Inhalt
1. Einleitung 3
2. Das Leben der Mechthild von Magdeburg 4
3. „Das fließende Licht der Gottheit“ 6
3.1. Überlieferungsgeschichte 6
3.2. Werk 6
3.3. Strukturen und Sprache 9
4. Die Höllenvision III, 21 10
4.1. Inhalt und Aufbau 10
4.2. Die Hölle als Jenseitsraum - Lage und Landschaft 12
4.3. Hierarchien 14
4.4. Strafen und Höllenqualen 16
4.5. Personal 19
4.6. Sinneseindrücke 20
4.7. Zeit 21
4.8. Funktion 21
5. Schlusswort 23
6. Literatur 24
6.1. Primärliteratur 24
6.2. Sekundärliteratur 24
6.3. Internetseiten 25
2
1. Einleitung
Im Mittelalter erfreuten sich Visionsberichte neben Heiligenlegenden großer Beliebtheit, was sich an der Vielzahl der in dieser Gattung hervorgebrachten Schriften erkennen läßt. Von vielen Visionsberichten existieren zahlreiche Abschriften oder Übertragungen in Volkssprachen, weil die Bedeutung für die mittelalterlichen Menschen sehr hoch war. 1
Ab dem 12. Jahrhundert erlebte die Textsorte der Jenseitsvisionen ihren Höhepunkt 2 und die von Mystikern und Mystikerinnen erlebten Visionen wurden in immer häufiger auftauchenden Visionssammlungen veröffentlicht. 3 Eine dieser Visionssammlungen, in der vor allem kurze, aber auch vereinzelt größere Visionen auftauchen, ist das buoch „Das fließende Licht der Gottheit“ der Mechthild von Magdeburg, welches in der zweiten Hälfte des 13. Jahrhunderts von ihr verfaßt wurde.
Eine der größten Visionen in ihrem Werk ist die Höllenvision in III 21, welche die einzige sich ausschließlich auf diesen Jenseitsraum beziehende Vision darstellt. Angezogen vom Detailreichtum, der inhaltlichen Vielfalt und der formalen Gestaltung möchte ich mich ausschließlich diesem Kapitel ihres Werkes widmen, um die von ihr gesehene Hölle genauer im Hinblick auf die Landschaft, Hierarchien, Strafen, Sinneseindrücke etc. zu untersuchen. Trotz dem engen Bezug zu einem einzelnen Kapitel möchte ich auch versuchen, diese Vision in den Gesamtkontext des „Fließenden Lichtes der Gottheit“ zu stellen und werde auch deshalb allgemein auf Mechthilds Werk und ansatzweise auf dessen Überlieferungsgeschichte eingehen. Da meiner Meinung nach ein sehr enger Zusammenhang zwischen ihrem Leben und ihrem Schaffen bzw. den Visionen besteht, werde ich auch dies in meiner Arbeit behandeln.
1 Bochsler S. 1
2 Dinzelbacher S. 38
3 Bochlser S. 1
3
2. Das Leben der Mechthild von Magdeburg
Text dieser Übersetzung sowie aus Anzeichen in Wortschatz, mnd. Lautungsformen und Reimgebrauch“ 4 . Weitere verstreute Hinweise liefern die Schriften ihrer Mitschwestern Mechthild von Hackeborn und Gertrud der Großen 5 .
Geboren wurde sie um 1207/10 im Erzbistum Magdeburg, und nicht, wie Hans Neumann behauptet, in der westlichen Mittelmark. 6 Auch Karl Dienst 7 geht vom Raum Magdeburg als Gegend ihrer Geburt aus. Sie entstammte einem „wohlhabenden und wahrscheinlich hochadeligem“ 8 Hause, was man ihrer Sprache, in welcher „der Wort- und Bilderschatz der höfisch-ritterlichen Welt“ 9 enthalten sind, entnehmen kann und die von einer guten weltlichen
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5 Schmidt S. X
6 Schmidt S. Xf.
7 Biographisch-Bibliographisches Kirchenlexikon; http://www.bautz.de/bbkl/m/mechthild_v_m.shtml; Stand 31.07.2001
8 Schmidt S. X
9 Schmidt S. X
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Bildung zeugt. 10 Außerdem spielt sie des öfteren auf höfische Sitten und Gebräuche an, was erkennen läßt, daß ihr das Hofleben vertraut war. 11 Mit 12 Jahren „erlebte Mechthild ihre erste visionäre Gottesbegegnung“ 12 , wofür sie den Terminus grous benutzte, was für sie zum Wendepunkt in ihrem Leben wurde und letztendlich wohl als Auslöser für ihre um 1230 stattgefundene Flucht aus ihrem Elternhaus zu sehen ist. Sie setzte all ihr Hoffen auf Gott, folgte dem Rufe der Gottesminne und lebte dann in Abkehr von irdischen Gütern und Menschen in einem Beginenhaus in Magdeburg. Das Beginentum ist eine halbklösterliche Frauenvereinigung bzw. „eine Gemeinschaftsform ohne unmittelbaren Bezug zu einem Orden“ 13 , in dem das religiöse Ideal anfangs im Vordergrund stand und die sozialen Aspekte dann immer mehr an Bedeutung gewannen. 14
In all den Jahren vor und während ihrem Aufenthalt im Beginenhaus hatte sie immer wieder visionäre Erlebnisse, die entweder durch ihre häufigen Krankheiten bedingt wurden oder diese begünstigten. 15 „Dreißig Jahre hat sie das Wunder der Gottesminne verschwiegen, das den Leib schwächte, sie mit Wonnen, aber auch mit Ängsten erfüllte.“ 16 Sie vertraute sich dann ihrem dominikanischen Beichtvater Heinrich von Halle an, der sie zur Niederschrift ihrer Erscheinungen ermutigte, womit sie 1250 begann. Um 1270 kehrte sie dem Beginenhaus den Rücken, um ihren Lebensabend im Zisterzienserinnen-Kloster Helfta, welches in der Nähe von Eisleben liegt, zu verbringen. Der Grund dafür ist wohl darin zu sehen, daß sie mit der freimütigen Kritik in ihren Schriften an Welt- und Ordensklerus Aufsehen erregte und Anfeindungen erlebte. 17 Durch sie und ihre Mitschwestern, wie die Äbtissin Gertrud von Hackeborn, Gertrud die Große und Mechthild von Hackeborn, wurde das Kloster „zu einem Mittelpunkt mystischer Literatur“. 18
10 Schmidt S. X
11 Schmidt S. XI
12 Bochsler S. 12
13 Schmidt S. XIII
14 Schmidt S. XIII
15 Bochsler S. 18: Eine Krankheit wird hier als die Visionen begünstigende Voraussetzung par excellence gesehen, wobei Mechthild selbst nur ein einziges Mal diesen Zusammenhang nennt.
16 Schmidt S. XIV
17 Schmidt S. XIVf.
18 VL Spalte 260
5
Mechthilds Tod wird von Neumann um 1282 angesetzt, wobei die neuere Forschung das Jahr 1294 nennt. 19
3. „Das fließende Licht der Gottheit“
Das bouch wurde in drei Stufen verfaßt, dessen erste Schaffensperiode von 1250 bis 1259 andauerte und die Bücher I-V umfaßt; Buch VI entstand von 1260 bis 1270/71 und das letzte (VII), nach ihrem Eintritt in das Kloster Helfta, zwischen 1271 und 1282. 20
3.1. Überlieferungsgeschichte
Das „Fließende Licht“ wurde ursprünglich in der mitteldeutschen und mittelniederdeutschen Sprachform verfaßt, wovon jedoch alle Textzeugen verlorengegangen sind. Kurz nach ihrem Tod wurden die Bücher I-VI von zwei Hallenser Dominikanern ins Lateinische übertragen; diese Handschrift befindet sich heute in Basel. 21
Die einzige vollständige Überlieferung bietet die Einsiedler Handschrift, die in den Jahren 1343-45 von den Baseler „Gottesfreunden“ unter der Leitung des Weltpriesters Heinrich von Nördlingen in oberdeutsche bzw. Baseler Schreibsprache übertragen wurde. 22 Weiterhin finden sich einige umfassendere Exzerpte in Würzburg, Colmar und Budapest, ansonsten sind nur noch „einzelne Kapitel, Kapitelteile oder Zitate in Streuüberlieferung erhalten“. 23
3. 2. Werk
Da die Höllenvision nur einen Bruchteil des Gesamtwerkes ausmacht und ich sie nicht losgelöst von ihrem Rahmen behandeln möchte bzw. dem „Fließenden Licht“ als Ganzem eine große Bedeutung beimesse, werde ich an dieser Stelle versuchen, allgemein darauf einzugehen. Allerdings werde
19 Schmidt S. XV; siehe auch: Biographisch-Bibliographisches Kirchenlexikon; http://www.bautz.de/bbkl/m/mechthild_v_m.shtml; Stand 31.07.2001
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21 VL Spalte 261
22 Neumann, Textgeschichte S. 27
23 VL Spalte 261
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ich mich hier wohl beschränken müssen, da eine tiefere Untersuchung des Themas den Rahmen dieser Arbeit sprengen würde. Am treffendsten ist ihr Werk als „die eigenhändige Zeugnisschrift eines mystisch-religiösen Lebens, die von der Verfasserin als Ausfluß göttlicher Erleuchtung begriffen wurde“ 24 zu bezeichnen. Eine genaue Benennung der Gattung gestaltet sich jedoch auf Grund inhaltlicher und formaler Vielfalt als schwierig, da Mechthild „fortwährend zwischen den Gattungen der Visionen und Erscheinungen, Auditionen und Meditationen, Lehrreden und Sentenzen, zwischen Alltagsrede und Kunsterzählung, Gebet und Dialog, zwischen liturgischen und vor allem biblischen Reminiszenzen“ 25 wechselt. Am ehesten läßt sich „Das fließende Licht“ wohl als „Bekenntnisbuch“ einordnen, weil damit auch der Variantenreichtum in Inhalt und Form vereinbar ist. 26 Meines Empfindens nach halte ich das für eine sehr treffende Bezeichnung, weil sie sich zum einen zu Gott bzw. zur tiefen Gottesminne bekennt und andererseits zu den von ihr erfahrenen Visionen, die sie ja immerhin ca. 30 Jahre verschwiegen hat, um sich dann in ihrem Werk zu offenbaren. 27 Neumann sieht in ihren Schriften ebenfalls einen Offenbarungscharakter, der sich nicht nur auf die Mitteilung der Visionen selbst bezieht, sondern auch auf den „inspirativ erfahrenen Sachgehalt der in menschliche Worte gefassten Lehrbotschaften und Prophezeiungen“. 28
Ihre Aufzeichnungen beweisen immer wieder ihre Liebe zu Gott, die sie mit allen Sinnen und äußerst subjektiv erfährt. Das spiegelt sich vor allem in ihren ersten beiden Büchern wider, die ekstatische Unioerlebnisse beinhalten und in denen des weiteren „Wechselgesänge zwischen der Seele und Gott [sowie] Dialoge über Wesen und Wirkung der Minne“ 29 das Hauptthema bilden. Hier sind besonders Brautmystik und Minneklagen zu finden, da ihre Seele die Braut darstellt, deren Ziel die Vereinigung mit Gott ist, welcher dem
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25 Bochsler S. 3
26 Bochsler S. 4f.
27 Da ihrem Werk auch gelegentlich Tagebuchcharakter oder Kennzeichen einer Autobiographie im Sinne einer Seelengeschichte zugesprochen werden, denke ich, daß ich mit meiner Meinung bezüglich ihrer Bekenntnis zu sich selbst und ihren Erfahrungen nicht falsch liege. s. Bochsler S. 4
28 VL Spalte 263
29 VL Spalte 263
7
Bräutigam entspricht. Darin enthalten sind Anlehnungen an das Hohelied, den frühen Minnesang sowie volkstümliche Liebesdichtung. 30 Ab dem dritten Buch häufen sich Visionsberichte über die Jenseitsräume Himmel, Hölle und Fegefeuer; des weiteren nimmt die Zahl der Lehrdialoge mit Gott sowie die Minnebetrachtungen zu. In Buch VII tritt erneut die Brautmystik stärker hervor, wo sie aber nicht mehr wie am Anfang als Zeichen von Minneekstase zu verstehen ist, sondern sie zeugt von Mechthilds Unioerwartung nach ihrem Tode. 31
Mechthild bezeichnete sich selbst als unwissend und ungelehrt, weil es ihr an theologischem Wissen und an fundierter Kenntnis der lateinischen Sprache mangelte, da sie sich diese Dinge nicht von Jugend an, wie die anderen Ordensfrauen in Helfta, aneignen konnte. Dennoch erwarb sie sich als Begine eine beachtliche Kenntnis geistlicher Überlieferungen. 32 Dementsprechend ist in ihren Schriften ein weiter Bildungshorizont zu erkennen, den sie „aus verschiedenen Quellen durch priesterliche Unterweisung kennengelernt und in ihren Visionen und Betrachtungen, Dialogen und gedanklichen Erörterungen frei verwertet und als von Gott selbst ihr geoffenbartes Wissen verstanden [hat].“ 33 Es wird vermutet, daß ihr die damalige Visionsliteratur nicht unbekannt war, der sie sich auch ansatzweise bedient, ebenso wie diversen biblischen Texten; allerdings bilden diese traditionellen Bestandteile nur minimale Ausgangspunkte, die sie dann „poetisch-spielerisch“ umformt 34 . Ihre eigenständigen Detailschilderungen, welche aufgrund einer kraft- und ausdrucksvollen Sprache von großer Eindringlichkeit sind, machen jedoch den Großteil ihrer Darstellungen aus. 35
Mechthild sieht sich als Werkzeug Gottes und ihre Visionen als göttlichen Auftrag, der es ihr erlaubt, Weltklerus und Mönchtum in Angelegenheiten der Gottesminne und über Fragen des asketischen Lebens zu belehren. 36 Ich denke, in diesem Zusammenhang fühlt sie sich auch bemächtigt, hauptsächlich die Zu- und Mißstände des geistlichen Standes sowie, am
30 VL Spalte 263
31 VL Spalte 263
32 Schmidt S. XII
33 VL Spalte 264
34 Bochsler S. 27
35 VL Spalte 266
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Rande, die weltlichen Herrschenden zu kritisieren. 37 Schließlich waren zur damaligen Zeit Visionen ohnehin ein Instrument zur Ausübung von Beanstandungen oder sie wurden ebenfalls für erzieherische Zwecke genutzt. Da sie damit sehr freimütig umging, verwundet eine heftige Reaktion von Seiten der Angegriffenen nicht.
Allerdings ist das soziale Engagement, welches sie im Alltag durch Unterweisung von Mitmenschen, durch Übernahme von Gebeten für Lebende und Verstorbene beweist 38 , auch in ihren Schriften zu erkennen. Dort kommen Gesichte über Verstorbene ihres näheren Umfeldes vor, in denen sie beispielsweise auch Fürbitten hält. 39
Da bis jetzt nur die Visionen und die Gottesminne als vorherrschende Themen genannt wurden, möchte ich an dieser Stelle noch hinzufügen, daß in Mechthilds Schriften weitaus mehr Vielfalt geboten ist, als man auf den ersten Blick erkennen mag. Sie spricht theologische Probleme an, wie beispielsweise das Sein Gottes vor der Schöpfung, die Erschaffung der Seele oder das hier wichtige Verhältnis von Leib und Seele während der Ekstase. 40 Außerdem beschäftigt sich ein Großteil ihrer Texte mit „dem geistlichen Alltag, den Gedanken über Sünde und Gnade, über Gottes Gerechtigkeit und Barmherzigkeit“ 41 und es sind Gebete mit kunstvollem Aufbau und Preisgesänge zu verschiedenen Gelegenheiten enthalten.
3.3. Strukturen und Sprache
Dieses Thema möchte ich im Hinblick auf das Gesamtwerk nur blitzlichtartig beleuchten, obwohl es mir hier schwer fallen wird, mich bei der Vielfalt kurz zu fassen, halte ich dennoch einen Überblick für notwendig. Bei Mechthild finden wir eine syntaktisch reich gegliederte Prosa, die jedoch nie künstliche Züge aufweist, und daher auch in ihren Formansprüchen unterhalb höfischer Poesie bleibt. Sie verwendet Kolonreime, deren Vielfalt allerdings durch die Umschrift ins Oberdeutsche verloren gegangen ist. Je nach Wichtigkeit und beabsichtigter Aussage der Passagen wechseln sich Reimprosa und Versrede häufig ab. Selbstverständlich sind starke Einflüsse
37 Bochsler S. 165
38 Bochsler S. 171
39 VL Spalte 265
40 VL Spalte 264f.
41 VL Spalte 266
9
kirchlicher Modelle zu erkennen, wie Hymnus, Sequenz und Litanei; aber auch Grundmuster unterschichtiger Volksdichtung wie Tanz-, Werbe- und Liebeslieder oder Minneklage und Merkspruch treten auf. Dialoge und übertragene Rede gestalten ihr Werk sehr lebendig, und Metaphorik (neben der Allegorie eines ihrer beliebtesten stilistischen Mittel), Allegorese, Vergleiche und metonymische Benennungen sind der geistlichen Bildsprache entlehnt.
Ihr Wortschatz weist auf seelische Intensität des Beschriebenen hin wie auch auf ihren Drang nach Autonomie, was in Neologismen und Präfixen, die eine Übersteigerung ausdrücken (z.B. úberwunderlich) sichtbar wird. Die syntaktischen Strukturen betreffend findet man häufig streng parallel gebaute Sätze und anaphorische Reihungen. 42
4. Die Höllenvision III, 21
Diese Vision ist in Mechthilds Schriften die einzige, welche sich mit der Hölle als Jenseitsraum beschäftigt. Die meisten anderen ihrer Gesichte spielen sich im Fegefeuer ab, was zur damaligen Zeit auch allgemein üblicher war, da es eine Beschreibbarkeit eher erlaubte als die unausdrückbaren Schrecken der Hölle. 43 Trotzdem schildert sie ihre Erlebnisse sehr detailliert, und dadurch, daß sie die Hölle in ihrer Gesamtheit zu überblicken scheint, erhält man den Eindruck eines abgeschlossenen Ganzen. Eine solche Beschreibung dieses Raumes in all seinen Einzelheiten ist in der damaligen Visionsliteratur üblich, denn in den großen Einzelvisionen dieser Zeit erhält man ein „Bild einer geschlossenen Unterweltslandschaft“. 44
4.1. Inhalt und Aufbau
An dieser Stelle möchte ich den Inhalt nur sehr grob skizzieren, da ich später noch die für meine Untersuchung relevanten Textpassagen genauer betrachten werde.
Wie Mechthild in den Zustand der Entrückung gelangte, wird nicht angegeben, denn sie steigt mitten in die Höllenvision ein, indem sie sagt: Ich
42 VL Spalte 267f.
43 Bochsler S. 74
44 Bochsler S. 74
10
habe gesehen ein stat. 45 Danach beschreibt sie den Aufbau der Hölle, welche aus den Hauptsünden errichtet ist, die sie auch benennt. Im Folgenden erfahren wir mehr über die inneren Strukturen der stat, bzw. über ihren hierarchischen Aufbau in drei Stufen, deren tiefste Ebene sich in der unmittelbarsten Nähe zu Luzifer befindet. An dieser Stelle sind die Qualen am intensivsten. Die Sünder, hier in Christen, Juden und Heiden unterteilt, halten sich in diesen verschiedenen Stufen auf, wo sie dann ihre Verfehlungen erkennen und dementsprechend ihre spezifischen Strafen erhalten, was sie sehr detailliert beschreibt. Danach geht sie erneut zu einer allgemeinen Schilderung über die Hölle und die bestraften Seelen über, um sich dann aber doch die Unnennbarkeit der Eindrücke zu gestehen. In einem kurzen Einschnitt stellt sie heraus, daß sie infolge ihrer Erlebnisse unter physischen Gebrechen leidet. Kurz, hier aber doch recht zusammenhangslos wirkend, sinniert sie darüber, daß eine reinú sele 46 für die Verdammten ein großer Trost sei, um sogleich wieder dazu überzuleiten, daß die Seelen in der Hölle auf keine Rettung hoffen dürfen. Luzifer wird trotz dem Jüngsten Tage immer allgegenwärtig sein, und weiter mit unsäglichen Qualen strafen, bei deren Erinnern Mechthild sogleich wieder selbst leidet, was sie mit Owe, also grúwelich ist es da! 47 ausdrückt. Auch an dieser Stelle reflektiert sie erneut ihr eigenes Empfinden und wechselt übergangslos die Perspektive zwischen Jenseits und Diesseits. Danach beschreibt sie dann die nähere Umgebung der Hölle, nämlich das Fegefeuer, in dem ebenfalls diverse Greuel geschehen, wo aber die mit dem Körper zu diesem Zeitpunkt noch verbundenen Seelen eine intensive Beichte vornehmen und so die Gnade Gottes erhalten. Allerdings betrifft das nur die Menschen, die in ihrem Leben auch Gutes vollbracht haben. Fürbitten von Seiten Lebender können auch zur Rettung der Seele beitragen, wie auch der intensive Glaube an Gott es ermöglicht, die Hölle, die aber in diesem Falle das Fegefeuer meint, unbeschadet zu überstehen. Allgemein wird dann behauptet, daß man im Jenseits die Konsequenzen für das Leben im Diesseits tragen muß. Danach folgt erneut eine Aufzählung der Qualen in der Hölle sowie eine Kritik ausdrückende Nennung von Adeligen, die sich bereits in diesem
45 Neumann S. 100, Z. 1
46 Neumann S. 102, Z. 74
47 Neumann S. 103, Z. 93
11
Jenseitsraum aufhalten. Mit der Steigerung, daß dem Entkommen aus dem Fegefeuer der das ewige Ende verheißende Höllenschlund gegenübersteht, schließt sie diese Vision ebenso abrupt ab, wie sie auch den Anfang gestaltet.
4.2 Die Hölle als Jenseitsraum - Lage und Landschaft Eine genaue Lage der Hölle wird hier nicht angegeben, jedoch kann von einem irdischen Ort tief unter der Erde ausgehen, denn si ist gebuwen in dem nidersten abgrúnde 48 womit sie dem mittelalterlichen Weltverständnis und der Tradition der Höllenvisionen entspricht. 49
Auch wenn sie die Beschreibung der Lage vernachlässigt, so entwirft sie doch ein sehr plastisches Bild von dem Aufbau der Hölle. Diese besteht aus Steinen, welche die Hauptsünden versinnbildlichen, die dann von ihr aufgezählt werden 50 und die auch chronologisch zur biblischen Überlieferung angeordnet sind. Am schwerwiegendsten ist für sie die súnde von Sodoma 51 , die auch deswegen die stützenden Ecksteine bildet, 52 und somit die gesamte Unterwelt tragen. Durch das Bild der Steine erhalten wir einen Eindruck von einem massiven, wuchtigen, eckigen und auch undurchdringlichen Bauwerk, welches den größtmöglichen Gegensatz zu den luftigen, runden und freischwebenden Chören des Himmels repräsentiert. 53 Durch seine Stabilität erinnert die Hölle auch an eine Burg oder Festung, zumal das Fegefeuer, welches vorgelagert ist, als vorburg 54 bezeichnet wird. 55 Die räumliche Ausdehnung wird von Mechthild wie folgt beschrieben: Alleine dú helle hat weder grunt noch ende, sie het doch an der ordenunge bede tiefi
48 Neumann S. 100, Z. 3f.
49 Bochsler S. 76
50 Der erste Stein ist auf Luzifer zurückzuführen , was hier meiner Meinung dafür steht, daß er der Ursprung des Bösen und der Sünde ist. Gefolgt wird die Aufzählung mit den von Adam begangenen Sünden, der hier für die Erbsünde steht.
51 Neumann S. 100, Z. 10
52 Die Sünden von Sodoma fallen in den Bereich der Sexualität, was für sie und wohl auch für das traditionelle Verständnis zu den schlimmsten Verfehlungen gehört, daher kommt ihnen hier diese besondere Bedeutung zu.
53 Tax S. 126
54 Neumann S. 103, Z. 95
55 Bochsler S. 77
12
und ende. 56 Folglich ist die Hölle kein unabgegrenzter Raum, welcher nach unten durch hart, swarz vlinsstein 57 geschlossen ist, der das ganze Gebäude immer tragen wird. Die Begrenzung nach oben ist allerdings differenzierter und sie verliert ihren durch die Steine bewirkten statischen Zustand, in dem die Hölle folgendermaßen personifiziert wird: Die helle hat ein hovbet oben, das ist also ungefuege und hat an im vil manig ‘grúwelich ovge‘... 58 Deshalb entsteht der Eindruck, daß es sich um ein grauenhaftes Ungeheuer handelt, was auch in anderen Visionen dieser Zeit gelegentlich vorkommt. An einer anderen Stelle schreibt sie: Dú helle hat ovch oben uf irem hovbet einen munt, der stat offen ze aller stunt. 59 Diese Vorstellungen von einem Höllenrachen sind im Mittelalter überaus häufig, was man auch daran erkennt, daß es in der bildenden Kunst ein oft bearbeitetes Thema war. 60 Abgesehen vom hierarchischen Aufbau der Hölle erfahren wir nur noch wenig über deren Landschaft. Nur den niedersten Teil beschreibt sie folgendermaßen: In dem nidersten teil der helle ist das fúr und die vinsternisse und stank und eisunge und allerleige pine allergrost, ... 61 Hiermit zählt sie die wesentlichen Elemente der Hölle par excellence auf, die immer wieder in mittelalterlichen Visionen und Jenseitsbeschreibungen auftauchen. Der Gestank, welcher ebenso in der Tundalus- und der Paulusvision genannt wird, ist allerdings eine Weiterentwicklung des schon in der Offenbarung des Johannes genannten Rauches bzw. Dunstes. 62 Etwas später schreibt Mechthild noch von den Qualen der Seelen, die in dieser lebensfeindlichen Landschaft ihre Strafen abbüßen:
56 Neumann S. 102, Z. 62f.; Nach K. Bochsler (S. 77f.) ist hier von einer Hölle ohne Boden die Rede, ein Motiv, welches auch in anderen Jenseitsvisionen auftaucht. Allerdings scheinen mir hier vielmehr die unendlichen Qualen der Verdammten gemeint zu sein, die in ihrem Leid quasi ins Bodenlose fallen. Denn sonst würde sie sich nach meinem Verständnis Mechthild selbst widersprechen, wenn sie später von einem hart, swarz vlinsstein schreibt.
57 Neumann S. 102, Z. 61f.
58 Neumann S. 103, Z. 93f.
59 Neumann S. 104, Z. 130f.
60 Bochsler S. 79
61 Neumann S. 101, Z. 19ff.
62 Bochsler S. 80
63 Neumann S.102, Z. 65ff.
13
Pech und Schwefel, welche auch gut mit Feuer und Gestank korrespondieren, haben meines Wissens in den Höllenvorstellungen eine lange Tradition. Tierplagen, in diesem Falle diese der Würmer, finden sich schon in anderen Visionen wie auch dem zweiten Buch Mose, und man kann davon ausgehen, daß Mechthild dieses Bild daraus entlehnt hat. 64
4.3. Hierarchien
In der gesamten Höllenvision ist für uns eine auf den Kopf gestellte Hierarchie erkennbar, was Mechthild schon relativ früh beschreibt, in dem sie sagt:
Demzufolge befindet sich der Aufenthaltsort des Höllenfürsten auch an der tiefsten Stelle, wo er zum einen sinnbildlich an seine Schuld, zum anderen wohl auch tatsächlich in Fesseln gebunden ist. 66 Da Luzifer die höchste Macht in der Hölle darstellt und er, um diesem verkehrten Aufbau zu entsprechen, zuunterst sitzt, fließt aus ihm alles Böse.
Auf diese Weise wird mit dieser Beschreibung der Hölle ein recht genaues Gegenbild des Himmels gezeichnet, in dem sich die gütige Dreifaltigkeit als Quelle aller Gnade an der höchsten Höhe befindet. Die Seelen der Verdammten sind ebenfalls dieser verkehrten Hierarchie untergeordnet:
64 Bochsler S. 79
65 Neumann S. 100, Z. 15f.
66 Bochsler S. 80
67 Neumann S.100, Z. 17ff.
14
Wie wir hier sehen, steht den Christen, Juden und Heiden jeweils eine Etage zu. 69 Innerhalb dieser Stockwerke sind die Verdammten nach dem jeweiligen Versündigungsgrad geordnet, so daß man nicht von einem in der Hölle vorherrschenden Chaos sprechen kann. Allerdings ist das Modell der Gliederung nach der Religionszugehörigkeit, welches Mechthild hier entwirft, äußerst selten anzutreffen, da es im Mittelalter üblicher war, die Seelen nach ihren begangenen Sünden zu unterteilen, was sie aber gleichzeitig innerhalb der Religionsgruppen verwirklicht. 70
In der Hierarchie halten sich die schlechten Christen hier im untersten Teil der Hölle auf und befinden sich somit in nächste Nähe zu Luzifer, wo sie den intensivsten Qualen ausgesetzt sind. Die von ihnen verachteten Juden und Heiden müssen weniger leiden, was von den Christen als Demütigung empfunden wird. Auch hier stoßen wir erneut auf eine verkehrte Hierarchie, da wir doch davon ausgehen, daß denen, die getauft sind und die Lehre Gottes kannten, daraus gewissen Vorteile entstehen; aber dem widersprechend müssen die am wenigsten leiden, welche mit dem christlichen Glauben nicht vertraut waren. Allerdings wird hier grundsätzlich zwischen wissentlich und unwissentlich begangenen Sünden unterschieden und nach diesem Schema werden die Seelen verurteilt. Der Aspekt der erkannten Unwissenheit kommt bei den Juden und Heiden in ihrer direkten Rede sehr deutlich zum Ausdruck:
Je größer ihre wissentlich begangenen Sünden sind, desto intensiver und länger sind auch ihre Klagen, was dem Ganzen mehr Plastizität verleiht. Die Heiden können nur die Tatsache, daß ihnen die Gesetze Mose nicht bekannt
68 Neumann S. 100f., Z. 19ff.
69 Im Gegensatz zum Himmel, wo sich nur gute und getaufte Christen aufhalten, sind in Mechthilds Hölle die Seelen von schlechten Christen sowie von ungetauften Menschen. s. Tax S. 127
70 Bochsler S. 82f.
71 Neumann S. 101, Z. 24ff.
15
waren, bedauern, wobei die Juden sich nicht an diese hielten. Die Klagen der Christen kommentiert Mechthild in der indirekten Rede, und sie stellt dabei besonders heraus, wie groß die Ehre und Auserwähltheit war, welche sie mutwillig einbüßten.
Im folgenden beschreibt Mechthild, daß die Konsequenz für die Sünden der Christen die direkte Konfrontation ihrer Seelen mit Luzifer ist. Davon ausgehend wendet sie sich den Strafen zu.
4.4. Strafen und Höllenqualen
Man kann sagen, daß in dieser Vision die drastische Schilderung der Strafen und der Leiden der Sünder einen wesentlich größeren Teil einnimmt, als die Beschreibung der Hölle selbst.
Grundsätzlich unterscheiden sich hier zwei Arten von Strafen: Die sogenannte poena damni, die Strafe der Verdammnis, welche für alle in der Hölle befindlichen Seelen allgegenwärtig ist und die poena sensus, die eine Strafe bzw. Folter für alle Sinne darstellt und die von Luzifer persönlich vollzogen wird. 73
Am unmittelbarsten widerfährt das den Christen, welche die intensivsten Leiden ertragen müssen. Sie sind auch auf psychischer Ebene am meisten belastet, da sie Luzifer direkt gegenüberstehen müssen und in ihrer Nichtigkeit entblößt seinen Blicken ausgesetzt sind, was schon sehr entwürdigend ist. Hinzu kommt allerdings noch, daß somit auch ihre Schuld offen zur Schau gestellt ist.
72 Neumann S. 101, Z. 27ff.
73 Bochsler S. 86
74 Neumann S. 101, Z. 29f.
16
Hier ist erneut die Umkehrung zum Himmel erkennbar, in dem die Seligen in den höchsten Genuß der visio Dei gelangen, hier aber der Quelle alles Bösen ausgesetzt sind.
Auch wenn hier nicht deutlich wird, daß sie darunter leiden, daß den Juden und Heiden, die ja von ihnen verachtet werden, eine weitaus bessere Behandlung zukommt, könnte das meiner Meinung nach eine weitere psychische Belastung darstellen. 75
Sehr genau und umfangreich geht Mechthild auf die Schilderung der spezifischen Strafen ein, welche von Luzifer selbst ausgeführt werden, der Böses mit noch schlimmerem Bösen vergilt. Die Vorstellung des ius talionis, des genau vergeltenden Rechts, hat eine lange Tradition in den christlichen Vorstellungen der Hölle und wird im Alten Testament durch den Grundsatz „Auge um Auge, Zahn um Zahn“ ausgedrückt. 76
Mechthild beginnt mit der Beschreibung der Strafen bei den Hochmütigen 77 , die sich des gleichen Vergehens wie Luzifer schuldig gemacht haben. Dieser setzt sich auf die Verdammten und drückt sie unter seinen Schwanz, womit er versucht, seine eigene absolute Niedrigkeit zu überbieten, indem er die Hochmütigen erniedrigt 78 , was sowohl psychische und physische Qualen bedeutet.
Eine weitere von ihr zu den schwerwiegendsten Sünden gezählte Verfehlung ist die der Sodomie 79 , die bereits eingangs zu den tragenden Elementen der Hölle gehört. Entsprechend des ius talionis beruht die Bestrafung dafür auf einer körperlichen, wenn auch nicht eindeutigen sexuellen, Vereinigung. Allerdings läßt Mechthilds Beschreibung des Vorganges, wie Luzifer die
75 Bochsler S. 83. Hier wird die Demütigung angesprochen, allerdings kann das nicht mit Textstellen belegt werden. Und es ist auch nicht klar, ob die Christen überhaupt über ihre eigene Etage hinausblicken können und somit von dem Vorhandensein der anderen Seelen und Höllenteile wissen. Auch wenn sich der Eindruck aufdrängt, daß ihnen die weniger intensiven Qualen der anderen Verdammten bekannt sind, scheint es mir doch letztendlich für ihre Situation irrelevant zu sein, da es Mechthild eher um die didaktischen Aspekte geht, welche sie mit einer solchen Gegenüberstellung dem Rezipienten, der hier zu einer Übersicht der Hölle gelangt, zu vermitteln versucht. Auch die Verachtung der Christen in Bezug auf Andersgläubige wird im Text nicht deutlich, aber da Mechthild diese damals vorherrschende Haltung bekannt sein dürfte, erscheint mir diese Passage als besondere Mahnung an die Menschen im Diesseits, die sich unter Umständen nur aufgrund ihrer Religionszugehörigkeit für privilegiert hielten, aber daran erkennen sollen, daß damit allein keine Rettung ihrer Seelen zu erreichen ist.
76 Bochsler S.86
77 Der erste Stein, der zur Errichtung der Hölle beitrug, war die hoffart, darin sieht Mechthild wohl den Beginn allen Übels.
78 Tax S. 129
79 Obwohl die Definition des Sodomiebegriffs damals recht weitläufig war, kann man dies doch zusammenfassend als ein nicht zum Zwecke der Fortpflanzung durchgeführtes, paraphiles Sexualverhalten bezeichnen, woran auch die Bestrafung durch Luzifer hindeutet.
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Seelen in seinen Bauch einsaugt und wieder aushustet, die Assoziation auf den Geschlechtsakt zu. 80 Tax sieht in diesem unnatürlichen Sexualverkehr auch die Parodierung und gegenbildlich, pervertierte Darstellung der unio mystica sowie der mystischen Verhältnisse zwischen Gott und Mensch. 81 Es gibt von Stadler eine weitere Deutungsmöglichkeit, die in dem zyklischen Verschlungen- und Ausgeschieden-Werden den aus alter orientalischer Tradition stammenden Reinkarnationsgedanken sieht. Dort wird die Seele im erbarmungslosen Kreislauf der Wiedergeburt nicht ins Nirvana beispielsweise entlassen, sondern sie ist gezwungen, immer wieder in einen neuen Körper zurückzukehren. 82
An dieser Stelle ist ebenfalls die Bestrafung der Unkeuschen interessant: diejenigen, welche die Unzucht gemeinsam begingen, müssen zusammengebunden ausharren; eine unkeusche Seele, die alleine die Hölle betritt, findet in Luzifer ihren Sexualpartner. Dies kann man als eine ähnliche Pervertierung wie die Bestrafung der Sodomiten sehen. 83 Die falschen Heiligen setzt er auf seinen Schoß, nennt sie seine Genossen und zeigt ihnen durch direkte Rede, wie sehr sie sich von seiner Falschheit haben täuschen lassen. Die Räuber werden von ihm beraubt und auf diese Weise mit ihren eigenen Taten gequält. Die ungläubigen Lehrer sind erniedrigt Luzifers Blicken ausgeliefert und verlieren das mit ihm geführte Streitgespräch.
Ein wenig verwunderlich finde ich allerdings die Bestrafung des Geizhalses, ist sie doch im Vergleich zu anderen Sündern relativ hart, da der Geizige von ihm verschlungen und ausgeschieden wird. Nur noch die Sodomiten (und, in abgeschwächter Form, die Unkeuschen) gelangen in eine so direkte und quälende physische Nähe zum Höllenfürsten. 84 Auch den Mörder erwarten schwere körperliche Qualen, der mit einem feurigen Schwert geschlagen wird. Dies ist eine der wenigen Stellen in dieser Vision, beispielsweise ausgenommen der Passage, in der der Zornige mit feurigen Geißeln
80 Bochsler S. 88
81 Tax S. 132
82 Stadler S. 99 Allerdings halte ich es für sehr fraglich, daß Mechthild mit dieser religiösen Lehre vertraut war.
83 Tax S. 131. Tax sieht in der unkeuschen Seele eine männliche Person, und da auch Luzifer als männliche gilt, wird hier Homosexualität andeutungsweise impliziert, was demzufolge unter sexuelle Abarten bzw. Sodomie fällt.
84 Hier bedient sich Mechthild allerdings eines sehr alten Motivs eines seelenfressenden Ungeheuers, das den parodistischen Charakter ihres Werkes erkennen läßt. Vermutlich hat sie sich auch vom Jonaswalfisch aus der Tundalusvision beeinflussen lassen. s. Bochsler S. 89
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gemartert wird, wo mit dem sonst für die Hölle typischen Bestandteil, dem Feuer, bestraft wird.
Sehr beispielhaft für die spiegelbildlich verkehrten Strafen finde ich auch, daß die Maßlosen im Essen und Trinken nun Hunger leiden und glühende Steine sowie anderes schwer verdauliches Hölleninventar essen müssen. Außerdem wird hier auf das alte Motiv des Gastmahls im Himmel angespielt. 85 Mechthild benennt auch selbst die Art und Weise der Bestrafung, in dem sie sagt: Da wirt alles sur wider suesse geben; wir sehen, wes wir hie pflegen. 86 Das bedeutet meiner Meinung nach, daß das, woran sich die Menschen im Diesseits erfreuen oder wie falsch sie handeln, in der Hölle verkehrt oder verstärkt heimgezahlt wird. Durch die Vielzahl der von ihr beschriebenen Sünden darf und muß sich jeder Mensch angesprochen fühlen, weil meines Erachtens mindestens eine dieser Verfehlungen von jedem begangen wird. 87
4.5. Personal
Die Einteilung der Personen der Hölle ist simpel, denn wir unterscheiden zwischen den verdammten Seelen und den bestrafenden Figuren der Hölle, an deren vordergründigster Stelle Luzifer steht. Ihm ist die höchste Macht zu eigen, und die Bestrafungen liegen fast ausschließlich in seiner Hand. Eine eher sekundäre Rolle kommt den Teufeln als seinen Folterknechten zu: ...und wie die túfele sich mit den selen underslan... 88 , was meiner Meinung nach darauf schließen läßt, daß sie nur mit den weniger wichtigen Strafen betraut wurden, da keine genaue Angabe über die Art und Weise des Vorgangs gemacht wird.
Die Verdammten untergliedern sich weiter in ihre Religionszugehörigkeit, also Christen, Juden und Heiden, wobei außer in der Schilderung der Hierarchien und der daraus resultierenden Intensität der Qualen über die letzten beiden Gruppen kein Wort mehr verloren wird. Verständlicherweise widmet Mechthild sich in der näheren Beschreibung der Sünder den Christen, welche sie sehr vielfältig in die unterschiedlichsten Arten ihrer Verfehlungen gliedert. In der Vorburg der Hölle sieht sie noch Bischöfe, Vögte und große Herren. Ich
85 Bochsler S. 90
86 Neumann S. 102, Z. 56f.
87 Ich habe in diesem Kapitel nicht alle Strafen besprochen, sondern nur die, welche am besten in das Schema das ius talionis passen und die sehr anschaulich dargestellt sind und am eindrücklichsten warnen.
88 Neumann S. 102, Z. 64f.
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denke, diese besondere Erwähnung liegt darin begründet, daß sie deutlich machen will, daß auch höherstehende Personenkreise nicht frei von Sünde sind. In diesem Zusammenhang läßt sich auch die Erwähnung der Fürstinnen und Fürsten nennen. Interessanterweise erwähnt sie bis auf eine Ausnahme, den Fürstinnen, niemals explizit das Vorhandensein von Frauen, wobei aber davon ausgegangen werden kann, daß sie schlichtweg zu den männlichen Kategorien der Sünder gerechnet werden. Auch sind die Teufel und Luzifer gemeinhin männlichen Geschlechts; ebenfalls sind die anfänglichen Sünder (Adam, Kain, Judas) Männer, so daß der männliche Charakter der Vision evident wird. 89
4.6. Sinneseindrücke
Die Sinneseindrücke, die allein durch das Ambiente der Hölle auslöst werden, sind eher spärlich, da sich Mechthild ohnehin nicht so detailliert über die räumliche Beschaffenheit dieses Jenseitsraumes äußert, sondern sich vielmehr auf die Schilderung der Strafen konzentriert. Dabei stehen ohne Zweifel die physischen Qualen im Vordergrund, die demnach auch mit allen Sinnen wahrgenommen werden.
Olfaktorische Reize werden durch den Schwefel ausgelöst, sowie von dem dort allgemein vorherrschenden, allerdings nicht genauer differenzierten, Gestank. Akustisch wahrnehmbar ist ein Dröhnen, ein meiner Meinung nach recht infernalisches und dem Raum angepasstes Geräusch, was sie folgendermaßen beschreibt: Wie dú helle bremmet und in sich selber gremmet... 90
Die Temperaturverhältnisse werden zwar nicht direkt erläutert, jedoch läßt sich die Hitze aus dem Vorhandensein von Feuer schließen. Außerdem leidet Mechthild im Nachhinein, weil ihr von unirdenischer hitze so vil we 91 ist. Die Lichtverhältnisse lassen sich aus folgender Beschreibung recht gut erahnen: Im nidersten teil der helle ist das fúr und die vinsternisse... 92 Das bedeutet meines Erachtens, daß die Finsternis nur durch den Schein des Feuers beleuchtet wird und daraus eine Art Zwielicht entsteht.
89 Tax S. 129
90 Neumann S. 102, Z. 63f.
91 Neumann S. 102, Z. 70
92 Neumann S. 100f., Z.19f.
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4.7. Zeit
Es gestaltet sich als äußerst schwierig, diese Dimension auf die Vision bzw. auf deren subjektives Zeiterleben von Mechthild selbst sowie auf die objektiv meßbare Dauer der Ekstase anzuwenden. Dadurch, daß für sie die Hölle der ewige has 93 ist, erlangt man den Eindruck, daß es sich um eine undifferenzierte Momentaufnahme aus einem unendlich langen Zeitstrang handelt. Allerdings wechselt sie in ihrer Schilderung die Zeitperspektiven. Heilsgeschichtlich kann man die Höllenvision zwischen dem Ende der Zeit der Evangelien und dem Jüngsten Gericht ansetzen, 94 was hier jedoch eine untergeordnete Rolle spielt. Mechthild wechselt häufig zwischen Präteritum, Präsens und Futur, dies zeigt sich beispielsweise, wenn sie mitten in der Erzählung der Vision eine Rückschau auf ihr persönliches Befinden danach hält, obwohl z.B. die Passagen der Bestrafungen im Präsens verfaßt sind. Einen Ausblick in die Zukunft hält sie, indem sie schildert, wie der Teufel nach dem Jüngsten Tage ein neues Kleid bekommen wird, und er somit bereits von Beginn an bis in alle Ewigkeit der Träger aller Sünden war und sein wird.
4.8. Funktion
Im Allgemeinen geben Jenseitsvisionen Auskunft auf die oft gestellte Frage, was die Menschen im Jenseits erwartet, daher werden Himmel, Hölle und Fegefeuer genaustens beschrieben. Zum einen sollten sie den Menschen Hoffnung auf die Erlösung machen, zum anderen wurde damit aber auch die Furcht vor der ewigen Verdammnis beschworen, was besonders in Visionen deren Thema die Hölle und das Fegefeuer sind, zum Ausdruck kommt. Mit einem Bericht über die Qualen der verdammten Seelen in der Hölle konnte die Gemeinde von den Geistlichen weitaus mehr beeinflusst werden, als mit andauernden Ermahnungen zu einem gottesfürchtigen Leben. 95 Diese Wirkung macht sich auch Mechthild zu nutze, in dem sie sehr plastisch und detailreich die von ihr gesehene Hölle beschreibt.
93 Neumann S. 100, Z. 1
94 Tax S. 129
95 Bochsler S. 159f.
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Neben den drastischen Beschreibungen der allgemeinen und spezifischen Strafen, nutzt sie als Mittel zur Mahnung auch die direkte Rede Luzifers:
Er stellt an die verdammten Christen die rhetorische Frage, was sie in der Hölle anderes als Qualen erwarten, schließlich sollte ihnen bewußt sein, daß von ihm nur Böses ausgeht, sie sich aber trotzdem versündigt haben. Ein Gegenbild zu den Strafen zeichnet Mechthild, indem sie auch den Weg der Umkehr aus dem Fegefeuer aufzeigt, was durch Reue, Buße sowie allerdings auch durch Fürbitten von Personen aus dem Diesseits erreicht werden kann.
Mechthild verdeutlicht, daß jeder im Diesseits dafür verantwortlich ist, was ihm im Jenseits widerfahren wird, indem sie sagt: Was wir mit úns hinnan fúren, das muessen wir da trinken und essen. 99
Wir finden also gleichzeitig sowohl Mahnung als auch Kritik, wobei letztere sich auch gegen die explizit genannte Geistlichkeit richtet, welche vor allem als Vorbild für die Menschen dienen sollte, dem aber offensichtlich nicht nachkommt, da sie sich sonst wohl schwerlich im Fegefeuer befinden würde. Außerdem nennt Mechthild Vögte, hohe Herren und Fürsten samt ihren
96 Neumann S. 101, Z. 32ff.
97 Neumann S. 103, Z. 100ff.
98 Neumann S. 103, Z. 111f.
99 Neumann S. 104, Z. 121f.
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Frauen, die sich auch versündigt haben, woran man erkennt, daß alle sozialen Schichten der Sünde anheim gefallen sind. Somit kann diese Vision wohl als didaktisches Instrument gesehen werden, was wohl auch vor allem Mechthilds Intention gewesen ist.
5. Schlußwort
Vermutlich mag es dem heutigen, von einer ungeheuren Medienflut überschwemmten und sich religiösen Dingen abkehrenden Menschen befremdlich erscheinen, daß Jenseitsberichte wie „Das fließende Licht der Gottheit“ der Mechthild von Magdeburg im Mittelalter einen solchen Einfluß auf den Menschen ausüben konnten und dem so eine hohe Bedeutung zukam. Dafür spricht ihre eindringliche Sprache und ihr unerschöpflicher Ideenreichtum, die ihre Wurzeln in den selbst erlebten Visionen und vor allem in ihrer tiefen Liebe zu Gott haben.
Mechthilds Ziel war es, ihre Zeitgenossen mit ihren Schriften auf den richtigen Weg zu bringen, aber sie wollte auch Kritik an gesellschaftlichen Zuständen ausüben. Obwohl uns solche Jenseitsvisionen als völlig überholt und verstaubt erscheinen mögen, sollten wir nicht aus den Augen verlieren, daß, obwohl sich unsere Gesellschaft rund sieben Jahrhunderte weiterentwickelt hat, menschliche Schwächen, Verfehlungen, Laster und andere negative Erscheinungen immer noch existent sind. Auch wenn solche Höllenszenarien niemandem von uns mehr erschrecken, so könnte man sie doch zum Anlaß nehmen, das eigene Leben und Verhalten einmal kritisch zu überdenken...
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6. Literatur
6.1. Primärliteratur
Neumann, Hans (Hrsg): Mechthild von Magdeburg. Das fließende Licht der Gottheit. Nach der Einsiedler Handschrift in kritischem Vergleich mit der gesamten Überlieferung. Band 1. Besorgt von Vollmann-Profe, Gisela. München / Zürich. 1990.
6.2. Sekundärliteratur
Bochsler, Katharina: Ich han da inne ungehyrtú ding gesehen. Die Jenseitsvisionen Mechthilds von Magdeburg in der Tradition der mittelalterlichen Visionsliteratur. Bern/ Berlin/ Frankfurt am Main/ New York/ Paris/ Wien. 1997 (Deutsche Literatur von den Anfängen bis 1700; Band 23) [Diss. Zürich 1996]
Dinzelbacher, Peter: Die letzten Dinge. Himmel, Hölle, Fegefeuer im Mittelalter. Freiburg/Basel/Wien.1999.
Neumann, Hans: Beiträge zur Textgeschichte des „Fließenden Lichts der Gottheit“ und zur Lebensgeschichte von Mechthild von Magdeburg. In: Nachrichten der Akademie der Wissenschaften in Göttingen. I. Philologisch-historisch Klasse 3 (1954). S. 27-80
Schmidt, Margot: Mechthild von Magdeburg, das fließende Licht der Gottheit. Zweite, neu bearbeitete Übersetzung mit Einführung und Kommentar. Stuttgart/ Bad-Cannstadt. 1995. (Mystik in Geschichte und Gegenwart; Abt. 1: Christliche Mystik; Band 11)
Stadler, Helena: Topographie des Jenseits. Die Allgegenwart der mystischen Seele. In: Paragrana 7 (1998) (2). S. 81-106
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Tax, Petrus W.: Die grosse Himmelsschau Mechthilds von Magdeburg und ihre Höllenvision. Aspekte des Erfahrungshorizontes, der Gegenbildlichkeit und der Parodierung. In: Zeitschrift für deutsches Altertum und deutsche Literatur 108 (1979). S. 112-137
VL= Deutsche Literatur des Mittelalters. Verfasserlexikon. Begr. v. w. Stammler, fortgef. v. K. Langosch. 5. Band. 2. Aufl. hg. v. K. Ruth. Berlin/ New York. 1978ff.
6.3. Internetseiten
Biographisch-Bibliographisches Kirchenlexikon http://www.bautz.de/bbkl/m/mechthild_v_m.shtml Stand 31.01.2001
Bildquelle
http://www.kloster-helfta.de/geschichte/gesch2.htm Stand 31.07.2001
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Arbeit zitieren:
Susan Sedlick, 2001, Beschreibung des Jenseits in der Höllenvision III, 21des "Fließenden Lichtes der Gottheit" der Mechthild von Magdeburg, München, GRIN Verlag GmbH
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BWL - Personal und Organisation
Hausarbeit, 13 Seiten
Die Bedeutung des Ideenmanagements als Innovationsinstrument
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Das fließende Licht der Gottheit. Zweisprachige Ausgabe
Mechthild von Magdeburg, Gisela Vollmann-Profe
Mechthild of Magdeburg: Selections from the Flowing Light of the Godhe...
Mechthild, Jane Chance, Elizabeth A. Andersen
Stephan
Note: sehr gut?.
Also wenn diese Arbeit wirklich eine 1 bekommen hat, dann schmeisst die Ludwig-Maximilians-Universität München anscheinend mit guten Noten nur so um sich rum!
am Friday, March 24, 2006-