GLIEDERUNG:
1. Einleitung
2. Kritischer Rationalismus
3. Brezinkas Dreiteilung
3.1. Erziehungswissenschaft
3.2.Philosophie der Erziehung
3.3. Praktische Pädagogik
4. Werturteilsfreiheit
4.1.“ Wertfreiheit “ in der “ Erziehungswissenschaft “
4.2. “ Werturteile “ und “ normative Feststetzungen “ in der
“ Praktischen Pädagogik “
5. Kritik
6. Diskussion
7. Zusammenfassung
Diese Gliederung entstand in Zusammenarbeit mit Ulrike Jakobi.
Die Texte sind völlig unabhängig voneinander entstanden
1. Einleitung
Diese Hausarbeit stellt den Abschluss des Seminars über “ Wissenschafts-theoretische Richtungen in der Pädagogik “ dar . In diesem Seminar beschäftigten wir uns zuerst mit den Grundfragen der Wissenschaftstheorie . Hierbei behandelten wir unter anderem die Frage , was Wissenschaft sei und wie sich die einzelnen Wissenschaften voneinander unterscheiden .
Im Laufe des Seminars behandelten wir Themen wie die Unterscheidung von “ Theorie und Praxis “ , den “ wissenschaftlichen Teufelskreis von Frage und Antwort “ und dem Begriff der “ Wahrheit “ . In Ansätzen wurden auch die Themengebiete von “ Sprache und Logik “ und die Unterscheidung zwischen “ empirisch “ und “ hermeneutisch “ behandelt . Wegen mangelnder Zeitreserven am Ende des Semesters konnten die Gebiete “ empirischer Erziehungswissenschaft “ , “ kritisch - rationaler Erziehungswissenschaft “ , “ hermeneutisch - geisteswissenschaftlicher Erziehungswissenschaft “ und “ alltagsorientierter Erziehungswissenschaft “ nur sehr kurz behandelt werden .
Dieser Hausarbeit liegt das Konzept der “ kritisch - rationaler Erziehungswissenschaft “ zu Grunde . Genau wie jede andere der erwähnten Richtungen auch , hat sie ihre eigene Grundidee .
Unter dem Oberbegriff der “ kritisch - rationalen Erziehungswissenschaft “ ist es nun meine Aufgabe , zu erläutern “ ... inwiefern und warum “ Erziehungswissenschaft “ in kritisch - rationaler Erziehungswissenschaft wertfrei sein muss , inwiefern und warum “ Pädagogik “ auch “ Werturteile und normative Festsetzungen “ enthalten soll “ und abschließend wird es meine Aufgabe sein , die Berechtigung dieser Unterscheidung zu diskutieren .
Um das mir gestellte Thema möglichst effektiv zu behandeln , habe ich es wie folgt gegliedert :
Als erstes werde ich einen Überblick über den Ansatz des “ Kritischen Rationalismus“ geben , um die Hintergrundsituation möglichst klar darzustellen . Hierbei werde ich auch auf die Problematiken und Hauptthesen eingehen . Der darauf folgende Abschnitt ist weitgehend auf Wolfgang Brezinka bezogen . Ich werde mich mit seiner Idee der Teilung der Erziehungswissenschaft in drei Erziehungstheorien befassen und diese auch einzeln genauer betrachten . Hierbei werde ich auch sein Verständnis von “ Wissenschaft “ erläutern . Danach folgt die Problematik der “ Werturteilsfreiheit “ . Nach einer Begriffsklärung werde ich die in Brezinkas Dreiteilung gesehenen Erziehungstheorien der “ Erziehungswissenschaft “ und die der “ Praktischen Pädagogik “ in Bezug auf diese Problematik untersuchen .
Daran anschließend folgt ein Abschnitt , in dem ich besonderes Augenmerk auf die Kritik von Lehner und Wulff legen werde .
Dann folgt die in der Aufgabenstellung gefordert Diskussion der Berechtigung der Unterscheidung von werturteilsfreier Erziehungswissenschaft und Pädagogik , die Werturteile und normative Festsetzungen enthalten soll . Zum Schluss werde ich einer kurze Zusammenfassung geben .
2. Der Kritische Rationalismus
Der " Kritische Rationalismus " bildet den Hintergrund meiner Aufgabenstellung . Um einen Gesamtüberblick über das Thema erlangen zu können , erscheint es mir erforderlich , zuerst diesen Hintergrund etwas genauer darzustellen . Nach König und Zedler ( 1998, S.45 ) ist der " Kritische Rationalismus " eine wissenschafts-theoretische Entwicklung , die ihren Ursprung in den 30ger Jahren des letzten Jahrhunderts hatte . Diese neue Richtung entstand, weil die
Wissenschaftler in der Sichtweise des traditionellen Empirismus eine Problematik erkannten , die sich nicht auflösen ließ . Diese Problematik wurde als " Induktionsproblem " bezeichnet . Sie stellte dar , dass der Schritt von einer allgemeinen zu einer gesetzgebenden Aussage zu leicht sei . So " ... berechtigen uns noch so viele Beobachtungen von weißen Schwänen nicht zu dem Satz, dass alle Schwäne weiß sind ." ( König , Zedler ,1998, S.46) . Karl Popper entwickelte daraufhin eine neue Methode ( vgl. König, Zedler, 1998, S 45ff.) . Mit seinem " Prinzip der kritischen Prüfung" verband er die Idee , dass Aussagen , auch nach sehr kritischer Prüfung , nur solange als wahr beibehalten werden konnten , bis es gelänge sie zu widerlegen .
Dies war die Hauptthese des " Kritischen Rationalismus " . Übereinstimmend bezeichnen Prim und Tilman das Ziel des " Kritischen Rationalismus " als " ... die Ausschaltung von Irrtümern als Prozess der Annäherung an die Wahrheit . " ( Prim, Tilmann, 2000, S. 80 ) . Diese Entwicklung hatte ein neues Verständnis von Erziehungswissenschaft im wissenschaftlichen Sinne zur Folge , denn das " Prinzip der kritischen Prüfung " bedeutet eine ganz andere Arbeitsweise für die Wissenschaftler .
Hierauf werde ich in dem Abschnitt 3.1. noch genauer eingehen , wenn ich mich mit der “ Wissenschaft " in der Erziehungswissenschaft intensiv befasse . Die Entstehung des " Kritischen Rationalismus " hatte aber auch zur Folge , dass sich Popper mit dem Problem der Wertfreiheit beschäftigte , denn die Wertproblematik ist ein Themenbereich , mit dem nach wie vor nicht nur die Sozialwissenschaftler ihre Probleme haben. Popper knüpft hierbei an Max Weber an, der laut König und Zedler die These vertrat , dass es notwendig sei zwischen Tatsachenaussagen und Wertaussagen zu unterscheiden ( vgl. König, Zedler, 1998, S. 48f. ) .
Popper führt diesen Gedankengang weiter und beendet ihn mit dem Satz : " In wissenschaftlichen Aussagen dürfen keine Wertungen aufgestellt werden ." ( König, Zedler, 1998, S. 48) .
Ich werde an diese Stelle jedoch nicht weiter auf diese Problematik eingehen , sondern komme darauf in Punkt 4. der Gliederung ( “ Werturteilsfreiheit “ ) zurück .
3. Brezinka`s Dreiteilung
Wolfgang Brezinka ist , laut König und Zedler ( 1998, S. 52 ) , weniger Wissenschaftler als praktischer Pädagoge . Dennoch beschäftigt ihn die Wissenschaft , denn er ist der Meinung , dass eine praktische Pädagogik ohne Erziehungswissenschaft nicht möglich sei .
“ Es hat sich ... gezeigt, dass die detaillierten Erkenntnisse über die Wirklichkeit, die wir brauchen, um vernünftig handeln zu können , am besten dadurch zu gewinnen sind, dass man die Regeln der wissenschaftlichen Methoden befolgt .“ ( Brezinka zitiert nach König, Zedler, 1998, S. 52 ) . Brezinka vertritt also die Meinung , dass Wissenschaft für eine gute Erziehung notwendig sei.
Aber was versteht Brezinka unter Wissenschaft ?
In erster Linie kritisiert er die vorherrschende Sicht von Wissenschaft , denn er ist der Meinung , dass sie von Nicht-Wissenschaftlern missbraucht würde, und somit eine Unordnung in der Wissenschaft und Streitigkeiten zwischen den Wissenschaftlern entstehen müsse ( vgl. Brezinka in Röhrs, Scheuerl (Hrsg.), 1989 , S. 71ff.) . Folglich könne keine gute “ Praktische Pädagogik “ ausgeübt werden , denn die Wissenschaft sei gestört .
Brezinka macht hier des weiteren deutlich , dass er den Grund für den Streit der Wissenschaftler darin begründet sieht , dass es keine einheitlichen Regeln für Wissenschaft gibt . Er gibt hier jedoch auch einen Lösungsvorschlag für das Problem , welches er vorher angeklagt hatte . So geht er davon aus , dass es keinen Unstimmigkeiten mehr gäbe , wenn neu festgelegte " Qualitätsmaßstäbe " ( vgl. Brezinka in Röhrs, Scheuerl (Hrsg.) , 1989, S. 71f.) ein bestimmtes Niveau von Wissenschaft gewährleisten würden und es somit klare Richtlinien dafür gäbe , was Wissenschaft ist , und was nicht . Diese " Übereinkunft " ( vgl. Brezinka nach Wulff, 1977 S. 82 ) würde sicherstellen , dass Wissenschaft nur noch von echten Wissenschaftlern ausgeübt werden könne .
Ein weiteres Problem, welches Brezinka in der Wissenschaft sieht , ist die Vielfältigkeit der Erziehungsrichtungen , was , so macht er deutlich , auch Einfluss
auf das Verhältnis zwischen den Wissenschaftlern hat ( Brezinka in Röhrs, Scheuerl, ( Hrsg.) , 1989, S.72) .
Um diese Vielfältigkeit einzugrenzen , legte Brezinka drei Hauptgruppen von Erziehungstheorien fest ( Brezinka in Röhrs, Scheuerl (Hrsg.) , 1989, S. 73) . Mit dieser Dreiteilung , stellt er sicher , dass alle Bereiche , auch die , die über die “ Erziehungswissenschaft “ hinaus gehen , in einer Hauptgruppe untergeordnet sind ( Wulff, 1977, S.82 ) .
1. " Erziehungswissenschaft "
2. " Philosophie der Erziehung "
3. " Praktische Pädagogik "
Nach Wulff stellt dieses von Brezinka entwickelte Modell das bis zu dem Zeitpunkt " ...konsequenteste Modell einer auf dem Wissenschaftsprogramm des Kritischen Rationalismus beruhenden Erziehungswissenschaft dar." ( vgl. Wulff, 1977, S. 80 ) . An gleicher Stelle macht Wulff deutlich , dass das Ziel diese neuen Modells ausschließlich die " Gewinnung von Erkenntnissen " sei .
Brezinka geht bei seiner Dreiteilung davon aus , dass er alle Bereiche von Erziehung abdeckt . Er macht deutlich , dass es wichtig sei , alle Erziehungsfragen zu berücksichtigen , denn allen diesen Fragen , egal aus welchem Bereich von Erziehung sie kommen, stehe die gleiche angemessene Bearbeitung zu ( Brezinka in Röhrs , Scheuerl ( Hrsg.) , 1989 , S. 74) .
In den Punkten 3.1. bis 3.3. werde ich diese drei Hauptgruppen etwas genauer betrachten , um somit einen Überblick geben zu können .
Auf die in der Aufgabenstellung gegeben Problematik werde ich, wie schon erwähnt , erst in Punkt 4.2 und 4.3 kommen . Dort werde ich mich dann auch nur mit der Wertfreiheit in der " Erziehungswissenschaft " und in der " Praktischen Pädagogik " beschäftigen . Die "Philosophie der Erziehung" werde ich nur in dem Punkt 3.3. behandeln , da sie weder Teil der Aufgabenstellung , noch für die zu behandelnde Problematik wichtig erscheint .
3.1. Erziehungswissenschaft
Der Begriff " Erziehungswissenschaft " setzt sich aus den beiden Teilbegriffen " Erziehung " und " Wissenschaft " zusammen .
Im ersten Schritt verstehe ich " Erziehung " als die Tätigkeit eines Erziehers . Die Aufgabe eines Erziehers wiederum ist es, zu erziehen . Der Erzieher erzieht jemanden , meistens Kinder . Meiner Meinung nach tut er dies , um die Entwicklung des zu erziehenden Kindes im positiven Sinne zu beeinflussen , und das Kind somit bei seinem Einstieg in ein eigenverantwortliches Leben zu unterstützen . Weber sah " Erziehung " durch " ...solche sozialen Handlungen definiert , die nach Sinn und Ablauf daran orientiert sind, Einfluss auf die Persönlichkeitsentwicklung bzw. die innere Disposition von anderen Menschen zu nehmen. " ( Weber zitiert nach Prim , Tilmann , 2000 , S. 149 ) .
Der zweite Teil der “ Erziehungswissenschaft “ ist die “ Wissenschaft “ . In erster Linie ist “ Wissenschaft “ die Tätigkeit eines Wissenschaftlers . Nun stellt sich die Frage , was ein Wissenschaftler tut . Ich teile hierbei die Ansicht von Alemann und Forndran , nach deren Definition “... gilt Wissenschaft als eine systematische Tätigkeit , deren Ziel ein System von Sätzen ist , die auf die Wirklichkeit gerichtet sind - ...“ ( Alemann , Forndran , zitiert in Konegen , Sondergeld , 1985 , S. 22 ) .
Koch und Narr definieren ähnlich . Sie sind der Meinung , dass es “... Anspruch aller wissenschaftlicher Analysen , richtige Aussagen über wirkliche Sachverhalte zu machen.“ , ist . ( Koch , Narr zitiert in Konegen , Sondergeld , 1985 , S.22) . Aber was ist “ richtig “ und was ist “ wirklich “ ?
Brezinka gibt darauf keine Antwort . Er stellt jedoch einige Anforderungen an “ Wissenschaft “ .
Er fordert für den Begriff der " Erziehungswissenschaft " , dass dieser getrennt von der " Weltanschauung " und frei von " Werturteilen " sei ( Brezinka , 1978, S. 73 ) , denn nur dies werde der " Wissenschaft " gerecht . An gleicher Stelle macht er auch deutlich, dass gerade die " Werturteilsfreiheit " genaue Forderungen an die " Wissenschaft " stelle . Aber ist es in Sozialwissenschaften überhaupt möglich ?
Ich bin der Meinung , dass gerade Erziehung , die mit sehr vielen unterschiedlichen Emotionen und zwischenmenschliche Beziehungen verbunden ist , nicht ohne Werte sein kann .
Brezinka gibt eine Lösung , indem er weiter Forderungen an die " Wissenschaft " und deren Methodik stellt .
So müsse schon die Sprache in der Wissenschaft werturteilsfrei sein . Die wissenschaftliche Sprache müsse von " Klarheit " geprägt sein ( Brezinka, 1978, S. 81 ) . Des weiteren fordert er die Vermeidung von " Mehrdeutigkeit " und " Vagheit " ( Brezinka, 1978, S. 81 ) , die Beibehaltung der Verständlichkeit ( Brezinka, 1978, S. 88) , die Unterscheidung von " Wort , Begriff und Wirklichkeit " ( Brezinka, 1978, S. 82 ) , die Beachtung des Informationsgehalts der wissenschaftlichen Aussagen ( Brezinka, 1978, S. 88) und die Unterscheidung von " Meta-" und " Objektsprache" ( Brezinka, 1978, S. 91f.) . An dieser Stelle sollte auch noch erwähnt werden , dass es für Brezinka zwei Arten von “ Wissenschaft “ gibt .
Als erstes versteht er die “ Wissenschaft als Produkt “ ( Brezinka , 1978, S.97 ) . Diese sieht er als ein “ System aus Sätzen “ , in dem nur die Sprache als Phänomen wichtig sei , und welches die wissenschaftlichen Methoden beinhalte . Die zweite Art der “ Wissenschaft “ ist die “ Wissenschaft als Prozess “ . Diese besteht in den Handlungen, die nur durch “ Systeme aus Sätzen “ zustande kommen ( Brezinka, 1978, S. 97).
Er macht also auch hier eine Unterscheidung in eine eher theoretischen ( “ Wissenschaft als Produkt “ ) und in einen eher praktischen ( “ Wissenschaft als Prozess “ ) Teil .
Zusammen fassend kann man sagen , dass Brezinka sich um den Begriff der "Wissenschaft " in der " Erziehungswissenschaft " sorgt und deshalb durch die oben erwähnten Forderungen versucht , Richtlinien für " Wissenschaft " zu geben . Brezinka`s Forderungen belaufen sich weitgehend auf die " Werturteilsfreiheit " in der " Erziehungswissenschaft " . Wie und warum er dies tut werde ich in 4.1. genauer erläutern .
“ Erziehungswissenschaft " ist also die “ Wissenschaft “ von der “ Erziehung “ . D. h. wiederum nach Prim und Tilmann , dass " Erziehungswissenschaft " eine empirische Sozialwissenschaft ist "... , die sich deskriptiv und explikativ mit Erziehungshandlungen sowie mit deren gesellschaftlichen Voraussetzungen und Wirkungen beschäftigt . " ( Prim, Tilmann, 2000, S. 149 ) .
3.2. Philosophie der Erziehung
Ich möchte diesen Teil nur kurz erläutern , denn er ist nicht Bestandteil der in der Aufgabenstellung erläuterten Problematik . Dennoch sollte er nicht unterschlagen werden , denn Brezinka betont , dass keine seiner drei Erziehungs-theorie geringer geschätzt werden sollte als ein andere, dass aber auch keiner von Kritik ausgenommen sein dürfe ( Brezinka, 1989, S. 79 ) . Brezinka teilt die " Philosophie der Erziehung " in die " Erkenntnistheorie pädagogischer Aussagen " und in die " Moralphilosophie der Erziehung " ( Brezinka nach Wulff, 1977, S. 88) .
Er macht deutlich , dass die “ Philosophie der Erziehung “ der Abschnitt von Erziehungstheorien sei , der das behandeln sollte , was nicht in die “ Erziehungswissenschaft “ eingefasst war , was aber auch nicht zur “ Praktischen Pädagogik “ gezählt werden könne . Die “ Philosophie der Erziehung “ sollte sich somit mit den folgenden Fragestellungen beschäftigen .
Diese beinhalten " die Bestimmung der Zwecke oder Ziele der Erziehung " , "die philosophischen Grundlagen der Erziehungswissenschaft und anderer pädagogischer Aussagensysteme ", " die Synthese unseres Wissens über Erziehung " , " die Metaphysik bzw. Transzendentalphilosophie der Erziehung " , " die Hermeneutik der Erziehungswirklichkeit " und die “ Philosophie der Erziehung und die weltanschauliche Pädagogik" ( Brezinka zitiert nach Wulff, 1977, S.88 ) .
3.3. Praktische Pädagogik
Der letzte Abschnitt in Brezinka`s Dreiteilung ist die " Praktische Pädagogik " . Betrachtet man diesen von Ausdruck wörtlich , so wird deutlich , dass sie das Gegenteil von theoretisch beschreibt . Brezinka sah seine " Praktische Pädagogik " als den Teil seiner Dreiteilung an , der für das " Handeln " (Wulff, 1977, S.92) , also für das Ausführen der Erziehung zuständig sei .
Die " Erziehungswissenschaft " und die " Philosophie der Erziehung " hingegen ordnete er mehr dem theoretischen Teil zu . Dennoch ist die " Praktische Pädagogik " in Brezinka`s Augen ein gleichberechtigter Teil seiner Erziehungstheorien , also genau wie die " Erziehungswissenschaft " und die " Philosophie der Erziehung " eine Wissenschaft . Es ist daraus zu schließen , dass er die " Praktische Pädagogik " mehr als eine praktische Wissenschaft ansieht , wobei dann noch zu klären bleibt , ob es eine praktische Wissenschaft nach seinem Wissenschaftsverständnis überhaupt geben kann . Hierzu kann ich jedoch erst im 5. Abschnitt kommen, wenn ich in 4. die " Erziehungswissenschaft " ( 4.1.) und die " Praktische Pädagogik " ( 4.2.) noch intensiver bearbeitet habe .
4. Werturteilsfreiheit
Nachdem ich nun das Umfeld der eigentlichen Aufgabenstellung dargestellt habe , möchte ich nun zur schon angekündigten Bearbeitung der Fragestellung kommen , die sich mit der Problematik der " Werturteilsfreiheit " befasst . Als erstes sollte nun geklärt werden , was " Werturteile " eigentlich sind . Dieser Begriff setzt sich aus den Teilen " Wert " und " Urteil " zusammen . Der Ausdruck " Wert " bedeutet für mich , dass jemand etwas bewertet . Er bewertet etwas , indem er einem Gegenstand , einer Person , einer Situation , usw. eine Eigenschaft zuteilt , so wie er sie einschätzt . Es kann alles von jedem
bewertet werden . Im Leben ist nichts von Wertung ausgeschlossen . Gerade dies macht eine “ Werturteilsfreie Erziehungswissenschaft “ so schwierig . " Werturteilsfreiheit " bedeutet also frei übersetzt , dass sich niemand über den " Wert " ( s.o.) von etwas ein Urteil bilden soll oder darf . Hans Albert , der sich ebenfalls im Rahmen des “ Kritischen Rationalismus “ mit der Wertproblemantik beschäftigte , macht eine Unterscheidung zwischen ” Wertbasis “ , “ Wertung im Objektbereich “ und “ Werturteilen “ .
Unter der “ Wertbasis “ versteht Albert solche “ Normen , die wissenschaftliches Vorgehen leiten . “ ( König, Zedler, 1998. S. 48) . Sie gehören also nicht als ein Teil zur Wissenschaft , sondern sie weisen der Wissenschaft nur den Weg . In ihr sind “ Werturteile “ und “ Normative Festsetzungen “ erlaubt , denn sie liegen außerhalb des wissenschaftlichen Bereichs.
Als “ Wertung im Objektbereich “ sieht Albert die Aussagen an , die in einer Wissenschaft über eine Wertung gemacht werden . Er sieht dies also als eine Wertung an , die aber von außen auf die Wissenschaft blickt , und somit keinen Einfluss auf sie hat . Auch hier sind “ Werturteile “ zugelassen , denn die Grenze zwischen deskriptiven und normativen Sätzen verschwimmt hier. Nur die “ Werturteile “ sind nach Albert ( s.o.) normative Aussagen , die innerhalb einer Wissenschaft gemacht werden .
4.1 " Wertfreiheit " in der " Erziehungswissenschaft " “ Wer erzieht , wertet . “ ( Brezinka , 1978, S.92 ) . Dieser Satz von Brezinka ist ausschlaggebend für die Werturteilsproblematik . Brezinka macht hier ganz klar deutlich , dass eine Erziehung ohne Wertung nicht möglich ist . Erziehung beinhaltet viele Emotionen und Menschlichkeiten , genau wie jede andere soziale Handlung auch .
Aber wie lassen sich die Werte in einer “ Wissenschaft “ unterbringen ? Wie schon erwähnt , macht Brezinka eine Unterteilung der Wissenschaft in “ Wissenschaft als Produkt “ und “ Wissenschaft als Prozess “, wobei die “ Wissenschaft als Produkt “ ein System von Satzgefügen und die “ Wissenschaft als Prozess “ das darauf bezogene Handeln beschrieben . Im Bereich des wissenschaftlichen Handelns sind Werturteile unbedingt erforderlich , so Brezinka , denn diese Handeln auf Grund der “ Wissenschaft als Produkt “ sei ohne Wertungen und Normen , auf denen sie begründet sind , nicht möglich . An dieser Stelle möchte ich an Hans Albert erinnern , der mit der Unterscheidung von “ Wertbasis “ , “ Wertung im Objektbereich “ und “ Werturteilen “ die Werturteilsproblematik behandelt ( König, Zedler, 1998, S. 48 ) . Er stellt sicher, dass sich die Forderung nach “ Werturteilsfreiheit “ nur auf die “ Werturteile “ , die als einziger Punkt innerhalb der Wissenschaft liegt , beziehen . Auch bei Brezinka bezieht sich diese Forderung nur auf den Bereich , der innerhalb der Wissenschaft liegt , also auf die “ Wissenschaft als Produkt “ . Brezinka hat bestimmte Forderungen an die Wissenschaft . So sind es die wissenschaftlichen Methoden, wie “ ... die Forderung nach Klarheit , nach logischer Richtigkeit , intersubjektiver Nachprüfbarkeit und Informationsgehalt der Sätze , nach Genauigkeit beim Beobachten und Messen , nach Werturteilsfreiheit .“ ( Brezinka, 1978, S.98 ) , die er für unumgänglich hält . D.h. , dass Wissenschaft “ deskriptiv “ sein muss , denn sie darf nur Tatsachen beschreiben .
Nach Brezinka bedeutet die “ Forderung nach Werturteilsfreiheit “ nicht , dass Werturteile völlig aus den empirischen Wissenschaften ausgeschlossen werden müssen . Für ihn ist es lediglich erforderlich , dass die “ Werturteile “ auch klar als solche zu erkennen sind . Auch scheint es für ihn notwendig die Unterscheidung zwischen “ Werturteilen “ und “ Normativen Sätzen “ zu treffen ( Brezinka , 1978 , S. 100 ).
Als nächstes sollt jedoch zuerst geklärt werden , was “ Werturteile “ und was “ Normative Festsetzungen “ für Brezinka bedeuten .
Nach Brezinkas “... Auffassung ist ein Werturteil eine Aussage , deren Gültigkeit nicht nur von der Übereinstimmung mit den Tatsachen abhängt , auf die sie sich bezieht , sondern auch davon , dass sie direkt oder indirekt mit einem Wertungsgrundsatz zusammenhängt . “ ( Brezinka , 1978, S. 95 ) . Diese “ Werturteile “ müssen jedoch von “ Normativen Sätzen “ unterschieden werden . Ein “ Normativer Satz “ beinhaltet eine Sollens-Aussage . Er steht im Unterschied zu Ist-Sätzen ( “ deskriptiv “) . “ Normative Sätze “ sind ein Unterteil von Werturteilen . Sie beruhen jedoch auf Normen, also auf Sollens- Aussagen , auf Verbote und Geboten ( Brezinka, 1978, S.97 ) .
Es ist jedoch nicht immer einfach , “ Werturteile “ und “ Normative Festsetzungen “ zuerkennen . Es gibt manche Ausdrücke, die sowohl beschreibend , als auch wertend angewendet werden können .
Brezinka hält es also für erforderlich , dass eine klare Erkennung der Werturteile in einer Wissenschaft gegeben sei . So fordert er die Einsicht der “ ... Unterschiede zwischen Erkenntnis und Entscheidung , Beschreibung und Wertung , Sein und Sollen , Tatsachenaussagen, Werturteilen und Normen .“ ( Brezinka, 1978, S.100 ) . Erst diese Unterscheidung macht die Erkennung von “ Werturteilen “ und “ Normativen Festsetzungen “ in einer wissenschaftlichen Aussage möglich . “ Erziehungswissenschaft “ muss also in der Form wertfrei sein , dass die “Werturteile “ und “ Normativen Festsetzungen “ , die in erziehungswissenschaftlichen Aussagen vorkommen , klar als solche zu erkennen und zu unterscheiden sein müssen . Dies muss nach Brezinka so sein , um seine wissenschaftlichen Methoden angewendet zu wissen .
4.2. “ Werturteile“ und “normative Festsetzungen “ in der
“ Praktischen Pädagogik “
Die “ Praktische Pädagogik “ erfüllt andere Zwecke als die “ Erziehungs-Wissenschaft “ . Sie ist nach Brezinka mehr für das erzieherische “ Handeln “ zuständig ( Brezinka nach Wulff , 1977, S. 92 ) .
Es stellt sich hier nun die Frage , in wieweit und ob überhaupt diese eher praxis-orientierte Abschnitt aus Brezinka`s Dreiteilung denn nun , wie für eine Wissenschaft gefordert , “ werturteilsfrei “ und “ frei von normativen Festsetzungen “ sein kann , sein muss oder sein darf .
Die “ Praktische Pädagogik “ enthält vier verschiedene Themengebiete . Es ist an dieser Stelle notwendig, sie alle einzeln zu untersuchen und somit zu klären , inwiefern sie wissenschaftlich sein können bzw. wissenschaftlich sein dürfen . Das erste Themengebiet umfasst die “ gesellschaftlich - kulturelle “ Situation des Erziehers.
Es gibt nur wenig Anhaltspunkte für einen praktischen Pädagogen , in denen er sich an der Forschung orientieren könnte . Wenn eine Erzieher eine Darstellung von objektiven Tatbeständen gibt , kann er dies nur in einer für jeden erkennbaren subjektiven Interpretation tun . Jede dieser Interpretationen ist individuell unterschiedlich . Jeder hat also einer breite Auswahl an Tatsachen , die er in seiner Darstellung wiedergeben kann . Es ist nach Brezinka jedoch zu berücksichtigen , dass die Subjektivität der Interpretation als solche hinterfragt wird . In diesem Teil der " Praktischen Pädagogik " ist eine Wertung also unumgänglich und auch unbedingt notwendig , denn jede Interpretation , die der Erzieher von einem Tatbestand gibt , enthält auch immer eine Wertung . Diese Wertung in der Interpretation ist jedoch klar als solche erkennbar und versucht gar nicht sich als Objektivität auszugeben ( Brezinka , 1978 , S. 254 ) . Der zweite Bestandteil ist der “ teleologische “ .
In diesem Abschnitt behandelt Brezinka die Frage , wohin erzogen werden soll . Ein Erzieher soll ein bestimmtes Ziel erreichen . Laut Brezinka muss er sich hierfür
an Werten orientieren und auf diese hinarbeiten . Hinterfragt er diese Werte , die ihm sowohl als Orientierung , als auch als Ziel dienen sollten permanent , so verlieren diese Werte ihren Status als solche . Ein Erzieher , der also seine Werte auf Grund von zu viel Hinterfragung verliert , behält womöglich keine Werte mehr übrig auf die er hinarbeiten kann . Er würde damit auch seine Erziehungsziele gefährden . Auch hier ist Wertung vorhanden und sie ist unbedingt notwendig , denn wie schon erwähnt geben sie dem Erzieher sowohl Orientierung , als auch Ziel ( Brezinka , 1978 , S. 255 ) .
Als dritter Bestandteil der “ Praktischen Pädagogik “ folgt der “ methodische “ Teil . Es werden hier die methodischen Bestandteile der “ Praktischen Pädagogik “ behandelt , also die Regeln für erzieherisches Handeln . Es gibt wenig psychologisch- soziologische Forschungsergebnissee , an denen sich ein praktischer Pädagoge orientieren könnte . Er ist also in vielen Fällen gezwungen sich mit seinem gesunden Menschenverstand zu begnügen . Um diesen sicherlich unzureichenden Menscherverstand wissenschaftlich unterstützen zu können , müssen 1. noch nicht gänzlich belegte Gesetzmäßigkeiten auch als vorläufig , also das Prinzip des kritischen Rationalismus befolgend , gekennzeichnet werden. 2. muss deutlich gemacht werden , dass derartige Regeln aus wissenschaftlichen Untersuchungen nicht genauso in eine wesentlich komplexere Alltagssituation des Praktischen Pädagogen übernommen werden können ( Brezinka , 1978 , S.256) . Nur auf diesem Wege wird die “ Praktische Pädagogik “ im Lauf der Zeit wissenschaftlich Erkenntnisse in ihre praktische Tätigkeit einbauen können . Die Anwendung des gesunden Menschenverstandes wird also nach Brezinka nur noch so lange nötig sein , bis es wissenschaftlich belegte Gesetzmäßigkeiten für jede Situation des handelnden Erziehers gibt ( Brezinka , 1978 , S. 257 f. ) . In diesem Teil ist Wertung vorhanden . Brezinka sieht es jedoch also erforderlich an , dass , sobald es wissenschaftliche Mittel dafür gebt , die Wertung völlig aus diesem Teil verbannt werden müsse .
Als vierter und letzter Teil benennt Brezinka den “ berufsethisch - motivierenden “ Bestandteil.
In diesem Teil erläutert Brezinka , dass ein Erzieher in der “ Praktischen Pädagogik “
das Angebot an Erziehungstheorien , dass ihm durch die Erziehungswissenschaft gemacht wird , kritische prüfen kann und sich und seine Erziehung daran orientieren kann . Er kann und muss also frei entscheiden, welche der vorgegebnen wissenschaftlich entwickelten Erziehungstheorien er befolgen möchte und welche nicht . Die Erzieher werden motiviert über ihre rein berufliches Interesse hinaus , sich weiterzubilden und diese Entscheidungsfreiheit auszunutzen ( Brezinka , 1978 , S. 259 ff. ) .
5. Kritik
Lehner gibt uns vier Hauptkritikpunkte vor , die gegen die Forderung nach “ Werturteilsfreiheit “ sprechen .
Als erstes nennt er “ die angebliche Paradoxie der Forderung nach Werturteilsfreiheit “ ( Lehner , 1994 , S.141) . Kritiker argumentieren , dass die Forderung nach Werturteilsfreiheit selbst eine Wertung sei . Es sei paradox Werturteilsfreiheit zu fordern und gleichzeitig mit dieser Forderung selbst eine Wertung aufzustellen . An dieser Stelle wird des weiteren deutlich , dass die Forderung nach Werturteilsfreiheit auch schon deshalb irreal sei , weil jeder Wissenschaftler ein Mensch sei , der sich von seinem historischen , kulturellen , gesellschaftlichen und sozialem Umfeld nicht völlig abgrenzen könne.
Jede wissenschaftlich Erkenntnis , die ein Wissenschaftler verfasse , sei deshalb nie ganz sicher , sondern immer nur “ wahrscheinlich “ ( Lehner , 1994 , S. 143 ) . Des weiteren gibt Lehner “ Philosophisch - ontologische Einwände “ zu bedenken. Dies Einwände basieren auf der Annahme , dass “ Sein und Sollen “ , also Tatsache und Wertung , miteinander verbunden sind . Träfe dies zu , so gäbe es eine “ objektive Wertung “ , die in der Wissenschaft Sollensforderungen ausdrücke . Unter diesen Umständen wäre das Prinzip der Werturteilsfreiheit nicht zu halten ( Lehner , 1994 , S.143 ff. ).
Der dritte Kritikpunkt beinhaltet zwei “ Wissenschaftspraktische Einwände “ . Der erste Punkt basiert auf der Annahme , dass in früheren pädagogischen Texten noch keine klare Trennung von Tatschen und Wertungen gemacht wurde ( Lehner , 1994 , S.146) . Er gibt hierbei zu bedenken , dass die Inhalte solcher Texte nicht “ wissenschaftlich wertlos “ ( s.o.) seien .
Er merkt an , dass das Wissen aus diesen Büchern durchaus genutzt werden sollte . Er warnt jedoch davor dieses Wissen nicht kritisch , also mit dem Bewusstsein der Werturteilsinhalte , zu untersuchen .
Der zweite “ Wissenschaftspraktische “ Kritikpunkt beschäftigt sich mit der Tatsache , dass auch die Norm der “ Werturteilsfreiheit “ übertreten werde und dass es von grundlegender Wichtigkeit sei , zwischen inner-und außerwissenschaftlichen Werten zu unterscheiden . Lehner`s letzter Kritikpunkt beinhaltet “ gesellschaftspolitische Einwände “ . Lehner gibt hier die gesellschaftspolitische Stellung des Wissenschaftlers in die Kritik .
Der Wissenschaftler sei nicht nur Wissenschaftler , sondern auch ein Mensch , der sowohl an gesellschaftlichem , als auch an politischem Leben teil habe . Dieser Wissenschaftler könnte nach Lehner geneigt sein eher das zu verfassen , was andere von ihm sehen wollten und somit wäre auch hier die Frage der Wert-Urteilsfreiheit kritisch zu hinterfragen .
Wulff hingegen kritisiert auf einer anderen Ebene. Er gibt als erstes zu bedenken , dass die Teilung Alberts in “ Wertbasis “ , “ Wertung im Objektbereich “ und in “ Werturteile “ nicht den gewünschten Erfolg bringe , wenn man betrachte , dass nach dem Prinzip des “ Kritischen Rationalismus “ alles einer kritischen Prüfung unterzogen werden müsse . Versuche man dies bei der von Albert aufgestellten “ Werturteilen “ , so kommt man nach Wulff zu dem Schluss , dass schon durch die kritische Prüfung von Werturteilen die “ Werturteilsfreiheit “ aufgegeben werde , denn schon dies sei Wertung ( Wulff , 1977, S. 114 ) . Des weiteren gibt Wulff an , dass die “ Praktische Pädagogik “ als mindere Wissenschaft dargestellt werde , denn in ihr seien “ Wertung “ und “ Normative Festsetzungen “ nötig . Der “ methodische “ Teil enthalte diese jedoch nur , weil die Erziehungswissenschaft bisher nicht in der Lage war , wissenschaftliche Methoden für die “ Praktische Pädagogik zu entwickeln . Nach Wulff gelange die “ Praktische
Pädagogik “ zu etwas wissenschaftlichen Ansehen , wenn es dennoch möglich sei , das Prinzip der kritischen Prüfung auf sie anzuwenden ( Wulff , 1977 , S. 115 ) . Auch gibt Wulff die Forderung der strikten Trennung von “ Werturteilen “ und “ Normativen Festsetzungen “ zur Kritik . Er gibt an , dass das Prinzip der Werturteilsfreiheit mehr und mehr fruchte , je weiter man sich von der “ Praktischen Pädagogik “ in Richtung der “ Erziehungswissenschaft “ entferne ( Wulff , 1977, S. 114 ff.) . Die Trennung von “ Werturteilen “ und “ Normativen Festsetzungen “ lasse sich also nicht aufrecht erhalten .
6. Diskussion
Es gilt nun die Berechtigung der Unterscheidung zwischen einer “ Erziehungswissenschaft “ , die keine “ Werturteile “ enthalten darf und einer “ Praktischen Pädagogik “ , die “ Werturteile “ und “ Normative Festsetzungen “ soll , zu diskutieren .
In der Erziehungswissenschaft sind Werturteilsprüfungen positiv , denn sie verhindern dogmatische Annahmen in ihr . Auch soll die Forderung nach “ Werturteilsfreiheit “ die Wissenschaft in Brezinka`s Sinne von Subjektivität freihalten . Eine Problematik zeigt sich schon am Anfang einer Forschung , denn schon die Auswahl einer zu bearbeitenden Theorie durch den Wissenschaftler erfolgt subjektiv ( Brezinka , 1978 , S. 97 ) .
Auch werden durch das Prinzip der Werturteilsfreiheit wesentliche Forschungsfelder von vorn herein ausgeschlossen . So z. B. die wissenschaftliche Untersuchung vorgegebener Werte und Normen .
Der praktische Pädagoge hingegen darf , damit seine Tätigkeit effizient wird , sich durchaus Gedanken über die Funktion seines Handelns in “ gesellschaftlichekulturellem “ und “ teleologischen “ Kontext machen ( Brezinka , 1978 , 253 ff.) . Da die “ Erziehungswissenschaft “ bislang nicht in der Lage ist die Praxis anzuleiten , soll und muss der praktische Pädagoge sich auf seinen “ gesunden Menschen-
verstand “ stützen ( Brezinka , 1978 ,S.257 ). Hier zeigt sich, wie wenig Brezinka selbst wohl unterschwellig von seiner “ Erziehungswissenschaft “ gehalten haben muss , denn auch in seinen Augen war sie nicht in der Lage , der “ Praktischen Pädagogik “ klare Vorgaben zu mindest über den “ methodischen Bestandteil “ zugeben .
Es zeigt sich wie wenig fruchtbar Brezinka`s strikte Trennung von “ Erziehungs-Wissenschaft“ , “ Philosophie der Erziehung “ und “ Praktischer Pädagogik “ ist . Auch muss hier angezweifelt werden , ob diese inhaltliche Trennung sinnvoll ist . Umgekehrt lässt Brezinka`s Darstellung auch nicht erkennen , denn jemals Erkenntnisse der “ Praktischen Pädagogik “ , so es denn solche nach seinem Konzept überhaupt geben kann , in die “ Erziehungswissenschaft “ einfliessen könnten .
“ Erziehungswissenschaft “ als rein theoretischen Konzept erscheint unnötig , wenn sie keinen Bezug zur Praxis , also zur “ Praktischen Pädagogik “ , haben kann . Genauso kann eine “ Praktische Pädagogik “ ohne theoretische Unterstützung durch die “ Erziehungswissenschaft “ nicht zu systematischen Erkenntnissen gelangen .
7. Zusammenfassung
Die Bearbeitung des Themas fand unter dem Hintergrund des “ Kritischen Rationalismus` “ statt . Dieser ist der eigentliche Grund dafür , dass die Problematik der “ Werturteilsfreiheit “ überhaupt so umstritten ist . Erst das neue Verständnis von “ Wissenschaft “ , nach welchem eine wissenschaftliche Aussage nur durch sehr kritische Prüfung bearbeitet werden dürfe , machte das Werturteilsproblem überhaupt deutlich .
Brezinka`s Dreiteilung der Erziehungstheorien in “ Erziehungswissenschaft “ , “ Philosophie der Erziehung “ und “ Praktische Pädagogik “ war genau wie Albert`s Einteilung in “ Wertbasis “ , “ Wertung im Objektbereich “ und “ Werturteil “ ein Versuch mit dieser Problematik umzugehen.
Ich habe in meiner Arbeit diese Problematik genau betrachtet und komme zu dem Schluss , dass “ Wer erzieht , wertet. “ ( Brezinka , 1978 , S.92 ). Viele Wissenschaftler haben versucht Werte aus den Sozialwissenschaften zu verbannen , und sich somit anderen weitaus wissenschaftlicher erscheinenden Disziplinen anzupassen .
Es sollte diesen Wissenschaftler jedoch klar sein , dass sie objektiv gesehen dieses Ziel niemals erreichen können , denn Sozialwissenschaften sind zwar “ Wissenschaften “ gleichzeitig sind sie aber auch “ sozial “. Der Fortschritt wird immer wieder neue Erkenntnisse und Theorien der “ Erziehungswissenschaften “ mit sich bringen . Die “ Praktische Pädagogik “ , also das Handeln eines Erziehers und gleichzeitig eines Menschens , wird jedoch niemals “ verwissenschaftlicht “ werden können.
Quellenverzeichnis :
BREZINKA, W.: Metatheorie der Erziehungswissenschaft. Eine Einführung in die Grundlagen der Erziehungswissenschaft. München 1978.
BREZINKA, W.: Empirische Erziehungswissenschaft und andere Erziehungs-Theorien. Differenzen und Verständigungsmöglichkeiten. In: RÖHRS, H., SCHEUERL , H. ( Hrsg. ): Richtungsstreit in der Erziehungswissenschaft und pädagogische Verständigung. Frankfurt 1989.
KONEGEN, N., SONDERGELD, K.: Wissenschaftstheorie für Sozialwissenschaftler. Opladen 1985.
KÖNIG, E., ZEDLER, P.: Theorien der Erziehungswissenschaft. Einführung in Grundlagen, Methoden und praktische Konsequenzen. Weinheim 1998. LEHNER, H.: Einführung in die empirisch-analytische Erziehungswissenschaft. Wissenschaftsbegriff , Aufgaben und Werturteilsproblematik. Bad Heilbrunn 1994. MAREN-GRISEBACH, M.: Theorie und Praxis literarischer Wertung. München 1974. OSTERLOH, J.: Wahrheit ,Objektivität und Wertfreiheit in der Erziehungswissenschaft : begriffsanalytische und methodische Untersuchungen. Bad Heilbrunn 1991 .
PRIM, R., TILMANN, H.: Grundlagen einer kritisch-rationalen Erziehungs-Wissenschaft. Wiebelsheim 2000 , 8.Auflage.
WULFF, C.: Theorien und Konzepte der Erziehungswissenschaft. München 1977.
Arbeit zitieren:
Kari-Linn Bargfeld, 2000, Werturteilsfreiheit in der Erziehungswissenschaft, München, GRIN Verlag GmbH
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