Erziehung ihrer eigenen Kinder nur eine Nebenrolle zu spielen. Es ist ihrer Aufgabe, die Kinder soweit wie möglich auf die Schule vorzubereiten.Dies sind zumindest nach Herbart die optimalen Vorraussetzungen für eine erfolgreiche Erziehung.
Herbart ist sich sicher, daß es nicht vorherbestimmt ist, was aus dem Menschen werden kann.Er sieht also ein großes Wirkungsfeld für den Erzieher, um das Werden des Geistes eines Schülers zu formen. So liegt es in der Hand es Erziehers, den Geist des Schülers so zu formen, daß man von einer erfolgreichen Erziehung in Herbart's Sinne reden kann. Auch ist Herbart der Meinung, daß das Prinzip der Bildung noch nicht im Menschen eingepflanzt ist. Der Mensch muß die konkrete, faktische Bestimmtheit seiner selbst erst finden.Der Mensch ist also bloß daß, was er wird, nicht daß, was er schon war.Und wieder zeigt sich, daß das Werden des Schülers zum großen Teil, wenn nicht vollständig, in der Hand es Erziehers liegt.
KINDLICHE ENTWICKLUNG
Am Anfang der kindlichen Entwicklung steht das Gedächtnis. Das Kind gibt nur schon einmal Gehörtes wieder. Hierfür ist noch keine höhere Bildung notwendig. Als weitere Entwicklungsstufe folgt das Verständnis.Das Kind möcht Neues lernen und begreifen. Es kann aber noch Rückfälle in die vorher gegangene Phase geben. Zu Lust und Unlust kommen jetzt auch Neigung und Abneigung.Auf diese Phase, in der das Kind noch ständig Fragen stellt, um besonders viel zu erfahren, folgt eine Phase, in der das Kind weniger Fragen stellt und eher zurückhaltend ist. Das Kind übt sich in Selbstbestimmung, was später der Vernunft zugeordnet wird. Nach Herbart sollte das Kind am besten immer nur von einer Person geleitet werden. In den ersten Phasen (Gedächtnis, Verständnis, Vernunft) sollte es am besten die Mutter sein.Sobald dann der Lehrer das Kind in die Schüle übernimmt, darf er keine großen Sprünge machen, sondern er muß an das schon Erlernte anknüpfen.In der Schule werden Wiedergabevermögen, Phantasie und Verstand erwartet. Einsicht und Wille sind noch keine Voraussetzung, sie sollen erst in der Schule vom Schüler erlernt werden. Außerdem ist der unbedingte Gehorsam des Schülers eine wichtige Voraussetzung für den Unterricht.
GLIEDERUNG DES UNTERRICHTS
Nach Herbart gibt es 3 Faktoren, die für diesen erziehenden Unterricht notwendig sind.
Diese sind der Lehrer, der Lernende (Schüler/Zögling) und das Medium des Unterrichts (Unterrichtsstoff).
Der Lehrer ist schon erzogen worden. Dies setzt voraus, daß er 'geistig tätig' ist und daß sein 'Gedankenkreis' schon ausgebildet ist.Dies sind unbedingt notwendige Kriterien, die ein Lehrer, der einen Schüler erziehen will erfüllen muß. Auch unbedingt notwendig für die Erziehung ist es, den Unterrichtsstoff dem Charakter des Schülers anzupassen. Ist der Stoff zu leicht, so langweilt sich der Schüler. Ist der Stoff andererseits zu schwer, so ist der Schüler überfordert. Der Unterrichtsstoff muß also so gewählt werden, daß keine der beiden Situationen für den Schüler eintritt, denn sonst wäre der Unterricht nicht erfolgreich.
Auch eine wichtige Mühe des Erziehers besteht darin, der Sittlichkeit eine mehr und mehr dominierende Stellung gegenüber den anderen seelischen Vorkommnissen einzuräumen.
Ebenso muß der Lehrer die schon erworbenen Vorstellungsmassen des Schülers berücksichtigen.D.h. der Schüler hat in seinem Vorleben in verschiedenen Situationen und Umgebungen verschiedenes Verhaltensweisen gelernt und angewandt und somit unterschiedliche Rollenerwartungen bedient. Aufgabe des Lehrers ist es über diese internen Vorstellungsmassen Kenntnis zu erlangen, um durch den Unterricht diese oft disparaten Verhaltensmuster zu integieren, damit die Wirksamkeit des Unterrichtes sich beim Schüler über alle Bereiche auspräge.
Der Schüler hat verschiedene Vorstellungsmassen z.B. für seine häusliche Umgebung, für den Spielplatz und für die Schule, während ein Erwachsener verschieden Vorstellungsmassen z.B.für seine Arbeit,für seine Familie und für die Kirche hat.Es wird also damit leicht deutlich, warum sich der Schüler in den verschiedenen Umfelder unterschiedlich verhält. Es kann jedoch schwierig für den Lehrer sein, in diese Verhaltensmuster einzugreifen, denn je mehr Vorstellungsmassen ein Schüler hat, und je weniger sie verwoben sind, desto schwieriger ist es für den Erzieher, Einblick in den Charakter des Schüler zu erhalten. Dies ist z.B. so, wenn ein Kind in vielen verschiedenen Häusern aufgewachsen ist, und es sich somit in immer neuen Umfeldern zurecht finden mußte.
Es ist überhaupt erst möglich Kenntnis über die Vorstellungsmassen eines Kindes zu gewinnen, wenn es beginnt zu sprechen. Das Kind hat mit dem Erlernen der Sprache die Fähigkeit, Auskunft über seinen Gemütszustand zu geben. Erst jetzt kann erkannt werden, in wie weit die Vorstellungsmassen für den Erzieher erreichbar sind. Bei Kinder, die viele verschiedene
Vorstellungsmassen haben, ist es also sehr schwierig für den Lehrer richtig anzusetzen, denn die vielen Vorstellungsmassen passen oft nicht zueinander und sind schlecht verbunden. Das Kind ist als dann für den Erzieher nicht leicht zu erreichen und es wird ihm schwer fallen sich gegenüber dem Lehrer zu öffnen und ihm zu vertrauen, was dem Lehrer ein Herankommen an das Innere des Schülers fast unmöglich macht.
Als Erwachsener ist der ehemalige Schüler schon zur geistigen Festigkeit gelangt. In dieser Phase ist er für den Erzieher nicht mehr erreichbar. Die Tätigkeit des Erziehers muß sich also auf die Kindphase des zu Erziehenden beschränken und in dieser Phase so erfolgreich wie möglich sein. Außerdem sollte der Erzieher sich seiner selbst bewußt sein. D.h. er selbst sollte sich gegen seiner Erzieher entgegengestemmt haben, um aus einer Phase, in der der eigene Wille überwiegt,so viel wie möglich über sich selbst zu lernen.
Der Schüler soll erzogen werden. Er soll unter der Anleitung des Lehrers die 'geistige Tätigkeit' erlernen und sein 'Gedankenkreis' soll ausgebildet werden.Hierzu muß jedoch eine Kommunikation zwischen Lehrer und Schüler zustande kommen.Der Schüler muß also selbst wollen, selbst einsehen und selbst anerkennen, damit der Unterricht erfolgreich sein kann. Das Medium ist der Unterrichtsstoff, der im erziehenden Unterricht behandelt wird. Es steht als zu behandendes Thema zwischen dem Lehrer und dem Schüler. Es soll eine Kommunikation entstehen, aus der heraus der Schüler später selbst verstehen und selbst entscheiden soll. Der Schüler ist also nicht nur ein Objekt der didaktischen Maßnahmen des Lehrers, sondern er steht zwischen dem Lehrer und dem Medium, um aus diesem Verhältnis zu lernen. Herbart kann jedoch nirgends deutlich machen, wie genau der Bildungsinhalt diese Mediums aussehen soll. Er gibt also eine Theorie vor, aber wie diese in die Praxis umgesetzt werden kann wird nicht klar. Erziehung ist in Herbart's Sinne vornehmlich die Ausbildung des 'Gedankenkreises'. Und eben diese Erziehung ist durch den erziehenden Unterricht möglich. D.h. also, daß Erziehung kein Verändernwollen, sondern das Vermitteln des Mediums in der Struktur des Unterrichts ist. Der Gedankenkreis ist "... die vom detaillierten Wissen bis zum religiösen Glauben reichende Vorstellungswelt des Menschen. Nicht nur Wissen in Theorie und Praxis, sondern vor allem auch die Überzeugung des Herzens, das Wert- und Normbewußtsein einer Person" (vergl.S 53,Quellenangabe: 2). Die Ausbildung des Gedankenkreises soll den Menschen über sein Tiersein und damit über seine ungefilterte Treibhaftigkeit hinaus heben. Das Lernen selbst sollte die Einheit der Gesetzlichkeit ( die Ordnung und Anpassung des Unterrichtsstoffs) und der Freiheit des Lernens sein. Als Erstes sollte im Unterricht die Einsicht und der Wille als einzelne gelehrt und gelernt werden.
Aus Einsicht und Wille entsteht später die vom Schüler angestrebte Freiheit.Nach dieser ästhetischen Grundlage sollte die moralische folgen. Das Lernen der Moral ist jedoch erst nach dem vollständigen Erlernen der ästhetischen Ebene möglich. Das erfolgreiche Erlernen der Moral ist jedoch nur möglich, wenn seine Erziehung den Schüler in die richtige Richtung lenkt. Sollte der Schüler das Ästhetische über die Moral stellen, so ist ein Erfolg der Erziehung in Gefahr, weil der Schüler das Erlernte mit falschen Prioritäten belegt. So sollte der Schüler auf keinen Fall glauben, daß es schon reiche, nur den Anweisungen des Lehrers über das Auswendiglernen und Üben zu folgen. Für den Erfolg des erzieherischen Unterrichts ist es unbedingt notwendig, daß der Schüler Interesse zeigt. Es ist also nicht nur das Lernen des Stoffs Zweck des Unterrichts, sondern auch das Interesse des Schülers zu wecken, denn erst daraus kann sich eine eigenständige Denkweise entwickeln ( " Das Lernen soll dazu dienen, daß Interesse aus ihm entstehe. Das Lernen soll vorübergehen, und das Interesse soll während des ganzen Lebens beharren" S.57 Quellenangabe: 2).
Damit der Erfolg der Erziehung gesichert ist, ist auch Zucht notwendig. Die Zucht soll sicher stellen, daß der Schüler all die Wünsche und Vorstellungen, die er als Kind hat, und die er als Erwachsener verwirklichen will, mit genügend Realismus betrachtet.Es soll zu große Leidenschaft und ein Ausbruch der Affekte vermieden werden.Zwar ist sicher, daß der Zögling nach dem Ende der Kontrolle durch den Lehrer erstmal aus dieser Zucht ausbrechen wird und seine Individualität ausprobieren wird, aber gerade dann zeigt sich, ob die Erziehung erfolgreich war. Der Zögling wird in seiner neu gewonnenen Freiheit sicher Erfahrungen sammeln und Fehler machen. Nur wenn er aus seinen Fehlern etwas lernt und dies zu seiner Selbsterkenntnis und Selbsterfahrung beiträgt, war die Erziehung erfolgreich. Das Prinzip der Zucht bezieht sich also auf den Erwachsenen, während die Regierung mehr auf die Gegenwart in der Erziehung zielt. Sie soll den Schüler in seinen Schranken halten und ihm den Druck deutlich machen, den auch Erwachsene durch die menschliche Gesellschaft haben. Die drei Begriffe der Regierung, des Unterrichts und der Zucht bilden die allgemeine Pädagogik. Nur alle drei zusammen sind wirkungsvoll für die Erziehung. Keiner von ihnen kann allein etwas bewirken, jedoch zusammen und in der richtigen Anwendung wird die Erziehung eines Schülers erfolgreich sein, so Herbart.
KRITIK
Hornstein kritisiert in seinem Buch 'Bildsamkeit und Freiheit', daß Herbart dem Leser einige Informationen schuldig bleibt.
So beschreibe er zwar, wie der 'Gedankenkreis' aussehen sollte, aber wie er genau funktionieren soll, und wie der Lehrer dies dem Schüler beibringen soll, bleibe er dem Leser als Information schuldig. Auch habe er nirgends beschrieben, was eigentlich die 'geistige Tätigkeit' genau bedeutet und wie sie erlernt werden kann. Er benutze es als Schlagwort und bleibt eine genaue Definition schuldig. Herbart versucht eine Grundstrktur der 'geistigen Tätigkeit' aufzustellen, in der er
1.) die Vertiefung, als die Breite an faktischen Wissen und
2.) die Besinnung, als das Wissen in Zusammenhang zu setzen, angab.
Auch dies kritisiert Hornstein, mit der Begründung, daß die Begriffe ( Vertiefung, Besinnung) pädagogisch nicht fassbar seien und eher an emotionale Zustände erinnern.
Auch Herbart's Vermittlungstheorie erscheint nicht vollständig, denn er läßt Aspekte wie Einfluß der Autorität, Vorbildfunktion und Liebe außer Acht. Ebenso scheint er die Begriffe der Konversation,Wertung und Ansicht pädagogisch für nicht relevant zu halten, so Hornstein. Des Weiteren wird aus seiner Kritik deutlich, daß Herbart's Pädagogik nicht die Allgemeinheit beansprucht, sondern eher auf seinen persönlichen Erfahrungen basiert. Seine Einstellung als Hauslehrer in einer Patrizierfamilie, in der er gesunde, aufgeweckte Jungen in der häuslichen Umgebung und unter der Autorität des Vaters unterrichtete, zeigten doch sehr leichte Lehrverhältnisse auf.
Quellenangaben:
1 : FLITNER,W.(Hrsg.): HERBART, J. F.:Pädagogisch Didaktische Schriften. Küpper, 1965
2 : DERBOLAV,J.(Hrsg.): HORNSTEIN,H.: Bildsamkeit und Freiheit.
Ein Grundproblem des erzieherischen Denkens bei Kant und
Herbart.1.Auflage. Düsseldorf : Pädagogischer Verlag Schwann ,
1959
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Kari-Linn Bargfeld, 2000, J.F.Herbart, München, GRIN Verlag GmbH
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