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I. Einleitung
Über Otto v. Bismarck existieren unzählige Biographien und Analysen seiner Politik, darüber hinaus ebenso viele Quellen und nicht zuletzt seine „Gedanken und Erinnerungen“. Gerade über sein außenpolitisches Bündnissystem gibt es eine Masse an Literatur. Bei der Betrachtung seiner Außenpolitik fällt jedoch ein Ereignis aus dem Rahmen, wo Bismarcks Äußerungen seiner Politik zu widersprechen scheinen: der Eintritt in die Kolonialpolitik 1884/85. Da Bismarck sich seit seinen Jahren als preußische r Ministerpräsident gegen Kolonien ausgesprochen hatte, muß seine Entscheidung zum Kolonia lerwerb befremdlich wirken, zumal er neben seiner defensiven Bündnispolitik ab 1871 als Reichskanzler und Außenminister des deutschen Reiches in etwas mehr als einem Jahr ein Kolonialreich aufbaute, dessen Ausmaß sich auch in der Wilhelminischen Ära ab 1890 nicht bedeutend vergrößerte, obwohl Kaiser Wilhelm II eine deutlich aggressivere Weltmachtpolitik betrieb.
Zwischen den vielen antikolonialen Äußerungen, die Bismarck besonders während der Entstehung der kolonialen Bewegung in den 1880er Jahren machte, aber auch während der fortschreitenden Verstaatlichung der 1884/85 sowie nach seiner Entlassung 1890, liegt eine kurze Phase, in der er seine Meinung zumindest teilweise geändert haben muss. Das noch junge Deutsche Reich war bis 1884 im Kreise der europäischen Großmächte noch ohne Kolonien geblieben und hatte diese auch nicht benötigt. Auf dem europäischen Kontinent konnte es sich schon in seinem Gründerjahrzehnt mit dem Staatsmann Bismarck an der Spitze gegen die Großmächte behaupten und seine Stellung festigen.
Jedoch war die Dekade der 1870er Jahre für das Deutsche Reich geprägt von einem stetigen Wechsel gesellschaftlicher und wirtschaftlicher Höhen und Tiefen. Am Anfang hatte Bismarck die deutschen Staaten und ihre Bevölkerung zum Krieg gegen Frankreich mobilisiert und sie mit der auf deutschen Sieg folgenden Reichsgründung zur deutschen Nation geeint. Durch diesen Erfolg angespornt und berauscht, erlebte die deutsche Wirtschaft den Gründerboom der ersten Reichsjahre. Doch schon 1873 schlug der erste Dämpfer der Weltwirtschaftskrise ein. Diese Phase der ‚Großen Depression‘ stellte eine Anpassungskrise des industriellen Systems in Deutschland an die sich inter- natio nal etablierende Marktwirtschaft dar und war entgegen der zeitgenössischen Emp-
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findung weniger von Rezession als von wirtschaftlicher Stagnation und stark verlangsamten Wirtschaftswachstum gekennzeichnet 1 . Gleichzeitig waren die gesellschaftlichen Verhältnisse im Reich mit Spannungen beladen. Der durch die Wirtschaftskrise begründete Aufstieg der Sozialdemokratie ließ bei den bürgerlich-konservativen Kräften eine latente Revolutionsfurcht aufkommen. 2
In dieser innenpolitischen Krisensituation der Jahre 1873-79 begann ein Teil der Bevö lkerung den Blick nach Übersee zu werfen. Es entstand zuerst bei den kleineren Handelsunternehmen das Bedürfnis nach einer vom Staat unterstützten kolonialen Politik, die ihre Unternehmungen in Übersee sichern sollte. Die größeren Kreise der deutschen Wirtschaft bevorzugten noch die herkömmliche Freihandelsidee für ihre wirtschaftlichen Interessen. Es begann sich jedoch nach und nach eine koloniale Bewegung zu bilden, die in den Überseegebieten eine „Generallösung“ 3 für die ökonomischen und sozialen Probleme des Reiches sah. Vor allem die wirtschaftliche Rentabilität von Kolonien wurde in der Phase der Depression von den Kolonialfreunden hochgehalten. Deshalb entstand schon 1878 der erste koloniale Interessenverband, der „Zentralverein für Handelsgeographie und Förderung deutscher Interessen im Ausland“. Die Zahl der wahren Kolonialbefürworter war jedoch noch eher klein.
Doch wie erklärt es sich nun, dass Bismarck den Eintritt in die Kolonialpolitik wagte und damit sein Prinzip der außenpolitischen Sicherung des Reiches zurückstellte? Immerhin war mit der Errichtung der deutschen Schutzgebiete ein Konflikt mit der Kolonialmacht Großbritannien vorprogrammiert. Die Gründe für seinen kolonialpolitischen Vorstoß 1884/85 liegen offens ichtlich im innenpolitischen Bereich. Doch wie kam es, dass der Reichskanzler seine Meinung zu staatlichen Kolonien derartig wandelte? Den Umschwung in der öffentlichen Meinung zeigt die Entstehung der kolonialen Bewegung Ende der 1870er Jahre. Bismarcks Meinungsumschwung lässt sich anhand einiger Entscheidungen ab dem Jahr 1880 nachzeichnen. Des Weiteren spielt wohl auch die relativ entspannte außenpolitische Lage auf dem europäischen Kontinent eine entsche idende Rolle für die Gebietsergreifungen in Übersee.
1 Vgl. Mommsen, Das Ringen um den nationalen Staat, S. 560.
2 Vgl. Bade, Kolonialbewegung, S. 198 ff.
3 Klaus J. Bade, Kolonialbewegung, S. 183.
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II. Die Agitation der kolonialen Bewegung ab 1879
1. Entstehung der kolonialen Bewegung
Der organisierten Kolonialbewegung ging Ende der 1870er Jahre die Kolonial- und Expansionspublizistik voraus. 4 Sie verlieh dem Wunsch nach Kolonialgebieten zum ersten Mal verstärkten Ausdruck und versuchte, durch eine Aufwertung der Kolonial-und Handelspolitik weitere Fürsprecher und Investoren für sich zu gewinnen. An der Spitze der Kolonialagitatoren stand der Theologe Friedrich Fabri. Der ehemalige In-spektor der Rheinischen Missionsgesellschaft war wegen seiner Vorstellungen über die Kooperation von Kolonialmission und Kolonialherrschaft unter seinen Kollegen umstritten. Seinen Posten als Missionsinspektor in Südwestafrika musste er in den 1880er Jahren räumen, als die von ihm dort gegründete „Deutsche Missions- und Handelsgesellschaft“ pleite ging. Von da ab widmete sich der gescheiterte ‚Missionshändler‘ dem Aufbau einer Kolonialbewegung. 5 Als Kolonialpublizist gab er 1879 mit seiner Streitschrift „Bedarf Deutschland der Kolonien?“ den Anstoß zu einer öffentlichen Diskussion um die Vorzüge staatlicher Kolonialpolitik. Fabri wurde durch seine vielen Schriften zum „ Vater der deutschen Kolonialbewegung“. Von seinen Schriften ging die stärkste kolonialpropagand istische Wirkung aus. Laut Horst Gründer wurde er sogar zur Vertrauensperson Bismarcks in kolonialen Fragen und nahm eine Vermittlerposition zwischen der Kolonialbewegung und der Reichsregierung ein. 6 Neben ihm gehörten der Jurist und Kaufmann Wilhelm Hübbe-Schleiden und der sächsische Gutsbesitzer Ernst von Weber zu den bedeutendsten und radikalsten Kolonialagitatoren. 7
Fabri glaubte, 1879 den richtigen Zeitpunkt für die Publikation seiner kolonialen Forderungen gefunden zu haben, da der Tiefpunkt in der ökonomischen Krise mit dem Höhepunkt der gesellschaftlichen Krise, die er als „sozialdemokratische Krisis“ 8 ansah, zusammenfiel. Auch Ernst v. Weber sah die Gefahr einer blutigen sozialen Revolution „mit mathematischer Sicherheit“ bevorstehen, wenn das überbevölkerte Deutschland
4 Vgl. Bade, Kolonialbewegung, S. 184.
5 Vgl. Gründer, S. 34.
6 Vgl. Gründer, S. 34.
7 Vgl. Bade, Kolonialbewegung, S. 186.
8 Friedrich Fabri, zit. nach Bade, Fabri, S. 91.
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sich nicht „weite Abzugskanäle“ sowohl für Menschen als auch für deutsche Waren schaffen würde. 9
2. Argumente der Kolonialpublizistik
In den Schriften der gesamten Kolonialpublizistik zeigen sich vier grundsätzliche Argumentstrukturen, die die Motive der Kolonialbewegung erkennen lassen. 10 Koloniale Aktivitäten des Staates seien erstens wichtig für die Wirtschaft und den Außenhandel. Sie würden zweitens durch Auswanderungen dem starken Bevölkerungswachstum Erleichterung verschaffen. Drittens habe eine aktive Kolonialpolitik positive Auswirkungen auf soziale Spannungen im Inneren des Reiches und viertens sei Kolonialpolitik schließlich eine Frage von Nation und Macht.
Eines der während der Wirtschaftskrise scheinbar schlüssigsten Argumente der Kolonialpublizistik war die Unterstützung der deutschen Wirtschaft und des Außenhandels durch eine aktive staatliche Kolonialpolitik. Das „Elend der Überproduktion“ könne durch die „Erweiterung unseres nationalen Wirtschaftsgebietes“ 11 beseitigt werden. Nach Fabris Meinung bedürfe das Reich „einer richtig erwogenen und dann kräftig angegriffenen Handels- und Arbeitspolitik“, wobei man mit „Handelskolonien“ neue Absatzmärkte für den Export von überproduzierten Waren schaffen und in „Bergbaukolonien“ die Rohstoffvorkommen der Überseegebiete für sich nutzen müsse. 12 Bei Letzterem dachten die Kolonialpublizisten vor allem an die Edelmetallvorkommen in Afr ika, von denen sie sich hohe Gewinne erhofften. Es galt jedoch ebenfalls, sich vor einem übermäßigen Import von den „Plantagenkolonien“ der Kolonialgebiete zu schützen, um nicht allzu viele Waren auf den deutschen Markt zu spülen. Dabei dachten die kolonialen ‚Vordenker‘ vor allem an landwirtschaftliche Produkte, die in Deutschland überproduziert wurden.
Wegen der rapiden Bevölkerungsexplosion im Reich im letzten Drittel des 19. Jahrhunderts 13 sahen die Kolonialpublizisten in Kolonien ebenfalls mögliche Siedlungsgebiete
9 Ernst v. Weber, zit. nach Bade, Kolonialbewegung, S. 201.
10 Vgl. Bade, Kolonialbewegung, S. 185 ff.
11 Wilhelm Hübbe-Schleiden, zit. nach Wehler, Bismarck, S. 121.
12 Vgl. Bade, Fabri, S. 88 f.; auch ders., Kolonialbewegung, S. 188.
13 Vgl. Bade, Kolonialbewegung, S. 189. Bade beschreibt den Bevölkerungsanstieg als
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für deutsche Auswanderer. Für Fabri war die „Organisation einer starken deutschen Auswanderung (...) zu einer Lebensbedingung (...) geworden“. 14 Durch das große Arbeitskräfteangebot wuchs in der Bevölkerung die Angst vor einer Erwerbskrise mit hoher Arbeitslosigkeit, was angesichts der wirtschaftlichen Krise schwerwiegende Auswirkungen haben konnte. Dem sollte durch das „Sicherheitsventil“ 15 der Auswanderung Vorschub geleistet werden. Da man Auswanderung jedoch bisher als ökonomischen „Kräfteabfluß“ betrachtete - da 90 Prozent der deutschen Auswanderer in die Vereinigten Staaten strebten und damit einem großen Konkurrenten auf dem Weltmarkt Produktivkräfte ins Land strömten -, waren staatliche Kolonien eine Chance, die Aus-wanderung in einen „Kräftezufluß“ für das Reich zu verwandeln. Man musste den Auswanderungsstrom lediglich vom konkurrierenden Ausland in deutsche „Siedlungs-und Ackerbaukolonien“ umleiten. 16 Es wurden darüber hinaus organisierte Massenein-wanderungen in bestimmte Gebiete in Südamerika angedacht, in denen die deutschen Auswanderer eine allmähliche „Teutonisierung“ vollziehen und deutsches Kultur- und Gedankengut in diesen Ländern etablieren sollten. 17
Als starkes Argument wurde ebenfalls immer wieder die Ableitung der sozialen Spannungen nach Übersee genannt, die den Kolonialpublizisten möglich erschien. Allein durch eine Milderung der Wirtschaftskrise und die Entspannung des Bevölkerungsdrucks mussten eigentlich die innenpolitischen Probleme des Reiches abgeschwächt werden. Dieser Effekt sollte allerdings noch verstärkt werden durch die Schaffung eines großen nationalen Ziels, des Kolonialerwerbs. Damit würden Sozialdemokratie und Arbeiterschaft vom Klassenkampf abgelenkt und der Export der „sozialen Frage“ bewerkstelligt werden können. Obwohl sich die Lage der Arbeiterschaft durch die wachsende Industrialisierung etwas gebessert hatte, war sie auch ein Jahrzehnt nach der Reichsgründung noch weit davon entfernt, in die Gesellschaft des Kaiserreiches integriert zu sein. Durch den Aufstieg der Sozialdemokratie erhielt sie ein „beargwöhntes politisches Potential“ 18 . Auch Bismarck sah in der angespannten sozialen Lage eine große Gefahr: „Die was haben, arbeiten nicht, nur die Hungrigen sind fleißig, und die werden uns fressen. Ich sage dies ohne Bitterkeit und ganz ruhig: Ich sehe sehr schwarz
eine Folge des Umbruchs von der Agrar- zur Industriegesellschaft.
14 Friedrich Fabri, zit. nach Bade, Fabri, S. 84.
15 Friedrich Fabri, zit. nach Bade, S. 190.
16 Vgl. Bade, Fabri, S. 84 f.; auch ders., Kolonialbewegung, S. 190.
17 Vgl. Bade, Kolonialbewegung, S. 190.
18 Klaus J. Bade, S. 191.
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in Deutschlands Zukunft“. 19 Nach den Repressionen durch die Sozialistengesetze schwenkte er Anfang der 1880er um und versuchte, die Arbeiterklasse mit den Sozia lgesetzgebungen zu „Klienten des Staates“ zu machen. Die Kolonialpublizisten zeigten des Weiteren zwei konkrete Wege zur Lösung der ‚sozialen Frage‘ auf. Erstens sollte ein „Massenexport des revolutionären Zündstoffs“ 20 stattfinden, also die Auswanderung der ‚überschüssigen‘ Proletarier in die ‚Siedlungs- und Ackerbaukolonien‘. Zweitens sollten in besonderen Fällen oder bei einer tatsächlichen Revolutionsgefahr „Verbrecherkolonien“ für missliebige „Anarchisten“ eingerichtet werden. Friedrich Fabri bezeichnete eine derartige Eröffnung deutscher Kolonialpolitik zwar als „einigermaßen demütigend“, jedoch würde selbst solch ein erster Schritt zu Kolonien „mit Dank zu begrüßen“ sein. 21
An der Debatte der Kolonialpublizistik lässt sich erkennen, dass das noch junge Reich sich am Ende seines Gründungsjahrzehnts noch auf der Suche nach einer nationalen Identität befand. Bismarck wollte vor allem den Fortbestand des Reiches sichern und erklärte - nachdem sich Großbritannien und Russland während der ‚Krieg- in-Sicht‘-Krise 1875 an die Seite Frankreichs stellten und Bismarck seine außenpolitischen Grenzen aufgezeigt hatten -, das Deutsche Reich sei territorial saturiert. Doch Teile der Kolonialbewegung sahen im Gegensatz zu Bismarck mit der Reichsgründung das nationale Ziel nur teilweise erfüllt und suchten, für Deutschland eine „kosmopolitische Weltstellung“ zu erreichen. 22 Die große internationale Konk urrenz in der Kolonialpolitik brachte dazu noch die nötige Motivation. England und Frankreich begannen in den 1880er Jahren, sich im ‚Scramble for Africa‘ um die letzten weißen Flecken auf der Weltkarte zu bemühen. Der deutsche Überseehandel musste bei der starken Präsenz der europäischen Kolonialmächte und ohne größere staatliche Unterstützung durch das Reich fast zwangsläufig das Nachsehen haben. Hieraus erwuchs die Sorge der nationalen Kräfte, dass Deutschland nach der verspäteten Nationsbildung 1871 auc h bei der Aufteilung der Welt „zu spät“ kommen und seine Weltgeltung dadurch verspielen würde. So wurden die Forderungen nach einer deutschen Kolonialexpansion immer lauter.
19 Otto v. Bismarck, zit. nach Gesammelte Werke, Bd. 8, S. 492; vgl. auch Gall, Bismarck, 496 f.; vgl.
Bade, Kolonialbewegung, S. 191,
20 Ernst v. Weber, zit. nach Bade, Fabri, S. 97.
21 Friedrich Fabri, zit. nach Bade, Kolonialbewegung, S. 193.
22 Ernst v. Weber, zit. nach Bade, Kolonialbewegung, S. 187.
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In ihrer Gesamtheit verknüpfte die Kolonial- und Expansionspublizistik Nationalismus mit einem Wirtschafts- und Sozialimperialismus. Die Argumentation war zusätzlich mit Missionsgedanken, teilweise auch schon mit sozialdarwinistischen oder rassistischen Ideologien verbunden. Oft ist von der „Erziehung des Negers zur Arbeit“ oder der „Kulturfähigkeit der Neger“ die Rede. 23 Die koloniale Expansion wurde so von der sozialökonomischen Notwendigkeit zu einer sittlichen Pflicht der deutschen Kulturnation erhoben und die Argumente dabei in verschiedenster Weise miteinander verbunden, um einer Kolonialpolitik zuzureden. Die kolonialen Interessen wurden als „Wille der deutschen Nation“ beschrieben, obwohl sie meist privatwirtschaftlichen Charakter ha tten. Außer der kolonialen Expansion wurden alle anderen denkbaren Auswege aus der Reichskrise besonders durch Friedrich Fabri wegdiskutiert. In einem Kapitel „Einwendungen gegen eine deutsche Kolonialpolitik“ gibt er Anleitungen zu einem zweckmäßigen Gebrauch der Leitargumente in der Kolonialdiskussion. 24 In der Kolonialpublizistik wurde auch oft ein gespaltenes Verhältnis zum kolonialen Vorreiter und Konkurrenten Großbritannien deutlich, der für alle Befürworter von Kolonien zum Leit- und Feindbild zugleich wurde. 25
3. Vereinsbildungen in der Kolonialbewegung:
Die Kolonialpublizistik bereitete durch ihre Agitation den ideologischen Boden für das Entstehen einer Kolonialbewegung. Zuerst bildeten sich mittelständische Vereine, deren Ziele es waren, die öffentliche Meinung von der wirtschaftlichen und nationalen Bedeutung einer kolonialen Expansion zu überzeugen. Sie wollten das Interesse von Handel, Banken und Industrie für koloniale Projekte wecken, um dann gemeinsam verstärkten Druck auf die Regierung Bismarck ausüben zu können. Als erster Interessenverband gründete sich 1878 der schon erwähnte „Zentralverein für Handelsgeographie und Förderung deutscher Interessen im Ausland“, dem dann weitere, zunächst regionale Vereine folgten, so zum Beispiel der durch Friedrich Fabri gegründete „Westdeutsche Verein für Kolonisation und Export“, in dem Wilhelm Hübbe-Schleiden die Schriftführerschaft übernahm. 26 1882 wurde dann als überregionaler Verband der „Deutsche Kolonialverein“ gegründet, in dem sich bald viele koloniale Interessenverbände zusam- 23 Vgl.Bade, Kolonialbewegung, S. 193 ff., Anm. 23; auch vgl. ders., Fabri, S. 88 f.
24 Vgl. Bade, Kolonialbewegung, S. 186.
25 Ebd., S. 195 ff.
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menschlossen 27 und der mit seinem Zentralorgan, der „Deutschen Kolonialzeitung“, die expansionistischen Aktionen deutscher Unternehmer und Händler dokumentierte und unterstützte.
Der Deutsche Kolonialverein wurde zu einem Schmelztiegel der Koloniallobby. In ihm trafen die großen Persönlichkeiten aus Politik, Wirtschaft, Aristokratie und Wissenschaft zusammen, um für ihre kolonialen Interessen zu streiten, wie zum Beispiel der Industrielle Alfred Krupp, die Bankiers Adolf v. Hansemann und Gerson Bleichröder, die Historiker Heinrich v. Treitschke und Leopold v. Ranke oder der spätere Reichskanzler Chlodwig Fürst zu Hohenlohe-Schillingsfürst. Neben diesen Persönlichkeiten der deutschen Gesellschaft war für radikale Agitatoren wie Friedrich Fabri kein Platz mehr. Die Bewegung versuchte, eine gemäßigtere Linie zu verfolgen, und sorgte dafür, dass Fabri keine leitende Position im „Deutschen Kolonialverein“ erhielt. 28
Der Zusammenschluss des „Deutschen Kolonialvereins“ bedeutete mehr als das Streben nach ökonomischen Zielen. Vielmehr wurde der deutsche Patriotismus für die Zwecke eines weltpolitischen Expansionismus missbraucht. Treitschke äußerte sich 1884 dementsprechend: „Für ein Volk, das an einer beständigen Überproduktion leidet und Jahr für Jahr an 200.000 seiner Kinder in die Fremde sendet, wird die Kolonisation zur Daseinsfrage.“ 29 Selbstverständlich spielte die ‚soziale Frage‘, namentlich die Beschwichtigung der oppositionellen Regungen, vor allem der Sozialdemokratie, ebenfalls eine entscheidende Rolle bei der Gründung des Vereins. Nach der Überzeugung des Präsidenten Fürst von Hohenlohe-Langenburg „wäre eine entsprechende Kolonisation der beste Ableiter für die sozialdemokratische Gefahr, die uns bedroht.“ 30
26 Vgl. Mommsen, Großmachtstellung, S. 60; auch vgl. Gründer, S. 40.
27 Vgl. Engelberg, S. 368. Bei Mommsen ist von der „Deutschen Kolonialgesellschaft“ die Rede. Vermu t-
lich wurden beide Bezeichnungen gebraucht; vgl. Mommsen, Großmachtstellung, S. 60.
28 Vgl. Mommsen, Großmachtstellung, S. 60 f.; auch vgl. Engelberg, S. 368 f.
29 Heinrich v. Treitschke, zit. nach Gründer , S. 39.
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III. Die Anfänge Bismarck´scher Kolonialpolitik
1. Bismarcks Einstellung zur Kolonialpolitik vor 1880
Bismarck war von jeher ein Gegner staatlicher Kolonialpolitik gewesen und hatte nach der Reichsgründung sowohl außen- als auch innenpolitische Gründe für seine Haltung. Aufgrund des ohnehin relativ geringen Interesses der Bevölkerung an einer kolonialen Expansion in den 1870er Jahren gab es erst einmal keinerlei Veranlassung für eine Kolonialpolitik. 31 Während der Friedensverhandlungen mit dem besiegten Frankreich, bei denen die Abtretung Kotschinchinas erwogen wurde, äußerte er sich: „Ich will auch gar keine Kolonien. Die sind bloß zu Versorgungsposten gut. (...) diese Koloniegeschichte wäre für uns genau so wie der seid[e]ne Zobelpelz in polnischen Adelsfamilien, die keine Hemden haben.“ 32 Bismarck war ein „Anhänger des Freihandelsimperialismus, (...) der wirtschaftlichen Expansion nach Übersee mit informellen Mitteln“ 33 , wie es Wolfgang J. Mommsen mit Bezug auf Hans-Ulrich Wehler treffend beschreibt. Inne npolitisch setzte er außerdem auf die Zusammenarbeit mit den Nationalliberalen, die ebenfalls mehrheitlich gegen Kolonien jedoch für eine freihändlerische Politik eingestellt waren. 34 Zwar hatte Bismarck seinen Blick immer auf die Gleichberechtigung des deutschen Handels und der Schifffahrt in Übersee gerichtet, erklärte jedoch auch noch im Februar 1880 einer staatlich unterstützten Kolonialpolitik eine klare Absage: „Wir haben keine genügende Flotte, um sie zu schützen, und unsere Bürokratie ist nicht ge-wandt genug, die Verwaltung solcher Länder zu leiten.“ 35
Nach Bismarcks Vorstellungen hätte eine deutsche Kolonialpolitik in der außenpolitischen Situation nach dem deutsch- französischen Krieg bei den europäischen Mächten ein „Mißtrauen gegen die Friedlichkeit unserer Gesinnung“ aufgebracht und wäre nicht eine „Quelle (...) der Stärke, sondern der Schwäche für Deutschland“ 36 gewesen. Das Reich musste nach der Demütigung Frankreichs durch die Kaiserproklamation in Versailles und die Annexion Elsaß- Lothringens seine Friedfertigkeit wieder unter Be-
30 HermannFürst zu Hohenlohe-Langenburg, zit. nach Engelberg, S. 369.
31 Vgl. Engelberg, S. 364.
32 Otto v. Bismarck, zit. nach Busch, S. 157; vgl. auch Gründer, S. 51; vgl. Mommsen, Großmachtstel-
lung, S. 56.
33 Wolfgang J. Mommsen, Großmachtstellung, S. 56; vgl. Wehler, Bismarck, S. 191.
34 Vgl. Engelberg, S. 364.
35 Otto v. Bismarck, zit. nach Ziekursch, S. 156 f.; vgl. auch Engelberg, S. 365.
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weis stellen und seine außenpolitischen Handlungen sehr genau abwägen. Bismarck tat dies, indem er den europäischen Mächten wiederholt versicherte, das Deutsche Reich sei nach dem Akt seiner Gründung territorial „saturiert“. 37 Es habe weder koloniale Ambitionen, geschweige denn weitere Gebietsansprüche in Europa. Besonders die ‚Krieg in Sicht‘-Krise 1875 - als in Frankreich ein neues Heeresgesetz beschlossen wurde und im Deutschen Reich schon wieder laut an einen Präventivkrieg gedacht wurde - führte Bismarck vor Augen, dass die Großmächte eine weitere Ausdehnung der deutschen Machtstellung in Europa nicht hinnehmen würden. Großbritannien und Rus s-land stellten sich während dieser ‚Krise‘ hinter die Franzosen. Bismarck und die deutsche Außenpolitik waren von da an in ihre Schranken gewiesen 38 , so dass Bismarck 1881 erklärte: „Solange ich Reichskanzler bin, treiben wir keine Kolonialpolitik. Wir haben eine Flotte, die nicht fahren kann, und wir dürfen keine verwundbaren Punkte in fernen Weltteilen haben, die den Franzosen als Beute zufallen, sobald es losgeht.“ 39
Die Außenpolitik des Reiches musste sich also weitestgehend auf den Außenhandel beschränken. Bismarck war deshalb sehr darauf bedacht, den Handel und die Schifffahrt zu stärken und die deutschen Rechte gegen den Kolonialhandel der europäischen Mächte zu sichern. Doch gab wohl auch die wirtschaftliche Krise 1879 den Ausschlag zu einer intensiven Förderung des Außenhandels. Es wurden Ausfuhrsondertarife im Eisenbahn- und Kanalwesen beschlossen, Direktsubventionen für den Bau von Hochseedampfern bewilligt, überseeische Bankfilialen und günstige Handelsverträge unterstützt. 40 Daneben wurden alle deutschen Diplomaten angewiesen, jeglichen Exportmö glichkeiten der deutschen Industrie die größte Aufmerksamkeit zu schenken und so oft wie möglich Bericht zu erstatten. In diesem Vorgehen sah Bismarck eine Unterstützung des Wirtschaftsliberalismus. 41 Doch gab es gleichzeitig einen wirtschaftspolitischen Kurswechsel vom Freihandel zum Schutzzoll, der den deutschen Markt vor der Wir tschaftskrise sichern sollte.
36 Otto v. Bismarck, zit. nach Engelberg, S. 364.
37 Vgl. Wehler, Gesellschaftsgeschichte, S. 966.
38 Vgl. Wehler, Gesellschaftsgeschichte., S. 968 ff.
39 Otto v. Bismarck, zit. nach Gründer, S. 51.
40 Vgl. Wehler, Gesellschaftsgeschichte, S. 983.
41 Vgl. Engelberg, S. 365 f.
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2. Unterstützung kolonialer Interessen ab 1880
Die deutsche Wirtschaft stand in ihrer Mehrheit der aufkommenden Kolonialbewegung vor 1880 eher fern. In den Wirtschaftskreisen war noch die herkömmliche Freihandelsidee vorherrschend, abgesehen von den Unternehmern, die direkt in den Überseegebieten engagiert waren. Ähnlich verhielt es sich mit den bürgerlichen Parteien im Reichstag 42 und auch Bismarck vertrat - wie so oben dargelegt - einen antikolonialen Standpunkt. Trotzdem wurde im April 1880 mit seinem Einverständnis eine Vorlage zur staatlichen Unterstützung eines Überseegeschäftes in den Reichstag eingebracht.
Mit der ‚Samoa-Vorlage‘ sollten die Überseegeschäfte mit den Samoa-Inseln im Südpazifik unterstützt werden, die seit dem Bankrott des Hamburger Seehandelshauses Godeffroy & Sohn vo n der „Deutschen Seehandelsgesellschaft“ übernommen worden waren. Diese Gesellschaft wiederum war von dem Bankier Adolf von Hansemann unter Mitwirkung von Gerson Bleichröder, Bismarcks Privatbankier, gegründet worden. Es lässt sich vermuten, dass die guten persönlichen Kontakte beider Bankiers zu Bismarck seine Entscheidung für die Unterstützung des Geschäftes beeinflusst haben. 43 Doch scheint auch die Gefahr einer englischen Übernahme der alten Hamburger Firma für ihn eine entscheidende Rolle gespielt zu haben. 44 Jedenfalls heizte die Samoa-Vorlage die öffentliche Diskussion, vor allem in der regierungstreuen Presse, über die Notwendigkeit einer staatlichen Kolonialpolitik kräftig an. Einerseits wurde von der „volkswirt- schaftliche(n)Notwendigkeit“ 45 für eine staatliche Kolonialpolitik gesprochen. Andererseits wurde ebenfalls „heftig die nationale Trommel gerührt“ 46 und die „nationale Pflicht“ zum Halten der „kommerziellen Stellung“ 47 der deutschen Handelsinteressen in der Südsee propagiert.
Im Reichstag fand der Vorschlag jedoch weniger Zustimmung und wurde besonders scharf von den freihändlerischen Nationalliberalen angegriffen. Ihr finanzpolitischer Sprecher Ludwig Bamberger trat in der Debatte als kompromissloser Verfechter des Wirtschaftsliberalismus auf. „Die Kolonialkrankheit“, so meinte er, habe „ihre Grund-
42 Vgl.Mommsen, Großmachtstellung, S.57.
43 Hansemann war der Schwiegervater des zuständigen Dezernenten im Auswärtigen Amt und Mitarbei-
ters von Bismarck, Heinrich von Kusserow; vgl. Wehler, Bismarck, S. 217.
44 Vgl. Engelberg, S. 366; auch vgl. Mommsen, Großmachtstellung, S. 58.
45 Kölnische Zeitung und Deutsches Handelsblatt, zit. nach Wehler, Bismarck, S. 217.
46 Hans-Ulrich Wehler, Bismarck, S. 217.
47 Norddeutsche Allgemeine Zeitung, zit. nach Wehler, Bismarck, S. 217.
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züge darin, dass die Staatstätigkeit für die Bereicherung der Individuen eintreten solle (...)“. 48 Er erkannte in der Handelspolitik Bismarcks und der Samoa-Vorlage ein „Versuchsfeld“ für „koloniale Experimentalphysik“. 49 Eine derartige staatliche Intervention für privatwirtschaftliche Interessen war für die Liberalen nicht zu dulden, zumal der Staat auch noch in Konkurrenz zur Privatwirtschaft getreten wäre. 50 Dieser Auffassung stimmten auch die anderen Reichstagsparteien mehrheitlich zu, so dass die Samoa-Vorlage mit Stimmen aus fast allen Fraktionen mit einer - letztlich knappen - Mehrheit von 128:122 Stimmen zu Fall gebracht wurde. Die 140 Enthaltungen im Abstimmungsergebnis zeigten jedoch ebenfalls, dass die Kolonialbefürworter durchaus einen Eindruck bei vielen Abgeordneten hinterlassen hatten. Außerdem hatte die S amoa-Diskussion geholfen, den kolonialen Gedanken in die breite Öffentlichkeit zu tragen. 51
Nach dem Scheitern dieser Vorlage ließ Bismarck erst einmal alle weiteren auch nur tendenziell kolonialpolitischen Anträge „
ad acta Samoa“
werfen.
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Ein Jahr später klopfte Hansemann wiederum bei Bismarck an, um die Förderung einer Unternehmung in Neuguinea zu erreichen. Doch der Reichskanzler lehnte eine direkte Förderung des Vorhabens ab. „
Die Sache müsste kaufmännisch entstehen.“
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Laut Wolfgang J. Mommsen zeigt sich hier jedoch eine „behutsame
Modifikation seines bisherigen antikolonialen Standpunktes“.
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Wenn die Verwaltung der kolonialen Gebiete von den Unternehmern selbst übernommen worden wäre, sei Bismarck bereit gewesen, eine Förderung ins Auge zu fassen. Zu jener Zeit begannen auch die Gründungen und Agitationen der kolonialen Interessenverbände, wie dem „
Deutschen Kolonialverein“
von 1882. Auch schien sich in der öffentlichen Meinung eine Veränderung gegenüber kolonialer Politik abzuzeichnen. Die wirtschaftliche Rezession 1883, die permanente ‚Gefahr‘ durch die Sozialdemokratie und die Wahlniederlage der Nationalliberalen 1881 ließen die innenpolitischen Spannungen anwachsen.
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In dieser Situation sah Bismarck anscheinend die politischen Chancen, die ein Aufgreifen der kolonialen Forderungen bieten konnten, nämlich vor allem die Konsolidierung der politischen Konstellation, die Stärkung der gemäßigten Nationalliberalen gegenüber dem radikalen, doktrinär-
48 LudwigBamberger, zit. nach Mommsen, Großmachtstellung, S. 58.
49 Ludwig Bamberger, zit. nach Wehler, Bismarck, S. 219.
50 Vgl. Mommsen, Großmachtstellung, S. 58.
51 Vgl. Engelberg, S. 368.
52 Vgl. Bade, Kolonialbewegung, S. 184.
53 Otto v. Bismarck , zit. nach Mommsen, Großmachtstellung, S. 59.
54 Wolfgang J. Mommsen, Großmachtstellung, S. 59.
55 Vgl. Mommsen, Großmachtstellung, S. 59 f.
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freihändlerischen Flügel und nicht zuletzt die politische Isolation der Sozialdemokraten. Außerdem konnte eine Berücksichtigung der Kolonialbefürworter bei den 1884 bevo rstehenden Reichstagswahlen Stimmengewinne einbringen. 56
Zudem bot die außenpolitische Situation 1882 eine äußerst günstige Gelegenheit für den Beginn einer aktiveren deutschen Kolonialpolitik. In Europa war das Reich bündnispolitisch gesichert durch die Verlängerung des Dreikaiserabkommens 1881 und den Drei-bundvertrag mit Österreich und Italien 1882. Dazu kamen die weltpolitischen Gege nsätze der europäischen Großmächte zu Beginn der 1880er Jahre, die sie von den kolonialpolitischen Handlungen des Reiches abzulenken im Stande waren. E ngland und Frankreich stritten um Ägypten, Frankreich und Italien um Tunesien und England mit Russland um seine Interessen in Persien.
3. Bismarcks Umschwung zur aktiven Kolonialpolitik
Bismarck sah nur dort Anlass zur Unterstützung des kolonialen Überseegeschäfts, wo eine Benachteiligung der deutschen Handelsunternehmungen durch die Geschäfte der anderen Kolonialmächte stattfand oder es an Schutz für die deutschen Kaufleute durch die betreffenden Kolonialmächte mangelte. Als England und Frankreich im Juni 1882 eine Konvention über ihre Interessensphären in Westafrika abschlossen, die eine gege nseitige Gleichberechtigung in ihren Handelsbeziehungen - und damit eine ungleiche Behandlung dritter Staaten - beinhaltete, sah Bismarck die Zeit gekommen, besonders die Hansestädte zu einem verstärkten Engagement in Übersee zu animieren. Neben den umfangreichen deutschen Aktivitäten in Samoa bestanden auch gute Handelsbeziehungen zu Westafrika. Von kaufmännischer Seite kam dagegen ebenso die Aufforderung zu größerer kolonialpolitischer Aktivität an den Staat. Der Hamburger Kaufmann Adolf Woermann, der mit seiner Handels- und Schifffahrtsgesellschaft Woermann & Co Ni ederlassungen in Westafrika unterhielt, trat hierbei besonders hervor: „Wenn die deutsche Regierung (...) einen Landstrich tatsächlich erwerben sollte, so würde eine solche Tatsache in sehr vielen hiesigen Kaufmannskreisen mit Freuden begrüßt werden. Solange aber die deutsche Reichsregierung, ohne deren Mitwirkung eine deutsche Kolonie unmöglich erscheint, sich so ablehnend verhält wie bisher, wird man sich hier nicht
56 Vgl. Mommsen, Großmachtstellung, S. 61 f.
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theoretisch für die Erwerbung von Kolonien erwärmen können.“ 57 Doch hatte Woermann mit seiner Forderung bei Bismarck keine Chance. 58
Die Anfragen bei der Reichsregierung und dem Auswärtigen Amt hatten seit 1880/82 rapide zugenommen. Im November 1882 bat der Bremer Kaufmann Adolf Lüderitz zum ersten Mal die Reichsleitung, seinen Besitz in der Bucht Angra Pequena in Südwestafrika unter den Schutz des Reiches zu stellen. Lüderitz wollte durch das Privileg des Reichsschutzes Investoren anlocken. Doch da die Finanzierung des Unternehmens nicht gesichert war, wurde er abgewiesen. Als er seinen Besitz vergrößert und das Unternehmen finanziell etwas konsolidiert hatte, machte er im Januar 1883 erneut seine Aufwartung in Berlin, woraufhin Bismarck durch seinen Sohn Herbert, der als Bo tschaftsrat in der deutschen Botschaft in London wirkte 59 , prüfen ließ, ob die Briten in dieser Region beabsichtigten, Herrschaftsrechte auszuüben. In London nahm man das deutsche Vorhaben in diesem Gebiet - auch aufgrund der antikolonialen Haltung, welche die Reichsregierung immer noch einnahm - nicht so ganz ernst, wodurch sich die Antwort auf die Anfrage etwas verzögerte. Doch schließlich signalisierte die britische Regierung ihre Zustimmung.
Jedoch reagierte die mit England eng verbundene Kapkolonie mit scharfem Protest, woraufhin das britische Foreign Office seine Meinung schnell änderte. Obwohl die englische Regierung zuerst „weder Ansprüche noch Hoheitsrechte“ 60 auf das Lüderitz´sche Gebiet proklamiert hatte, erklärte sie einen Monat später, dass sie, „wenn sie auch formell nur Besitz von einzelnen Punkten genommen habe, doch ein Protektorat (...) an der afrikanischen Küste“ in dem besagten Gebiet - und sogar darüber hinaus - beanspruche. Die „Souveränität einer anderen Macht (...) [würde] in ihre legitimen Rechte eingreifen“. 61 Bismarck reagierte auf diese „Anmaßung“ Englands entsprechend. Er gab Anweisung, „überall, wo England nicht tatsächlich Jurisdiktion ausübt und unseren Angehörigen ausreichenden Schutz gewährt, diesen Schutz selbst in die Hand zu nehmen beziehungsweise in der Hand zu behalten“. 62
57 Adolf Woermann, zit. nach Mommsen, Großmachtstellung, S. 63 f.
58 Vgl. Mommsen, Großmachtstellung, S. 62 ff.
59 Vgl. Engelberg, S. 370.
60 Colonial Office an Foreign Office, 02. 10. 1883, zit. nach Wehler, Bismarck, S. 270.
61 Lord Granville (britischer Außenminister), zit. nach Wehler, Bismarck, S. 271.
62 Otto v. Bismarck, zit. nach Wehler, Bismarck, S. 271.
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Lüderitz wurde zum Kauf weiterer Gebiete ermutigt. Darüber hinaus stellte Bismarck seine Gebiete am 24. April 1884 per Telegramm an den deutschen Konsul in Kapstadt unter den Schutz des Reiches. Obwohl dies nicht bedeutete, dass Deutschland auch die Souveränitätsrechte in Südwestafrika übernahm, war der Schritt zum Reichsschutz doch ein entscheidender Wendepunkt, nämlich der Beginn der deutschen Kolonialpolitik. Denn trotz des Hinweises Herbert v. Bismarcks, Deutschland wolle „nach wie vor keine Kolonien im englischen Sinne“, ahnte doch der britische Außenminister Lord Granville: „(...) dann kommen Sie doch zu Kolonien, unsere haben fast alle ähnlich angefangen, Sie können sich dem schließlich nicht entzieh[e]n“. 63 England erkannte schließlich das deutsche Schutzgebiet in Südwestafrika am 21. Juni 1884 formell an. Bismarck rechtfertigte unterdessen in der Debatte im Reichstag am 26. Juni seinen bedeutenden Schritt zur Kolonialpolitik. Er betonte dabei, dass er seine frühere Einstellung zu staatlichen Kolonien nicht geändert habe. Doch sah er es als „die Pflicht des deutschen Reiches“ an, „solchen Unternehmungen (...) Reichsschutz zu gewähren und ihnen gewisse Be ihilfen in ihren Kolonialbestrebungen zu leisten, um denjenigen Gebilden (...) in fremden Ländern Pflege und Schutz angedeihen zu lassen“. 64 Die Prosperität der Schutzgebiete stand bei Bismarcks Überlegungen allerdings im Hintergrund, da er Kolonien ohnehin für wirtschaftlich unrentabel hielt. In seiner Reichstagsrede schwingt unterschwellig eher ein ‚Handelspatriotismus‘ mit, für den er - wie oben dargelegt - auch schon früher eingetreten war.
Trotz der formellen Anerkennung des Schutzgebietes war bei der englischen Regierung anscheinend das Misstrauen gegenüber Deutschlands kolonialen Ambitionen geweckt. Der Kolonialminister Lord Derby wies im Juli 1884 jedenfalls die Regierung der Kapkolonie an, alle Gebiete zwischen dem Kapland und Angola, die nicht unter deutschem Schutz standen, zu annektieren. Doch ehe dies verwirklicht werden konnte, hatte Bismarck schon Kriegsschiffe in Richtung Südwestafrika entsandt, die im Norden und Süden des Gebietes deutlich die deutsche Flagge hissten. Mit dieser physischen Präsenz der deutschen Marine wurde die Besitzergreifung des Lüderitz´schen Gebietes deutlich unterstrichen, so dass weder Kapland noch Großbritannien intervenierten. Am 8. September 1884 folgte die amtliche Verlautbarung des Reiches über die Annexion Südwestafrikas. 65 Es folgten die Besitzergreifungen in Togo und Kamerun im Juli 1884,
63 Herbert v. Bismarck und Lord Granville, zit. nach Große Politik, Bd. 4, S. 67; vgl. Engelberg, S. 371.
64 Otto v. Bismarck, zit. nach Gesammelte Werke, Bd. 12, S. 479.
65 Vgl. Engelberg, S. 371; vgl. auch Mommsen, Großmachtstellung, S. 75.
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dann in Ostafrika im Februar 1885 und im nordöstlichen Neuguinea und der vorgelage rten Inselgruppe im Mai 1885. 66
4. Die außenpolitische Situation 1884/85
Wie schon erwähnt, war die Außenpolitik des Deutschen Reiches seit 1871 sehr zurückhaltend und auf Vorsicht bedacht, um besonders das deutsch- französische Verhältnis nach dem Krieg wieder zu normalisieren, aber auch die anderen europäischen Mächte von der deutschen Friedfertigkeit zu überzeugen. Während sich jedoch England, Frankreich und Russland Anfang der 1880er Jahre mit Streitfragen um ihre Kolonialgebiete beschäftigten, änderte sich im Reich die antikoloniale Haltung in der öffentlichen Meinung und ebenso Bismarcks zurückhaltende Strategie in der Außenpolitik.
1884 trat das Reich ebenso in den ‚Scramble for Africa’ ein und schoss sich gleich auf den größten Kolonialrivalen England ein. Die Briten hatten schon im Februar 1884 einen Vertrag mit Portugal geschlossen, der ihnen politisch noch nicht realisierbare Ansprüche an der westafrikanischen Küste sichern sollte, scheinbar, um das Vordringen anderer europäischer Mächte, besonders der Franzosen, zu verhindern. 67 Bismarck erklärte, Großbritannien strebe anscheinend „nach möglichster Alleinherrschaft in den außereuropäischen Meeren". 68 Er schloss sich dem Protest Frankreichs an und veranlasste bei seinen Bundesgenossen Russland und Österreich-Ungarn dasselbe. Bismarck sah in dieser Situation die Chance, mit den Franzosen gemeinsam gegen Großbritannien vorzugehen und eine deutsch- französische Kolonialentente aufzubauen. So konnte er gleichzeitig Frankreich vom Verlust Elsaß-Lothringens ablenken und eine französischbritische Allianz gegen das Reich verhindern. Außerdem rang er noch um die englische Anerkennung des deutschen Schutzgebietes in Angra Pequena. 69
Bismarck versuchte mit allen Mitteln, eine Isolation Großbritanniens herbeizuführen. Das Gleichgewicht des europäischen Mächtesystems sollte auch auf die überseeische
66 Vgl. Engelberg, S. 374.
67 Portugal bekam vertraglich die Souveränitätsrechte zugeschrieben, sollte laut Mommsen jedoch als
„Strohmann“ dienen. Vgl. Mommsen, Großmachtstellung, S. 67.
68 Otto v. Bismarck, zit. nach Große Politik, Bd. 3, S. 414.
69 Vgl. Mommsen, Großmachtstellung, S. 67 f.
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Welt ausgedehnt werden, um den Wettlauf um Kolonien in geordneten Bahnen zu ha lten und Deutschland nicht ins Hintertreffen geraten zu lassen. Eine formelle Gründung von deutschen Kolonien wollte Bismarck immer noch verhindern, obwohl er durch die Schutzerklärungen 1884 längst über diesen Punkt hinaus war. 70 Trotzdem versicherte Bismarck im September 1884 dem französischen Botschafter de Courcel noch glaubhaft: „Die Ausdehnung unserer kolonialen Besitzungen ist nicht Gegenstand unserer Politik; wir haben nur im Auge, dem deutschen Handel den Eingang nach Afrika an Punkten zu sichern, welche bis jetzt von der Herrschaft anderer europäischer Mächte unabhängig sind.“ 71
Im Oktober 1884 wurde unter Bismarcks Beteiligung das „Syndikat für Westafrika“ gegründet, um die koloniale Verwaltung Kameruns zu regeln. Die beteiligten Firmen weigerten sich jedoch strickt, die Verantwortung und die Kosten zu übernehmen und forderten die Einsetzung eines Gouverneurs auf Kosten des Reiches. Als es wenig später zu Auseinandersetzungen mit den einheimischen Dualas kam, musste das Reich no tgedrungen seinen Schutz mit militärischer Hilfe gewährleisten. Im Mai 1885 wurde der erste deutsche Gouverneur in Kamerun eingesetzt. Das System der indirekten Herrschaft hatte längst vor den realen Gegebenheiten kapituliert. 72
Bei der Afrika-Konferenz in Berlin im November 1884 wurde die Aufteilung des Kontinents unter den europäischen Großmächten festgeschrieben. Bismarcks Versuche, die informellen Herrschaftssysteme durchzusetzen, waren gescheitert. Auch die Isolierung Englands wurde aufgrund des französischen Misstrauens gegen Deutschland nicht bewerkstelligt. Allerdings hatte sich bei der Konferenz die deutsche Führungsposition im internationalen System herauskristallisiert, die jedoch - außer der internationalen Ane rkennung der deutschen Schutzgebiete - keine größeren außenpolitischen Erfolge brachte. 73
70 Vgl. Mommsen, Großmachtstellung, S. 68 ff.
71 Otto v. Bismarck, zit. nach Mommsen, Großmachtstellung, S. 71.
72 Vgl. Mommsen, Großmachtstellung, S. 71.
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IV. Auswirkungen und Beurteilung des kolonialen Vorstoßes 1884/85
1. Enttäuschung der hohen Erwartungen an die deutsche Kolonialpolitik
Bismarck trug dem hohen Interessendruck von Seiten der Kolonialbefürworter 1884 Rechnung. Doch zur Enttäuschung dieser sollten die ‚Schutzerklärungen‘ Bismarcks nur eine staatliche Hilfestellung im Rahmen einer begrenzten Außenhandelspolitik darstellen. Der Reichskanzler ließ sich nicht zu staatlicher Kolonialpolitik nötigen, sondern nutzte die lautstarken Forderungen als eine plebiszitäre Legitimation für seine kolonialen Experimente. Er hatte die taktische „Bedeutung der Kolonialfrage für unsere innere Politik" erkannt, blieb jedoch grundsätzlich „gegen Kolonien" 74 eingestellt. Auf diesen Widerspruch wird unten noch einzugehen sein. Die Unternehmer wurden von den substanzlosen politischen Schutzgarantien und der unsicheren Gewinnperspektive der Kolonien abgeschreckt. Die meist kleineren, relativ unbedeutenden Investitionen, die über den schon bestehenden Kolonialhandel hinaus als Reaktion auf die Propaganda der kolonialen Bewegung gemacht wurden, waren weniger aus ökonomischer als aus patriotischer Überzeugung heraus getätigt worden. 75
Da das Schutzbriefsystem bei den Kaufleuten schon bald auf Desinteresse stieß, wurden in Togo und Kamerun von Beginn an Reichsbeamte eingesetzt. Nach Deutsch-Südwestafrika wurde schon im Mai 1885 der Reichskommissar Dr. Heinrich Göring (der Vater Hermann Görings) berufen, weil die dortige Gesellschaft an den Hoheit srechten nicht mehr interessiert war. 1888 kündigte der eingeborene Herero-Stamm von sich aus die deutsche Schutzherrschaft in Südwestafrika auf, was zur Entsendung einer deutschen Militärexpedition führte und den Weg zu der faktisch schon bestehenden, nun jedoch formellen Territorialherrschaft unter der politischen Verantwortung des Re iches bedeutete. 76
Die Probleme im Inneren des Deut schen Reiches wurden nicht aufgrund der Kolonia lexpansion, sondern auf andere Weise geregelt. Dem Bevölkerungsdruck konnten die
73 Vgl. Mommsen, Großmachtstellung, S. 72 ff.
74 Otto v. Bismarck, zit. nach Große Politik, Bd. 4, S. 96 f.; vgl. auch Engelberg, S. 378; vgl. Bade, Kolo-
nialbewegung, S. 207.
75 Vgl. Bade, Kolonialbewegung, S. 209.
76 Vgl. Bade, Kolonialbewegung, S. 209.
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Kolonien nicht nachgeben, da sie für eine Masseneinwanderung allesamt ungeeignet waren. Der Bevölkerungszuwachs bremste sich jedoch fast von selbst, da das Reich sich im Übergang von der Agrar- zur Industriegesellschaft befand und damit eine sinkende Geburtenrate einherging. Ebenso wenig wurde die Wirtschaftskrise durch den Koloni-alhandel gestoppt, der zuerst meist nur Verlustgeschäfte brachte und auch später nur eine sehr untergeordnete Rolle spielte. Von 1910 bis 1913 betrug der Anteil des gesamten Kolonialimports und -exports nur etwa ein halbes Prozent des gesamten deutschen Außenhandels. Außerdem wandelte sich das Auswanderungs land Deutschland der 1880er zum Arbeiter-Einwanderungsland in den 1890er Jahren bis zum Ersten Weltkrieg, da das Wirtschaftswachstum wieder einsetzte. Die Kolonien brachten ebenfalls keine Lösung in der ‚sozialen Frage‘. Auch hier hatte der Wirtschaftsaufschwung in den 1890ern einen größeren Effekt, da durch das steigende Erwerbsangebot die industrielle Arbeiterschaft Auftrieb erhielt und die Gefahr der Massenarmut und der sozialen Revolution gebannt wurde. Die Kolonialbewegung schaffte es nicht, zu einer Massenbewegung zu werden, auch wenn sie für gewisse Kreise in geringem Maße integrativ wirkte. 77
Die deutschen Kolonien bewirkten für das Reich und besonders für Bismarck - anstatt eines ‚Exports des revolutionären Zündstoffs‘ - durch die häufigen Konflikte mit der einheimischen Bevölkerung eher einen Problemimport. Zu diesem Schluss kommt ebenfalls Klaus J. Bade. Er sieht in den Monaten vor Bismarcks Sturz eine politische Isolation des Reichskanzlers durch die inzwischen große Koloniallobby im Reichstag aufgrund seines Zögerns, während der Kolonialkrise in Afrika eine direkte Reichskolonialverwaltung aufzubauen. 78
2. Erklärungsansätze für Bismarcks Kolonialagitation
Wie oben dargelegt, hatte die Kolonialpublizistik durch ihre massive Propaganda für eine staatliche Kolonialpolitik einer anwachsenden kolonialen Bewegung den Boden bereitet. Laut Horst Gründer war diese jedoch keineswegs als eine „nationale Bewegung“ anzusehen. Da Bismarck jedoch ohne den „Impuls aus der Nation“ eine Kolonialpolitik kategorisch ablehnte und kein Anlass dazu besteht, an Bismarck Grundeinstel-
77 Vgl. Bade, Kolonialbewegung, S. 212 ff.
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lung gegenüber Kolonien zu zweifeln, stellt sich die Frage, wie es zu der Kolonia lexpansion 1884/85 kommen konnte. 79
Das Spektrum der Meinungen zu dieser Frage ist groß. Doch können die beid en 'Eckthesen' aus der älteren Forschungsliteratur, einerseits, Bismarck habe nur dem öffentlichen ‚Kolonialdruck' nachgegeben, obwohl er selbst keine Kolonialpolitik wollte 80 , und andererseits, er habe schon immer auf der Lauer gelegen und nur den richtigen Zeitpunkt abgewartet, um nach Kolonien zu greifen 81 , mit Blick auf unzählige Zitate und neuere Bismarck-Biographien getrost zu den Akten gelegt werden.
Ebenso werden oft persönliche Kontakte Bismarcks beziehungsweise seiner Berater zur Kolonialwirtscha ft als Erklärung für seinen expansionistischen Vorstoß herangezogen 82 , wie schon im Fall der Samoa-Vorlage vermutet. 83 Hier soll der Fachreferent im Auswärtigen Amt Heinrich v. Kusserow, Schwiegersohn des Bankiers und Inhabers der Diskonto-Gesellschaft Adolf v. Hansemann, „maßgeblichen Einfluß“ auf Bismarck gehabt haben. Doch verweist Hans-Ulrich Wehler auf Bismarcks diktatorischen Führungsstil im Auswärtigen Amt, unter dem v. Kusserow nur ein „Werkzeug“ Bismarcks -und nicht umgekehrt - gewesen sein konnte. 84 Auch wird dem Westafrikahändler Adolph Woermann oft eine entscheidende Rolle zugeschrieben. Laut Horst Gründer besitzen diese Vermutungen zumindest einen „realistischen Hintergrund“, da Bismarck in der Tat den deutschen Westafrikahandel durch die kolonialen Abmachungen Eng-lands und Frankreichs 85 gefährdet sah und dann schließlich 1884, „wenn auch widerstrebend“, den formellen Reichsschutz für diese Gebiete zu geben bereit war. 86 Hier spielte jedoch die Frage der Handelsinteressen eindeutig eine größere Rolle als der persönliche Einfluss bestimmter Kolonialhändler auf den Reichskanzler.
Ob die ökonomischen Interessen der Kolonialwirtschaft aber wirklich den Anstoß zu Bismarcks Kolonialreich gegeben haben, ist ebenfalls mehr als fraglich. Die Vorstellungen des Reichskanzlers waren den Gedanken der Freihandelsexpansion ohne staatli-
78 Vgl.Bade, Kolonialbewegung, S. 211.
79 Vgl. Gründer, S. 51.
80 These von F. Meinecke, 1918; auch H. Oncken, 1933.
81 These von M. E. Townsend, 1921.
82 These von G. Hallgarten, 1963.
83 s. o., S. 11 f.
84 Vgl. Wehler, Bismarck, S. 419.
85 s. o., S. 13 u. 16.
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che Vorantwortung ohne Zweifel näher als der Idee einer staatlichen Kolonialpolitik. Die englische Maxime „The flag follows the trade“ entsprach seinem Ideal von einer informellen Kolonialpolitik, bei der sich die Handelsunternehmen selbständig und auf eigene Verantwortung in den Überseegebieten fortpflanzen sollten. Dieses Prinzip hat er auch lange versucht, aufrecht zu erhalten. Die Schutzbriefe waren lange Zeit nicht das Papier wert, auf dem sie geschrieben standen, bis die häufigen inneren Unruhen in den Kolonien die Reichsleitung zu einem militärischen Eingreifen zwangen und die wage Schutzherrschaft zu einer faktischen Territorialherrschaft wurde. Diese war von Bismarck jedoch zu keinem Zeitpunkt wirklich gewollt. Da auch die wirtschaftliche Rentabilität der Schutzgebiete sehr zweifelhaft war - was man nicht nur an dem wirtschaftlichen Scheitern von Lüderitz im Dezember 1884 sehen kann -, sind die ökonomischen Motive Bismarcks für seine Kolonialpolitik höchstens auf lange Sicht angelegt gewesen. 87 Obwohl er seinen kolonialen Vorstoß oft mit der Unterstützung der Kolonialwirtschaft rechtfertigte, war ihm sehr wohl bewusst, dass der reale Nutzen von Kolonien nicht in ihrer nicht vorhandenen Wirtschaftskraft zu finden sein konnte.
Wenn die wirtschaftlichen Motive jedoch eher gering gewesen sein konnten, muss auch ein Teil der „Sozialimperialismus“-These von Hans-Ulrich Wehler, nämlich die sozia lökonomischen Ziele Bismarcks, in Frage gestellt werden. War Bismarck sich bewusst, dass Kolonien keinen wirtschaftlichen Nutzen bringen, so konnte auch kein besonders großer Effekt auf die deutsche Wirtschaft, den Arbeitsmarkt und damit die Lage der industriellen Arbeiterschaft und die Sozialdemokratie zu erwarten sein, abgesehen von dem „großen nationalen Ziel“ als Ablenkung von den innenpolitischen Problemen. Trotzdem ist Wehlers These immer noch die umfassenste Erklärung für Bismarcks Vorgehen. Der „pragmatische Expansionismus" 88 , der besonders den innenpolitischen Gegebenheiten Rechnung trug, also auf eine Konsolidierung der Macht der Reichsle itung und der Stellung Bismarcks hin abzielte, der aber auch außenpolitische Erwägungen in Betracht zog und ziehen musste, beschreibt einen multikausalen Erklärungsansatz für Bismarcks Imperialismus 1884/85. Dazu gehört auch sein zeitlich naheliegenstes politisches Ziel, bei den Reichstagswahlen im September 1884 die bestehenden
86 Vgl. Gründer, S. 52.
87 Vgl. Gründer, S. 53.
88 Hans-Ulrich Wehler, Bismarck, S. 501.
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Mehrheiten und damit die Reichsregierung zu stärken. „Die ganze Kolonialgeschichte ist ja Schwindel, aber wir brauchen sie für die Wahlen“. 89
Dass die Außenpolitik bei Bismarcks Vorgehen eine Rolle gespielt hat, lässt sich sicher nicht von der Hand weisen. Die Aufgabe der deutschen ‚Saturiertheit‘ zugunsten von Kolonien kann auf die günstige außenpolitische Lage Anfang der 1880er Jahre zurückgeführt werden. Doch kann dies nicht der Grund für den Kolonialerwerb gewesen sein, sondern allenfalls eine weitere Möglichkeit zu dem Selbigen geboten haben. Interessant in diesem Zusammenhang ist das Verhältnis zu England, das einerseits mit seiner Außenpolitik als kolonialer Vorreiter zum Vorbild Deutschlands wurde, andererseits in der Innenpolitik das liberale Feindbild der konservativen deutschen Gesellschaft darstellte. Eine schon fast konspirativ anmutende, ältere These über das Verhältnis zu England ist die, dass der Eintritt in die Kolonialpolitik mit Blick auf den deutschen Kaiserthron gemacht wurde, der noch besetzt war von dem alten Wilhelm I., mit dessen Tod man rechnete, und dann die Sorge bestand, der liberale Kronprinz Friedrich III. würde unter Einfluss seiner englischen Gemahlin Viktoria, der Tochter der britischen Queen, eine deutsches liberales „Kabinett Gladstone“ einberufen. 90 Diese These nährt ein Zitat Herbert v. Bismarcks, der allerdings erst 1890, als sein Vater schon von Kaiser Wilhelm II. entlassen worden war, sagte: „Als wir in die Kolonialpolitik hineingingen, mussten wir auf eine lange Regierungszeit des Kronprinzen gefaßt sein, während welcher der englische Einfluß dominieren würde. Um diesem vorzubeugen, musste die Kolonialpolitik eingeleitet werden, welche volkstümlich ist und in jedem Augenblick Konflikte mit England herbeiführen kann.“ 91 Auch Bismarck selbst soll sich in dieser Richtung 1884 gegenüber dem russischen Zaren geäußert haben. Nach dieser Deutung wäre die Kolonialpolitik also eine ‚antibritische‘ gewesen, die eine Übertragung der innenpolitischen Verhältnisse Englands auf das Reich durch koloniale Konflikte verhindern wollte. Ebenso ist die Annäherung an Frankreich und der Versuch einer deutsch-französischen Kolonialentente als Politik gegen Großbritannien zu sehen, aber auch als Ablenkung der Franzosen von dem „Loch in den Vogesen“ 92 , dem Verlust Elsaß-Lothringens.
89 Otto v. Bismarck, zit. nach Gründer, S. 58.
90 These von E. Eyck, 1941/44; vgl. Gründer, S. 53 f.; vgl. Hillgruber, Bismarcks Außenpolitik, S. 170;
vgl. auch Wehler, Gesellschaftsgeschichte, S. 973 f.
91 Herbert v. Bismarck, zit. nach Gründer, S. 54.
92 Vgl. Mommsen, Großmachtstellung, S. 68.
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V. Ausblick und Schluss
Die Kolonialgründungen 1884/85 hatten für Bismarck sicherlich vor allem innenpolitische Motive, nachdem er zuerst von der kolonialen Bewegung und dann auch Anfang der 1880er Jahre von der umschlagenden öffentlichen Meinung unter Druck gesetzt worden war. Obwohl eine Ausweitung des deutschen Handels bei seinem ‚Freihandelsimperialismus‘ eine große Rolle spielte, standen die wirtschaftlichen Motive für die Kolonialgründungen hinter den innenpolitischen zurück. Einen direkten Bezug von der Innenpolitik zur Kolonialpolitik scheint besonders die These zu haben, die Reichsle itung habe der zu erwartenden liberalen Politik Friedrich III. entgegensteuern wollen. Es wäre sicher eine genauso schwere wie interessante Analyse, ob sich noch weitere i nnenpolitische Ereignisse oder Erwartungen - mal abgesehen von der schon länger andauernden Revolutionsfurcht - direkt auf die Kolonialpolitik auswirkten. Jedoch sind koloniale Entscheidungen als unmittelbare Reaktion auf gesellschaftliche Spannungen eher unwahrscheinlich.
Bismarck liess sich Anfang der 1880er Jahre sicherlich von den Kolonialenthusiasten in gewissem Maße beeinflussen. Dafür spricht besonders der Hinweis, dass Friedrich Fabri eine Vertrauensperson Bismarcks in Fragen der Kolonialpolitik wurde. 93 Doch muß für ihn das nationale Argument für Kolonien das Bedeutendste gewesen sein, während er sich vor allem der wirtschaftlichen Argumentation bediente, um seine Schritte zu rechtfertigen. Da aufgrund der wagen ökonomischen Aussichten ebenfalls in der sozialökonomische Lage keine sonderliche Besserung in Aussicht zu sein schien, spielte Bismarck für die kurze Zeit, die ihm die außenpolitische Ruhephase auf dem europäischen Kontinent bot, die nationale Karte voll aus. Als die Konflikte mit den Großmächten, vor allem mit England, zu groß wurden, mußte er mit der Kolonialpolitik inneha lten und sich wieder den innenpolitischen Problemen des Reiches stellen.
Neben aller außenpolitischen Strategie, war Bismarck sich vor allem der Wirkung des Kolonialerwerbs auf die deutsche Innenpolitik, auf den Reichstag und die Gesellschaft bewusst. Die Kolonialfrage war im Januar 1885 für ihn „schon aus Gründen der inneren Politik“ zu einer „Lebensfrage“ geworden. „Die öffentliche Meinung legt gegenwärtig in Deutschland ein so starkes Gewicht auf die Kolonialpolitik, dass die Stellung
93 Vgl. Gründer, S. 34.
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der Regierung im Innern von dem Gelingen derselben wesentlich abhängt.“ 94 Die Konsolidierung seiner Machtstellung war also ebenfalls ein starkes Motiv und die Kolonia lpolitik vermutlich nur eines seiner Mittel zur Erhaltung seiner Macht. Ernst Engelberg geift eine Formulierung des Liberalen Ludwig Bamberger auf, die Bismarcks Vorgehen treffend zu beschreiben scheint. Die Kolonialpolitik war für ihn ein „Experimentierfeld“ im Dienste seiner Machterhaltung. 95 Er nahm mit den Gebietsergreifungen gewisse Unsicherheitsfaktoren im ökonomischen und außenpolitischen Bereich hin, um alle Mittel einsetzen zu können, die der Festigung seiner Stellung als Reichskanzler dienlich sein konnten.
94 Otto v. Bismarck, zit. nach Große Politik, Bd. 4, S. 96 f.
95 Vgl. Gründer, S. 378.
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VI. Literaturverzeichnis
Quellen:
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(Hg.): Die Herausforderung des europäischen Staatensystems. Göttingen 1989.
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Engelberg, Ernst: Bismarck. Das Reich in der Mitte Europas. Berlin 1990.
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Gründer, Horst: Geschichte der deutschen Kolonien. 4. verb. u. erg. Aufl.
Paderborn 2000.
Mommsen, Wolfgang J.: Das Ringen um den nationalen Staat. Die Gründung und der
innere Ausbau des Deutschen Reiches unter Otto von Bismarck. Berlin 1993.
Ders.: Großmachtstellung und Weltpolitik. Die Außenpolitik des Deutschen Reiches
1870-1914. Frankfurt a. M. 1993.
Wehler, Hans -Ulrich: Bismarck und der Imperialismus. Köln 1969.
Ders.: Deutsche Gesellschaftsgeschichte. Bd. 3. Von der „Deutschen Doppelrevoluti-
on„ bis zum Beginn des Ersten Weltkrieges 1849 - 1914. München 1995.
Ziekursch, Johannes: Politische Geschichte des neuen deutschen Kaiserreiches. Bd. 2.
Das Zeitalter Bismarcks (1871 - 1890). Frankfurt a. M. 1927.
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