Einleitung
Der Dialog, „De magistro“ von Augustinus behandelt die Frage, was wir durch Sprache lehren können. 1 Der Dialog beginnt mit der Frage, was wir durch Sprechen bewirken möchten. Die Antwort darauf ist, lehren oder vergegenwärtigen. 2 Welche Rolle kommen Wörtern in Augustinus „De magistro“ zu? Was kann man durch sie lernen oder lehren?
Zu Anfang des Dialogs hält Augustinus die Wörter für unbedingt notwendig, um bestimmte Dinge zu erklären, z.B. laufen während des Laufens. Einige Dinge können nicht anders als sprachlich erklärt werden. Wörter sind zwar Zeichen wie ein Fingerzeig, Wörter scheinen anderen Zeichen aber deutlich überlegen zu sein.
Im zweiten Teil des Dialogs zeigt Augustinus die Schwächen der Wörter auf. Wörter lehren eigentlich nichts neues, sie zeigen uns vielmehr, nach welchen Dingen wir suchen müssen, um die Bedeutung der Wörter herauszubekommen. Wir verstehen ein Wort erst, wenn wir das kennen, was durch das Wort bezeichnet wird. Wenn wir z.B. das Wort „Kopf“ hören, wird unser Geist durch das Wort „Kopf“ auf die Sache „Kopf“ gelenkt. Durch Erkenntnis der Sache verstehen wir dann, was mit dem Wort „Kopf“ gemeint ist. Etwas neues können wir also nur durch die Erkenntnis einer neuen Sache lernen, nicht durch Wörter allein. Wörter können uns höchstens auffordern, nach den Dingen zu suchen, die sie bezeichnen. 3
Was können wir durch Wörter lernen oder lehren? Wo sind die Grenzen der Wörter? Im Laufe dieser Arbeit werde ich die einschlägigen Teile in Augustinus „De magistro“ diskutieren und heraus arbeiten, welche Bedeutung er Wörtern in seinem Dialog zuordnet, denn eine gewisse Fähigkeit scheint Augustinus den Wörtern zuordnen zu müssen, denn er sieht im Sprechen den einzigen Sinn, daß gelehrt wird. Wären Wörter völlig frei von jeglicher Bedeutung, könnte man nicht lehren oder selbst lernen, indem man spricht.
Im Dialog „De magistro“ wird die ausführlichste Semiotik des Altertums behandelt 4 , d.h. daß alle Wörter als Zeichen gesehen werden 5 . Zuerst sollen daher einige zentrale Punkte der Semiotik bei Augustinus „De magistro“ behandelt werden, um dann zu
1 Vgl. Coseriu, Eugenio, Geschichte der Sprachphilosophie, Tübingen 1968, S. 107.
2 Vgl. Augustinus, De magistro 1 (1), S.7 f.
3 Vgl. De magistro 10(35), S. 99.
4 Vgl. Coseriu, S.110.
5 Vgl. De magistro, 1,2, S. 13.
klären, welchen Nutzen Augustinus den Wörtern in de magistro beimißt. Wörter als Zeichen
Augustinus und Adeodat kommen im zweiten Kapitel darauf, daß alle Wörter Zeichen; sind es wird eine Einschränkung gemacht, Wörter sind nur dann Zeichen, wenn sie etwas bezeichnen. Adeodat räumt dies auf Nachfrage von Augustinus ein. Um diese These zu überprüfen, läßt Augustinus Adeodat die Dinge nennen, die durch die Wörter in einem Vers bezeichnet werden 6 . Es kann aber nicht immer auf Anhieb das gefunden werden, was die einzelnen Wörter bezeichnen, obwohl Augustinus das immer wieder fordert. An der Präposition „ex“ zeigt sich ein Problem. Adeodat sagt, „ex“ bedeutet etwa das, was das Wort „de“ bezeichnet. Diese Erklärung läßt Augustinus nicht zu. Wenn er nach der Bedeutung des Wortes „de“ gefragt hätte, hätte er es mit „ex“ erklärt. 7 Die Erklärung eines Wortes durch ein anderes wird nicht zugelassen. Adeodat wendet aber ein, daß er ein Wort nicht ohne andere Wörter erklären kann. Augustinus soll ohne Zeichen fragen, dann könnte er ohne Zeichen antworten. 8
Augustinus deutet den Satz so, daß jedes Wort ein Zeichen ist. Er hätte den ganzen Satz als ein weiteres Zeichen deuten können. Denn der Satz beinhaltet eine Gesamtaussage. Im Dialog wird aber die Aussage ausschließlich auf die einzelnen Wörter zurückgeführt. 9 . Evtl. Könnte man noch ein weiteres Zeichen in dem Satz finden. Manchmal ist die Rede von „zwischen den Zeilen“ lesen, d.h. daß es eine Aussage gibt, die nicht offen in dem Satz zu lesen ist, sondern noch herausgefunden werden muß. Augustinus schlägt vor, von der These abzulassen, weil das geplante Vorgehen nicht richtig klappt. Mit der Begründung, ein Wort könne auch Dinge bezeichnen, die nicht sinnlich wahrnehmbar sind, wie z.B. das Wort „nichts“. Man kann keine konkrete Sache nennen, die durch das Wort nichts bezeichnet wird, trotzdem ist klar, was durch ein Wort, in diesem Fall „nichts“ bezeichnet wird. Die Begründung Adeodats, an dieser These festzuhalten, ist, dass jedes Wort seinen Berechtigung hat. Jedes trägt etwas zum Sinn des gesamten Satzes bei, keines kann entfernt werden. Also behält man die These bei 10 .Die Forderungen von Augustinus sind didaktisches Kalkül. Er könnte Adeodat damit darauf hinweisen, daß man sich über das Thema Sprache nur sprachlich verständigen kann, diesen Schluß bleibt er aber schuldig. 11 Augustinus führt eine Unterscheidung zwischen Sprache und Metasprache ein, obwohl
6 Vgl. Augustinus, De magistro 2 (3), S.13.
7 Vgl. Kahnert, Klaus , Entmachtung der Zeichen, Augustin über Sprache, Bochum 1999, S.89.
8 Vgl. De magistro 3,5, S. 19.
9 Vgl. Kahnert, S. 85.
10 Vgl. De magistro.2 (3), S. 15.
11 Vgl. Kahnert, Klaus , S. 86.
er diesen Begriff selbst nicht benutzt. Begriffe wie „lingua“ (Sprache) , „locutio“ (Gerede), „verbum“ (Wort), „nomen“ (Name) würden zur Metasprache gehören. Eine Definition von Sprache gehört zur Metasprache. 12
Adeodat räumt später ein, daß körperliche Dinge ohne Wörter bezeichnet werden können. Es kann z.B. auf eine Hausmauer gezeigt werden. Dies wird aber eingeschränkt, da nicht alle Eigenschaften eines Körpers durch das Zeigen mit dem Finger bezeichnet werden können, wie Geruch, Geschmack und alles andere, was nicht durch den Sehsinn zu erfassen ist. Feinheiten können auch schwer visuell vermittelt werden. Augustinus fragt, wie Adeodat „Umhergehen“ bezeichnen würde, wenn er selbst am Umhergehen ist.
Adeodat sagt, dies könne er dadurch, daß er beim Umhergehen schneller geht. Aber Augustinus sagt, daß dies die Gefahr birgt, mit „eilen“ verwechselt zu werden. „Eilen“ hat aber eine andere Bedeutung als schnelles Umhergehen. Eilen kann auch andere Tätigkeiten betreffen als nur Umhergehen. Man kann auch beim Schreiben , beim lesen und bei anderen Tätigkeiten eilen. 13 Eine genaue Unterscheidung zwischen umhergehen und eilen kann man also auch nur durch sprachliche Zeichen geben. Anfangs scheint es, daß die Annahme, man könne vieles nur über sprachliche Zeichen lehren, angenommen wird.
Später im Dialog lockert Augustinus diese These etwas. Der Vogelfänger, der im Wald von einem Passanten beobachtet wird, kann durch besonders ausgeprägtes Verhalten den Passanten über das Vogelfangen belehren, ohne Wörter zu benutzen.
Die sprachlichen Zeichen bezeichnen die Dinge keinesfalls direkt. Sie bringen den bezeichneten Gegenstand vor das „geistige Auge“. Durch Vermittlung der Denkinhalte wird das Bezeichnete gezeigt. 14
Hierarchie der Reflexivität der Zeichen
Zeichen sind alle Dinge, die etwas anderes bezeichnen. Wörter sind eine Unterkategorie von Zeichen. Es gibt Zeichen, z.B. Gesten, militärische Zeichen, die keine Wörter sind.
Ähnlich verhält es sich mit Namen. Namen bilden eine weitere Unterkategorie von Wörtern und sind eine Unterkategorie von Zeichen. Nicht alle Wörter sind Namen, aber
12 Vgl. Coseriu, Eugenio, Geschichte der Sprachphilosophie, Tübingen 1968, S 108
13 Vgl. De magistro 3,6 S23
14 Vgl. Kahnert, S.86
alle Namen sind Wörter, und alle Namen sind Zeichen. 15
Einige Zeichen bezeichnen andere Zeichen, aber zugleich auch sich selbst. Das Wort „Zeichen“ bezeichnet alle anderen möglichen Zeichen, aber auch sich selbst. Andere Beispiele dafür sind „Wort“ oder „Name“. 16
Einige Zeichen bezeichnen sich selbst, andere und sich gegenseitig. Ein Name ist ein Wort und ein Wort ist ein Name. Ein Name kann durch ein Wort ersetzt werden. So kann man für ein Wort ein Pronomen einsetzen, und das Pronomen tritt an die Stelle des Namens. Das Pronomen ist dem Namen zugeordnet und kann nur für diesen stehen. Z.B. „dieser Mann, der König selbst usw.“ Die Pronomen bezeichnen ungefähr dasselbe wie der dazugehörige Name, wenn auch nicht so erschöpfend. Statt „dieser Mann“ könnte man nur „dieser“ sagen und ihn dadurch auch richtig bezeichnen. Das Pronomen erfüllt in diesem Fall die Funktion des Namens.
An einer Stelle nennt Augustinus Wörter, wie „auch, und, aber, sondern“, „alle diese“. „Alle diese“ benutzt er als Platzhalter für diese Worte, „diese“ tritt als Platzhalter für die Namen auf. Also bezeichnen in diesem Fall Wörter einen Namen und umgekehrt. 17
Als letztes kommen die Zeichen, die sich selbst bezeichnen und andere Zeichen bezeichnen. Ihre Extension ist dabei die gleiche.
Jeder Teil eines Satzes, also jedes Wort, kann zum Nomen des Satzes werden. Weil alle Wörter in einem Satz etwas bezeichnen, können sie die Position des Hauptwortes einnehmen und dadurch auch zum Namen werden. Namen und Wort sind aber nicht dasselbe, obwohl sie sich auf fast dasselbe erstrecken. Wenn wir uns eine Sache vergegenwärtigen wollen, die wir vorher noch nicht gesehen haben, dann fragen wir nach dem Namen dieser Sache, nicht nach dem Wort, was diese Sache bezeichnet. 18
Als letztes kommen diejenigen Wörter, die sich nicht in ihrer Bezeichnungsfunktion unterscheiden, sondern sich nur von ihrem Klang unterscheiden. Jeder Name kann durch eine Vokabel bezeichnet werden, und jede Vokabel kann durch einen Namen bezeichnet werden. Für jedes lateinische Wort gibt es ein griechisches usw. Diese beiden Zeichen bezeichnen sich gegenseitig und unterscheiden sich durch nichts als durch ihren Klang. 19
Fraglich ist aber, ob das wirklich so ist, daß jedes Wort in einer anderen Sprache durch
15 Vgl. De magistro. 4, 9, S. 33ff.
16 Vgl. a.a.O. 4, 10, S. 35f.
17 Vgl. a.a.O. 5, 14, S. 41 f.
18 Vgl. a.a.O. 7, 20, S 63.
19 Vgl. a.a.O. 6, 17 S.53 f.
eine andere Vokabel bezeichnet werden kann. Jeder, der eine andere Sprache gelernt, hat kennt Wörter, die es in einer Sprache gibt, in der anderen Sprache aber kein Äquivalent haben.
Augustinus trennt in seiner Klassifikation die Sache von der Bedeutung 20 . Die Kenntnis der Sache selbst, die das Zeichen bezeichnet, ist wichtig, nicht das Zeichen, das es bezeichnet. Ein Wort ist dazu da, jemanden über die Existenz einer bestimmten Sache zu belehren, nicht umgekehrt. Die Existenz einer Sache ist also für die Erkenntnis dieser Sache wichtiger als das sie bezeichnende Zeichen. 21
Verhältnis von Sache und Zeichen
Die Erkenntnis der zu bezeichneten Sache ist höher einzuschätzen als der Name, der sie bezeichnet. Dafür nannte er das Beispiel Kot. Die Erkenntnis der Sache Kot ist wichtige als das sie bezeichnende Zeichen. 22 Genau dasselbe hat es mit dem Verhältnis von lehren und sprechen auf sich. Das Lehren ist wichtiger als das Sprechen. Zeichen und Sprache sollen das Mittel sein um zu lehren, nicht umgekehrt. Augustinus bringt dazu eine biblische Geschichte als Beispiel. Ein „Vielfraß“ sieht den Sinn seines Lebens darin zu essen. Besser sei es aber doch, er äße um zu leben. Die Ansicht des Vielfraßes wurde deshalb abgelehnt, weil er den Wert seines Lebens geringer einschätzte als die Lust am Essen. Ähnlich sei es bei einem Menschen, der seine Priorität auf das Sprechen, nicht auf das Lehren legen würde 23 . Das Sprechen ist wiederum bedeutender als die verwendeten Wörter. Die Wörter sind also Mittel, um zu sprechen, und die Sprache ist ein Mittel, um zu lehren. Adeodat fragt, ob diese Regel immer gültig ist. Die Erklärung bleibt Augustinus schuldig. Man kehrt zurück zu der eigentlichen These, daß die Dinge Vorrang gegenüber den Zeichen haben. Ob die Erkenntnis der Sache, im Text z.B. „Laster“ höher einzustufen als die Erkenntnis des Wortes „Laster“, darüber ist sich Augustinus nicht sicher. Es bleibt ihm selber unklar. 24 Festgehalten wird daran, daß die Erkenntnis der Sache wichtiger ist als das sie bezeichnende Wort. Man könnte sagen, daß die Erkenntnis eines Zeichens die Erkenntnis der bezeichneten Sache beinhaltet. Die Zeichen sind vollkommen wertlos,
20 Vgl. Coseriu S. 109.
21 Vgl. De magistro 9, 26 S. 79f.
22 Vgl. De magistro. 9, 26, S. 79.
23 Vgl. a.a.O. 9, 26, S. 81.
24 Vgl. a.a.O. 10, 28, S. 85.
wenn man die durch sie bezeichneten Dinge nicht kennt. Wenn man die Bedeutung eines Zeichens kennt, dann kennt man auch die Sache. Eine Erkenntnis der Bedeutung der Zeichen wäre ohne die zu bezeichnende Sache zu kennen nicht möglich. Wenn jemand die Bedeutung des bezeichneten Zeichens kennt, dann hat er auch schon mal das Bezeichnete gesehen,
Deshalb könnte man die Erkenntnis der Sache mit der Erkenntnis des sie bezeichnenden Zeichens vergleichen, bzw. Erkenntnis des Zeichens würde die Erkenntnis der Sache einbeziehen. So weit aber führt Augustinius die Frage nicht aus.
Bedeutungslosigkeit der Wörter
Später stellt Augustinus im zweiten Teil von „De magistro“ die These auf, daß man durch Wörter eigentlich nichts lehren kann. Man kann etwas lernen durch die Erkenntnis der Sache, die bezeichnet wird, das Wort alleine sagt nichts aus Ein Wort sagt nichts aus, es ist nur Schall, der das Ohr trifft, wie z.B. das Wort „Kopf“. Wenn jemand fragt, was denn ein Kopf sei, wird das Körperteil nochmals bezeichnet, z.B. durch den Finger. 25 Wenn etwas durch die Wörter „siehe da!“ bezeichnet wird, strecken wir den Finger aus, weil das sprachliche Zeichen zu schwach sein könnte, um das zu bezeichnende eindeutig zu bezeichnen, da wir durch Wörter alleine nichts lernen. Das Wort „Sarabaren“ lernt man dadurch, daß jemand diese Kopftücher bezeichnet und gleichzeitig „siehe da, Sarabaren“ sagt. In diesem Fall passiert die Belehrung nicht durch Wörter, sondern sie findet durch die Erkenntnis der Sache, über die gelehrt werden soll, statt. Augustinius sagt, daß er nicht durch die Wörter über die Sarabaren belehrt wurde, vielmehr durch die Sache, die ihm bis dahin unbekannt war. Beim Lernen solcher neuen Dinge verläßt sich Augustinus auf seine Sinne, insbesondere auf den Sehsinn und nicht auf Wörter. Wörtern glaubt er nur deshalb, damit sie ihn auf diese neuen Dinge aufmerksam machen. 26
Die Bezeichnungsfunktion der Wörter, die ihnen von Augustinus zugestanden wird, liegt aber nicht im Wort selbst, sondern in der Erkenntnis der Sache. Aus der Erkenntnis der Sache rührt auch die Erkenntnis der Wörter.
Als einen möglichen Einwand gegen die These, daß man nichts durch Wörter lehren kann, sagt Augustinus, daß auch überlieferte Geschichten durch Wörter gelehrt werden.
25 Vgl. a.a.O. 11,34, S.97.
26 Vgl. a.a.O. 11, 35, S.99.
Ein Beispiel dafür ist eine biblische Geschichte, die Augustinus zitiert. In dieser Geschichte geht es um drei Männer, die verbrannt werden sollten, und die Flammen durch ihren Glauben unbeschadet überwunden haben.
Diese Geschichte wurde durch Wörter gelehrt. Aber alles, was in dieser Geschichte vorkam, war vorher in unserer Kenntnis. Wir wußten vorher schon, was „drei junge Männer“, „Ofen“ usw. bedeutet haben. Was uns aber vollkommen fremd ist, sind die Namen der Männer, die in der Geschichte vorkamen. 27 Ihre Namen sind uns vollkommen fremd, weil sie dem Hebräischen entstammen; hätten wir Kenntnisse in Hebräisch, würden wir diese Namen als Männernamen identifizieren können. Da wir diese Sprache aber nicht beherrschen, klingen alle Wörter dieser Sprache gleich fremd. Der Unterschied zwischen den einzelnen Wortarten wäre für uns unklar. Die Wörter einer fremden Sprache sind für uns nur Schall.
Augustinus verstärkt seine These, daß Wörter nicht einmal Wörter lehren. Durch das Hören von Wörtern werden nicht einmal Wörter gelernt. 28
Ein möglicher Einwand dagegen wäre, daß man die Bedeutung eines Wortes lernen kann, dass die gleiche Bedeutung etwa in einer anderen Sprache hat. Jemand könnte „Mensch“ erklären, indem er sagt, auf Latein heißt das „homo“. Man könnte dadurch etwas neues lernen, nämlich Vokabeln in einer anderen Sprache. Die Erwiderung darauf muß sein, daß „homo“ und „Mensch“ die gleiche Sache bezeichnen. Wenn jemand das Wort „Mensch“ nicht kennt, aber das Wort „homo“, dann lenkt ihn das Wort „homo“ im Geist auf die Sache, die bezeichnet wurde. Dadurch haben wir durch die Erkenntnis der Sache ein anderes Wort für die gleiche Sache gelernt. Wenn die Person nicht gewußt hat, was durch das Wort „homo“ bezeichnet wurde, hätte sie nicht gelernt, daß man dazu auch „Mensch“ sagen könnte, da die Erkenntnis der Sache gefehlt hätte.
Augustinus sagt später, daß historische Erzählungen keine direkte Erkenntnis hervorbringen, sonden daß sie geglaubt werden müssen. Als Augustinus die Geschichte von den drei jungen Männern hörte, glaubte er sie. Darüber, ob sie wahr oder falsch ist, kann er nichts sagen. Er kann nur über wahre oder falsche Dinge urteilen, sofern sie seine Sinneswahrnehmungen betreffen. Da diese Geschichte nicht seine Sinneswahrnehmung betrifft, ist sie nicht Teil seiner Erkenntnis. Darüber, was er glauben soll und was nicht, fragt er nicht eine andere Person, die ihm das sprachlich mitteilt, sondern Jesus, der das Innere seiner Seele direkt belehrt.
27 Vgl. a.a.O. 11, 37, S. 101f.
28 Vgl. a.a.O. 11, 36, S. 101.
Funktion der Wörter
In diesem Teil der Arbeit möchte ich der Frage nachgehen, was die Funktion ist, die Augustinus den Wörtern überhaupt noch zugesteht. Zu was nützen uns Wörter überhaupt?
Die stärkste Funktion, die den Wörtern zukommt, ist, daß sie uns auffordern die Dinge zu erkennen, die sie bezeichnen. 29 Wenn jemand ein unbekanntes Wort hört, z.B. „Sarabaren“, dann kann ihn das dazu auffordern herauszufinden, was durch dieses Wort bezeichnet wird. Man wird herumfragen, ob jemand weiß, was sich hinter diesem Wort verbirgt. Wenn jemand die Bedeutung eines Zeichens nicht kennt, kann er lernen, welche Sache durch dieses Zeichen bezeichnet wird. 30
Das Wort hat keine andere Funktion, als die bezeichneten Dinge vor den Geist zu rufen. 31 Wenn man an eine Sache denkt, dann rufen die Zeichen Vorstellungen der Dinge hervor, die von dem Zeichen bezeichnet werden. Hier gilt wieder das gleiche, was für das Lehren durch das Sprechen gilt. Wenn ein Wort unbekannt ist, kann es nichts im Geist hervorbringen. Man kann dadurch etwas lernen, indem man sich etwas vergegenwärtigt 32 .
Dadurch kann man neue Dinge lernen. Wenn man etwas neues sieht, dann fragt man nach dem Wort, was es bezeichnet. Mit dem es bezeichnenden Wort lernt man gleichzeitig die Sache. Immer wenn man sich das Wort für die neu kennengelernte Sache vergegenwärtigt, lernt man auch das von dem Wort Bezeichnete. 33 Die Wörter vermögen es lediglich, auf die Dinge hinzuweisen, die für die Erkenntnis wichtig sind Erkenntnis kommt von den Sinneseindrücken, Christus gibt ihm die Erkenntnis über die Wahrheit, was er glauben soll und was nicht. 34 Gegen Ende des Dialoges fällt Augustinus noch etwas ein, was die Wörter aufwerten könnte. Wörter können die Gedanken des Sprechenden sichtbar werden lassen. 35 Also können Wörter Gedanken vermitteln. Aber auch dies schränkt Augustinus ein, weil es Lügnern ja nicht verboten ist zu sprechen. Also muss jeder immer noch selber prüfen, ob das auf diese Weise Gelernte nicht doch falsch ist.
Bei diesem Argument ist es fraglich, ob man Gedanken in „wahr“ und „falsch“
29 Vgl. a.a.O. 11, 36, S. 99.
30 Vgl. Kuypers, Der Zeichen- und Wortbegriff im Denken Augustins, Amsterdam 1934, S.23
31 Vgl. Kuypers, S. 17.
32 Vgl. De magistro 1, 2, S.9.
33 Vgl. a.a.O. 7, 20, S. 63.
34 Vgl. a.a.O. 11,38, S. 103.
35 Vgl. a.a.O. 13, 42, S. 111.
unterscheiden kann. Meinungen, die jemand äußert, haben nicht unbedingt einen Wahrheitsanspruch. Wenn ich sage „Ich meine, daß es gerade regnet“ ist es deutlcih schwächer als wenn ich sagen würde, „Ich weiß daß es gerade regnet“.
Weiter kann man die Gedanken anderer durch logisches Denken überprüfen. Diese Möglichkeit läßt Augustinus ebenfalls aus.
Zusammenfassung
Der Nutzen, den die Wörter in „de magistro“ haben liegt in ihrer Bezeichnungsfunktion. Man spricht, um zu lehren oder um sich etwas zu vergegenwärtigen. 36 Man kann aber auch dadurch lernen, daß man sich etwas vergegenwärtigt.
Das Wort an sich wird von Augustinus als unbedeutend eingestuft. An einer Stelle sagt er, daß es sein Ziel sei, Weisheit zu erlangen. Dabei laufe er Gefahr, sich lächerlich zu machen, da er sich den Zeichen widme, anstatt die bezeichneten Dinge zu betrachten. 37 Augustinus muß den Wörtern aber zugestehen, daß man etwas durch sie bzw. durch Sprache lernen kann, sonst hätte er nicht die Form des Dialoges wählen müssen. Er benutzt die sokratische Methode, um im Gespräch Adeodat etwas zu vermitteln. Würde er die Sprache vollkommen sinnlos ansehen, um etwas zu lernen oder zu lehren, würde er diese Methode nicht nutzen.
Augustinus bringt indirekt einen Nutzen der Wörter, indem er sagt, man könne sich nicht anders über sinnliche Wahrnehmungen, wie Geschmack oder Farben verständigen als über sprachliche Zeichen. 38 Den Schluß, daß es so ist, daß man sich darüber nur sprachlich verständigen kann, bleibt Augustinus aber schuldig.
Alles in allem verlieren die Wörter im Laufe des Dialogs immer mehr an Aussage. Anfangs läßt man den Wörtern eine relativ große Aussage zukommen. Später wird dies immer mehr abgeschwächt, was in der radikalen These endet, daß Wörter eigentlich nichts aussagen.
Da Wörter nicht sicher die Wahrheit sagen, muß man glauben, was sie vermitteln. Belehrt werden kann man nach Augustinus jedoch nur durch die Wahrheit, die er in Christus zu finden glaubt. Eine andere Quelle als diese oder seiner Sinneseindrücke läßt Augustinus nicht zu. Richtig gerechtfertigt kann man über nichts außerhalb seiner
36 Vgl. a.a.O. 1, 2, S.9 f.
37 Vgl. a.a.O. 8, 21, S. 65.
38 Vgl. a.a.O. 2,4, S. 17.
eigenen Sinneswahrnehmung. Alles was außerhalb der eigenen Sinneswahrnehmung liegt, kann auch falsch sein. Historisches Wissen kann es folglich auch nicht geben, da jede Quelle, die man benutzt von jemand anderes kommt und daher nicht stimmen muß. Augustinus gibt selber an, daß er die historischen Geschichten glaubt und nicht weiß ob sie stimmen. Wenn er etwas weiß, glaubt er es auch. Wenn er aber nur etwas glaubt, dann weiß er nicht, daß es wirklich stimmen muß. Wenn etwas stimmt, dann erfährt er das durch Christus, der ihm die Wahrheit gibt.
Augustinus muß eigentlich den Nutzen von Wörtern oder Sprache möglichst gering einschätzen. Würde er das nicht tun, dann würde dies die These von Christus als Lehrer erschweren. Die These von Christus als Lehrer könnte er schwer aufrecht erhalten, wenn er noch eine andere Möglichkeit einräumen würde, um Erkenntnis zu erlangen.
Eine Erkenntnis durch Sprache wäre laut Augustinus dann möglich, wenn die Wörter etwas bezeichnen oder ihm einen Gedanken vermitteln. Die letzte Instanz würde Augustinus aber in Christus sehen, da dieser ihm als einziger vermitteln kann, was wahr oder falsch ist.
Aber woher bezieht Augustinus seine Erkenntnisse über Christus? Er hat ihn auch nur als historische Figur kennengelernt, und muß auf die Quellen vertrauen, die er von Christus hat. Direkt kennen gelernt wird Augustinus Christus kaum haben. Dies muß er auch durch schriftliche Überlieferungen, also durch Sprache gelernt haben.
Literaturverzeichnis
* Augustinus, De magistro, Über den Lehrer, Reclam 2793, Stuttgart 1998
* Coseriu, Eugenio, Geschichte der Sprachphilosophie, Tübingen 1968
* Kahnert, Klaus, Entmachtung der Zeichen, Augustin über Sprache, Bochum 1999
* Kuypers, K. , Der Zeichen und Wortbegriff im Denken Augustins, Amsterdam 1934
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