Inhalt
0. Einleitung 1
1. Politikverdrossenheit
1.1 Definition 1
1.2 Indikatoren 2
2. Politische Sprache
2.1 Definition 2
2.2 Merkmale 3
2.3 Funktion 6
3. Ursachen von Politikverdrossenheit 7
3.1 Das Marktmodell 8
3.2 Das Repräsentationsprinzip 9
3.3 Politische Terminologie 10
3.4 Politische Konzepte 10
3.5 Die Medien 11
4. Zusammenfassung 12
Literaturverzeichnis 15
Fragebogen 16
0. Einleitung
In der politischen Diskussion in Deutschland wird die Einstellung vieler Wähler gegenüber der Politik häufig als ‚Politikverdrossenheit’ bezeichnet. Gemeint ist hiermit „im Kern [...] eine Distanz zwischen Gesellschaft und Staat, Volk und Politik, Regierten und Regierenden“ (Czerwick 1996:50), die Gegenstand wissenschaftlicher Untersuchung ist, da sie möglicherweise die Legitimität und Stabilität der Demokratie gefährdet (vgl. Maier 2000:14). So wurde ‚Politikverdrossenheit’ 1992 von der Gesellschaft für deutsche Sprache zum Wort des Jahres gewählt, und die wissenschaftliche Beschäftigung mit diesem Phänomen erreichte in den Jahren 1992-1994 eine besondere Konjunktur (vgl. Maier 2000:15). Auch wenn sie seitdem nachgelassen hat, ist der Begriff in den Medien nach wie vor präsent, und gerade in Wahlkampfzeiten bestätigen zahlreiche Debatten über Politikverdrossenheit jedes Mal erneut seine ungebrochene Aktualität. In diesem Zusammenhang wird als mögliche Ursache für Politikverdrossenheit vor allem auch die politische Sprache kritisiert. Ihr werden unter anderem Unverständlichkeit, Realitätsferne, schlechte Rhetorik, Beschönigung oder Unwahrheiten vorgeworfen. Diese Arbeit soll, ausgehend von einer genaueren Bestimmung des Phänomens Politikverdrossenheit und einer Definition des Begriffes ‚politische Sprache’, diejenigen Merkmale derselben darstellen, die Politikverdrossenheit bewirken oder verstärken können. Es wird gezeigt, inwiefern politische Sprache in den Ursachenzusammenhang von Politikverdrossenheit einzuordnen ist. Die Argumentation wird ergänzt durch die Ergebnisse einer Befragung von 20 wahlberechtigten Personen im Alter zwischen 20 und 50 Jahren zum Thema ‚Politische Sprache und Politikverdrossenheit’ (Fragebogen und Ergebnisse S.16).
1. Politikverdrossenheit
1.1 Definition
Es existiert zurzeit keine allgemein akzeptierte Definition von Politikverdrossenheit. Ein Grund dafür ist die Tatsache, dass die semantischen Bestandteile des Begriffes, ‚Politik’ und ‚Verdrossenheit’ höchst komplexe Sachverhalte darstellen und ihre Verbindung die Anzahl möglicher Bedeutungen noch erhöht (s. Maier 2000:17f.).
Eine Möglichkeit der Begriffsbestimmung ist die Verwendung von ‚Politikverdrossenheit’ als Oberbegriff für ein Symptom, dessen wichtigste Faktoren die „Politiker-, Parteien- und Demokratieverdrossenheit“ sind (Maier 2000:20). Eine ähnliche Definition bietet die Einteilung in die ebenfalls hierarchisch abgestuften Formen „Parteienverdrossenheit“, „Politikverdrossenheit“ und „Staatsverdrossenheit“ (Wolling 1999:9). Während die erste Unterteilung die konkrete Fokussierung einzelner Politiker mit einschließt, geht die zweite von einer generellen, umfassenden Unzufriedenheit mit Politik aus und schränkt diese auch nicht auf eine bestimmte Staatsform ein.
1.2 Indikatoren
Da es ebenfalls kein geeignetes und allgemein akzeptiertes Messinstrument für die Bestandteile von Politikverdrossenheit gibt, ist es schwer, eindeutige Indikatoren für sie zu bestimmen. Das Problem ergibt sich daraus, dass Politikverdrossenheit nicht statisch ist, sondern strukturell, zeitlich und geographisch variiert (s. Maier 2000:18). Allgemein können Indikatoren für Politikverdrossenheit in Handlungen und Einstellungen der Wähler unterschieden werden (s. Wolling 1999:11), wobei sich beide Kategorien wechselseitig beeinflussen. Als handlungsbezogener Indikator wird am häufigsten eine sinkende Wahlbeteiligung genannt. Dies ist jedoch fragwürdig, da die Höhe der Wahlbeteiligung nicht nur von Politikverdrossenheit abhängt. So ist ebenfalls entscheidend, wie wichtig eine Wahl ist und ob das Wahlergebnis bereits vorher feststeht. Ist es noch offen, so ist die Wahlbeteiligung auch höher. Deshalb ist eine niedrige Wahlbeteiligung nicht unbedingt Anzeichen für Politikverdrossenheit, sondern zeigt lediglich, „daß nicht bei jeder Wahl die Demokratie zur Abstimmung steht.“ (Wolling 1999:11). Außerdem kann eine hohe Wahlbeteiligung sogar ein Krisenindiz sein, nämlich dann, wenn die ehemaligen Nichtwähler zu Wählern radikaler Parteien werden. Ein großer Anteil von Nichtwählern stellt somit ein bedrohliches Potenzial für die Demokratie dar. Demgegenüber ist aber auch ein hoher Stimmenanteil für die Volksparteien (im Vergleich zu den sogenannten ‚Protestparteien’) noch kein eindeutiges Zeichen für die Zufriedenheit der Wähler. Er kann auf einen Mangel an wahrgenommenen Alternativen, also auf eine Wahl des kleineren Übels zurückzuführen sein (s. Wolling 1999:11).
Eine negative Einstellung von Politik und den daran beteiligten Personen ergibt sich vor allem daraus, dass die Bürger bei den Politikern eine Diskrepanz zwischen Sprechen und Handeln wahrnehmen. Hier kommt die ‚politische Sprache’ ins Spiel, deren rhetorische Hilfsmittel Politiker zur Selbstdarstellung und Überzeugungsarbeit verwenden. Mit ihr erzeugen sie Einstellungen, die dann die Grundlage für das politische Handeln der Wähler bilden.
2. Politische Sprache
2.1 Definition
Auch in der wissenschaftlichen Beschäftigung mit Sprache, die in politischen Zusammenhängen gebraucht wird, gibt es keine einheitliche Terminologie. Allgemein bezeichnet der Begriff ‚politische Sprache’ einen Oberbegriff für „alle Arten öffentlichen, institutionellen und privaten Sprechens über politische Fragen, alle politiktypischen Textsorten sowie jede für das Sprechen über politische Zusammenhänge charakteristische Weise der Verwendung lexikalischer und stilistischer Sprachmittel“ (Burkhardt 1996:79). Die Beschäftigung mit politischer Sprache lässt sich definieren als angewandter, kritischer Teilbereich eines Grenzgebietes zwischen Linguistik und Politologie, welcher als
‚Politolinguistik’ bezeichnet wird (s. Burkhardt 1996:75). Darin kann noch einmal präzisierend zwischen ‚politischer Sprache’ und ‚politischem Sprechen’ unterschieden werden: Während politische Sprache „Zeicheninventare und textsortenspezifische Verwendungsweisen“ (Burkhardt 1996:80) umfasst, bezeichnet politisches Sprechen den konkreten Sprachgebrauch in der politischen Kommunikation.
Es existieren in der menschlichen Kommunikation unausgesprochene Regeln, die Ausdruck einer „kommunikativen Ethik“ sind. Sechs davon bilden die „Fundamentalgebote gut funktionierender Kommunikation überhaupt“ (Klein 1996:8):
(2)
(3)
(4)
(5)
(6)
Die tatsächlichen Merkmale politischer Sprache stehen diesen Regeln oftmals diametral gegenüber, und ihre Nichtbeachtung erregt den Unwillen der Zuhörer. So gaben 16 von 20 befragten Personen an, sie seien mit der Sprache, die Parteien oder Politiker benutzten, nicht zufrieden. Nun ist in der Demokratie Sprache dasjenige Mittel, mit dessen Hilfe Entscheidungen herbei geführt und gerechtfertigt werden, und Diskussionen machen den größten Teil des politischen Geschehens aus. Daher verursacht eine Verärgerung über die politische Sprache Politikverdrossenheit, denn eine ‚unethische’ Sprache muss als Vorstufe und Spiegel ‚unethischen Handelns’ erscheinen.
Stein des Anstoßes ist die sogenannte ‚Meinungssprache’, die auch als ‚Politikersprache’ bezeichnet wird. Sie ist „unidirektional über die Medien an die Bürger“ gerichtet und somit auf „Außenwirkung“ berechnet (Burkhardt 1996:80). Neben ihr existiert die sogenannte ‚Funktionssprache’ oder institutsinterne ‚Sprache in der Politik’, die in der Verwaltung eingesetzt wird. Beide Arten der Sprache sind sehr abstrakt, doch während die Funktionssprache rational und somit emotionslos ist, ist die Meinungssprache irrational und emotional. Emotionalität ist das entscheidende Hilfsmittel politischer Sprache, denn sie besitzt die größte Überzeugungskraft. Mit Hilfe der Meinungssprache lässt sich vor allem der große Anteil jener Wähler erreichen, dessen Interesse an politischen Themen und dessen Verständnis politischer Zusammenhänge gering ist und der daher seine Stimme einem Politiker oder einer Partei aus Sympathie gibt. Aber auch engagiertere Wähler werden durch sprachlich erzeugte Sympathien und Antipathien (bewusst oder unbewusst) beeinflusst.
2.2 Merkmale
Im Folgenden werden anhand politischer Slogans und Äußerungen Merkmale politischer Sprache dargestellt, die aufgrund ihrer Verletzung der oben genannten Kommunikationsgebote in besonderem Verdacht stehen, P olitikverdrossenheit zu erzeugen (vgl. die Analysehilfe von Burkhardt 1996:90f.). Quellen für die Beispiele sind Wahlplakate aus dem
Bundestagswahlkampf 2002 und Redebeiträge aus dem ersten Fernseh-Wahlkampfduell am 25.08.2002, zu sehen auf RTL.
lexikalisch-semantische: Auf einem ihrer Plakate warben Bündnis 90/ Die Grünen mit dem Slogan „Unsere Welt dreht sich um Gerechtigkeit.“ Das Lexem ‚Gerechtigkeit’ gehört in die große Gruppe der Typen, die sich in Klassifikatorische Typen (z.B. ‚Monarchie’; ‚Faschismus’), Extremtypen (z.B. ‚rechts’/ ‚links’; ‚konservativ’) und Idealtypen (z.B. ‚Freiheit’) unterteilen lässt. ‚Gerechtigkeit’ gehört zu den Idealtypen, welche gerade im Wahlkampf verstärkt benutzt werden, um eine Partei oder deren Ziele zu charakterisieren. Durch ihre inhaltliche Vagheit besitzen sie große Überzeugungskraft und sollen eine große Anzahl von unterschiedlichen Wählergruppen ansprechen, da jede von diesen sie mit eigenen Vorstellungen inhaltlich auffüllen kann. Das Problem der Idealtypen ist: Sie „tendieren zu Utopien und geben sich aus als Realitäten, zumindest als realisierbare Projektionen. [...] Sie erheben den Anspruch von Gesamtlösungen und erschweren Teillösungen.“ (Bergsdorf 1983:49). Somit können Idealtypen Politikverdrossenheit bewirken, da eine Partei nicht der jeweiligen Vorstellung von ‚Gerechtigkeit’ aller Wähler gerecht werden kann und viele Wähler dies auch erkennen. So gefiel der Slogan zehn von zwanzig dazu befragten Personen „nicht so gut“ und sieben „überhaupt nicht“; als Begründung nannten sie unter anderem, er sei „geheuchelt“, „gelogen“, „nicht glaubhaft“ oder „realitätsfern“.
Zu einer weiteren Gruppe gehören Schlag-, Wertwörter und Fahnenwörter (z.B.: ‚soziale Gerechtigkeit’ als Fahnenwort der SPD). Es handelt sich dabei um „Kristallisationsformen politisch-ideologischer Konzepte und zugleich die wesentlichen diskursstrategischen Mittel zu deren Durchsetzung“ (Burkhardt 1996:92). Wie Stigmawörter, die Parteien zur Polemik gegen den politischen Gegner verwenden (z.B. ‚sozialistisch’; ‚konservativ’ → je nach eigener Ideologie), strukturieren sie die Parteienlandschaft, indem sie Positionen verdeutlichen, doch bringen sie die Gefahr von Vereinfachung gesellschaftspolitischer Zusammenhänge und Schwarz-Weiß-Malerei mit sich. Sie werden dem Wähler als objektive Wahrheiten präsentiert und entspringen dabei wahltaktischem Kalkül. Seltener treten die sogenannten Vexierwörter auf, Begriffe, die in einer anderen als der herkömmlichen Bedeutung angewendet werden. So zum Beispiel, wenn ‚Subventionskürzungen’ nicht mehr nur für den Abbau staatlicher Unterstützungen der Wirtschaft, sondern auch für Kürzungen von Sozialleistungen verwendet wird, um den Protest der Wähler immerhin solange zu verhindern, bis das Vexierwort durchschaut ist. satz- und textsemantische: Die Tropen umfassen Metaphern, Allegorien, Metonymien und Synekdochen als „Organisationsprinzip und Symptom politischer Denkweisen und Problemdeutungen“ (Burkhardt 1996:90). So warb die CDU auf einem Plakat: „Am 22. September ist Frühlingsanfang.“ ‚Frühlingsanfang’ sollte metaphorisch einen politischen Neuanfang, auch ‚frischen Wind’ in der Politik bezeichnen. Es handelte sich hierbei um eine offensichtliche Polemik gegen die als stagnativ empfundene Politik der SPD. pragmatisch-textlinguistische: Anredemuster werden verwendet, um integrative und desintegrative Wirkungen zu erzielen. So warb die SPD mit der Anrede „Wir in Deutschland.“ und wollte auf diese Weise einerseits ein nationales Zusammen-
gehörigkeitsgefühl erzeugen und sich a ndererseits zugleich als volksnah präsentieren. Bündnis 90/ Die Grünen warb mit „Brüder, durch Sonne zur Arbeit.“ und erzeugte das Zusammengehörigkeitsgefühl auf zwischenmenschlicher statt auf nationaler Ebene. Die Überbetonung einer nicht oder nur in geringem Maße vorhandenen Zusammengehörigkeit kann anbiedernd wirken.
Anspielungen nehmen in der Polemik eine bedeutende Rolle ein. So bezog sich der CDU-Slogan „Aber im September gibt`s Zeugnisse.“ auf die - nach Ansicht der CDUmisslungene Politik der SPD, die durch den Wähler abgestraft werden sollte. Nun widersprechen Diffamierungen und Polemik dem Kommunikationsgebot der ‚Fairness’, jedoch ist die Grenze zwischen Polemik und berechtigter Kritik oft fließend. Daher kann es sein, dass Polemik bei dem einen Wähler Politikverdrossenheit auslöst, während der andere sie zur Meinungsbildung verwendet und für notwendig hält. So war die Beurteilung des Slogans durch die dazu befragten Personen gespalten: zwölf Personen gefiel er „sehr gut“ bis „gut“, acht Personen „nicht so gut“ bis „überhaupt nicht“. Die erste Seite empfand den Slogan als treffenden Vergleich oder informative Kritik an der Politik der SPD; die andere Seite charakterisierte ihn als zu sarkastisch oder meinte, die Partei sollte die Wahlentscheidung dem Wähler überlassen und keine vermeintlich sicheren Aussagen darüber machen.
Besonders häufig werden in der Argumentation vorgebliche Autorität und Authentizität eingesetzt. Ein Fall von vorgeblicher Autorität lag vor, als Bundeskanzler Gerhard Schröder im Kanzler-Duell feststellte: „Und ich bin der letzte, der nicht enttäuscht wäre darüber, dass es uns nicht gelungen ist, das Ziel, die Arbeitslosigkeit auf dreieinhalb Millionen zu reduzieren, zu erreichen. Aber das hat natürlich - und jeder vernünftige Ökonom weiß das auch - Gründe, die in den weltwirtschaftlichen Verwerfungen liegen.“ Zwar besitzt Gerhard Schröder ökonomische Kenntnisse, doch wurde hier nicht nur eine unbedingte Autorität in wirtschaftlichen Fragen beansprucht, sondern diese zugleich Edmund Stoiber und allen anderen Kritikern abgesprochen, indem diese implizit als ‚unvernünftig’ charakterisiert wurden. So empfanden vierzehn befragte Personen die Äußerung negativ, sechs neutral und niemand positiv. Die Bandbreite der Charakteriserungen reicht von „verworren“, „zu hochgestochen“, „zu komplizierte Syntax“ (hier kommt vor allem der Vorwurf der Unverständlichkeit zum Ausdruck) bis dahin, dass es sich um eine Ausrede handle, eine unselbstkritische Schuldverschiebung oder sogar eine Lüge. Die emotionale Ambivalenz, die die Äußerung auslöste, zeigt sich am deutlichsten in der Beurteilung, dass sie wie eine Ausrede klänge, möglicherweise jedoch wahr sei.
Weiterhin zu beachten sind Ablenkungen. Sie werden oft so gebraucht, dass der Politiker auf die Frage nach einem begangenen Fehler nicht direkt antwortet, sondern erst die eigenen Leistungen darstellt oder den Fehler verbal in eine Leistung verwandelt. So gab Edmund Stoiber im Kanzler-Duell zu: „Was Homo-Ehe anbelangt: Wir waren dagegen, aber man muss natürlich auch akzeptieren, dass die demokratische Mehrheit hier anders entschieden hat.“ Eine Niederlage bei der Durchsetzung der eigenen Ziele wurde in die Leistung verwandelt, sich dem Volkswillen gebeugt zu haben. So empfanden vier befragte Personen die Aussage auch als positiv und beurteilten sie als „ehrlich“ oder „tolerant“, während vierzehn Personen sie negativ und sieben neutral empfanden. Diejenigen, denen sie nicht
gefiel, argumentierten, sie zeige keine Einsicht bezüglich des Volkswillens und sei eine scheinbar klare Aussage mit Hintertürchen: Nur weil man nach außen hin die Entscheidung der demokratischen Mehrheit akzeptieren müsse, heiße das nicht, dass man es innerlich auch wirklich tue.
semiotische: Ikons und bildhafte Symbole können isoliert auftreten oder dienen der Unterstützung des Textes. So verwendete die CDU zur Polemik gegen den Bundeskanzler in dem Slogan „Der 4-Millionen Kanzler“ auf einem Wahlplakat das Symbol des Arbeitsamtes. Dieses ersetzte das ‚a’ in ‚Kanzler’, womit - wie durch die Zahl ‚4 Millionen’ - der Bundeskanzler für die hohe Arbeitslosigkeit verantwortlich gemacht wurde. Hierbei handelte es sich um Polemik gegen den Bundeskanzler.
Daneben können zwei Arten begrifflicher Symbole unterschieden werden: Verweisungssymbole und Verdichtungssymbole. Verdichtungssymbole umfassen Begriffe wie die bereits erwähnten Idealtypen ‚Freiheit’ und ‚Sicherheit’, jedoch auch negativ verdichtete Begriffe wie zum Beispiel ‚Terror’. Verweisungssymbole dagegen sind nicht abstrakt, sondern konkrete Sachverhalte wie zum Beispiel die Arbeitslosenstatistik. Sie sind das Beweismaterial für die Tauglichkeit einer Partei, doch besitzen sie nicht die gleiche Faszination wie emotional aufgeladene Verdichtungssymbole. So polemisierte die CDU gegen die SPD mit einem Wahlplakat, welches Gerhard Schröder bis zum Hals im Wasser zeigte und unterschrieb es mit den Worten: „Zahl der Arbeitslosen - 4296000“. Hier wurde, neben dem Symbolgehalt der Darstellung, wiederum auf die Unfähigkeit des Bundeskanzlers verwiesen, die Arbeitslosigkeit in den vier Jahren seiner Amtszeit zu senken.
Neben all diesen Merkmalen ist zu beachten, dass politische Sprache stets in einem situativen Kontext steht, dass also Äußerungen und Ereignisse ihr voraus gehen und folgen, die mit ihr nur auf subtile Weise verbunden sind und einen Rahmen unausgesprochener Erwartungen bilden, dem der Text bzw. der sprechende Politiker genügen muss. Oft handelt es sich hierbei auch um moralische Tabus, die nicht gebrochen werden dürfen (z.B. das Tabu von antisemitischen oder als antisemitisch interpretierbaren Äußerungen). Gerne werden solche Tabus auch von Politikern konstruiert, um ihre Missachtung dann dem politischen Gegner vorwerfen zu können und damit die eigene moralische Integrität zu stärken (z.B. Guido Westerwelle bezüglich einer möglichen Beteiligung Deutschlands an einem Krieg gegen den Irak: „Mit der Angst vor Krieg macht man in Deutschland keinen Wahlkampf.“)
2.3 Funktion
Neben der rein informativen und persuasiven Funktion politischer Sprache ist auch von Bedeutung, dass diese eine wichtige sozialpsychologische Aufgabe erfüllt: Die der Komplexitätsreduktion. Durch eine wachsende „Verrechtlichung des Alltags [ist] die Privatsphäre der Bürger anfällig für politische Einwirkungen“ geworden, deren „vielfältige Ursachen und Begründungen längst nicht mehr nachvollziehbar sind“ (Bergsdorf 1983:31f.). Diese Undurchschaubarkeit gewährleistet dem Individuum nicht mehr die notwendige ‚Umweltstabilität’. Es gibt daher einen Bedarf nach Entlastung von der Komplexität, dem
die politische Sprache entgegen kommt. Sie benutzt verdichtete Symbole mit hohem Abstraktionsgrad, welche die objektive Realität der Politik nicht zeigen und erzeugt so ein (gesteuertes) Raster für die Wahrnehmung politischer Wirklichkeit. Ein Beispiel dafür ist zum Beispiel der ‚binäre Schematismus’, welcher sich in Gegensatzpaaren der Sprechhandlung wie zum Beispiel „Bedrohung und Beschwichtigung“ und „Aufwertung und Abwertung“ äußert (Bergsdorf 1983:32). Mit Hilfe derartiger rhetorischer Mittel wird die Aufmerksamkeit der Zuhörer selektiv gelenkt und ihnen gleichzeitig eine Bewertungsgrundlage für die aufgenommenen Informationen geliefert. Ziel der politischen Propaganda ist es, Handlungen auszulösen, indem bestehende Wertstrukturen und Meinungen verändert und verstärkt werden. Daher muss die politische Sprache auch besonders vage sein, um den Adressatenkreis groß zu halten. Polemik, Euphemismen und Kakophonismen sind unverzichtbar, da sie eine „polarisierte Struktur ihrer Begriffssysteme“ ermöglichen (Bergsdorf 1983:37). Dies wiederum gewährleistet eine reibungslose Interaktion und Kooperation von Partei und Wähler und auch der einzelnen Parteien untereinander. So wird das Funktionieren der Gesellschaft sicher gestellt. Politische Sprache ist also ein Mittel gesellschaftlicher Kontrolle, da sie neben Inhalten auch gesellschaftliche Bewertungen vermittelt. Sie kann ihre Funktion dann nicht mehr erfüllen, wenn die Wähler ihr aufgrund von Politikverdrossenheit generell ablehnend gegenüber stehen oder ihre Rezeption vollkommen verweigern. Während zur Zeit zwar Politikverdrossenheit in der Bevölkerung vorhanden ist, jedoch „die Legitimität des Regierungssystems [...] nicht grundsätzlich in Frage gestellt“ wird (Wolling 1999:120), könnte eine zunehmende Störung der Kommunikation zwischen Politik und Wählern möglicherweise zur Anzweiflung des demokratischen Systems auch unter Wählern der politischen Mitte führen.
3. Ursachen von Politikverdrossenheit
Zur Bestimmung der Ursachen von Politikverdrossenheit ist die Betrachtung von drei entscheidenden Instanzen im politischen Prozess notwendig: Der Wählerschaft auf der einen Seite, der Politik auf der anderen und der Medien als Vermittlungsinstanz. Diese drei Gruppierungen verfolgen eigene Interessen, deren Kollision in der Beschaffenheit der politischen Sprache zum Ausdruck kommt.
Die Interessen der Wählerschaft werden bestimmt durch den sozialen Wandel. Darunter fällt zum Beispiel die Zunahme des ‚neuen Mittelstandes’, welcher einerseits zur „Ausweitung der Wählerbasis [...] für die Volksparteien“ (Maier 1999:64f.) führt, jedoch auch mit dem Problem einhergeht, dass sich die Interessen der Stammwähler und der neuen Wähler dieser Volksparteien drastisch widersprechen. Aus strategischen Gründen müssen die Parteien versuchen, beide Seiten anzusprechen.
Ein häufiges Wechseln politischer Positionen ist die Folge, was nicht zu einer Schärfung des Profils beiträgt, sondern in der Öffentlichkeit schlimmstenfalls als Unentschlossenheit oder Zerrissenheit gewertet wird (Maier 1999:66).
Ein weiterer Aspekt ist die Individualisierung der Bürger, die es schwer macht, jedem Wähler ausreichende Identifikationsmöglichkeiten zu liefern und außerdem zu einer generellen Ablehnung von Autoritäten führt. Die Parteien bieten dem Wähler Ideologien, um die Ansichten der Wählerschaft mittelfristig zu strukturieren, doch bringt dies ein „Repräsentationsdefizit“ (Maier 1999:83) mit sich, da die Wähler sich persönlich nicht mehr in der Politik vertreten fühlen.
Auch die Verbesserung des allgemeinen Lebensstandards ist im Hinblick auf die politischen Ansprüche problematisch, da, wenn diese wachsen, ein hoher Lebensstandard selbstverständlich wird. Vor allem in Zeiten wirtschaftlicher Krisen fällt es dem Staat schwer, diesen Ansprüchen gerecht zu werden.
Eine weitere Ursache für Politikverdrossenheit ist die Ich-Bezogenheit der Wähler. Sie beschuldigen die Politiker, gegen die Kommunikationsgebote zu verstoßen, doch setzen sie als Individuen oder Interessengruppen auch häufig ihre sehr spezifischen Vorstellungen unreflektiert zum verbindlichen Maßstab und bestimmen, was zum Beispiel als ‚wahrhaftig’ oder ‚relevant’ gelten soll.
3.1 Das Marktmodell
Das primäre Ziel der Parteien ist es, sich gegen den politischen Gegner durchzusetzen und möglichst viele Wähler an sich zu binden. Dieser Kampf um Stimmen findet in einem bestimmten Rahmen politischer Kommunikation statt:
In den ersten zwanzig bis dreißig Jahren herrschte in der BRD das ‚Anhängerschaftsmodell’ vor, in welchem die Partei als ‚politische Heimat’ des Wählers galt, der Wähler also uneingeschränkt überzeugter Stammwähler war und die Politiker als Autoritäten betrachtete (s. Klein 1996:5). Durch die Individualisierung und Entideologisierung der Gesellschaft wandelte sich dieses Modell in das sogenannte ‚Marktmodell’, in welchem die Politik als Dienstleistungsunternehmen in einer ‚Stimmungsdemokratie’ funktioniert. Dies bedeutet, korrespondierend mit einem marktwirtschaftlichen Unternehmen, dass die Bürger sich als Verbraucher fühlen und die Politiker als Anbieter von Leistungen betrachten; in direktem Gegensatz zum ‚Anhängerschaftsmodell’ gibt es keinerlei ‚Wir’- Gefühl zwischen Käufern und Anbietern (s. Klein 1996:5).
Ein Problem dieses Marktmodells für den Wähler ist die Tatsache, dass der ‚Politik-Markt’ nur eine sehr geringe Auswahlmöglichkeit bietet, da man stets das gesamte Programm einer Partei wählen muss und somit auch Ansichten mitzuwählen gezwungen ist, denen man nicht zustimmt (vgl. Klein 1996:7).
Während im ‚Anhängerschaftsmodell’ die jeweilige Partei nur ihre Stammanhänger mit Konzepten und Werten erreichen kann, stehen die Wähler des Marktmodells generell allen Parteien offen gegenüber, wodurch sich eine ‚vergleichende Konkurrenz’ ergibt. Die daraus entstehende ‚konkurrierende Werbung’ ist - im Gegensatz zu Märkten der Wirtschaftdurchaus erwünscht (s. Klein 1996:14), da die Wähler sie zur Meinungsbildung nutzen wollen. Jedoch sind die dabei benutzten Mittel, Polemik und Diffamierung einerseits und Selbstlob andererseits, nicht mit den oben genannten Kommunikationsgeboten vereinbar.
Daraus ergibt sich eine Art von ‚Teufelskreislauf’: Die Wähler verlangen Einhaltung der Kommunikationsgebote und konkurrierende Werbung, doch aus der Unvereinbarkeit dieser Forderungen entspringt ihr Unmut. Sie schaffen sich zur Meinungsbildung Voraussetzungen, die nur zu einer negativen Sichtweise von Politik führen können, denn
[...] solange die Politiker und Parteien selbst es sind, die sich wechselseitig am lautstärksten
die Glaubwürdigkeit absprechen, solange brauchen wir uns nicht zu wundern, daß die ganze
Berufsgruppe weithin als unglaubwürdig gilt. (Klein 1996:15)
3.2 Das Repräsentationsprinzip
Im Repräsentationsprinzip der Demokratie ist die Volkssouveränität nicht unmittelbar wirksam. Zwar werden Volksvertreter gewählt, die dem Volk gegenüber rechenschaftspflichtig sind, doch müssen diese auswählen und definieren, was der Volkswille ist. „Insofern ist eine Verselbständigung der Volksvertreter gegenüber dem Volk nicht nur unausweichlich, sondern geradezu ein konstitutives Prinzip repräsentativ verfaßter politischer Systeme.“ (Czerwick 1996:58).
Nun existiert die sogenannte ‚Konkurrenz-Rückkoppelungs-Theorie der Demokratie’, die besagt, dass die Bürger die Politik kontrollieren können, indem sie bei Nichtgefallen die regierenden Volksvertreter abwählen. Die Möglichkeiten zu Volkssanktionen sind in der Realität allerdings sehr begrenzt. Daher ist auch der Begriff ‚Volkssouveränität’ durch die neutraleren Begriffe ‚Allgemeinwohl’ oder ‚öffentliches Interesse’ ersetzt worden (s. Czerwick 1996:59). Diese Begriffe werden von den Politikern definiert, und dadurch ergibt sich für sie die Möglichkeit, unter Umständen Politik gegen das Volk zu betreiben. Anders herum betrachtet ist aber mit einer Politikverdrossenheit des Volkes stets auch eine Volksverdrossenheit der Politik verbunden, die sich jedoch nicht öffentlich artikulieren kann. Da bedeutsame Erwartungen der Bürger an die Politik nicht erfüllbar sind (z.B. die Einhaltung der Kommunikationsgebote oder die Erfüllung aller partikulären Interessen) muss sich die Politik selbst verleugnen und die Erfüllung dieser Erwartungen als erreichbares Ziel ausgeben. Dieses Verhalten produziert aber gerade jene Irrationalität der Wähler, die sie ihm vorwirft:
Insofern konstruiert sich die Politik neben der „öffentlichen Meinung“ [...] ein Bild von
Volkes Stimme, das es ihr sowohl erlaubt, den Führungsanspruch der Politik, so wie er
im Repräsentationsprinzip angelegt ist, beständig zu reproduzieren, als auch zugleich
eine Reihe von Begründungen dafür zur Verfügung stellt, die „Stimme des Volkes“
zumindest in dem, was sie konkret zum Ausdruck bringt, nicht, oder allenfalls
symbolisch zu berücksichtigen. (Czerwick 1996:66)
Es existiert also eine funktionale Bedeutung von Politikverdrossenheit, die die Politiker nicht sehen, da sie tatsächlich volksverdrossen sind Es besteht daher die Möglichkeit, dass die Politik repressiv reagiert und die Mitwirkung der Volksstimme beschneidet, da sie ihr eigenes Funktionieren durch Politikverdrossenheit gefährdet sieht. Je mehr also der Dialog zwischen Politik und Wählern zerstört wird, desto größer ist die Gefahr einer schleichenden Entdemokratisierung ‚zum Wohle des Volkes’ (s. Czerwick 1996:67f.).
3.3 Politische Terminologie
Der Ursprung der aktuellen politischen Sprache in der BRD liegt im „antitotalitären Konsens der demokratischen Parteien“ in der Nachkriegszeit (Bergsdorf 1991:24), aus welchem Konrad Adenauer eine Terminologie der ‚Integration’ entwickelt hat. Diese Terminologie war in der Innenpolitik gekennzeichnet durch die Idealtypen ‚Partnerschaft und Ausgleich’, in der Außenpolitik durch ‚Freiheit und Sicherheit’ (s. Bergsdorf 1991:24). Die Begriffspaare hatten im zerstörten Nachkriegsdeutschland starke Zugkraft, denn aus ihnen „gewannen die Europaidee, das Verteidigungsbündnis des Westens und auch die Soziale Marktwirtschaft ihre Werbekraft.“ (Bergsdorf 1991:25).
Nun erstarrten diese Idealtypen durch ihre Institutionalisierung (s. Bergsdorf:25) und wurden nicht durch zeitgemäßere ersetzt. Allein unter Helmut Kohl fand noch einmal eine Veränderung des Begriffes ‚Freiheit’ statt, den dieser wieder unzweideutig auf Personen und nicht - wie in der Phase des Antitotalitarismus - auf die ganze Gesellschaft bezog (s. Bergsdorf 1991:29).
Durch die Veraltung der politischen Terminologie hat diese ihre Überzeugungskraft verloren. Demgegenüber verlangen aber die Medien verstärkt mitreißende politische Begriffe.
3.4 Politische Konzepte
Ein Hindernis für die terminologische Erneuerung der politischen Sprache stellen das Verhältniswahlrecht und die Sperrklausel dar, da diese den Zwang zu Koalitionen für die Parteien bedeuten und somit Kompromisse erzwingen. Kompromisse zwischen Volks- und Regierungsparteien aber erschweren eine scharfe Konturierung der Politik, die notwendig ist, um ein politisches Konzept in klare, überzeugende Begriffe zu fassen (vgl. Bergsdorf 1991:32).
Die Auseinandersetzung um Worte wird in der Politik immer erbitterter geführt, da sich die Parteienkonzepte immer mehr einer politischen Mitte annähern und die tatsächlichen Handlungsspielräume der Regierenden immer geringer werden (s. Hombach 1991:39). Die konzeptuelle Annäherung der großen Parteien wird neben einer allgemeinen Entideologisierung der Politik und dem Kompromisscharakter einer jeden Koalition auch stark durch die Wähler bestimmt. Da der Großteil der Wähler in der politischen Mitte angesiedelt ist, akzeptiert er radikale Konzepte nicht, und die Politik muss sich aus wahlstrategischen Gründen den Handlungserwartungen der Wähler beugen.
3.5 Die Medien
Einen entscheidenden Faktor in der Erzeugung von Politikverdrossenheit stellen die Medien dar. Der größte Anteil der Wähler macht allein über die Massenmedien seine (indirekte) Erfahrung von Politik. Eine Langzeitstudie untersuchte „die Berichterstattung über das Geschehen in der Bundesrepublik Deutschland in der Frankfurter Allgemeinen, der Süddeutschen Zeitung und der Welt zwischen 1951 und 1995.“ (Wolling 1999:48) Sie stellte eine zunehmende Festlegung auf Skandalberichte und eine allgemein negative Darstellung fest. Zugleich hat sich die Art der Berichterstattung verändert: Im Zuge einer ‚Boulevardisierung’ werden aus Berichten zunehmend die Emotionen herausgestrichen, während gleichzeitig jedoch eine subjektive Berichterstattung erfolgt. Der Zuschauer hält die Berichte fälschlicherweise für objektiv und entwickelt daraus ein „unbegründetes Kompetenzbewusstsein“ (Maier 2000:82), welches sein Bild von der Politik negativ beeinflusst.
Problematisch ist auch die zunehmende Personalisierung der Politik, die mit einer ‚Skandalisierung’ der Berichterstattung einhergeht. Dabei werden die Anlässe für Skandale immer nichtiger (s. Wolling 1999:52), und der Charakter der Skandale hat sich entsprechend der Personalisierung gewandelt:
Bei dem „alten“ Skandal ging es in erster Linie um Pannen, Zuständigkeits- oder
Qualifikationsprobleme, der Vorwurf, der erhoben wird, lautet Unfähigkeit. Der „neue“
Skandal beinhaltet persönliche Verfehlungen, insbesondere Korruption, der Vorwurf
hier lautet Unmoral (Wolling 1999:52)
Politiker müssen sich dem neuen Unterhaltungscharakter der politischen Berichterstattung anpassen, doch gleichzeitig fallen ihre Einzeläußerungen sofort auf die gesamte Partei zurück. Die Bürger haben ein äußerst ambivalentes Politikverständnis: Einerseits wollen sie medienwirksame und vor allem unabhängige Abgeordnete, andererseits verlangen sie zugleich Einigkeit innerhalb der Parteien. Zwar ist Personalisierung gerade im Medienzeitalter als „notwendiges Element politischer Komplexitätsreduktion und demokratietheoretisch unverzichtbar“ (Sarcinelli 1996:42), jedoch zeigt sich die Tendenz, dass Politik „vornehmlich privatistisch, d.h. im Modus individueller Charakterzüge als mehr oder weniger unpolitischer S ympathiewettbewerb politischer Stars dargestellt“ wird (Sarcinelli 1996:43). Der Druck, der dadurch auf die Politiker ausgeübt wird, kann nur zu Politikverdrossenheit führen, denn:
Ein solches Politikbild produziert Erwartungen, die auch die kompetentesten politischen
Akteure aufgrund vielfältiger Organisations- und Verfahrensbindungen immer weniger
einlösen können. So sind politische Enttäuschungen als medieninduzierte
Dauererscheinung vorprogrammiert (Sarcinelli 1996:43).
Hinzu kommt, dass die Selbstdarstellung der Parteien vorwiegend über das Medium Fernsehen stattfindet, bevorzugt mit Hilfe populärer Diskussionsrunden, in denen Politiker unter Vorgabe bestimmter Thematiken mit ihren jeweiligen Parteikonzepten gegeneinander antreten. Entscheidend ist, dass hierbei die Zuschauer ‚konstitutiv’ für jedes Sprechen der Politiker sind (s. Rütten 1989:187). Die Diskussion erweckt den Eindruck, ‚dialogisch’ zu
sein, doch ist sie in Wirklichkeit ‚trialogisch’ (s. Rütten 1989:198) da beide Politiker als Sender von Informationen handeln und den Empfänger nicht in ihrem gegnerischen Gegenüber, sondern in den Zuschauern sehen. Es geht ihnen nicht darum, sich im Laufe der Diskussion auf eine Problemlösung zu verständigen, sondern darum, ihre jeweilige Position darzustellen und aneinander zu messen. Da sich die Politiker aber nicht direkt an die Zuschauer wenden und so der Eindruck einer rein dialogischen Kommunikation entsteht, kann man von ‚inszenierter Kommunikation’ sprechen (s. Rütten 1989: 204). Für die Zuschauer erwecken derartige Diskussionsrunden jedoch den Eindruck, die Politiker seien chronisch streitlustig und zu keinerlei Verständigung fähig.
Im Rahmen öffentlicher Auftritte gilt für die Politiker als Repräsentanten ihrer Partei ein ‚erweiterter Verantwortungsbegriff’ (s. Rütten 1989:191), der ihre Sprache bestimmt und einschränkt. Den Politikern „steht ein Apparat zur Verfügung, der sie mit [...] Handlungs-und Strategievorschlägen versorgt“ (Rütten 1989:196). Jedoch kann der Politiker „aus einer Palette von kollektiven Sprechhandlungen auswählen, und macht damit die daran gebundenen Intentionen zu seinen eigenen“ (Rütten 1989:197). Dies gilt natürlich auch für alle anderen gedruckten und gesprochenen Äußerungen einzelner Politiker, zum Beispiel im Radio oder in Zeitungsinterviews.
Somit ist es für einen Politiker unverzichtbar, sich regelmäßig innerhalb seiner Partei abzusichern, um seinen Arbeitsplatz zu erhalten, und sich gleichzeitig an den Stimmungsschwankungen in der Bevölkerung zu orientieren. Kommt es dabei zu einer Interessenkollision, muss der Politiker seine Handlungen aus Selbstschutz nach den Anforderungen der Partei richten und sich dennoch bei Auftritten in den Medien sprachlich den Anschein geben, uneingeschränkt dem Volkswillen zu dienen. „Politische Führung wird so zu einer Art kommunikativem ‚Wellenreiten’, [da die Politiker] „sich im Entscheidungsfindungsbereich von Politik anders [...] verhalten als auf den medialen Bühnen“ (Sarcinelli 1996:43)
Die Bürger bemerken die Differenz zwischen Reden und Handeln der Politiker, und daher fühlen sie sich von diesen betrogen. Sie ignorieren die Zwänge, denen Politiker unterworfen sind.
4. Zusammenfassung
Politikverdrossenheit ergibt sich aus einem Missverhältnis bzw. einer Unvereinbarkeit von Erwartungen der Bürger an die Politik und der tatsächlichen Funktionsweise und den Zwängen des politischen Systems. Politische Sprache ist dabei dasjenige Medium, in welchem dieses Missverhältnis seinen unmittelbaren Ausdruck findet; daher wird die politische Sprache als eine der Hauptursachen für Politikverdrossenheit betrachtet. Die Vorwürfe, die gegen politische Sprache erhoben werden (Unverständlichkeit, Polemik, Ablenkungen, Differenz zwischen Sprechen und Handeln usw.) resultieren daraus, dass politische Sprache oftmals nicht die Kommunikationsgebote beachtet. Dafür existieren Gründe, die - wie die Gründe für Politikverdrossenheit - vor allem in den sozialen
Verhältnissen der Wähler, in der Struktur des demokratischen Systems und in der medialen Darstellung von Politik zu finden sind:
So ist der soziale Wandel (Zunahme des neuen Mittelstandes, Individualisierung/ Entideologisierung) für die Politik problematisch: Die Parteien beziehen ihre Legitimation und Individualität aus ideologischen Grundsätzen, und ihre Stammwählerschaft stimmt diesen Grundsätzen zu, doch für die neue politische Mitte sind sie oftmals zu radikal. So werden die Parteien in eine Zerrissenheit zwischen Stammwählerschaft und neuen, gemäßigten Wählern gezwungen, und diese erschwert präzise Parteiprogramme. Aber auch das Verhältniswahlrecht und die daraus folgenden Koalitionen behindern die klare Konturierung der Politik und - im Hinblick auf die politische Sprache - die Erneuerung der veralteten politischen Terminologie.
Im Kampf um Wählerstimmen sind die Parteien im ‚Marktmodell der politischen Kommunikation’ auf konkurrierende Werbung angewiesen, und diese wird auch von ihnen erwartet. Jedoch ist sie nicht mit den Kommunikationsgeboten zu vereinbaren (vor allem was Polemik und Diffamierungen b etrifft), und auf diese Weise tragen die Politiker zur Verschlechterung ihres eigenen Rufes bei.
Diese Entwicklung wird durch die Medien noch unterstützt. Sie sind als vermittelnde Instanz zwischen Politik und Wählern ökonomischen Zwängen (Einschaltquoten, Verkaufszahlen) und darum auch den Entwicklungen in der Berichterstattung unterworfen, die auf Gewinnmaximierung abzielen. ‚Skandalisierung’ und ‚Boulevardisierung’ tragen in Verbindung mit der Personalisierung der Politik zu einer verzerrten Sichtweise der Bürger von Politik bei. Zwar sind die Skandale der Politik nicht frei erfunden, doch hat sich das Verhältnisse in der Berichterstattung hin zu negativen Berichten verschoben. In vielen Fällen wird der Skandal erst durch die Medien produziert, und in den meisten Fällen hängt es von der Darstellung durch die Medien ab, welche Ausmaße ein Skandal annimmt. Die schwer zu erfüllende Rolle, die Politikern auf den ‚medialen Bühnen’ aufgezwungen wird, schwangt zwischen der Forderung nach unabhängigen, charismatischen und sympathischen Politikstars und kompetenten, seriösen Repräsentanten einer geschlossen auftretenden Partei. Die erweiterte Verantwortung der Politiker als Parteirepräsentanten aber erschwert unabhängige Aussagen, die zu einem Konflikt innerhalb der Partei führen könnten und das Ansehen der Partei beschädigen würden. Im Hinblick auf die Wahrnehmung der Politiker ist vor allem die ‚inszenierte Kommunikation’ politischer Diskussionsrunden von Nachteil, die oft in Selbstlob und gegenseitiger Diffamierung endet und aufgrund ihrer Funktion enden muss.
Was die ‚Komplexitätsreduktion’ als sozialpsychologische Funktion politischer Sprache angeht, so ist diese durch die zunehmende Unüberschaubarkeit des außenpolitischen und innenpolitischen Geschehens nicht mehr gewährleistet. In Begriffen wie ‚Schurkenstaaten’ zeigt sich der Versuch, einen binären Schematismus von ‚gut’ und ‚böse’ zu erhalten, doch ist in den Medien eine Sensibilität für Schwarz-Weiß-Malerei vorhanden und diese wird stark kritisiert.
Aufgrund der zahllosen Faktoren, die das politische Geschehen beeinflussen, der Vielzahl der einzelnen Interessengruppen und strukturellen Eigenschaften von Demokratie ist eine
umfassende Darstellung der Ursachen von Politikverdrossenheit und der Einbindung der politischen Sprache in diese äußerst schwierig.
Fraglich ist, ob es sich bei Politikverdrossenheit um ein Problem handelt, welches in Deutschland so ausgeprägt ist, dass tatsächlich eine Gefährdung für die Demokratie besteht. Bei der durchgeführten Befragung, die diesen Punkt ebenfalls beinhaltete, gaben achtzehn Personen an, sie glaubten, dass Politikverdrossenheit ein ernst zu nehmendes Problem in Deutschland sei. Jedoch nur sechs Personen bezeichneten sich selbst auch als politikverdrossen. Somit scheint die Angst vor Politikverdrossenheit größer zu sein als deren tatsächliches Ausmaß, jedenfalls was Politikverdrossenheit unter Wählern der politischen Mitte angeht, zu denen die Befragten gehörten. Als Bedrohung wird hier vor allem die mögliche Radikalisierung bestimmter Bevölkerungsgruppen empfunden, bei welchen häufig eine schlechte soziale Situation zur Ursache von Politikverdrossenheit wird. Um einer Radikalisierung von Wählern entgegen zu wirken, ist es jedoch wichtig, dass die Kommunikation zwischen Politik und Wählern verbessert wird. Die Politik muss transparent und für den Wähler verständlich sein, damit er sich ernst genommen fühlt und die Leistungen der Politiker beurteilen kann. Dazu müssen sowohl die Politik als auch die Wähler und nicht zuletzt die Medien Einblick in die Voraussetzungen und Funktionsweise politischer Sprache haben und ihre Verantwortung im Hinblick auf die Gestaltung der politischen Diskussion wahrnehmen.
Literaturverzeichnis
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Politische Semantik: bedeutungsanalytische und sprachkritische Beiträge zur
politischen Sprachverwendung. Opladen, Westdeutscher Verlag GmbH, S. 187-230
Fragebogen (+ Ergebnisse)
Bundestagswahlkampf 2002: Wie gefielen Ihnen folgende Wahlslogans?
-Unsere Welt dreht sich um Gerechtigkeit. (Bündnis 90/ Die Grünen)
1 sehr gut 2 gut 10 nicht so gut 7 überhaupt nicht
warum: irrelevant; geheuchelt; gelogen; nicht glaubhaft; realitätsfern
-Aber im September gibt`s Zeugnisse. (CDU)
2 sehr gut 10 gut 5 nicht so gut 3 überhaupt nicht
warum: treffend; ermöglicht Beurteilung der Partei (SPD) durch den Wähler; zu
sarkastisch; zwingt Wähler Entscheidung auf
Wie gefallen Ihnen folgende Äußerungen führender Politiker:
-„[...] Und ich bin der Letzte, der nicht enttäuscht wäre darüber, dass es uns nicht gelungen
ist, das Ziel, die Arbeitslosigkeit auf dreieinhalb Millionen zu reduzieren, zu erreichen. Aber
das hat natürlich - und jeder vernünftige Ökonom weiß das auch - Gründe, die in den
weltwirtschaftlichen Verwerfungen liegen.“ (Gerhard Schröder)
0 gut 14 schlecht 6 neutral
warum: verworren; zu hochgestochen; unwahr; wahr; der Schwarze Peter wird
anderen zugeschoben; klingt nach Ausrede, könnte aber stimmen;
Schuldverschiebung; nicht selbstkritisch; einseitig
-„Was Homo-Ehe anbelangt: Wir waren dagegen, aber man muss natürlich auch akzeptieren,
dass die demokratische Mehrheit hier anders entschieden hat.“
(Edmund Stoiber)
4 gut 9 schlecht 7 neutral
warum: ehrlich; tolerant; keine Einsicht in Volkswillen; keine Akzeptanz des
Volkswillens; scheinbar klare Aussage mit Hintertürchen; das Wort „Homo-Ehe“
missfällt
Sind Sie zufrieden mit der Sprache, die Parteien oder Politiker benutzen?
4 ja 16 nein
warum: unverständlich; zu verallgemeinernd; unscharf; schwammig; zu
diplomatisch; realitätsfern; schlechte Rhetorik; Politiker können nicht zuhören;
beschönigend; Politiker reden Dinge tot;
Arbeit zitieren:
Nina Hahne, 2002, Politische Sprache und Politikverdrossenheit, München, GRIN Verlag GmbH
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DOI
Hohe und Niedere Minne im Vergleich
Germanistik - Ältere Deutsche Literatur, Mediävistik
Zwischenprüfungsarbeit, 15 Seiten
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Germanistik - Ältere Deutsche Literatur, Mediävistik
Hausarbeit, 20 Seiten
Die Minnekonzeption bei Walther von der Vogelweide
Germanistik - Ältere Deutsche Literatur, Mediävistik
Hausarbeit, 29 Seiten
Die Verwandlung - Eine Novelle der Moderne?
Germanistik - Neuere Deutsche Literatur
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