Diesen Punkt beende ich auch mit einer persönlichen Anmerkung über mein Standpunkt zum Kynismus.
Zur Zitiertechnik: Um den Textfluss nicht zu stören, habe ich hinter jedes wörtliche Zitat nur ein „Zitat Autor, Seite“ gesetzt. Genaue Literaturangaben sh. Punkt 4. Dieser Text stellt komprimiertes Wissen aus 7 Quellen dar, und ich hoffe die Literaturangaben in Punkt 4 sind ausreichend, denn Textähnlichkeits-Hinweise hinter den einzelnen Abschnitten (zu mehreren Quellen!!) hätten diese Hausarbeit auf mindestens das Doppelte anschwellen lassen. Den Text, der uns im Seminar vorlag, habe ich in dieser Hausarbeit nicht verwendet, da er mir zur Zeit der Erstellung dieser Hausaufgabe nicht vorlag.
Inhaltsangabe
0. Einleitung S. 1
1. Allgemeines über den Kynismus S. 2-4
2. Der kynische Weg zum Glück S. 4-7
3. Einzelne Vertreter S. 8-12
4. Literaturverzeichnis S. 13
Anhang: Fresko des Raffael, die Schule von Athen
1. Allgemeines über den Kynismus
Der Kynismus hat seine Ursprünge in der hellenistischen Zeit, genauer im sokratischen Denken, also im 5. Jahrhundert v. Chr., in welchem sich die griechische Kultur stark ausbreitete. Der Begründer dieser Denkrichtung, Antisthenes, war ein Schüler von Sokrates und somit werden die Kyniker zu den Sokratikern gezählt. Die nachfolgenden aktiven Vertreter des Kynismus reichen bis ins 6. Jahrhundert n.Chr.
Der Name „Kynismus“ ist auf vielfältige Weise erklärt worden. Einerseits könnte er von dem Gymnasium „Kynosarges“ stammen, an dem Antisthenes lehrte, und dass den Athenern aus Mischehen zur Verfügung stand. Andererseits wäre es sehr plausibel, dass der Name von dem griechischen Wort „kyon“ abgeleitet ist, was Hund bedeutet. So wurden die Philosophen dieser Denkrichtung damals von den Athener Bürgern bezeichnet, weil sie sich in den Augen derer wie eben solche benahmen.
Über die Denkweise der ganz alten und ersten Vertreter des Kynismus weiß man leider weniger, als über die der Jüngeren. Aus den Anfängen des Kynismus sind keine Schriften vollständig erhalten. Vieles von dem, was heute bekannt ist, weiß man nur über den Philosophiehistoriker Diogenes Laertius (3. Jahrhundert n.Chr.),der aus heute verlorenen Quellen zitiert. Überliefert sind uns die meisten Gedanken bzw. Äußerungen der frühen Kyniker nur in Form von Anekdoten sowie fremden Textauszügen, denn die meisten der Kyniker schrieben auf Grund ihrer Theoriefeindlichkeit wenig auf.
Von Antisthenes ist bekannt, dass er Dialoge schrieb, Diogenes, sein Schüler, dagegen Tragödien. Beides wahrscheinlich eher als „Reklame„ angedacht, um neue Schüler zu gewinnen. Als Urheber der bekannten kynischen Textform , der Diatribe, gilt Bion. Die Diatribe ist eine Mischung aus Belehrung und Ermahnung , angefüllt mit Witzen (auch obszönen), Zitaten und Beispielen, gefasst z.B. in Monolog oder Dialog Form. Es ist leider nicht sicher, ob nicht vieles von dem wenigen, das bei uns angekommen ist, polemisch verfärbt ist, da viele der Schulen sich heftig bekämpften.
Zwischen Platon und Antisthenes (auch Diogenes) wird in Überlieferungen eine offensichtliche Verachtung deutlich.
So sprach Antisthenes zu Platon: „...du kommst mir vor wie ein stolzes Prunkross.“ (Zitat Diogenes Laertius, S.298; 7),denn die elegante Lebensart, wie sie in der Akademie Platons herrschte, war den Kynikern ein Dorn im Auge. Platon wiederum soll Diogenes als einen „tollgewordenen Sokrates“ bezeichnet haben (Vgl. G. Luck, S.2).
Rein äusserlich unterschieden sich die Kyniker mit Vehemenz von ihren gepflegten Mitbürgern, denn sie wollten ihre Philosophie nicht nur durch die Sprache vermitteln, sondern auch durch ihre Lebensweise verdeutlichen. Die Bedürfnislosigkeit war eines ihrer Hauptziele. So übte kein Kyniker einen Beruf aus, sie waren also arm. Betteln war erlaubt und Spenden der Schüler wurden gerne angenommen. Bekleidet waren die Philosophen nur mit einem alten Mantel, dem tribôn, auch von Schuhen hielten sie nicht viel. Der Bart war wahrscheinlich sehr zerzaust.
Diogenes z.B. lebte meist in einer Hundehütte oder einer Tonne und sein Eigentum beschränkte sich auf eine Kürbisschale zum wasserschöpfen. „Aber als er sah, dass ein Hund auch ohne Gefäß Wasser zu sich nehmen kann, warf er auch diese weg.“(Zitat H. J. Störig, S.189).
Es war ihnen wichtig, sich nur vom Einfachsten, oder dem was gerade zur Hand war, zu ernähren. Auf jeden Fall immer das billigste des Speiseangebotes. Betten wurden nicht in Anspruch genommen, man schlief auf Holz oder schlicht dem Boden.
Der kynische Lebensstil und seine Enthaltsamkeit war genau gegenteilig zu dem feinen, kultivierten Leben, dessen sich die Athener damals rühmten. „Die Kyniker verachteten diese Kultur, und ihre Lehre gibt sich zum Teil als Protest gegen sie.“ (Zitat G. Luck, S.3).So verachteten sie ebenfalls alle Normen und Werte der damaligen Zeit, schon angefangen bei der Vaterlandsliebe. Sie sahen sich lieber als eine Art Weltbürger, sozusagen als Kosmopoliten. Toleranz gegenüber ihre Mitbürger kannten sie kaum, wohl aber war ihnen eine übermütige Heiterkeit zu eigen, und mit diesem Mutterwitz bemühten sie sich doch, das Gehör der „versnobten“ Mitbürger zu erreichen. Sie hofften, durch ihre Art, die auf die meisten Athener schockierend wirkte, Aufmerksamkeit zu erlangen und die, die falsch lebten, dadurch aufzurütteln. So waren für die Kyniker Krankheit, Tod, Alter und niedrige Herkunft keine Übel, ihr Gegenteil ja auch keine Güter. Deshalb waren sie gegen alle Art von tryphe, also Luxus und Überfluss, denn diese brachten in keinem Falle die Glückseligkeit (Vgl. W. Capelle, S.9).
Auch ihre Lehrmethoden unterschieden sich von den der anderen Schulen. Bei Platon in der Akademie, bei Chrysipp in der bunten Halle oder bei Epikur in seinem Garten lehrte man auch die Logik, die Physik und die Metaphysik, bei Aristoteles im Lykeion später sogar Psychologie und Zoologie. Nicht so bei den Kynikern. Abgesehen davon, dass sie lieber an Straßenecken oder auf Marktplätzen unterrichteten, lehnten sie Bildung strikt ab. „``Wer vernünftig geworden ist,´´ sagt Antisthenes, `` der gibt sich nicht mit Lesen und Schreiben ab, damit er nicht durch Unwesentliches abgelenkt wird.´´ „(Zitat. G. Luck, S.4). Damit gaben die Kyniker der praktischen Philosophie den Vorrang vor der theoretischen. Das Grundprinzip war, nur solche Bedürfnisse zu haben, deren Befriedigung auch in der eigenen Macht stehen.
Die Kyniker, mit ihrem Vorbild Herakles, dem Ahtisthenes mindestens zwei Schriften gewidmet hat, übernahmen im wesentlichen das geistige Erbe der großen Vergangenheit Athens und versuchten es der Wohlstandsgesellschaft erneut vorzuleben.
Sie schufen eine einfache Lehre, die leicht nachzuvollziehen ist; sie setzten die Tugend nicht nur als das höchste Gut, sondern als das einzig Erwähnenswerte. „Alles andere erscheint ihr gegenüber entweder als schlecht oder doch zumindest als gleichgültig.“(Zitat. W. Röd, S. 101). Es wird angenommen, dass unser Wort „zynisch“ von diesen Menschen und im besonderen von ihrer Art zu Leben abstammt. „Es erinnert an die Derbheit und Schamlosigkeit, mit der die Kyniker in ihren Reden an die Mitbürger, welche für sie in die zwei Klassen der Toren und der Weisen zerfielen, diesen ins Gewissen redeten.“(Zitat H. J. Störig, S.189).
2. Der kynische Weg zum Glück
Es ist wichtig zu verstehen, dass die Kyniker die Welt niemals erklären wollten, sie wollten sie verbessern. Mit diesem neuen Kapitel möchte ich also dazu übergehen die eigentliche Grundidee des Kynismus näher zu erläutern, die so eindeutig das Leben derer geprägt hat, die sich diesem Leitfaden zur Tugend und zum Glück im Sinne von Antisthenes verschrieben haben. Antisthenes war, wie ja bereits erwähnt, ein Schüler Sokrates. So nimmt es kaum Wunder, dass der Grundgedanke seiner Philosophischen- und insbesondere der seiner Ethikvorstellungen auf denen seines Lehrers beruhen. Er zeigt, dass die Lehre des Sokrates noch in anderer Weise entwickelt werden kann, als es Platon zu dieser Zeit tut.
„Das Ethikmodell ist von Sokrates Schüler Antisthenes weniger theoretisch ausgefeilt als vielmehr zu einer bestimmten Lebensform ausgestaltet worden.“ (Zitat C. Horn, S.72).Sokrates hatte gezeigt, das der sittlich autonome Mensch von inneren und äußeren Umständen unabhängig werden kann. Man kann den Anfängen des Kynismus drei grundlegende Thesen von Sokrates voranstellen: ° „Die Moralität bildet die hinreichende Bedingung für das Glück eines Menschen, er braucht somit keine anderen zusätzlichen Mittel zur Glückserlangung.“ (Vgl. Euthydemos 280b).
° „Es besteht eine Gleichheit zwischen Moralität und Glück, das heißt, dass sittliches Verhalten nicht nur zum erfüllten Leben führt, sondern dass es das erfüllte Leben selber ist!“ (Vgl. Gorg. 470e, 507c ; Rep. 354a).
° “Moralisches Verhalten wird mit einer vernunftbestimmten Lebensführung gleichgesetzt.“ (alle drei Punkte vgl. auch C. Horn, S.71) Antistenes hat diese Moralität mit Tugend, aretê, gleichgesetzt. Doch für ihn war es am wichtigsten, dass diese ausgeführt, dass sie gelebt wird und nicht nur zerredet wird. Die Tugend besteht in den Werken und Taten („erga“), nicht nur in der geistigen Erkenntnis. Er war überzeugt, „...für das Glück alleine sei eine angemessene Lebensführung maßgeblich; sie liegt ausschließlich in der Tugend und diese wiederum werde einzig durch die Philosophie vermittelt.“ (Zitat C. Horn, s.72).
So kann man also sagen, dass für Antisthenes der Wille des Einzelnen einen maßgeblichen Teil zu dessen Glück, seiner eudämonie, beiträgt, man muss sich nur für den richtigen Weg entscheiden und vor allem auch dabei bleiben, denn dann gelangt man zur Erkenntnis des Guten und Richtigen. Die Kyniker entwickelten die Sokratische Auffassung, die Erkenntnis des sittlichen Guten bilde die Grundlage der moralischen Praxis, weiter und vertraten den Standpunkt, dass das Erkennen im allgemeinen den praktischen Zielen unterzuordnen sei.
Nach kynischer Ansicht ist die Tugend sich selbst genug, das heißt, sie ist kein Mittel, um ein Ziel zu erreichen , sei es nun Glück oder Lust, „ ...sie ist ihr eigener Lohn, wie sie auch die einzig wahre Glückselig ist...“(Zitat W. Röd, S.101).Um die Tugend, die das Glück ja sozusagen gleich mitliefert, zu erreichen, bedurfte man weder viel Wissen noch herausragender Kenntnisse. Alleine die Einsicht in die sittliche Notwendigkeit und deren Verinnerlichung, sowie die praktische Einübung dieser Gedanken reichten aus um den Menschen in die Klasse der Weisen zu erheben. Nun wird auch klar weshalb die Kyniker die Einzigen waren, die nicht wie Platon oder Epikur über die Logik und die Physik lehrten. Antistenes trennte dieses, für ihn unwichtige Wissen, von seiner Lehre ab, damit seine Schüler sich nur auf das Wesentliche konzentrierten. Denn wenn nur die Tugend ein Gut ist, so ist es klar, dass der Weise sich eben alleine auf die Erlangung dieses Gutes beschränkt, alles andere lenkt die Gedanken in die falsche Richtung. „ Es gibt nur einen wirklichen Fortschritt, den Fortschritt im ethischen Bereich (``prokopê``).“ (Zitat G. Luck, S.17). Wichtig und ausreichend sei alleine die sokratische Willenskraft um die Tugend aufrecht zu erhalten. Das Lebensglück hängt also im vollen Maße vom einzelnen Menschen selber ab.
Die Tugend an sich ist für Antisthenes lehr- und lernbar und somit jedem zugänglich. „Für Mann und Weib sei die Tugend die nämliche.“ (Zitat Diogenes Laertius, S.300). Also für beide Geschlechter lernbar, ein sehr ``reaktionärer´´ Gedanke damals.
Die Kyniker verallgemeinerten den Begriff des disziplinierten Einübens, der askesis, und sie waren sich sicher, durch das strikte Einüben des als gut und richtig erkannten wurde man zum guten und glücklichen Menschen. Auch war dieses einmal erlangte Wissen, also die Tugend, nicht mehr verlierbar, darüber waren sich die Kyniker sicher. „Das sicherste Bollwerk ist die Einsicht, denn sie kann weder weggeschwemmt noch verraten werden.“ (Zitat Diogenes Laertius, S.301).
Das tugendhafte Leben war für die Kyniker das höchste Ziel. Man spricht vom Kynismus auch als „ Abkürzung zur Tugend“ (Vgl. G. Luck, S.5). Um im Sinne der Tugend zu leben waren keine Ämter, kein Reichtum und kein Ansehen von Nöten, im Gegenteil, sie lenkten nur ab. Aus diesem Grund lebten alle Kyniker so einfach wie möglich und waren ständig bemüht ihren Mitmenschen den Weg zur Tugend und zum glücklichen Leben zu zeigen. Um ihre Aussagen zu bekräftigen, lebten sie ihnen, oft auf sehr radikale Weise ihre Philosophie vor.
Wie schon erwähnt, war es für die Anhänger dieser Lehre Zeitverschwendung sich mit anderen Dingen zu beschäftigen als mit Ethik und Gesellschaftslehre. Mit der Politik beschäftigten sie sich nur in so fern, als das sie mit Sokrates darüber
übereinstimmten, dass nur die Weisen, also die Philosophen, herrschen sollten. Außerdem stammt der folgende Standpunkt von Antistenes:„Der Weise werde sich in Sachen Staatsverwaltung nicht nach bestehenden Gesetzen richten, sondern nach dem Gesetze der Tugend.“ (Zitat Diogenes Laertius, S.301). Die radikale Zentralisierung der Ethik, insbesondere der Tugend, in der Philosophie war deshalb so wichtig, weil man sich eben nur mit der Philosophie gegen die Prüfungen des Lebens wappnen und sich auf den Tod vorbereiten konnte. Es war also von Nöten, die Ansprüche an das Leben zu schmälern und die angesprochene Askese zu betreiben. Das Glück des Einzelnen bestand also in der Bedürfnisreduktion, wodurch die sittliche Einsicht erleichtert wurde. Das Ideal war die völlige Leidenschaftslosigkeit, die apatheia des kynischen Weisen galt es anzustreben. „Namentlich sind alle Triebe und alle auf Trieben beruhenden Bedürfnisse abzulehnen, zumal sie der Selbstgenügsamkeit (autarkie) des tugendhaften Menschen abträglich sein können.“ (Zitat W. Röd, S.101). Es war den Kyniker jedoch klar, dass der Mensch nicht gänzlich frei von Affekten sein kann.
Aber je weniger man von den äußeren, meist unkontrollierbaren Umständen abhängig ist, desto weniger wird die innere Ruhe gestört Deshalb auch sagten sich die Kyniker nicht nur von ihren persönlichen Bedürfnissen los, sondern erweiterten diese Absage an fremde Einflüsse auch auf die Gesellschaft, auf Konventionen und sogar auf ihre Staatsbürgerschaft. Nichts sollte ihre Autarkie gefährden.
Wichtig ist an dieser Stelle, das die natürlichen Bedürfnisse den Kynikern als Ausnahme galten. So war die sexuelle Befriedigung für sie durchaus richtig. Allerdings, dem Grundsatz der Kyniker angemessen, so wie es gerade am einfachsten und billigsten war. Selber oder im Bordell, die Kyniker machten auch hier keinen Hehl aus ihre Philosophie, nur durfte der befriedigte natürliche Trieb nicht zum Herrn über den Menschen werden.
Um tugendhaft zu leben, orientierten sich die Kyniker an historischen Gestalten und der Natur. „Vorbildlich schien ihnen auch das Wirken von Herakles, der gegen wilde Tiere und Ungeheuer kämpfte, wie die Kyniker gegen die Laster dieser Welt.“ (Zitat G. Luck, S.9). Denn das Mühsal und askese etwas Gutes waren, konnte bestens am Beispiel von Herakles und auch von Kyros veranschaulicht werden.
„Die Grundlage der cynischen Ideologie,(...), bildete der Glaube an die Güte der Natur im allgemeinen und der menschlichen Natur im besonderen, wobei „Natur“ als Gegenbegriff zu „Kultur“, d.i. zu Sitte und Sittlichkeit, zu Recht und Gesellschaftsordnung verwendet wurde.“ (Zitat W. Röd, S.103). Tiere hatten ebenfalls wie alte Mythen Vorbildcharakter, denn sie leben einzig nach den Gesetzten der Natur und sind keinen gesellschaftlichen Zwängen unterlegen, wie die Menschen. Deshalb auch, sind sie glücklicher als wir. Nur das naturgemäße Leben, also ein Leben, das sich an der animalischen Natur orientiert, kann ein glückliches Leben sein. Mit ihrem häufig benutzten Schlagwort „Naturalia non sunt turpia“ untermauerten sie auch ihre oft schamlosen Provokationen, denn wenn man überhaupt etwas tun darf, warum dann nicht vor aller Augen? Natürliches kann nie schlecht sein, und wenn die Athener Bürger sich über die Taten und Aktionen der Philosophen entsetzten, war das nur das eindeutige Zeichen vom vollkommenen Abirren von der Natur. Und hier griff die Aufgabe vor die sich die Kyniker selbst stellten: Sie versuchten ihre Mitmenschen auf den rechten Pfad zurückzuführen, den der Tugend und den des Natürlichen.
Als Schlusswort ist hier nur noch anzumerken, dass die kynisch Trieb- und Bedürfnis- Askese nur dem Ziel der Rückkehr zur Geborgenheit der Natur anzurechnen ist. Dieses wird erreicht durch die sittliche Einsicht bzw. sittliche Tüchtigkeit, und die daraufhin unumgängliche Weisheit und das darauf folgende tugendhafte Leben. Deshalb ist das Einzige, was für einen Kyniker Wert hat, die Tugend. Das Glück, also die eudämonie, stellt sich sofort ein, sobald man eben dieses Leben lebt, denn die Tugend reicht vollkommen hin zur Glückseligkeit. „Das Prinzip, die Methode, die man hier entdeckt, ist eine unbändige Freiheitsliebe, die keine künstlichen Normen und Konventionen, keine politischen und religiösen Bindungen anerkennt, sondern einzig und aleine die Tugend als höchste moralische Instanz.“ (Zitat G. Luck, S. XIV).
3. Einzelne Vertreter
a. Antisthenes aus Athen
Antisthenes wurde ca.455 v.Chr. in Athen geboren. Seine Eltern waren Antisthenes, ein Athener Bürger, und so wird vermutet, eine thrakische Sklavin. Die Ehe seiner Eltern soll nicht vollgültig gewesen sein, deshalb war er auch nur ein Halbbürger Athens, was ihn aber herzlich wenig gekümmert hat. Er starb ungefähr 365/360, den Überlieferungen zufolge an Kräfteverfall. Zu Beginn seiner Philosophenkarriere war er ein Schüler des Sophisten und Rhetors Gorgias, den er aber bald verließ, um sich Sokrates anzuschließen. Er war mit Xenophon befreundet, wohingegen er Platon nicht ausstehen konnte. Er legte jeden Tag, da er in Peiraieus wohnte, den Weg von vierzig Stadien zurück, nur um Sokrates zu hören.
Antisthenes gilt als Gründer des Kynismus. Auch wenn er ihn noch nicht so hundertprozentig gelebt hat wie seine Nachfolger, so hat er doch die Grundgedanken gelegt; so war er es doch, der die sokratische Philosophie in dieser Richtung weiterentwickelt hat. „Georg Grote, ein guter Platonkenner, hat sogar behauptet, Antisthenes und Diogenes hätten in mancher Hinsicht Sokrates näher gestanden als Platon und die anderen Sokratiker.“ (Zitat G. Luck, S.35). Wie schon in Punkt 1 gesagt, schrieb Anthistenes Dialoge; in diesen Schriften trat auch Sokrates auf.
Diogenes Laertius hat in einer Liste zehn Werke von Antisthenes aufgeführt. Es wird vermutet, dass dieses umfangreiche Werk in der Anthike als Gesamtausgabe vorlag, denn auch Antisthenes galt, wie Platon und Xenophon, als hervorragender Stilist. Die meisten seiner Bücher befassen sich mit Ethik und Politik.
Die zwei einzigen Statuen, die von ihm erhalten sind, stellen ihn als Mann mit kräftig ausgeprägten Gesichtszügen und üppigem Haar dar. Bei einer Statue im Vatikan, ist seine Brust fast unbedeckt.
Antisthenes hatte nur wenige Schüler, er verfuhr sehr radikal mit ihnen, und niemand, der es nicht ernst meinte, blieb lange bei ihm. „Das Zusammenhalten einträchtiger Brüder erklärte er für stärker als jede Mauer. Man muss seinen Reisebedarf, sagte er, so einrichten, dass er sich auch mit dem schwimmenden
Schiffbrüchigen retten kann.“ (Zitat Diogenes Laertius, S.297). An diesem Beispiel der Lehrkunst orientierten sich auch seine Schüler, die ihrerseits ausbildeten und die nächsten Schüler unterwiesen. Es wurde ihm die Frage gestellt, ob und wenn ja welchen Gewinn ihm die Philosophie gebracht hätte, darauf antwortete er: ``Die Fähigkeit, mit mir selbst zu verkehren.´´ (Vgl. Diogenes Laertius, S.297).
Des weiteren ist über Antisthenes noch zu vermerken, dass er bei manchen auch als geistiger Urheber der Stoa gilt.
Aber hauptsächlich war er wohl „...der Wegweiser zu des Diogenes leidenschaftsloser Seelenruhe, zu des Krates Selbstbeherrschung, wie zu Zenons Beharrlichkeit...“(Vgl. Diogenes Laertius, S.301). Letzteres sind Verse, die Diogenes Laertius dem Antithenes gewidmet hat: Eine Hundenatur, Anthisthenes, warst du im Leben; Mit deinen bissigen Worten trafst du die Menschen ins Herz. Schwindsucht raffte dich hin, wird mancher sagen. Wozu das? Eines Führers bedarf jeder zum Hades hinab. (Zitat: Diogenes Laertius, S.304)
b. Diogenes aus Sinope
Diogenes, ein Zeitgenosse Alexanders, wurde 410/400 v.Chr. am Schwarzen Meer geboren. Auf Grund einer Verbannung von dort, fand er seinen Weg nach Athen. Man weis nicht genau, warum er dort verbannt wurde, und was ihn schließlich nach Athen trieb. Er selbst behauptete, sein Vater hätte ein Wechslergeschäft betrieben und sei dann wegen Falschmünzerei geflohen, schreibt Diokles; andere Quellen, u.a. Eubulides in seinem Werk Über Diogenes, berichten, Diogenes selbst sei der Täter gewesen (Vgl. G. Luck, S.77). Diogenes habe das Delphi Orakel,`` er solle die geltende Münze umändern´´, missverstanden und es erst mit den Münzen, statt mit dem Staat versucht.(Vgl. Diogenes Laertius, S.305).
Jedenfalls kam er nach Athen und schloss sich dort dem Antisthenes an. Dieser wollte aber niemanden um sich leiden, doch mit Beharrlichkeit und Geduld erreichte er Antisthenes Anerkennung. Der ließ ihn hart schuften und gab ihm wenig zu essen, doch Diogenes blieb und lernte.
Durch mehrere erhaltene Münzen, Mosaike und Statuen, wissen wir ungefähr, wie er aussah. Halbnackt konnte man seinen wohl ziemlich gerundeten Bauch
erkennen, aber auch die von harter Arbeit muskulösen Arme und Beine. Typisch auch der Knüppel und die Wasserschale.
Diogenes war der festen Meinung, die Weisen seien Freunde der Götter; da den Göttern alles gehört und Freunden alles gemeinsam ist, gehört also alles den Weisen.
So viele grobe Sprüche er auch losgelassen hat, so war er bei den Athenern doch beliebt. Als nämlich einer sein Fass zerschlug, verabreichten die Athener demjenigen eine Tracht Prügel und schenkten Diogenes ein neues Fass. Wenn er Geld brauchte , ließ er es sich von seinen Schülern schenken, denn es galt für ihn nicht als Leihgabe sondern als Rückerstattung. Man kann sagen, dass es erst Diogenes war, der den Kynismus richtig zur Entfaltung gebracht hat. Er war der Erste, der auch in der Praxis voll und ganz in seiner Lehre aufgegangen ist, der die typisch kynische Tracht einführte und der die antisthenische aretê durch die Tat verwirklichen wollte. „Und zwar hat diese kynische Tugend einen doppelte Betätigung: in Rücksicht auf das eigene Ich und seine Triebe ist sie Apathie,...; gegenüber der Außenwelt aber Autarkie,...Daher kann ihm auch Fortuna (..) nichts anhaben.“ (Zitat W. Capelle, S.12). Diese unerschütterliche Askese hatte ein Endziel, nämlich die Freiheit von allen unbeeinflussbaren Umständen.
Auf einer Überfahrt nach Aegina überfielen Piraten sein Schiff, so wurde er gefangen genommen und schließlich als Sklave auf Kreta verkauft. Als Handwerkskunst gab er an „Menschen lenken“. Seinem Käufer Xeniades sagte er, er müsse ihm gehorchen, obwohl er dessen Sklave sei. Von seinen Freunden wollte er sich auf keinen Fall freikaufen lassen, er sprach nur zu seinem Herren: „Sieh zu, dass du meine Anweisungen befolgst.“(Zitat G. Luck, S.81) Menippos hat über diesen Teil von Diogenes Leben ein Werk Der Verkauf von Diogenes verfasst. In diesem schreibt er, wie Diogenes die Kinder des Xeniades erzieht, ganz im Sinne seiner eigenen Lebensvorstellung. Die Kinder waren ihm sehr zugetan, sie legten oft ein gutes Wort bei den Eltern für ihn ein. Ob Diogenes in diesem Hause auch gestorben ist, habe ich leider nicht herausfinden können, nur dass er im selben Jahr wie Alexander starb. Sicher ist nur, dass er sich zu keinem Zeitpunkt als unfrei gesehen hat, niemals den Humor verlor und egal was ihm auch wiederfuhr, nie von den Bemühungen abließ, die Menschen von Toren in Weise zu verwandeln.
Ich hätte alleine mit Diogenes Anekdoten 10 Seiten füllen können, habe mich aber dann hierauf beschränkt, und kann nur auf das Buch von Diogenes Laertius hinweisen, wenn man mal seine Laune aufbessern will. Als Anlage liegt ein Fresko von Raffael bei, gemalt ca. 1508-1511, genannt Die Schule von Athen. Mitten auf den Stufen, halbnackt und völlig ungeniert, liegt Diogenes und interessiert sich für nichts von dem, was um ihn herum passiert.
c. Krates aus Theben
Der Schüler von Diogenes war Krates. Er verschenkte seinen ganzen Reichtum, um seinen kynischen Idealen folgen zu können. Er wurde als Sohn des Askondeas um 368 v.Chr. in Theben geboren und starb erst nach 285. Er fand in der Tochter eines reichen Hauses einen treue Gefährtin. Hipparchia folgte ihm und kann als seine Schülerin gesehen werden, Krates selber bezeichnete ihre Ehe als Hundeehe.
Krates, der auf einem Gemälde recht struppig und ein Fell tragend dargestellt ist, schrieb Parodien und Tragödien, sogar eine Hymne auf das Leben ist seiner Feder entsprungen.
Hipparchia ist auf demselben Bild, es hängt im Museo Nationale in Rom, recht elegant gekleidet. Krates soll mit Hipparchia einen Sohn namens Pasikles gehabt haben. „Als er starb hinterließ er den Thebanern dreißig Talente unter folgender Bedingung: `` Wenn mein Sohn sich meiner würdig erweist, wird er kein Geld brauchen; ist er meiner unwürdig, so wird ihm das auch nicht genügen.´´ “ (Zitat G. Luck, S.196).
Krates wurde auch als der Türöffner bezeichnet; er ging in jedes Haus und trat unter seinen Mitbürgern vor allem als Versöhner, insbesondere zwischen entzweiten Verwandten, auf.
In einigen Dingen war Krates von historischer Bedeutung: Zwar brachte er dem Kynismus selber im Grunde genommen nichts Neues, aber er war ein von echter Menschenliebe erfüllter Seelenarzt, seine literarischen Werke waren parodistische Prosa aus denen jedoch überall kynischer Ernst zu spüren war (diese Art zu schreiben bildete ab da den Grundton der altkynischen Literatur), und zu guter Letzt war Zenon von Kition, der Gründer der Stoa, für einige Zeit sein Schüler.(Vgl. W. Capelle, S. 13/14).
Seine Meinung über den Gewinn aus der Philosophie war: „Ein Tagmaß Bohnen und ein Kummerfreier Sinn.“(Zitat Diogenes Laertius, S. 338). Dem Alexander verneinte er, als dieser ihn fragte ob er seine Stadt wieder aufbauen sollte, denn es könnte ja ein anderer Alexander kommen und die Stadt wieder zerstören.
Der Satz der mir bei Krates am meisten gefallen hat ist:
„Bleib bei den Linsengerichten, sonst kommt der Umsturz.“ (Zitat G. Luck, S.207).
Krates starb, ganz krumm geworden, in hohem Alter. Beerdigt wurde er in Böotien.
c. weitere Kyniker in der Geschichte und ein Schlusswort
Mit der Entstehung der Diatribe, der kynischen Art zu schreiben, und mit dem Auftreten von Wanderpredigern, welche mehr oder weniger kynisch angehaucht waren, erfuhr der Kynismus seine Ausbreitung, die auch das junge Christentum später beeinflusst hat.
In der langen Reihe der Kyniker sind in jedem Falle noch Bion (335 v.Chr.), Theles aus Megara ( Mitte 3. Jahrhundert), und Kaiser Julian (331n.Chr.) zu erwähnen.
Weiter in die Tiefe zu gehen, würde das Fassungsvermögen dieser Hausarbeit übersteigen. Jedoch war es für mich interessant zu lesen, wie der Kynismus sich weiterentwickelt hat, und welchen Einfluss er doch auf die Jahrhunderte hatte, die Antisthenes und Diogenes folgten.
Ich muss offen sagen, ich habe eine gewisse Sympathie für die verschrobenen Alten entwickelt und vieles von dem, was damals galt, würde heute noch viel eher zutreffen.
Vielleicht sollten wir uns auch zu unserer Zeit einen Diogenes wünschen, der Vehemenz genug hat, aufzufallen und uns vor den Kopf zu stoßen. Aber mal ganz ehrlich: Eine ganze Stadt voll von Kynikern.....???!!!?? Also, ich weis nicht so recht....
4. Literaturverzeichnis
° Luck, Georg: Die Weisheit der Hunde. Texte der antiken Kyniker in deutscher Übersetzung mit Erläuterungen Stuttgart: Alfrde Kröner Verlag, 1997
° Horn, Christoph: Antike Lebenskunst: Glück und Moral von Sokrates bis zu den Neuplatonikern, Originalausgabe, München: Beck`sche Reihe, 1998
° Diogenes Laertius: Leben und Meinungen berühmter Philosophen. Philosophische Bibliothek Band 53/54,herausgegeben von Günther Zekl und Klaus Reich, zweite Auflage Hamburg: Felix meiner Verlag, 1967
° Prof. Dr. Wilhelm Capelle: Die griechische Philosophie II. Von den Sokratikern bis zur hellenistischen Zeit. Sammlung Göschen, Band 858/ 858a, 3., durchgesehene Auflage Berlin: Walter de Gruyter, 1971
° Röd, Wolfgang: Die kleine Geschichte der antiken Philosophie Originalausgabe München: Beck`sche Reihe, 1998 ° Kranz, Walther: Die griechische Philosophie Lizenzausgabe für Parkland Verlag Köln: Parkland Verlag, 1997
°Störig, Hans Joachim: Kleine Weltgeschichte der Philosophie 15. Auflage
Stuttgart: Verlag W. Kohlhammer, 1990
Arbeit zitieren:
Isabelle Matthias, 2000, Der Kynismus in Hinsicht auf den Glückbegriff in der Antike, München, GRIN Verlag GmbH
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