- 2 -Einleitung mit Zitat:
Ich möchte heute einen Vortrag über das Buch „Das Parfüm“ von Patrick Süskind halten und euch dieses Werk etwas näher bringen.
Jetzt ein Zitat zu dem Autor dieses Buches von Marcel Reich- Ranicki: „Also das gibt es immer noch oder schon wieder: einen deutschen Schriftsteller, der des Deutschen mächtig ist; einen zeitgenössischen Erzähler, der dennnoch erzählen kann; einen Romancier, der uns nicht mit dem Spiegelbild seines Bauchnabels belästigt; einen jungen Autor, der trotzdem kein Langweiler ist.
1. Inhaltsangabe:
Der Roman "Das Parfüm" von Patrick Süskind handelt von einem merkwürdigen Mann namens Grenouille, welcher am 17. Juli 1738 auf einem Fischmarkt geboren wurde und im Laufe des Buches durch seine einmalige Nase zum Mörder wird. Grenouille, was soviel wie Frosch heißt, hat die seltsame Eigenschaft Gerüche bis ins kleinste Detail zu spalten und dadurch Sachen zu riechen, die ein normaler Mensch mit der Nase nicht wahrnehmen kann. Er quält sich durch seine schwere Kindheit und kommt bei einem Gerber als Aushilfe unter. Lange dauert es, bis er sich bei einem Parfümeur zum Gesellen durchschlagen kann. Dort verhilft er dem Parfümeur zu großem Ruhm durch seine exzellenten Gemische. Nach langer Zeit unter seinem Meister zieht Grenouille gen Süden, entkommt dem Gestank der Menschen und lässt sich auf einem wohlriechenden Berg nahe den Wolken nieder. Eine lange Zeit vergeht, bis er zurück zu den Menschen nach Grasse zieht, um die Gerüche bis in ihre kleinsten Bestandteile zu zerlegen. Er will den perfekten Duft entwickeln, zur Not geht er auch über Leichen...
Ich habe diese Form der Inhaltsangabe gewählt, weil ich euch zum selber lesen animieren möchte und das Ende nicht vorweg nehmen will. 1.1. Historischer Hintergrund des Buches:
Der Roman führt uns in die Epoche der Aufklärung im 18. Jahrhundert. Mit dem am alten Handwerk orientierten Parfümeur Baldini, dem wissenschaftsbegeisterten Marquis de la Taillade- Espinasse und dem Patrizier Richis zeigt Patrick Süskind nicht nur drei Vertreter der französischen Ständegesellschaft des 18. Jahrhunderts sondern auch drei Modelle des reagierens auf Entwicklungen und Herausforderungen der Zeit.
In der Aufklärung als der Epoche der Emanzipation des Bürgertums werden im Bereich der Wissenschaften und der Religion, der Gesellschaft, der Politik und der Wirtschaft alte Strukturen aufgebrochen und durch neue ersetzt, die die Grundlagen heutiger bürgerlicher Gesellschaften bilden. Mit der Aufklärung beginnt das "Projekt der Moderne". Die Ideen der Gewaltenteilung, der Kontrolle der Herrscher durch die Bürger und die Proklamation unveräußerlicher Menschenrechte als Folge der natürlichen Gleichheit und Freiheit der Menschen sind Bestandteil heutiger demokratisch verfasster Gesellschaften.
- 3 -2. Autor und seine Werke:
Patrick Süskind ist am 26. 03. 1949 in Ambach am Starnberger See geboren. Sein Vater Wilhelm Emanuel Süskind war ebenfalls Schriftsteller, hatte aber Geschichte studiert. Nach dem Abitur und dem Zivildienst studierte Patrick von 1968 bis 1974 in München ebenfalls Geschichte. Dann ging er ein Jahr nach Aix -en -Provence wo er sich mit der französischen Sprache und Kultur vertraut machte. In München zurück lebte er von Gelegenheitsjobs und schrieb Drehbücher und Prosastücke, welche jedoch nicht veröffentlicht wurden. 1981 gelang ihm der Durchbruch mit dem einaktigen Monolog „Der Kontrabass“ welches das meistgespielteste Theaterstück 1984/1985 und sein erster internationaler Erfolg wurde. Durch „Das Parfüm“ 1985 wurde er der weltweit bekannteste und erfolgreichste Schriftsteller der deutschen Gegenwartsliteratur. Über ihn ist sehr wenig bekannt, da er keinen Wert auf Popularität legt; er ist selten in der Öffentlichkeit und gibt keine Interviews. Heute lebt er zurückgezogen in München, Paris und Montolieu in Südfrankreich. Werke: „Der Kontrabass“ 1981 „Das Parfüm“ 1985 „Die Taube“ 1987 „Die Geschichte von Herrn Sommer“ 1991
Außerdem schrieb er die Drehbücher zu zwei Fernsehserien aus den 80er Jahren: „Monaco Franze. Der ewige Stenz“ und „Kir Royale. Aus dem Leben eines Klatschreporters“ 2.1. Entstehung des Buches:
Süskind hat für diesen Roman kulturhistorische, literarische Texte und viele historische Karten studiert. Er ist anschließend für acht Tage nach Grasse gefahren und hat sich dort die Herstellungsanlagen der Parfümerie Fragonard angeschaut. (Info: Dort waren wir auch auf unserer Italienreise) Er besuchte mit einem Motorroller alle Handlungsorte des Romans. Von ihm selbst gibt es kaum Zeugnisse über die Entstehung des Buches. Er hielt es sogar so geheim, dass selbst enge Freunde nicht gemerkt haben sollen, dass er gerade ein Buch verfasst. Er führte generell nur mit einer einzigen Person Interviews, James M. Markheim, aus welchem ich mir 2 Zitate zur Entstehung des Buches herausgesucht habe: (1) „Der Geruchssinn war praktisch der einzige Sinn, der auf der Vespa funktionierte“ (im Buch ist der Geruchssinn das wichtigste Merkmal von Grenouille) und (2) „Das Ende des Parfüms hatte ich immer im Kopf, aber ich merkte, dass es nicht ging und das ich die Biographie dieses Mannes von Anfang an schreiben musste.“ Er wollte es erst nicht verlegen lassen, doch durch einen Zufall der Sekretärin des Diogenes Verlag in Zürich wurde der Kontakt zwischen ihnen hergestellt und das Buch wurde verlegt. Jedoch hatte Süskind daran eine Bedingung geknüpft: es dürfen nicht mehr als 5.000 Exemplare verlegt werden. Dies unterstützt die Aussage , dass Patrick Süskind schon immer sehr zurückhaltend und bescheiden war.
- 4 -3. Thematik und Problematik:
Süskinds Werk ist ein historischer Roman, der Details der Handwerkstechnik der Gerber und Parfumeure verrät aber uns ebenso, wenn auch eindeutig mit einiger Parodie , das Zeitalter der Aufklärung vor Augen führt. Außerdem gewährt uns der Autor einen Einblick in die hygienischen Verhältnisse des 18. Jahrhunderts. Der Roman weist aber auch Elemente des Entwicklungsromans auf, denn wir verfolgen den inneren und äußeren Werdegangs Grenouilles von der Geburt bis zum Tod. 3.1. Vorstellung der Figuren:
Jean-Baptiste Grenouille: Die Hauptfigur Grenouille hat gleichzeitig die beste Nase der Welt. Mutter: Grenouilles Mutter gebar ihren Sohn in einer Fischbude und starb darauf.
Jeanne Bussie: Grenouilles Amme. Sie kümmerte sich um ihn bis sie meinte erkannt zu haben
dass er vom Teufel besessen sei.
Pater Terrier: Er kümmerte sich ebenfalls um ihn bis auch er zu der Überzeugung kam, dass
Grenouille vom Teufel besessen sei.
Madame Gaillard: Seine letzte Aushilfsmutter die jedoch völlig Gefühlskalt ist. Grimal: Er ist der Gerbermeister von Grenouille.
Guiseppe Baldini: Berühmter Parfümeur. Er beschäftigte Grenouille, weil er die besten Parfüms kreierte. Baldini wurde durch sein Mischungen weltberühmt. Madame Arnulfi: Ist die Witwe eines Parfümeurs in Grasse bei der Grenouille als Geselle arbeitet.
Druot: Geselle und Geliebter der Madame Arnulfi.
Marquis de la Taillade- Espinasse : Er glaubt, dass alles erdennahe schlecht ist und findet in Grenouille ein optimales Demonstrationsobjekt. Antoine Richis: Zweiter Konsul und Vater von Laure Richis. Laure Richis: Schöne und wohlriechende Tochter von Antoine Richis.
- 5 -3.1.1 Charakterisierung der Hauptfigur Jean- Baptiste Grenouille: Die Haupfigur in diesem Roman, Jean- Baptiste Grenouille, der hier zum Mörder wird, übernimmt im Buch eine Außenseiterrolle. Doch er ist nicht nur Täter, sondern auch in gewisser Weise Opfer. Er wird sein Leben lang nur benutzt und ausgebeutet. (Zitat 1)Er wird als ein „stiller“ beziehungsweise „sanfter“ Mörder dargestellt. Er begeht seine Morde wie Zeremonien/Rituale. Seine Morde haben keinen sexuellen Hintergrund, da er immer versucht Distanz zu seinen Opfern zu wahren und jeglichen Körperkontakt zu ihnen zu vermeiden. So erschlägt er beispielsweise alle seine Opfer in Grasse mit einer Holzkeule. Er begeht keinen seiner Morde aus Lust an der Gewalt, für ihn sind die Morde nur Mittel zum Zweck und haben für ihn keine tiefere Bedeutung. Für ihn zählen einzig und allein die Düfte. Sein Körper weist Narben, Schrunde und Grinde auf.(Zitat 2)Weder körperliche Züchtigungen noch völliger Essensentzug können ihn beeindrucken. Er wird oft mit Tieren, wie zum Beispiel Spinnen, Kröten und Zecken verglichen.(Zitat 3) Seine wahre Genialität ist das Erfassen, Speichern und Kombinieren von Gerüchen.(Zitat 4) Dies resultiert daraus das ihm die spezifische Eigenschaft des Menschen fehlt, der Eigengeruch. Er lebt isoliert und nicht am Weltgeschehen interessiert. (Zitat 5) Sein Verhalten wird sogar als animalisch bezeichnet. Seine Nase übernimmt dabei die Funktion der Wahrnehmung. Er hält sich im Hintergrund und lebet zurückgezogen und unauffällig. Er hält seine eigenen Interessen zurück, bis der für ihn instinktiv erfasste Zeitpunkt kommt, diesen Interessen nachzugehen. Grenouilles erster Mord ist für ihn ein Schlüsselerlebnis gewesen. Von da an hatte er sich ein Ziel gesetzt, nämlich die Welt der Düfte zu revolutionieren. Von nun an sieht sich Grenouille als Genie. Zum ersten Mal in seinem Leben hat er ein Ziel und entwickelt Ehrgeiz. Und er sieht zum ersten Mal in seinem Leben einen tieferen Sinn in seinem Dasein. Am Ende des Buches hat er insgesamt 26 Menschen ermordet. 4. Der Bestseller:
Im Oktober 1984 erschien der erste Vorabdruck in der Frankfurter Allgemeinen Zeitung. Nur kurz darauf im November 1984 erschien schon ein zweiter Vorabdruck in einer Schweizer Illustrierten Zeitung und anschließend betrug die erste Startauflage 10.000 Exemplare, welche aber innerhalb weniger Monate vergriffen waren. Bis 1987 wurden in Deutschland über 600.000 Exemplare und in Frankreich über 200.000 Exemplare verkauft. Das Buch wurde in über 30 Sprachen übersetzt und 1994 gab es sogar eine Taschenbuchausgabe. Weltweit wurden insgesamt über 6 Millionen Exemplare verkauft und mittlerweile gibt es auch CD und Kassettenversionen. Von 1985 an war das Buch ununterbrochen in den Bestsellerlisten. Dieses hatte davor nur Erich Maria Remarque mit seinem Klassiker „Im Westen nichts Neues“ geschafft. 5. Eigene Wertung:
Ich denke, dass das Buch sehr gelungen ist und vom Inhalt ein Thema behandelt, dass man nicht so oft findet: Die Grausamkeit eines Menschen um ein Ziel zu erreichen. Der Autor ist trotz der vielen lobenden Kritiken auf dem Boden geblieben, genauso wie am Anfang als er anfing Bücher zu schreiben, was mir sehr gut gefällt.Es war ein Bisschen schwierig für mich Informationen zu dem Autor zu finden, da er sehr zurückgezogen lebt und noch nicht einmal Preise entgegennimmt geschweige denn Interviews gibt.
- 6 -Ich hoffe ich konnte einen Einblick in dieses Buch geben und vielleicht konnte ich auch jemanden dazu anregen dieses Buch selbst einmal zu lesen. Denn ich habe es mit Begeisterung gelesen und fand es sehr spannend.
Um noch einmal auf das Zitat vom Anfang zurückzukommen, hat sich dieses Zitat nun bestätigt. Patrick Süskind hat in diesem Roman sich nicht nur auf ein Genre der Literatur beschränkt, sondern hat verschiedene Arten der Romane vereint. Wie zum Beispiel den Erziehungsroman ,da man den inneren und äußeren Werdegang Grenouilles verfolgen kann, oder den Bildungsroman. Auch spricht er unter den Lesern nicht nur die Krimifans an, weil es bis zum Ende spannend bleibt, sondern berücksichtigt hier auch viele andere. Dieses Zitat zeigt, wie brillant Patrick Süskind schreibt und das er bei den anderen Schriftstellern sehr anerkannt ist.
Quellen: -Buch, Erläuterungen und Dokumente, Verlag Reclam -Buch, Königs Erläuterungen und Materialien, Verlag Bange -Buch, Oldenburg Interpretationen mit Unterrichtshilfen interpretiert von Werner Frizen und Marilies Spancken
-Buch, Lektürehilfen von Hans- Peter Reisner, Verlag Klett -Internet, www.stag-monheim.de/parfüm -Internet, Google.de -Das Buch „Das Parfüm“
- 7 -Anhang Zitate: Aus „Das Parfüm“
Zitat 1:„Anfang des Jahres 1765- er (Baldini) hatte sich unterdessen das Nebenhaus auf dem
Pont au Change zugelegt, ausschließlich zum Wohnen, denn das alte Haus war nun buchstäblich bis unters Dach mit Duftstoffen und Spezereien vollgestopft- eröffnete er Grenouille, dass er nun gewillt sei, ihn freizusprechen, allerdings nur unter drei Bedingungen: Erstens dürfe er sämtliche unter Baldinis Dach entstandenen Parfüms künftig weder selbst herstellen noch ihre Formel an Dritte weitergeben; zweitens müsse er Paris verlassen und dürfe es zu Baldinis Lebzeiten nicht wieder betreten; und drittens habe er über die ersten beiden Bedingungen absolutes Stillschweigen zu bewahren.“ Seite 139 Zitat 2:„Nach einem Jahr dieser mehr tierisch als menschlichen Existenz bekam er den
Milzbrand, eine gefürchtete Gerberkrankheit, die üblicherweise tödlich verläuft. Grimal hatte ihn schon abgeschrieben und sah sich nach Ersatz um - nicht ohne Bedauern übrigens, denn einen genügsameren und leistungsfähigeren Arbeiter als diesen Grenouille hatte er noch nie gehabt. Entgegen aller Erwartung jedoch überstand die Grenouille die Krankheit. Ihm blieben nur die Narben der großen schwarzen Karbunkel hinter den Ohren, am Hals und an den Wangen, die ihn entstellten und noch hässlicher machten, als er ohnehin schon war. Ihm blieb ferner- unschätzbarer Vorteil- eine Resistenz gegen den Milzbrand, so dass er von nun an sogar mit rissigen Händen die schlechtesten Häute entfleischen konnte, ohne Gefahr zu laufen, sich erneut anzustecken.“ Seite 42
Zitat 3:„Sie wollten ihn nicht berühren. Sie ekelten sich vor ihm wie vor einer dicken Spinne,
die man nicht mit eigner Hand zerquetschen will.“ Seite 30 Zitat 3:„Grenouille der sich während seiner längeren eruptiven Zwischenrede beinahe
körperlich entfaltet, in der Erregung sogar für einen Moment mit beiden Armen im Kreis gefuchtelt hatte, um das > alles, alles<, was erkenne, zu umschreiben, klappte bei Baldinis Entgegnung augenblicks wieder in sich zusammen wie eine kleine schwarze Kröte und verharrte auf der Türschwelle.“ Seite 96
Zitat 3:„Grenouille stand jetzt ganz auseinandergefaltet, sozusagen in voller Körpergröße in
der Türe, mit leicht auseinander gestellten Beinen und leicht abgespreizten Armen, so dass er aussah wie eine schwarze Spinne, die sich an Schwelle und Rahmen festkrallte.“ Seite 99 Zitat 3:„Er war von Beginn an ein Scheusal. Er entschied sich für das Leben aus reinem Trotz
und aus reiner Boshaftigkeit. Oder wie jener Zeck auf dem Baum, dem doch das Leben nichts anderes zu bieten hat als ein immerwährendes Überwintern. Der kleine hässliche Zeck, der seinen bleigrauen Körper zur Kugel formt, um der Außenwelt die geringstmögliche Fläche zu bieten; der seine Haut glatt und derb macht, um nichts zu verströmen, kein bisschen von sich hinauszutranspirieren. Der Zeck, der sich extra klein und unansehnlich macht, damit niemand ihn sehe und zertrete. Der einsame Zeck, der in sich versammelt auf seinem Baume hockt, blind, taub und stumm, und nur wittert, jahrelang wittert, meilenweit, das Blut vorüberwandernder Tiere, die er aus eigener Kraft niemals erreichen würde. Der Zeck könnte sich fallen lassen. Er könnte sich auf den Boden des Waldes fallen lassen, mit seinen sechs winzigen Beinchen ein paar Millimeter dahin und dorthin kriechen und sich unters Laub zum Sterben legen, es wäre nicht schade um ihn, weiß Gott nicht. Aber der Zeck, bockig, stur und eklig, bleibt hocken und lebt und wartet. Wartet, bis ihm der höchst unwahrscheinliche Zufall das Blut in Gestalt eines Tieres direkt unter den Baum treibt. Und dann erst gibt er seine
- 8 -Zurückhaltung auf, lässt sich fallen und krallt und bohrt und beißt sich in das fremde Fleisch ... So ein Zeck war das Kind Grenouille. Es lebte in sich selbst verkapselt und wartete auf bessere Zeiten. An die Welt gab es nichts ab als seinen Kot; kein Lächeln, keinen Schrei, keinen Glanz des Auges, nicht einmal einen eigenen Duft.“ Seite 28- 29 Zitat 4:„Mit sechs Jahren hatte er seine Umgebung olfaktorisch vollständig erfasst. Es gab im
Hause der Madame Gaillard keinen Gegenstand, in der nördlichen Rue de Charonne keinen Ort, keinen Menschen, keinen Stein, Baum, Strauch oder Lattenzaun, keinen noch so kleinen Flecken, den er nicht geruchlich kannte, wiedererkannte und in der jeweiligen Einmaligkeit fest im Gedächtnis verwahrte. Zehntausend, hunderttausend spezifische Eigengerüche hatte er gesammelt und hielt sie zu seiner Verfügung, so deutlich, so beliebig, dass er sich nicht nur ihrer erinnerte, wenn er sie wierderroch, sondern das er sie tatsächlich roch , wenn er sich ihrer wiedererinnerte; ja, mehr noch, dass er sie sogar in seiner bloßen Phantasie untereinander neu zu kombinieren verstand und dergestalt in sich Gerüche erschuf, die es in der wirklichen Welt gar nicht gab. Es war, als besäße er ein riesiges selbsterlerntes Vokabular von Gerüchen, dass ihn befähigte, eine schier beliebig große Menge neuer Geruchssätze zu bilden- und dies in einem Alter, da andere Kinder mit den ihnen mühsam eingetrichterten Wörtern die ersten, zur Beschreibung der Welt höchst unzulänglichen konventionellen Sätze stammelten. Am ehesten war seine Begabung vielleicht der eines musikalischen Wunderkindes vergleichbar, dass den Melodien und Harmonien das Alphabet der einzelnen Töne abgelauscht hatte und nun selbst vollkommen neue Melodien und Harmonien komponierte- mit dem Unterschied freilich, dass das Alphabet der Gerüche ungleich größer und differenzierter war als das der Töne, und mit dem Unterschied ferner, dass sich die schöpferische Tätigkeit des Wunderkinds Grenouille allein in seinem Innern abspielte und von niemandem wahrgenommen werden konnte als nur von ihm selbst.“ Seite 34- 35 Zitat 5: „So ging es Tag für Tag, Woche für Woche, Monat für Monat. So ging es sieben
Jahre lang. Während dieser Zeit herrschte in der äußeren Welt Krieg, und zwar Weltkrieg. Man schlug sich in Schlesien und Sachsen, in Hannover und Belgien, in Böhmen und Pommern. Die Truppen des Königs starben in Hessen und Westfalen, auf den Balearen, in Indien, am Mississippi und in Kanada, sofern sie nicht schon auf der Fahrt dorthin dem Typhus erlagen. Der Krieg kostete einer Million Menschen das Leben, den König von Frankreich das Kolonialreich und alle beteiligten Staaten so viel Geld, dass sie sich schließlich schweren Herzens entschlossen, ihn zu beenden.“ Seite 169
Arbeit zitieren:
Wiebke Hohenhaus, 2004, Süskind, Patrick - Das Parfüm, München, GRIN Verlag GmbH
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