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Zum Aufbau der Arbeit: nach einigen allgemeinen Überlegungen zum Begriff „Sozialtopographie“ soll in einem kurzen Abriss die Methode in der Forschung präsentiert werden. 5 Um einen Überblick über die Örtlichkeiten der Lübecker Altstadt zu bekommen, folgt dann ein Kapitel über die Topographie des Lübecker Stadthügels. Erst dann wird die Sozialtopographie Lübecks im einzelnen untersucht werden können. Dabei wird zu Anfang eines jeden Unterkapitels eine „Kurzcharakteristik“ der einzelnen sozialen Gruppen stehen, so dass diese Arbeit gleichzeitig einen Überblick über die gesellschaftlichen Gruppen des mittelalterlichen Lübeck bietet, was beim Thema „Sozialtopographie“ natürlich unumgänglich ist. Nicht gesondert untersucht werden hingegen der Klerus, die Ministerialen und die jüdischen Bewohner der Stadt.
I: Der Begriff „Sozialtopographie“
„Die sozialtopographische Forschung unternimmt den Versuch, Wechselbeziehungen zwischen gesellschaftlichen Verhältnissen und der Gesellschaftsordnung auf der einen und dem Stadtgrundriss auf der anderen Seite zu erhellen.“ 6 Einfacher gesagt: Die Sozialtopographie untersucht, wo in einer Stadt sich welche Bevölkerungsgruppen niederließen. Wie in vielen Fällen auch heute noch, hatten bereits in der Stadt des Mittelalters die verschiedenen Wohnviertel unterschiedlich hohes Prestige. Mit dem Bewohnen eines bestimmten Viertels korrespondierte damals noch stärker als heute gleichzeitig ein sozialer Rang. Denn im 14. Jahrhundert bestand eine weitgehend geschlossene, normative Gesellschaftsordnung, die eben jene fast lineare Zuordnung von „sozialem Status“ und „Wohngebiet“ bedingte 7 . So war es undenkbar, dass ein einfacher Handwerker wie ein Schuster seine Werkstatt im Wohngebiet etwa der Ratsfamilien innehatte. 8 Als grobe Faustregel kann man feststellen, dass mit wachsender Entfernung von zentralen Orten der Stadt 9 das Prestige der ansässigen Bevölkerung sank. Der Marktplatz lag in der Regel am
5 Diese Methode wird dabei nur zu präsentieren und dann in den folgenden Kapiteln in ihren
Ergebnissen wiederzugeben sein: die Methode auch eigenständig anzuwenden, würde den Rahmen
dieser Arbeit bei weitem sprengen.
6 E.Isenmann: Die deutsche Stadt im Spätmittelalter. 1250-1500. Stadtgestalt, Recht, Stadtregiment,
Kirche, Gesellschaft, Wirtschaft (1988), S.63.
7 Natürlich gab es auch hier Ausnahmen. Bei bestimmten Berufen, wie beispielsweise den Garbratern,
lag eine Verteilung über das gesamte Stadtgebiet in der Natur der Sache: Imbissbuden stehen auch
heute noch an jeder Straßenecke.
8 wobei im Mittelalter Wohn- und Arbeitsstätte noch weitgehend zusammenfielen
9 wie etwa dem Marktplatz, dem Hafen oder dem Dom
3
Schnittpunkt der Fernstraßen, die durch die Stadt führten. 10 Zusammen mit Rathaus und Dom war er wirtschaftlicher, politischer und auch kultischer Mittelpunkt der mittelalterlichen Stadt. So ist zu verstehen, dass sich hier im allgemeinen die kaufmännische Oberschicht ansiedelte. Dem Marktplatz „folgen die Hauptverbindungsstraßen vom Markt zu den Toren, häufig mit wachsender Entfernung vom Markt in der Bewertung abnehmend. Dabei ist auch eine Abstufung nach der Verkehrsbedeutung der Tore zu beobachten. Die nächste Rangstufe nehmen die Eckgrundstücke und -gebäude ein, in sich abgestuft nach Kreuzungen von Haupt-und Nebenstraßen. Weiterhin folgen die Standorte an Querstraßen, an völlig abseitigen Straßen, sowie unmittelbar entlang der Stadtmauer.“ 11 Diesen Überlegungen liegt die absolutistische Stadtplanung zugrunde, wonach der Ort höchster sozialer und politischer Rangstufe im Zentrum liegt. Damit konkurriert eine frühe, stadtherrlich geprägte Topographie, die anders aussah: Der Stadtherr hatte seinen Sitz regelmäßig in geographischer Randlage. Erst bis zum 14. Jahrhundert wurde diese periphere Lage aufgegeben und der zentrale Markt bevorzugt. 12 „Die Lage eines Hauses ist also ein wertbestimmendes Kriterium. In einer bestimmten Gegend zu wohnen, ist dadurch sichtbarer Ausdruck sozialen Ansehens; dorthin umzuziehen, Ausdruck sozialen Aufstiegs. Die Vererbung eines dort gelegenen Eigens heißt dann Zugehörigkeit zu dieser Schicht, der Verlust - ohne weiteres gleichwertiges Eigen - im ersten Fall sozialen Abstieg, im zweiten Überschätzung der eigenen wirtschaftlichen Möglichkeiten; er wird also zum Indiz für das Scheitern des gewaltsamen Sprungs „nach oben“. 13 Von Größe und Häufung des Grundeigentums kann man auf die Wohlhabenheit des Besitzers schließen. Der umgekehrte Schluss ist jedoch nicht immer zulässig. Das zeigt das Beispiel
10 In Lübeck etwa lag der Markt direkt an der Haupt-Nord-Süd-Achse, der Breiten Straße und in
unmittelbarer Nähe zu wichtigen Ost-West-Verbindungen, wie Mengstraße/ Johannisstraße und
Holstenstraße/ Kohlmarkt (siehe Stadtplan S.17).
11 D.Denecke: Sozialtopographische und sozialräumliche Gliederung der spätmittelalterlichen Stadt.
Problemstellungen, Methoden und Betrachtungsweisen der historischen Wirtschafts- und
Sozialgeographie. In: J.Fleckenstein u. K.Stackmann (Hgg.): Über Bürger, Stadt und städtische
Literatur im Spätmittelalter (1980), S.169.
12 Dies lag sicherlich daran, dass sich Adlige mehr und mehr an den neuen wirtschaftlichen Zentren der
Kaufleute ausrichten mussten (vgl. auch Isenmann 1988, S.64).
13 R.Hammel: Sozial- und wirtschaftsgeschichtliche Untersuchungen zum Grundeigentum in Lübeck
im 14. Jahrhundert. In: Lübecker Schriften zu Archäologie und Kulturgeschichte 4 (1980), S.31-66,
Zitat auf S.44.
4
Hildebrand Veckinchusen, der nur ein Haus besaß, aber als erfolgreicher und bedeutender Kaufmann eingeschätzt werden muss. 14
II: Zur Methode und den Quellen
Diese Hausarbeit gibt, wie erwähnt, im wesentlichen Ergebnisse von Rolf Hammel wieder, der erstmals auch die horizontale Struktur der Lübecker Bevölkerung im Mittelalter untersuchte. In einem Abriss sollen Hammels Vorgehen knapp geschildert und die verschiedenen Vorgehensweisen hinterleuchtet werden. Hammel beginnt sein zusammenfassendes Kapitel „Die Berufstopographie im 14. Jahrhundert“ 15 lapidar: „Wie die Verteilung der Grundstücke an die zuziehenden Siedler, sei es zu Eigentum oder zur Leihe, aber auch die Verteilung der Häuser an Mieter im einzelnen verfolgte, wissen wir nicht.“ 16 Im folgenden erläutert er jedoch, wie zum Beispiel über die Neubürgerlisten des 13. und 14. Jahrhunderts dennoch erschlossen werden könne, wie Niederlassung und Platzwahl abgelaufen sein könnten: Der Wunsch von Neubürgern, sich bei bereits ansässigen Lübeckern niederzulassen, die aus dem gleichen Herkunftsort stammten, spielt dabei eine große Rolle. „Verwandtschaft, gemeinsame Herkunft und - für die Frühzeit nicht zu belegen, aber mir Sicherheit anzunehmen - gleicher sozialer Stand, auch häufig gleicher Beruf, waren die bestimmenden Beziehungen zwischen Neubürgern und Bürgern.“ 17 Daneben spielte der Wunsch nach räumlicher Nähe zu den städtischen Ämtern (für Handwerker) oder zu Gilden und Fahrgenossenschaften (für Kaufleute) eine große Rolle. Wenn soziale und wirtschaftliche Faktoren interagierten, also an einem Ort Bewohner aus dem gleichen Herkunftsort den gleichen Beruf ausübten, weil die „Standortbedingungen“ besonders günstig waren, konnten regelrechte
Ballungsgebiete entstehen (wie zum Beispiel bei der Metall- und Fellverarbeitung). Wenn hingegen wirtschaftliche Gesichtspunkte bei der Standortwahl über den Wunsch nach Nähe zu den Mitgenossen dominierten, ergab sich eine Streuung über die ganze Stadt. 18
14 vgl. a.a.O., S.43
15 R.Hammel: Räumliche Entwicklung und Berufstopographie Lübecks bis zum Ende des 14.
Jahrhunderts. In: A. Graßmann (Hg.): Lübeckische Geschichte (1988), S.50-76, das Kapitel „Die
Berufstopographie im 14. Jahrhundert“ umfasst die S.63-76.
16 a.a.O., S.63, Kursivierung von mir
17 a.a.O., S.64
18 etwa bei den Garbratern, den mittelalterlichen Imbissbudenbesitzern (vgl. Anmerkung7)
5
„Die (topographischen 19 ) Untersuchungen stützen sich (dabei 20 ) auf die Auswertung archäologischer und historischer Quellen. Sie versuchen, durch die Verknüpfung archäologischer Funde mit den Ergebnissen historischer Quellenanalyse Aussagen über die Sozial- (...) struktur Lübecks zu machen. Die archäologischen Funde lassen sich in folgende Bereiche untergliedern: „Tägliches Leben“ (Haushalt), „Handwerk“ (Berufs- und Arbeitswelt) und „Import“ (Handel, Außen-, Wirtschaftsbeziehungen der Stadt).“ 21 An diesen Funden lassen sich dann Wohnkultur und Lebensgewohnheit der Bevölkerungsgruppen aufzeigen, welche diese Funde hinterlassen haben. Verlagern sich Fundmaterialien, die einer bestimmten Sozialgruppe zuzuordnen sind, so kann gegebenenfalls auch auf Verlagerungen der Sozialtopographie, beziehungsweise auf den Siedlungsvorgang, geschlossen werden.
Neben diesen archäologischen Quellen sind die Schröderschen Topographischen Regesten 22 die wichtigste historische Textquelle. Die Schröderschen Regesten wurden aus den Eintragungen der sogenannten Oberstadtbücher 23 von 1284 - 1600 gewonnen. Darin verzeichnet sind in chronologischer Reihenfolge: „Veränderungen der Eigentumsverhältnisse durch Verkauf, Mitgift, Erbgang, Zwangsauflassung, Belastungen, mit Angabe der beteiligten Personen, des Objektivs und seiner Lage.“ 24 Die Mehrzahl der Grundeigentümer wird in den Oberstadtbüchern nur mit Namen genannt. „Die Berufszugehörigkeit lässt sich einwandfrei (aber 25 ) nur dann bestimmen, wenn neben Vor- und Zunamen noch die Berufsbezeichnung genannt wird.“ 26 So war Johann Paternostermaker erwiesenermaßen Bernsteindreher, wie es sein Name vorgibt, sein Sohn Hinrich Paternostermaker aber nicht. Auch sind nicht alle Rechtsakte in den Oberstadtbüchern eingetragen, da beispielsweise Grundstücksübertragungen im Erbgang nicht grundsätzlicher Eintragung bedurften.
19 Anmerkung von mir
20 Anmerkung von mir
21 Hammel 1980, S.44. Zur Archäologie: G.P.Fehring: Zur archäologischen Erforschung
topographischer, wirtschaftlicher und sozialer Strukturen der Hansestadt Lübeck. In: Ber. Zur dt.
Landeskunde 54, 1980, S.133-163.
22 H.Schröder: Topographische Regesten der Oberstadtbücher 1284-1600, nicht ediert im Archiv der
Hansestadt Lübeck.
23 benannt nach ihrem Aufbewahrungsort im oberen Geschoss des Rathauses; im Gegensatz zu den
Niederstadtbüchern, die Schuldverhältnisse festhielten und in den unteren Geschossen des Rathauses
aufbewahrt wurden
24 A.Graßmann: Quellenwert und Aussagemöglichkeiten von Lübecker Archivalien zu den Fragen von
Haus- und Grundbesitz und Hausbewohnern auf dem Hintergrund der Wirtschafts- und Sozialstruktur.
In: Lübecker Schriften zur Archäologie und Kulturgeschichte 4 (1980), S.27-30, Zitat auf S.27.
25 Anmerkung von mir
26 Hammel 1980, S.36
6
Nicht immer zu klären ist weiterhin, ob der Hauseigentümer das Haus auch selber bewohnte. Die Regesten müssen nun für die Untersuchung Eintrag für Eintrag durchgegangen werden, da „personengeschichtliche Einzeluntersuchungen zu den Hauseigentümern“ die Grundlage für Hammels sozialtopographische Methode bilden. 27
Das älteste Oberstadtbuch (ab 1227) ist seit dem 18. Jahrhundert verschollen und nur in wenigen Auszügen 1884 durch Jacob v. Melle publiziert worden. Bis zum Zweiten Weltkrieg waren die Stadtbücher in fortlaufender Reihe bis ins 19. Jahrhundert vorhanden. Kriegsbedingte Auslagerungen und eine “Odyssee der Lübecker Archivalien durch die UdSSR“ 28 brachten jedoch Lücken in die Jahrgänge. Die von Hermann Schröder vor 150 Jahren angelegten Regesten, in denen die 33 Oberstadtbücher bis 1600 durchgearbeitet sind, gelten jedoch als zuverlässiger Ersatz. 29
III: Die Topographie Lübecks
1) Die topographische Dreiteilung
Um die folgende Untersuchung in ihren Bezügen zu den Lokalitäten besser nachvollziehen zu können, soll zunächst ein nur grober Überblick über die mittelalterliche Topographie Lübecks gegeben werden. 30 Bereits im Verlauf des 13. Jahrhunderts war der ganze Lübecker Stadtwerder besiedelt. Lübeck war nach Köln (mit etwa 40.000 Einwohnern) bis ins Reformationszeitalter die größte Stadt im Norden. „Es zählte um 1300 rund 15.000 Bewohner, und diese Zahl stieg dann auf 18.000 im Verlauf des 14. Jahrhunderts und bis ins 15. Jahrhundert auf ungefähr 25.000 Bewohner (d.h. Bürger und Einwohner 31 ) an.“ 32 Üblicherweise wird das mittelalterliche Lübeck topographisch dreigeteilt. Man unterscheidet: „1. Fürstenresidenz innerhalb des Burgwalles als Zentrum militärisch gesicherter Herrschaft und Administration sowie christlicher Mission, 2.
27 Hammel 1987, S.268
28 Graßmann 1980, S.27
29 Rolf Hammel verglich zur Bestimmung der Glaubwürdigkeit der Schröderschen Topographischen
Regesten 250 Eintragungen mit dem als Fotoband noch erhaltenen ersten Oberstadtbuch und fand nur
bei einem Eintrag eine marginal abweichende Formulierung (vgl. Hammel 1987, S. 109).
30 Vgl. zu allen Angaben auch den Stadtplan auf Seite 17.
31 Zu „Bürger“ und „Einwohner“ siehe Anmerkung 68.
32 E. Hoffmann: Lübeck im Hoch- und Spätmittelalter: Die große Zeit Lübecks. In: A. Großmann
(Hg.): Lübeckische Geschichte (1988), S. 79-340. Zitat auf S. 306. Vgl. auch Brandt 1979, S. 132 f.
mit Anm. 15; dort auch die weitere Literatur.
7
Handwerkersiedlung im Suburbium 33 , 3. Hafen für den Warenumschlag mit Ansiedlung von Fernhandelskaufleuten auf dem jenseitigen Traveufer...“ 34 Die Vorstellung eines rein kaufmännisch geprägten Hafengebietes gilt heute jedoch als überholt. 35
Der zentralste Teil der Stadt befand sich mit ziemlicher Sicherheit im Bereich zwischen dem Querstraßenzug vor der Trave und dem Johanniskloster. 36 Hier resultieren „Größe und Form der Grundstücke, die zu Beginn des 14. Jahrhunderts fassbar werden, ... aus der mehrfachen Teilung ehemals größerer Grundstücke, die durch das Anwachsen der Einwohnerzahl hervorgerufen wurde. ... Zu Beginn des 14. Jahrhunderts (hatten hier 37 ) bereits 4/5 der Grundstücke ihre gegenwärtige Größe erreicht. Dies ist ein deutlicher Hinweis auf die Zentralität dieses Abschnittes der civitas. Auch die hier angetroffene geringe Breite der Straßen belegt das hohe Alter dieses Siedlungsteils, wobei die innere Differenzierung für ein höheres Alter der westlich des Marktes gelegenen Straßen spricht.“ 38 Im folgenden werden die beiden wohl wichtigsten Örtlichkeiten genauer lokalisiert.
2) Zur Lage des Hafens
Erich Hoffmann lokalisiert den Hafen folgendermaßen: „Seit der Wende zum 13. Jahrhundert wurde ... das sumpfige westliche Traveufer nördlich und südlich der Holstenstraße durch Aufschüttungen ... landfest gemacht, ... und damit auch das Hafengebiet erweitert. In Zusammenhang mit dieser Entwicklung wird der Handelshafen nun den gesamten Bereich des städtischen Traveufers eingenommen haben, denn der Nachweis, dass die großen Kornspeicher seit dem 13. Jahrhundert vor allem auf dem erschlossenen sumpfigen Ufer lagen, führt zu dem Schluss, dass Speicherhäuser bereits für die vor der Konjunktur für Massengüter über Lübeck gehandelten Waren die günstigen Lageplätze nahe dem Uferbereich zwischen Braun-und Mengstraße einnahmen.“ 39
33 also im östlichen Teil der Stadt
34 G.P.Fehring u. R.Hammel: Die Topographie der Stadt Lübeck bis zum 14. Jahrhundert. In: Stadt im
Wandel, Kunst und Kultur des Bürgertums in Norddeutschland. 1150-1650, hg. V. C.Meckseper, Bd.3
(1985), S.167-187. Zitat auf S.167 f.
35 zur Problematik der Einteilung in „Kaufleuteviertel“ und „Handwerkerviertel“ später mehr
36 im Norden von der Linie Mengstraße-Johannisstraße, im Süden von der Linie Holstenstraße-
Wahmstraße begrenzt
37 Anmerkung von mir
38 a.a.O., S.172
39 Hoffmann 1988, S.321
8
3) Zur Lage des Marktes
Neben diversen über die Stadt verstreuten Pferde-, Salz- und Kohlmärkten gab es auch den zentralen Marktplatz. Der befand sich südlich der St.Marien-Kirche und verlief westlich entlang der Breiten Straße, der „Hauptstraße“ Lübecks. Spätestens Ende des 13. Jahrhunderts war dieser zentralgelegene Markt völlig überfüllt. So wich man auf benachbarte Straßen aus. Auch Schüsselbuden (im Westen), Mengstraße (im Norden) und Kohlmarkt (im Süden) gehörten nun zum Marktbereich. „Eine weitere Verlängerung des Rathauses nach Norden zog die neuerliche Verlegung von Marktständen um 1340/50 nach sich: Die Verkaufsstände der Bäcker wurden an die obere Mengstraße verlegt, und zugleich sind auch an dem Schüsselbuden Verkaufsstände nachweisbar. Spätestens in der zweiten Hälfte des 13. Jahrhunderts siedelten verschiedene Gewerbe von den Verkaufsständen auf dem Markt in Erdgeschossläden angrenzender Straßen über. Aus dem Markt war ein differenziertes Marktviertel geworden.“ 40
IV: Die einzelnen Bevölkerungsgruppen 41
1) „Oberschicht“
Das gesamte Mittelalter über kam es zu keiner Abschließung der Lübecker Oberschicht zu einem Patriziat. Es gab in Lübeck also keine bestimmte Gruppe, die kraft ihrer Familienzugehörigkeit die Herrschaft ausgeübt hätte. Vielmehr bekamen auch Aufsteiger- und Neubürgerfamilien dank ihrer wirtschaftlichen Bedeutung die Möglichkeit zu politischer Mitwirkung. Im 14. Jahrhundert bildete sich dann aber ein Kreis von Familien heraus, „die seit vielen Jahren aus ihrer kaufmännischen Tätigkeit Reichtum und dazu auch Einfluss in der Stadt besaßen, der sich nicht zuletzt darin äußerte, dass diese Familien über viele Jahrzehnte hin Ratsmänner und Bürgermeister der städtischen Gemeinwesen gestellt hatten.“ 42 Diese Familien nahmen durchaus auch einen ritterlich-adligen Lebensstil an. So wurde 1379 die sogenannte „Zirkelgesellschaft“ gegründet, deren Mitglieder immer wieder einen großen Anteil an Ratsmännern und Bürgermeistern stellte. Auf Basis der Lechnerschen
40 Fehring u. Hammel 1985, S.175. Vgl. auch: F. Rörig: Der Markt von Lübeck. Topographisch-
statistische Untersuchungen zur deutschen Sozial- und Wirtschaftsgeschichte. In: ders.:
Wirtschaftskräfte im Mittelalter, hgg. v. Paul Koegbein ( 2 1971), S.36-133.
41 Das folgende nach Hammel 1988, insbesondere S.66-72
42 Hoffmann 1988, S.311
9
Pfundzolllisten 43 schließt Ahasver v. Brandt auf 700-800 aktive Lübecker Kaufleute dieser Art. Um 50-100 weitere Standespersonen ergänzt, fasst er diese zu einer „Sozialgruppe I“ zusammen. 44 Dem Handelsinteresse dieser wirtschaftlich, aber auch stadtpolitisch führenden Kaufleute waren Handwerk und Gewerbe untergeordnet. Dem Lübecker Handwerk kam also eher die Rolle eines Hilfsgewerbes für den Handel zu. Aus diesen Gründen ergänzt Heinrich Reincke die Jechtschen Kategorien (von Ackerbürgerstadt, allseitig entwickelter Mittelstadt und Exportgewerbestadt 45 ) um den „Stadttypus“ der „Fernhandelsstadt ... idealer Reinheit“ 46 , mit dem man es im Falle Lübecks zu tun habe.
Derart wirtschaftlich, aber eben auch politisch privilegiert, konnten die „Großkaufleute“, die von Novgorod bis Brügge über den gesamten Hansischen Raum ihren Handel trieben, sich ihre Wohnplätze gewissermaßen frei aussuchen. Die Wahl der obersten Schicht der Fernhändler fiel dabei auf die Grundstücke westlich und östlich des Marktes, in Schüsselbuden und Breiter Straße 47 , also mitten im oben als äußerst zentral ausgewiesenen Bereich Lübecks. In der zweiten Hälfte des 14. Jahrhunderts zogen die Ratsfamilien aus dieser Zentrumslage (eventuell wegen der lauten Markttätigkeit) wieder weg und ließen sich vorwiegend im vom Markt weiter entfernten Teil der Breiten Straße, in der Königsstraße und in der oberen Mengestraße nieder. Dies spiegelt sich auch in archäologischen Funden wieder. So wurde „hochwertige glasierte Keramik aus dem Anfang des 13. Jahrhunderts bisher nur aus Gebieten südlich und westlich des Marktplatzes geborgen. Dies korrespondiert in eigentümlicher Weise mit der Verlagerung der Ratsherrenwohnungen von Gebieten südlich und westlich des Marktplatzes nach Norden.“ 48 Weitere favorisierte Zentren waren der Koberg und das Gebiet südwestlich der Ägidienkirche. Dieser letztgenannte Teil war zwar vom Stadtmittelpunkt relativ weit entfernt, konnte aber seinen ehemals durch die bischöflichen Ministerialen geprägten Status bewahren. Neu
43 G.Lechner: Die hansischen Pfundzolllisten d. Jahres 1369 (1935), S.46.
44 Brandt 1979, S.134. Rolf Hammel kritisiert jedoch, dass es sich bei der Brandtschen Einteilung in
Sozialgruppen um „in die Vergangenheit projizierte Gliederungsschemata des 19./20. Jahrhunderts“
handele: „Kein Bürger aus dem mittelalterlichen Lübeck hätte sich je in eine dieser Kategorien ...
eingereiht. Für ihn waren andere Schichtungs- und Abhängigkeitskriterien maßgebend.“ (Hammel
1980, S.43). Hammel denkt vor allem an die Familie als ordnungsstiftende Einheit, oder aber auch an
die Herkunftsgemeinschaft bei Neubürgern. Ein Beispiel, dass kein dezidiertes Schichtenbewusstsein
existiert habe, sei der Knochenhaueraufstand, den der Kaufmann Paternostermaker anführte.
45 H.Jecht: Studien zur gesellschaftlichen Struktur der mittelalterlichen Städte. In: C.Haase (Hg.): Die
Stadt des Mittelalters, Bd.3 (1973), S.217-255. (erstmals erschienen 1926)
46 H.Reincke: Bevölkerungsprobleme der Handelsstädte, HansGbll 70 (1951), S.26.
47 zu den folgenden Straßenangaben vgl. auch den Stadtplan S.17
48 Hammel 1980, S.44 f.
10
zuziehende Kaufleute ließen sich mit Vorliebe am Fernhandelshafen an der Trave nieder. Schließlich bildete der das Wirtschaftszentrum Lübecks. „Daher wurde der Grund und Boden in Hafennähe im Laufe der Jahre am kleinteiligsten parzelliert, so weit, bis ein Grundstück nur noch die Breite des Hauses maß, das auf ihm errichtet war.“ 49 Durch die verstärkte Nachfrage von Kaufleuten nach Wohnraum im Gebiet des Fernhandelshafens wurden gleichzeitig die ökonomisch schwächeren Handwerker, die bislang dort gewohnt hatten, verdrängt.
1x) Exkurs: Die Ritterstraße
Da es wenig Sinn macht, die von Hammel untersuchten Straßen in ihrer Besiedelungsstruktur im einzelnen wiederzugeben, soll im folgenden am Beispiel der ehemaligen Ritterstraße 50 gezeigt werden, wie sich auch ohne die Auswertung der Schröderschen Topographischen Regesten im gewissen Umfang Aussagen zur Sozialtopographie treffen lassen. Die Ritterstraße stellt die räumliche Verbindung des Dombezirks im Süden zur Pfarrkirche St.Aegidien und weiter bis zum Johanniskloster im Osten dar. Um die Besiedlungsgeschichte der Straße zu verstehen, muss kurz an die soeben erwähnten Zersiedelungsvorgänge im Bereich des Handelszentrums, also zwischen Markt und Hafen, angeknüpft werden. Die hier sehr kleinzellige Struktur, wie sie auch im „Handwerkerviertel“ der östlichen Altstadt anzufinden ist, war also nicht von vornherein so beschaffen; die zunächst großem area wurden vielmehr in den meisten Stadtteilen wegen der anwachsenden Bevölkerung oder wegen der Handelsgeschäfte der Kaufleute, die ihr Grundstückseigentum und Hausbesitz als Kreditsicherheit oder Geldanlage benutzen, aufgeteilt. „Die Tatsache, dass entlang der Ritterstraße dieser Prozess nur mit großer Verzögerung stattfand, kann als erster Hinweis darauf dienen, dass sie dortigen Eigentümer einer andern Bevölkerungsgruppe angehörten, deren wirtschaftliche Grundlage nicht oder nicht ausschließlich auf dem Güterhandel beruhte.“ 51 Entlang der Schildstraße, einer Querstraße, und der Ritterstraße selbst, bestanden größere Einheiten, unter denen auch die heutige St. Annen Straße 4, die Martin Möhle
49 Hammel 1988, S.64
50 heute: St.Annen-Straße
51 M.Möhle: Die ehemalige Ritterstraße in Lübeck. Wohnsitze der städtischen Führungsgruppe vom
14. bis zum 18 Jahrhundert. In: Der Adel in der Stadt des Mittelalters und der frühen Neuzeit.
(Beiträge zum VII. Symposion des Wasserrenaissance-Museums Schloss Brake vom 9. bis zum 11.
Oktober 1995, Bd.7 = Materialien zur Kunst- und Kulturgeschichte 25) (1996), S.225-242. Zitat auf
S.226.
11
genauer untersucht hat. 52 Ein Teil der Häuser in der ehemaligen Ritterstraße entspricht in ihrer Grundstücks- und Bebauungsstruktur einem Typus, „der von der sozialen und politischen Führungsgruppe geprägt wurde.“ 53 Vorgefundene oder rekonstruierte Raumausstattung, Malereien und Stukkateursarbeiten der heutigen St.Annen-Straße 4 bekräftigen diese Überlegung. „Die curiae der Ritterstraße heben sich ... durch ihre Größe und ihr Bebauungsgefüge von der „normalen“ Grundstücks-und Bebauungsstruktur Lübecks ab und waren häufig im Eigentum (und auch Wohnsitz) von Angehörigen der städtischen Führungsgruppe, deren Herkunft aus niederadligen, altfreien, oder ministerialen Geschlechtern z.T. nachgewiesen, in vielen Fällen wahrscheinlich ist und deren Nachfahren im 17. Jahrhundert ein jahrhundertealter Adel bestätigt wurde.“ 54
2) „Mittelschicht“
Zwischen Kaufmannstand und Handwerkern gliedert sich eine „gehobene“ Gruppe nicht zünftiger Gewerbe an, zu der Krämer, Schiffer und Brauer zählen. Schiffer und Brauer standen dem Handwerkstand dabei so nahe, dass Überschneidungen vorkamen. Diese Bevölkerungsschicht entspricht Ahasver v. Brandts „Sozialgruppe II“, dem „gehobenen gewerblichen Mittelstand“, zu dem er 400 Bürger und Hauhaltsvorstände rechnet. 55 Das Wohngebiet dieser Gruppe von „Kleinkaufleuten“ 56 überschneidet sich zum Teil mit den Hafenstegstraßen der „Großkaufleute“ und verlängert sich gen Süden bis in die Holstenstraße. Allerdings muss man sich wie erwähnt gegen eingefahrene Vorstellungen vom „Kaufleuteviertel“ wehren: „So hatten im 14. Jahrhundert, bei der relativ geringen Anzahl von Berufsangaben von nur 10% (in den Schröderschen Regesten 57 ), in der Braunstraße, im Zentrum des sogenannten „Kaufleuteviertels“, ein Beutelmacher, ein Riemenschneider, ein Spiegelhersteller, ein Schneider, ein Gürtelmacher sowie einige Bernsteindreher
52 Weitere großflächige Areale befanden sich im Bereich kirchlicher und städtischer Institutionen
(Dombezirk, Johanniskloster, Hl.Geist-Hospital) und auch im Bereich zwischen Königstraße und
Langem Lohberg. Sie sind auf dem Stadtplan S.17 gut zu erkennen.
53 a.a.O., S.237
54 a.a.O., S.228
55 vgl. Brandt 1979, S.135 f.
56 Vor allem gemeint sind Kaufleute, die in zweiter Reihe hinter den unter IV.1 beschriebenen
Großkaufleuten standen und den „nacien“, den Fahrgemeinschaften der Schonen-, Bergen- und
Stockholmfahrer, angehörten.
57 Anmerkung von mir
12
Hauseigentum.“ 58 Das für die Kaufleute insgesamt (also inklusive der „Sozialgruppe I“) skizzierte Gebiet umfasst zusammengenommen nur wenige Straßenzüge. Sicherlich bewohnten die Kaufleute aber noch andere Gebiete: Hammel vermutet, dass sie beispielsweise auch nördlich der genannten Bereiche, in Beckergrube, Fischergrube und Engelgrube, ansässig waren. 59 Wie auch bei den Häusern der unter IV.1. genannten Gruppe war im hier genannten Wohngebiet eine Unterkellerung der Häuser möglich. Dies war unumgänglich, um die gehandelten Waren zwischen zu lagern.
Die Schiffer, also die Kapitäne der Hochseeschiffe, folgen gleich nach den Kaufleuten, was ihren Sozialstatus angeht. Sie bewohnten vorwiegend den nordwestlichen Teil der Stadt zwischen Fischergrube und der Kleinen Altefähre. Die im Sozialgefüge tiefer stehenden Binnenschiffer wohnten vor allem auf dem Grundeigentum des Domkapitals im Südwesten der Altstadt. Die Standorte der Brauer waren durch zwei Merkmale bestimmt: Zum einen waren die Brauer auf große Mengen Wasser angewiesen. So versorgte ein eigenes unterirdisches Rohrsystem am Hüxtertor 60 die umliegenden Straßen und ein weiteres Rohrsystem das Gebiet zwischen der Großen Altefähre und der Beckergrube im Nordwesten Lübecks. Zum anderen suchte vor allem die Exportbrauerei die Nähe um Hafen.
3) Handwerker 61
Der „handwerkliche Mittelstand“ wird von Ahasver v. Brandt zur „Sozialgruppe III“ zusammengefasst. 62 Er schätzt deren Angehörige auf 1950 Bürger und Haushaltsvorstände. Die sieben größten „Handwerksbranchen“
waren nach Brandt: Schuhmacher (100 Vertreter), Knochenhauer (116), Schmiede (100), Schneider (100), Böttcher (80), Loh- und Witgerber (80), Bäcker (64). Dazu zählt Brandt eine zweite Gruppe, bei der er noch mehr auf Schätzungen angewiesen ist, und die mit Paternostermakern, Fischern, Goldschmieden, Zimmerleuten und
58 Hammel 1980, S.47
59 Hammel 1988, S.66
60 tangierte Straßen: Wahmstraße, Hüxstraße, Fleischhauerstraße, südliche Königstraße
61 Bei der großen Anzahl der verschiedenen Berufe wird hier selbstverständlich kein Anspruch auf
Vollständigkeit erhoben. Selbst die hier erwähnten Handwerksrichtungen können nicht im einzelnen
untersucht werden, da das den Rahmen dieser Arbeit sprengen würde. So werden hier, wie erwähnt,
vielmehr exemplarisch Ergebnisse der Hammelschen Untersuchungen aufgeführt.
62 vgl. Brandt 1979, S.136-141
13
anderen etwa 400 Vertreter umfasst. 63 Wie die Brauer hatten auch die Gerber einen hohen Wasserbedarf. Die Standortwahl wurde also auch hier durch die Nähe zum Wasser, in diesem Fall jedoch zur Wakenitz, bestimmt. Spekulationen unterstellen, dass gegebenenfalls ein Ratsbeschluss die Gerber an den Ostrand der Stadt verschlug. Schließlich verlief die Siedlungsbewegung in der Lübecker Altstadt von West nach Ost, so dass die Bevölkerung noch lange Zeit von dem übelriechenden Gerben der Tierhäute im Osten verschont blieb. So kam es „vor allem in der unteren Hundestraße zu einem Ballungsgebiet von Gebern, Weißgerbern, Loheherstellern, Lederfärbern, Schuhmachern und Häutekäufern.“ 64 Bei den metallverarbeitenden Berufen trügt der Name „Schmiedestraße“ nicht: Im Gebiet südlich des Kohlmarktes und südöstlich der Petrikirche, in dem auch die Schmiedestraße liegt, war tatsächlich das Ballungsgebiet der metallverarbeitenden Berufe. „Neben den Schmieden finden wir die Harnischmacher, Helmschläger, Plattenschläger, Armbrustmacher, Sporenschläger, aber auch die Gürtler, die die metallenen Schnallen für die Ledergürtel herstellten, sowie die stalmenger, die Eisenkrämer, die den Kleinhandel mit Schmiede- und Metallwaren betrieben.“ 65 Während in anderen Städten das Metallgewerbe wegen der Feuergefahr an den Stadtrand verbannt wurde, findet man in Lübeck also die metallverarbeitenden Berufe in Zentrumsnähe. Das Zentrum der tuchverarbeitenden und -produzierenden Gewerbe, wie etwa der Leineweber, befand sich im Nordosten der Stadt. Die Straßen der verschiedenen Berufe (Wollenweber, Färber, Salunenmaker...) im einzelnen waren: Johannisstraße, Hüxtstraße und Salunenmakerstraße. Weniger geschlossen war das Gebiet der Böttcher. Ihr Zentrum lag in der Dankwarts- und Malesgrube, allerdings lassen sich weitere Gebiete nachweisen. In Lübeck, einer klassischen Handelsstadt, war die Böttcherei oberstes Hilfsgewerbe des Handels: „im mittelalterlichen Handel wurde fast alles, bis hin zu Büchern, in Fässern verpackt.“ 66 So lässt sich auch die relativ breite Streuung des Gewerbes erklären: die Unterzentren entstanden aus Fühlungsvorteilen mit den Händlern, die eben auch nicht nur an einem Flecken der Stadt anzutreffen waren. Künstler wie Maler, Glasmaler und Bildschnitzer wählten ihren Arbeitsplatz hauptsächlich am Pferdemarkt, in unmittelbarer Nähe zu den Domherren der Bischofskirche. Die waren schließlich ihre wichtigsten Auftraggeber. Goldschmiede
63 Brandt 1979, S. 238, dort auch die weitere Literatur
64 Hammel 1988, S.67
65 a.a.O., S.70
66 a.a.O., S.70
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siedelten sich vor allem in der unteren Königsstraße und in Teilen der Wahmstraße und Hüxtesraße an. Die Bernsteindreher („Paternostermaker“) waren ziemlich verstreut über die ganze Stadt anzutreffen. Die Wakenitzfischer wohnten -standortbedingt - im Südosten zwischen Fleischhauer- und Stavenstraße. Auch in der Dankwartsgrube lassen sich Fischer nachweisen. Bäcker und Fleischhauer mussten nach Ratsbeschluss am Markt verkaufen: die Bäcker in den Brotschrangen nördlich von St.Marien in der oberen Mengstraße, die Fleischhauer seit den auf dem Schrangen, östlich von St.Marien und der angrenzenden Fleischhauerstraße. Dort waren sie in unmittelbarer Nähe zum Schlachthaus an der Wakenitz. Die Backstuben selbst waren jedoch über die ganze Stadt verstreut, was wiederum mit der Feuergefahr zu erklären ist.
4) „Unterschicht“
Diese Bevölkerungsgruppe ist sehr inhomogen. Sie umfasst den „anständigen“, aber verarmten Handwerksmeister, wie die Prostituierte. Da es hier jedoch nicht um eine genaue Differenzierung der Sozialstruktur geht, ist dennoch keine weitere Kapiteldifferenzierung nötig: Aus sozialtopographischer Perspektive haben nämlich all diese Gruppen eins gemeinsam: es gibt so gut wie keine oder keine Quellen über sie, folglich auch nicht über ihre Wohnbereiche. Im folgenden soll der Vollständigkeit halber dennoch ein kurzer Abriss über die Lebensumstände dieser Gruppe gegeben werden. Ahasver v. Brandt hat die „große Masse der Unselbständigen“ zu einer „Sozialgruppe IV“ zusammengefasst. Diese repräsentiert mit 1900 Haushaltsvorständen nach Brandt immerhin 41,8% der Bevölkerung, wovon nach seinen Schätzungen etwa 14 % in „wirklicher Armut“ lebten. 67 Diese Schicht umfasst die große Zahl der „Einwohner“, also derer, die kein Bürgerrecht 68 besaßen. Dazu zählten Verlehnte, Handwerksgesellen, Tagelöhner, Seeleute, Ackerbürger, Lehrjungen, Dienerschaft und Gesinde (Mägde und Knechte). Zu den „unehrlichen“ Berufen zählten etwa Abdecker und Henker, die außerhalb der Gesellschaft leben und
67 vgl. Brandt 1966, S.222 u. S.228
68 Der umgangssprachliche „Bürger“ als Bewohner einer Stadt ist zu unterscheiden vom „Bürger“ im
Rechtssinn: wer das Bürgerrecht besaß, hatte gewisse Rechten und Pflichten. Der „Bürger“ im
Rechtssinn war steuer- und wehrpflichtig und leistete den „Bürgereid“. Der entsprach einem Gelöbnis
von Treue und Gehorsam gegenüber der Stadt und dem Rat, sowie der Erfüllung aller Bürgerpflichten.
Dafür durfte er an den Bürgerversammlungen teilnehmen, Handel und Wandel treiben und die
Mitgliedschaft in Gilde oder Zunft gewinnen. Nichtbürger („Beisassen“) waren zumeist Personen
verschiedenster Art, die nicht vermögend genug waren, um das Bürgerrecht zu erstehen.
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arbeiten mussten, da bereits der einmalige Kontakt mit ihnen als schändlich galt. Weiterhin ganz unten standen Bettler und „Hausarme“, die kostenlos im Keller anderer Leute lebten. Wie oben erwähnt, sind uns die Daseinsbedingungen dieser Sozialgruppe praktisch unbekannt. Wer sich wo niederließ, ist nicht zu bestimmen. Einzige (aber selbstevidente) Aussage, die zu treffen wäre, ist, dass die Anhänger dieser Sozialgruppe wenig prestigeträchtige Lokalitäten 69 bewohnten. Was die Wohlhabenheit angeht, ist hingegen sicher, „dass hier wie anderswo die Tendenz zur „Schließung“ der Ämter 70 “ seit Anfang des 15. Jahrhunderts die Lage der Gesellen spürbar verschlechtert hat. 71 Doch ist es zu erkennbaren Äußerungen sozialer Unzufriedenheit, also etwa in Form von Gesellenunruhen o.ä. in Lübeck nicht gekommen, und in der Tat lasen sich auch keine Zeugnisse für so krasse soziale Missstände finden, wie sie uns aus großen Gewerbe- und Industriestädten Flanderns und Oberdeutschlands geläufig sind.“ 72 Schließlich bot der Handel in Lübeck einer ziemlich breiten Schicht der Gesamtbevölkerung eine sehr wohlhabende Existenz. Das Gesamtvermögen war bei weitem breiter gestreut als in den süddeutschen Städten. „Auch verbietet das Steueraufkommen selbst aus dieser Unterschicht der Erwerbstätigen die Annahme schlechthin proletarisierter Verhältnisse ... Dass freilich das Leben dieser großen Menschengruppe sich unter für uns schwer vorstellbaren hygienischen und Wohnverhältnissen abspielte, ist unbestreitbar.“ 73
Fazit
Die Schwäche der sozialtopographischen Methode liegt klar auf der Hand: nur die in den Oberstadtbüchern, beziehungsweise in den Schröderschen Topographischen Regesten verzeichneten Hausbesitzer können zur Untersuchung herangezogen werden. Inwiefern selbst die Auswertung dieser registrierten Personen noch ambivalent ist, wurde in Kapitel II. bereits erwähnt: Hat die eingetragene Person das Haus auch wirklich bewohnt? Kann vom Namen auf den Beruf geschlossen werden? Wie viele Rechtsakte waren überhaupt eingetragen? Man könnte diese Liste der offenen Fragen noch fortsetzen. Hammel hält seiner Methode jedoch zugute, dass die
69 vgl. dazu Kapitel I und III
70 „Ämter“ sind die Zünfte der norddeutschen Städte.
71 zur Schließung der Ämter: C.Wehrmann: Die älteren Lübecker Zunftrollen (1872), S.137 f.
72 Brandt 1966, S.236 f.
73 Brandt 1966, S.237. Ein fünftel selbst der steuerpflichtigen Haushalte wohnte noch 1460 in Gängen,
Kellern und Hinterhäusern. (Quelle: a.a.O.)
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Auswahl der in den Oberstadtbüchern registrierten Personen „gruppen- oder schichtenübergreifend“ sei: „So kann bis auf die sogenannten Unterschichten jeweils der vermögendere Teil der verschiedenen Personengruppierungen erfasst und in der Relation zueinander dargestellt werden.“ 74 Werden die Schröderschen Topographischen Regesten Eintrag für Eintrag ausgewertet, so kann doch Straße für Straße eine relativ zuverlässige Sozialtopographie erstellt werden, die in manchen Fällen noch durch archäologische Grabungen ergänzt werden kann. Es sollte deutlich geworden sein, dass die üblicherweise getroffene Aufteilung Lübecks in Handwerkerviertel und Kaufleuteviertel zu kurz greift. Weder beim ersteren noch beim letzteren darf man sich ein homogenes, abgeschlossenes Viertel vorstellen. So waren „die langen, zur Wakenitz hinabführenden Straßen in ihren der Stadtmitte zu gelegenen Teilen 75 keineswegs von Handwerkern, sondern von Kaufleuten bewohnt, so dass die oft behauptete klare Trennung zwischen einem kaufmännischen Westteil und einem handwerklich-gewerblichen Ostteil der Stadt zugunsten einer stärkeren topographischen Durchmischung der Berufsgruppen revidiert werden muss.“ 76 Neben nur wenigen Soziotopen finden sich in Lübeck vielmehr gemischt strukturierte Straßen. Der Wunsch einzelner, sich in der Nähe zu Mitglieder des gleichen Berufes niederzulassen, führte jedoch auch in Lübeck zu Konzentrationserscheinungen, wo Mitglieder eines bestimmten Amtes zwar nicht ausschließlich wohnten, aber doch die Mehrheit stellten. Die im 14. Jahrhundert bestehende Sozialordnung verfestigte sich zunehmend. In den Ratsurteilen des 15. Jahrhunderts lässt sich eine gewisse sozialtopographische Konservativität erkennen: Beibehaltung des Bestehenden hatte vorderste Priorität vor baulichen oder gewerblichen Änderungen. Wenn ansässige Anwohner gegen Neuzukömmlinge klagten, weil sie sich beispielsweise durch deren Berufsausübung belästigt fühlten, wurden diesen Klagen zumeist stattgegeben. Die sich derart verfestigende berufsräumliche Struktur behielt so ihre wesentlichen Merkmale bis zum 19. Jahrhundert bei.
74 Hammel 1980, S.49
75 die ja mitten im „Kaufleuteviertel“ liegen
76 Fehring u. Hammel 1985, S.176
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LITERATURVERZEICHNIS 77
A.V.BRANDT: Die gesellschaftliche Struktur des spätmittelalterlichen Lübeck. In:
Untersuchungen zur gesellschaftlichen Struktur der mittelalterlichen Städte in
Europa: Vorträge und Forschungen 11 (1966), S.215-240.
A.V.BRANDT: Die Lübecker Knochenhaueraufstände und ihre Voraussetzungen.
Studien zur Sozialgeschichte Lübecks in der 2. Hälfte des 14. Jahrhunderts, In:
Lübeck, Hanse, Nordeuropa. Festschrift für A.v.Brandt, hgg. v. K.Friedland u.
K.Sprangel (1979), S.129-208.
G.P.FEHRING U. R. HAMMEL: Die Topographie der Stadt Lübeck bis zum 14.
Jahrhundert. In: Stadt im Wandel, Kunst und Kultur des Bürgertums in
Norddeutschland. 1150-1650, hg. V. C.Meckseper, Bd.3 (1985), S.167-187.
A.GRAßMANN: Quellenwert und Aussagemöglichkeiten von Lübecker Archivalien zu
den Fragen von Haus- und Grundbesitz und Hausbewohnern auf dem Hintergrund der
Wirtschafts- und Sozialstruktur. In: Lübecker Schriften zur Archäologie und
Kulturgeschichte 4 (1980), S.27-30.
R.HAMMEL: Sozial- und wirtschaftsgeschichtliche Untersuchungen zum
Grundeigentum in Lübeck im 14. Jahrhundert. In: Lübecker Schriften zur
Archäologie und Kulturgeschichte 4 (1980), S.31-66.
R.HAMMEL: Hauseigentum im spätmittelalterlichen Lübeck. Methoden zur sozial-und wirtschaftsgeschichtlichen Auswertung der Lübecker Oberstadtbuchregesten. In:
Lübecker Schriften zur Archäologie und Kulturgeschichte 10 (1987), S.85-300.
R.HAMMEL: Räumliche Entwicklung und Berufstopographie Lübecks bis zum Ende
des 14. Jahrhunderts. In: A. Graßmann (Hg.): Lübeckische Geschichte (1988), S.63-
76.
E. HOFFMANN: Lübeck im Hoch- und Spätmittelalter: Die große Zeit Lübecks. In: A.
Großmann (Hg.): Lübeckische Geschichte (1988), S. 79-340.
E.ISENMANN: Die deutsche Stadt im Spätmittelalter. 1250-1500. Stadtgestalt, Recht,
Stadtregiment, Kirche, Gesellschaft, Wirtschaft (1988).
M.MÖHLE: Die ehemalige Ritterstraße in Lübeck. Wohnsitze der städtischen
Führungsgruppe vom 14. bis zum 18 Jahrhundert. In: Der Adel in der Stadt des
Mittelalters und der frühen Neuzeit. (Beiträge zum VII. Symposion des
Wasserrenaissance-Museums Schloss Brake vom 9. bis zum 11. Oktober 1995, Bd.7
= Materialien zur Kunst- und Kulturgeschichte 25) (1996), S.225-242.
H. SCHRÖDER: Topographische Regesten der Oberstadtbücher 1284-1600 (nicht
ediert im Archiv der Hansestadt Lübeck).
77 Es wird nur die wichtigste Literatur aufgenommen. Nur einmal erwähnte Titel tauchen hier nicht auf.
Arbeit zitieren:
Björn Kern, 2000, Sozialtopographische Untersuchungen im Lübeck des 14. Jahrhunderts, München, GRIN Verlag GmbH
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