I - Meine Motivation
Zur Auswahl dieses Themas kann ich sagen, dass bei kurzem Hineinlesen in alle Theorien in Burkarts „Kommunikationswissenschaft - Grundlagen und Problemfelder - Umrisse einer interdisziplinären Sozialwissenschaft“ (1998) mir die These von der wachsenden Wissenskluft am interessantesten erschienen. Weiters recherchierte ich in der Fachbibliothek des Publizistikinstituts und natürlich im Internet und mit den Resultaten wurde ich in meiner Wahl nur bestätigt.
II - Die These von der wachsenden Wissenskluft
„Wenn der Informationszufluss von den Massenmedien in ein Sozialsystem wächst, tendieren die Bevölkerungssegmente mit höherem sozioökonomischen Status und/oder höherer formaler Bildung zu einer rascheren Aneignung dieser Informationen als die status- und bildungsniedrigen Segmente, sodass die Wissenskluft zwischen diesen Segmenten tendenziell zu- statt abnimmt“ 1
Dies ist die ursprüngliche These von der wachsenden Wissenskluft (oder auch „increasing knowledge gap“), die 1970 von Tichenor, Donahue und Olien - alle von der University of Minnesota - aufgestellt wurde. Die Autoren führten fünf Begründungen für ihre These an 2 :
• Kommunikationskompetenz: Personen mit höherer formaler Bildung verfügen über bessere Lese- und Verstehensfertigkeiten, die für die Aneignung von politischem und wissenschaftlichem Wissen notwendig sind
• Vorwissen: Auf Grund von vorheriger Mediennutzung oder Schulbildung besitzen höher gebildete Personen mehr themenrelevantes Vorwissen. Sie nehmen Informationen zu diesen Themen leichter wahr und verarbeiten diese auch besser.
• Soziale Kontakte: Gebildetere Personen haben mehr relevante Sozialkontakte, das heißt das Potenzial für Diskussionen über politische Themen steigt.
1 Tichenor/Donohue/Olien 1970, zit. N. Bonfadelli 1987, in Anlehnung an die Übersetzung von Saxer, in:
Burkart, Roland, Kommunikationswissenschaft: Grundlagen und Problemfelder - Umrisse einer inter-
disziplinären Sozialwissenschaft, Böhlau Verlag, Wien, Köln, Weimar, 1998, S 253
2 vgl. Wirth, Werner, Von der Information zum Wissen - Die Rolle der Rezeption für die Entstehung von
Wissensunterschieden, Opladen, 1997, S 16f
2
• Selektiver Umgang mit Information: Die Art der Mediennutzung, welche Medien und welche Beiträge ausgewählt werden unterliegen der Selektion des Nutzers. Auch das Behalten von Informationen ist selektiv.
• Sonderrolle der Printmedien: Tichenor, Donahue und Olien geben den Printmedien eine Sonderstellung, wobei sie sich mit dem Fernsehen nur wenig befassen. Dazu noch später.
Wenn diese These so stimmen sollte, beschreibt sie einen Zusammenhang von höchster demokratiepolitischer Brisanz, wonach statushohe Bevölkerungssegmente von massenmedialen Input ungleich mehr als statusniedrigere Bevölkerungssegmente profitieren. 3 Die ursprüngliche Fassung der Hypothese ist an der medienzentristischen Perspektive orientiert und wird oft zu den behavioristischen Stimulus - Response - Modellen gereiht. Dies wurde aber oft kritisiert, da das Lernen von Medieninformationen von der Art der Medieninformation, den Belangen des Publikums und der Umgebung des Rezipienten abhängig ist (transaktionales Modell). Die These von der wachsenden Wissenskluft beschäftigt sich nicht mehr mit den einstellungsverändernden oder einstellungsstabilisierenden Effekten der Mediennutzung, sondern befasst sich mit der Untersuchung von kognitiven Kriterien, mit der Steuerung von Wissensinhalten.
Die Wissensklufthypothese konnte bis jetzt nur dürftig empirisch belegt werden. Es gibt zahlreiche Kritikpunkte, die die Autoren der Theorie laut anderer Kommunikationsforschungen außer Acht gelassen haben. So wird zum Beispiel oft die mangelnde Präzision in der ursprünglichen These kritisiert. Zunächst wird der Wissensbegriff als zu ungenau kritisiert, da keine Differenzierung in Fakten- bzw. Themenwissen (knowledge of) und Struktur- bzw. Hintergrundwissen (knowledge about) erfolgte. Ein anderer strittiger Punkt ist auch die Operrationalisierung von Wissen bzw. Status. Wie soll so ein Faktor messbar gemacht werden? Auch der Begriff des Sozialsystems oder von einer Tendenz zu sprechen erschien zu allgemein. Es erfolgte eine Neuformulierung der These Mitte der 70er durch Ettema/Kline, wobei Begriffe präzisiert wurden und andere Faktoren wie Motivation, Interesse und die Wichtigkeit eines Themas für die bereffende Person, also individuelle Funktionalität mit-einbezogen wurde. Außerdem wurde die Theorie soweit relativiert, dass nicht mehr von einer tendenziell zu- oder abnehmenden Wissenskluft gesprochen wurde, sondern von einer eher zu- als abnehmenden Kluft. Dies beinhaltet auch eine Möglichkeit für statusniedrigere Segmente die Wissenskluft zu verringern und aufzuholen. Weiters wurden auch Faktoren wie Konflikthaltigkeit des Themas,
3 vgl. Serloth, Andreas, Kommunikation über internationale Computernetzwerke - digitale Wissenskluft-
Effekte, Dissertation, Wien, 1995, S
3
Intensität der Medienberichterstattung 4 , die Möglichkeit einer Diskussion im persönlichen Gespräch und die Größe und Homogenität der Gemeinde berücksichtigt. Auch wie stark ein Thema eine Gemeinde betrifft und wie abstrakt oder konkret solchiges ist spielt eine Rolle. Es gibt auch verschiedene Faktoren des Informationsprozesses, die sich auf die Bildung von Wissensklüften auswirken. So muss man zwischen Informationen mit rein distributivem Charakter und Informationen mit Rückmeldungsqualität differenzieren. Was ich als letzten Punkt erwähnen will sind die unterschiedlichsten Potenziale, die die verschiedenen Medien haben. Bereits Tichenor, Donahue und Olien haben den Printmedien eine Sonderstellung beim Zustandekommen von Wissensklüften zugeschrieben, das Fernsehen nur wenig beleuchtet und die heute so wichtigen neuen Medien wie zum Beispiel das world wide web, kurz www, oder auch den Infoscreen in der Wiener U-Bahn waren damals noch nicht so aktuell wie heute.
III - Die These anhand des Beispiels des 2001-09-11, dem Terroranschlag auf New York
Am 11. September dieses Jahres wurde ein Terroranschlag auf New York verübt und damit verbunden kam es erstmals zu einer globalen Berichterstattung. Auf nahezu allen Sendern waren die von CNN gemachten Bilder des Anschlags auf das World - Trade - Center zu sehen - und dies nahezu auf der ganzen Welt. Wie lässt sich nun die Wissensklufthypothese an diesem Beispiel zeigen?
Das erste Medium, mit dem der Anschlag bekannt gemacht wurde war das Fernsehen. Das Fernsehen ist im Gegensatz zu den Printmedien nicht an Schulbildung gebunden, erreicht eine breitere Schicht und kann somit auch als „knowledge leveler“ dienen 5 . Das Medium Fernsehen ist heute nahezu in 100% der Haushalte vertreten und kann somit fast jeden erreichen, sowohl statushohe als auch statusniedrigere Segmente und jeder wird gewollt oder ungewollt mit dem Thema des Terroranschlags konfrontiert. Mit der Berichterstattung wurden komplexe Infor-
4 VerschiedeneThemen werden von verschiedenen Medien verschieden stark behandelt. Oft ist die
Einschätzung über den Umfang der Berichterstattung subjektiv. Alle reden über ein Thema, dies bewirkt
eine stärkere Motivation und stärkeres Interesse und meist führt dies auch zu einem Wissenszuwachs,
jedoch jenseits von Status und Bildung.
5 vgl. Wirth, Werner, Von der Information zum Wissen - Die Rolle der Rezeption für die Entstehung von
Wissensunterschieden, Opladen, 1997, S 41f
4
Arbeit zitieren:
Magistra Mirjam Bromundt, 2001, Die These von der wachsenden Wissenskluft - am Beispiel des 2001-09-11, München, GRIN Verlag GmbH
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