Der Begriff Stadtstruktur innerhalb der Stadtgeographie 2.1 Definition „Stadt“
Boeseler hat die städtischen Funktionen als wirtschaftlich bewertete Tätigkeiten einer
Nachfrage abhängig sind aufgefaßt in Anlehnung an den mathematischen Funktionsbegriff, der das Abh
eher den Raumbeziehungen der Stadt gerecht. Statt über die Funktion im obigen Sinne, kann die Stadt auch über ihre Aufgaben (Rollen) definiert werden. Diese Aufgaben, welche die
daß Städte Sammelstellen von Ressourcen, Güterproduzenten, Distributionsstellen, Entwicklungszentren (Innovationszentren) und Machtzentren sind. Überträgt man den soziologischen Funktionsbegriff auf diese Problematik, so entsprechen die sozialen Beziehungsweisen von Handelnden der räumlichen Verteilung und Anordnung von
Einrichtungen (Physiognomien) in jeweils spezifischer Konzentration oder Mischung. Die
Bedingungen, die dem System der Beziehungsweisen (d.h. der Struktur) förderlich oder 1
Das Phänomen der Primatstadt , daß sich das Bevölkerungswachstum ganz einseitig auf eine
Fragestellung hinein. Dies hängt mit einem unausgeglichenem Kräfteverhältnis zusammen.
zu orientieren, sich auf zahlreiche kleine und autarke Siedlungen aufzusplitte Kosten der Rohstoffbeschaffung zu minimieren („force of diversification“), auf der anderen
unification“).
1 vgl. Hofmeister, B. (1997): Stadtgeographie, Westermann, Braunschweig, S.43f.
2 weitere Klassen: Zur funktionalen Klassifizierung existieren in der Literatur zahlreiche Verfahren, darauf einzugehen wäre an dieser Stelle zu umfangreich und der Sache nicht dienlich. In der BRD (Statistik) wird eine Klassifizierung der Stadtgröße nach ihrer Einwohnerzahl vorgenommen: Landstadt: 2000 - 5000 Einwohner, Kleinstadt: 5000 - 20000 Einwohner, Mittelstadt: 20000 - 100000 Einwohner, Großstadt: 100000 und mehr Einwohner. Des weiteren existieren noch darüber hinausgehende Definitionen: Millionenstadt: mehr als 1 Mill. Einwohner, Metropolis: 1 - 10 Mill. Einwohner, Kontinentstadt: mehr als 2 Mill. Einwohner, Megalopolis: mehr als 10 Mill. Einwohner
2.2 Die strukturbildenden Faktoren
„Stadtgestalt ist die vom Menschen bewirkte Überlagerung eines Stücks Natur mit einem Netz von Straßen (und meist auch Plätzen), mit Bauflächen und Freiflächen. Bei dieser Umgestaltung der Naturlandschaft hat sich der Mensch aber von geomantischen, kosmologischen, religiösen oder politischen Vorstellungen leiten lassen, die sich im Grund-und Aufriß der Stadt wiederspiegeln.“ 4 Typisch ist für die meisten Städte, unabhängig von ihrer regionalen und kulturellen Zugehörigkeit, ein zentrales Achsenkreuz. Dies bildete die Basis für die ursprüngliche Aufteilung der Stadt in Viertel. Neben dem zentralen Achsenkreuz hatten und haben die Tempel- und Pyramidenbauten u.a. in Zentralamerika städtebaulich große Bedeutung 5 . Oft wurden für diese Kultstätten ein erhöhter Standort und ein auf sie bezogenes System rechtwinkliger Straßen und Platzanlagen gewählt. 6 In die Städte des spanischen Kolonialraumes wurde die Plaza mayor von Anbeginn als zentraler Orientierungspunkt in die Planung aufgenommen (vgl Abb.1).
Der, lateinamerikanische Städte prägende Schachbrettgrundriß hat weltweite, zeitlich über mehrere Jahrtausende reichende Verbreitung erlangt (vgl. Abb.2). Früheste Spuren regelmäßiger Grundrisse finden sich in Städten Mohenjo-Daro und Harappa der Induskultur des 3. vorchristlichen Jahrtausends 7 . In der entscheidende Stadtgründungsphase Lateinamerikas 1521-1573 wurden 227 Städte gegründet, bis zur Gründung Limas 1535 mit noch nicht ausgereiftem Schachbrettgrungriß, während sich danach das exakte Schachbrett als einzige Grundrißform durchsetzte (vgl. Abb.3). Dieser Prozeß war beendet, als die Ordenanzas 1573 erlassen wurde 8 . Die Vorteile dieses Konstruktionsprinzips, wie einfache und schnelle Vermessung, Gleichheitsprinzip bei der Grundstücksaufteilung, Überschaubarkeit, etc, wurden erst im Automobilzeitalter durch die Nachteile überwogen. Alle Straßen sind gleichrangig, nicht nach Zweckbestimmungen für Anrainer-, Sammel- oder Durchgangsverkehr in ihren Abmessungen abgestuft, mit Ausnahme einiger Städte, in denen einzelne Straßen breiter als andere angelegt wurden, w.z.B. in den USA. 9
3 vgl.o.V. (1996): Fundamente, Geographisches Grundbuch für die Sekundarstufe II, Klett, S. 255ff
4 vgl. Hofmeister, B. (1997): Stadtgeographie, a.a.O., S.123
5 vgl. Mertins, G.(1992): Entstehungsparameter und Strukturmuster der hispanoamerikanischen Stadt, In: Nord und Süd in Amerika - Gegensätze-Gemeinsamkeiten-Europäischer Hintergrund, Reinhard, Wolfgang/Waldmann, Peter (Hrsg.), Bd. 1, S.177
6 vgl. Hofmeister, B. (1997): Stadtgeographie, a.a.O., S.123f
7 vgl. Mertins, G.(1992): Entstehungsparameter und Strukturmuster der hispanoamerikanischen Stadt, a.a.O., S.176ff
8 vgl. ebenda, S.180-186
9 vgl. Gormsen, E. (1996): Stadtstrukturen in der neuen Welt, In: Berliner Geographische Studien, Bd. 44, S.241-249
3
Was den Freiflächen zuzuordnen ist, ist in der Literatur umstritten. Einerseits wird die landwirtschaftliche Nutzfläche und die Stadtwälder als außerhalb der städtischen Bebauungszone gelegene Nutzflächen ausgespart und die Spiel- und Sportplätze, Zelt- und
Abb.1: Gliederungsschema der kolonialspanischen Stadt
Quelle: Mertins, G. (1992) Abb.2: Grundrissschema der kolonialspanischen Stadt Quelle: Mertins, G. (1992)
Abb.3: Idealschema einer argentinischen Stadtanlage
Quelle: Mertins, G. (1992)
Badeplätze, Parks, Dauerkleingärten und Friedhöfe zu den Freiflächen gerechnet. Von anderer Stelle zählen auch Promenaden und vor allem die Wälder zu den innerstädtischen grünbestimmten Freiräumen. 10
Zusammenfassend wird klar, daß Grund- und Aufriß in erkennbarem Zusammenhang mit räumlichen Anordnung von Funktionen bzw. Nutzungen stehen. Hierfür existieren verschiedene Bezeichnungen: innere Differenzierung, Viertelsbildung, städtisches Gefüge oder Stadtstruktur. Die Einteilungen des Stadtgebietes wurden von verschiedener Seite mit jeweils deutlicher Zweckbestimmung vorgenommen. So haben neben der statistischen Einteilung (Stadtgebiet, Bezirk/Ortsteil, statistisches Gebiet, Baublock), die Postverwaltung ihre Zustellungsbezirke, die Polizei ihre Reviere, die Feuerwehr ihre Einsatzbereiche und die Schulverwaltung ihre Schulbezirke. Bereits im Mittelalter gab es Maßnahmen den einzelnen Stadtteilen bestimmte Funktionen zuzuweisen. Beispielsweise wurden störende Gewerbe wie Bäcker, Färber, Gerber oder Seifensieder durch unterschiedlichen Pachtzins an die Peripherie oder gar in die Vororte der Stadt abgedrängt. In der Neuzeit verstärkte sich die innere Differenzierung der Städte rasch mit dem Bevölkerungs- und Flächenwachstum und der zunehmenden Wirksamkeit der strukturierenden Kräfte, wie das Bodenpreisgefüge und seine Dynamik, die Gebäudekapazität für bestimmte Nutzungen, selektive Wanderungsströme, sich verändernde Verkehrstechnologien sowie gelenkte Funktionstrennung bzw. -mischung. 11 Ganz allgemein gesprochen existiert ein Kern-Rand-Gefälle der Bodenpreise. Sie kumulieren in der City und fallen von einem eng begrenzten Citykernbereich sehr rasch nach allen Richtungen hin ab, bilden aber sekundäre Maxima in den Sekundärzentren und zeigen deutliche Unterschiede nach höher und geringer bewerteten Wohnanlagen. Im einzelnen ist das Bodenpreisgefüge wesentlich komplizierter. Es hängt einerseits über den Transportkostenfaktor mit der Distanz zusammen, wird aber auch beeinflußt vom Geschäftsgebaren von Kreditgebern, etc. Der gehobeneren Schicht ist der Wegzeitaufwand
10 vgl. Hofmeister, B. (1997): Stadtgeographie, a.a.O., S.137
4
zwischen Wohn- und Arbeitsstätte wertvoller, als der sozial schwächeren. Daher wird erstere das Bestreben zu möglichst zentralem Wohnen haben, was heute noch in lateinamerikanischen Städten zu finden ist. Ein weiterer strukturprägender Faktor ist die selektive Migration:
• Je monostrukturierter ein städte- und wohnungsbauliches Angebot, desto stärker die Tendenz zu sozialräumlicher Segregation.
• Intraurbane Mobilität ist in hohem Maße wohnwertorientiert; interurbane stärker berufsorientiert.
• Intra- wie interurbane Mobilität stehen in engem Zusammenhang mit Veränderungen innerhalb des Lebenszyklus und damit sich ändernden Wohnungsbedürfnissen undwünschen. Gesteigerter Umfang des sozialen Wohnungsbaus und Zunahme von Haus-und Wohnungseigentum haben aber zu höherer Wohnsitzpersistenz geführt. 12 Bei der inneren Differenzierung der Stadt geht es zunächst um die Nutzungsstruktur, d.h. die räumliche Anordnung von Flächennutzungsarten. Dabei kann grundsätzlich zwischen der Wohnfunktion und gewerblicher Nutzung im weitesten Sinne unterschieden werden. Jedoch gibt es neben Wohngebieten und reinen Arbeits- oder Gewerbegebieten meist eine noch größere Zahl von Mischgebieten mit enger räumlicher Verzahnung von Wohn- und Arbeitsstätten. Bei ihrer Abgrenzung behilft man sich mit dem Verhältnis von Nacht- zu Tagbevölkerung oder mit dem Quotienten aus Erwerbstätigen und Beschäftigten. 13 Reine Gewerbeviertel sind z.B. die City oder Banken- und Regierungsviertel. Als Mischgebiete könnte man z.B. das Bahnhofsviertel oder das Cityrandviertel bezeichnen. Ansonsten werden Mischviertel und vor allem Wohnviertel aufgrund bestimmter Kriterien ihrer Wohnbevölkerung ausgewiesen: es geht also um die Personen, bzw. Haushalte betreffende Sozialstruktur. Hierbei sind Unterscheidungen zwischen Arbeiterwohnvierteln, Mittelschichtvierteln und Villenvierteln der Prominenz gebräuchlich 14 .
3. Stadtstrukturmodelle
Zur Erklärung der Stadtstruktur ist eine Beachtung verschiedenster Kräfte und Prozesse unvermeidbar. Bodenpreise, Transportkosten und Grundstücksgrößen sind Faktoren, welche in nahezu jedem Modell Eingang finden.
11 vgl. ebd., S141-145
12 vgl. ebd., S146ff
13 Wobei die Nachtbevölkerung mit der Wohnbevölkerung identisch ist und die Tagbevölkerung sich aus der Wohnbevölkerung abzüglich der Erwerbstätigen zuzüglich der Beschäftigten errechnet.
14 vgl. o.V (1996): Fundamente, a.a.O., S260ff
5
Bevölkerungsdichtemodelle sind zur Erläuterung der Stadtstruktur herangezogen worden, seit CLARK (1951) die Bevölkerungsdichte als negativ exponentielle Funktion der Distanz zum Stadtzentrum beschrieb. Zusammen mit dem Aspekt der Transportkosten ergibt sich bei weitgehender Konformität von Dichtegradient und Preisgradient ein Kern-Rand-Gefälle, das auf eine zonale Stadtstruktur hindeutet. Jedoch sind bei gleichsinnigem Kurvenverlauf keine deutlichen Sprünge und sinnvollen Schwellenwerte für die Abgrenzung von Zonen aus dem Modell ableitbar. Interaktionsmodelle gehen vom Flächenbedarf einzelner Nutzungsarten in Verbindung mit Lageverhältnissen und Erreichbarkeit aus. Jedoch ist die Aussagekraft zu bezweifeln, da bei im Vordergrund stehenden Faktoren wie Distanz zum Arbeitsplatz, Einkaufsmöglichkeiten und Freizeiteinrichtungen wesentliche Punkte, wie z.B. der Immobilienmarkt unberücksichtigt bleiben. Am meisten wurden die aus der Sozialökologie und Sozialraumanalyse entwickelten Modelle angewendet. Das älteste ist wohl das Sternmuster (star theory) von HURD (1903), das der Stadtentwicklung im Straßenbahnzeitalter entspricht. Es kann wohl als Vorläufer der Modelle der Chicagoer Schule der Sozialökologie der 20er Jahre (BURGESS, McKENZIE, PARK) angesehen werden. 15
Hieraus ging das Modell der konzentrischen Zonen (concentric zone theory) von E.W. BURGESS (1925) hervor (vgl. Abb.4). Er ging davon aus, daß sich das Wachstum der Stadt zentral-peripher vollzieht, indem sich Nutzungen und Bevölkerungsgruppen zonal anordnen und sich diese Anordnung laufend durch nach auswärts gerichtete Expansion (durch Invasion und Sukzession) verändert. Um die zentrale City als Zone I legen sich ringförmig eine Übergangszone mit Cityfunktionen und Wohn-Gewerbe-Gebieten, die wegen Desinteresses an Investitionen häufig Slumcharakter annehmen, als Zone II (zone in transition), eine vornehmlich von Facharbeitern bewohnte Zone III (zone of working-men´s home), in die nach und nach die Arbeitsbevölkerung aus Zone II abgedrängt wird, darum herum eine Zone IV als Wohngebiet der gehobeneren Schicht (residential zone) und als äußerste die Zone V als Pendlereinzugsbereich (commuters zone). Kritikwürdig erscheint jedoch die angenommene und so nicht vorhandene Homogenität und Symetrie der Zonen. „Nicht die Luftliniendistanz zum Zentrum, sondern die sogenannte ökologische Distanz in Form des Zeit-Kosten-Aufwandes als Maß der Erreichbarkeit sei entscheidend.“ 16 Die Zonentheorie wurde von SCHNORE in den größeren Rahmen eines globalen Stadtentwicklungsprozeßes gestellt, demzufolge die Städte eine Entwicklung vom sogenannten reverse-Burgess-type mit nach außen gerichtetem Sozialgradienten, wie es in
15 vgl. Hofmeister, B. (1997): Stadtgeographie, a.a.O., S155f
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Europa und Nordamerika in vorindustrieller Zeit der Fall war und heute noch in Spanien und Lateinamerika der Fall ist, zum Burgess-type der heutigen nordamerikanischen Stadt mit nach innen gerichtetem Sozialgradienten durchmachen.
H.HOYT entwickelte 1939 ein Modell, in dem sich Stadtteile unterschiedlicher Nutzungs-und Sozialstruktur eher keilförmig in Sektoren (sector theory) an die zentrale City anlagern (vgl. Abb.4). Sie kam der (US-amerikanischen) Realität insofern näher, als sich dort bei vielen Städten infolge der Gleichzeitigkeit von Stadtgründungen und Eisenbahnbau unmittelbar an den CBD sektorenförmige Fabrikviertel bildeten. Er ging davon aus, daß sich Wohngebiete, insbesondere die der gehobeneren Schichten, sektoral entwickeln und sich diese Sektoren mit dem Stadtwachstum vergrößern und nach auswärts ausdehnen, und daß diese sektoralen Entwicklung noch durch die radialen Verkehrslinien unterstrichen wird. 17 Die Modelle von BURGESS und HOYT gingen von der Entwicklung der Solitärstadt aus, wie sie in dem einstigen überseeischen Kolonialland die Regel gewesen war. Demgegenüber wurde nun 1945 von HARRIS und ULLMAN das erste geographische Stadtstrukturmodell entworfen. Ihr Mehrkerne-Modell (multiple nuclei theory) beschreibt mehrere Siedlungskerne (vgl. Abb.4). Allerdings handelt es sich hierbei mehr um eine inhaltliche Ergänzung bzw. Differenzierung als um ein wirkliches (neues) Modell.
Bei der Weiterentwicklung dieser Modelle spielt die Sozialraumanalyse eine Rolle, die versuchte, auf der Basis von verschiedenen Variablen Statusgruppen der Bevölkerung zu erfassen, und zwar den ökonomischen Status (social rank) über Bildung, Beruf und Einkommen, den demographischen oder Familienstatus (urbanization; familism) über die Fruchtbarkeit (child-women-ratio), die weibliche Ewerbsquote und den
Einfamilieneigenheimanteil sowie den ethnischen Status (segregation) über den Konzentrationsgrad von Minoritäten. 18
Insgesamt kann die „Stadtstruktur als eine Kombination von konzentrischer Struktur mit sektoralen (axialen) Elementen entsprechend der statusspezifischen Wohnraumnachfrage und einer Hierachie intraurbaner Versorgungszentren entsprechend dem hierachisch gestuften Angebot von Gütern und Dienstleistungen“ 19 verstanden werden.
16 vgl. ebd., S.156
17 vgl. o.V (1996): Fundamente, a.a.O, S.259
18 vgl. Lichtenberger, E. (1996): Stadtmodelle - Reflexionen zur Forschungsgeschichte, In: Berliner Geographische Studien, Bd. 44, S 1-7
19 vgl. Hofmeister, B. (1997): Stadtgeographie, a.a.O., S.160
7
3.1 Ergänzung der Stadtstrukturmodelle
Städte sind Bevölkerungsagglomerationen, in denen alle Daseinsgrundfunktionen verortet sind. Je differenzierter letztere vorkommen, umso deutlicher stellt sich auch „städtisches Leben“ ein, wie zum Beispiel Verkehrsbewegungen, Einrichtungen, die der materiellen und kulturellen Bedarfsdeckung der Stadtbewohner und der Bewohner eines weiteren Hinterlandes dienen. Also schreitet die Entwicklung einer Stadt in dem Maße fort, wie sich die Funktionen dieser Siedlung vervollständigen. Durch eine derartige Analyse der Daseinsgrundfunktionen lassen sich Stadtstrukturtypen unterschiedlicher hierachischer Stufung ausgliedern. Eine Darstellung der Individualität einzelner Städte kann durch eine Untersuchung der jeweils spezifischen Ausprägung aller Daseinsgrundfunktionen anhand des Kriterienkataloges erreicht werden (vgl. Abb.5). Dies zeugt von der hohen Flexibilität dieser Modellerweiterung.
Städtische Siedlungen stellen in ihrer jeweiligen Struktur Augenblicksgebilde dar. Nur dadurch, daß es in bestimmten Zeitabschnitten zur Analyse der Verteilung aller Daseinsgrundfunktionen kommt, lassen sich die fortwährenden Prozesse und die daraus resultierenden räumlichen Gestaltungen erkennen. 20
4. Das lateinamerikanische Stadtstrukturmodell
Bähr sieht in seinem „Idealschema“ (vgl. Abb.6) die lateinamerikanische Großstadt aus drei Strukturelementen zusammengesetzt: einer älteren Kreisgliederung, einer jüngeren, diese Ringe sprengenden Sektorenstruktur und schließlich einem jüngsten, zellenförmigen Ordnungsmuster am Rande. Von innen nach außen folgen, ringförmig angeordnet, die City, eine Mischzone, innerstädtische Slums und Unterschichtsviertel aufeinander. Sektoral darin eingegliedert sind die Industrieviertel mit flankierenden Unterschichtsvierteln sowie ein achsenförmiges Oberschichtsareal, das von Mittelschichtsvierteln begleitet wird. Dieses
20 vgl. Zimmermann, G. R. (1994): Das Stadtstrukturmodell, In: Mainzer Geographische Studien, Nr. 40, S.90f. 21 A „arbeiten“: A 1 Landwirtschaft, A 2 Gärtnereien, A 3 Gewerbe, A 4 Industrie, A 5 Büroviertel, B „sich bilden“: B 1 Grundschulen, B 2 weiterführende Bildungseinrichtungen, C „sich versorgen“: C 1 City (CBD), C 2 sekundäres Einkaufszentrum, C 3 Großmarkt, C 4 Messegelände, E „sich erholen“:E 1 innerstädtische Anlagen, E 2 randstädt. E.-Gebiete, E 3 Sportstätten, E 4 Kleingärten, G „in der Gemeinschaft leben“: G 1 politisch-administrativer Bereich, G 2 religöser-sakraler Bereich, v „am Verkehr teilnehmen“: v 1 Fußgängerzone, v 2 Sekundärstraße, v 3 Durchgangsstraße, v 4 Umgehungsstraße, v 5 Autobahn, v 6 Eisenbahn, v 7 Flugplatz, W „wohnen“: W 1 obere soziale Schichten, W 2 mittlere soziale Schichten, W 3 untere soziale Schichten, W 4 „slums“, squatter-Siedlungen“, W 5 Satellitensiedlungen, W 6 Bauerwartungsland, Z „entsorgen“: Z 1 Zentraldeponie,Z 2 Kläranlage
8
gehobene Wohnviertel besitzt eine eigene kleine Cityzone. Zum Rand fasert sich in diesem Modell die geschlossene Struktur der Stadt auf. Inselhaft angeordnet liegen dort die Viertel des sozialen Wohnungsbaus und wilde Stadtrandsiedlungen 22 .
Im „Idealschema“ sind durch Pfeile typische Wanderungsströme angedeutet, welche die Vorgänge und Kräfte erläutern sollen, die hinter der gegenwärtigen, zusammengesetzten Struktur lateinamerikanischer Großstädte stehen. Starken Zustrom direkt vom Lande erhalten hierbei die innerstädtische Slums vom Conventillo-Typ, die Oberschichstsviertel, vor allem durch weibliche Bedienstete sowie die randstädtischen Hüttenviertel, besonders durch Familien oder Verwandte. Dem zentripetalen, stadtwärts gerichteten Migrationsstrom steht ein zentrifugal gerichteter entgegen. Durch die Pfeile wird verdeutlicht, daß ein Weg aus den Convetillos in die Poblaciones des sozialen Wohnungsbau am Stadtrand, ein anderer, wichtiger, in die randstädtischen Siedlungen vom Callampa-Typ führt. Diese erhalten ebenfalls aus den Oberschichtsvierteln überwiegend durch weibliche Bedienstete Zuzug. Andererseits zeigen Pfeile Wanderungsbewegungen auch von den Callampas in die Viertel des sozialen Wohnungsbaus 23 .
Modellbildende Merkmale sind demnach die Sozialstruktur, die Migrationsbewegung sowie für zwei Sozialviertel relative Altersangaben. Die Vorzüge des Bährschen Entwurfs liegen in seiner klaren Darstellung der sozialen Gliederung und der Herausarbeitung struktureller Kategorien oder Formkräfte. Es erweist sich darüber hinaus als überaus einprägsam, vor allem auch durch die dynamische Komponente des Modells, die durch die Migrationspfeile gebildet wird. Es hat die stadtgeographische Lateinamerkaforschung seit 1976 in überaus starkem Maße beeinflußt.
Trotz des großen Erkenntniswertes können gegenüber der Bährschen Darstellung von 1976 folgende kritische Einwendungen geltend gemacht werden:
1. Zum Begriff Idealschema. Dieser Terminus besitzt auch einen Bedeutungsgehalt im Sinne eines anzustrebenden Zustands.
22 vgl. Wilhelmy H., Borsdorf A. (1984): Die Städte Südamerikas, Teil 1. Wesen und Wandel, Bornträger, Berlin, S. 181ff
23 vgl. ebd., S.183
9
2. Die Gültigkeit für ganz Lateinamerika. Zumindest gegenüber der andersgearteten Struktur einiger lusoamerikanischer Großstädte sind hier Fragezeichen angebracht. Zur Zeit gestattet die Forschungslage noch keine Einbeziehung der brasilianischen Städte in ein Gesamtmodell lateinamerikanischer Städte.
3. Die Mißachtung des rechten Winkels. Noch heute dominiert das Schachbrettstraßennetz in der Physiognomie der spanisch-amerikanischen Städte, das Bährsche Schema vermittelt dagegen den Eindruck eines abgerundeten Stadtkörpers.
4. Die flächenmäßige Untergewichtung des informelIen Sektors der Stadt. So beträgt der Flächenanteil der randstädtischen Hüttenviertel im Schema nur etwa 15% der Unterschichtsquartiere, aber auch die Areale des sozialen Wohnungsbaus übersteigen die Callampas flächenmäßig um ca. 75 %. Damit werden die tatsächlichen Flächenverhältnisse verschleiert. Das Elend südamerikanischer Großstädte, die wie Buenaventura bis zu 80% Marginalbevölkerung aufweisen können, tritt als räumlich existentes Problem kaum in Erscheinung.
5. Die Nichtberücksichtigung des Inquilinato-Systems und der Variationsbreite randstädtischer Hüttenviertel. Aus kolumbianischen und peruanischen Großstädten liegen jetzt Ergebnisse vor, die ein anderes Muster innerstädtischer Migration zeichnen. Auch sind nicht alle Marginalviertel chaotisch und illegal entstanden, vielfach wurde ihre Anlage von staatlichen Institutionen geduldet oder gar gefördert, haben Makler Grund und Boden rechtmäßig erworben und weiterverkauft, sind Besitztitel vergeben worden. 6. Vernachlässigung der genetischen Komponente. Die lateinamerikanischen Städte befinden sich derzeit in ihrer zweiten großen Expansionsphase. Die gegenwärtige Struktur ist nur Übergangsstadium eines Prozesses der Umwandlung, dessen Anfänge Mitte des 19. Jahrhunderts auszumachen sind. Das Idealschema Bährs beruht im wesentlichen auf seinen Erfahrungen in der chilenischen Hauptstadt und gibt daher deren Struktur, auch hinsichtlich der Flächenverhältnisse, sehr zutreffend wieder 24 .
Das Bährsche Idealschema wurde 1980 von Mertins erstmalig überarbeitet. Aufgrund der von ihm und Brücher (1978) in Bogota durchgeführten empirischen Arbeiten setzte seine Überarbeitung v. a. an den o. g. Kritikpunkten 4 und 5 an. In Bogota nämlich hatte sich gezeigt, daß die innerstädtischen Elendsviertel vom Conventillo-Typ bei weitem nicht mehr die zentrale Rolle als Auffangquartiere für Neuzugewanderte unterer Sozialschichten spielen. Statt dessen ist das aus diesen Vierteln bekannte Iquilinato-System der Vermietung und
10
Untervermietung einzelner Wohnungen, Zimmer oder gar Betten heute auch - zumindest in Bogota - in die Viertel der Unterschicht, ja z. T. auch der unteren Mittelschicht eingedrungen. In zunehmendem Maße wird Inquilinato-Wohnraum sogar in Siedlungen des sozialen Wohnungsbaus in Anspruch genommen 25 . Ferner machte Mertins deutlich, daß in Bogota der überwiegende Teil der randstädtischen Hüttenviertel nicht illegaler Entstehung ist. Vielmehr hat sich hier ein System der Grundstücksspekulation entwickelt, in dem Landeigentümer, häufiger aber Makler privates Gelände erschließen und parzellieren und die Grundstücke anschließend legal verkaufen. Die Umwidmung der Flächen solcher barrios piratas wie auch die Erstellung der Häuser und Hütten geschieht meist ohne behördliche Genehmigung, allerdings vermeiden die Makler weitgehend Konflikte mit den im Flächennutzungsplan vorgesehenen hochwertigen Nutzungen (Industrie, Verkehrsinfrastruktur) 26 . Gegenüber dem Bährschen Schema fällt bei Mertins ebenfalls die größere Differenzierung der Stadtstruktur auf. Die City findet nun eine lineare Erweiterung in Richtung Oberschichtsviertel, diese selbst sind mit Subzentren durchsetzt, die, da das neueste Zentrum außerhalb der Linie geschlossener Bebauung liegt, als Initiator des achsenförmigen Wachstums der Oberschichtsviertel erscheinen (vgl. Abb.7). Die Mittelschicht hat in diesem Schema auch die Funktion als Wohnfolger in ehemaligen guten Wohnlagen des Cityrandgebietes, die aber sonst überwiegend durch innerstädtische Verfallsgebiete gekennzeichnet werden 27 . Auch die Flächenrepräsentanz der Marginalsiedlungen stellt Mertins realistischer dar. 14 randstädtischen Hüttenvierteln stehen 16 Viertel des sozialen Wohnungsbaus gegenüber; zählt man noch die elf innerstädtischen Elendsviertel hinzu, ergibt sich ein deutliches, der Wirklichkeit angepaßtes Übergewicht der Marginalquartiere 28 . Schließlich wird hier auch der Begriff "Idealschema" vermieden und gegen den neutralen Terminus „Lageschema von Elendsvierteltypen in andinen Großstädten“ ausgetauscht. Bereits ein Jahr nach der Arbeit von Mertins haben beide Autoren gemeinsam ihre Entwürfe überarbeitet und ein neues "Idealschema der heutigen lateinamerikanischen Großstadt" (vgl. Abb.8)vorgelegt (Bähr/Mertins 1981). Hier wurde der alte Begriff "Idealschema" wieder eingeführt, im wesentlichen aber die von Mertins (1980) eingeführte Korrektur belassen 29 .
24 vgl. Borsdorf, A. (1982): Die lateinamerikanische Großstadt, In: Geographische Rundschau, Bd 34, Nr. 11, S.498f
25 vgl. Bähr, J., Mertins, G. (1995): Die lateinamerikanische Gross-Stadt, Verstädterungsprozesse und Stadtstrukturen, Darmstadt, S. 85f
26 vgl. Bähr, J. (1992): Grundstrukturen der modernen Großstadt in Lateinamerika, In: Nord und Süd in Amerika, S. 204-209
27 vgl. ebd., S.194ff
28 vgl. Wilhelmy H., Borsdorf A. (1984): Die Städte Südamerikas, Teil 1. Wesen und Wandel, a.a.O., S.184
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Abb.7: Lageschema von Elendsvierteltypen in andinen Grostädten Quelle: eigene Darstellung, Basisdaten: Borsdorf, A. (1984)
Abb.8: Idealschema der sozialräumlichen Differenzierung lateinamerikanischer Großstädte Quelle: eigene Darstellung, Basisdaten: Borsdorf, A. (1984)
Ein zweites Modell spanisch-amerikanischer Städte, bezeichnet als "Strukturschema", wurde gleichzeitig mit Bährs Entwurf von Borsdorf (1976) vorgelegt (vgl. Abb.9). Es beanspruchte ursprünglich nur Gültigkeit für Chile, 1979 jedoch von Wendt überarbeitet und als für Lateinamerika gültig apostrophiert. 1978 übernahm auch Knübel in seinem eigenen Modell lateinamerikanischer Städte Grundzüge dieses Entwurfs, ebenfalls mit Gültigkeit für den gesamten iberoamerikanischen Raum. Das Schema erklärt die gegenwärtige Struktur südamerikanischer Städte unter Einbeziehung eines genetischen Erklärungsansatzes, der im Rahmen einer zeitlichen Reihung der wichtigsten Stadtentwicklungsphasen Südamerikas erfolgt 30 .
Die heutige südamerikanische Großstadt erscheint als ein aus unterschiedlichen Strukturelementen zusammengesetzter Organismus. Optisch dominiert der rechte Winkel, um das diesen Städten bis in unsere Tage eigene Schachbrettstraßenschema zu versinnbildlichen. Das - gemessen an der Gesamtfläche der Stadt - kleine Stadtzentrum wird von Mittelschichtsvierteln und zu innerstädtischen Slums abgesunkenen, ehemals gehobenen Wohnvierteln (canventillas) gesäumt. Rahmenartig werden diese zentralen Viertel durch Unterschichtsquartiere umfaßt, lediglich in einer Himmelsrichtung schließen die Mittelschichtsareale direkt an die gehobenen Wohnstandorte der Oberschicht an, die zum Teil auch von dem übrigen Stadtkörper losgelöst isoliert im Umland liegen. Hier verliert das Schachbrett an Bedeutung, im Modell wird dies durch schiefe Winkel symbolisiert. Auch in den randstädtischen Hüttenvierteln spielt das Schachbrett nur eine untergeordnete Rolle. Der rahmenartige Aufbau der Stadt wird gebrochen durch linear verlaufende, strahlförmig angeordnete Viertel, den Suburbias, an denen sich heute die Standorte der Industrie, des Handwerks und des Erwerbsgartenbaus befinden 31 . In Nachbarschaft der Oberschichtsviertel wird diese radikale Komponente der Stadtstruktur durch eine nebencityartige Geschäftsstraße markiert. Ein Rückblick auf frühere Entwicklungsstadien zeigt, daß in den Suburbios ein relativ hohes Alter vorherrscht: es sind die ursprünglichen Areale der quintas, die den städtischen Markt mit Agrarprodukten belieferten und die Standorte der Mühlen, der frühen
29 vgl. Bähr, J. (1992): Grundstrukturen der modernen Großstadt in Lateinamerika, a.a.O., S.194
30 vgl. Borsdorf, A. (1982): Die lateinamerikanische Großstadt, a.a.O., S.499f
31 vgl. Wilhelmy H., Borsdorf A. (1984): Die Städte Südamerikas,a.a.O., S.186f
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Manufakturen und älteren Handwerksbetriebe. Die ersten Vorstädte waren bereits in der kolonialen Stadt angelegt, sie wuchsen strahlförmig durch die Belebung der Wirtschaft und das durch Einwanderung angeregte Bevölkerungswachstum in nachkolonialer Zeit weiter. Die zweite Verstädterungsphase, durch Binnenwanderung bestimmt, hatte jene Erweiterungen der Stadtstruktur zur Folge, die sich heute in den noch nicht Großstadt gewordenen Städten beobachten lassen: Abwanderung der Oberschicht an den Stadtrand bei Slumbildung in Citynähe oder frühe Marginalisierung des Stadtrandes.
Kritische Einwände gegen diesen Versuch sind nach dem heutigen Stand der Diskussion v. a.: 1. Es stellt die Zuwanderung in die Stadt nach Herkunft des Migrantenstroms schematisch dar, vernachlässigt aber die innerstädtischen Wanderungsprozesse. 2. Es differenziert die Marginalviertel zuwenig.
3. Die Ablösung der traditionell ringförmigen Struktur der kompakten kolonialen Stadt durch sektorale Prinzipien und heute zellenförmiges Stadtwachstum wird zwar angedeutet, tritt aber graphisch nicht klar genug in Erscheinung.
4. Die von Amalo (1970) herausgestellte phasenweise Wanderung der Oberschichtsviertel an den jeweiligen Stadtrand wird nicht in der diesem Prozeß angemessenen Linearität dargestellt 32 .
Die Kritik an den Entwürfen von Bähr, Merlins und Borsdorf führte 1981 zu einem weiteren Versuch eines räumlichen Entwicklungsmodells, das von Gormsen zur Diskussion gestellt wurde. Es will die wichtigsten Strukturelemente der spanisch-amerikanischen Stadt und ihre Veränderungen mit Hilfe von drei historischen Querschnitten sichtbar machen. Zu diesem Zweck wurde nicht ein Grundrißbild zur Veranschaulichung gewählt, sondern die Diagrammform, wobei alle für wichtig erachteten Elemente der Stadt in Profillinien und in einem Aufrißbild zusammengefaßt wurden (vgl. Abb.10). Die vorindustrielle Stadt erscheint als kompakter Organismus. Die Kurven „Sozialstatus der Wohnbevölkerung“ und „Bodenwert“ entsprechen einander, sie zeigen einen zeltartigen, zentral-peripher abfallenden Verlauf, dem im wesentlichen auch die Kurve der Bevölkerungsdichte entspricht 33 .
Abb.10: Strukturelemente der spanisch-amerikanischen Stadt und Stadien ihrer Veränderungen in den letzten
32 vgl. Borsdorf, A. (1982): Die lateinamerikanische Großstadt,a.a.O., S.500
33 vgl. o.V. (1997): Mensch und Raum, Geographie 12/13, Gymnasium Oberstufe Nordrhein-Westfalen, Cornelsen, Berlin, S382-388
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Im Stadium der beginnenden Modernsierung (erst bei 1900 angesetzt) löst sich die Parallelität der drei Profillinien auf. Dort, wo als sichtbares Zeichen europäischer Zivilisation der Boulevard entsteht, erhält die Statuskurve einen zweiten Gipfel. In das Zentrum, bislang lediglich Standort der Repräsentationsbauten und Wohnviertel der Oberschicht, wandern langsam Handelsfunktionen ein, die Citybildung beginnt, die Bevölkerungsdichte sinkt. Diese steigt dagegen in der der Alameda entgegengesetzten Richtung stark an, dort sind Industrialisierungs- und Marginalisierungsprozesse in räumlicher Nachbarschaft zu beobachten. In der dritten Phase, der Metropolisierung (Gormsen läßt dieses Stadium 1950 beginnen) setzt sich die im Modell als Polarisierung von Ober- und Unterschicht erscheinende ungleiche Entwicklung der durch die Plaza geteilten Stadt fort. Die gehobenen Wohnviertel liegen losgelöst vom Zentrum, das an Wohnwert völlig verloren hat 34 . Sie sind dünn besiedelt und erscheinen durch Einrichtungen wie Universität und Parks aufgewertet. Die dichtbesiedelte Kehrseite der Stadt bietet ein völlig anderes Bild: zentrumsnah ordnen sich hier Slumgebiete an, Industrie, Sozialwohnungen und Hüttenviertel wechseln in bunter Reihe, Bodenwert- und Sozialstatuskurve erreichen ihren Tiefststand. Das Modell von Gormsen kann als weiterer Fortschritt auf der Suche nach einem Strukturschema der Städte Lateinamerikas angesehen werden. Aber auch in diesem Fall ist Kritik angebracht.
1. Die Zeitphasen sind zu willkürlich gesetzt. In vielen Städten Lateinamerikas ist der Vorgang der Verstädterung deutlich in zwei Phasen gegliedert. So stieg der Anteil der städtischen Bevölkerung in Chile 1865 bis 1907 von 10 auf 37%, lag aber 1930 immer noch bei diesem letztgenannten Wert, um dann in großem Tempo auf heute 78% anzusteigen. Die Periodisierung von Gormsen zerschneidet diese Urbanisierungsschübe. Vier Entwicklungsphasen wären realistischer: Kolonialstadt (1550-1840), 1. Verstädterungsphase (1840-1920), 2. Verstädterungsphase (1930-1950), Metropolisierung (seit 1950). 2. Die Darstellung beruht auf der Distanz als Parameter räumlicher Veränderung. Städte sind jedoch flächenhafte Organismen, das Modell kann daher die unterschiedliche Flächenbeanspruchung einzelner Viertel nicht darstellen, sie tut sich schwer in der Veranschaulichung räumlicher Koinzidenzen.
3. Die Aufrißdarstellung vermag nur einen Teil der räumlichen Wirklichkeit spanischamerikanischer Städte wiederzugeben. Polarisierung ist zwar in allen Städten ein Kennzeichen der urbanen Entwicklung, es wird jedoch ergänzt durch weitere Charakteristika, wie das von
34 vgl. Wilhelmy H., Borsdorf A. (1984): Die Städte Südamerikas,a.a.O., S.187
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Mertins herausgearbeitete Inquilinato-System, das sich auf dieser Skala nicht einordnen läßt, oder die in den Darstellungen von Bähr und Borsdorf wichtigen Wanderungsprozesse 35 .
Synthese
Es erscheint heute möglich, die bisherigen Erkenntnisse in eine neue Graphik einzubringen. Sie könnte demnach als Synthese aus der geführten Diskussion gelten. Der Betrachter wird unschwer bemerken, daß das im folgenden vorgestellte „Modell der spanisch-amerikanischen Stadtentwicklung“ Anleihen bei allen hier vorgestellten Schemata macht (vgl. Abb.11). Als strukturbestimmendes Merkmal ist die rechtwinklige Anlage aus Borsdorfs früherem Schema in das neue Modell eingegangen. Auch die genetische Periodisierung und die schematische Angabe der Zuwanderungsströme stammt von dieser Darstellung. Von Bähr und Mertins wird die in der Graphik klar hervorgetretene Ablösung des konzentrischen Raummusters der Kolonialzeit durch die sektoral und später zellenförmig erfolgenden Stadterweiterung übernommen, ferner die Darstellung innerstädtischen Migration durch Pfeile sowie die Differenzierung der Marginalviertel. Die Gedanken von Gormsen finden keinen direkten graphischen Niederschlag, sie sind jedoch den theoretischen Grundlagen des hier vorgestellten Modells immanent. Von Gormsen stammt auch die Gültigkeitsangabe ausschließlich für den spanisch-amerikanischen Raum, eine Beschneidung, die bis zur Vorlage gesicherter stadtgeographischer Forschungsergebnisse aus brasilianischen Städten angebracht erscheint 36 .
Die koloniale Stadt ist im Modell ein sozial rahmenartig gegliedertes, langsam und ausschließlich natürlich wachsendes Gebilde. Erste Wachstumsspitzen vereinigen als suburbios die Areale des Handwerks, des Gartenbaus und die Vorstädte. Als es nach der errungenen Unabhängigkeit in den spanisch-amerikanischen Hauptstädten zur Einwanderung europäischer Handelshäuser, Bergbauunternehmen und Banken kommt, teilweise verbunden mit europäischer Agrarkolonisation in den Peripherräumen der Staaten, werden in den Städten urbane Formen aus dem Europa des 19. Jahrhunderts kopiert. Der Boulevard (Alameda oder Paseo) entsteht, Geschäftsstraßen bilden sich, die Oberschicht sucht die Nähe der nun geschaffenen Parks und Prachtstraßen und verläßt somit das Zentrum. Die Suburbios wandeln
35 vgl. Borsdorf, A. (1982): Die lateinamerikanische Großstadt,a.a.O., S.500f
36 vgl. Wilhelmy H., Borsdorf A. (1984): Die Städte Südamerikas,a.a.O., S.188
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sich allmählich zu Industriegassen. Die untersten Schichten ziehen in aufgelassene Quadras der Oberschicht ein, erste conventillos entstehen.
Erst die Weltwirtschaftskrise bringt jedoch der Mehrzahl der spanisch-amerikanischen Großstädte die wirkliche Industrialisierung. Die Abhängigkeit vom krisengeschüttelten Weltmarkt soll nun durch importsubstitutionierende Industrialisierung überwunden werden, populistitische Regierungen, wie sie in den dreißiger Jahren in den meisten Staaten an die Macht gelangen, treiben diese Wirtschaftspolitik machtvoll voran. Jetzt wachsen die Industrieviertel der Großstädte, Arbeiterkolonien entstehen, im Zentrum werden nach Conventillo-Muster billige Massenmietshäuser erstellt und zimmerweise vermietet. Die Binnenwanderung wird von der Pull-Wirkung der neugeschaffenen Arbeitsplätze in den Großstädten stimuliert und wandelt sich zu einer reinen Landfluchtbewegung. Erste randstädtische Hüttenviertel wachsen über Nacht. Zwischen ihnen und den innerstädtischen Slumgebieten kommt es zu regen Austauschbeziehungen. Die Oberschicht flieht aus der laut werdenden, abgasgefüllten Autostadt in die stilleren, parkartig angelegten Viertel der barrios altos 37 .
Die heutige Stadtstruktur ist in der Fortsetzung des 1930 einsetzenden Prozesses entstanden. Allerdings sind einige markante Veränderungen zu bemerken. So verliert der unmittelbare Zuzug in zentrumsnahe Verfallsgebiete an Gewicht. Die Conventillos fallen in zunehmendem Maße Sanierungen zum Opfer oder müssen der sich ausbreitenden City weichen. Statt dessen finden die Zuwanderer aus unteren Sozialschichten bei Angehörigen Unterschlupf oder sie mieten sich als inquilinos in Vierteln der Unterschicht und der unteren Mittelschicht ein, die nunmehr in stärkerem Maße die Funktion eines Auffangbeckens für die Landflüchtigen übernehmen. Nach wie vor endet der Migrationszyklus der Zuwanderer nach der vorübergehenden Aufnahme als Inquilino oder Hausmädchen nach der Familiengründung vorläufig in einem der illegalen oder halblegalen rand-städtischen Hüttenviertel, von denen aus nur wenigen der Sprung in eine Siedlung des sozialen Wohnungsbaus glückt. Schon heute kann gesagt werden, daß die randstädtischen Hüttenviertel keineswegs ein ausschließlich parasitäres Dasein fristen. In vielen Fällen läßt sich über Jahre hinweg eine erstaunliche Konsolidierung der Bausubstanz und eine allmähliche Integration in das städtische Gemeinwesen beobachten. Bähr (1976) hat gerade auf diesen Aspekt, zu beobachten in den Mejora-Siedlungen Santiagos, deutlich hingewiesen.
Die jüngste Stadterweiterungsphase wird durch eine Erweiterung der sektoral angeordneten Stadtviertel geprägt, in weit stärkerem Maße jedoch von dem inselhaft, zellenförmigen
37 vgl. Wilhelmy H., Borsdorf A. (1984): Die Städte Südamerikas, a.a.O., S.188ff
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Wachstum immer neuer Stadtrandsiedlungen, die keinen räumlichen Kontakt zum übrigen Stadtorganismus haben. Dies betrifft auch die Oberschichtsviertel, wo Subzentren auf der grünen Wiese entstehen, und die Wohnbevölkerung nachzieht. Angesichts des enormen Bevölkerungs- und Flächenwachstums spanisch-amerikanischer Großstädte wird man gespannt sein dürfen, ob der formelle Sektor den informellen jemals einholen wird, oder ob sich aus der wilden Wurzel am Stadtrand "Urbanität" im Eingangs geschilderten Sinne je entwickeln kann 38 .
5. Exkurs: Stadtstrukturmodelle im interkulturellen Vergleich
Die immaterielle Kultur in Form kosmologischer, religiöser, ökonomischer, politischer und planerischer Vorstellungen hat prägend auf die Städte innerhalb von deren Einflußbereichen gewirkt. Unter Berücksichtigung dieser regionalen Besonderheiten ist eine Analyse auf der Mesoebene, zwischen der Stadt als Individuum und als globales Phänomen an zu gehen. Hier ist der Betrachtungsmaßstab angesiedelt, der auf jene Eigenschaften abzielt, die den Städten eines Teilraumes der Erde gemeinsam sind und durch die sie sich gleichzeitig gegenüber Städten anderer Teilräume der Erde abheben. Kulturerdteilzuordnung: • Abendländischer Kulturteil: Europa • Russischer Kulturteil: traditionelles Rußland, Sowjetasien • Orientalischer Kulturteil: Orient, Nordafrika • Indischer Kulturteil: Süd- und Südostasien • Sinischer Kulturteil: Ferner Osten („extreme Orient“) • Australpazifischer Kulturteil: Australien/Neuseeland • Negrider Kulturteil: Afrika südlich der Sahara • Germanisch-Amerikanischer Kulturteil: Amerika nördlich des Rio Grande • Iberoamerikanischer Kulturteil: südlich des Rio Grande
Für die meisten kulturgenetischen Stadttypen sind Modelle oder Schemata der zeitlichen Entwicklung entworfen worden. Vor dem Hintergrund des jeweiligen Kulturraumes kommt auch die unterschiedliche historische Tiefe der Städte zum Ausdruck. Der uralten Tradition orientalischer, chinesischer und europäischer Städte, die erst seit dem 19. Jh. tiefgreifenden Wandlungen unterworfen sind, stehen die jüngeren Stadtgründungen in den früheren
38 vgl. Borsdorf, A. (1982): Die lateinamerikanische Großstadt,a.a.O., S.500f
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Kolonialräumen gegenüber. Die Städte der Altkulturräume weisen in ihren Kernen oft mehr Gewachsenes als Geplantes auf 39 . Gegenüber ihrer stärkeren Individualität haben die Großflächigkeit überseeischer Gebiete und das schematische Vorgehen der Kolonisatoren daraufhin gewirkt, daß sich in den Kolonialräumen manche städtische Siedlungen stark monoton entwickelten. 40
In ihren Anfängen folgte die Struktur der Städte entweder dem sozioökonomischen oder dem ethnischen Prinzip. Die Städte Europas (und der Kolonien) pflegten eher nach dem sozioökonomischen Prinzip gegliedert zu sein und einen zunächst von innen nach außen gerichteten Sozialgradienten aufzuweisen. Die Städte des Orients dagegen waren in ihrer inneren Differenzierung in Wohnquartiere von Bevölkerungsgruppen verschiedener Herkunft, Sprache und Religion gegliedert (ethnisches Prinzip). Viele Städte im Orient und in anderen Ländern der Dritten Welt haben dann während einer längeren Zeitspanne, vor allem aber im 19. und beginnenden 20. Jh. eine Epoche als Kolonialstadt durchgemacht. Die Kolonialstadt fällt zwar zeitlich großenteils in die Entwicklungsperiode der industriellen Stadt, ist aber in den betroffenen Ländern durchaus keine bloße Weiterentwicklung, sondern entwickelte sich weitgehend unabhängig von der Stadt der einheimischen Bevölkerung. Erst mit der Entkolonialisierung (zweite Hälfte 20. Jh.) wurden die Europäerviertel in die Städte der betreffenden Länder integriert. Diese Städte haben schon zur Mandatszeit, beschleunigt aber in der Epoche der Eigenstaatlichkeit zahlreiche westliche Elemente der Architektur, des Lebensstils und die Wirtschaftsorganisation übernommen. 41
Ein Problem für die kulturgenetische Betrachtungsweise wirft die sozialistische Stadt auf. Von völligen Neugründungen abgesehen, die wie Eisenhüttenstadt in der ehemaligen DDR reine Industriestädte sind, handelt es sich in den Jahrzehnten von 1920-1990 um den städtebaulichen Ausdruck bestimmter gesellschaftspolitischer Vorstellungen in Architektur und Stadtplanung unter der Prämisse weitgehender Einschränkung des Privateigentums am Boden. So konnte in zentralster Lage großzügig mit der Fläche umgehen und monumentale Plätze und Magistralen für Aufmärsche etc. schaffen (Stadtzentrum hat propagandistische Funktion). 42
Der Orient ist das Gebiet ältester Stadtkultur. Die Städte in dieser Region sind meist Quell-oder Flußoasenstädte (Karawanenetreffpunkte), die sich durch starke Segregation (ethnisch und sprachlich) auszeichneten. Hier war auch im Gegensatz zur europäischen Stadt die Landwirtschaft nicht von der Siedlungsagglomeration getrennt. Dies hat ebnenso wie das
39 vgl. Bähr, J., Mertins, G. (1995): Die lateinamerikanische Gross-Stadt,a.a.O., S.200
40 vgl. Hofmeister, B. (1997): Stadtgeographie, a.a.O., S.216-219
41 vgl. ebd., S.220f
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baumartig verzweigte System von Sackgassen (durch Gruppierung einzelner Sippen um solche) erheblichen Einfluß auf die Stadtstruktur. Die Grundstruktur entspricht einer radialen Anordnung der Wohnviertel um einen Kern mit Moschee und Kalifenpalast an den sich ein Ring mit Verwaltungsgebäuden anschließt (vgl. Abb.12). Ebenfalls im Stadtkern ist der Hauptbasar zu finden; weitere Basare finden sich in den einzelnen Viertel, wobei ein negativ proportionaler Zusammenhang zwischen der jeweiligen Wertschätzung und der Entfernung des Basars vom Stadtzentrum. Oftmals sind die Wohnviertel nach ethnischen Gruppen bzw. Glaubensrichtungen aufgeteilt, was an einer physiognomischen Differenzierung festzustellen ist. Nach 1930 sind im Rahmen des Stadterweiterungsprozesses außerhalb der ehemaligen Stadtmauern Viertel mit regelmäßigem Grundriß (u.a. Schachbrettmuster) entstanden.
Die Mehrzahl der afrikanischen Städte sind von Europäern oder Arabern 44 gegründet worden. Demzufolge zeichnet sich die afrikanische Stadt durch eine ethnische Mehrschichtigkeit aus, wobei die Gruppen jedoch oftmals getrennt leben, denn den Afrikaner war der Grunderwerb in der Stadt untersagt. Öffentliche Einrichtungen, wie Schulen und Krankenhäuser waren nach ethnischen Gruppen getrennt und trugen so zur Viertelsbildung bei. Die Afrikaner, die oft als Bedienstete der Europäer in die Städte kamen siedelten sich in eigenen Viertel um die bestehende schachbrettmusterartige Siedlung der Europäer an. Seit der Mitte des letzten Jahrhunderts ist auch in der afrikanischen Stadt eine Gliederung nach Einkommensverhältnissen zu erkennen, und nicht wie zuvor nach Stammeszugehörigkeit. Bis etwa 1860 waren Handels-, Militär- und Verwaltungsfunktionen für das Entstehen und das Wachstum von angloamerikanischen Städten entscheidend, danach wurde das Verkehrsnetz (Eisenbahn) und Industrie wichtig für die Stadtentstehung. Die im Schachbrettmuster angelegten und manchmal mit Diagonalstraßen versehenen Siedlungen besitzen jedoch im Gegensatz zur lateinamerikanischen Stadt keinen alten Stadtkern 45 . Eine allgemeine Differenzierung der angloamerikanischen Siedlungsformen kann zwischen den mehr individuell gestalteten kolonisierten Gegenden und den uniformen Städten des Landesinnneren vorgenommen werden. 46
42 vgl. ebd., S.222ff
43 1: CBD-Kern, 2+3: CBD-Rand, 4: Bazar, 5: Zone alter Geschäftsstraßen, A: ehemalige Residenz, a: ehemalige Stadtmauer, b: Bereich traditionellen Bauens, I: Industrie, c: alte Villenzone, d: Gürtel moderner Wohnbebauung
44 Wobei sich der arabische Einfluß meistens auf einzelne Objekte oder einige wenige Straßenzüge konzentriert, denn auf ganze Stadtviertel.
45 Der Courthouse Square war der Ort des gesellschaftlichen und kommerziellen Lebens.
46 vgl. o.V.: URL : www.hausarbeiten.de/geographie/geo-stadtinterkulturell.shtm , 16.03.2001, 12:41
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6. Beispiele
Hier soll anhand dreier Beispiele kurz gezeigt werden, in wie weit die doch stark abstrahierten Modelle lateinamerikanischer Städte mit der Wirklichkeit der urbanen Räume auf dem (süd-) amerikanischen Kontinent übereinstimmen. Zunächst sei noch darauf verwiesen, dass einem Vergleich im Fall lusoamerikanischer Städte (hier: Rio de Janeiro), wie oben schon erwähnt, jegliche wissenschaftliche Grundlage fehlt. Trotzdem will ich den Versuch wagen, da auch hier, obwohl ein anderer Entwicklungshintergrund gegeben ist, in der Moderne ähnliche Strukturen und Entwicklungen zu erkennen sind. Ich möchte mich hier ausschließlich auf das Modell der spanisch-amerikanischen Stadtentwicklung von Borsdorf beziehen, da es von der von mir verwendeten Literatur als das fortgeschrittenste Modell vorgestellt wird.
6.1 Mexico-City
Bei einer Betrachtung der strukturellen Gliederung von Mexico-City (vgl. Abb.13) lässt sich sofort die starke räumliche Konzentration der Ober- und Mittelschichtsviertel erkennen. Dieser Gürtel verläuft radial vom Zentrum zum Stadtrand. Ebenso wie dieses Strukturmerkmal, ist die Ansammlung von Industrie- und Gewerbeflächen entlang von Hauptverkehrsachsen, die einen schachbrettmusterartigen Grundriss erahnen lassen auffällig. Wenn auch das eigens für Mexico-City angefertigtes Strukturmodell eher den konzentrischen Charakter abbildet (vgl. Abb.15), so zeigt sich durch einfaches Übereinanderlegen der strukturellen Gliederung von Mexico-City und dem Modell der spanisch-amerikanischen Stadtentwicklung von Borsdorf (von Heute) eine bei Berücksichtigung der starken Abstraktion des Modells erstaunliche Kongruenz der Abbildungen (vgl. Abb.14). Jedoch wird hier auch ein entscheidender Nachteil der vorgestellten lateinamerikanischen Stadtstrukturmodelle deutlich. Die im Modell bezüglich ihrer Anzahl im Verhältnis zum sozialen Wohnungsbau zutreffend dargestellten Marginalsiedlungen, verlieren diesen Status allerdings in Bezug auf ihre Größe. Die modellhafte, annähernd punktuelle Darstellung wird in keiner Weise den tatsächlichen Größenverhältnissen gerecht. Sieht von diesem Mangel ab erscheint die räumliche Verteilung der Marginalsiedlungen allerdings sehr realistisch. Auf dieser generalisierten und vereinfachten Basis erscheint mir das Modell von Borsdorf für Mexico-City, mit Abstrichen, recht aussagekräftig.
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Abb.14:Struktur Mexico-City mit Strukturmodell Quelle: eigene Darstellung
Abb.15: Schema der sozialräumlichen Struktur des Großraums von Mexiko-Stadt Quelle: Wallert, W. (1996) 6.2 Lima
Im Falle Limas lassen sich parallele Beobachtungen machen. Auch hier ist eine Orientierung der Industrie- und Gewerbeflächen entlang der Magistralen zu erkennen (vgl. Abb.16). Ebenso ist der tatsächlich zu Grunde liegende Schachbrettmuster-Grundriss anhand des Straßenverlaufs auszumachen. Allerdings kann kaum von einer räumlichen Konzentration der Oberschicht-/Mittelschichtviertel in dem Maße wie in Mexico-City gesprochen werden. Ein weiteres wichtiges Unterscheidungskriterium ist die rigorose Beschränkung der räumlichen Ausdehnung in West-Ost-Richtung durch die Anden auf der einen Seite und den Pazifischen Ozean auf der anderen. Somit konzentriert sich das Wachstum auch auf ein „schmales“ Band in Nord-Süd-Richtung. Dies wird insbesondere im Fall der Lage der Barriadas 47 deutlich, die stark an dieser Ausrichtung orientiert sind. Die Bildung von Subzentren, welche noch im Fall von Mexico-City nicht zum Vorschein trat, ist hier sehr schön (ohne jegliche Umgestaltung des Modells) am Beispiel des Villenvorortes Miraflores zu erkennen (vgl. Abb.17). Weiterhin kann man in unmittelbarer Umgebung des historischen Stadtkerns Ansammlungen von „innerstädtischen Elendsvierteln“ ausmachen, was auf einen innerstädtischen Elendsgürtel schließen lässt. Somit lässt sich auch an diesem Beispiel (mit anderen Schwerpunkten) zeigen, dass das vorgestellte Stadtstrukturmodell durchaus Realitätsbezug besitzt.
6.3 Rio de Janeiro
Ich habe Rio de Janeiro als Beispiel für eine lusoamerikanische Stadt gewählt, da sie mehr als alle anderen für diesen Typ repräsentativ ist. 48 Wie schon in den vorangegangenen Kapiteln angeklungen, ist die unmodifizierte Übertragung der ausschließlich an hispanoamerikanischen Städten erstellten Stadtstrukturmodelle wissenschaftlich nicht haltbar. Zum einen hatten die Städte im portugiesischen Hoheitsgebiet andere Funktionen (Hafen-/Handelsstützpunkte,
47 Auch hier ist wieder die Diskrepanz zwischen Modellgröße und realer Ausdehnung gegeben.
48 vgl. Achilles, G.W. (1989): Strukturwandel und Bewertung sozial hochrangiger Wohnviertel in Rio de Janeiro, Die Entwicklung einer brasilianischen Metropole unter besonderer Berücksichtigung der Stadtteile Ipanema und Leblon, In: Tübinger Geographische Studien, Nr. 104, S. 191.
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anstelle von Kolonialstädten ~ Verteidigung), zweitens vollzog sich hier eine zum hispanoamerikanischen Raum unterschiedliche Genese (früher und stärker
verkehrsachsengebundene Entwicklung). Auch ist kein, für die obigen Beispiele und für das Modell von Borsdorf wichtiger Schachbrettmuster-Grundriss vorhanden. Bei einem ersten Betrachten der in administrative Einheiten gegliederten Abbildung (vgl. Abb.18) treten wieder einige typische Merkmale des Modells der spanisch-amerikanischen Stadtentwicklung hervor, wie die Entwicklung der Industrie entlang der Verkehrsachsen oder die Bildung von Subzentren (Leblon, Copacabana). Allerdings erscheint mir hier ein Vergleich mit dem von Bähr/Mertins entworfenen Idealschema der sozialräumlichen Differenzierung
lateinamerikanischer Großstädte aufgrund der Vernachlässigung des quadratischen Grundrisses sinnvoller als die Verwendung des Schemas von Borsdorf (vgl. Abb.19). Die von Bähr/Mertins als „City mit angrenzender Mischzone“ beschriebene ist hier gut zu erkennen; Innenstadtslums sind u.a. aufgrund einiger Sanierungsmaßnahmen kaum vorhanden. In den Subzentren (Südstadt) haben sich der gehobene Einzelhandel und der Freizeitsektor konzentriert. Hier ist auch das sozial hochrangigste und teuerste Wohngebiet zu finden (~Entwicklungsachse „Wohnviertel der Oberschicht“). Die Nordstadt zeigt sehr deutlich das Entwicklungsband von Unterschicht und Industrie entlang von Verkehrsachsen. Hier befindet sich auch, ebenfalls durch das Modell abgebildet, der Großteil der Hüttensiedlungen (Favelas). 49
Zusammenfassend kann eine gewisse Übereinstimmung von Modell und tatsächlicher Struktur, trotz der unterschiedlichen Voraussetzungen nicht geleugnet werden.
7. Fazit
Das zu Beginn vorgestellte, für den lateinamerikanischen Kulturraum so prägende zentrale Achsenkreuz 50 und der damit verbundene Schachbrettmuster-Grundriss gelten eben nicht das für den gesamten Raum, wie am Beispiel Rio de Janeiro deutlich geworden ist. Obwohl dieser für unterschiedlichste (und unterschiedlichere als Hispano- und Lusoamerika) Kulturräume
49 vgl. ebd., S.193ff.
50 Plaza mayor
22
prägend ist. Vielmehr muss hier noch weiter zwischen hispano- und lusoamerikanischen Raum unterschieden werden.
Durch den zum Teil chronologischen Aufbau der Arbeit wird auch die Entstehung des aktuellen lateinamerikanischen Stadtstrukturmodells deutlich. Aus anfänglicher rein konzentrischer, aus Bevölkerungsdichtemodellen abgeleiteter Betrachtung ist durch immer fortwährende Ergänzung und Überarbeitung ein Modell entstanden, dass zumindest für einen Teil des urbanen lateinamerikanischen Raum eine recht zutreffende Abbildung der Wirklichkeit liefert. Die Darstellungen wurden mit jeder Entwicklungsstufe zunehmend differenzierter. So konnten die in der Neuzeit verstärkte innere Differenzierung der Städte und die zunehmende Wirksamkeit der strukturierenden Kräfte, wie das Bodenpreisgefüge und seine Dynamik, die Gebäudekapazität für bestimmte Nutzungen, selektive Wanderungsströme, sich verändernde Verkehrstechnologien sowie gelenkte
Funktionstrennung bzw. -mischung in das Modell eingearbeitet werden. Hierbei handelt es sich natürlich nur um eine Momentaufnahme, so dass diese ständig weiterentwickelt werden muss. Denn das gegenwärtige Wachstum wird sicherlich nicht langfristig anhalten. Als eine sehr befruchtende Ergänzung könnte ich mir die Einbindung der Daseinsgrundfunktionen in das Modell der lateinamerikanischen Stadt vorstellen. Hierbei wäre allerdings die Gefahr der Überfrachtung gegeben. Sinnvoll erscheint mir auch die Berücksichtigung der Zeitkomponente durch Borsdorf und Gormsen. Trotz der Unterschiede zwischen dem luso- und hispanoamerikanischen Raum und der Bedenken der wissenschaftlichen Literatur sind die Modelle eingeschränkt auch auf den portugiesisch geprägten Raum übertragbar.
Bezüglich des interkulturellen Vergleichs ist bemerkenswert, dass sich die Stadtstrukturen Lateinamerikas eher denen Nordafrikas und des fernen Ostens gleichen, als dem auch morphologisch verbundenen Nordamerika. 51 Somit ließe sich die Vermutung äußern, dass aktuelle Ähnlichkeiten und Parallelitäten (z.B. Entwicklungsstatus) die historisch bedingten Differenzen überformen.
51 Harris, W.D. (1971): The Growth of Latinamerican Cities, Athen, S. 203.
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Arbeit zitieren:
Sven Müller, 2001, Stadtstrukturmodelle Lateinamerikas, München, GRIN Verlag GmbH
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am Tuesday, April 05, 2005-