Den Grad der Kontrolle bezeichnet Esser auch als Kapital. So lässt sich das Kapital also durch Kooperation erhöhen.
Doch in welche Beziehungen können Akteure nun eintreten? Dies wird im Folgenden in Anlehnung an Esser erklärt: Nehmen wir an, zwei Klöster am Anfang des 20. Jahrhunderts hätten jeweils alle Lebensmittel und Produkte, die die Bewohner benötigten, selbst produziert und aufgebraucht. In diesem Fall würde Esser von Autonomie sprechen: Jedes Kloster hat gleichermaßen das Interesse und die Kontrolle über die von ihnen hergestellten Dinge und ist von anderen Akteuren vollkommen unabhängig. Eine solche Autarkie ist bei den heutigen (Welt-) Marktanforderungen, denen ein jeder Betrieb ausgesetzt ist, nicht mehr oder kaum noch realisierbar und entspricht eher utopischen Vorstellungen vom Paradies.
Esser geht von sogenannten Idealtypen aus, die jedoch so gut wie nie im tatsächlichen Leben auftreten.
Eine weitere dieser Extremverteilungen von Ressourcen und Interesse ist die vollständige Abhängigkeit bzw. die Dependenz. Um Dependenz handelt es sich gewissermaßen z.B. in einem totalitären Staat wie dem Rußland Anfang des 20. Jahrhunderts oder in einer
Sklavenhaltergesellschaft. In einem solchen Staat ist der Untertan oder Sklave vollkommen abhängig von seinem Herrscher, d.h., um es mit Essers Worten auszudrücken, der Herrscher besitzt die gesammte Kontrolle über die Ressourcen (Lebensunterhalt etc.), die den Untertan interessieren. Der Untertan jedoch hat nicht die Kontrolle über die
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Ressourcen, die seinen Herrscher interessieren (z.B. Geld, einflussreiche Beziehungen etc.). Dependenz kann auch durch externe Effekte (S. 345 f.), auf die ich jedoch nicht weiter eingehen werde, hervorgerufen werden, die unerwarteterweise eintreten. Esser merkt sinnvollerweise an, dass es sich besonders in diesem Fall um einen Extremfall handelt, da jeder noch so autokratische Chef doch bekanntlicherweise einsehen sollte, dass er ohne seine Mitarbeiter nicht die Ziele, die er erreichen möchte, in vollem Maß erreichen wird können (S. 345 oben).
Ausgehend von diesen beiden Begriffen führt Esser die wechselseitige Abhängigkeit bzw. die Interdependenz ein. Zwei Akteure besitzen jeweils die Kontrolle über Ressourcen, die den anderen interessieren. Es kommt zum gegenseitigen Austausch, den man auch als Kooperation beschreiben kann. Als sinnvolles Beispiel für Interdependenz nehmen wir an, dass eine Schülergruppe ein Referat vorbereiten muss. Jeder dieser Schüler verfüge über verschiedene Bücher, die zur Erstellung des Referates nützlich seien, d.h jeder besitzt die Kontrolle über Ressourcen, die zum Erreichen es Zieles notwendig sind. Die fristgemäße Fertigstellung des Referates sollte Ziel aller Beteiligten sein. Gewissermaßen ist jeder Schüler nun davon abhängig, was seine Mitschüler an Informationen zum Thema beitragen, hat aber auch gleichzeitig die Aufgabe, seinen Teilbereich des Referates ordnungsgemäß abzuliefern, da ansonsten das Ziel eventuell nicht sachgemäß erreicht werden kann. Die Schüler kooperieren also miteinander, da sie erkennen, dass sie in einer wechselseitigen Abhängigkeit stehen. "Interdependenz erzeugt das Motiv zur Kooperation", so Esser (S.347). Symmetrische Interdependenz trifft man nur dort an, wo die Kontrolle und das Interesse der Akteure gleichmäßig verteilt ist. Dieses Verhältnis tritt jedoch nicht häufig auf. Der Regelfall ist die asymmetrische Interdependenz.
Nun können wir den Machtbegriff als Spezialfall von Interdependenz einführen, nämlich als Differenz der Ressourcen-Kontrolle zwischen zwei Aktueren. Esser definiert Macht also als den größeren Besitz eines Aktuers
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an Ressourcen, die andere Akteure interessiert, aber nicht besitzen. Die symmetrische Interdependenz geht somit von einer Macht-Gleichverteilung aus. In der Regel versuchen Akteure jedoch ihre Macht zu vergrößern, d.h. die Menge an Ressourcen zu vermehren. Dieses Phänomen erklärt sich daraus, dass nämlich der Akteur somit auch seine soziale Anerkennungeines der o.g. Grundbedürfnisse - steigern kann. FAZIT: Esser beschränkt seine Betrachtung von Autonomie, Dependenz, Interdependenz und schließlich auch von Macht sehr auf die Verteilung von Interesse an und Kontrolle über Ressourcen und erwähnt die sozialen Beziehungen, die dabei eine wesentliche Rolle spielen, nur am Rande. Eine Erweiterung seines Gedankengangs zum Machtbegriff durch die Einbeziehung der sozialen Beziehung wie sie Weber definert ist meines Erachtens notwendig: Weber definiert Macht als "jede Chance, innerhalb einer sozialen Beziehung den eigenen Willen auch gegen Widerstreben durchzusetzen, gleichviel worauf diese Chance beruht". Erst wenn die beteiligten Akteure in einer soziale Beziehung zueinander stehen, können meiner Meinung nach erst die Machtverhältnisse untereinander zum Tragen kommen und nicht allein aus der Bestimmung von Interesse und Kontrolle von Ressourcen.
Aufgabe 2:
Goffman interpretiert soziale Rollen unter dem Aspekt der
Eindrucksmanipulation bzw. der Selbstdarstellung ("dramaturgisches
Modell"). Dies legt die Vermutung nahe, dass soziale Rollen mit
Bühnenrollen vergleichbar sind. Wo liegen die Grenzen eines solchen
Vergleichs? (Giddens Kapitel 4)
Sicherlich ist es wichtig vorab zu klären, welche Vorstellung von Theater Goffman in seinem "dramaturgischen Modell" zugrunde legt. Zuerst soll jedoch der Aufbau Von Goffmans Modell beschrieben werden: Wie in der Aufgabenstellung schon erwähnt, vergleicht Goffman soziale Hausarbeit von Kathrin Rosi Würtz "Einführung in die Soziologie" Wintersemester 2000/2001 | Übung im Grundstudium
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Rollen mit Bühnenrollen, die Akteure im sozialen Leben spielen, um ein gewünschtes Bild (à Image) von sich in der Interaktion mit anderen Akteuren zu vermitteln.
Nach Goffman spielt sich das soziale Leben auf zwei Ebenen ab: Die Vorderbühne fordert von Individuen eine formale Rolle zu spielen. Formale Rollen sind von dem äußeren sozialen Umfeld abhängig. Für den einzelnen Akteur stellt sich nun die Frage der Selbstdarstellung: Wie stelle ich mich am günstigsten vor den Augen der anderen Akteure dar, um den moralischen, gesellschaftlichen unf kulturellen Ansichten zu genügen? In diesem Zusammenhang findet auch eine gewisse Eindrucksmanipulation statt, die dazu dient, die Reaktion anderer durch das eigene Verhalten zu steuern. (Beispiel: Warum hält ein Schüler einem ihm verhassten Lehrer die Tür auf? Mögliche Antwort: Weil er sich durch diese Handlung eine bessere Note erhofft, d.h. den Lehrer manipulieren will. Das klinkt paradox, ist aber durchaus so anzutreffen.)
Goffman geht davon aus, dass solche Eindrucksmanipulationen oft auf unbewusster Basis vollzogen werden. Hier ist kritisch anzumerken, dass der oben angeführte Vergleich Goffmans nicht berücksichtigt, dass Bühnenrollen im wirklichen Theater immer sehr bewusst vom Regisseur und vom Dramaturg eingesetzt werden, um bestimmte Eindrücke zu vermitteln.
Sicherlich sind soziale Rollen mit Bühnenrollen zu vergleichen, da sie beide mit dem Ziel der Manipulation bzw. im Theater bzw. im Film besonders mit der Illusion verbunden sind. Auch Schauspieler begeben sich in eine Rolle, um bei ihrem Publikum einen gewissen Effekt hervorzurufen. Die Illusion wird jedoch hinter der Bühne wieder aufgehoben und hat mit dem eigentlichen Leben des Schauspielers in der Regel nicht viel zutun. Goffman führt in sein "dramaturgisches Modell" jedoch den Begriff der Hinterbühne als den Ort ein, "wo die Requisieten zusammengestellt werden und die Akteure sich für die Interaktion in stärker formalen Hausarbeit von Kathrin Rosi Würtz "Einführung in die Soziologie" Wintersemester 2000/2001 | Übung im Grundstudium
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Kontexten vorbereiten. Vorder- und Hinterbühne stehen in diesem Modell unmittelbar in Verbindung. Die Hinterbühne erlaubt dem Akteur, so Goffman, das auszuleben, was auf der Vorderbühne als Markel betrachtet würde (z.B. Rauchen, Vulgarität etc.). Goffman geht also von dem klassischen Theater aus, das auf seiner Bühne ausschließlich das von der Gesellschaft als "angepasstes und richtiges" definiertes Verhalten zeigt. Das moderne Theater des 20. Jahrhunderts jedoch stellt sehr oft gerade dieses konventionelle Verhalten von Menschen in Frage. Die Grenzen des Vergleichs sind jedoch eindeutig gesetzt: Theater bzw. Film sind immer schon im Voraus geplant. Der Verlauf einer soziale Interaktion jedoch ist zwar vorausschaubar, doch muss sie nicht immer nach dem gewünschten Muster eines Akteurs ablaufen. Soziale Interaktion, auch wenn eine formale Rolle gerade gespielt wird, ist nur in Maßen planbar und verlangt das Geschick eines Akteurs, diese nach seinen Wünschen zu lenken. Ein Theaterstück jedoch hält sich strickt an den Ablauf des Drehbuchs und wird vom Regisseur nach seinen Wünschen geformt und anschließend präsentierrt. Soziale Interaktion birgt hingegen immer ein Risiko an Nicht-Voraussehbarkeit z.B. Auftreten von Missverständnisse, die nicht beabsichtigt waren. Kritik und Kommentare bitte an: Kathrin Rosi Würtz (krwuertz@t-online.de)
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Kathrin Rosi Würtz, 2001, Essers Modell von Autonomie, Depedenz und Interdependenz - Goffmans "dramaturgisches Modell", München, GRIN Verlag GmbH
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