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Inhaltsverzeichnis
0. Einleitung 1
1. Argumente gegen die Abgrenzung von Komposition und Derivation:
Die Kompositionstheorie der Affigierung’ (Tilman Höhle)
1.1. Grundgedanken
1.1.1. Wortartmarkierung von Affixen 1
1.1.2. Lexikoneinträge 3
1.2. Parallelen von Komposition und Derivation
1.2.1. Die Kompositionsregularität 4
1.2.2. Paraphrasierung 4
1.2.3. Semantische Determination 5
1.2.4. Suffixoide 5
1.2.5. Fugenelemente und Elision 6
1.2.6. Argumentvererbung
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1.2.7. Zusammenbildungen 7
2. Argumente für die Abgrenzung von Komposition und Derivation:
2.1. Kritik der Kompositionstheorie der Affigierung’ (Marga Reis)
2.1.1. Wortartmarkierung von Affixen 9
2.1.2. Lexikoneinträge 9
2.1.3. Zusammenbildungen 10
2.1.4. Positionsverhalten 10
2.1.5. Wortbildungsregeln 11
2.1.6. Sprachspezifisches Verhalten 11
2.1.7. affixlose Derivation 11
2.1.8. Fazit 12
2.2. Argument-Linking’ bei Adjektivkomposita (Susan Olsen)
2.2.1. Definition Suffixoid’ 13
2.2.2. Nominalkomposita 13
2.2.3. Argument-Linking’ 14
2.2.4. Fazit 15
3. Zusammenfassung 15
Literaturangaben 17
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0. Einleitung
In der traditionellen Wortbildungslehre gelten Komposition und Derivation als zwei Wortbildungstypen neben Konversion und Kürzung, die eindeutig voneinander unterschieden werden können und müssen.
Grundlage dieser Hausarbeit ist ein Aufsatz von Tilman Höhle aus dem Jahr 1982, in welchem dieser für eine Aufhebung der Abgrenzung von Komposition und Derivation plädiert. Ziel ist die Darstellung der Argumente Höhles in Gegenüberstellung zur traditionellen Wortbildungslehre. Anschließend werden Höhles Thesen anhand eines Aufsatzes von Marga Reis aus dem Jahr 1983 diskutiert, in welchem diese zu Höhles Theorie kritisch Stellung bezieht.
Da Höhle in seiner Untersuchung besonderen Bezug auf die Wortklasse der Halbaffixe nimmt und diese für unnötig befindet, wird abschließend ein Aufsatz von Susan Olsen aus dem Jahr 1986 hinzugezogen, in welchem diese die Berechtigung einer eigenen Klasse der Halbaffixe untersucht. Auch wenn Olsen dabei nicht explizit auf Höhles Theorie verweist, trägt ihre Untersuchung entscheidend zur Erörterung der von Höhle dargestellten Sachverhalte bei.
1. Argumente gegen die Abgrenzung von Komposition und Derivation: Die ‚Kompositionstheorie der Affigierung’ (Tilman Höhle)
1.1. Grundgedanken
1.1.1. Wortartmarkierung von Affixen
Traditionell werden die Lexembildung durch Komposition und die Lexembildung durch Derivation (Ableitung) folgendermaßen definiert:
Bei der Komposition treten zwei lexematische beziehungsweise freie Morpheme zusammen, es werden zwei Stämme verbunden, während bei der Derivation grammatische beziehungsweise unfreie Morpheme an einen Stamm affigiert werden. Demnach liegt bei der Komposition eine Zusammensetzung von ursprünglich Gleichwertigem vor, denn Erstglied und Zweitglied besitzen eine Wortartmarkierung. Affixe hingegen besitzen keine Wortartmarkierung (vgl. Linke/Nussbaumer/Portmann 1996:63).
Ausgehend von dieser Definition lehnt Höhle die Unterscheidung lexematisch/ grammatisch ab, da sie unabhängige, willkürlich gewählte Kriterien verwende, während er die Unterscheidung frei/ gebunden akzeptiert, da sie „zweifelsfrei essentiell[...]“ und „auf keine unabhängig begründete Eigenschaft reduzierbar[...]“ sei (1982:82). Höhle definiert ‚frei’ in Bezug auf die Eigenschaften eines Morphems als die Möglichkeit, dass dieses Morphem „in gleicher Bedeutung flektiert oder unflektiert freid.h. als syntaktisches Wort - vorkommen kann“ (1982:82). Er reduziert die Unterscheidung von Komposition und Derivation auf den Unterschied frei/ gebunden,
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wobei in der Komposition zwei oder mehr freie Morpheme, in der Derivation weniger als zwei freie Morpheme verwendet würden (vgl. 1982:81).
Höhles grundlegende These ist, dass auch Affixe eine Wortartmarkierung besäßen und daher gebundene Wörter seien. Daraus ergebe sich der Schluss, dass sowohl Komposita als auch Derivata eine gleiche interne Konstituentenstruktur besäßen. So analysiert Höhle das Kompositum Schwimmbad und das Derivat vermeidbar folgendermaßen (1982:77)
[ N [ V schwimm] [ N bad]]
[ A [ V vermeid] [ A bar]]
Hieraus wird erkennbar, dass es sich in beiden Fällen um die Kombination zweier Wörter handelt, wobei die Wortart des Letztgliedes jeweils mit der Wortart des Kompositums identisch ist.
Entsprechend der traditionellen Auffassung müsste Vermeidung folgendermaßen analysiert werden (1982:78):
[ N [ V vermeid] ung]
Hier ergibt sich die Wortart des Derivats nicht aus der Wortart des Letztglieds, sondern aus der Kombination eines wortartunmarkierten Suffixes mit einem Verbstamm. Höhle begründet seine Analyse von Komposita und Derivata nach internen Konstituentenstrukturen mit lautlichen Eigenschaften dieser Wortbildungsprodukte. Unterschiedliche Betonungen wiesen auf verschiedene interne Konstituentenstrukturen hin. So trage das suffixlose Derivat Unterschied Substantivbetonung (möglichst weit links) und müsse daher als
[ N unter ∩ schied]
analysiert werden. Im Gegensatz dazu trage das Suffixderivat Unterscheidung Verbbetonung (Basisbetonung). Es müsse daher als
[ N [ V unter ∩ scheid] [ N ung]]
analysiert werden, da hier das Erstglied durch die Betonung als Verb markiert sei (vgl. 1982:109).
Höhle hebt in diesem Zusammenhang den Fall der Suffixderivata auf ‚t’ hervor: So trage zum Beispiel das Suffixderivat Unterschrift Substantivbetonung, obgleich esentsprechend der internen Konstituentenstruktur von Unterscheidung - Verbbetonung haben müsse. Höhle begründet die abweichende Betonung damit, dass der Sprecher das Suffix ‚ t’ als solches nicht erkenne. Daraus ergebe sich, dass im Fall suffixloser (oder scheinbar suffixloser) Derivata der Akzent zur Wortartmarkierung verwendet werde, während im Fall eindeutiger Suffixderivata das Suffix diese Wortartmarkierung trage. Dies ist ein Beweis für Höhles These der Wortartmarkiertheit von Suffixen (vgl. 1982:108f.).
Höhle geht noch einen Schritt weiter, indem er darauf hinweist, dass das Suffix -ung stets feminine Substantive bilde. Während nicht-komponierte Substantive ein „nichtvariables, unprädiktables Genus“ hätten (1982:105), sei das Genus von Derivata
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auf -ung prädiktabel. Er schließt daraus, dass das Genus dem Suffix inhäriere und stellt fest:
„Wenn das so ist, wird man das Suffix selbst aber sinnvoll als Substantiv
betrachten, wie auch ein Wort wie Tag schon dadurch hinreichend als Substantiv
bestimmt ist, daß es ein inhärentes Genus hat.“ (1982:105)
Nun ist ein Wort morphologisch traditionell als „minimale freie Form“, also als freies Morphem definiert (vgl. Glück:2000). Da der Begriff ‚Substantiv’ aber eine Wortart bezeichnet und -ung als Substantiv gelten soll, da es genusfest ist, muss -ung für Höhle konsequenterweise auch ein Wort sein. Er verwendet somit eine erweiterte Wortdefinition, die auch gebundene wortartmarkierte Morpheme mit einschließt. An anderer Stelle spricht er jedoch lediglich von einer ‚Verwandtschaft’ von Affixen mit Wörtern, was seinen Wortbegriff unklar macht. So stellt er zum Beispiel fest: „Wenn das Erstglied eines Derivats kein Präfix ist, ist es ein Wort [...]“ (1982:105); diese Feststellung wirkt irreführend in Anbetracht seiner These, sowohl Präfixe als auch Suffixe seien gebundene Wörter.
Höhle beschäftigt sich in seinem Aufsatz fast ausschließlich mit Suffixen, da die Wortart von Präfixen für die Wortart des Gesamtderivats unerheblich sei. Die Wortart von Präfixen müsse, „wo nicht eine Verwandtschaft zu freien Formen Aufschluss gibt, gewöhnlich unbestimmt oder arbiträr bleiben“ (1982:106). Dennoch beziehen sich seine Thesen sowohl auf die Präfigierung als auch auf die Suffigierung.
1.1.2. Lexikoneinträge
Höhle benennt seine Theorie als ‚Kompositionstheorie der Affigierung’, da er auch die Derivation als eine Komposition zweier Lexeme betrachtet. Komposition und Derivation folgten den gleichen Wortbildungsregeln. Daher sei die Unterscheidung von Komposition und Derivation unnötig. Sowohl freie als auch gebundene Morpheme seien im mentalen Lexikon gespeichert (vgl. 1982:87). Höhle teilt solche Lexikoneinträge in die phonologische, kategoriale und die logische (semantische) Charakterisierung ein. Die kategoriale Charakterisierung gibt Aufschluss darüber, ob ein Morphem frei oder gebunden ist, welcher Wortart es angehört und - wenn es gebunden ist - welche Distributions- und Selektionseigenschaften es besitzt und ob es reihenbildend ist. Die kategoriale Charakterisierung folge dabei der Phrasenstrukturregel
X 0 → Y 0∩ Z 0 ,
deren Variablen syntaktische Kategorien seien, wobei Y 0 und Z 0 lexikalische Kategorien seien oder aufgrund derselben Regel darauf zurückgingen (vgl. 1982:77). Höhle gibt als Beispiel den Eintrag für das Suffix -ung, lässt dabei jedoch die logisch/ semantische Charakterisierung aus (1982:82):
Phonologische Charakterisierung
ung
Kategoriale Charakterisierung
Logische (semantische) Charakterisierung:
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1.2. Parallelen zwischen Komposition und Derivation
In seiner Argumentation gegen eine Abgrenzung von Komposition und Derivation stellt Höhle diejenigen Punkte dar, die traditionell für eine solche Abgrenzung vorgebracht werden und versucht, sie zu widerlegen.
1.2.1. Die ‚Kompositionsregularität’
Aus der Tatsache, dass Suffixe ebenfalls eine Wortartmarkierung besitzen, ergibt sich für Höhle die sogenannte ‚Kompositionsregularität’. Diese bezeichne eine formalsyntaktische Übereinstimmung i n der Funktion der Kompositionsglieder bei Komposition und Derivation: Die Wortart beider Wortbildungsarten sei vom Zweitglied bestimmt, da sie mit diesem identisch sei. Für Höhle sind daher sowohl Komposita als auch Derivata formal-syntaktisch endozentrisch.
Traditionell gelten nur Komposita als endozentrisch. Es wird argumentiert, dass bei der Komposition das Erstglied wegfallen könne, ohne dass sich an der Wortart des übrigen Wortes etwas ändere. Bei Derivata hingegen könne das Erstglied nicht wegfallen. Höhle akzeptiert dieses Argument nicht. Nur weil Suffixe gebunden seien, könne das Erstglied nicht wegfallen; dies sei der einzige Grund dafür, dass nicht bewiesen werden könne, dass Derivata ebenfalls endozentrisch seien (vgl. 1982:104f.).
1.2.2. Paraphrasierung
Paraphrasierung wird zur Bedeutungsangabe von Komposita verwendet. Dabei enthält die Paraphrase „die Teile des Wortbildungsprodukts sowie eine Kennzeichnung der Relationsbedeutung“ (Altmann 2000:46), zum Beispiel Holztisch = ein Tisch, der aus Holz besteht. Eine solche Bedeutungsumschreibung durch Übertragung des Gesamtwortes in eine syntaktische Struktur ist bei Derivata nicht möglich, und dies wird als grundlegender Unterschied der beiden Wortbildungsarten angesehen. Höhle argumentiert, dass die Paraphrasierbarkeit von Wortbildungsprodukten nicht als Unterscheidungskriterium von Komposition und Derivation gewertet werden könne, da Suffixe nur aufgrund ihrer Gebundenheit nicht paraphrasierbar seien, nicht aber weil sie keine eigenständige Bedeutung trügen. Außerdem sei Paraphrasierung durch Relativsätze zwar bei substantivischen Komposita möglich, doch ergäben sich bereits bei Komposita mit adjektivischem Zweitglied aufgrund eingeschränkter Kombinationsmöglichkeiten Probleme. Sei der Ausdruck in einen Satz eingebettet, sei es oft nicht möglich, ihn zu paraphrasieren, zum Beispiel im Fall von (1982:84)
b. Karl besucht den betriebseigenen Sportplatz.
c. ?Karl besucht den dem Betrieb eigenen Sportplatz.
Höhle ist der Ansicht, dass c., sollte es grammatisch korrekt sein, eine andere Bedeutung habe als b.. Auch bei Altmann findet sich die Feststellung, dass das Verfahren der Paraphrasierung „relativ vage und ungenau, als Mittel der Bedeutungsanalyse problematisch“ sei, da Paraphrasen zwar zur „Explikation v on
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Relationen“ geeignet seien, jedoch nicht dazu, „die interne Struktur und Bedeutung von Wortbildungsprodukten exakt wiederzugeben“. Wortbildungsprodukte besitzen nach Altmann eine „Begriffskonsolidierung und Bedeutungsspezifizierung [...], die bei syntaktischen Strukturen fehlt.“ (Altmann 2000:47).
In diesem Sinn ist Paraphrasierung nicht dazu geeignet, die innere Struktur von Komposita hinreichend zu erfassen und kann somit auch die Komposition nicht klar von der Derivation trennen.
1.2.3. Semantische Determination
Traditionell gilt, dass bei Komposita die Hauptbedeutung eines Wortbildungsproduktes auf dem Zweitelement, dem Grundwort liege. Dieses werde durch das Erstelement, das Bestimmungswort, semantisch determiniert. Bei der Derivation hingegen liege die Hauptbedeutung auf der Derivationsbasis, da das Suffix nur eine sehr allgemeine Bedeutung besitze. Dementsprechend liege bei der Komposition die Hauptbedeutung auf dem Kopf der Konstruktion, bei der Derivation nicht (vgl. Glück:2000). Höhle untersucht Fälle der Suffigierung, in denen seiner Ansicht nach die Hauptbedeutung auch vom Suffix ausgehen könne. So könne das Suffix -chen in Männchen als kleiner Mann oder als kleines Wesen, das ein Mann ist umschrieben werden. Im ersten Fall sei die Derivationsbasis Mann Träger der Grundbedeutung, im zweiten Fall jedoch das Suffix, welches die Bedeutung kleines Wesen habe (vgl. 1982:84f.).
Deutlicher wird es bei dem von Höhle gewählten Beispiel Dummchen, da es sich hier um eine dumme Person handelt, das Adjektiv dumm die Bedeutung Person jedoch eindeutig nicht trägt. Somit spezifiziert die Basis die Bedeutung des Suffixes, weshalb nach Höhle auch die semantische Determination kein Kriterium sei, welches kategorial zwischen Komposition und Derivation unterscheide.
1.2.4. Suffixoide
Höhle stellt fest, dass es Fälle gibt, in denen „die Unterscheidung gebundener und freier homonymer Morphem(komplexe) gelegentlich schwierig ist, weil es verschiedene Grade der Bedeutungsähnlichkeit geben kann“ (1982:85). Es existieren in Derivata Wortglieder, die zwar lautlich mit einem frei vorkommenden Morphem identisch sind, deren ursprüngliche Bedeutung jedoch der traditionellen Auffassung nach verblasst ist. Diese Wortglieder werden daher als Zwischenstufe zwischen Lexem und Affix, als Affixoide, bezeichnet und gelten als reihenbildend, das heißt, sie bilden eine Vielzahl von formal und inhaltlich gleich strukturierten Wörtern.
Die Existenz von Affixoiden ist wie der Begriff der ‚Reihenbildung’ umstritten. So klassifiziert zum Beispiel Altmann Wortbildungsprodukte mit angeblichen Affixoiden als Determinativkomposita, wobei die abweichende Bedeutung des betreffenden Wortgliedes dadurch zustande komme, dass das Wortbildungsprodukt als ganzes „semantisch hochgradig idiomatisiert[...]“ (2000:54) sei.
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Höhle hält eine eigenständige Klasse der Affixoide in seiner lexikalistischen Theorie ebenfalls für unnötig. Seiner Meinung könne ein Morphem sowohl frei als auch gebunden auftreten; in kontextabhängigen Bedeutungsvarianten sei es gebunden. Als Beispiel führt Höhle mehrere Bedeutungen für das Morphem fähig an (vgl. 1982:85f.), unter anderem:
Karl ist belastungsfähig.
Karl ist förderungsfähig.
Im ersten Beispiel müsse fähig als frei gewertet werden, da seine Semantik mit der des frei vorkommenden fähig identisch sei. In den folgenden Beispielen sei es gebunden, da es eine kontextabhängige Bedeutung besitze.
Für Höhle bilden die semantischen und distributionellen Eigenschaften der Morpheme Bestandteile ihres Lexikoneintrags. Hier seien alle Formen des Übergangs von freien zu gebundenen Morphemen erfasst.
1.2.5. Fugenelemente und Elision
In Bezug auf das Auftreten von Fugenelementen konstatiert Höhle eine eindeutige Parallele zwischen Komposition und Derivation: Es existieren Erstglieder, die sowohl in Komposita als auch in gewissen Suffixderivata das gleiche Fugenelement verlangten, z.B. das ‚ s’ in Haltungsschaden und haltungslos (Höhle klassifiziert -los hier als gebunden, da es eine Bedeutung besitzt, die nicht mit dem freien los identisch ist). Höhle teilt Suffixe daher in eine grundwortähnliche und eine grundwortunähnliche Gruppe auf: Suffixe mit Fugenelement seien den Grundwörtern ähnlich, solche ohne Fugenelement seien es nicht (1982:89).
Ein entsprechendes Verhalten stellt Höhle in Bezug auf die Elision von Wortgliedern fest. Ein Teil der Suffixe verhalte sich bei Tilgungen so wie Komposita und gestatte Tilgungen, ein anderer nicht. Höhle führt diese Aufteilung der Suffixe sowohl bei den Fugenelementen als auch bei den Tilgungen auf lautliche Grenzen zurück: Alle Morpheme, die nicht an ein vorhergehendes Element gebunden seien, begännen mit einer starken Grenze (#), die weitgehend die Eigenschaften der Wortgrenze besitze: „’Auslautverhärtung’ und Syllabierung kommen typischerweise im Wortauslaut vor, der Glottalverschluß am Wortanlaut.“ (1982:91). Somit beginne die grundwortähnliche Gruppe der Suffixe wie freie Morpheme mit einer starken Grenze, die Fugenelemente verlange und Tilgungen gestatte, während Suffixe mit schwacher Grenze (+) direkt und unabtrennbar mit dem Erstglied verbunden seien. Es handele sich bei der Zweiteilung der Suffixe um metrische Eigenschaften.
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1.2.6. Argumentvererbung
‚Argumentvererbung’ ist definiert als die Übernahme von thematischen Rollen aus einer Ableitungsbasis (vgl. Glück:2000).
In der Komposition können Erstglieder nach traditioneller Auffassung ihre Argumente generell nicht an das Kompositum vererben, und Höhle sieht darin ein mögliches Argument für die kategoriale Unterscheidung zwischen Komposition und Derivation. Höhle zeigt jedoch, dass es Fälle gibt, in denen auch bei der Komposition eine Vererbung von Argumenten durch das Erstglied möglich ist. In seinem Beispiel
die Beschleunigung der Partikeln → der Beschleunigungsgrad der Partikeln
vererbt das Erstglied Beschleunigung den Objektsgenitiv an das Kompositum, denn es kann nicht lauten
*der Grad der Partikeln.
Im Gegenzug ist auch bei Derivata nicht immer Argumentvererbung möglich. Im Beispiel
die Sänger der Arie → die Sängerschaft *der Arie
blockiert das Suffix -schaft die Vererbung des Objektsgenitivs der Ableitungsbasis (vgl. 1982:94f.).
Hieraus folgt für Höhle, dass die Argumentvererbung nicht kategorial zwischen Komposition und Deriviation unterscheide. Vielmehr hänge die Tatsache, ob Argumentvererbung möglich sei, mit idiosynkratischen (dem jeweiligen
Wortbildungsprodukt eigenen) und/ oder semantischen Eigenschaften der Zweitglieder zusammen (vgl. 1982:96).
Es stellt sich die Frage, weshalb Höhle davon ausgeht, dass die Argumentvererbung ein „Phänomen [sei], das auf den ersten Blick geeignet sein könnte, einen wesentlichen Unterschied zwischen Komposition und Derivation zu etablieren“ (1982:93). Wenn die Argumentvererbung so definiert ist, dass die Basis eines Derivats ihre Argumente vererbt, so bedeutet dies übertragen auf die Komposition, dass das Grundwort seine Argumente vererbt, denn der Basis im Derivat entspricht das Grundwort im Kompositum. Das Grundwort ist jedoch das Zweitglied, und daher bleibt unklar, weshalb Höhle die Argumentvererbung des Erstglieds untersucht. Auch bei der Präfigierung ist die Basis das Zweitglied. Die Untersuchungsergebnisse relativieren lediglich die Definition für ‚Argumentvererbung’ dahingehend, dass die Basis (in Bezug auf die Derivation) nicht immer und (in Bezug auf die Komposition) nicht immer nur allein ihre Argumente vererben kann.
1.2.7. Zusammenbildungen
Im Fall der Zusammenbildungen ist Höhle der Meinung, dass „die terminologische Zweiteilung in Komposition gegenüber Derivation keineswegs hilfreich ist“ (1982:100), da sie analytische Nachteile mit sich bringe. Höhle definiert Zusammenbildungen als
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„Komposita [...], die nicht wie gewöhnlich frei als Wort vorkommen, sondern nur als Bestandteil eines anderen Wortes“ (1982:96). Es existierten Derivata von Zusammenbildungen wie baulustig (von * Baulust) und Wortbildungsprodukte, deren Erstglied eine Zusammenbildung sei, z.B Fünfachslastzug (von *Fünfachse). Handele es sich bei den Erstgliedern jedoch um Komposita, so trete die Frage auf, weshalb diese gebunden seien. Höhle fügt hinzu, dass es sich nicht allein um idiosynkratische Gründe handeln könne, denn Bildungsmuster wie im Fall von * Fünfachse s eien „außerordentlich produktiv“ (vgl. 1982:98). Er schließt daraus, dass es sich bei Wortbildungsprodukten mit Zusammenbildungen grundsätzlich um Derivata handele. Hier liege ein Zusammenhang von Komposition und Derivation vor, der durch binäre Konstituentenstrukturen nicht erklärbar sei. Höhle stellt dieses Problem zur Diskussion.
Bei Altmann findet sich eine alternative Analyse. Hier werden Zusammenbildungen nicht als Komposita analysiert, sondern als Phrasen, zwischen denen eine „syntagmatische Relation und damit eine Nullrelation vor[liege]“ (2000:50). Es liege mit dem Erstglied keine Spezifizierung des Determinatums vor. *Fünfachse kann nicht frei auftreten, da fünf das Zweitglied Achse nicht semantisch determiniert. Es handelt sich bei dem gesamten Wortbildungsprodukt um die Abkürzung einer syntaktischen Struktur Fünf-Achsen-Lastzug oder auch Lastzug, der fünf Achsen besitzt, nicht aber Lastzug, der eine *Fünfachse besitzt. Altmann analysiert Wortbildungskonstruktionen wie Fünfjahresplan allerdings a ls Determinativkompositum mit einem Determinans Fünfjahre, einem Fugenelement ‚ s’ und einem Determinatum Plan. Da er die Gebundenheit von *Fünfjahre dabei übergeht, erscheint es logischer, das Gesamtwort wie Höhle als Derivat zu analysieren. Dann liegt jedoch keine ‚Vermischung’ von Komposition und Derivation vor.
2. Argumente für die Abgrenzung von Komposition und Derivation:
2.1. Kritik der ‚Kompositionstheorie der Affigierung’ (Marga Reis)
Reis charakterisiert Höhles ‚Kompositionstheorie der Affigierung’ als eine Theorie nicht nur der Wortstruktur, sondern auch der Wortbildung. Höhle wolle mit ihr auch den Kreativitätsaspekt der Wortbildung im engeren Sinne abdecken. Seiner Theorie zufolge könnten mit Hilfe von Phrasenstrukturregeln und Lexikoneinträgen sämtliche Wortbildungserscheinungen im engeren Sinn bezüglich Komposition und Derivation erfasst werden (vgl. 1983:111).
Reis nimmt Höhles These der Gleichartigkeit von Komposition und Derivation zunächst an und überprüft, ob ohne eine Differenzierung der beiden Wortbildungstypen wirklich die Bildung aller Komposita und Derivata möglich ist.
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2.1.1. Wortartmarkierung von Affixen
Reis zufolge lässt sich Höhles Theorie als Theorie der Wortbildung nicht halten; ihre Einwände gegen die Theorie als einer Theorie der Wortstruktur beschränken sich jedoch auf den Wortstatus von Präfixen.
Reis stimmt Höhle darin zu, dass Suffixe gebundene Wörter seien, da sie die Voraussetzungen für den Wortstatus erfüllten: „Suffixe haben Lautform und Bedeutung; soweit ihre Wortart es fordert, sind sie idiosynkratisch in Genus und Flexion festgelegt; sie sind genau wie Wurzeln als +/- nativ zu klassifizieren [...]; [sie fordern] ebenso wie diese Fugungseinheiten“ (1983:112f.).
Präfixe jedoch seien keine Wörter, da eine Wortartmarkierung bei einem Morphem auch lernbar, das heißt für den Sprecher erkennbar sein müsse. Höhles Argument, Präfixe müssten Wörter sein, da Suffixe sich nie mit wortartunmarkierten Morphemen verbänden, es jedoch Präfix-Suffix-Kombinationen wie zum Beispiel künstlich und misslich gäbe, hält Reis für ‚dubios’ (vgl. 1983:113). Solche Kombinationen seien selten und stark idiomatisiert; außerdem zeige die diachrone Betrachtung, dass künstlich in seiner Bedeutung bereits vor dem Auftreten von Kunst- als Präfixoid existiert habe. Künstlich sei somit eine Wurzel (mit Kunst- als gebundenem Allomorph) und keine Präfix-Suffix-Kombination. Dass die Ableitungsrichtung vom freien zum gebundenen Morphem gehe, beweist Reis auch mit der neueren Bildung Winz- als gebundenes Allomorph zu winzig, zum Beispiel in Winzmiete (vgl. 1983:114). Reis hält Präfixe jedoch nicht nur für kategorial unmarkiert, sondern fügt hinzu, dass sie sich auch selektional anders verhielten als Suffixe: Präfixe seien relativ selektionsschwach, während „für Suffixe kategoriale Beschränkungen der an sie gebundenen Erstglieder typisch und weitere morphosyntaktische Restriktionen geläufig“ seien (1983:115). Daraus folgt ihre grundlegende Feststellung: „Während Suffixe (auch) Wörter sind, sind Präfixe (nur) Morpheme“ (1983:115).
2.1.2. Lexikoneinträge
Reis will weiterhin beweisen, dass die Unterscheidung Wurzel/ Affix bei der Beschreibung wortbildungsinterner Regularitäten ebenfalls eine Rolle spiele und die Unterscheidung frei/ gebunden somit nicht ausreichend sei. Lexikoneinträge seien nicht der geeignete oder nicht der einzige Ort, um die mit Wortbildung im engeren Sinn verknüpften Erscheinungen zu erfassen (vgl. 1983:118).
Höhles Zweiteilung in freie und gebundene Wörter decke nicht alle Wurzeln und Affixe ab. Reis definiert Wurzeln ausgehend von der kategorialen Charakterisierung in Höhles Lexikoneinträgen als ‚nicht reihenbildend’ und Affixe als ‚gebunden und reihenbildend’. Dementsprechend seien Morpheme wie die Erstelemente in Pausbacke und glimpflich keine Affixe, sondern Wurzeln (vgl. 1983:116).
Nun gebe es jedoch Elemente, die gebunden und reihenbildend, aber Allomorphe von Wurzeln und somit selbst Wurzeln seien (z.B. Euro-, Öko-). Außerdem existierten reihenbildende Elemente, die frei vorkämen, also ebenfalls Wurzeln seien (z.B. Mann
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in Zeitungs-mann, Milch-mann, Müll-mann). Mit den Kriterien Reihenbildung und Gebundenheit seien somit nicht alle Wurzeln und Affixe zu erfassen, und da Höhles Lexikoneinträge nur diese Unterscheidungskriterien böten, seien sie als Darstellungsmedium ungeeignet (vgl. 1983:117).
2.1.3. Zusammenbildungen
Reis fasst zusammen, dass nach Höhle für gebundene Komposita in Zusammenbildungen (z.B. Viertakt-, Zweitbett-) keine Lexikoneinträge existieren sollten, da sie auf produktive Wortbildungsprozesse zurückgingen. Dies sei nach Höhle ausreichend, um sie von den Affixen zu unterscheiden.
Reis hält dagegen, dass ohne einen Eintrag von Zusammenbildungen die Gebundenheit und teilweise vorhandene Reihenbildung dieser Erstglieder (zum Beispiel bei Langzeit-, Kurzzeit-) nicht dargestellt werden könne, des weiteren auch nicht ihre Selektionseigenschaft, sich „nur mit Nomina und bestimmten Suffixen als Zweitglied [zu] verbinden“ (1983:118). Reis vermutet, dass die Regeln bezüglich der Verwendung von Zusammenbildungen an anderer Stelle erfasst sein könnten als im Lexikon, sie lässt jedoch offen, wo. Außerdem zweifelt sie an, dass es sich bei Zusammenbildungen tatsächlich um gebundene Komposita handele, da unter anderem Zweitglieder, die sich nicht mit Zusammenbildungen verbänden, sich jedoch mit freien Komposita verbänden (vgl. 1983:118).
2.1.4. Positionsverhalten
Reis stellt fest, dass Höhles Untersuchung unvollständig sei: Zwar überprüfe er so gut wie alle Möglichkeiten wortbildungsexterner Korrelationen, jedoch lasse er den Bereich wortbildungsinterner Gegebenheiten vollständig aus. Seine Behauptung, dass die Unterscheidung zwischen Komposition und Derivation irrelevant sei, gehe somit weit über das Bewiesene hinaus (vgl. 1983:119).
In Bezug auf Suffixe seien die distributionellen Unterschiede zwischen Komposition und Derivation durch Lexikoneinträge abzudecken, denn erst die Charakterisierung eines Morphems als gebunden biete die Möglichkeit der Darstellung von Selektionsrestriktionen. Doch sei daraus folgend die Selektionsfreiheit von Wurzeln zu erwarten, und diese sei nicht immer gegeben. Höhles Theorie zufolge müssten Wurzeln innerhalb komplexer Wörter grundsätzlich positionsvariabel seien, Affixe hingegen auf Erst- oder Zweitgliedposition spezialisiert. Positionsfestigkeit könne jedoch nicht auf Gebundenheit und Reihenbildung zurückgehen, da es gebundene und freie reihenbildende Wurzeln gebe, die trotzdem positionsvariabel seien, so zum Beispiel gebunden in Astro-naut, nau-tisch und frei in Intensiv-station, kosten-intensiv. Reis vermutet daher, dass „möglicherweise also überhaupt kein Zusammenhang zwischen Reihenbildung und Positionsfestigkeit besteht“ (1983:122). Dies bedeute, dass mit Höhles Kategorien keine zuverlässigen Aussagen über das positionelle Verhalten von Wurzeln und Affixen gemacht werden könnten.
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2.1.5. Wortbildungsregeln
Höhles Theorie setze voraus, dass Komposita und Affixderivata gleichen Typs (gleicher Wortartkombination) derselben Wortbildungsregel folgten. Dies schließe unterschiedliche Bildungsbeschränkungen solange nicht aus, wie sie auf der Seite der Affixderivation lägen. Hier seien sie mit Mitteln des Lexikoneintrags ausdrückbar, und es sei zu erwarten, dass alle Strukturmöglichkeiten von Derivata sich auch bei Komposita gleichen Typs wiederfänden, aber nicht notwendig umgekehrt (vgl. 1983:123).
Reis’ Untersuchung ergibt jedoch, dass zum Beispiel die Bildung von [A+N]-Komposita sowohl morphologisch wie semantisch stark eingeschränkt und wenig produktiv sei; die Bildung nominaler Suffixderivate mit adjektivischem Erstglied gehe dagegen über diese Beschränkungen hinaus. Damit folge entgegen Höhle die Wortbildung im Kompositions- und Derivationsbereich sehr verschiedenen Regeln und nutze diese hinsichtlich ihrer Produktivität auch verschieden aus (vgl. 1983:123f.). Ein weiterer grundlegender Unterschied sei, dass Restriktionen bei Affixen vom Einzelelement ausgingen und daher generalisierende Aussagen über Affixe der gleichen Wortklasse nicht möglich seien. Bei Komposita gingen die Restriktionen hingegen von der jeweiligen Wortklasse des Zweitglieds aus. Somit seien sie im Lexikon nicht zu beschreiben (vgl. 1983:124).
2.1.6. Sprachspezifisches Verhalten
Hervorstechend ist ein sprachenübergreifendes Argument für die Abgrenzung von Komposition und Derivation, welches Reis anführt: Es existiere im Deutschen eine sprachspezifische Vorliebe für die Komposition, während zum Beispiel im Lateinischen und Französischen hauptsächlich die Derivation verwendet werde. Hier nehme also der Sprecher eine Wertung der Wortbildungsarten vor, die nur durch das Bewusstsein eines grundlegenden Unterschiedes zwischen diesen erklärt werden könne (vgl. 1983:125).
2.1.7. Affixlose Derivation
Die begrenzte Anwendbarkeit von Höhles Theorie auf die kreative Wortbildung zeigt sich nach Reis’ Meinung auch im Fall der suffixlosen Derivation. Deverbative Derivata wie Unterschied würden aufgrund der Substantivbetonung als [ N unter ∩ schied] analysiert.
Reis akzeptiert Höhles Argument, dass die Wortart durch die Betonung angezeigt werde, jedoch kritisiert sie das Wegfallen der internen Struktur komplexer Verben bei der suffixlosen Derivation. Dieses sei nicht erklärbar (vgl. 1983:126). So müsse widerrufen als
[ V [ P wider] [ V ruf])
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analysiert werden, und diese interne Struktur müsse auch für Widerruf erhalten bleiben. Jedoch seien weder
[ N [ V [ P wider] [ V ruf]]]
noch
[ N [ P wider] [ V ruf]]
mit der ‚Kompositionsregularität’ vereinbar, da dieser zufolge das Letztglied die Wortart des Gesamtwortes bestimme (vgl. 1983:127).
Eine Analyse wie [ N [ P wider] [ N ruf]], die sowohl die interne Struktur des Wortes erfasst als auch der Kompositionsregularität entspricht, wird von Reis nicht vorgeschlagen und scheint daher aus ihrer Sicht nicht möglich zu sein. Der Wechsel des Stammvokals in den Zweitgliedern der von Reis aufgeführten Verben und Derivata wie
ausbrechen → Ausbruch, unterscheiden → Unterschied
deutet allerdings darauf hin, dass es sich bei den Zweitgliedern um Nomen handelt (Schied auch in Schiedsrichter als Nomen).
Reis Kritik geht jedoch noch weiter: Wenn Verben mit Verbalpräfixen ohne interne Struktur analysiert würden und als Ganzes lexikalisiert wären, könne durch Lexikoneinträge nicht ausgedrückt werden, dass Verbalpräfixe wie be-, ent-, er-, zer-, ver- nur Verben bildeten. Daher müssten die Zweitglieder in suffixlosen Derivata von Verbalpräfixverben als Verben analysiert werden, zum Beispiel in Behelf und Verriß (vgl. 1983:127).
Allerdings handelt es sich zum Beispiel bei der Basis von erkälten um ein Adjektiv. Daher müsste im Suffixderivat Erkältung -kält- als solches analysiert werden. Es scheint daher logischer, was Susan Olsen (Olsen:1986/2) vorschlägt: Dass die Wortartmarkierung ‚Verb’ dem Verbalpräfix selbst inhäriere und sich somit bei Verbalpräfixverben der Kopf links befinde, entgegen Höhles ‚Kompositionsregularität’. Damit besäßen Verbalpräfixe eine Wortartmarkierung!
Im Fall von Verriß erfolgt die Substantivierung der Verbbasis wie in Unterschied durch Ablautbildung; somit müsste dieses Zweitglied wie das Zweitglied in Unterschied als Nomen analysiert werden. Dies trifft nicht auf Behelf zu, da es sich hier um ein Produkt lexikalischer Konversion handelt. Lexikalische Konversion ist Höhles Theorie zufolge tatsächlich nicht darstellbar, da das Zweitglied verbal bleibt und seine Wortartmarkierung damit der ‚Kompositionsregularität’ widerspricht. Konversion kann nach Höhle nur ohne interne Struktur und - wie Reis feststellt - unzureichend dargestellt werden, zum Beispiel als [ N be ∩ helf].
2.1.8. Fazit
Reis stimmt Höhles ‚Kompositionstheorie der Affigierung’ nur insofern zu, dass sie sie als Worttheorie der Suffigierung für vertretbar hält. Sie lehnt den Wortstatus von Präfixen und die Aufhebung der Unterscheidung von Komposition und Derivation ab.
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Reis weist auf Wortbildungsregeln hin, die oberhalb des Einzelmorphems angesiedelt sind und daher nicht im Lexikon ausgedrückt werden können. Eine rein lexikalistische Theorie der Wortbildung ist somit für sie nicht annehmbar und eine lexikalistische Theorie der Wortstruktur nur in Bezug auf die Suffixderivation.
2.2. ‚Argument-Linking’ bei Adjektivkomposita (Susan Olsen)
Susan Olsen beschäftigt sich mit der Frage, ob die Klasse der Suffixoide eine Existenzberechtigung habe. Ihrer Meinung nach handelt es sich bei Wortbildungsprodukten mit angeblichen Suffixoiden als Zweitglied in Wirklichkeit um Determinativkomposita, und daher sei die Klasse der Halbaffixe überflüssig und irreführend (vgl. 1986:23).
2.2.1. Definition ‚Suffixoid’
In ihrer Argumentation geht Olsen von zwei traditionellen Suffixoid-Definitionen aus. Gemäß Fleischer (1982) hätten Suffixoide typische Eigenschaften von freien Wörtern und gebundenen Morphemen: „Das Wort kommt zwar frei in der Sprache vor, es wird aber gleichzeitig innerhalb eines Wortbildungsmusters zur Reihenbildung benutzt, wobei es dann in der Bedeutung von der freien Variante soweit abweicht, daß von Homonymie gesprochen werden darf.“ (1986:6). Diese Merkmale träfen nach Fleischer auf Adjektivbildungen mit -frei, -arm, -reich, -voll und -leer zu. Nach Kühnhold et al. (1978) besitze ein Morphem den Status eines Suffixoids, wenn folgende Merkmale zusammenkämen: „reihenhaftes Vorkommen, und zwar in mindestens einer suffixartigen Funktion [...]; daher andererseits semantische Entfernung des ‚Suffixoids’ vom Inhaltswert des lautgleichen Simplex und Änderung bzw. Einschränkung der Kombinationsmöglichkeiten gegenüber der Verwendung als zweites Kompositionsglied.“ Diese Definition treffe auf die bereits genannten Adjektivbildungen zu, außerdem auf Bildungen, die auf -sicher und -fest endeten. Entsprechend diesen Definitionen beschränkt sich Olsen in ihrer Untersuchung auf die angeblichen Suffixoide -frei, -arm, -reich, -voll, -leer, -sicher und -fest.
2.2.2. Nominalkomposita
Olsen zufolge seien die semantischen Relationen von Bildungen mit adjektivischem Zweitglied mit den inneren Relationen von Nominalkomposita identisch. Es existierten zwei Arten von Nominalkomposita, die nicht-rektionalen und die rektionalen (vgl. 1986:9ff.).
Die nicht-rektionalen Komposita zeichneten sich durch eine Vielzahl möglicher Relationen aus, die zwischen den Konstituenten des Kompositums auftreten könnten. So führt Olsen als Beispiel für Fischfrau elf verschiedene Lesarten auf, darunter Frau, die Fisch verkauft, Frau und Fisch (=Nixe), Frau des Fischs. Die feste Assoziierung
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eines Kompositums mit einer Bedeutung bezeichne man als ‚Lexikalisierungsprozess’. Im Fall von Fischfrau sei die Lesart Frau, die Fisch verkauft die häufigste und daher am stärksten lexikalisiert (vgl. 1986:10).
Rektionskomposita besäßen hingegen eine Lesart, die grammatisch charakterisiert werden könne, da als Zweitglied ein relationales Nomen auftrete und das Erstglied die nötige grammatische Ergänzung des Zweitglieds sei. Das Erstglied erfülle also die Argumentstruktur des Zweitglieds innerhalb des Kompositums. So müsse zum Beispiel Professorensohn mit Sohn des Professors umschrieben werden, da Sohn relational sei und in der syntaktischen Struktur die Nominalphrase des Professors als Argument fordere (vgl. 1986:11).
Es existiere noch ein weiterer Typ relationaler Nomen: deverbale ‚Nomina agentis’ oder ‚instrumenti’ mit transitivem Basisverb. Diese Nomina übernähmen normalerweise die Argumentstruktur des zugrundeliegenden Verbs, so zum Beispiel in Sprachhüter → etwas hüten und Hausbesitzer → etwas besitzen (vgl. 1986:11).
2.2.3. ‚Argument-Linking’
Entscheidend für das Verständnis von Bildungen mit adjektivischem Zweitglied sei die Tatsache, dass das, was in Bezug auf Phrasenstrukturen als ‚Argumentvererbung’ bezeichnet werde, auch auf Wortstrukturen zutreffe. Olsen bezeichnet diesen Vorgang, der durch das ‚Theta-Kriterium’ bedingt sei, als ‚Argument-Linking’.
Das Θ- Kriterium [...] verlangt, dass jeder Kopf einer syntaktischen Phrase die ihm
inhärenten lexikalisch festgelegten thematischen Rollen seinen Komplementen
eindeutig zuweist und daß jedes sich in der Domäne eines Kopfs befindliche
Komplement eindeutig mit einer solchen Θ-Rolle versehen wird. Die mit Θ-Rollen
versehenen Komplemente eines Kopfs werden seine ’Argumente’ genannt.
(1986:11)
Dies bedeute, dass die Erstglieder der untersuchten Bildungen Argumente oder thematische Rollen des Zweitglieds seien. Auch Adjektive besäßen eine Argumentstruktur. Das Adjektiv frei besitze sowohl relationale als auch nicht-relationale Bedeutungen. Olsen stellt diese in einem möglichen Lexikoneintrag für frei dar. Sie verwendet dabei die gleichen Charakterisierungen wie Höhle und fügt außerdem die Argumentstruktur hinzu:
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Nach Olsens Lexikoneintrag ist frei nur in den Bedeutungen ‚ ohne etwas’ und ‚zugelassen’ relational und bildet Rektionskomposita, zum Beispiel
bleifrei → frei von Blei; jugendfrei → frei für die Jugend/ für Jugendliche
In den anderen Bedeutungen bildet frei Nicht-Rektionskomposita, zum Beispiel
hitzefrei → frei wegen Hitze; steuerfrei → nicht mit Steuern belegt
Olsen spricht bezüglich der Rektionskomposita von zweifacher Reihenbildung: Zum einen trete durch die inhärente Relationalität ‚Argument-Linking’ auf, zum anderen existiere eine lexikalisch-semantische Reihenbildung, die Olsen als ‚semantische Analogiebildung’ bezeichnet und die nicht nur belebte und unbelebte sondern auch abstrakte Erstglieder ermögliche (vgl. 1986:14).
Olsen stellt darüber hinaus fest, dass gerade die semantische Opposition, die zwischen frei, arm und reich als Simplizia besteht, der motivierende Faktor von Neubildungen sei, z.B. in kalorienfrei, kalorienarm, kalorienreich. Hier verhielten sich frei, arm und reich eindeutig wie Kompositionsglieder (vgl. 1986:17).
2.2.4. Fazit
Da die untersuchten Adjektivkomposita problemlos als Rektionskomposita beziehungsweise Nicht-Rektionale-Komposita analysierbar seien, stellt Olsen fest, dass die „Postulierung einer neuen Kategorie A af samt aller für einen Lexikoneintrag nötigen Informationen [...] einen größeren Lernschritt dar[stelle] als die Erschließung einer Relation zwischen zwei schon bekannten Konstituenten eines Determinativkompositums.“ (1986:22)
Die produktive Reihenbildung, die bei den meisten der untersuchten Adjektivkomposita auffällig sei und die zu der Annahme eines suffixartigen Verhaltens verleitet habe, sei durch die Relationalität dieser Adjektive und das daraus folgende ‚Argument-Linking’ zu erklären. Alle untersuchten Adjektive bis auf leer und fest seien relational; leer und fest bildeten ausschließlich Nichtrektionskomposita.
Somit trage der Begriff Suffixoid nichts zur Erklärung der Reihenbildung dieser Komposita bei, sondern beharre auf dem Missverständnis, dass Reihenbildung eine affixale Eigenschaft sei (vgl. 1986:23).
3. Zusammenfassung
Die kritische Untersuchung der ‚Kompositionstheorie der Affigierung’ durch Marga Reis ergibt, dass die kategoriale Abgrenzung von Komposition und Derivation keineswegs irrelevant ist.
Zwar tragen Suffixe eine Wortartmarkierung und entspricht somit die interne Struktur von Suffixderivata derjenigen von Komposita, doch lässt sich diese Feststellung weder
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auf die Präfigierung noch auf die suffixlose Derivation ausweiten. Allein verbale Präfixe besitzen eine Wortartmarkierung, da diese eindeutig erfahrbar ist. Höhle beweist lediglich, dass gewisse Argumente wie Paraphrasierbarkeit, semantische Determination und Argumentvererbung, die traditionell zur Abgrenzung von Komposition und Derivation vorgebracht werden, aufgrund von Ausnahmefällen keine eindeutige Unterscheidung leisten können.
Reis zeigt, dass neben der Charakterisierung von Morphemen als frei oder gebunden die Unterscheidung Wurzel/ Affix unerlässlich ist. Außerdem folgen Komposition und Derivation unterschiedlichen Wortbildungsregeln, die nicht im Lexikon dargestellt werden können. So ist das Positionsverhalten von Wurzeln und Affixen nicht auf die Kategorien frei/ gebunden zurückzuführen, und es existieren bei Komposita Einschränkungen bezüglich der Kombinatorik verschiedener Wortarten, die es bei der Derivation nicht gibt. Grundlegend ist auch der Unterschied, dass Restriktionen beim Adjektiv vom Erstelement ausgehen, beim Kompositum jedoch von der Wortklasse des Zweitglieds.
Weiterhein trifft Höhles ‚Kompositionsregularität’ nicht immer zu, zum Beispiel nicht bei Verbalpräfixverben mit links positioniertem Kopf und bei lexikalischer Konversion. Im Fall der lexikalischen Konversion ist daher die innere Wortstruktur mit Höhles Theorie nicht darstellbar.
Auch Reis’ Argument, die Sprecher des Deutschen seien sich eines Unterschieds von Komposition und Derivation bewusst, ist schlagkräftig.
Bezüglich der Suffixoide stimmen sowohl Höhle als auch Olsen darin überein, dass Morpheme in unterschiedlichen Kontexten abweichende Bedeutungen besitzen können, die als Bedeutungsvarianten im mentalen Lexikon verzeichnet sind. Daher betrachten beide Autoren die Erfassung kontextabhängiger Bedeutungsvarianten von Morphemen in einer zusätzlichen Klasse der Halbaffixe als unnötig. Für Olsen handelt es sich bei angeblichen Suffixoidbildungen um Determinativkomposita, während eine Zuordnung dieser Bildungen zu Derivation beziehungsweise Komposition für Höhle keine Rolle spielt, da er die Trennung grundsätzlich ablehnt. In jedem Fall wird durch ein Wegfallen der Klasse der Halbaffixe die Trennung von Komposition und Derivation deutlicher, da Halbaffixe traditionell als Zwischenstadium zwischen Wurzeln und Affixen angesehen werden. In der diachronen Betrachtung scheint eine Klasse der Halbaffixe jedoch notwendig, da ansonsten eine prozesshafte Entwicklung von Affixen aus Wurzeln nicht dargestellt werden könnte.
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Literaturangaben
Altmann, Hans/ Kemmerling, Silke (2000). Wortbildung fürs Examen. Wiesbaden: Westdeutscher Verlag GmbH
Glück, Helmut (Hg.) (2000). Metzler Lexikon Sprache. Stuttgart, Weimar: Verlag J.B. Metzler
Höhle, Tilman N. (1982). Über Komposition und Derivation: zur Konstituentenstruktur von Wortbildungsprodukten im Deutschen. In: Zeitschrift für Sprachwissenschaft 1 (1982). Vandenhoeck & Ruprecht, S. 76-112
Linke, Angelika/ Nussbaumer, Markus/ Paul R. Portmann (1996). Studienbuch Linguistik. Tübingen: Max Niemeyer Verlag
Olsen, Susan (1986/1). „Argument-Linking” und unproduktive Reihen bei deutschen Adjektivkomposita. In: Zeitschrift für Sprachwissenschaft 5,1 (1986). Vandenhoeck & Ruprecht, S. 5-24
Olsen, Susan (1986/2). Wortbildung im Deutschen: Eine Einführung in die Theorie der Wortstruktur. Stuttgart: Kröner
Reis, Marga (1983). Gegen die Kompositionstheorie der Affigierung. In: Zeitschrift für Sprachwissenschaft 2,1 (1983). Vandenhoeck & Ruprecht, S. 110-131
Arbeit zitieren:
Nina Hahne, 2003, Die Abgrenzung von Komposition und Derivation, München, GRIN Verlag GmbH
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