault als Kritik definiert hatte.
Im 19. Jahrhundert wurde Kants Haltung konkretisiert, nämlich in der positivistischen Wissenschaft, der Rationalisierung von staatlichem System, Wirtschaft und Gesellschaft und der Entstehung einer Staatswissenschaft. Herrschaft wurde immer mehr bestimmt durch die Anwendung raffinierter Techniken. Bei den Intellektuellen kam der Verdacht auf, “daß etwas in der Rationalisierung und vielleicht gar in der Vernunft selbst für den Machtexzeß verantwortlich ist”. Wissen konnte als solches gar nicht auftreten, wenn es nicht bestimmte Regeln und Zwänge beachtete. Die modernen Wissenschaften entwickelten sich zu einem hochformalen Normensystem, das sich in Spezialgebiete und einzelne Wissenschaftskommunities aufsprengte und nur noch von den entsprechenden Spezialisten durchschaut wurde. Solches Geheimwissen wurde natürlich besonders anfällig für Macht und Machtmißbrauch, Korruption und Betrug. Wissen produzierte Machtfaktoren.
Für Foucault ist dies aber keine eigendynamische Entwicklung wie bei Schelsky, denn er fragt danach, was den Menschen bestimmte Machtmechanismen akzeptieren läßt. “Die Akzeptabilitätsbedingungen eines Systems herausarbeiten und die Bruchlinien seines Auftauchens zu verfolgen - das sind die beiden korrelativen Operationen. Es verstand sich keineswegs von selbst, daß der Wahnsinn und die Geisteskrankheit sich im institutionellen und wissenschaftlichen System der Psychiatrie überlagern; es war auch nicht vorgegeben, 16 a.a.O. S.11f
17 a.a.O. S. 15
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daß die Strafverfahren, die Einsperrung und die Besserungsdisziplin sich in einem Strafjustizsystem zusammenfügen; ebensowenig war es vorgegeben, daß das Verlangen, die Begehrlichkeit, das sexuelle Verhalten der Individuen sich in einem Sexualität genannten Wissens- und Normalitätssystem ineinander fügen.” 18 Die Entwicklung der “Humantechniken” war also nicht zwangsläufig wie bei Schelsky, sondern hing von der Akzeptanz der Betroffenen ab. Demnach müßte es möglich sein, durch eine Analyse der Zwänge der Arbeitsgesellschaft und die Gründe ihrer Akzeptanz eine Kritik zu formulieren, die der Faulheit Chancen eröffnet.
Für Gorz besitzt die Technikentwicklung den Marx´schen “Doppelcharakter”: Sie ist nur eine Funktion der Akkumulationslogik der kapitalistischen Gesellschaft und würde mit dem Übergang in eine andere Gesellschaftsform auch ihre negativen Seiten verlieren. Technik und Wissenschaft besitzen keine Eigendynamik, sondern werden als Herrschaftsinstrument mißbraucht. Der moderne Kapitalismus ist vom Wachstum abhängig, das er nur durch die ständige Erzeugung neuer Bedürfnisse bei den Konsumenten erreichen kann. So muß die Forschung immer neue Erfindungen machen, um in Gebrauch befindliche Produkte veralten zu lassen und einen Bedarf nach neuen Produkten zu schaffen. Der Computer wird durch die Weiterentwicklung der Software zu langsam oder völlig unbrauchbar, ein neues Gerät muß angeschafft werden. Die Zyklen dieser Entwicklung müssen immer kürzer werden, um genügenden Profit zu garantieren. Allerdings rechnet dieser Wachstumswahn nicht mit der Begrenztheit der Ressourcen. Eine alternative Gesellschaftsform müsse sich deshalb auf die vorhandenen Bedürfnisse besinnen und sie mit einem Minimum an Energie- und Rohstoffverbrauch befriedigen. Bestimmte Spezialisierungen und ganze Industriezweige würden dadurch überflüssig. Es könne durchaus ein allseitig gebildeter Mensch entstehen, der wieder lernt, seine eigenen Gebrauchsgüter selbst zu reparieren, sich gesund zu ernä hren, statt Dienstleistungen und Gesundheitssystem in Anspruch zu nehmen. Die Notwendigkeit der Spezialisierung ist demnach nur eine Ideologie, die von der Schule an benutzt wird, um die Monopolisierung von Wissen in wenigen Händen zu rechtfertigen.
Technik wird also hier als Machtmittel beschrieben, gewinnt aber dadurch, daß sie von der kapitalistischen Entwicklung abhängig ist eine gewissen Eigendynamik, die durch eine
18 a.a.O. S. 35
15
gesellschaftliche Umwälzung beendet werden müsse. Bestimmte Forschungsrichtungen und Produktionszweige würden dadurch einfach unnütz werden und absterben. Es dürfe nur nicht die kapitalistische Verwertungslogik übernommen werden, vielmehr müsse nach den Bedürfnissen produziert werden ohne den Kapitalismus einzuholen oder gar zu überholen. Dabei könne man mit einem Bruchteil der bisher verbrauchten Ressourcen und Arbeitsleistung auskommen. Die Faulheit ist also bereits mit den vorhandenen Produktionskapazitäten zu realisieren, der Mensch müsse sich nur in seinen Bedürfnissen auf das Wesentliche beschränken. 19
Die Arbeitsbedingungen des Menschen in der kapitalistischen Zivilisation sind so entfremdet, daß er sich Nischen suchen muß, um die Fabrik hinter sich zu lassen: Gemüsegarten, Hobbywerkstatt, Musik, Sport, Liebe. Das Leben findet nach der Arbeit statt. Ein letzter dieser Rückzugsräume ist die Familie. So gehört es nach Gorz zur Ironie des Schicksals, daß Teile der Frauenbewegung gerade diesen Bereich der Kapitallogik unterwerfen wo llten, indem sie Erziehung und Hausarbeit zu bezahlten Tätigkeiten machten. Die Ökonomisierung würde den Charakter dieser Tätigkeiten grundlegend verändern und damit eine weitere Nische der Arbeitsgesellschaft schließen. Im Gegensatz dazu müsse eine “Nachindustrielle Linke” versuchen, diese Nischen zu verbreitern und entlohnte und kommerzielle Tätigkeiten auf ein Minimum herabzusetzen. Die entstehende Freizeit sinnvoll zu nutzen, traut Gorz dem Menschen in der wissenschaftlich - technischen Zivilisation bereits nicht mehr zu: Es müßten geschützte öffentliche Räume geschaffen werden, die eine Vereinnahmung durch die Massenmedien und einen Rückzug in die Privatsphäre verhinderten. 20
19 André Gorz: Ökologie und Politik, Reinbek 1977, S. 116ff
20 André Gorz: Abschied vom Proletariat, Frankfurt/Main 1980, S. 69ff
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Stefan Dornbach, 1999, Arbeit und Faulheit in der technisch - wissenschaftlichen Zivilisation, München, GRIN Verlag GmbH
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