wie Rauch in alle Richtungen verweht wird. Darauf sagt Sokrates zu, diese Frage näher zu erörtern, wenn es Kebes und Simmias daran gelegen ist. 3 Platon formuliert durch Sokrates einen ersten Beweis für die Unsterblichkeit der Seele.
Die Schlüssigkeit dieser Beweise und auch die Einschätzung ihrer Beweiskraft durch Platon selbst sind bis heute umstritten. 4
Im folgenden werde ich den Abschnitt 70d – 71d aus Platons Phaidon interpretieren. In diesem Abschnitt begründet Platon seine Annahme, dass die Seele nach dem Tod weiterexistiert.
Vorher werde ich den Ausgangspunkt der Argumentation näher beschreiben.
1.1. Ausgangspunkt
Platon geht von einem Dualismus von Körper und Seele aus. Der lebende Mensch besteht aus der Einheit von Körper und Seele. Wenn der Mensch stirbt, trennt sich der Körper von der Seele. 5
Im Laufe des Gesprächs stellt sich die Frage, ob die Seele auch vom Körper losgelöst weiterlebt, oder nach der Trennung vom Körper auch zerfällt, wie es der Körper tut. Die Frage, die die weitere Diskussion bestimmt, ist, was mit der Seele nach dem Tod geschieht. Kommt sie in die Unterwelt oder verfällt sie nach dem Tod? Sokrates und Kebes einigen sich auf die Vorannahme, dass die Lebenden von den Toten kommen, d.h. dass sie vor der Geburt im Hades waren. Sokrates knüpft damit an alte mythologische Vorstellungen an. Er beruft sich dabei auf eine “alte Rede”, nach der die Toten in den Hades kommen, und von dort wieder auf die Welt zurückkehren. 6 Dorothea Frede sieht darin die Bemühung, Platons philosophische Überlegungen in die bestehenden mythischen Traditionen einzubetten. Platon verwendet die mythologischen Traditionen nicht als Autorität, sondern nur als Hinweis. 7 Diese Vorstellung soll aber einer weiteren Prüfung unterzogen werden. Damit man wiedergeboren wird, muss die Seele vorher irgendwo gewesen sein. Dieser Ort ist nach Platons Auffassung die Unterwelt.
Wenn die Seelen aufhören würden zu existieren, dann könnten sie nicht wiedergeboren werden, wie Platon es annimmt. Daher ist es für die weitere Diskussion wichtig, ob die
2 Vgl. Phaidon, 63b.
3 Vgl. Phaidon 70c.
4 Vgl. Frede, Dorothea, Platons >Phaidon<, Darmstadt, 1999, S.36.
5 Vgl. Phaidon, 67d.
6 Vgl. Phaidon, 70e.
7 Vgl. Frede, S.39.
4
Toten in der Unterwelt sind. Wären sie in der Unterwelt, wäre das für Platon ein Hinweis, dass die Lebenden aus den Toten wiedergeboren werden. 8
Wenn sich nicht beweisen ließe, dass die Seele in den Hades kommt , müssen sie nach einer anderen Erklärung suchen, die für die Unsterblichkeit der Seele spricht. 9 Der noch ausstehende, folgende Beweis dafür wird aber ohne mythische Einkleidung formuliert. Man beruft sich auf allgemeine Prinzipien und argumentiert nur in Anlehnung an die Mythologie.
2. Hauptteil
2.1. Der Prozess des Werdens
Platon lässt Sokrates die These formulieren, dass alles, was einem “Entstehen” unterliegt, aus seinem Gegenteil entsteht 10 . Diese These gilt nicht nur Menschen, sondern auch für “Tiere insgesamt und (...) Pflanzen.” 11 Nicht alle Entitäten unterliegen einem Werden. Für Abstrakta, z.B. Zahlen gilt dieses nicht. Für diese ist das Werden nicht definiert.
Alles, was sich verändert, entsteht aus seinem Gegenteil. Was groß wird, war vorher klein, was schön wird, war vorher hässlich. Genau so verhält es sich mit schnell und langsam, gerecht und ungerecht. 12 Eine Veränderung in einen Zustand y setzt voraus, dass sie von einem entgegengesetzten Zustand x ausgehen muss. 13 Dieses Argument scheint plausibel zu sein, weil alles, was sich in einem Zeitraum t wandelt, vorher in einem entgegengesetzten Zustand gewesen sein muss. Was groß wird, muss vorher kleiner gewesen sein. Etwas, das schneller wird, muss vorher notwendigerweise langsam gewesen sein. Dieses Argument funktioniert, weil es sich um keine konträren Gegensätze handelt, sondern um Komparative. Platon kann nicht sagen, was schwarz wird, muss vorher weiß gewesen sein. Aber er kann sagen, was dunkler wird, muss vorher heller gewesen sein.
Die Notwendigkeit bekommt das Argument aber allein aus der Bedeutung der Wörter. Gallop merkt an, dass zu dieser Erkenntnis keine empirische Beobachtung nötig ist, um zu erkennen, dass das, was größer wird, vorher kleiner war oder dass das, was besser wird, vorher schlechter war. 14
8 Vgl. Phaidon 70d.
9 Vgl. Phaidon, 70d3.
10 Vgl. Phaidon, 70e.
11 Vgl. Phaidon 70d.
12 Vgl. Phaidon, 70e.
13 Vgl. Frede, S.39.
14 Vgl. Gallop, David, Plato: Phaedo, Oxfort 1975, S.109.
5
Aus diesem Argument wird ein induktiver Schluss gezogen, dass alles, was nur einen Gegensatz hat, notwendig aus seinem Gegensatz entsteht. Zwischen den Gegensätzen finden Werdeprozesse statt. Alles, was einen Gegensatz hat, entsteht aus diesem. “Dieses also lasst uns sehen, ob nicht notwendig, was nur ein Entgegengesetztes hat, nirgends anders her entsteht als aus diesem Entgegengesetzten.” 15
Dieser Schluss gilt aber nicht für absolut polare Gegensätze. Etwas, was nicht schön ist, muss nicht zwingend hässlich sein. Etwas, was schöner wird, muss vorher weniger schön gewesen sein, aber nicht zwingend hässlich. Dorothea Frede wendet ein, Platon könnte nur von nicht schön auf den Gegensatz hässlich schließen, wenn es kein tertium quid zwischen schön und hässlich gäbe. 16 Etwas, das weiß wird, muss vorher nicht zwingend schwarz gewesen sein. Aber etwas, das weiß wird, muss vorher nicht weiß gewesen sein.
Ähnlich verhalten sich die Gegensätze “das Gerechte” und “das Ungerechte”, die Platon nennt. Was nicht gerecht ist, muss nicht ungerecht sein, und umgekehrt. Dieser Gegensatz, ohne das tertium quid, würde dann bestehen, wenn die Wortbedeutung von “nicht gerecht” deckungsgleich wäre mit “ungerecht”.
Die Plausibilität in diesem Argument kommt durch die geschickt gewählten Beispiele. Platon argumentiert überwiegend mit Komparativen. Die Komparative sind in der Argumentation problemlos. Was wächst, muss kleiner gewesen sein. Richtige Gegensätze sind nur “schön/ hässlich” oder “gerecht/ ungerecht”. 17 Schön und hässlich sind ein kontradiktorisches Gegensatzpaar. Etwas kann nicht gleichzeitig schön und hässlich sein. Etwas, das schön ist, ist nicht hässlich. Also ist das Prinzip der Gegensätze nicht gültig in der Allgemeinheit, wie Platon es an dieser Stelle formuliert. Es funktioniert also nur durch die geschickt gewählten Beispiele.
2.2. Das zweifache Werden
Man hat sich vorher geeinigt, dass es Prozesse zwischen Gegensätzen gibt, die eine Veränderung von einem Gegensatz zum anderen bewirken, z.B. Wachstum. Alle diese natürlichen Entwicklungen unterliegen einem zweifachen Werden, “von dem einen zu dem anderen und von dem anderen wieder zurück.” 18 Platon betrachtet zyklische Prozesse, wie aussondern und vermischen, abkühlen und erwärmen.
Was sich erwärmt, kühlt wieder ab, was man aussondert, vermischt man wieder, was wächst, wird kleiner 19
15 Vgl. Phaidon 70e.
16 vgl. Frede, S. 41.
17 Vgl. Frede, S.40
6
Dieses Argument scheint problematisch zu sein. Was sich z.B. einmal abgekühlt hat, braucht sich nie wieder aufzuwärmen, und zwei Stoffe, die vollständig vermischt sind, können vielleicht gar nicht wieder getrennt werden.
Gallop hat Bedenken, ob dieses Argument immer gültig ist. Wenn etwas reif wird, war es vorher unreif, wenn etwas reif ist, wird es nie wieder unreif werden. Den Prozess des “Unreifwerdens” gibt es nicht. 20
Dorothea Frede sieht hier das Problem, ob dieses Argument nicht zu viel beweist. Wenn jede Veränderung wieder zu ihrem konträren Gegenteil hinführt, würde das auch Umkehrprozesse wie Unreifwerden und Verjüngung bedeuten. Das Gesetz über den Wandlungsprozess zwischen den Gegensätzen hätte einen endlosen Wechsel der Gegensätze und die ewige Existenz des eigenschaftstragenden Substrats zur Folge. Die Konsequenz aus diesem Argument wäre nicht nur die Unsterblichkeit der Seele, sondern auch die Unvergänglichkeit jedes Trägers einer Eigenschaft.
Dieses erklärt sie dadurch, dass Platon unter Veränderung nur die spezifische Veränderung zu einem neuen Zustand hin verstehen würde. Platon würde also auch zugestehen, dass mit der Zerstörung eines Gegenstandes seine Eigenschaften vergehen. 21
2.3. Das zweifache Werden am Beispiel von “Leben und Tod”
Schließlich überträgt Platon dieses Prinzip auch auf leben und tot sein. Auf die Frage, ob dem Leben auch etwas entgegengesetzt ist, wie dem Wachen das Schlafen, antwortet Kebes “das Totsein”. 22 Diese beiden Gegensätze entstehen auseinander. Aus dem Lebenden entsteht das Tote. Leben und Tod sind zwei Gegensätze wie wachen und schlafen. Leben und tot sein sind also auch zwei Gegensätze, denen ein Prozess des zweifachen Werdens gilt. Also gilt für Leben und tot sein das gleiche. Es entsteht also notwendig das Lebende aus dem Toten. 23
18 Phaidon 71d.
19 Phaidon 71b.
20 Vgl. Gallop 109.
21 Vgl. Frede S.42.
22 Vgl. Phaidon 71c.
23 Vgl. Phaidon 71d
7
Das zweifache Werden in diesem Fall des Schlafens ist das Einschlafen und Aufwachen. Nach dem Schlafen wacht man auf. Nach einiger Zeit des Wachseins schläft man wieder ein. Der Prozess des Werdens ist in diesem Fall das Schlafen und Aufwachen. Sokrates fragt bei Kebes noch einmal nach, ob es sich mit Leben und Tod ähnlich verhält, wie mit wachen und schlafen. Ob die Lebenden von den Toten kommen und ob die Toten von den Lebenden kommen, worauf Kebes zustimmt. Für das Begriffspaar leben / tot sein sind es also die Prozesse sterben und wiederaufleben.
Der Schluss von Begriffen wie wachen und schlafen auf leben und tot sein überzeugt nicht vollkommen. Wachen und schlafen sind vollkommen bekannte Phänomene. Jeder hat unzählige Male geschlafen und ist wieder aufgewacht. Mit dem Totsein verhält es sich aber anders.
Gallop schlägt als Vergleich den Gegensatz “verheiratet /geschieden” vor. Jemand der geschieden ist, muss vorher verheiratet gewesen sein, jemand der verheiratet ist, muss vorher aber nicht geschieden worden sein. Aber jemand, der noch nie verheiratet gewesen ist, kann vorher auch noch nicht geschieden sein. 24
Das Argument, dass jemand, der lebt, vorher tot gewesen sein muss, überzeugt deshalb nicht, weil ähnlich wie beim Gegensatz “verheiratet / geschieden” es mehr als einen Gegensatz gibt.
Platon stellt die These auf, dass alles, was nur einen Gegensatz hat, aus diesem Gegensatz entsteht. Fraglich ist aber, ob “leben” und “tot sein” die einzigen denkbaren Gegensätze sind. Bei dem Gegensatz “verheiratet/ geschieden” gibt es mindestens die dritte Möglichkeit “ledig”.
Analog dazu gibt es beim Gegensatz “leben / tot sein” noch die dritte Möglichkeit, dass jemand noch nicht lebt bzw. zu einem Zeitpunkt noch nicht gelebt hat. Der Gegensatz “leben/ tot sein” erfüllt also nicht die Voraussetzungen, die Platon für dieses Argument vorgesehen hat. Der richtige Schluss auf ein Gegenteil von leben ist nicht tot sein, sondern noch nicht leben. 25
Dorothea Frede wendet ein, dass es beim Einschlafen und Aufwachen eine Person gibt, die von diesen Veränderungen betroffen ist. Bei dem Beispiel von leben und tot sein muss es auch etwas geben, an dem diese Zustandsveränderung stattfindet. Das ist die Seele. Die Weiterexistenz der Seele soll bewiesen werden, hier wird sie aber postuliert. D.h. Platon setzt das, was er beweisen will, bereits voraus. Platon hatte seine Absicht, die Weiterexistenz der Seele zu beweisen, offen gezeigt. 26
24 Vgl. Gallop S. 106.
25 Vgl. Gallop S. 109.
26 Vgl. Frede, S. 43f..
8
Platon bleibt eine Analyse der Vorgänge bei sterben und wiederaufleben schuldig. Dorothea Frede nennt Platons Beweisführung einen Indizienbeweis, eine Klärung des Tatherganges bleibt Platon uns schuldig. 27 Eine Klärung des Tatherganges wäre in diesem Fall eine genaue Analyse der Vergänge beim Sterben.
Das Prinzip des zweifachen Werdens trifft auch für Leben und Tod zu. “Also entstehen diese, auch aus einander , wenn sie entgegengesetzt sind, und gibt es zwischen ihnen zweien auch ein zweifaches Werden.” 28
Da dieses Prinzip auch für Leben und Tod gilt, müssen die Seelen notwendigerweise irgendwo gewesen sein.
Daraus schließen Sokrates und Kebes, dass die Seelen notwendigerweise in der Unterwelt sind. ”Also sind, sprach er, unsere Seelen in der Unterwelt”. 29
Ob dieses überzeugt, liegt daran, welche Vorstellungen man vom Leben hat. Platon gibt einer aus der griechischen Mythologie stammenden Vorstellung den Vorrang. Eine andere mögliche Vorstellung wäre, dass das Leben durch das Leben kommt, dass Eltern das Leben auf ihre Kinder übertragen, wie Aristoteles angenommen hat. Eine andere Vorstellung davon wäre, dass die Seelen vor der Geburt bei Gott sind und vorher noch nicht gelebt hätten, wie christliche Theologen annehmen. 30
3. Schluss
Alles in allem überzeugt Platons Argumentation nicht richtig, da erhebliche Schwächen in der Argumentation auffallen, die durch geschickt gewählte Beispiele kaschiert werden. Die Prinzipien des “Werdens” und des “zweifachen Werdens” sind so allgemein gehalten, wie sie im Phaidon formuliert sind, ungültig. Die Schwächen der Argumentation würden stärker auffallen, wenn die Beispiele nicht so geschickt gewählt worden wären. Aber es ist unklar, inwieweit man Platon unterstellen kann, dass er diese Schwächen in der Argumentation nicht gesehen hat.
Platon spielt mit offenen Karten, was seine Beweisführung angeht, daher drängt sich die Vermutung auf, er hätte die Schwächen seiner Argumentation nicht gesehen.
Dafür würde auch sprechen, dass kein Unterschied zwischen den Arten der Gegensätze gemacht wird. So benutzt Platon moralische Gegensatzpaare, wie “gerecht/ ungerecht” oder Gegensätze, die der Natur entstammen, z. B. “größer/ kleiner”. 31
27 Vgl Frede, S. 44.
28 Vgl. Phaidon, 71c.
29 Vgl. Phaidon 71d.
30 Vgl. Frede S. 43.
31 Vgl. Frede, S. 42.
9
Würde er die Notwendigkeit sehen, die Schwächen seiner Argumentation zu überspielen, hätte er problemlose Gegensatzpaare gewählt.
Auf die Frage, ob die Seele nach dem Tod weiter lebt und alle ihre intellektuellen Fähigkeiten behält, hätte eigentlich eine Analyse der Beschaffenheit der Seele kommen müssen. Die Frage über den Verbleib der Seele nach dem Tod wäre auf diese Art und Weise besser beantwortet worden.
Über die Beschaffenheit der Seele gibt es aber keine einheitliche Vorstellung in der griechischen Mythologie, an die sich Platon anlehnen könnte. Dies könnte ein Grund dafür sein, dass nichts über die Beschaffenheit der Seele gesagt wird. Dorothea Frede erklärt das dadurch, dass die Voraussetzungen, von denen Platon ausgeht, den Funktionen der Seele gerecht werden , die die Seele erfüllen muss. 32 Es soll in der Argumentation also für mehrere Konzeptionen der Seele Platz gelassen werden, man hat später die Möglichkeit sich, für eine Konzeption der Seele zu entscheiden.
Alles in allem überzeugt das Argument dann, wenn man die Ausgangsvorstellungen aus der griechischen Mythologie anerkennt. Für Platon und seine Zeitgenossen wird kein Zweifel bestanden haben, dass die Seelen der Toten nach dem Tod in die Unterwelt kommen.
Die Tatsache, dass das Argument relativ früh im Dialog angeführt wird, könnte man so auslegen, dass Platon es nicht für sehr überzeugend gehalten hat. Argumente, die man für überzeugender hält, bringt man eher später an.
Anhand der Defizite der Argumentation könnte man vermuten, dass Platon ihnen keine zu große Beweiskraft zugesteht.
4. Literatur
1. Primärliteratur Platon, Phaidon, übersetzt von Friedrich Schleiermacher, Stuttgart, 1978.
2. Sekundärliteratur Frede, Dorothea, Platons >Phaidon<, Darmstadt 1999. Gallop, David, Plato: Paedo, Oxford 1975.
32 Vgl. Frede, S. 36.
10
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Martin Gloger, 2003, Platons Phaidon 70d-71d, München, GRIN Verlag GmbH
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meinem prüfer ist das nicht aufgefallen. das war meine z.p. arbeit.
am Monday, January 26, 2004-