1. Einleitung
Robert Brandom bedient sich Lewis´ Metapher vom scorekeeping, um zu zeigen, auf welche Art Gehalt stiftende Praktiken stattfinden. Er weist darauf hin, daß eine besondere Beziehung zwischen der pragmatischen Signifikanz einer Sprechhandlung, dem deontischen Status und dem semantischen Gehalt in dieser Sprachhandlung besteht. 1
Robert Brandom schreibt dem scorekeeping eine diskursive, d. h. Gehalt stiftende Praktiken, fundamentale Bedeutung darin zu, wie sich soziale Praktiken als diskursive Praktiken auszeichnen. 2 Durch das scorekeeping wird der Sprechhandlung der Gehalt gegeben. Durch die aktive Teilnahme am Sprachspiel wird man zu einem scorekeeper, d. h. man wird durch sprechen und denken in einer Sprechhandlung auch zu einem scorekeeper. 3
Die Bedeutung, die Brandom dem scorekeeping zuschreibt, ist eine größere als Lewis vorgesehen hatte. 4 Bei Lewis war die Metapher scorekeeping rein spieltheoretisch.
Diskursive Praktiken werden von Robert Brandom im Geben und Fordern von Gründen gesehen. Wer eine Behauptung aufstellt, verpflichtet sich gleichzeitig dazu, gegebenenfalls Gründe für seine Behauptung aufzustellen. Weiter berechtigen eingegangene
Festlegungen zu weiteren Festlegungen, und jede Festlegung verpflichtet zu weiteren Festlegungen. D. h. man ist auch für die Konsequenzen einer Aussage verpflichtet. Wenn man z. B. sagt „Das Buch ist rot.“ verpflichtet man sich dadurch auch zu der Aussage, daß das Buch keine andere Farbe hat. Dazu bedient sich Brandom einer
1 Vgl. Brandom, Robert, Making it explixit, S. 180 f.
2 Vgl. Haag, Johannes; Sturm, Holger: Sprechen über die Welt: Zu Robert Brandoms
„Making it explicit“. S. 8.
3 Vgl. Brandom, S. 183.
4 Vgl. Brandom, S. 187.
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Metapher, die er von David Lewis entliehen hat, dem scorekeeping, auf deutsch „Konto Führen“ oder Punktespiel.
Bestimmte Kriterien qualifizieren soziale Praktiken zu Gehalt stiftenden Praktiken. In diesem Referat sollen die Praktiken dargestellt werden, die Gehalt stiften und auch die Merkmale, die sie zu diskursiven Praktiken machen.
2. 1. Scorekeeping bei Lewis
Brandom entleiht die Metapher scorekeeping von Lewis, der das scorekeeping im Sprachspiel einführt. Lewis nutzt als Vergleich die Regeln des Baseballspiels, aber man kann auch jedes andere Spiel nehmen, das sich an Punkten orientiert 5 , z. B. Fußball, wenn einem die Regeln des Baseballs nicht geläufig sind. Um als vollberechtigter Diskurspartner aufzutreten, muß man an dem scorekeeping teilnehmen. 6
Das Spiel wird durch den Punktestand geleitet; dieser ergibt sich aus den Spielregeln. Im Baseball wie im Sprachspiel gibt es zwei Arten von konstitutiven Regeln:
1. Regeln für die Kienematik des Punktestandes. Zu Beginn eines Spieles steht der Punktestand 0:0. Was für den Spielstand zählt, sind die runs, die von den jeweiligen Mannschaften erzielt wurden. Die Spieler müssen sich einer Art verhalten, damit sich der Punktestand mit laufender Zeit verändert.
2. Der Punktestand regelt das korrekte Spiel. Das korrekte Spiel ist so definiert, daß die Spieler sich so verhalten müssen, um
5 Vgl. Brandom, S. 271.
6 Vgl. Gibbard, Allan, Review ‚ Essays: Thought, Norms and diskursive Practice:
Commentary on Robert Brandom, Making it e xplicit; In: Philosophy and
Phenomenological Research, Volume 56, Issue 3, S. 699 - 717, S. 715.
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Punkte zu erzielen. Tun sie das nicht, spielen sie nicht nach den Regeln.
Der score bestimmt, ob eine Sprachhandlung zulässig ist oder nicht und welche Verpflichtungen oder Berechtigungen sich aus einer Sprechhandlung ergeben. Es gibt also im Sprachspiel die Verpflichtung, das Spiel voranzutreiben. Wenn sich die Spieler beim Baseball auf die Art und Weise m verhalten sollen, damit der Punktestand am Ende des Spieles s` ist, müssen auch alle Beteiligten beim Sprachspiel Gründe geben und einfordern, um das Spiel am Laufen zu halten. Damit jemand als Teilnehmer beim Sprachspiel berechtigt bleibt, muß er mit neuen Sprachhandlungen sein Punktekonto erweitern. Das heißt, daß er Gründe für seine Sprachhandlungen geben können muß. Wenn er keine Gründe dafür angeben kann, würde er nicht als Partner anerkannt werden. 7 Baseball hat im Vergleich zu rein formellen Spielen wie Schach auch materielle Komponenten. Was zu einem Strike wird, hängt z. B. davon ab, wie der Schläger geschwungen wird, wie sich der Ball im Flug bewegt oder wo sich die Spieler auf dem Platz befinden. Unter dem Punkt 2.2. „Nachfragen“ wird diese materielle Komponente des Spieles noch einmal behandelt.
Beim Sprachspiel wird dies z. B. durch Autoritäten geleistet, auf die man sich bezieht. 8 Ein Sprecher kann seine Aussagen durch den Verweis auf einen anderen Sprecher belegen. So könnte man die Aussage „Der Sommer 1998 war besonders regnerisch.“ duch den Verweis auf andere Personen, die das genau so empfunden haben, belegen. Der Beleg kann durch die Aussage, „Das hat Person X genau so empfunden.“, geleistet werden, aber auch durch Nachfragen kann so etwas geleistet werden. Z. B. durch die Frage „Hast du es auch so empfunden, dass der Sommer 1998 besonders regnerisch war?“.
Der Hauptunterschied zwischen Sprachspielen und dem Baseball oder dem scorekeeping, wie Lewis es vorgesehen hatte, ist, daß es beim
7 Vgl. Gibbard, S. 715f.
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Baseball oder bei Lewis nur einen Schiedsrichter gibt. Bei Brandom dagegen ist das scorekeeping perspektivisch angeordnet. Jeder Teilnehmer hat seinen eigenen Punktestand, der von jedem anderen Teilnehmer genommen wird. Die Teilnehmer in einem Sprachspiel führen Konto über Aussagen, die ein Sprecher macht. Sie überprüfen, ob eine Aussage mit I nformationen, die sie selbst haben, übereinstimmt. Die perspektivische Ausrichtung des score werde ich ebenfalls unter dem Punkt 2.2. „Nachfragen“ noch einmal erwähnen. Ausschlaggebend für die Art, wie die Konten geführt werden, sind die Überzeugungen der Schiedsrichter.
2. 2. Nachfragen
Um eine Aussage in einem Sprachspiel zu machen, muß man sie begründen können. Sätze, die einer Begründung entbehren, werden nicht anerkannt. D. h. dass man zum einen verpflichtet i st, auf Nachfrage Gründe für seine eigenen Aussagen zu geben. Umgekehrt ist man aber auch berechtigt, die Aussagen der anderen Teilnehmer zu hinterfragen. 9 Eine solche Nachfage könnte einfach „p?“ sein. Diese Nachfrage hätte selbst keine Auswirkungen auf den Punktestand, aber die Antwort darauf würde den deontischen Punktestand verändern. 10
Wenn also eine Aussage hinterfragt werden würde, würde die erste signifikante Veränderung des Punktestandes die sein, dass die zu hinterfragende Aussage bestehen bleibt und dadurch für alle verpflichtend sein würde.
Robert Brandom würde sich aber gegen diese Art der Repression im Sinne „wer einmal lügt, dem glaubt man nicht“ wenden. In „Making it
8 Vgl. Brandom, S. 183 f.
9 Vgl. Haag, Johannes; Sturm, Holger: Sprechen über die Welt: Zu Robert Brandoms
„Making it explicit“, S. 6.
10 Vgl. Brandom, S. 193.
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explicit“ zitiert er die Geschichte von dem Jungen, der fälschlich „Wolf!“ rief und dafür bestraft wurde. 11
Die Bestrafung, die auf eine falsche Aussage folgt, ist eher eine Verwehrung von weiteren Schlüssen, die auf eine falsche Aussage zurückgehen. Es wird nicht der Lügner oder der unzuverlässige Versprecher sanktioniert, s ondern Aussagen, die sich mit anderen Festlegungen widersprechen.
Vielmehr scheint Brandom bei jedem Diskurspartner davon auszugehen, daß er mit einer gewissen Zweckrationalität handelt und in einem Sprachspiel das Interesse hat, seinen Punktestand zu verändern.
Zu dem scorekeeping, was jeder bei den Partnern vornimmt, nimmt jeder den Punktestand bei seinen eigenen Gedanken. Es muß nicht zwingend eine soziale Praxis sein.
Allan Gibbard sieht das scorekeeping als ein Sinn stiftendes Moment bei jedem an. Um als rationaler Gesprächspartner anerkannt zu werden, muß jeder sich selbst Gründe für seine Aussagen geben. 12 Das bedeutet, daß man selbst bemüht sein muß, logisch zwingend zu argumentieren.
Was erlaubt oder verboten ist, hängt vom deontischen Punktestand ab. Jede Sprechhandlung verändert den deontischen Punktestand eines Sprachspiels, d. h. nach jedem Sprechakt ist der Punktestand verändert. Jede Sprachhandlung bedingt Festlegungen und Verpflichtungen. Wenn jemand sagt „das Buch ist nur rot“, dann ist er verpflichtet zu sagen „das Buch hat keine andere Farbe“ oder „das Buch ist nicht blau“. 13
Wenn er aber sagt „das Buch ist nur rot“ und wenig später „das Buch ist nur blau“ würde dies von den Teilnehmern des Sprachspiels sanktioniert werden, weil er durch den Sprechakt „das Buch ist nur rot“
11 Vgl. Brandom, S. 177 f.
12 Vgl. Gibbard, S. 716.
13 Vgl. Robert Berandom, S. 274
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die Verpflichtung eingegangen ist, dass das Buch keine andere Farbe hat.
Der Punktestand ist der deontische Status während einer Unterhaltung, er entscheidet, welche Handlung erlaubt ist und welche nicht. Der Punktestand kann die Extension und die Intention von Wörtern bestimmen, z. B. „das Schwein“ (the pig). 14
Baseball hat im Vergleich zu rein formellen Spielen wie Schach auch materielle Komponenten. Was zu einem strike wird, hängt beispielsweise davon ab, wie der Schläger geschwungen wird, wie die Bewegungen des Balles im Flug sind oder an welchen Orten sich die Spieler auf dem Platz befinden. Beim Sprachspiel wird dies z. B. durch Autoritäten geleistet, auf die man sich bezieht. 15
Beim Baseball sind die einzelnen Teile des Spieles, wie strikes, outs usw. durch die Rolle definiert, die sie beim Kontoführen haben. Analog dazu ist die Signifikanz von Sprachakten dadurch definiert, welche Auswirkungen sie auf den deontischen Status haben. Welche Sprachhandlungen erlaubt oder verboten sind, richtet sich in jeder Phase des Sprachspiels nach den Punktestand.
Der strike beim Baseballspiel bildet eine Analogie zur Festlegung in der sprachlichen Praxis. Mit beidem verändert sich der Punktestand. 16 Eine Festlegung verändert den Punktestand dadurch, daß nach ihr bestimmte Sprechakte erlaubt sind, andere hingegen nicht. So ist nach dem Sprechakt „es regnet draußen“ die Sprachhandlung „also ist die Straße trocken“ nicht erlaubt. Die Aussage „die Straße wird naß“ hingegen ist erlaubt.
Im Gegensatz zum Baseball wird beim Sprachspiel nicht nur für jeden Teilnehmer der Punktestand genommen, sondern jeder Teilnehmer eines Sprachspiels tritt an die Stelle des Schiedsrichters. 17
14 Vgl. Brandom, S. 182.
15 Vgl. Brandom, S. 183 f.
16 Vgl. Brandom, S. 275.
17 Vgl. Brandom, S. 185.
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Die Regeln, nach denen ein Sprachspiel abläuft, sind implizit bekannt, werden aber in der Theorie durch die Punktefunktion explizit gemacht. 18
2. 3. Objektivität
Ein Problem, das beim scorekeeping auftritt, ist die fehlende Objektivität. Dies wurde von einigen Kritikern angemahnt, z. B. von Rorty. 19 Brandom aber selbst schreibt, daß er dieses Problem lösen kann.
Wenn jeder seinen eigenen Punktestand hat, in dem er die Berechtigung und Verpflichtungen der anderen zählt, dann ist unklar, wieviel der Punktestand objektiv beträgt und was wirklich objektiv verbindlich ist. Der Punktestand, den der eine haben würde, muß noch lange nicht der sein, den ein anderer zählen würde. Dadurch kam der Vorwurf des Relativismus gegenüber Brandom zustande. Es gibt keinen diskursexternen Maßstab darüber, was richtig oder falsch ist und keine objektive Wahrheit.
Brandoms Erwiderung darauf ist, daß die Unterscheidung zwischen dem, was objektiv richtig ist und dem, was als richtig angesehen wird, nicht aufgehoben ist. Die Idee der Objektivität liegt der Diskurspraxis als grundlegende Idee zugrunde. Ferner bedingt es die Diskurssituation, daß die Teilnehmer ihre eigenen Perspektiven einbringen. Auf eine gemeinschaftliche Festlegung auf p folgt noch lange nicht die Aussage, daß p wahr ist. In der Praxis liegt der Objektivität eine Idee von Regulierung zugrunde. 20 D. h. daß man in einem Diskurs Objektivität erlernen würde.
Grund für diese Problematik sind unterschiedliche Definitionen von Wahrheit. In der Diskurstheorie gilt das als wahr, was in einer idealen, d. h. herrschaftsfreien Sprechsituation die Zustimmung aller Teilnehmer findet. Brandom s cheint teilweise einer solchen pragmatischen
18 Vgl. Brandom, S. 181.
19 Vgl. Haag / Sturm, S. 21.
20 Vgl. Haag / Sturm, S. 22.
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Wahrheitsdefinition zuzusprechen, da er im scorekeeping kein anderes Wahrheitskriterium hat außer der Zustimmung aller Anwesenden in einer Sprechsituation. Hier gibt es unterschiedliche Geltungsbereiche für Wahrheitsbegriffe. Die pragmatische Wahrheitstheorie scheint für das scorekeeping passend zu sein, Brandom verwirft sie aber. Das scorekeeping geht von einer idealen Sprechsituation aus, da jeder Teilnehmer berechtigt ist, Gründe zu geben und zu fordern.
Daneben gibt es aber noch Objektivität, was in einer Sprachsituation für wahr gehalten wird, muß nicht zwingend objektiv sein. Meiner Meinung nach versucht Brandom beides zu teilen. Eine objektive Wahrheit gibt es, in der Diskurssituation beurteilen die Teilnehmer aus ihrer Perspektive, was als korrekt angesehen wird. 21 Unklar bleibt jedoch, was die Verbindung zwischen der objektiven Wahrheit und der Wahrheit aus der Perspektive der Teilnehmer ausmacht.
Neben der gemeinsamen Festlegung auf eine Aussage kann auch jeder nach Gründen für seine eigenen Aussagen suchen. Obwohl die Frage nach dem Punktestand in erster Linie in der Gemeinschaft zu suchen ist, zählt jeder seinen eigenen Punktestand 22 , also versucht jeder seine eigenen Aussagen zu begründen. Aber macht man das auch wirklich? Die Frage, ob man berechtigt ist, die Aussage zu machen „das Buch ist rot“, wird sich niemand außerhalb von p hilosophischen Seminaren ernsthaft stellen.
Brandom würde sich dagegen verwehren, daß die gemeinschaftliche Festlegung auf p bedeuten würde, daß p objektiv wahr ist. Er würde sagen, daß die Übereinkunft auf p kein richtiges Wahrheitskriterium ist. Ob Brandom die nötigen Objektivitätsstandarts erfüllt oder nicht, bleibt weiterhin ungeklärt. Robert Brandom liefert die nötigen Einzelanalysen nicht, sie würden aber als Ergänzung zu seiner Theorie interessant sein. 23
21 Vgl. Haag / Sturm, S. 22.
22 Vgl. Gibbard, S. 715.
23 Vgl. Haag / Sturm, S. 24.
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3. Literatur
• Brandom, Robert, Making it explicit, Cambridge, MA/ London 1994
• Brandom, Robert, Expressive Vernunft, Frankfurt a.M. 2000 • Gibbard, Allan, Review ‚Essays: Thought, Norms and diskursive Practice: Commentary on Robert Brandom, Making it Explicit. In: Philosophy and Phenomenological Research, Volume 56, Issue 3, S. 699 - 717.
• Haag, Johannes / Sturm, Holger: Sprechen über die Welt: Zu Robert Brandoms „Making it explicit“
Arbeit zitieren:
Martin Gloger, 2003, Scorekeeping in Robert Brandoms "making it explicit", München, GRIN Verlag GmbH
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