2
existentielle Überlegungen markieren abschließend den Weg in eine neue Ethik.
I: „Soloalbum“
a) Der „Geschmacksterror“
Um was geht es eigentlich im „Soloalbum“? Rein inhaltlich wohl um nicht viel. Die Berliner „tageszeitung“ hält dem „Roman“ 5 immerhin so etwas wie einen durchgängigen plot zugute: „Die ganze Zeit nervt es den Ich-Erzähler, dass er von seiner Freundin Katharina nicht loskommt.“ 6 „Soloalbum“ als Liebesgeschichte also. Dies scheint jedoch einer näheren Betrachtung nicht standzuhalten. Vielmehr werden im Buch Einzelszenen unermüdlich nebeneinander gestellt, ohne je aufeinander aufzubauen. Dem Roman fehlt jede dramaturgische Entwicklung, die vielleicht auch gar nicht beabsichtigt ist. 7 So scheint es sinnlos, auf der histoire-Ebene nach einem roten Faden zu suchen. Einzig die rigiden Ästhetikideale und die Art ihrer Postulierung bleiben als verbindendes Motiv übrig. Denn über Geschmack lässt Stuckrad-Barres Held nicht streiten: er gibt ihn vor. Ästhetik bekommt da plötzlich Absolutheitscharakter. Die geplatzte Beziehung zu Katharina ist allenfalls nur „Anlass 8 , um sich skeptisch zu allen habitualisierten Stilen zu verhalten und sich selber gründlich abzugrenzen gegenüber vorformulierten Lebens- und Sprachformen.“ 9 Katharina wird nie näher
5 Dass es sich um einen solchen handele, behauptet zumindest das Buchcover.
6 Volker Marqardt: Artikel „Postpubertäre Würstchenwelt“ in der „taz“ vom 15./16.08.1998
7 Hubert Winkels urteilt sogar, es dürfe auf der Ebene der Romanform gar „keine Entwicklung der Figuren statt haben. Dann wäre man ja nicht in der Popsphäre.“ (Hubert Winkels: Grenzgänger. Neue deutsche Pop-Literatur. In: Sinn und Form 51, 1999, S.581-610, Zitat auf S.608. Sigle: Winkels)
8 Kursivierung von mir
9 Ralph Köhnen: Selbstbeschreibungen jugendkultureller Selbstästhetik. In: Deutschunterricht 5, 1999, S.4 des Aufsatzes. (Sigle: Köhnen)
3
charakterisiert, gemeinsame Erfahrungen bleiben außen vor und so dient die Trennung von Katharina
„lediglich als Basis, um die Trennung des Erzählers von der Welt zu begründen, seiner Besonderung eine nicht allzu prätentiöse Begründung zu geben. Denn es blieben Blasiertheit,
Distinktionsgewinn Distanznahmen lediglich als solche der modischeren oder einer schlicht dandyesken Haltung vorgeführt würden.“ 10
Hauptfeind ist der „habitualisierte Stil“ der Linksalternativen. Wichtig dabei ist jedoch, dass nicht etwa linksalternative Meinungen verlacht werden. Es ergibt sich keinesfalls eine inhaltlich motivierte Auseinandersetzung über linke Topoi. Vielmehr bleibt die Kritik an der formal-ästhetischen Oberfläche kleben: Den Erzähler stört nicht, dass die „ziemlich schreckliche[] Frau 11 “ von der WG-Party den Krieg verneinen, Sozialismus predigen und die PDS wählen könnte. „Nervend“ ist lediglich die bloße Vorstellung, „über ihrem Bett [könne] der sterbende Soldat in DIN-A0 [hängen und] auf dem Boden [...] eine Lavalampe [stehen].“ 12 Wo vor dreißig Jahren divergierende Meinungen stritten, streiten heute divergierende Lebensentwürfe. Es gibt eben Material, das auf der Abschussliste steht: Popjournalisten, die sich als Szenekenner ausgeben 13 , Kleingeld 14 , die Frage, was eigentlich deutsch sei 15 , die Weihnachtsbeilage der „Frankfurter Rundschau“ 16 , nicht in Anzügen gekleidete Menschen 17 , Frauen, die Blur nicht mal auf Kassette besitzen 18 , und vieles, vieles mehr.
10 Winkels, S.607. Unlogisch ist jedoch, dass Winkels einerseits der Katharina-Geschichte lediglich Alibifunktion zugesteht und sie andererseits als Ausweg aus der reinen Schnöselhaftigkeit ansieht.
11 Soloalbum, S.32
12 Soloalbum, S.32
13 „Zwar hatte ich überhaupt keine Lust mehr, [...] mitteilen zu müssen, dass es [...] verboten ist, über neue Platten Sätze zu schreiben wie: Der Titel ist Programm, [...], die Mannen und die charismatische Frontfrau haben eine magische Bühnenpräsenz“, Soloalbum, S.19.
14 „Die kommen auf einen Haufen, und irgendwann werfe ich sie weg. 2-Pfennigstücke haben ja mit Geld nun wirklich nichts mehr zu tun, [...]“, Soloalbum S.49.
15 “Im Grunde ist das Allerdeutscheste ja die Fragestellung selbst, das ist ja das Dilemma! / Das ist nun aber mal wieder ein Weitwurf [...]“, Soloalbum, S.72.
16 “Mein anderer Bruder ist noch rudimentär interessiert an meinem Leben, aber auch stark besorgt - seine Reden zur Lage […] klingen wie aus der Weihnachtsbeilage der Frankfurter Rundschau“, Soloalbum, S.111.
17 “All die bekifften Sweatshirt-Doofies hier, die haben alle ziemlich viel Sex, also die meisten. Dabei sind sie so dumm und so wenig um Ästhetik bemüht, so eklig flexibel in ihrer Lebensführung [...]“, Soloalbum, S.218.
18 vgl. Soloalbum, S.212
4
Durch diese Ästhetik-Brille beurteilt der Held seine Mitmenschen folgerichtig nur danach, wie viel „Falsches“ sie nicht tun: „Es gibt drei Sorten Mensch. Die einen machen viel zu viel falsch und sind deshalb völlig indiskutabel. [...] Die anderen machen viele Fehler nicht. [...] Und dann sind da noch ganz wenige, die nicht nur manches nicht falsch, sondern vieles, man ist versucht zu denken: ALLES! Richtig machen.“ 19 Dieser letzten Kategorie nähert sich lediglich die Britpop-Band Oasis 20 an. So urteilt die „tageszeitung“, dass „Soloalbum“ „eine postpubertäre Welt [entwerfe], die man so zusammenfassen [könne]: alles Scheiße außer Oasis.“ 21 Ansonsten ist niemand gegen die ästhetischen Ressentiments der Hauptfigur gefeit.
b) Sprachkritik
Neben der Kritik an Kunst- und Lebensstilen steht vor allem auch die Kritik an überkommenen Sprachformen im Zentrum: „Stilkritik ist [im „Soloalbum] vor allem Sprachkritik, was sich dann auch auf
Beziehungsgeschwätz erstreckt, das Stuckrad-Barre erbarmungslos seziert. dekonstruiert.“ 22 Ganz allgemein wird Alltagsbegrifflichkeit
Hauptangriffsziel sind wiederum die „politisch Alternativen“ mit ihrem angestaubten Sprachstil, der als Alt-Hippietum abgelehnt wird. Konventionalisierte Sprechweisen sind dem Helden ebenfalls ein Gräuel. So ärgert er sich, wenn er bei zu erwartenden Antworten „rhythmisch mitklatschen“ kann: etwa als ein Pärchen mit dem „Standard-Lösungssatz auf eigentlich alle Fragestellungen“ einen sprachlichen „Weitwurf“ landet. 23 Als die Hauptfigur von einem Bettler etwas unkonventionell um Geld angegangen wird, weiß sie nicht, ob sie ihm „dreist, jawohl die Höhe und so, halt diese ganzen Passanten-Vokabeln“ an den Kopf schmeißen
19 Soloalbum, S.75
20 Oasis bietet sich an, weil die Band in kultivierter Schäbigkeit, Schnöselhaftigkeit und Arroganz dem Helden im „Soloalbum“ in nichts nachsteht und ein dezidiert nicht-intellektuelles Publikum hat. Sänger Liam Gallagher (den einen „charismatischen Front[mann]“ zu nennen ein ästhetischer Fauxpas wäre, vgl. Anm. 13) prügelt sich gerne mal mit Journalisten.
21 Volker Marquardt: Artikel „Postpubertäre Würstchenwelt“ in der „taz“ vom 15./16.08.1998
22 Köhnen, S.5 des Aufsatzes
23 vgl. die Diskussion um die Frage, was eigentlich ‚deutsch’ sei: „Im Grunde ist das Allerdeutscheste ja die Fragestellung selbst.“ (Soloalbum, S.72)
5
soll. Denn eigentlich ist der Held ganz froh, eine „geglückte Variation über den Satz ‚Ham se mal was Kleingeld’“ gehört zu haben. 24 So hat ihn der Bettler wenigstens nicht mit einer unzählige Male gehörten Formel gelangweilt. Generell wird „Sogenanntes“ als eben solches entlarvt und zum Teil bei seinem eigentlichen Namen genannt: Der Erzähler spekuliert darüber, „was man wohl ein FEEDBACK 25 nennt“ 26 . Er findet mit „es kann sich nur noch um Stunden handeln“ einen der „stumpfesten Sätze der Jetztzeit“ 27 und mit „dann purzeln die Pfunde“ gar den „Satz der Sätze“ 28 . „Alle Sprachdinge sind Scheindinge und werden als Konstruktionen von meist eher dümmlicher Art ausgewiesen, verbesserungsbedürftig oder ablehnenswert allemal.“ 29 Bei Wörtern wie „Problemhaut“ 30 , „Teflon“ 31 oder „Feuchtsauger“ 32 nimmt man das dem Erzähler auch sofort ab. Wie der gesamte Alltag, der mit ständigen Entscheidungen für oder gegen eine bestimmte ästhetische Möglichkeit gemeistert werden will, erscheint auch Sprache als „Baukasten, mit dem man sich auf die permanente Suche nach besseren Basteleien begeben muss.“ 33
c) Die Bastelexistenz
So macht der zunächst unverständliche und lächerlich wirkende Ästhetikfetischismus plötzlich wieder Sinn: Gegen „Sweatshirt-Doofies“ 34 und „Tigerenten“ 35 „setzt der Autor ein ausgeprägtes Stilbewusstsein mit einigem Rigorismus, um überhaupt Position zu beziehen.“ 36 Wo alles möglich ist, muss man sich seinen Sinn eben selber zusammenbasteln. In der Sozialpsychologie hat Heiner Keupp dafür den Begriff der
24 vgl. Soloalbum, S.100
25 Stuckrad-Barre bedient sich gern einer exzessiven Zeichensetzung. Wo es nicht ausreicht, sich im normalen Schriftbild über die Umwelt lustig zu machen, müssen Kapitalschreibungen, mehrfache Ausrufungszeichen und Kursivierungen her.
26 Soloalbum, S.29
27 Soloalbum, S.212
28 Soloalbum, S.59
29 Köhnen, S.5 des Aufsatzes
30 Soloalbum, S.157
31 für „Telefon“, Soloalbum, S.173
32 Soloalbum, S.199
33 Köhnen, S.5 des Aufsatzes.
34 vgl. Soloalbum, S.218
35 vgl. Soloalbum, S.214
36 Köhnen, S.5 des Aufsatzes
6
Bastelexistenz eingeführt. 37 Zum Teil ist sich der Held im „Soloalbum“ sogar seiner ambivalenten Situation bewusst. So fragt er sich, ob sein Handeln nicht vielleicht „bloß ein niedlicher Versuch [sei], dem schütter ausgefransten Dahingelebe Struktur überzustülpen.“ 38 Der Alltag des Einzelnen wird als Kunstwerk verstanden, „ja einem lebensästhetischem Imperativ untergeordnet [...]: das eigene Leben wird in Kunstformen gehüllt und einer Öffentlichkeit präsentiert.“ 39 Das permanente Sinnbasteln wird damit zum eigentlichen Lebenssinn. Kleinster gemeinsamer Nenner ist dabei eine „Ästhetik des Spiels“ 40 , die alle Lebensbereiche überformt und eigene Stilsphären schaffen kann. „Dass dabei eine Joghurtsorte, eine Britpopband und eine Hosenmarke zur Weltanschauung werden können, zeigt nur den Umstand, dass sonstige Globalisierungstendenzen nicht gefragt sind.“ 41
II: „Die Tugend der Orientierungslosigkeit“
Dieser Ästhetikfetischismus korrespondiert haarscharf mit dem Phänomen des „Lebensästheten“, das Johannes Goebel und Christoph Clermont in ihrem Buch „Die Tugend der Orientierungslosigkeit“ beschreiben. Das Buch hilft dabei, den Heldentypus im „Soloalbum“ auf eine ganze Generation zu projizieren. Stuckrad-Barres Held erweist sich nicht als harmloser Einzelfall, sondern als Fallbeispiel einer so egozentrischen wie indifferenten Spezies von arroganten Zynikern. Der „Lebensästhet“ nach Clermont und Goebels stiftet sich in seiner wertezertrümmerten Umwelt einen individualisierten Wertekodex, der ihm persönlichen Halt und Orientierung bietet. Kollektive, oder gar ideologisierte Sinnsuchen sind dabei passé. Das Ästhetische übertrumpft das Soziale und Moralvorstellungen werden radikal aus der gesellschaftlichen Sphäre ins
37 vgl. Heiner Keupp: Auf der Suche nach der verlorenen Identität. In: ders.: Riskante Chancen. Das Subjekt zwischen Psychokultur und Selbstorganisation, Heidelberg 1988, S.131-151.
38 Soloalbum, S.46
39 Köhnen, S.1 des Aufsatzes
40 Köhnen, S.5 des Aufsatzes
41 Köhnen, S.5 des Aufsatzes
7
Private verschoben. Gefragt ist nicht etwa, Ausbeutungsverhältnisse und Naturkatastrophen zu bekämpfen, sondern das Gesamtkunstwerk „Ich“ autoreflexiv zu komponieren. „Einen Staubsauger oder gar Kaffeefilter zum
bedeutungsschweren Bestandteil einer in sich stimmigen Biographie machen zu müssen, ist ein Unternehmen, das vor zwanzig Jahren Kopfschütteln ausgelöst, vor fünfzig Jahren den direkten Weg in die Psychiatrie bedeutet hätte. [...] Wo jedes noch so winzige Detail zum Baustein des Gesamtkunstwerks „Ich“ werden kann, gibt es einfach nichts Unwichtiges. Es sei denn, es wird dazu erklärt.“ 42
Sinnstiftung erfolgt nicht mehr positiv, also anhand von zukunftsweisenden Idealen, sondern durch Abgrenzung vom anderen: Sinnsuche als Negativschablone. So ist es verständlich, dass „Lebensästheten [...] in der Regel beleidigt [sind], wenn man das, was sie tun oder konsumieren, als top-modisch oder trendy bezeichnet. Wo Distinktion das Ziel ist, das eigenständige Gesamtkunstwerk Lebensaufgabe, da muss der Verdacht, etwas sei allein als Nachahmung anderer oder aufgrund nicht reflektierter äußerer Einflüsse akzeptiert worden, zur tödlichen Beleidigung werden.“ 43
Was dem Lebensästheten also zu tun bleibt, ist einfach: er legt seine Sinnschablone über alle Lebensbereiche, schneidet negative, sprich unästhetische Bereiche aus, und bastelt sich aus den Resten eine eigene Biografie, eine eigene Moral, eine eigene Religion. Auch der Lebensästhet hat sich also der Bastelexistenz völlig verschrieben. „Was der einzelne jeweils an Gegenständen, Waren oder Handlungen auswählt, mit Bedeutungen auflädt und zum Teil der individuellen Lebenskonstruktion erhebt, ist [dabei] vollständig unkalkulierbar.“ 44 Die Ästhetikpostulate im „Soloalbum“ zwischen Anzuglook und Automatengeld sind also nur eine Möglichkeit von vielen. So betrachtet haben die Linksalternativen in ihrem „rückwärtsgewandten“ Habitus nicht etwa „nichts kapiert“: Sie folgen lediglich ihren eigenen Ästhetikidealen. Für den ach so gehassten Hippie gilt dann in besonderem Maße: „Wenn schon hässlich, dann, bitteschön,
42 Orientierungslosigkeit, S.42
43 Orientierungslosigkeit, S.120
44 Orientierungslosigkeit, S.43
8
bewusst, absichtlich und mit Stil!“ 45 Die Bastelexistenz erfordert eine spontan erarbeitete und ausgefeilte Situationsethik und bietet damit bei all ihrer Ambivalenz eine gewisse Orientierung. „In diesem Sinne ist Orientierungslosigkeit eine Tugend, die an jeder neuen Situation erprobt werden muss.“ 46
III: Die „Generation Golf“
Florian Illies hält es selbst für einen „eitlen Glauben“, dass sich anhand eines Buches über die eigene Kindheit „die Geschichte einer ganzen Generation“ erzählen ließe. 47 Dennoch versucht er in einem knapp 200 Seiten schmalen Band eine „Inspektion“ 48 der Lebensweise der heute um die 30 Jährigen. Illies nimmt dabei explizit auf Stuckrad-Barre, das „Soloalbum“ und dessen Ästhetikkritik bezug: „Der Spiegel, ganz irritiertes Zentralorgan der 68er, fasste Soloalbum mit spitzen Fingern an und schrieb etwas vom ‚Amoklauf eines Geschmacksterroristen’. Wir jedoch lasen das Buch mit gierigen, Ice-Tea-verklebten Fingern durch, weil es so mustergültig abrechnete mit der Latzhosen-Moral der siebziger Jahre und ihrer verlogenen Sprache.“
Ansonsten wirkt Illies’ Buch wie eine etwas bunter aufgemachte Neuauflage der „Tugend der Orientierungslosigkeit“. Da „Generation Golf“ aber namensstiftend wurde, soll in diesem Kapitel doch ein kurzer Abriss über das Werk gegeben werden. Zumal es an manchen Stellen hilfreich ist, um das „Soloalbum“ zu verstehen. Wer sich beispielsweise im „Soloalbum“ fragte, was denn am Zigarettendrehen so schlimm sei, dass man deswegen gleich schielen müsse 49 , bekommt bei Illies die Antwort: „Es wird sich
45 Orientierungslosigkeit, S.16
46 Köhnen, S.5 des Aufsatzes
47 Golf, S.197. Auch Stuckrad-Barre wettert auf dem Buchrücken von „Generation Golf“, dass „Bücher über Generationen [...] eigentlich verboten“ gehören. Illies’ Inspektion hält er jedoch zugute: „Dieses [Buch] soll, darf und muss sein. Florian Illies hat alles begriffen [...].“
48 (Untertitel)
49 vgl. Soloalbum S.26-27: „Da wohnt außer Isabell noch ein Hippie, der IMMER in der Küche sitzt und schielend Zigaretten dreht. Vielleicht kommt das Schielen auch vom Zigarettendrehen?“
9
wohl kaum ein vollwertiges Mitglied der Generation Golf finden, das sich noch die Mühe macht, seine Zigaretten selbst zu drehen.“ 50 Denn: „Zigarettenselbstdreher sind ein wenig die Liegefahrradfahrer des Kneipenlebens.“ 51 Da haben wir’s! Hauptgrund für den Hass auf das Selberdrehen ist aber, dass es den ach so unästhetischen Schlotterlook der Siebziger bedingte - und da gibt’s kein Pardon mehr: Dass die Hippies keine Hemden trugen mag nämlich „auch daran gelegen haben, dass die 68er keine Kapazitäten für das Hemdenbügeln frei hatten, weil sie den ganzen Abend auf selbstbespielten Kassetten nach einem bestimmten Lied herumspulend suchten und dazwischen noch die Zigaretten für sich und ihre Freunde drehen mussten. Klar, dass da keine Zeit mehr blieb für das Wesentliche.“ 52 Womit der dankbare Leser gleich noch eine Definition mitgeliefert bekommt, was der „Generation Golf“ als wesentlich erscheint: gebügelte Hemden. Denn schon in Kindertagen vermuteten anständige Angehörige der „Generation Golf“, dass „die weiteren Geheimnisse des Lebens vor allem etwas mit der Kleidung zu tun hatten.“ 53 Was den 68ern ihr Marcuse war, ist der „Generation Golf“ der Kauf eines bestimmten Kleidungsstücks: nämlich „eine Form der Weltanschauung“ 54 . Illies übernimmt bei seiner „Inspektion“ die Funktion des zumindest vordergründig neutralen Chronisten. Er ergeht sich weder überschwänglich in einer stuckrad-barreschen Akklamation an die beschriebene Lebensweise, noch unternimmt er eine offensichtliche Kritik daran. Allerdings bescheinigt er seiner Generation eine „frühe Liebe zum Oberflächlichen“, Anfälligkeit für einen rigiden „Markenfetischismus“ und eine „völlige Distanzlosigkeit zur Scheinwelt der Werbung.“ 55 Und für Illies ist es immerhin ein „Problem“ der Generation Golf, „dass sie sich tatsächlich mehr Gedanken macht über die Anzüge der Politiker als über deren Taten, politisch also völlig indifferent ist.“ 56
50 Golf, S.137
51 Golf, S.138
52 Golf, S.139
53 Golf, S.21
54 Golf, S.145
55 Golf, S.27-28
56 Golf, S.121
10
IV: Die Popsphäre
„Geschmacksterror“, „Lebensästhetik“ und „Bastelexistenz“ lassen sich nur dann wirklich greifen, wenn man sie vor ihrem popkulturellen Hintergrund versteht. Als Außenstehender über „Pop“ zu reflektieren ist dabei ein heikles Unterfangen: „Pop sezieren hieße ihn töten“, sagt etwa Hubert Winkels in seinem Artikel zur „Neuen deutschen Pop-Literatur“. 57 Wer über Pop schreiben wolle, müsse sich bis zu einem gewissen Grade auf ihn einlassen: „Pop bedient sich offensiv des zeitgenössischen
Zeichenvorrats und macht aus seiner Verwendung kein Hehl, sondern Kunst. Aus diesem Grund werden für den Leser und erst recht für den Kritiker zwei Dinge bedeutsam: Er muss die heterogenen Bedeutungssphären kennen, aus denen sich das Kunstwerk bedient. [...] Und er muss auf die neuen Verknüpfungsregeln achten, weil der Zusammenhang von Stoff und Form nicht länger selbstverständlich ist. Tut er das nicht, wird er entweder nur ein modisches Rauschen ungenau wahrnehmen [...], oder er wird bestenfalls aus neuen Texten destillieren, was er aus älteren schon besser kennt.“ 58
Aber gerade die Überlegungen zur Bastelexistenz schreien geradezu danach, das derart verminte Gelände zu betreten und das Phänomens „Pop“ zumindest ein wenig zu „sezieren“. Schließlich ist das, was Popkultur und Bastelexistenz ausmacht, nahezu deckungsgleich: Der Vorgang der Selektion. Der Lebensästhet muss ständig eine Auswahl treffen, um sein Leben zu meistern, er lässt gewisse Dinge zu, weist andere entschieden zurück. Und eben so wird etwas zu „Pop“: der Popsozialisierte lädt scheinbar wahllos Dinge mit Bedeutung auf, die derart chiffriert zum Kult erhoben werden. Was „Popkultur“ im einzelnen meinen kann, böte Stoff für eine eigene Arbeit. Daher sollen im folgenden lediglich für den Themenbereich „Neue deutsche Popliteratur“ relevante Überlegungen zum „Pop“ zusammengetragen werden. Ein Anspruch auf Vollständigkeit besteht so wenig,
57 Winkels, S.586
58 Winkels, S.587
11
wie die Absicht, einen historisch-umfassenden Abriss über die Entwicklung des „Pop“ zu geben 59 . Dafür ist Popkultur ein viel zu schillernder Begriff: „Zum einen sind inzwischen derart hochkomplexe Kunstwerke unter dem Signum Pop entstanden, dass sich der [ursprüngliche] Massenappeal 60 völlig verloren hat. Zum anderen sind die
Phänomene und der Begriff Pop in den letzten dreißig Jahren in einem solchen Maße marktbefördert in alle gesellschaftlichen Sphären eingedrungen, dass auch ihr gegenkultureller Impuls in allgemeiner Akzeptanz verdunstet ist.“ 61
Übrig geblieben und für die Popliteratur von heute relevant ist eine verwässerte Verona-Feldbusch-Form von Popkultur: „Pop light“ gewissermaßen. So ist es kein Wunder, dass Pop-Literatur heute „[kaum] mehr im literarischen Underground zu verorten ist, sondern ganz selbstverständlich [...] den offiziellen Literaturbetrieb [entert].“ 62 Pop-Essentials sind dabei Spaß, Konsum, Style und vor allem Abgrenzung von anderen. Um diese Distinktion zu ermöglichen, sind Popszenen „immer mit bestimmten Codes, Bedeutungen, Lebensstilen, Moden, Medien, Ideologien, Politiken, Handlungen, Orten, etc. verknüpft. [...] Das von der Kulturindustrie zur Verfügung gestellte popkulturelle Zeichenrepertoire entfaltet sein
soziales/kulturelles/ästhetisches Potential erst in der Neucodierung und Bedeutungszuschreibung durch die Rezipienten.“ 63
So wird verständlich, warum „inzwischen dasselbe Abba-Lied für die Nachgeborenen in einer ironischen Brechung etwas ganz anderes bedeute[t] als für die damaligen Zeitgenossen, die sich noch an die Glitzeranzüge der vier Schweden erinnern können.“ 64 Popkultur bietet damit einen ganzen Zeichenvorrat zur
59 so wird beispielsweise die Diskussion um die Frage, was denn eigentlich Literatur ausmache, und inwiefern Popliteratur überhaupt Literatur darstelle, außer Acht gelassen. Lediglich als gedanklicher Anstoß sei wiederum Hubert Winkels zitiert: „Voraussetzung dafür, dass es sich überhaupt um Pop-Texte handelt, ist die den Alltag umfassende und den Körper wesentlich einbeziehende Bedeutung modischer, über den Markt, die Kultur und die Technik vermittelter Codes. Voraussetzung dafür, dass es sich überhaupt um Literatur im eminenten Sinne handelt, ist die literarisch formale Kontrolle der Verführbarkeit, der Aufschub von musikalischen und Bild-Präsenzen im Wort, der Übersetzung von Genuss in Artistik, in eine andere Form des Genießens also“, Winkels, S.585-586.
60 man beachte die Etymologie des Wortes „Pop“
61 Winkels, S.581
62 Miriam Schulte: Pop-Literatur und kultureller Wandel. Literarische Aneignungsweisen von Pop in deutschen Romanen der 90er Jahre. In: Deutschunterricht 5, 1999, S.1 des Aufsatzes. (Sigle: Schulte)
63 Schulte, S.2 des Aufsatzes
64 Golf, S.186
12
symbolischen Abgrenzung. Treffend beschreibt Hubert Winkels, was bei der Popgenesis eine Rolle spielt, nämlich „die Stiftung einer transnationalen Gemeinschaft mittels einer neuen Öffentlichkeit, die über Musikkanäle, Plattenlabels, Internetadressen, Hollywood- oder Independent-Filme, Mode und Markenzeichen funktioniert, oder vielmehr die Herausbildung kleiner quasi klösterlicher Gemeinschaften, die sich aus dem Fluss dieser Entwicklung einige Element herausgreifen - Techniken, Bilder, Waren, Gewohnheiten -, diese mit Bedeutung aufladen und anhand weniger Regeln intern kommunizieren, bis sie einer großen Öffentlichkeit zunächst als exzentrischer Kult sichtbar werden, um dann nach und nach Trendfunktionen zu übernehmen.“ 65
Ist ein Produkt erst einmal mit Sinn aufgeladen, erhält es seinen „anthromorphen Charakter, wird Freund oder religiöser Schrein“ 66 und hilft bei der Orientierung: Pop als Heilmittel in einer sinnentleerten Umwelt. Der popsozialisierte Blick auf die Wirklichkeit bedingt, dass alles und jeder unter ästhetischen Kriterien beurteilt und die Überprüfung des eigenen style zum sozialen Ordnungsprinzip wird: Nicht nur Stuckrad-Barre führt dabei „einen radikalen Diskurs der Ausschließung“. 67 Pop bekommt somit eine existenzielle Dimension. Im „Soloalbum“ sieht es so aus: Der Held bezieht seine Sicherheit „genau aus der Abgrenzung von dem, was [er] gerade so eben nicht (mehr) ist. Er darf zum Beispiel nicht die Musik des billigen Mainstream genießen, aber er darf sich natürlich auch nicht zum exzentrischen Jazz-Liebhaber entwickeln [...], denn die Intellektualisierung des Hörgenusses nimmt den Pop-Appeal aus der Sache heraus.“ 68 Popkultur und Bastelexistenz erweisen sich also als Phänomene, die nach dem gleichen Bauprinzip funktionieren: Scheinbare Belanglosigkeiten werden fetischisiert, um Distinktion und damit Orientierung zu bieten. Popkultur und Bastelexistenz bedingen einander und ergänzen sich.
65 Winkels, S.582
66 Orientierungslosigkeit, S.117
67 Schulte, S.4 des Aufsatzes
68 Winkels, S.607
13
V: Die „Generation Golf“ und die „tachogene Weltfremdheit“
Im folgenden sollen Gründe für die verzweifelte Sinnsuche der Lebensästheten aufgezeigt werden. Warum kann sich eine ganze Generation nur noch an chiffrierten Konsumobjekten orientieren? Warum lassen sich Individuen freiwillig zum Spielball des Marktes und der Werbung machen? Wie kann man im Markenfetischismus Sinn finden? Was hat diese tiefe Orientierungslosigkeit überhaupt ausgelöst? „Unsere Gesellschaft ist im Unterschied zu allen anderen historischen Gesellschaften durch Entscheidungschaos und Entscheidungszwang gekennzeichnet.
Nahrungsmittel, Kleidung, Lebensstile, Ausbildungswege, Partnerschaften - mit einem Wort: fast alles ist bei aller Uniformität und verborgenen Zwanghaftigkeit den individuellen Entscheidungen so offen, wie niemals zuvor und nirgendwo sonst.“ 69 Was zunächst positiv klingt, bedingt in Wirklichkeit eine Orientierungslosigkeit, der es zunächst noch an jedweder Tugend fehlt. Um nicht gänzlich von der Pluralität überrollt zu werden, sind immer schnellere Entscheidungen nötig. Diesen
Beschleunigungszustand beschreibt Odo Marquardt als „tachogene Weltfremdheit“ 70 : „Wo beispielsweise vor 2000 Jahren ein Wald war und vor 1000 Jahren ein Feld und vor 500 Jahren ein Haus, stand vor 150 Jahren eine Weberei, vor 75 Jahren ein Bahnhof, vor 25 Jahren ein Flugplatz und steht heute ein Weltraumsatellitenterminal, und was dort in 10 Jahren stehen wird: das wissen wir noch nicht.“ 71 Das Beispiel verdeutlicht auf eindrückliche Weise, wie die zivilisatorische Halbwertszeit schrumpft und die „Erfahrungsverwaltung“ beschleunigt wird. Marquard legt im folgenden dar, wie der Mensch im Zeitalter der „tachogenen
69 Horst Hensel: Die neuen Kinder und die Erosion der alten Schule. Bönen 2 1993, S.303. Zitiert nach: Köhnen, S.2 des Aufsatzes. Während das britische Vorbild Nick Hornby noch „Modelle scheiternder und gelingender Sozialisation“ und teilweise integrierte Persönlichkeiten entwickelt, gewissermaßen also „aufklärerisch“ auf das gesellschaftliche Allgemeine zielt, „halten sich die deutschen Pop-Autoren [davon] vornehm fern. Kein Trost, kein Halt, [...], nur punktuelle Aufschwünge.“ (Winkels, S.609)
70 von griechisch táchos: Schnelligkeit
71 Odo Marquardt: Zeitalter der Weltfremdheit? Beitrag zur Analyse der Gegenwart. In: ders.: Apologie des Zufälligen. Philosophische Studien, Stuttgart 1996, S.76-97, Zitat auf S. 82. (Sigle: Marquard)
14
Weltfremdheit“ einer „Dennoch-Zuversicht“ 72 bedürfe, um überlebensfähig zu bleiben. Diese „Dennoch-Zuversicht“ bringe eine Art
Expertengläubigkeit mit sich: Mangels Übersicht stelle man heute keine eigenen Forderungen mehr auf, sondern verlasse sich auf professionelle „Postulierer“, die diesen Job für einen übernehmen. Da wir heute längst nicht mehr in der Lage seien, den Realitätsgehalt dieser Daten zu beurteilen, verwische sich der Unterschied von eigener, sinnlicher Realitätswahrnehmung und der abstrakt postulierten Fiktion. Wahrnehmung und Erkennen sind entkoppelt. „Darum ist es gegenwärtig so leicht, wirkliche Schrecklichkeiten zu ignorieren und von fiktiven Positivitäten überzeugt zu sein, und fast noch leichter, fiktive Schrecklichkeiten zu glauben und für wirklich Positives blind zu werden, also: was in den Kram passt zu akzeptieren und was nicht in dem Kram passt zu verdrängen.“ 73 Wie eingangs beschrieben, verlässt man sich also auf von den Medien vorpostulierte Welten und bastelt daraus seine eigene Welt zusammen. Dass große Ordnungsschemata wie Politik oder Geschichte dabei keine Rolle spielen, ja nicht einmal stabile soziale Zuordnungen wie Beruf oder Familie gefragt sind, ist klar: „Sie würden den leicht angewiderten, scheinbar freieren Blick auf die Dinge zumindest pragmatisch einschränken.“ 74
VI: Die „Generation Golf“ und die Postmoderne
a) Die Eingleistheorie
72 Marquard, S.85
73 Marquard, S.86. Gefährlich ist jedoch Marquards These von der „Erhaltung des Negativitätsbedarfs“, die er im folgenden entwickelt: Er glaubt, dass die „Entlastung vom Negativen“ durch die Errungenschaften der Zivilisation eine „Negativierung des Entlastenden“ mit sich bringe. Wegen einiger weniger Geburtsfehler werde die eigentlich positiv in die Zukunft weisende, kulturelle Entwicklung mit Angstfixierungen besetzt, die den positiven Grundcharakter der kulturellen Entwicklung negiere. Der Wohlstandswelt würden „Übelstände um so leichter nachgesagt, je mehr Übelstände sie tilgt“ - Marquard spricht von einer „Art Übelstandsnostalgie“. Gefährlich ist dieser im Grunde richtige Ansatz in seiner technikgläubigen Komponente: Sie erinnert an Lösungsvorschläge von Technikfetischisten, die Rettungsmaschinen auf 10.000 Kilometer Höhe Ozon ausblasen lassen wollen, um die Ozonschicht wieder aufzupeppeln.
74 Winkels, S.608
15
„Die postmoderne Debatte [hatte uns] ein gesundes Misstrauen gegenüber allem Festgefügten, Eindeutigen und Klaren auf den Weg gegeben. Symbole bedeuteten nichts mehr oder alles. Hammer und Sichel auf der T-Shirt-Brust waren weniger ein Bekenntnis zum Kommunismus als Ausweis von Distanz und Coolness.“ 75 Dieses Eingeständnis zweier Angehöriger der Generation Golf ist ein grandioses Beispiel dafür, was mit der Überlagerung des Politischen durch das Ästhetische gemeint ist: Die Postmoderne, als komplexe und zunächst politisch gemeinte Theorie, wird vor dem Hintergrund von Kleidungssymbolen ästhetisch trivialisiert. So „hören [wir] in ‚Postmoderne’ kaum noch den kulturpolitischen Kampfbegriff, dafür, feinsinnig, wie wir wieder geworden sind, den ästhetischen Strukturbegriff.“ 76 Gute Ausrede, sich für nichts mehr verantwortlich fühlen zu müssen, ist die Postmoderne für die „Generation Golf“ allemal. Wo jeder seine eigene Ethik haben darf und die auch egoistisch sein kann, fühlt sich die „Generation Golf“ wohl. Wer sich engagiert, ist out. Gefragt ist der sterile Anzugsmensch, der sich die Hände nicht mit öffentlichen Identitätsbekenntnissen schmutzig macht und aus seinem Ästhetik-Kokon heraus die Weilt verlacht: Ihr armen Würmer, die ihr etwas auf die Beine stellen wollt. Zu einer Podiumsdiskussion (Thema „Jugendkultur und Medien“ 77 ) kommt der Held im „Soloalbum“ dann auch nicht etwa, um seine Meinung zu äußern, also sich öffentlich als eigenständig Denkender zu profilieren, sondern, um sich über die Teilnehmer zu mokieren 78 und beliebige Worthülsen abzusondern: „Mir reicht’s jetzt auch, und dann schimpfe ich wieder ein bisschen über die „Konkursmasse Jugend“ und auf Lederhosenrockverbände [...].“ 79 So präsentiert sich der Held im „Soloalbum“ einmal mehr als notorisch selbstinszenierter Prototyp des postmodernen Spielers. Schließlich steht ihm und seinen Generationsgenossen „kein Sinnzusammenhang und kein grundsätzliches Lebensangebot mehr zur Verfügung, ja ihnen stellt sich
75 Orientierungslosigkeit, S.16
76 Winkels, S.581
77 vgl. Soloalbum, S.142-149
78 „Am Bahnhof holt mich jemand ab. Jugendlich ist der nicht. Das ist so ein Verbandsvorsitzendenwichser, der [...] kein bisschen weniger wurmstichig ist, als Claudia Nolte“, Soloalbum, S.143.
79 Soloalbum, S.146
16
nicht einmal die Frage danach. Deshalb laden sie die ephemeren Gebilde der Pop-Kultur mit besonderer Bedeutung auf, in den meisten Fällen abgrenzend und an einigen wenigen Punkten in größter, nämlich fanhaft irrationaler Zustimmung.“ 80 Kein Sinnzusammenhang, kein grundsätzliches Lebensangebot - warum eigentlich nicht? Die Ausrede der „Generation Golf“ lautet: weil die Meisterdenker ihnen übergeordnete
Sinnzusammenhänge weggenommen haben: Alles geht. Nachplappernd postuliert die „Generation Golf“ „Kollektivindividualisierung“ statt Metaebenen, die doch nur in die Katastrophe führen. Der Kommunismus in den Archipel-Gulag, der Nazismus in den Holocaust, die Religionen in die Glaubenskriege. Derart absolute Theoriegebäude sind autoritär, dominant und damit inhuman, keine Frage. Das Postulat der Differenz, das die französischen Meisterdenker allgemeingültigen Metaebenen
entgegenstellten, macht so gesehen also Sinn.
b) Die Weichenstellung
Aber folgt wirklich jeder „Metaebene“ die kollektive „Katastrophe“ auf den Fuß? Ist diese Zuordnung wirklich so linear? Liegt es nicht vielmehr an den Menschen, die an den Idealen von Humanismus und Christentum gescheitert sind? Kann man den Idealen vorwerfen, dass Menschen sie regelmäßig für egoistische Zwecke verkauft haben? Selbstverständlich ist „Gott tot“. Nur - wer sagt, dass mit den metaphysischen unbedingten Wahrheiten auch innerweltliche, menschenorientierte gestorben sind? Dass es Aufgabe der Postmoderne sei, alle Metabenen zu dekonstruieren, enttarnt sich schon auf der formalen Ebene als „performativer Selbstwiderspruch“, wie es Karl-Otto Apel und dann Vittorio Hösle aufzeigten. 81 Keiner erwartet von der „Generation Golf“, dass sie wieder rote oder braune Fahnen schwenkt oder den Messias anbetet. Aber in Zeiten der Klimaerwärmung, einer sich zuspitzenden Nord-Süd-Problematik und lediglich ökonomisch motivierten Globalisierungsprozessen ist das
80 Winkels, S.608
81 Die Forderung nach der Dekonstruktion aller Metaebenen verbietet sich allein logisch, da sie bereits eine Metaforderung darstellt. Vgl. Vittorio Hösle: Die Krise der Gegenwart und die Verantwortung der Philosophie, München 1994.
17
Paradigma der 80er Jahre überholt. Da ist der Postmoderne nicht nur formale Unkorrektheit 82 vorzuwerfen, sondern auch existentielle Verantwortungslosigkeit. Daher ist der Rekurs der „Generation Golf“ auf die Postmoderne als „Ausrede“ zu diffamieren: Mehr denn je brauchen wir heute einen allgemeinverbindlichen Wertekodex, der auf ökologischer Verträglichkeit und ökonomischer Nachhaltigkeit basiert. Denn, wie Zygmunt Baumann sich ausdrückt: „Der bestimmende Grundzug der postmodernen Idee vom guten Leben ist das Fehlen einer Bestimmung des guten Lebens.“ 83 Dank der Postmoderne kann zwar jeder alles tun, trägt damit aber nicht zum „gute[n] Leben“ bei. Ein heute so wichtiger ökologischer und sozialer Grundkonsens ist mit ihr nicht möglich. Die Folgen zwischen Ausbeutung der sogenannten „dritten“ Welt, Konsumwahn und ökologischen Super-Gaus schreien uns täglich von den Titelseiten entgegen. Aber die „Konsumenten“ und „Spieler“, zu denen Individuen in der Postmoderne werden, wollen davon nichts hören. 84 Individualisiertes, wertzersplittertes Sinnbasteln ist da gefährlich, weil es den Einzelnen seiner Verantwortung entzieht. Sicherlich ist es cool und irgendwie postmodern ästhetisch, Katastrophenmeldungen und deren Relativierungen in den Medien solange gegeneinander auszuspielen, bis man sich zurückgelehnt der totalen Indifferenz verschreibt: „Hätten wir damals unseren Biologielehrern geglaubt, dann dürfte es heute wegen des Waldsterbens in ganz Deutschland keine einzige Eiche mehr geben, und Australien wäre längst verbrannt, weil sich das Ozonloch unbarmherzig vergrößert.“ 85 Aber etwas komplizierter ist es eben doch. So albern es 1968 war, selbst das Ästhetische zu politisieren, so kurzsichtig ist es heute, das Politische zu ästhetisieren. Denn „der Klimaeffekt ist nicht irgendeine Marotte der Ökologen und Bürgerinitiativen, sondern eine der ernstesten Herausforderungen, denen wir uns gegenüber sehen.“ Dies sagt nicht etwa ein Repräsentant von unseliger „Günter-Grass-Sozialdemokratie“ 86 , sondern
82 Siehe Anmerkung 81
83 Zygmunt Baumann: Flaneure, Spieler und Touristen. Essays zu postmodernen Lebensformen, Hamburg 1997, S.130. (Sigle: Baumann)
84 vgl. Baumann, S.249
85 Golf, S.169
86 Golf, S.34
18
das CDU-Mitglied Klaus Töpfer. 87 Wenn postmoderne Lebensqualität nur von „heuristischen Prinzipien“ geleitet werden, steht die nächste Katastrophe vor der Tür. 88 In diesem Kontext erscheint es geradezu zynisch, wenn Clermont und Goebel das Verhältnis des Lebensästheten zur Moral kühl charakterisieren: „Wenn, wie beschrieben, Ästhetik Moral abgelöst hat und Moral nichts anderes als Verpflichtung ist, fühlt sich der Lebensästhet nur seinem persönlichen Wertegebäude und nicht gesamtgesellschaftlichen Vorstellungen gegenüber verpflichtet.“ 89
Konklusion:
„Soloalbum“ wartet mit einem kruden „Geschmacksterror“ auf, den man zunächst nicht so recht verstehen mag. Ein Autorenpaar dreht solange an einer kollektiven Orientierungslosigkeit herum, bis daraus eine Tugend wird. Der nächste schreibt ein Buch, nennt es „Generation Golf“ und fabuliert von der Wichtigkeit der korrekten Kleidung. Die Postmoderne wird ausgeschlachtet, um die notorische Selbstreferenz einer ganzen Generation zu entschuldigen. Wieder ein anderer sagt, dass heutige Sinnzusammenhänge derart komplex geworden sind, dass wir sie ohnehin nicht mehr begreifen und predigt völlig unmotiviert eine „Dennoch-Zuversicht“, die eine gefährliche Fortschrittsgläubigkeit beinhaltet.
Ja, wo sind wir denn da eigentlich?
Einfache Antwort: in einer längst vergangenen Zeit. Denn wo sogar so „alte“ Herren wie Karl-Otto Apel, Zygmunt Baumann und Vittorio Hösle die Postmoderne bereits meilenweit überholt haben, bleibt von der avantgardistischen Ambition der „jungen“ Generation Golf nichts mehr übrig: sie entpuppt sich als populistische Nachwelle einer längst zu Grabe getragenen Epoche.
87 in seiner Funktion als Exekutivdirektor des Uno-Umweltprogramms Unep, in einem Gespräch mit dem Spiegel, Heft 46/2000
88 vgl. Baumann, S.131
89 Orientierungslosigkeit, S.85
19
Literaturverzeichnis:
ZYGMUNT BAUMANN: Flaneure, Spieler und Touristen. Essays zu postmodernen Lebensformen, Hamburg 1997.
CHRISTOPH CLERMONT U. JOHANNES GOEBEL: Die Tugend der Orientierungslosigkeit, Reinbek 1999. (Erstauflage Berlin 1997)
VITTORIO HÖSLE: Die Krise der Gegenwart und die Verantwortung der Philosophie, München 1994. (Zweite, um ein Nachwort erweiterte Auflage)
FLORIAN ILLIES: Generation Golf, Berlin 7 2000. (Erstauflage Berlin 2000)
RALPH KÖHNEN: Selbstbeschreibungen jugendkultureller Selbstästhetik. In: Deutschunterricht 5, 1999. 90
ODO MARQUARD: Zeitalter der Weltfremdheit? Beitrag zur Analyse der Weltfremdheit. In: ders.: Apologie des Zufälligen. Philosophische Studien, Stuttgart 1996, S. 76-97.
MIRIAM SCHULTE: Pop-Literatur und kultureller Wandel. Literarische Aneignungsweisen von Pop in deutschen Romanen der 90er Jahre. In: Deutschunterricht 5, 1999. 91
90 Da ich die Seitenzahlen des Aufsatzes in der Zeitschrift „Deutschunterricht“ hier nicht auftreiben kann, zitiere ich in Bezug auf die erste Seite des Aufsatzes. Bsp.: „Seite 1 des Aufsatzes“
20
BENJAMIN VON STUCKRAD-BARRE: Soloalbum, Köln 10 1999. (Erstauflage Köln 1998)
HUBERT WINKELS: Grenzgänger. Neue deutsche Pop-Literatur. In: Sinn und Form 51, 1999, S.581-610.
91 siehe Anmerkung 90
Arbeit zitieren:
Björn Kern, 2001, Postmoderne Bastelexistenzen im Zeichen von Pop: Benjamin von Stuckrad-Barres "Soloalbum" und die "Generation Golf", München, GRIN Verlag GmbH
Dieser Text kann über folgende URL aufgerufen und zitiert werden:
Einbetten
DOI
Die kritisch-konstruktive Didaktik als Bildungstheorie
Pädagogik - Wissenschaft, Theorie, Anthropologie
Hausarbeit, 20 Seiten
Popliteratur - nur ein Etikett? Untersuchungen am Beispiel von Benjami...
Germanistik - Neuere Deutsche Literatur
Seminararbeit, 21 Seiten
Ein Vergleich der Deklinationen der Substantive im Althochdeutschen un...
Deutsch - Grammatik, Stil, Arbeitstechnik
Hausarbeit (Hauptseminar), 21 Seiten
Klassische und neue Cleavages ...
Hausarbeit (Hauptseminar), 22 Seiten
Interkulturalität und interkulturelle Kommunikation als Aufgabe
Romanistik - Allgemeines u. Fächerübergreifendes
Seminararbeit, 22 Seiten
Nonverbale Kommunikation in Politik und Wirtschaft unter besonderer Be...
Hausarbeit, 28 Seiten
Bundestagswahlen 1990: Vereinigung, Parteiorientierung und Rolle der M...
Soziologie - Politische Soziologie, Majoritäten, Minoritäten
Hausarbeit (Hauptseminar), 36 Seiten
Identifikationsmechanismen der Erzählerfigur in Christian Krachts &quo...
Germanistik - Neuere Deutsche Literatur
Hausarbeit (Hauptseminar), 27 Seiten
Wahlkampfforschung: Wahlkämpfe im Vergleich - Am Beispiel des Bundesta...
Politik - Politische Systeme - Allgemeines und Vergleiche
Seminararbeit, 29 Seiten
Bundestagswahl 1998 - Bestimmungsfaktoren des Machtwechsels
Politik - Politische Systeme - Politisches System Deutschlands
Seminararbeit, 21 Seiten
Pop-Romane als Adoleszenzliteratur: "Relax" als Beispiel für...
Germanistik - Neuere Deutsche Literatur
Seminararbeit, 18 Seiten
Vergleich zwischen dem Roman 'Crazy' von Benjamin Lebert und d...
Germanistik - Neuere Deutsche Literatur
Seminararbeit, 15 Seiten
Marketing und PR: Ist Politik eine 'Ware'?
Hausarbeit (Hauptseminar), 32 Seiten
Björn Kern hat den Text Postmoderne Bastelexistenzen im Zeichen von Pop: Benjamin von Stuckrad-Barres "Soloalbum" und die "Generation Golf" veröffentlicht
Björn Kern hat einen neuen Text hochgeladen
So wird's gemacht. VW Golf IV Diesel 68-150 PS ab 9/97 bis 9/03, Bora ...
Pflegen - warten - reparieren
So wird's gemacht. VW Golf Diesel. VW Vento Diesel. 64/110 PS
Pflegen - warten - reparieren....
VW Golf: Five Generations of Fun: The Full Story of the Volkswagen Gol...
Richard Copping, Ken Cservenka
0 Kommentare