1. Einleitung
In der vorliegenden Arbeit möchte ich das Thema „politische Bildung in der Grundschule“ behandeln. Es stellte sich mir zu Beginn die Frage, was politische Bildung überhaupt ist und welche Funktionen sie besitzt. Ob politische Bildung überhaupt schon in der Grundschule praktiziert werden kann und, wenn ja, wie sie dann auszusehen hätte, war dann der nächste Punkt, dem ich nachgehen wollte.
Um eine Basis für meine Ausführungen zu haben, versuche ich als erstes die Begriffe „Politik“ und „Politische Bildung“ zu definieren.
Ich habe mich nicht ausschließlich auf die politische Bildung im Sachunterricht konzentriert, da ich im Verlaufe der Auseinandersetzung mit diesem Thema festgestellt habe, dass die politische Bildung im gesamten Schulalltag stattfindet. Sie ist sowohl in anderen Fächern, als auch in anderen Bereichen des Schullebens zu finden, wie zum Beispiel in den Pausen zwischen den Unterrichtsstunden oder bei Schulfesten. Ich beschäftige mich also nicht nur mit der politischen Bildung als Teil eines Unterrichtsfachs, sondern als Teil des „sozialen Lernens“ und des „Erziehens“, welches in jeder Situation in der Schule geschieht.
Hilfreich war hierbei vor allem die Veröffentlichung „Politische Bildung an der Grundschule“ von Ingrid Ziegler, die einige gängige Untersuchungen zum Erwerb von Einstellungen und Werten bei Kindern im Grundschulalter zusammengefasst und einen Bezug zur Grundschule hergestellt hat.
Zum Schluss versuche ich noch einen Bezug zwischen der politischen Bildung und den Richtlinien und Lehrplänen Sachunterricht des Landes Nordrhein-Westfalen herzustellen, um zu sehen, ob die politische Bildung dort berücksichtigt wurde und wie sie im Unterricht eingebracht werden soll.
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2. Politik und Politische Bildung
2.1 Was bedeutet der Begriff „Politik“?
Zuerst einmal erscheint es mir wichtig, den Ursprung des heutigen Politikbegriffs zu klären. Dieser lässt sich nach Rohe in drei, dem englischen entnommene, Unterbegriffe gliedern, nämlich in „policy“, „politics“ und „polity“. Den Zusammenhang dieser Unterbegriffe beschreibt Rohe so: „Politik [ist] die Verwirklichung von Politik - policy mit Hilfe von Politik - politics - auf der Grundlage von Politik - polity -...“ 1 Unter dem Begriff „policy“ sind die Inhalte und Handlungsprogramme von politischen Akteuren oder Instanzen zu verstehen „sowie... Resultate von politischen Willensbildungs- und Entscheidungsprozessen“ 2 . „Politics“ hingegen bezeichnet Aktivitäten der Regierungskunst, wie zum Beispiel Auseinandersetzungen zwischen verschiedenen politischen Gruppen die der Beschaffung von Zustimmung zu den oben genannten Handlungsprogrammen und Inhalten dient. Der Wirtschaftswissenschaftler Schumpeter bezeichnet dies auch als den „Kampf um Entscheidungsbefugnis“ 3 . Der Begriff „polity“ ist die Grundlage, auf dem die gesamte Politik aufbaut. Hierzu zählt die Verfassung und andere Gesetze, auf denen die Ordnung des politischen Lebens in einer Gemeinschaft basiert. Auch sind hier die Grundrechte verankert, wobei die Freiheitsrechte eine zentrale Rolle spielen, denn sie gewähren dem Bürger politische Teilnahmerechte wie das aktive und passive Wahlrecht. Die Grundrechte geben die primären politischen Ziele und Inhalte an, welche von der Politik verfolgt und erstrebt werden sollen und dürfen; sie setzen dem politischen Handeln also Grenzen.
Es gibt eine Reihe von Definitionen des Begriffs „Politik“. Deshalb nenne ich an dieser Stelle nur zwei, die meines Erachtens eine angemessene Erklärung liefern. Die erste Definition ist von Lehmbruch, der Politik als „... gesellschaftliches Handeln,... welches darauf gerichtet ist, gesellschaftliche Konflikte über verbindliche Werte zu regeln“ 4
1 Rohe, Karl: Politik: Begriffe und Wirklichkeiten. Grundbedeutung des Wortes Politik. In: Breit, Gott-
hard; Massing, Peter (Hg.): Grundbegriffe und Praxisprobleme der politischen Bildung. Bonn, Bundes-
zentrale für politische Bildung, 1992, S. 200.
2 Ebd., S. 196.
3 Ebd., S. 196.
4 Lehmbruch, Gerhard: Einführung in die Politikwissenschaft. Stuttgart, 1968.
3
beschreibt. Lehmbruch sieht als ein politisches Mittel die Erstellung und Vermittlung von Werten, welche für die gesamte Gesellschaft verbindlich sind. Die zweite Definition geht davon aus, „daß Politik sich mit der gesellschaftlichen Existenz der Menschen als grundlegende Aufgabe der Gestaltung und Sicherung einer allgemeinverbindlichen Ordnung der menschlichen Sozialbeziehungen ergibt“ 5 . Schlangen verzichtet bei seiner Definition also auf die Nennung möglicher politischer Mittel zur Gestaltung einer allgemeinverbindlichen Ordnung. Somit bleibt bei dieser Definition nicht die Frage offen, wie man Werte definiert und wie sie zu schaffen bzw. zu vermitteln sind.
2.2 Was ist „politische Bildung“?
Die politische Bildung bezieht sich auf die im jeweiligen Staat vorherrschende Staats-form, also in der Bundesrepublik Deutschland auf die Demokratie. Somit bildet die „freiheitlich demokratische Grundorientierung... die Legitimationsgrundlage für die politische Bildung“ 6 in Deutschland. Ziegler sieht das Erziehen zum selbständigen Bewerten als einen Teil der politischen Bildung. 7 Auch hier taucht wieder der Begriff „Werte“ auf, denn zum bewerten bedarf es dem Bewusstsein der eigenen Werte. Laut dem Lehrplan des Faches Sozialkunde des Landes Bayern von 1982 umfasst die politische Bildung unter anderem die Werte „Toleranz, Verantwortung, Hilfsbereitschaft [und] Offensein“ 8 . Weitere Grundwerte der Demokratie sind Menschenwürde, Freiheit, Gerechtigkeit und Frieden. Zu diesen Werten muss die Schule Stellung nehmen und den Schülern Orientierungshilfe sein, damit die Schüler in die Gesellschaft integriert und vollwertige Mitglieder der Gesellschaft werden. Erst dann können sie eigenständig bewerten und Stellung zu diesen Werten nehmen.
Klafki bezeichnet politische Bildung „als Kern eines zeitgemäßen Verständnisses von Allgemeinbildung“, dessen Aufgabe es ist, „die Lernenden in Sachkompetenter Weise
5 Ziegler, Ingrid: Politische Bildung an der Grundschule. Empirische Ergebnisse der politischen Psycho-
logie und didaktische Konsequenzen. Opladen, 1988, S. 34.
6 Ammon, H.: Die Bedeutung der freiheitlich demokratischen Grundordnung für die politische Bildung.
In: Die Scholle, Heft 3, 1977, S. 146.
7 Ziegler, 1988, S. 139.
8 Ebd., S. 24.
4
mit den wichtigsten Problemen des gesellschaftlichen Zusammenlebens in der Gegenwart und der absehbaren Zukunft so zu konfrontieren, daß die Fähigkeit zu selbständiger, rationaler Urteilsbildung entwickelt, politische Handlungskompetenz vermittelt und so die politische Mündigkeit der Lernenden gefördert wird“. 9 Auch hier ist im weitesten Sinne die Rede von Bewerten, da Urteilsbildung auch auf Werten beruht. Den Begriff der politischen Handlungsfähigkeit findet man auch bei Ziegler wieder, die der Meinung ist, dass politische Verfahren, wie z. B. Wahlen, erst in der Schule erprobt werden müssten und dann auf die Gesellschaft projiziert werden könnten. 10 Die wichtigen Probleme des gesellschaftlichen Zusammenlebens werden von Klafki auch als die sechs „epochaltypische Schlüsselprobleme“ bezeichnet. Sie hatten Einfluss auf die Richtlinien und den Lehrplan Sachunterricht des Landes Nordrhein-Westfalen von 1985, worauf ich später noch einmal eingehen werde. Um einen Einblick zu geben, worin Klafki den Kern der politischen Bildung sieht, möchte ich hier kurz diese sechs epochaltypischen Schlüsselprobleme aufführen: 11
1. Die Frage von Krieg und Frieden
2. Die Umweltfrage oder die ökologische Frage 3. Das rapide Wachstum der Weltbevölkerung 4. Die gesellschaftlich produzierte Ungleichheit 5. Die Gefahren und Möglichkeiten der technischen Steuerungs- und Informationsmedien 6. Das Phänomen der Ich-Du-Beziehung
An dem zweiten Schlüsselproblem, der „Umweltfrage“, wird deutlich, dass politische Bildung immer abhängig ist von gesellschaftlichen Tendenzen, denn bis vor circa 30 Jahren war dies noch kein politischer Wert. Erst nachdem Organisationen und Gruppen politische Mittel wie Demonstrationen und Parteigründung eingesetzt haben, um dieses
9 Sander, Wolfgang: Die Einheit der Politischen Bildung. In: George, Siegfried; Sander, Wolfgang (Hg.):
Demokratie-Lernen als politische und pädagogische Aufgabe. Stuttgart, 1988, S. 238.
10 Vgl. Ziegler, 1988. S. 79.
11 Vgl.: Klafki, Wolfgang: Zum Bildungsauftrag des Sachunterrichts in der Grundschule. In: Grundschul-
unterricht. 40, 1993, S. 3-6.
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Thema öffentlich zu machen, wurde es zu einem Politikum und somit Thema der politischen Bildung. 12
Zusammenfassend kann die Definition von Mickel gelten. „So ist p. B. [politische Bildung] der Sammelbegriff für ein schulisches oder außerschulisches, institutionalisiertes oder freies,... verbales oder non-verbales, interaktionales Einwirken auf den (Mit-) Menschen, um politisches Verhalten, Handlungsbereitschaft und -kompetenz, demokratische Spielregeln und Grundwerte, Problembewußtsein und Urteilsfähigkeit usw. zu vermitteln.“ 13
3. Politische Bildung durch Wertevermittlung
3.1 Die affektive und kognitive Vermittlung von Werten
Zuerst einmal bedarf es einer genaueren Eingrenzung des Begriffs „Wert“. Kaase definiert Wert als „dauerhafte Orientierungen des Individuums in bezug auf das sozial Wünschenswerte; in diesem Sinne besitzen Werte verhaltenssteuernde, aus Verhaltensalternativen auswählende Funktion.“ 14
Es wird darauf hingewiesen, dass der Forschung eine Abgrenzung von Werten zu ver-wandten Begriffen wie Einstellung schwer fällt. Ich möchte diese beiden Begriffe hier kurz gegenüberstellen. Das Gemeinsame dieser Begriffe ist, dass sie affektive und kognitive Elemente besitzen. Einstellungen besitzt ein Individuum zu einem Objekt, es bedarf also einen Einstellungsgegenstand. Einstellungen sind erfragbar und beobachtbar durch z. B. die Frage: „Welche Einstellung haben sie zu...?“ Sie basieren auf direkten oder indirekten Erfahrungen zu einem Objekt.
Werte hingegen sind „’Abstraktionen’ der Wirklichkeit, Idealen gleich.“ 15 Es sind innere Wunschvorstellungen, welche einen Zielcharakter aufweisen und nur innerhalb eines Subjekts existieren. Es bedarf psychische Äußerungen wie Verbalisieren oder Handeln,
12 Vgl. Ziegler, 1988, S.134f.
13 Mickel, Wolfgang W.: Politische Bildung. In: Nohlen, Dieter (Hg.): Wörterbuch Staat und Politik.
Neuausgabe 1995. Bonn, Bundeszentrale für politische Bildung, 1998, S. 561f.
14 Kaase, Max: Wert/Wertewandel. In: Nohlen, 1998, S. 870.
15 Ziegler, 1988, S. 38.
6
damit man etwas über die Werte einer Person sagen kann. Einstellungen sind, im Gegensatz zu Werten, beeinflussbar. Wird nämlich ein Objekt verändert, so kann sich auch die Einstellung einer Person zu diesem Objekt verändern. Werte jedoch können, sind sie erst einmal verinnerlicht, nicht mehr verändert werden. Es kann nur noch eine Veränderung der Wertehierarchie erreicht werden, denn Werte gehören „zu einem integrierten, unabdingbaren Bestandteil des Menschen“ 16 und haben immer eine positive Bedeutung.
3.2 Begriffserklärung: affektives und kognitives Lernen
Ich erkläre hier die Begriffe affektives und kognitives Lernen, da die Wertevermittlung auf diesen basiert. Affektives Lernen beruht auf unkritische Imitation und Identifikation. Es überwiegt in der Phase des frühen Lernens und geht dem kognitiven Lernen voran, beeinflusst es sogar. Das unreife Kind ist „sich keiner Alternativen bewußt...“ 17 , so dass das Lernen unbewusst stattfindet und das Erlernte noch nicht beurteilt werden kann. Die Sozialisationsagenten sind in frühester Kindheit die Familie, später kommen auch Institutionen und Medien hinzu. Auf die politische Bildung übertragen bedeutet dies laut Hess und Torney, dass z. B. „die politischen Einstellungen von Identifikationspersonen übernommen“ und „präpolitische Einstellungen [übertragen]“ 18 werden. Diese Einstellungen werden von Nyssen dann Grundeinstellungen genannt, die stabil gegenüber eventuellen Veränderungen sind. Fallstudien weisen jedoch darauf hin, dass negative, affektiv erworbene Verhaltensdispositionen durch ebenfalls affektiven Unterricht verändert werden können. 19 Deshalb ist das affektive Lernen in der Schule nicht zu vernachlässigen.
Besteht ein Gegensatz zwischen dem gezeigten Verhalten, welches affektiv erworben wurde, und dem erwarteten Verhalten eines Schülers, kann bei diesem Schüler eine „affektive Dissonanz“ entstehen. Dies bedeutet, dass der Schüler sein Verhalten unbewusst ändern möchte und dies auch unbewusst, also affektiv, schafft. Ist dies nicht der Fall, so
16 Festinger, L.: Sozialpsychologie: Bindeglied zwischen Verhaltens- und Sozialwissenschaften. In: Zeit-
schrift für Sozialwissenschaft, 10/1979, S. 218.
17 Ziegler, 1988, S. 50.
18 Ebd., S. 51.
19 Vgl.: Ebd., S. 55.
7
kann diese Spannung durch Verbalisieren, welches in der Grundschule meistens der Lehrer tut, zur „kognitiven Dissonanz“ verändert werden. Dann ist sich der Schüler dieser Spannung bewusst und es kann eine Verhaltensänderung durch kognitives Lernen erreicht werden.
Mit dem Begriff Kognition kann die „Erkenntnis als Bestand an Erkanntem, als angeeignetes, organisiertes und gespeichertes Wissen der Welt“ gemeint sein. Eine heute gängigere Definition versteht Kognition als den „Prozeß der Informationsverarbeitung“ 20
Nach Piaget gibt es vier Stufen bei der Kognitionsentwicklung, wobei die dritte Stufe, die „Periode der konkreten Operationen“ 21 vom siebten bis elften/zwölften Lebensjahr andauert. Dies ist der Beginn des logischen Denkens, wobei Denkoperationen noch an konkrete Handlungen gebunden sind. Diese Periode wird also in der Grundschulzeit durchlaufen. Beim kognitiven Lernen werden nicht mehr Personen imitiert oder Identifikationen übernommen, sondern es setzt rationales Denken ein, das heißt, gespeichertes Wissen wird organisiert und neues Wissen wird verarbeitet. Eine Studie von Connell zeigt auf, dass Kinder im Alter von sieben bis neun Jahren einen sogenannten „Task Pool“ entwickeln. Sie greifen Informationen aus verschiedenen Quellen (Eltern, Lehrer, Medien) auf, verarbeiten sie und sammeln sie im „Task Pool“. Bei der Verarbeitung kommt es jedoch noch zur Vermischung von Informationen. Diese Vermischung nimmt aber mit Zunahme des Alters ab und Informationen werden weiter differenziert und ge-ordnet. 22 Um dieses rationale Denken zu fördern, muss soziales Handeln vom Lehrer immer erklärt und begründet werden, denn dadurch werden Handlungen und Erklärungen miteinander verknüpft und das Kind kann kognitive Strukturen entwickeln und somit wird der Übergang vom affektiven zum kognitiven Lernen gefördert.
20 Huber; Mandel: Kognitive Sozialisation. In Hurrelmann, Klaus; Ulich (Hg.): Handbuch der Sozialisati-
onsforschung. Weinheim und Basel, 1980, S. 631.
21 Ziegler, 1988, S. 82.
22 Vgl.: Connell, R. W.: The Child´s Constructions of Politics. Melbourne, 1971, S: 21ff.
8
4. Politische Bildung in der Grundschule
4.1 Ist politische Bildung in der Grundschule möglich?
Dies ist meines Erachtens die erste Frage die sich stellt, bevor man versucht, einen Zusammenhang zwischen der politischen Bildung und der Grundschule in Nordrhein-Westfalen herzustellen. Diese Frage ist eindeutig zu bejahen. Zum einen ist politische Bildung, also die Vermittlung von Werten, meistens auch soziales Lernen, wie zum Beispiel das Zurücknehmen eigener Wünsche und Interessen, wenn sie mit den Wünschen der Mehrheit nicht in Einklang zu bringen sind. Solche Interessenkonflikte können auch schon von Grundschulkindern wahrgenommen werden. 23 Dies kann auch mit Hilfe von Konfliktlösungsgeschichten geschehen, bei denen die Schüler die Gefühle und Motive der beteiligten Personen nachempfindet und daraufhin verschiedene Handlungsoptionen oder Lösungswege entwerfen. Zum anderen sieht Piaget im „Stadium der beginnenden Zusammenarbeit“, welches viele Kinder in der ersten Klasse erreichen, eine gute Basis, um Regeln des Zusammenlebens gemeinsam zu erarbeiten und somit demokratisches Verhalten zu lernen. Ziegler wagt sogar die These: „Was hier [in der Grundschule] nicht gelernt wird an Ordnungs-vorstellungen, an Sozialbeziehungen, wird wahrscheinlich nicht mehr so recht aufgeholt werden können.“ Hinzu kommt, dass die Grundschule die erste Institution ist, die alle Kinder durchlaufen, und somit hier allen Kindern die gleiche politische Bildung vermittelt werden kann.
Auch Untersuchungen von Greenstein zufolge findet politisches Lernen, wie zum Beispiel das Lernen von politisch relevanten Einstellungen, in früher Kindheit am ausgeprägtesten statt. 24 Die Kritik, dass Kinder in der Grundschule noch nicht reif genug seien für politische Bildung, kann mit diesen Argumenten also zurückgewiesen werden.
23 Vgl.: Ziegler, 1988, S. 79.
24 Vgl.: Ebd., S. 43.
9
4.2 Die politische Bildung in den Richtlinien
Nachdem eine Definition des Begriffs „politische Bildung“ gegeben wurde, ist nun nachzuweisen, ob sich diese auch in den Richtlinien der Grundschule widerspiegelt. Hierzu betrachte ich die Richtlinien für die Grundschule des Landes Nordrhein-Westfalen von 1985, da diese zur Zeit der Verfassung der vorliegenden Arbeit gültig waren.
Es ist festzustellen, dass bereits im ersten Abschnitt die „Achtung der Würde des Menschen [als] vornehmstes Ziel der Erziehung“ 25 angesehen wird. Hier heißt es weiter, dass „die Jugend... im Geiste der Menschlichkeit, der Demokratie und der Freiheit,... zur Verantwortung für die Erhaltung der natürlichen Lebensgrundlage, zur Völkergemeinschaft und Friedensgesinnung“ 26 erzogen werden soll. Dies bezieht sich nicht nur auf den Sachunterricht, sondern auf die Erziehung (hier: die Schule) allgemein. Unter Punkt 1, „Aufgaben der Grundschule“, wird auf die Förderung der Persönlichkeitsentwicklung und der sozialen Verhaltensweisen aufmerksam gemacht. Dieses ist zu ergänzen mit dem Vorsatz, die Kinder zunehmend zum mitdenken, mitplanen und mitgestalten zu fordern, so dass die Kinder in ihrer Handlungsbereitschaft und in ihrer sozialen Verantwortung gestärkt werden. 27 Dies lässt sich mit der oben stehenden Definition von Mickel in Einklang bringen. Die Förderung der sozialen Verhaltensweisen setzt das die gemeinsame Entwicklung von Spielregeln (oder Werten) voraus, an denen sich Verhaltensweisen messen lassen. Dieses wird unter Punkt 3.2 noch einmal ausdrücklich gesagt. Es sollen Möglichkeiten und Regelns des Miteinanderlebens entwickelt werden, wodurch die Kinder auf die mündige Teilhabe am gesellschaftlichen Leben vorbereitet werden sollen. 28 Hierbei handelt es sich nach Ziegler um das Ziel der politischen Bildung.
Ein selbständiges und verantwortungsbewusstes Handeln soll auch durch die Teilhabe am Schulleben gefördert werden. Durch das Ausüben von Diensten wie Klassensprecher und Patenschaften oder das Mitplanen von Festen und Feiern soll den Kindern Ge-
25 Richtlinienund Lehrpläne für die Grundschule in Nordrhein-Westfalen. Sachunterricht. Ministerium
für Schule und Weiterbildung des Landes Nordrhein-Westfalen (Hg.). Düsseldorf, 1985, S. 9.
26 Ebd., S. 9.
27 Vgl.: Ebd., S. 12.
28 Vgl.: Ebd., S. 13.
10
legenheit gegeben werden, Verantwortung zu übernehmen. Sie haben somit nicht nur Verantwortung für sich selbst, sondern für zum Beispiel eine weiter Person, wie es bei der Patenschaft der Fall ist. Dadurch sollen Einstellungen der Kinder gefestigt werden. Auf die Achtung des Menschen wird noch einmal unter Punkt 2.1, Schule des Kindes, hingewiesen. Hier heißt es: „Die Kinder müssen Anerkennung... von Mitschülern und Lehrern erfahren und lernen, andere anzuerkennen.“ 29 Dies ist eine Vorstufe des wichtigsten Grundsatzes der politischen Bildung und des ersten Artikels des Grundgesetzes ‚die Würde des Menschen ist unantastbar’.
4.3 Vorraussetzungen für politische Bildung in der Grundschule
Um eine politische Bildung im Sinne einer freiheitlich demokratischen Grundorientierung durchzuführen, müssen bestimmte atmosphärische Vorraussetzungen vorhanden sein oder geschaffen werden. Denn in einem autoritär geführten Unterricht können nicht demokratische Orientierungen erlernt werden.
Für die Grundschulkinder ist es deshalb wichtig, dass die eigene Schulklasse als demokratische Kultur erfahrbar wird, die „gelebte Vorstellungen über die Beziehung zwischen mir und den anderen“ 30 angestrebt wird. Dies betrifft besonders die Beziehung der Schüler untereinander und das Lehrer-Schüler-Verhältnis. Hierzu zählen laut Beck/Scholz unter anderem die Teilhabe an Entscheidungen und Diskussionen, die Teilhabe an politischen Informationen, die prinzipielle Gleichheit, das Wissen um die eigene Würde und die des anderen und Toleranz gegenüber Personen und Meinungen. Der Lehrer muss „unter Vermeidung autokratischer Befehle und Verbote einen sozialintegrativen Unterrichtsstil“ 31 bevorzugen. Es kommt nach Eden weniger auf die „lernzielfixierte Sachbezogenheit“ an, als auf das oben genannte Unterrichtsprinzip, also das
29 Ebd., S. 10.
30 Beck, Gertrud; Scholz, Gerold: Demokratie lernen in der Grundschule? In: Die Grundschulzeitschrift.
100/1996, S. 18.
31 Eden, Ralf: Erziehung zu demokratischen Werten als Unterrichtsprinzip - politische Bildung als
Grundlagenarbeit in der Berliner Grundschule. In: Franke, Kurt (Hg.): Demokratie Lernen in Berlin.
Opladen, 1991, S. 85.
11
„didaktische Problem der Aneignungsprozesse“. 32 Beispielhaft könnte man sagen, dass das Thema „Mitbestimmungsrecht in einer Gemeinschaft“ nicht erfolgreich umgesetzt werden kann, wenn eine autoritäre Unterrichtsatmosphäre vorherrscht, also keine Mitbestimmung toleriert wird. Es ist in der Grundschule für die Bildung von Werten ein Klima notwendig, welches von Zuwendungen geprägt ist und in dem Gefühle gezeigt werden, so dass das Kind eine innere Disziplin und eine internalisierte Moral aufbauen kann.
Eine weitere wichtige Maßnahme ist die Berücksichtigung der individuellen Lernvoraussetzung der Schüler, welches eine Individualisierung des Lernprozesses postuliert. Dieses enthält Lernprozesse in leistungshomogenen Gruppen, welche mit Materialien arbeiten, die ihren Bedürfnissen entsprechen. Durch die Gleichheit und Gleichberechtigung in dieser Gruppe wird gegenseitige Hilfe bei Lösungsversuchen akzeptiert und steigert so das Selbstvertrauen und Selbstwertgefühl der Interaktionspartner. 33
4.4 Politische Bildung im Sachunterricht
Als erstes möchte ich mich hier dem Lehrplan Sachunterricht des Landes Nordrhein-Westfalens von 1985 widmen, um aufzuzeigen, welchen Stellenwert die politische Bildung im oben genannten Sinne hier einnimmt.
Unter den Aufgaben und Zielen des Lehrplans Sachunterricht findet sich die Prämisse, „bedeutsame Sachverhalte und aktuelle Probleme“ mit in den Unterricht einzubeziehen. Hier finden sich die von Klafki sogenannten „epochaltypischen Schlüsselprobleme“ wieder. 34 In dem Absatz 1.1, „Erziehung zu Sachlichkeit und Mitmenschlichkeit“, wird unter der Berücksichtigung von Einflüssen, Gewohnheiten und Vorurteilen, welche nicht nur in der schulischen Sozialisation entstanden sein müssen, die kritische Ausei-nandersetzung mit Sachverhalten und Problemen als ein Ziel des Sachunterrichts benannt. 35 Hier lässt sich eine Brücke zu Ziegler schlagen, denn meines Erachtens ist eine kritische Auseinadersetzung verknüpft mit dem Erziehen zum selbständigen Bewerten.
32 Vgl.: ebd., S. 85.
33 Vgl.: ebd., S. 85.
34 Vgl.: Lehrplan und Richtlinien für die Grundschule in Nordrhein-Westfalen, S. 21.
35 Vgl.: ebd., S. 22.
12
Des weiteren findet sich dort die Forderung, dass der Sachunterricht Kinder dazu befähigen soll, gewaltfreie Lösungswege bei Konflikten anwenden zu können, welches auch durch die kritische Auseinandersetzung mit „Auswirkungen des menschlichen Handelns“ und „Sachverhalten und Problemen“ erlangt werden soll. Wie ich bereits sagte, ist politische Bildung meistens auch soziales Lernen, und somit nicht nur für den Sachunterricht relevant. Der Schüler wird also nach den entsprechenden Werten erzogen und in der Grundschule sozialisiert. Würde nun politische Bildung nur als Unterrichtsprinzip verstanden, so bestünde laut Ziegler die Gefahr, dass die Kinder zu „schulischen Betrügern“ erzogen würden. Darunter ist zu verstehen, dass der Schüler „Interesse und Aufmerksamkeit vortäuscht, Unwissenheit überspielt, Komplimente an Lehrer verteilt..., also angepaßt wird“. Er bekommt keine Einsicht in die Regeln und versteht somit auch nicht, warum Regeln notwendig sind, damit das Zusammenleben in einer Gesellschaft möglich ist. Die rationale Komponente, also das Erkennen der Regeln durch den Schüler fehlt. Es käme also zu einer Dressur. Ziegler nennt eine Sozialerziehung ohne Rationalität aus diesem Grund auch Manipulation. 36 Es würde also der heimliche Lehrplan sozialer Verhaltensweisen mehr Platz gelassen. Deshalb muss ein offizieller Lehrplan diesem gegenüber stehen.
Dies ist ein Grund, weshalb die politische Bildung auch im Lehrplan Sachunterricht und nicht nur in den Richtlinien der Grundschule zu finden ist. Ziegler hat festgestellt, dass zwischen 25% und 40% der Aufgabenschwerpunkte, welche im Lehrplan für das Fach Heimat- und Sachkunde in Bayern zu finden sind, dem sozialkundlichen Bereich zu zuordnen sind und somit Aspekte des „sozialen Lernens“ enthalten. Ähnliches lässt sich auch für die Aufgabenschwerpunkte des Faches Sachunterricht in Nordrhein-Westfalen sagen. Hier nur einige Beispiele: In der Klasse 1 und 2 ist unter anderem der Schwerpunkt „Schule und Schulweg“ angegeben, welcher auch den Gesichtspunkt „Personen in der Schule kennen und mit den Regeln des Schullebens vertraut werden“ enthält. Hier geht es also bereits um das Kennenlernen und Einhalten von Regeln in einer Gemeinschaft, der Schule. Weiter findet sich als zu behandelndes Thema „Ich und die anderen“, mit den Unterpunkten Rücksichtnahme, gewaltfreie Konfliktlösungen und Hilfe annehmen/anbieten. 37
36 Vgl.: Ziegler, 1988, S.12.
37 Vgl.: Lehrplan und Richtlinien für die Grundschule in Nordrhein-Westfalen. 1985, S.27f.
13
Aus den Aufgabenschwerpunkten der Klasse 3 und 4 lässt sich hier zum Beispiel „Natürliche und gestaltete Umwelt“ anführen, wobei auch auf anthropogene Eingriffe in die Umwelt und auf deren Folgen eingegangen werden soll. Ein immer bedeutsamer werdender Aufgabenschwerpunkt ist „Mediengebrauch und Medienwirkung“, gerade in Betracht auf die „epochaltypischen Schlüsselprobleme“ von Klafki. Hier wird der sinnvolle Umgang mit den Medien als ein Ziel festgehalten, wobei natürlich auch die Gefahren der neuen Medien berücksichtigt werden müssen. 38 Dazu zählt meines Erachtens auch die zunehmende Vereinsamung durch intensiven Gebrauch der Medien, vor allem von Computern und Videospielen. Darunter leiden die Sozial- und die Ich-Du-Beziehungen der Kinder, so dass der Schule verstärkt die Aufgabe zukommt, Kindern Chancen zu geben, um neue Beziehungen zu Mitmenschen aufzubauen.
38 Vgl.: Ebd., S.28ff.
14
5. Schlussbemerkung
Beim Anfertigen dieser Arbeit habe ich festgestellt, dass politische Bildung vielmehr ist als nur ein Unterrichtsfach, welches vordergründlich mit den Fächern Sozialkunde und Politik in Verbindung gebracht wird.
Vielmehr ist politische Bildung das Mittel, mit dem die Menschen, die in einer Gesellschaft leben, die Grundwerte dieser Gesellschaft zuerst kennen lernen, dann akzeptieren und schließlich danach leben sollen. Es ist also ein Mittel zur Integration der in einem Staat lebenden Menschen in das soziale und auch in das politische Leben. Politische Bildung ist also Erziehung nach Werten und nicht nur Unterrichtsinhalt eines Faches. Somit erfolgt politische Bildung auch in jeder Situation, in der Erziehung beabsichtigt ist.
Interessant finde ich, dass bereits die Grundschule einen so hohen Stellenwert in der politischen Bildung einnimmt, das heißt, dass hier bereits die Grundsteine gelegt werden und Ordnungsstrukturen laut Ziegler sogar nur hier aufgebaut werden können. Auch die Tatsache, dass Kinder bereits vor der Grundschulzeit durch affektives Lernen gewisse Einstellungen zu politischen Institutionen, Parteien und Personen besitzen weist darauf hin, dass politische Bildung schon vor dem Eintritt in die Grundschule stattfindet und somit auch bereits in der Grundschule stattfinden sollte. Man kann also nicht von der Unreife der Kinder sprechen.
Ich glaube, dass man sich dieser Tatsache, also den Kenntnissen, die Kinder schon über politische Institutionen usw. besitzen, bewusst sein muss, damit man versteht, in wie fern Politik schon in der Lebenswelt von Kindern auftaucht. Es ist bekannt, dass Kinder eine Menge von Informationen durch die Medien (z. B. Nachrichten) wahrnehmen und auch speichern. Zwar besitzen die Kinder noch keinen Überblick über Strukturen, die diese Informationen miteinander verbindet, aber sie bilden den oben erwähnten „Task pool“. Die Strukturen werden von den Kindern dann gebildet, nämlich mit Hilfe des „Task pools“, und sind dann möglicherweise falsch, so dass es einer Korrektur bedarf. Wenn man dieses berücksichtigt, dann sollte man als Lehrer erkennen, dass politische Bildung in der Grundschule sogar auch in diesem engeren Sinne, also nur in Hinblick auf Politik, notwendig ist.
15
6. Literaturverzeichnis
Ammon, H.: Die Bedeutung der freiheitlich demokratischen Grundordnung für die poli-
tische Bildung. In: Die Scholle, Heft 3, 1977.
Beck, Gertrud; Scholz, Gerold: Demokratie lernen in der Grundschule? In: Die Grund-
schulzeitschrift. 100/1996. S. 18-21.
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Bildung als Grundlagenarbeit in der Berliner Grundschule. In: Franke, Kurt (Hg.): De-
mokratie Lernen in Berlin. Opladen, 1991. S. 82-89
Festinger, L.: Sozialpsychologie: Bindeglied zwischen Verhaltens- und Sozialwissen-
schaften. In: Zeitschrift für Sozialwissenschaft, 10/1979. S. 214-219.
Huber; Mandel: Kognitive Sozialisation. In: Hurrelmann, Klaus; Ulich (Hg.): Handbuch
der Sozialisationsforschung. Weinheim und Basel, 1980
Kaase, Max: Wert/Wertewandel. In: Nohlen, Dieter (Hg.) Wörterbuch Staat und Politik.
Neuausgabe 1995. Bonn, Bundeszentrale für politische Bildung, 1998.
Klafki, Wolfgang: Zum Bildungsauftrag des Sachunterrichts in der Grundschule. In:
Grundschulunterricht. 40, 1993. S. 3-6.
Lehmbruch, Gerhard: Einführung in die Politikwissenschaft. Stuttgart, 1968.
Mickel, Wolfgang: Politische Bildung. In: Nohlen, Dieter (Hg.): Wörterbuch Staat und
Politik. Neuausgabe 1995. Bonn, Bundeszentrale für politische Bildung, 1998.
Rohe, Karl: Politik: Begriffe und Wirklichkeiten. Grundbedeutung des Wortes Politik.
In: Breit, Gotthard; Massing, Peter (Hg.): Grundbegriffe und Praxisprobleme der politi-
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Sander, Wolfgang: Die Einheit der Politischen Bildung. In: George, Siegfried; Sander,
Wolfgang (Hg.): Demokratie-Lernen als politische und pädagogische Aufgabe. Stutt-
gart, 1988
Ziegler, Ingrid: Politische Bildung an der Grundschule. Empirische Ergebnisse der poli-
tischen Psychologie und didaktische Konsequenzen. Opladen, 1988.
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Matthias Bean, 2000, Politische Bildung in der Grundschule, München, GRIN Verlag GmbH
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