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INHALTSVERZEICHNIS
Einleitung S. 4
1. Von den Anfängen des österreichischen Judentums bis zum "Anschluß" 8
1.1. Die Haltung österreichischer Nachkriegspolitiker zur Vertreibung der Juden
aus Österreich 12
1.2. Der "Anschluß" 14
1.2.1. Das "Wiener Modell" 15
2. 1945 bis 1953 - Von den Rückstellungen bis zum Beginn der
Wiedergutmachungsverhandlungen S. 20
2.1. Unterscheidung Wiedergutmachung - Rückstellung 21
2.2. Die Moskauer Deklaration 22
2.3. Der Reparationsanspruch des jüdischen Volkes 24
2.4. Die Rückstellungsgesetzgebung 25
2.5. OFG - Opferfürsorgegesetzgebung 30
3. Die andere Seite - Wie die jüdischen Organisationen auf die
österreichische Haltung reagierten 31
3.1. Das Committee for Jewish Claims on Austria S 36
4. Verstärkte jüdische Bemühungen für den Beginn der Wiedergutmachungsverhandlungen S. 42
5. Keine "Stunde Null" - Der nationalsozialistische Faktor nach 1945 S. 46
5.1. Wiedergutmachung für ehemalige Nationalsozialisten S. 49
6. Aufnahme der Verhandlungen im Juni 1953 S. 51
Exkurs: Arabische Versuche der Einflußnahme S. 57
6.1. Wiederaufnahme der Verhandlungen 1954 S. 58
7. Die zweite Phase der Verhandlungen 1956 - 1961 S. 65
8. Nachbetrachtungen zum Ende der Verhandlungen S. 78
9. "Das Ende der Lebenslüge" S. 82
FAZIT S. 86
LITERATURVERZEICHNIS S. 88
In dem Verhältnis zwischen den beiden Staaten und seiner Bevölkerung seit der Staatsgründung 1948, bzw. seit dem Ende des 2. Weltkrieges, lag, ähnlich wie gegenüber Deutschland, die Shoa als Schatten über allen bilateralen Beziehungen. Der wesentliche Unterschied Österreichs zu Deutschland b estand aber darin, daß die jüdisch-israelische Seite von Anfang an einem "unschuldigen", von den Alliierten freigesprochenen Land gegenüberstand. Österreich hatte, im Gegensatz zur BRD, niemals den Willen und den vergleichbaren ausländischen Druck, der nötig gewesen wäre, um Schuld anzuerkennen und die Verbrechen an der eigenen jüdischen Bevölkerung "wiedergutzumachen". Der österreichische Staat ignorierte mit Hilfe der "Moskauer Deklaration" von 1943 die Verantwortung der eigenen Bevölkerung an den Verbrechen gegenüber den Juden so weit, daß nicht der Holocaust wesentlicher Bestandteil der eigenen Geschichte wurde, wie es in Deutschland der Fall war, sondern die eigene Opferrolle gegenüber Deutschland, der "Opfermythos". Ich werde aus dem umfassenden Bereich der bilateralen Beziehungen zwischen Israel und Österreich das Thema der Reparations- und Restitutionsbemühungen isolieren und mich darauf konzentrieren. Dies hat den einfachen Grund, daß dieses Thema die gesamte Bandbreite der Beziehungen widerspiegeln kann. Natürlich ist es darüber hinaus möglich Österreichs Funktion als Transitland oder die Partei-, und Gewerkschaftsbeziehungen zu untersuchen, man kann die kulturellen Beziehungen näher untersuchen oder auf die Rolle Österreichs im Nahost-Konflikt eingehen. Auch die ausschließliche Beschäftigung mit den Biographien Kreiskys oder Waldheims wäre eine mögliche Vorgehensweise. Der Vorteil des Reparationsthemas ist jedoch, daß es ein durchgehendes Problem in den Beziehungen der beiden Länder in den letzten 50 Jahren war. Alle oben genannten Themen standen in Verbindung mit dem hier bearbeiteten Thema. Ob nun Israel die Transitbedeutung Österreichs höher werten mußte als die Interessenvertretung der ehemaligen österreichischen Juden oder als es um eine
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Entschädigungszahlung Österreichs an den Histadrut (1967) als Wiedergutmachung für geraubtes Hehalutz-Eigentum in Österreich oder das Aufkommen der unverarbeiteten Vergangenheit mit der Waldheim-Affäre ging. Die Wiedergutmachungsverhandlungen, besonders die Art und Weise wie sie von österreichischer Seite geführt wurden und die österreichische Vergangenheit, die überhaupt erst zum Thema der Wiedergutmachung führte, waren immer wieder ein Hintergrund in den restlichen Beziehungen, der kontinuierlich durchschien.
Im Verhältnis Israels zu Deutschland schließt die Shoa für immer eine völlig "normale" Beziehung aus, selbst wenn insbesondere die junge Bevölkerung Deutschland völlig unvoreingenommen gegenübersteht, ist die Shoa ein fester Bestandteil einer gemeinsamen Erinnerung. Die Vorwürfe gegenüber Deutschland liegen in seiner Verantwortung am Holocaust begründet, die Vorwürfe gegenüber Österreich gehen darüber hinaus. Österreich wird heute noch vorgeworfen, sich nur sehr spät zu seiner Schuld bekannt zu haben und österreichische Juden nicht nur nach 1938 im Stich gelassen zu haben, sondern, und das ist besonders hervorzuheben, auch nach 1945. Österreich versuchte seinen eigenen politischen und materiellen Nutzen auf Kosten der jüdischen Bevölkerung zu erreichen, und setzte in diesem Sinne die eigene Sichtweise der Opferrolle in den Verhandlungen mit den jüdischen Vertretern und den Alliierten ein: "Betrachtet man nur den hier behandelten Zeitraum [1945-1952], so war der geschilderte Balanceakt nicht ohne Erfolg. Längerfristig gesehen brachte er aber (..) schwerwiegenden Konsequenzen für die politische Moral und Kultur des Landes mit sich."1
Eine Gesamtdarstellung ist nicht Ziel dieser Arbeit, da sie nicht nur den Umfang einer Magisterarbeit sprengen würde, bzw. nur eine sehr oberflächliche Darstellung vieler einzelner Punkte ermöglichen würde, sondern auch, weil es möglich ist aus der Perspektive der Restitutions- und Reparationsbemühungen, Rückschlüsse auf eine Nichtgeschehene Verarbeitung der Vergangenheit zu ziehen und Auswirkungen auf ein späteres jüdisch-israelisches Bewußtsein aufzuzeigen.
"Im großen und ganzen kann dieses Thema gleichsam als Medium und Barometer aller anderen Fragen aufgefaßt werden. Schließlich wurde die Frage der Restitutionen bei fast
1 Knight, S. 58
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jeder sich b ietenden Gelegenheit der israelisch-österreichischen Kontaktaufnahmen angesprochen." (Dan Diner; Endbericht Projekt "Israel-Österreich", Vol. I) Ich werde im Verlauf der Arbeit, nachdem ich einen kurzen Überblick über die historische Vergangenheit des österreichischen Judentums und Antisemitismus darlegen werde, mich nicht nur auf die Wiedergutmachungsverhandlungen seit dem Jahre 1953 konzentrieren, sondern auch auf die Restitutionsbemühungen eingehen, da beides eng miteinander verzahnt ist. Schon während d er Rückstellungsgesetzgebung seit 1946 wurde schließlich deutlich welche Verzögerungstaktik Österreich einzusetzen gedachte. Außerdem wurde schon hier klar, daß man sich auf die ausschließliche Opferrolle zurückziehen wollte. Und schließlich wurde das Problem des erblosen, nichtbeanspruchten Vermögens, das innerhalb der Wiedergutmachungsverhandlungen besprochen werden mußte, erst mit der Rückstellungsgesetzgebung geschaffen, so daß ich dem Jahr 1948 vorgreifen muß. Zudem ist eine Übersicht über die Geschehnisse während des "Anschlußes" nötig, um die, von offizieller österreichischer Seite immer wieder bestrittene, Täterrolle der österreichischen Bevölkerung zu dokumentieren. Da die Verhandlungen ausschließlich von jüdischen Organisationen, unter Ausschluß des Staates Israel, geführt wurden, will ich auf die ambivalente Rolle während der Jahre der Verhandlungen eingehen, die Israel auf Grund außen- und innenpolitischer Zwänge einnahm. Darüber hinaus werde ich die Bemühungen, sowohl innerhalb als auch außerhalb des Claims Committee, ehemaliger österreichischer Juden in Israel darstellen und ihre Reaktionen darlegen. Die Sichtweise des untersuchten Themas soll fast ausschließlich eine jüdisch-israelische sein, da ich ihre Reaktion auf das österreichische Verhalten herausstreichen möchte und eine Erklärung bieten will für das schlechte Image Österreichs im israelischen Bewußtsein (in dem Falle in dem Österreich überhaupt noch wahrgenommen wird).
Da ich mich möglichst auf die gesellschaftlich-politischen Aspekte der Reparations- und Restitutionsproblematik konzentrieren will, werde ich nicht näher auf die äußerst komplizierten Bereiche der Opferfürsorgegesetzgebung (siehe dazu, Bailer, "Wiedergutmachung kein Thema") und der Sozialversicherungsregelungen eingehen, die schon für sich alleine eine Magisterarbeit ausfüllen würden.
Für die vorliegende Arbeit lag mir, abgesehen von der Fachliteratur, noch Material vor das Ergebnis einer Recherche ist, die im Rahmen des "Austria-Israel: Political and
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Cultural Relations since 1945" Projekt gesammelt wurde. Dieses Forschungsprojekt wurde 1997 vom Institut für Deutsche Geschichte an der Universität Tel Aviv unter der Leitung von Prof. Dan Diner in Kooperation mit dem Institut für Zeitgeschichte, Universität Innsbruck und dem Koebner Zentrum für Deutsche Geschichte an der Hebräischen Universität Jerusalem unter der Leitung von Prof. Moshe Zimmermann, gestartet. Die zusammengetragenen Dokumente und Ergebnisse aus allen Archiven und Sammlungen Israels wurden in 11 Bänden zusammengefaßt, Research Findings Reports Volumes I - XI. Sie sollten in Zukunft als Grundlage für die Forschung auf diesem Gebiet dienen. Leider war es mir nur möglich einen Bruchteil der Ergebnisse für diese Arbeit zu nutzen, da das in Aussicht stehende Stipendium, das eine intensive Auseinandersetzung mit allen Dokumenten in finanzieller und organisatorischer Sicht ermöglicht hätte, außerplanmäßig in einen Zeitraum verlegt wurde, der mir eine fristgerechte Abgabe der Arbeit unmöglich gemacht hätte. Als Beispiel für die Möglichkeit einer intensiveren Beschäftigung mit dem hier behandelten Thema nenne ich nur den Einblick in die Berichte der diplomatischen Vertretungen, Regierungssitzungen, und des Außen- und Sicherheitsausschußes, die im Staatsarchiv Jerusalem vorliegen oder in Dokumente aus dem Central Archive of the Diaspora in Tel Aviv, das wichtige Briefe und Zeitungsartikel zu diesem Thema bietet. Bei den von mir zitierten Dokumenten handelt es sich fast ausschließlich um Ergebnisse von Recherchetätigkeiten im B en-Gurion-Archiv in Sde Boqer. Es werden nur englisch-, deutsch-, und französischsprachige Dokumente zitiert, da meine privaten Bemühungen keine Möglichkeit zuließen eine umfangreiche Übersetzung des hebräischen Materials zu erhalten.
Hinweis: Der Titel dieser Magisterarbeit ist aus mir unbekannten Gründen nicht vollständig korrekt vom Magisterprüfungsamt weitergegeben worden. Da ich die Vorgabe aus formalen Gründen aber inhaltlich genauso übernehmen muß, belasse ich es bei dem Titel, der auf dem Titelblatt steht.
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1. Von den Anfängen des österreichischen Judentums bis zum
„Anschluß“
Sieht man einmal von den Legenden ab, die beschreiben, wie sich die ersten Juden in Österreich ansiedelten, beispielsweise im Zuge der römischen Kolonisation oder gar als Gründer von Wien, so kann man feststellen, daß in Österreich seit mindestens 800 bis 1000 Jahren Juden leben2. Bis zum Ende des 13. Jahrhunderts war die Situation der jüdischen Bevölkerung unter der Herrschaft der Babenberger von relativer Sicherheit geprägt. Im Jahre 1244 veranlaßte Herzog Friedrich II. einen Judenerlaß, der Juden rechtliche und andere Privilegien, wie Privateigentum, sicherte. Die ersten Judenverfolgungen nach der großen Pest von 1348, als man die Juden für die Urheber der Seuche hielt, waren die Vorläufer für die Pogrome in den Jahren 1420/21 unter der Herrschaft von Herzog Albrecht V.. Die letzten 210 Wiener Juden, die der Vertreibung und Verbrennung bisher entkommen konnten, wurden im März 1421 verbrannt, nachdem sie sich einer Zwangstaufe widersetzten. Weitere Ausweisungen und Morde in den folgenden Jahrhunderten waren Ergebnisse kirchlicher Intoleranz oder opportunistischer Menschen, die sich so bereicherten und ihre Konkurrenz durch wildeste Anschuldigungen der Wut der Massen ausliefern konnten3. Diese Mischung aus Judenhaß, in Abgrenzung zum modernen Antisemitismus des 19. und 20. Jahrhunderts, ökonomischen Interessen und blinder religiöser Eiferei, bereitete die Voraussetzungen für ein Umfeld, in dem Juden nur zu bestimmten Perioden in relativer Sicherheit leben konnten. Dies war natürlich nicht ausschließlich ein österreichisches Phänomen, sondern europaweit ein Dauerzustand.
Wesentlich für die zukünftige Rolle der Juden innerhalb der christlichen europäischen Gesellschaften war seit dem Mittelalter ihre Verbindung zum Kapital. Papst Alexander III. gestand den Juden das Recht zu, Geld zu verleihen und dafür Zinsen zu nehmen, was auf dem vierten Laterankonzil im Jahre 1215 unter Innozenz III. bestätigt wurde, als er das Verbot für Christen erließ, Zinsen zu nehmen. Diese Nische - Handwerk und Handel wurden ihnen teilweise erheblich erschwert, wenn nicht gar verboten - füllten die
2 vgl. Fraenkel, S. IX und Weinzierl/Kulka, S. 19
3 vgl. Fraenkel, S. X
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Juden in den folgenden Jahrhunderten, sehr zur Ungunst ihrer christlichen Nachbarn, so gut wie möglich und nötig aus4.
Erst im 17. Jahrhundert setzte eine allmähliche Verbesserung der Situation der Juden ein. Der Bedarf an immer größeren Finanzmitteln machte es nötig, daß sich mitteleuropäische Regenten an Juden wandten, die auf Grund ihrer Beziehungen zu Juden anderer Länder ausreichendes Kapital zur Verfügung stellen konnten. Das sogenannte Hofjudentum sorgte dafür, daß den jeweiligen Feudalherrschern die nötigen Finanzmittel zur Verfügung standen, um die immer teurer werdenden Söldnerheere zu finanzieren. Von 1688 bis 1709 beispielsweise, streckten die Juden dem österreichischem Hof 78 Millionen Gulden vor, was das Leben dieser Hofjuden im Vergleich zu Ihren Glaubensbrüdern zwar erleichterte, aber sie noch längst nicht zu gleichberechtigten Menschen machte. Schon zu lautes beten konnte ihre Situation erheblich gefährden und alle 594 Juden, die 1772 in Wien lebten, mußten "für die Dauer ihres mit 5 oder 10 Jahren begrenzten Aufenthaltes eine hohe Toleranzsteuer zahlen (..) und (waren) vor administrativen Schikanen dennoch nicht gesichert (..), (lebten) zum Teil in der ständigen Angst vor Umsiedlung oder Ausweisung (..)"5. Das Toleranzedikt von Joseph II aus dem Jahre 1782 war der Beginn der sogenannten "Judenemanzipation", die eine bessere Stellung aller Juden in bildungspolitischer und ökonomischer Sicht mit sich brachte. Handelsbeschränkungen wurden aufgehoben, der Zugang zu akademischen Instituten ermöglicht, aber auch die Einführung einer Militärpflicht ab dem Jahre 1788 waren konkrete Konsequenzen des Toleranzediktes6. Jedoch dauerte es bis zur Revolution von 1848, bevor man von einer allmählichen Gleichberechtigung der Juden sprechen konnte. Bis dahin gab es in Österreich immer wieder Versuche, die den Juden gewährte Toleranz einzuschränken, um den Aufenthalt der Juden zu erschweren. Erst um 1830 war der Begriff der "Judenemanzipation" im allgemeinen Sprachgebrauch zu verzeichnen, bzw. wurde erst dann zu einem politisch relevanten Begriff7.
4 vgl. Steininger, S. 80
5 Weinzierl/Kulka, S. 21 6 vgl. ebd. und Fraenkel, S. X 7 vgl. Rürup, S. 126ff
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Der Emanzipationskampf war ein verfassungspolitischer Kampf des deutschen Liberalismus, den man als einen Kampf um die politische Mündigkeit des Bürgertums interpretieren kann. Die alte Ordnung der Feudalherrschaft wurde zerschlagen, um der bürgerlichen Bewegung Platz zu machen, die sich im gesellschaftlichen, kulturellen und besonders im ökonomischen Leben völlig entfalten wollte. Die Emanzipation, als gesellschaftliche Bewegung, war die Voraussetzung für die Realisierung einer bürgerlichkapitalistischen Gesellschaft. Die faktisch bereits erfolgte wirtschaftliche Emanzipierung eines Teils der Juden, angesichts ihrer wirtschaftlichen Erfolge waren sie bereits mit einigen Privilegien ausgestattet, sollte nun mit der rechtlichen Gleichstellung komplettiert werden, so zumindest sahen es die Befürworter der Judenemanzipation8. Von wesentlicher Bedeutung an dem Verlauf der Emanzipation ist, daß sie ohne eine nationalstaatliche Entwicklung und der Rolle, die einige Juden in der Staatswirtschaft spielten, wohl nicht einen so großen Einfluß auf die jüdische Bevölkerungsgruppe gehabt hätte. Die Emanzipation war fest mit der Entwicklung der Nation verbunden. Mit dem Aufkommen des Imperialismus, dem Zusammenbrechen der nationalstaatlichen Gesellschaft und der ersten fundamentalen Krise der liberal-bürgerlichen Gesellschaft, die eine Folge einer nie vorher gekannten Wirtschaftskrise im letzten Drittel des 19. Jahrhunderts war, entstand eine antiliberale Bewegung, die sich gegenüber den Juden im modernen Antisemitismus ausdrückte.
Bis in die siebziger Jahre des 19. Jahrhunderts brachte der: "... liberale Verfassungsstaat (..) den Juden die uneingeschränkte Emanzipation, die volle bürgerliche Gleichberechtigung"9. Die Juden der k.u.k. Monarchie nutzten ihre Möglichkeiten und siedelten sich insbesondere in Wien an, dessen jüdische Bevölkerung 1869 40.300 zählte und bis unmittelbar nach dem ersten Weltkrieg kontinuierlich auf 201.500 anstieg. 1934 lebten in ganz Österreich 191.481 Glaubensjuden, davon 176.034 in Wien, 1938 waren es bereits nur noch 169.978 in Wien und 185.246 in ganz Österreich10. Wien wurde zu einem Zentrum des Judentums, insbesondere des assimilationswilligen Judentums, aber auch eine wichtige Wirkungsstätte antisemitischen Treibens. Besonders hervorzuheben sind hierbei Georg Ritter von Schönerer, der den modernen
8 vgl. ebd., S. 130f
9 Weinzierl/Kulka, S. 24 10 vgl. ebd.
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Antisemitismus f ür seine deutsch-nationalen und rassistischen Ziele einsetzte, und Dr. Karl Lueger, Bürgermeister von Wien, der mit Hilfe eines moderateren Antisemitismus politische Erfolge für seine christlich-soziale Partei erreichen konnte. Diese beiden Österreicher veranlassen P.G.J. Pulzer zu der Aussage, daß: "If any city in the world may claim to be the cradle of modern political Antisemitism it is Vienna.(...) here that Adolf Hitler learnt the political lesson that these two demagogues taught; here that Pangerman i deology had its intellectual home - rather than Munich, Hamburg or Berlin."11. Antisemitismus war erfolgreich sowohl unter der "einfachen" Bevölkerung, wie auch bei Akademikern, Burschenschaften oder hochrangigen Kirchenvertretern12. Die Burschenschaften in Österreich-Ungarn waren bereits 1890 "judenfrei" und sammelten sich daraufhin im Waidhofener Verband. Schönerer wurde gerade von seiner Verbindung zu diesen Studentenverbänden in seiner politischen Einstellung beeinflußt13. Der aggressive österreichische Antisemitismus, der im Unterschied beispielsweise zum französischen Antisemitismus auf einem rassischen Volksbegriff basierte, statt auf einem nationalen Staatsverständnis, und die offensichtlich fehlgeschlagene
Assimilationsbewegung, brachten dann auch ihre konträrsten Köpfe hervor, wie Adolf Hitler und Theodor Herzl, auch wenn beide die entscheidenden Einflüsse im Ausland erlebten. Vor Herzls "Judenstaat" von 1897 hatte schon Nathan Birnbaum 1890 die wichtige Bedeutung Wiens für die zionistische Bewegung e rkannt, die in ihrer geographischen Lage zwischen Ost und West bestand. Die Spanne zionistischer Gruppierungen in Wien reichte von marxistischen Strömungen bis hin zu rechten Gruppierungen wie der Judenstaatspartei. Die erste jüdische Jugendbewegung - "Blau-Weiß" - wurde 1911 in Wien gegründet und wandelte sich bis 1922 in eine Pionierbewegung, deren Ziel es war Jugendliche für die Aliya ("Auswanderung") nach Palästina vorzubereiten.
Nach dem 1. Weltkrieg flammte der politische Antisemitismus wieder auf, als nach einem Sündenbock für den verlorenen Krieg und insbesondere für die schlechte wirtschaftliche Lage gesucht wurde. Der österreichische Antisemitismus radikalisierte sich in einer bisher nicht gekannten Art und Weise und wurde insbesondere von
11 Pulzer in Fraenkel, S. 429
12 vgl. Weinzierl/Kulka, S. 25 13 vgl. Pulzer in Fraenkel, S. 436f
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Vertretern großdeutschen Gedankenguts und Christsozialen getragen. 1919 schlug der christlich-soziale Politiker Leopold Kunschak der Nationalversammlung vor, Ostjuden, die nach dem Krieg vor Pogromen in ihren Heimatländern flohen, in Lager zu internieren. 1923 wollte der großdeutsche Innenminister Waber bei einer Volkszählung die Rassenzugehörigkeit erheben. Dies scheiterte daran, daß die Mehrheit der Presseparole folgte und "weiß" in die für die Rassenzugehörigkeit vorgesehene Rubrik eintrug. In Tirol, einem Zentrum der antisemitischen Bewegung, veröffentlichte der Antisemitenbund bereits 1919 ein Forderungsprogramm, daß den Nürnberger Rassegesetzen aus dem Jahre 1935 ähnelte14.
Der aggressive Antisemitismus großdeutscher Prägung war also nicht erst ein "importiertes" deutsches Problem, vielmehr war es so, daß die deutsche nationalsozialistische Saat bereits auf einen aufnahmebereiten Nährboden fiel, wie die besonders brutalen Ausschreitungen gegen die jüdische Bevölkerung nach dem "Anschluß", das "Wiener Modell" Eichmanns oder der überproportionale österreichische Anteil an den SS-Wachmannschaften der Konzentrationslager zeigen sollten.
1.1. Die Haltung österreichischer Nachkriegspolitiker zur
Vertreibung der Juden aus Österreich
Am 13. März 1938 marschierten Deutsche Truppen in Wien ein und annektierten Österreich als Teil des Großdeutschen Reiches. Dieses Ereignis wird im Nachkriegsösterreich für gewöhnlich als Besetzung deklariert, die Österreich zum Opfer der Nazis machte. Dies wird besonders dann deutlich, wenn man die außenpolitische Strategie der österreichischen Nachkriegsregierungen verfolgt, die immer darauf abzielte Österreich ausschließlich als Opfer darzustellen. Die Opferthese - wesentlich unterstützt durch die einseitige Auslegung der Moskauer Deklaration von 1943 - wurde politisch zum eigenen Vorteil eingesetzt, aber gleichzeitig auch zum moralischen Selbstverständnis einer ganzen Gesellschaft. Wie dieses Ereignis von den eigentlichen Opfern empfunden wurde, also denen deren Existenz in jeder Hinsicht bedroht war, beschreibt die Aussage
14 vgl. Steininger, S. 92f und Weinzierl/Kulka, S. 28f
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eines Augenzeugen in dem Dokumentarfilm „Zwischen Wien und Jerusalem“15. Angesichts der Stimmung in der österreichischen Bevölkerung konnte man gar nicht von einer Besetzung oder Eroberung Österreichs durch die Nazis sprechen, ganz im Gegenteil, die jubelnden Menschenmassen an den Straßen zeigten vielmehr, daß „...Österreich gar nicht eroberungsbedürftig war“.
Im folgenden werde ich einige Beispiele aufzeigen die belegen, daß Österreich eben nicht nur Opfer des deutschen Aggressors war, sondern daß dessen Bevölkerung in großem Maße den "Aktionen" des Naziregimes gegen ihre jüdische Nachbarn positiv oder zumindest billigend bis gleichgültig gegenüberstand. Da im späteren Verlauf die Opferthese, die bis Vranitzkys Besuch in I srael 1993 (!) die offizielle Haltung Österreichs prägte, eine sehr große Rolle spielen wird, möchte ich zumindest Ansatzweise auf die Unvollständigkeit dieser Theorie hinweisen. Zwei Aussagen österreichischer Politiker, von unzähligen im Laufe des hier untersuchten Zeitraums, geben Zeugnis für die offizielle Haltung Österreichs gegenüber der eigenen Verantwortung an den Geschehnissen zwischen 1938 und 1945:
"Österreich habe nichts gutzumachen, weil es nichts verbrochen habe. Wohl aber wäre an Österreich viel gutzumachen, wie von den Alliierten ... festgestellt worden sei. Österreich strenge seine ganze Kraft an, das Recht das der Hitlerstaat verletzt habe, wiederherzustellen. Die Republik Österreich selber ist der Anspruchsberechtigte, denn ein erheblicher Teil des Eigentums, das den Eigentümer wechseln mußte, habe dem Staat gehört. Man habe damals von Arisieren gesprochen, um zu vertuschen, daß der größte Teil des entzogenen Vermögens nicht aus rassischen, sondern aus politischen Gründen entzogen worden sei."
Eine Behauptung, die der spätere ÖVP-Handelsminister 1946 im Zusammenhang mit der Diskussion um die Rückstellungsgesetzgebung, während einer Nationalratsdebatte vertrat16. Bundeskanzler Raab vertrat in einem Schreiben vom 13.11. 1953 an Nahum Goldmann folgende Meinung:
"Die österreichische Bundesregierung bedauert, daß es nach der Besetzung Österreichs zu Verfolgungsmaßnahmen gekommen ist und daß es ihr nicht möglich war, ihre Staatsbürger gegen das Andringen des übermächtigen Okkupators zu beschützen. Sie konnte damals nichts anderes machen, als gegen den zehnfach überlegenen Aggressor die Hilfe der Mächte des Völkerbundes anrufen, dem auch Österreich angehört hat. Sein Appell ist ungehört verhallt. Das, was Österreich in den folgenden Jahren getroffen hat, hat die gleichen Wirkungen wie eine Naturkatastrophe;
15 Aus einer 3-teiligen Dokumentation des ORF, die mir freundlicherweise von Dr. Segenreich -ORF- Korrspondent in Tel-Aviv und Autor dieser Dokumentation - zur Verfügung gestellt wurde 16 zit. nach Knight, S. 44, aus Wiener Zeitung 16.05.1946
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Österreich ist nicht aus eigener Kraft im Stande, die Schäden und auch nur die Not zu lindern, die in diesen Jahren hervorgerufen wurden."17
Hier wird auf die Unvermeidbarkeit der Geschehnisse verwiesen, die einem den Eindruck vermittelt, jegliche Maßnahmen gegen die Juden, wären nur unter Druck geschehen und nicht etwa auf Grund einer bereits vorhandenen antisemitischen Einstellung oder aus opportunistischer Vorteilsnahme, beispielsweise bei der Arisierung von jüdischen Wohnungen.
1.2. Der "Anschluß"
Am 11. März bereits wurden auf geheimen Befehl Friedl Rainers, Mitglied der österreichischen Nationalsozialisten, Radiostationen und strategisch wichtige Zentren besetzt. Dieses Vorgehen bereitete den Einmarsch der deutschen Truppen am 13. März 1938 vor, der Tag, seit dem Österreich zum Großdeutschen Reich gehörte. Während der nächsten Tage startete die Propaganda für die Volksabstimmung, die dem "Anschluß" den gewünschten formal korrekten Charakter verleihen sollte. Mit einer sofortigen Ankurbelung der Waffenindustrie wurde die Zahl der Arbeitslosen innerhalb zweier Monate von 536.000 auf 416.000 gesenkt, was seine Wirkung auf die Arbeiterklasse nicht verfehlte. Sozialdemokraten, die unter dem Dollfuss-Schuschnigg Regime zu leiden hatten, wurden wieder in den Staatsdienst aufgenommen, falls sie "einsahen", daß Sozialismus und Nationalsozialismus doch nicht so verschieden voneinander waren, wie es die "jüdische Propaganda" verbreitete18. Die gemeinsame Opposition und Gefangenschaft von "Illegalen" (Personen, die der seit 1933 verbotenen NSDAP weiterhin angehörten) und Sozialdemokraten schuf in einigen Fällen ein Band, daß auch noch nach dem Krieg bestand hatte, als Sozialdemokraten von Renner bis Kreisky ehemaligen Nazis sehr nachsichtig gegenüberstehen konnten, bzw. sie sogar in die Regierung nahmen (Bundeskanzler Kreisky nahm im April 1970 vier ehemalige
17 Albrich in Steininger, S. 162
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NSDAP-Mitglieder in sein Kabinett auf, was in diesem Maße bisher nicht geschehen war und erst publik wurde, als Simon Wiesenthals jüdisches Dokumentationszentrum in Wien dies aufdeckte19).
Die öffentliche Demütigung von Juden, indem sie beispielsweise mit Zahnbürsten die Straßen putzen mußten oder in ähnlicher Weise auf offener Straße schikaniert wurden, die Plünderungen von Synagogen, jüdischen Geschäften oder auch Privatwohnungen, das Zusammenschlagen und Ermorden von Juden, die sich wehrten, dies alles stürzte plötzlich auf das österreichische Judentum. Die österreichische katholische Kirche billigte n icht nur dieses Verhalten, Kardinal Innitzer verlangte sogar von jedem Gläubigen, daß er für den "Anschluß" stimmen sollte. 99,71 % stimmten dann auch für den "Anschluß", wobei von einer freien Wahl selbstverständlich keine Rede sein konnte und somit die Aussagekraft dieser Zahl nicht zu hoch bewertet werden darf20. Wie sehr jedoch der Haß der "einfachen" Österreicher sich entlud, sobald ihnen von den Nazis die Möglichkeit dazu verschafft wurde, belegt folgende Zeugenaussage, die willkürlich ausgewählt wurde und stellvertretend für viele ähnliche stehen muß.
"It is not so much the brutalities of the Austrian Nazis ... it is the heartless, grinning, soberly dressed crowds on the Graben and Kärnterstrasse, the 'Strube´s little man' class of Austrian, the fluffy Viennese blondes, fighting one another to get closer to the elevating spectacle of an ashenfaced Jewish surgeon on hands and knees before half-a-dozen young hooligans with swastika armlets and dog-whips, that sticks in my mind. His delicate fingers, which must have made the swift and confident incisions that had saved the lives of many Viennese, held a scrubbing-brush. A storm-trooper was pouring some acid solution over the brush - and his fingers. Another sluiced the pavement from a bucket, taking care to drench the surgeon's striped trousers as he did so. And the Viennese - not uniformed Nazis or a raging mob, but the Viennese 'little man' and his wife - just grinned approval at the glorious fun."21
1.2.1. Das "Wiener Modell"
Österreicher waren nicht nur Nutznießer und Gaffer, als es um die Vertreibung, Demütigung und Enteignung von Juden ging, sondern auch ein wichtiger Bestandteil des organisierten Vernichtungsmaschinerie. Drei Viertel der KZ-Lagerkommandanten waren Österreicher. Österreicher waren ebenfalls maßgeblich an Verbrechen der Wehrmacht
18 vgl. Rosenkranz in Fraenkel, S. 483
19 vgl. Secher in Bischof, S. 19 20 vgl. Rosenkranz in Fraenkel, S. 483
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und der "SS-Einsatzgruppen" beteiligt. Besonders auffällig waren die sogenannten "Eichmann-Männer", wie Alois Brunner, oder Anton Burger22. Adolf Eichmann, geboren am 19. März in Solingen und aufgewachsen in Österreich, und seine Männer (Die Bezeichnung Eichmann-Männer stammt von Raul Hilberg und bezog sich auf die drei Kommandanten des Lagers Theresienstadt, Dr. S. Seidl, A. Burger und K. Rahm, "alle drei Eichmann-Männer und Österreicher"; Raul Hilberg, Die Vernichtung der europäischen Juden, 1990) errichteten in der "Ostmark", also Österreich, die "Zentralstelle für jüdische Auswanderung", die so "erfolgreich" war, daß sie in Berlin als Vorbild angesehen wurde für zukünftige "Einsatzorte"23. Ihre Aufgabe war es eine "Art von Auswanderung" zu organisieren, die es bisher noch nicht gegeben hatte im deutschen Reich, da man noch an der Irreführung festhielt es gäbe nur freiwillige Auswanderungen. In möglichst kurzer Zeit sollte eine möglichst große Zahl von Juden auswandern, also vertrieben werden, um so schnell wie möglich ein judenfreies Österreich zu erreichen. Die Eichmann-Männer waren in den folgenden Jahren so "erfolgreich", daß ihre Erfahrung bei der Realisierung der Deportationsprogramme, die auf der Wannsee-Konferenz beschlossen wurden, sehr gefragt war. "Spezialisten" aus Eichmanns Umgebung praktizierten daraufhin die in Wien erprobten Methoden überall dort in Europa (Frankreich, Balkan, Griechenland etc.) wo die Deportationen nicht die gewünschten Zahlen aufwiesen24.
Es war in Wien, wo Eichmann seine Karriere als Experte für "Judenfragen" startete und er vom Untersturmführer zum Obersturmführer avancierte. Sein „Erfolg“ las sich in Zahlen folgendermaßen: Innerhalb der ersten acht Monate nach dem "Anschluß" verließen 45.000 Juden Österreich, im Vergleich dazu waren es in Deutschland "nur" 19.00025. Während des Gerichtsverfahrens in Jerusalem 1961 kommentierte Eichmann seine Tätigkeit in Wien unter anderem mit folgender erstaunlicher Überzeugung. Im Grunde genommen hätte er auf Grund seiner Organisationsfähigkeit und seines Eifers vielen Juden das Leben gerettet, da er doch in Kooperation mit den "Idealisten", also Zionisten - Eichmann gab gerne vor fließend Hebräisch zu sprechen und nicht nur Herzls
21 zit. nach Pulzer in Fraenkel, S. 442 aus G.E.R. Gedye, "Fallen Bastions", London 1939, S. 18 22 vgl. Albrich in Steininger, S. 149 23 vgl. Safrian, S. 10 24 vgl. ebd., S. 11f
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"Der Judenstaat" gelesen zu haben, sondern auch mit Sympathie der Idee des Zionismus gegenüberzustehen - bemüht gewesen war, die Angelegenheit der Juden möglichst reibungslos zu lösen. Es wäre also eine "Tatsache", wie sein Sohn sagte, daß er letztendlich Juden vielen das Leben gerettet habe26 und somit sein Gerichtsverfahren in Jerusalem nicht angemessen sei. Hier wird in ähnlicher Form die bizarre Logik des bereits zitierten Ernst Kolb übernommen, indem die Täterrolle bis zur Unkenntlichkeit verfälscht und sogar zur Opferrolle wird. Übrigens haben die Ariseure nach dem Krieg die gleiche "Taktik" angewandt, um nicht aus ihren ehemals jüdischen Wohnungen ausziehen und sie den rechtmäßigen Besitzern zurückgeben zu müssen, oder geraubtes Vermögen erstatten zu müssen. Es wurde davon gesprochen, daß es sich um "redliche" Ankäufe handelte und der "volle Wert" bezahlt worden sei. Schließlich hätte man aus reiner Nächstenliebe (!) den Juden ihr "minderwertiges Vermögen" abgekauft, damit sie doch noch auswandern könnten. Hätten sie nicht das jüdische Vermögen übernommen, wäre es als deutsches Eigentum nach Deutschland gelangt27. Was sie aus eigener Perspektive zu patriotischen Rettern werden ließ.
Es machte Eichmann seine "Arbeit" nicht schwieriger, daß die "...Beutegier und die Herrenmenschen-Allüren österreichischer Antisemiten und deren Partizipation an der rassistischen Politik die asoziale Logik der Ausgrenzung vorantrieben"28. Schon in der Nacht bevor die deutschen Truppen in Wien eimarschierten, spielten sich pogromartige Ausschreitung auf den Straßen ab. In den ersten Wochen und Monaten nach dem Einmarsch der Deutschen wurden jüdische Geschäfte geplündert, Autos und Wohnungen "beschlagnahmt", Privatbesitz unter den absurdesten Vorwänden, oder auch ohne jeglichen Vorwand, den jüdischen Eigentümern abgenommen. Juden wurden zu "Putzkolonnen" zusammengetrieben, um sie zu demütigen, indem sie "Gehsteige mit Bürsten und Lauge zu bearbeiten" hatten29. Die folgenden Berichte belegen, wie aktiv sich die österreichische Bevölkerung in der Mißhandlung und Ausbeutung von Juden beteiligte. In einer Vollzugsmeldung an die Gauleitung berichtete der Leiter der SD-Außenstelle Wien VIII: "Die heutige Aktion wurde von der Bevölkerung geradezu
25 vgl. Arendt, S. 118f
26 vgl. ebd., S. 135 27 vgl. Walch, S. 41 und S. 89 28 Safrian, S. 10
18
erwartet und ohne Opposition aufgenommen"30. Anläßlich der Novemberpogrome schrieb die SS-Außenstelle Baden: "Ein propagandistischer Erfolg erster Klasse. Mitleid für die Juden wurde nirgends festgestellt, auch nicht unter den sogenannten besseren bürgerlichen Kreisen. Die Exekutive hat sich loyal verhalten, es waren keinerlei Meinungsverschiedenheiten festzustellen...". Der Führer des SD Tirol berichtete: "...Im Verlaufe dieser Aktion wurden die Wohnungen aller noch nicht ausgewanderten Juden schwer beschädigt. Falls Juden bei dieser Aktion keinen Schaden erlitten haben, dürfte dies darauf zurückführen sein, daß sie übersehen wurden..."31. Man kann also behaupten, daß die "Saat des bodenständigen, organisch gewachsenen und von allen bürgerlichen Parteien in Österreich gepflegten Antisemitismus (..) aufgegangen (war)."32 Es ging sogar so weit, daß die neuen Machthaber teilweise einschreiten mußten, um die wilden Plünderungen und Raubzüge der Wiener Antisemiten in "geordnete" Bahnen zu lenken. Öffentliche Aufrufe untersagten nichtgenehmigte Beschlagnahmungen, Enteignungen oder Verhaftungen durch österreichische Nazis. Dazu ist zu sagen, daß jeder der eine entsprechende Uniform besaß, oder gar nur die Hakenkreuzarmbinde, in der Lage war die Situation auszunutzen. Nachbarn drohten ihre jüdischen Nachbarn bei der Gestapo zu denunzieren, um so Geld oder andere Wertgegenstände, oder auch direkt die ganze Wohnung zu erpressen. All dies entsprach nicht dem Versuch der NS-Führung, den Raub- und Vernichtungszug mit einem pseudolegalen Umhang zu verdecken. Aber auch die organisierte Enteignung war nicht völlig problemlos, da es "...wesentlich mehr beutegierige österreichische Nationalsozialisten als aufzuteilende Werte (gab),..."33.
Am 20. Mai 1938 wurden die Nürnberger Rassegesetze in Österreich eingeführt, was jetzt auch die offizielle Ausschaltung des Judentums aus dem öffentlichem Leben bedeutete. Juden mußten aus ihren Berufen ausscheiden, Handel war ihnen nicht mehr möglich, es begann die organisierte finanzielle Ausblutung der jüdischen Gemeinde, wie auch schon die ersten Deportierungen nach Dachau. Juden mußten ihre Geschäfte weit unter Wert verkaufen und konnten über diese Erlöse noch nicht einmal frei verfügen, da
29 vgl. ebd., S.29f
30 Walch, S. 2 31 ebd., S. 15 32 Safrian, S. 29
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Felix Escribano, 1999, Die bilateralen Beziehungen zwischen Israel und Österreich seit 1948, München, GRIN Verlag GmbH
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