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Inhalt
1. Einleitung 2
1.1 Kurzer Aufriss zur Mentalitätengeschichte. 2
1.2 Zielsetzung der Arbeit. 4
1.3 Eingrenzung des Themas 4
1.4 Literatur. 4
1.5 Aufbau der Arbeit. 5
2. Erster Überblick: Definition und Einordnung der Mentalitätenge-
schichte S. 6
3. Entstehung, Entwicklung und Relevanz der Mentalitätengeschichte
in Frankreich, England und Deutschland. 10
3.1 Mentalitätengeschichte in Frankreich 10
3.1.1 Die Annales-Schule 10
3.1.2 Entwicklung der Mentalitätengeschichte. 11
3.2 Entstehung und Entwicklung in England 12
3.3 Entstehung und Entwicklung in Deutschland 13
3.3.1 Exkurs: Neohermeneutische Methodenkonzepte der Gegenwart. 14
4. Abgrenzung: Unterschied und Gemeinsamkeiten der Mentalitätenge-
schichte zu benachbarten Disziplinen 17
4.1. Kulturgeschichte, Historische Anthropologie. 17
4.2 Ideen- und Geistesgeschichte 18
4.3 Psycho-Historie 19
5. Das Konzept der historischen Mentalität. 20
5.1 Ensemble 20
5.2 Denkweise 20
5.3 Denkinhalte 20
5.4 Empfindungsweise 21
5.5 Empfindungsinhalte 21
5.6 Kollektiv. 21
5.7 Bestimmte Zeit 22
5.8 Handlungen 22
6. Forschungsgegenstand der Mentalitätengeschichte. 23
7. Kritik an der Mentalitätengeschichte. 26
8. Fazit. 28
8.1 Beantwortung der Ausgangsfragen (Zusammenfassung) 28
8.2 Resümee 30
Literatur S 32
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1. Einleitung
1.1 Kurzer Aufriss zur Mentalitätengeschichte
Der Begriff Mentalitätengeschichte ist bis heute, wenigstens bei deutschsprachigen Kulturwissenschaftlern, noch nicht etabliert. Sellin 1 bezeichnet es als auffällig, „dass sich bisher in Deutschland nur ganz wenige Autoren mit der Frage beschäftigt haben, was unter Mentalität und Mentalitätsgeschichte zu verstehen sei“, indessen hat sich dieser Umstand kaum wesentlich geändert. Sind z.B. Wesen und Fakten - so Dinzelbacher - der Politischen Geschichte mehrheitlich konstituiert, so hat sich bei der Mentalitätengeschichte noch kein fester Kanon hinsichtlich dem Forschungsgegenstand ausgebildet, und bei der Interpretation der Quellen ist ein Konsens noch viel weniger zu erwarten.Während in Frankreich, den angelsächsischen Ländern sowie teilweise in Italien die Mentalitätengeschichte eine anerkannte Position besitzt, wird sie vor allem im deutschsprachigen Raum noch von vielen Historikern vernachlässigt und von einigen vollständig abgelehnt, da sie nur die traditionelle und etablierte Geschichtsschreibung (Ereignis-, Sozial-, Wirtschafts-, Verfassungsgeschichte etc.) als ‘zünftig’ erachten. Das Faktum, dass z.B. das Wörterbuch zur Geschichte 2 in seiner 1993 erschienenen 9. Auflage weder ein Stichwort ‘Mentalität’ noch ‘Mentalitätengeschichte’ enthält, zeigt, wie zögerlich dem deutschsprachigen Publikum Ergebnisse der Mentalitätengeschichtsschreibung zugänglich gemacht werden; dies illustriert auch die Gegebenheit, dass das Buch von M. Bloch ‘La société féodale’ - ein Klassiker dieser Richtung -, 1939 erschienen, in Italienisch bereits 1949, in Englisch 1961, dagegen in Deutsch erst 1982 3 übersetzt wurde. 4 Diese Umstände haben mich dazu bewogen, in dieser Proseminararbeit der zentralen Frage nachzugehen, was heute unter den Begriffen Mentalität und Mentalitätengeschichte verstanden wird. Nachfolgend in dieser Einleitung ein erster kurzer Zugang zur Mentalitätengeschichte sowie Zielsetzung der Arbeit, Eingrenzung des Themas, Anmerkungen zur verwendeten Literatur und zum Aufbau der Arbeit.
Mentalitätengeschichte kann begrifflich als das Pendant zur ‘histoire des mentalités’ angesehen werden, und die Geschichtswissenschaft verdankt dieses Konzept auf jeden Fall französischen Historikern, da sie in Frankreich immer noch am intensivsten betrieben wird. Weil die
1 Vgl. Sellin, 1989, S. 555 - 598.
2 Vgl. K.Fuchs/H. Raab, 1993.
3 M. Bloch, 1982.
4 Vgl. P. Dinzelbacher, 1993, S. 16f.
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meisten Mentalitätenhistoriker in der von M. Bloch und L. Febvre 1929 gegründeten Zeitschrift ‘Annales. Économies Sociétés Civilisations’ publizierten und publizieren, spricht man in Fachkreisen vielfach von einer Annales-Schule, auch wenn bezweifelt werden kann, dass es sich um eine streng geschlossene Schule mit einheitlicher Epistemologie handelt. Vorwiegend geht es in ihren Arbeiten um Strukturen langer Dauer, in der die Kollektivpsychologie einen zentralen Stellenwert besitzt, sonst sind jedoch ihre Arbeiten recht divergierend angelegt. Allen Vertretern der Annales ist freilich die Öffnung gegenüber kultur- und sozialwissenschaftlichen Nachbardisziplinen wie Anthropologie, Soziologie, Psychologie, Völkerkunde, Religionswissenschaft eigen, von denen sie viele Anregungen beziehen. 5 Bei ihrer Gründung im Jahre 1929 kämpfte die Annales - so Le Goff - vor allem gegen die politische Geschichtsschreibung „insbesondere in ihrer diplomatiegeschichtlichen Verdünnung: blosse Erzählung von Ereignissen, die das wirkliche Geschehen, das sich in den Kulissen und in den Strukturen abspielt, verdeckt; die unterhält statt erklärt.“ 6 Die Gründergeneration der Annales warf der herkömmlichen Geschichtsschreibung vor, sich in spezialisierte Fachrichtungen aufzuspalten, in der jede ihre eigene Kausalität - ohne Rücksicht auf die Ergebnisse der anderen - konstruiere. Der unauflösliche Wirkungszusammenhang aller Geschichte und die tiefgreifende Einheit aller Perioden werde negiert, wenn Politik durch Politik und Wirtschaft durch Wirtschaft erklärt werde. Die Wichtigkeit der grossen Persönlichkeit wird als Fehleinschätzung, als falsche Perspektive beurteilt, weil sie dem einfachen Menschen die Geschichte vorenthalte. Zudem wird die Vorliebe für geschriebene Texte als wichtigste Quellengattung für eine unzulässige Einschränkung des wissenschaftlichen Zugangs zur geschichtlichen Wirklichkeit gehalten. 7
Festzuhalten gilt es, dass es bei dieser Geschichtsschreibung nicht nur um einen erweiterten Themenbestand geht, sondern „um das Erarbeiten einer alternativen Perspektive, die auf den subjektiven Faktor im historischen Prozess zielt, die agency, also das Wahrnehmungs- und Handlungszentrum im historischen Prozess und die methodischen Konsequenzen dieser Entscheidung.“ 8
5 Vgl. ebd.
6 J. Le Goff, 1994, S. 19.
7 M. Wüstemeyer, 1980, S. 119.
8 W. Schulze, 1988, S. 323f.
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1.2 Zielsetzung der Arbeit
Die Beantwortung der nachfolgenden Fragen ist zugleich Zielsetzung dieser Arbeit. Folgenden zentralen Fragestellungen soll in dieser Arbeit nachgegangen werden: ⇒ Was versteht man heute unter Mentalitätengeschichte? ⇒ Warum, wie und wo ist die Mentalitätengeschichte entstanden?
⇒ Welche Bedeutung hat die Mentalitätengeschichte innerhalb der Geschichtswissenschaft in unterschiedlichen Ländern?
⇒ Worin bestehen die Unterschiede und Gemeinsamkeiten zu benachbarten Disziplinen? ⇒ Was ist unter der historischen Kategorie ‘Mentalität’ genau zu verstehen? ⇒ Welches ist der Forschungsgegenstand der Mentalitätengeschichte, und mit welchen Themen beschäftigt sie sich?
⇒ Welches sind die Kritikpunkte am Konzept der Mentalitätengeschichte?
1.3 Eingrenzung des Themas
In der Arbeit wird versucht, einen Einblick in die Mentalitätengeschichte zu geben, also die ‘groben Züge’ der Mentalitätengeschichte zu erfassen. Detailfragen, geschichtstheoretische und -methodische Fragen zur Mentalitätengeschichte werden nur rudimentär behandelt, weil sie den Rahmen dieser Arbeit sprengen würden.
1.4 Literatur
Die verwendete Literatur ist - für den Rahmen einer Proseminararbeit - entsprechend selektiv, doch habe ich versucht, mich auf Autoren aus Frankreich, England und dem deutschsprachigen Raum zu beziehen, die bereits Forschungen im Kontext der Mentalitätengeschichte betrieben oder die sich auf theoretischer und methodischer Art und Weise bereits mit dem Men- talitätenansatz auseinandergesetzt haben (Theorie der Geschichte/Historische Methode).
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1.5 Aufbau der Arbeit
Zuerst wird ein Überblick gegeben, was unter Mentalitätengeschichte und dem Begriff der Mentalität verstanden wird und eine erste Einordnung der Mentalitätengeschichte in der Ge-schichtstheorie vorgenommen.
In darauffolgenden Teil wird der Entstehung, Entwicklung und Relevanz der Mentalitätengeschichte in Frankreich, England und Deutschland nachgegangen, wobei Frankreich der grösste Platz eingeräumt wird, weil sie dort entstanden ist und bis heute am intensivsten betrieben wird.
In einem dritten Schritt werden Unterschiede und Gemeinsamkeiten der Mentalitätengeschichte zu benachbarten Disziplinen dargelegt.
Danach wird ‘Mentalität’ als historische Kategorie genauer umschrieben (welche Faktoren sind bei der Konstitution einer Mentalität zu berücksichtigen?) sowie der Forschungsgegens-tand der Mentalitätengeschichte kurz skizziert.
Zum Schluss werden die Kritikpunkte bezüglich des Mentalitätenansatzes aufgezeigt.
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2. Erster Überblick: Definition und Einordnung der Mentalitäten-
geschichte
Nach P. Dinzelbacher lässt sich die Mentalitätsgeschichte wie folgt definieren: „Die Mentalitätsgeschichte konzentriert sich auf die bewussten und besonders die unbewussten Leitlinien, nach denen Menschen in epochentypischer Weise Vorstellungen entwickeln, nach denen sie empfinden, nach denen sie handeln. Sie fragt nach dem sozialen Wissen bestimmter historischer Kollektive und untersucht den Wandel von Kognitionsweisen und Vorstellungswelten, die jeweils historisches Sein auf intersubjektiver Ebene prägen.“ 9 Ein anschauliches Beispiel, um das Konzept der Mentalitätengeschichte besser zu verstehen, hat L. Febvre - auch er ein Klassiker der Mentalitätengeschichte - anhand einer Geschichte erzählt:
„Im Morgengrauen verliess König Franz 1 das Bett seiner Geliebten und wollte inkognito in sein Schloss zurückkehren. Auf seinem Weg kam er in dem Augenblick an einer Kirche vorbei, als die Glocken zum Gottesdienst riefen; tief bewegt hielt er inne, um an der Messe teilzunehmen und andächtig zu beten.“ 10
Nach P. Ariès haben wir die Wahl zwischen zwei Interpretationen:
„Die erste Interpretation könnte folgendermassen lauten: Die Glocke der heiligen Stätte weckt im König die Reue über seine Sünde; er betet und bittet Gott um Vergebung. Damit handelt er (...) wie der Richter oder der Geschworene eines Berufungsgerichts. Er ist davon überzeugt, dass moralische Kohärenz natürlich und notwendig ist. Menschen, bei denen sie sich auflöst, werden aus der Gesellschaft ausgeschlossen. Diese Normalität ist ein unveränderlicher Wert.“ 11
Eine solche Interpretation ist laut P. Ariès die eines klassischen Historikers, der in allen Epochen und Kulturen, wenigstens in den zivilisierten und den christlichen Kulturen, dieselben Emotionen als bestimmend sieht.
9 P. Dinzelbacher, 1993, S. 9.
10 P. Ariès, 1994, S. 137.
11 Ebd.
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Die zweite Interpretation - so Ariés- wäre die eines Mentalitätenhistorikers: „Der König war auf genauso spontane und naive Weise in seiner Andacht wie in seiner Liebe ernsthaft und spürte noch nicht, dass zwischen beiden ein Widerspruch bestand. Er begab sich in die Kirche und ins Bett seiner Geliebten mit derselben unschuldigen Leidenschaftlichkeit. Die Wahrhaftigkeit seines Gebets wird nicht getrübt durch den üblen Dunst des Alkovens; die Stunde der Reue kommt erst später.“ 12
Dieses Beispiel zeigt, dass die gleichzeitige Bekundung einander widersprechender Gefühle in unserer Zeit nicht mehr stillschweigend geduldet wird. Vielfach wehrt sich die öffentliche Meinung - trotz Anstrengung z.B. der Tiefenpsychologie - dagegen, sie zu respektieren. 13 Die Vertreter der Mentalitätengeschichte halten auch und gerade die Erforschung für eine Epoche oder Kultur typischer Gefühle, Anschauungen, Phantasien, Denkstereotypen für wichtig, die von unserer Zeit abweichen. D.h., dass wir die Art und Weise des frühen Denkens und Empfindens - von dem uns die Quellen der Vergangenheit berichten - vielfach nicht mehr nachvollziehen können. 14 Ein signifikantes Beispiel zeigt Dinzelbacher, wenn er schreibt:
„Wir wissen schlichtweg nicht, wie wir es einordnen sollen, wenn wir (...) damit konfrontiert werden, dass hochgelehrte und intelligente Juristen des 15. - 18. Jh., geistliche wie weltliche, deren Überlegungen wir sonst weitestgehend ohne Schwierigkeiten folgen können, immer wieder regelrecht Prozesse u.a. gegen Mäuse führten, denen verschiedene Fristen zum Verlassen eines von ihnen befallenen Feldes gesetzt werden (junge und schwangere haben einige Tage länger Zeit), was man ihnen alles auf Gerichtskosten durch einen Boten formell vor Ort verkündete und wogegen ihnen ein Verteidiger konzediert wird. Glaubten die Intellektuellen in jenen Jahrhunderten in der Tat, dass Mäuse die menschliche Sprache verstünden?“ 15 Aus diesem Beispiel lässt sich schliessen, dass ein mittelalterlicher oder frühneuzeitlicher Mensch in einer vergleichbaren Situation anders gedacht, gefühlt und reagiert hat, als wir es
12 Ebd., S. 138.
13 Vgl. ebd.
14 Vgl. P. Dinzelbacher, 1993, S. 17.
15 Ebd.
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heute tun würden. 16 Hingegen kann man zu jeder Zeit und bei allen Menschen auf der Weltsoweit die Quellen zurückreichen - einen anthropologisch konstanten Grundbestand von Empfindungs-, Denk- und Verhaltensweisen feststellen, die dem Menschen in seiner syn- wie diachronen Perspektive gemeinsam ist. Zum Beispiel ist in jedem menschlichen Dasein Sexualität vorhanden, unterschiedlich ist jedoch die allgemeine Einstellung zu ihr (Unterdrückung oder Betonung), die Formen ihrer Praktiken (übliche und tabuisierte, sowie Konnotationen, die mit der Sexualität verbunden sind (Sex als rein physisches Vergnügen oder als Zeichen lebensbestimmender Liebe). Das Lächeln als emotionelle Reaktion auf Erfreuliches kennen sicherlich alle Menschen, was hingegen als erfreulich wirkt(e), kann sehr unterschiedlich sein. Jede Kultur hat einen Bereich von Bildern, mit denen fundamentale Kategorien des Seins ausgedrückt werden (z.B. hell = gut und dunkel = schlecht), diametral unterschiedlich ist jedoch der Umstand, womit diese Bilder jeweils konkret verbunden werden. Alle Völker kennen zum Beispiel Scham, wie sie jedoch ausgelöst wird und wie darauf reagiert wird, kann sehr divergent sein. In diesem Sinne kann uns die Beschäftigung mit dem Wandel der Mentalitäten in unserer eigenen Geschichte das Denken, Empfinden und Handeln unserer Vorfahren verständlicher machen. 17
Mit etwas anderen Konnotationen verbunden, als ihn P. Dinzelbacher definiert, ist der Mentalitätenbegriff der Annales-Schule, er entspricht weitgehend dem Durkheimschen Verständnis von Ideen (Durkheim war ein berühmter Französischer Soziologe Anfang des 20. Jh. und gehört heute neben Marx und Weber zu den drei wichtigen Klassikern der Soziologie). Durkheims bevorzugter Begriff war zwar ‘kollektive Repräsentation’, während zeitgenössische Soziologen und Anthropologen jeweils von ‘Glaubenssystemen’, ‘Denkweisen’ und ‘kognitiven Orientierungen’ sprechen. Alle diese Konzepte betonen gemeinsam, dass Menschen in differenten Gesellschaften unterschiedlich denken und unterschiedliche Kategorien benutzen, um Erfahrungen zu interpretieren. Das heisst jedoch nicht, dass es keine wichtigen Meinungsverschiedenheiten in einer bestimmten Gesellschaft gibt. Diese Forschungsperspektive kann man sozusagen als strukturgeschichtliche Wendung der Geistesgeschichte betrachten. Die anonymen, nur langfristig sich verändernden Beziehungen und Ordnungen der menschlichen Lebensverhältnisse haben sich schon bei L. Febvre auf den
16 Vgl. ebd.
17 Vgl. ebd., S. 9f.
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Anteil des Bewusstseins an diesen Strukturen gerichtet. Die Gedanken ‘markanter Persönlichkeiten’ interessieren nur soweit, wie sie erkennbar umfassend rezipiert worden sind. Die Mentalitätengeschichte erforscht - im Unterschied zur traditionellen Ideengeschichtenicht Kontinuum und Wandel von hochkulturellen Denk- und Wissenssystemen, sondern Sinnstrukturen, die sich teilweise nur indirekt ermitteln lassen, dies aus zwei Gründen: 1. Weil es sich um kulturelle Selbstverständlichkeiten handelt, die nicht ausdrücklich thematisiert werden;
2. weil es mithin um das Selbst- und Weltverständnis sozialer Gruppen geht, die vielfach wenig schriftliche Quellen hinterlassen haben.
Dabei handelt es sich bei kollektiven Mentalitäten nicht um geschlossene Systeme, sondern sie stehen in Wechselwirkung mit den ‘herrschenden’ Wissenspotentialen. Somit ist die Mentalitätengeschichte eine Entgrenzung der Ideen- und Geistesgeschichte, da allen sozialen Gruppen Sinnhaftigkeit unterstellt wird und alle Menschen an der gesellschaftlichen Sinnproduktion partizipieren. 18
18 Vgl. H. Wunder, 1994, S. 72f.
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3. Entstehung, Entwicklung und Relevanz der Mentalitä-
tengeschichte in Frankreich, England und Deutschland
3.1 Mentalitätengeschichte in Frankreich 3.1.1 Die Annales Schule
Die von M. Bloch und L. Febvre 1929 gegründete Zeitschrift ‘Annales d’histoire économique et sociale’ (1946 umbenannt in ‘Annales-Économies-Sociétés-Civilisations’) wurde zum Sammelbecken einer Gruppe französischer Historiker, denen die Grenzen der traditionellen Fachwissenschaft zu eng geworden waren. Sie fusst auch heute noch teilweise auf den methodischen und theoretischen Neuansätzen ihrer ‘Gründerväter’, die diese seit den 20er Jahren des 20. Jh. entwickelt hatten. Die Geschichte als Fachdisziplin wird im Wissenschaftskonzept der Annales-Schule den Erkenntnismöglichkeiten und -fortschritten der anderen Disziplinen geöffnet, die sich in synchroner und systematischer Form mit dem Menschen und seiner Welt befassen. Bezeichnend dafür sind Linguistik, Anthropologie, Ethnographie, Geographie und die mathematisierende, nach Gesetzmöglichkeiten oder Regularitäten fragende Ökonomie. Somit erweitert die Geschichtswissenschaft mit Hilfe der Wissensbestände dieser Disziplinen den Horizont des historischen Denkens beträchtlich. Mittels Vergleich, Quantifizierung und tiefenhermeneutischer Rekonstruktion mentaler Lebensformen gewinnt die historische Erforschung neue Formen methodischer Rationalität und Interdisziplinarität. 19
Wie bereits oben im Ansatz beschrieben, entzündete sich die Kritik der Annales-Schule an der historistisch geprägten Fachwissenschaft und deren Fixierung auf die grossen Ereignisse als den angeblich wichtigsten Manifestationen der historischen Wirklichkeit. Demgegenüber macht sie geltend, dass sich der geschichtliche Wandel nur im Blick auf tieferliegende Schichten der Wirklichkeit enthüllen liesse. In diesen verschwiegeneren Faktoren, und nicht im Lärm der Ereignisse, seien die Bedingungen des historischen Wandels angesiedelt. Dabei diskutiert die Annales die Determinanten des historischen Wandels als langlebige Strukturen, die dem Bewusstsein der Subjekte weitgehend entzogen sind. Für Rüsen liegt die heuristische Bedeutung des Strukturbegriffes darin, dass es den Annales-Historikern mit seiner Hilfe ge- lingt, die sozialpsychologische, die sozioökonomische und die soziogeographische Dimension
11
der Geschichte thematisch neu zu erschliessen und im Rahmen innovativer Forschungskonzepte auch methodisch zu bewältigen. Der Einbezug dieser 3 Dimensionen verdeutlicht, dass der Gedanke einer ‘Histoire totale’ für die Schule der Annales motivbildend gewesen ist. Mit der Historisierung bisher unterbelichteter Bereiche versucht sie, Geschichte nun ohne Verkürzungen ins Blickfeld treten zu lassen. Die Annales-Historiker erschliessen die sozialpsychologische Dimension mit dem mentalitätsgeschichtlichen Forschungsansatz: 20 „Sie zeigen, dass ‘Mentalität’ als eine kollektive, weitgehend vorbewusste, wenig ausdifferenzierte geistige Struktur keineswegs nur ein Bestandteil vormoderner Bewusstseinsverfassungen war, sondern als eine tendenziell irrationale Macht auch unsere Gegenwart noch weiterhin prägt; und zwar in einer Weise, wie sie von einer rationlitätsgläubigen, an intentional gesteuerten Ereignissen orientierten Historiographie nicht in den Blick gebracht werden kann.“ 21
3.1.2 Entwicklung der Mentalitätengeschichte
L. Febvre hat 1939 für eine umfassende historische Psychologie drei Untersuchungsbereiche benannt:
1. Die ‘psychologie collective’, die den Menschen in seinem Milieu erforscht. 2. Die ‘psychlogie specifique’ ou ‘psych-physioloque’, die den Menschen als Lebewesen erforscht.
3. Die ‘psychlogie différencielle’, die den einzelnen in seinen individuellen Lebensbezügen erforscht.
M. Bloch und Febvre haben selbst exemplarische Studien zu diesem Programm vorgelegt. M. Bloch (1924) zur Herausbildung der Vorstellung vom wundertätigen König in England und Frankreich; L. Febvre zum Problem des Unglaubens im 16. Jh. am Beispiel der Person von Rabelais (1942). Das wechselnde generative Verhalten der Menschen hinsichtlich Einstellungen zu Leben und Sterben, zu Sexualität, zu Familie und Kindern forderte Erklärungen, die nicht in individuellen Entscheidungen, sondern in kollektiven Einstellungen gesucht wurden. Beispielhafte Arbeiten zu diesem Ansatz sind von P. Goubert, E. Le Roy Ladurie und J.-C. Flandrin hervorgegangen. Auf der Grundlage serieller Quellen verband diese Mentalitätenge-
19 Vgl.J. Rüsen, 1994, S. 44.
20 Vgl. J. Rüsen/F. Jäger, 1994, S. 24f.
21 Vgl. ebd., S. 25.
12
schichte kollektive Mentalitäten mit der ‘longue durée’ und betonte ihr Beharren, da vorerst Einstellungen zu elementaren Einstellungen zu mentalen Lebensbereichen thematisiert wurden. Mit der Zeit geriet jedoch auch der Wandel kollektiver Mentalitäten vermehrt in den Blickpunkt, vor allem provoziert durch neue Fragen zu den Voraussetzungen der Französischen Revolution. 22
Die Neubewertung von Volksaufständen und Hexenprozessen durch die Interpretation kollektiver Mentalitäten öffnete auch den Blick auf Bereiche, die bis dahin als historisch nicht beurteilbar galten, wie Körper, Sinneswahrnehmung, Gefühle, sich-bewegen, Raum und Zeit. Entscheidende Impulse dazu bekam die Mentalitätengeschichte durch enge Kontakte zwischen Historikern, Ethnologen und Philosophen (C. Lévy-Strauss, M. Mauss, R. Barthes, P. Bourdieu und M. Foucault).
Als zentral erwies sich auch die neue Forschungsperspektive, Geschichte nicht nur aus der Herrschaftsperspektive zu schreiben, sondern die ‘Untertanen’ ebenfalls als historische Subjekte zu setzen; hierbei erfährt die Geschdichtswissenschaft durch die von der Ethnologie und der Anthropologie übermittelte Epistemologie eine sinnvolle Hilfe. 23
3.2 Entstehung und Entwicklung in England
Forschungen zu kollektiven Mentalitäten entstanden in England in 3 Kontexten:
a) Zur Geschichte des Wissens und Glaubens;
b) zur frühneuzeitlichen Protestforschung und der Geschichte der Arbeiterklasse;
c) zu den Peasant Studies.
Allen 3 Richtungen ist gemeinsam, dass sie stark durch die Sozial- und Kulturanthropologie geprägt sind; nachfolgend nur ein kleiner Überblick zur Geschichte des Wissens und Glaubens.
Aus dem Kontext der Geschichte des Wissens und Glaubens ging eine Studie von K. Thomas ‘Religion and the Dexline of Magic’ hervor. Darin ging er der Frage nach, warum bis ins 17.
22 Vgl. H. Wunder, 1994, S. 73f.
23 Vgl. ebd., S. 75f.
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Jh. der Glaube an Astrologie, Zauberei, Magie, Wahrsagerei, Geister und Feen in einer breiten Bevölkerung - auch unter den Gebildeten - verbreitet war und dann allmählich aus dem akzeptierten Wissen - zumindest der Gelehrten - verschwand. Zur gleichen Zeit legte der englische Anthropologe A. Macfarlane eine Studie zu englischen Hexenprozesse vor, dariner die zunehmenden Zaubereianklagen im 16. Jh. mit dem grundlegenden Wandel der ländlichen Gesellschaft in England verband. Ein weiterer Forschungsschwerpunkt von K. Thomas war eine Untersuchung der sich verändernden Haltung der Engländer zur Natur in der frühen Neuzeit (1983). In diesen Kontext englischer Mentalitätengeschichte gehört auch P. Burkes Darstellung der Volkskulturen im frühneuzeitlichen Europa, die die Mentalitäten der Eliten und des Volkes aus der synchronen und diachronen Perspektive erforscht. 24
3.3 Entstehung und Entwicklung in Deutschland
In Frankreich wird die Mentalitätengeschichte trotz Kritik und Selbstkritik als innovative his-torische Arbeitsmöglichkeit anerkannt, demgegenüber stösst sie in der deutschen Geschichtswissenschaft auf prinzipielle und methodische Bedenken. Historische Mentalitäten seien quellenmässig nicht bearbeitbar oder gehörten teilweise gar nicht zur Geschichte. Während in Frankreich gerade die Mediävisten durch ihre Mentalitätenforschung bekannt geworden sind, ist in Deutschland die Zurückhaltung gegenüber der Mentalitätengeschichte auffallend. Eine Ausnahme bildet die bereits 1964 erschienene Studie von E. Maschke, der die Mentalität (Berufsbewusstsein) mittelalterlicher Kaufleuten untersuchte; und 1980 erschien ein Buch mit dem Titel ‘Die Familie in der deutschen Stadt des späten Mittelalters’, das die zentrale Rolle des Familienbewusstseins darlegte.
Seit 1980 gehört Mentalität auch zum Programm deutscher Historikertage, z.B. hat 1985 der Konstanzer Arbeitskreis für mittelalterliche Geschichte ihr eine Tagung gewidmet, das Konzept kritisch durchleuchtet und getestet. Nach H. Wunder zeigt sich in dieser Verfahrensweise das Problem der Rezeption bezüglich des Konzepts der Mentalität: 25 „Am Beginn der Forschung stehen nicht offene Fragen, sondern eine Begriffsdefinition, die überprüft werden soll. Der Bezug von Mentalität auf festgelegte soziale Gruppen ist vorgegeben, es geht um das Selbstverständnis, die Meinungen und die Ideologien dieser bekannten
24 Vgl. ebd., S. 77.
25 Vgl. ebd. S. 78f.
14
Gruppe, um dieser Gruppe verfügbare Wissenssysteme und Deutungsmuster, kaum darum, von der Figuration des Unsichtbaren auf das Sichtbare zu schliessen, um die jeweils bezeichnende ‘mentale Ausstattung’ (L. Febvre) zu erkennen. Diese Form der Auseinandersetzung mit Mentalitätengeschichte ist geprägt von der deutschen Wissenschaftsgeschichte, in der Erfahrung mit Ethnologie nicht zur Verfügung steht und aufgrund der Ausgrenzung von Anthropologie für das ‘Selbstverständnis’ von Historikern als epistemologisches Problem nicht präsent ist.„ 26
Die Zurückhaltung in der Rezeption von Mentalitätengeschichte ist zudem durch die spezifische deutsche Wissenschaftsgeschichte zu erklären, diese Forschungstradition hat wichtige Beiträge zur Geschichte mentaler Systeme hervorgebracht wie M. Webers ‘Protestantische Ethik’ und W. Sombarts ‘Das Wirtschaftsleben im Zeitalter des Hochkapitalismus’. Hingegen haben Frühneuzeitler wie R. Engelsing, R. Stadelman und W. Fischer neue Einblicke in die sozio-kulturelle Geschichte deutscher Mittel- und Unterschichten eröffnet. 27
3.3.1 Exkurs: Neohermeneutische Methodenkonzepte der Gegenwart
In den letzten Jahren haben sich in Deutschland alltagsgeschichtliche und kulturanthropologische Forschungsansätze etabliert, die ihr methodisches Selbstverständnis u.a. aus ihrer erklärten Gegnerschaft zur Gesellschaftsgeschichte und zur Historischen Sozialwissenschaft schöpfen. Diese Konzepte, die eine gewisse Nähe zum Mentalitätenansatz haben, zielen gegenüber der Gesellschaftsgeschichte auf eine stärkere Berücksichtigung kultureller und mentaler Fak-toren für den sozialen Wandel moderner Gesellschaften. Die Kritik richtet sich gegen das Fortschrittskonzept der Gesellschaftsgeschichte sowie die Kosten und pathologischen Begleiterscheinungen von Modernisierungsprozessen, die werden nun stärker betont und empirisch konkretisiert. Ähnlich wie die Mentalitätengeschichte lenken diese neohermeneutischen Positionen die Aufmerksamkeit der historischen Forschung auf eine bisher ‘vergessene’ Geschichte. Das Interesse richtet sich auf das Verdrängte, Fremde und Marginalisierte auf der soziokulturellen Ebene wie auf jenen unserer eigenen Lebensgeschichte. Der heuristische Impuls äussert sich empirisch an einem vermehrten Interesse an den ‘Verlierern’ des Modernisierungsprozesses.
In diesen neuen methodischen Ansätzen kommt eine ausgeprägte Irritation des eigenen wissenschaftlichen und soziokulturellen Selbstverständnisses zum Vorschein. Es ist gekenn-
26 Ebd., S. 79.
15
zeichnet durch einen ‘ethnographischen’ Blick auf die eigene, sich selbst sicheren Identität und Normalität. 28
„Alltagsgeschichte und Kulturanthroplogie ermöglichen neue Perspektiven, indem sie das Augenmerk auf eine immer schon erfolgende Verarbeitung objektiver Strukturzwänge in Form alltäglicher Lebensformen und Sozialbeziehungen richten. Sie lassen in den Quellen eine ‘selbstinterpretative’ Dimension der Vergangenheit sichtbar werden. In dieser geben die historischen Subjekte selber Auskunft darüber, wie sie die objektiven Herausforderungen und Systemzwänge ihrer Gegenwart jeweils erfahren, interpretiert und kulturell verarbeitet haben (...).“ 29
Für Rüsen/Jäger stellt sich hier die Frage, mit welchen quellenkritischen Methoden sich nun diese selbstinterpetative Dimension der historischen Realität methodisch und somit intersubjektiv überprüfbar rekonstruieren lässt. Die vom amerikanischen Kulturanthropologen C. Geertz entwickelte Methoden der ‘dichten Beschreibung’ soll einen objektivitätsverbürgenden Zugang zum Material der historischen Forschung ermöglichen. Dabei verzichtet der Forscher auf eine eigene Interpretation der Wirklichkeit sowie auf die Anwendung der ihm zur Verfügung stehenden theoretischen Modelle und methodischen Kategorien. Dieser Verzicht soll die Möglichkeit eröffnen 30 , „sich der historischen Wirklichkeit über die dem Forscher selbst fremden Deutungen der historischen Subjekte zu nähern.“ 31 Von den neohermeneutischen Positionen gehen erhebliche Modifikationen bezüglich den traditionellen Interpretationskonzepten der Geschichtswissenschaft aus. Verzichtet wird auf eine Synthese und Einheitskonzeption von Geschichte. Die modernisierungstheoretischen Globaldeutungen des historischen Wandels haben sich für die neohermeneutischen Konzepte verbraucht. Dagegen setzten sie ein Interpretationskonzept, das eine sensiblere Annäherung an die Subjekte ermöglichen soll. Verzichtet wird auf theoretisch vorentworfene Sinnunterstellungen; somit wird eine Anerkennung des Eigensinns historischer Erfahrung praktiziert. Das Selbstverständnis und die Handlungsstrukturen der Betroffenen werden so wiederum hermeneutisch entschlüsselt. 32
27 Vgl. ebd.
28 Vgl. J. Rüsen/F. Jäger, 1994, S. 29f.
29 Ebd., S. 30.
30 Vgl. ebd., S. 30f.
31 Ebd., S. 31.
32 Vgl. ebd.
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„Dies bedeutet keineswegs zwangsläufig einen intentionalistischen Fehlschluss durch Leugnung einer Strukturdimension des historischen Geschehens. Es bedeutet vielmehr, historische Realität an den Schnittpunkten zu rekonstruieren, wo historische Objektivität und Subjektivität aufeinanderprallen. Wo also strukturelle Handlungsbedingungen immer schon in Form ihrer 33 Interpretation kulturell entschärft und hierdurch neue Freiheitschancen geschaffen werden.“ Laut Rüsen/Jäger ist jedoch dadurch die methodische Frage von struktureller und kultureller Dimension der Geschichte nicht gelöst, sonder nur neu gestellt. Die Aufgabe stellt sich für die Zukunft wohl so, dass Gesellschaftsgeschichte und Neohermeneutik sich komplementär ergänzen müssen, d.h., Geschichte weder einseitig als Strukturzusammenhang, der analytisch rekonstruiert werden müsste, noch einseitig als Kulturprozess, der hermeneutisch verstanden werden könnte, zu interpretieren. 34
33 Ebd.
34 Vgl. ebd.
17
4. Abgrenzung: Unterschied und Gemeinsamkeiten der
Mentalitätengeschichte zu benachbarten Disziplinen
4.1 Kulturgeschichte und Historische Anthropologie
Als grösster Nenner von Mentalitätengeschichte, Kulturgeschichte und Historischer Anthropologie lässt sich ‘Kultur’ bestimmen. Kulturgeschichte, Historische Anthropologie und Mentalitätengeschichte bezeichnen in der Historiographie eine zeitliche Folge in der Beschäftigung mit Kultur sowie eine inhaltliche Weiterentwicklung, was mit dem Konzept Kultur ver-standen und erklärt werden soll. Dabei richtet sich Kulturgeschichte gegen die Dominanz und den Primat der Ereignisgeschichte; Mentalitätengeschichte richtet sich gegen eine anonyme Wirtschafts- und Sozialgeschichte im Zeichen einer ‘Histoire totale’; Historische Anthropologie wendet sich gegen anthropologische ‘Naturgesetze’, gegen eine objektivistische Historische Sozialwissenschaft, wie gegen eine ahistorische Kulturanthropologie. 35 „Zugleich sind Kulturgeschichte, Mentalitätengeschichte und Historische Anthropologie neue Modi historischen Erkennens in jeweils bezeichnenden Kontakten mit anderen Disziplinen, die als Abgrenzung oder methodische Annäherung, als Interdisziplinarität oder als methodische Verzahnung wirken.“ 36
Nach H. Wunder sind die Grenzen zwischen Kulturgeschichte, Mentalitätengeschichte und Historischer Anthropologie weniger wissenssystematisch als wissenschaftsgeschichtlich begründet. Da sich die Mentalitätengeschichte erst allmählich konstituierte, werden ihre Ergebnisse der Kulturgeschichte wie der Historischen Anthropologie zugeordnet. Kulturgeschichte und Historische Anthropologie sind ihrerseits flexible Konzepte mit engerer wie weiterer Reichweite, die durch unterschiedliche Akzente voneinander abgehoben werden können, wobei Kulturgeschichte eher den übergeordneten Verlauf kultureller Prozesse untersucht, Historische Anthropologie mehr auf Epistemologie und Arbeitsweisen bezogen wird. 37 Wenn wir eine Abgrenzung zwischen Mentalitätengeschichte und Kulturgeschichte versuchen, so geht es der Mentalitätengeschichte nicht darum, die architektonischen, musikalischen
35 Vgl. H. Wunder, 1994, S. 65f.
36 Ebd., S. 66.
37 Vgl. ebd.
18
und literarischen Leistungen einer Epoche darzustellen, sondern viel mehr darum, aus diesen die dahinterstehenden mentalen Konzepte zu bestimmen. Die Kulturgeschichte zielt zudem im allgemeinen den Bereich des Unbewussten nicht in ihre Forschungen ein. 38 Bei der Konstruktion von Kulturgeschichte, Historischer Anthropologie und Mentalitätengeschichte muss zudem immer bedacht werden, dass an ihrer Konstitution immer auch die anderen Kultur-, Human-, und Sozialwissenschaften beteiligt sind, und nicht nur als Hilfswissenschaften, sondern in der Erweiterung dessen, was als historisch wissenswert gilt. Gerade in Deutschland hat sich jedoch die Orientierung der Mentalitätengeschichte an sozialwissenschaftlichen Konzepten als zu grobmaschig und zu abstrakt und somit der Komplexität nicht angemessen erwiesen. 39 „So erklärt sich die Neubesinnung auf Kulturkonzepte, die den sozialen Kontext beibehalten, aber Kultur und Gesellschaft im Handeln der einzelnen in neuer Weise miteinander verflechten, ohne die Eigendynamik z.B. von Sprache und Kunst im sozialen Prozess aufzugeben.“ 40
4.2 Ideen- und Geistesgeschichte
Abgrenzende Kriterien zur Ideen- und Geistesgeschichte sind oft schwer anzugeben, weil beide Bereiche, wie auch die Sozialgeschichte, als Verständigungshintergrund präsent sein müssen. Gesellschafts- und Wirtschaftsformen sowie politische Gegebenheiten (also das his-torische Umfeld) dürfen nicht unbeachtet bleiben, da sie den Rahmen bilden, innerhalb dessen sich Mentalitäten gestalten (wenn auch sie diesen Rahmen mitgestalten). 41 Wie teilweise bereits weiter oben erwähnt, ist die Abgrenzung zwischen Mentalitäten-, Ideen-und Geistesgeschichte wie folgt zu ziehen: Letztere erforscht vor allem die Leistungen der intellektuellen und künstlerischen Eliten, während sich die Mentalitätengeschichte für diese Leistungen nur interessiert, wenn sie zum Allgemeingut und somit zu Denk-, Empfindungs-und Verhaltensschemata wurden; gelegentlich spricht man daher auch von Mentalitätengeschichte der Ideen, was den emotionellen Bereich aber nicht erfasst. Ein Beispiel dazu, das den Unterschied verdeutlicht, sieht Dinzelbacher wie folgt: Die Trennung von Glauben und Wissen, zunächst nur von einigen Philosophen, im 14. Jh. sogar nur von einem einzelnen,
38 Vgl. P. Dinzelbacher, 1993, S. 15
39 Vgl. H. Wunder, 1994, S. 66f.
40 Ebd., S. 67.
41 Vgl. P. Dinzelbacher, 1993, S. 18.
19
Wilhelm von Occam, vertreten, wurde seit der Aufklärung zu einer der fundamentalsten Komponenten der modernen Mentalität. In diesem Fall fungieren somit Ideen- und Geistesgeschichte als Hilfswissenschaften für die Mentalitätengeschichte. 42
4.3 Psycho-Historie
Bei der Psycho-Historie handelt es sich ebenfalls um eine Richtung, die bei der deutschsprachigen Geschichtswissenschaft durchgehend auf Ablehnung stösst, wobei sie besonders in den USA durchaus anerkannt ist. Anders als in der Psychohistorie geht es in der Mentalitätengeschichte nicht um die Analyse von Persönlichkeiten der Geschichte, z.B. mittels der Tiefenpsychologie, sondern um kollektive Psychologie, und zwar um die Unterschiede in der kollektiven Psychologie der verschiedenen Epochen der Vergangenheit untereinander und der Gegenwart.
P. Dinzelbacher sieht das Verhältnis von Mentalitätengeschichte und Psychologie wie folgt: 43 „Die Mentalitätsgeschichte hat ungeachtet der Feststellung von Kontinuitäten gerade die geschichtlichen Wandlungen der allgemeinen psychischen Verfasstheit im Rahmen des anthropologisch prinzipiell Möglichen aufzuzeigen. Sie sollte sich daher weder zu eng einer der konkurrierenden Richtungen der Psychologie anschliessen, noch zu hypothetischen Konstruktionen folgen. Sie sollte aber anderseits auch nicht sozusagen künstlich naiv auf den gesicherten (auch terminologischen) Fundus verzichten, die die heutige Sozial- Verhaltens-, Tiefenpsychologie sowie die Verhaltensforschung bieten.“ 44
42 Vgl. ebd., S. 17.
43 Vgl. ebd., S. 19.
44 Ebd.
20
5. Das Konzept der historischen Mentalität
Gemäss Dinzelbacher lässt sich Mentalität als historische Kategorie besser beschreiben als definieren, ein Versuch einer Definition lautet wie folgt:
„Historische Mentalität ist das Ensemble der Weisen und Inhalte des Denkens und Empfindens, das für ein bestimmtes Kollektiv in einer bestimmten Zeit prägend ist. Mentalität manifestiert sich in Handlungen.“ 45
Nachfolgend werden die einzelnen Glieder dieser Definition erläutert:
5.1 Ensemble
‘Ensemble’ meint, dass es der Mentalitätengeschichte um das Ergebnis der Interaktion der gesamten Elemente geht, um ihre Vernetzung und Interdependenz. Solche Ensembles enthalten jedoch dialektische Komponenten, sind also keine widerspruchsfreien Systeme. Diese Ensembles können zu einer neuen Mentalität führen oder eine bestehende verändern. Dabei handelt es sich zum Teil um die Reste einer früher dominierenden Mentalität, z.B. das Fortbestehen einer zyklischen Zeitkonzeption parallel zu der im Unterschied zur Antike prinzipiell linearen Zeitauffassung im Christentum.
5.2 Denkweise
‘Denkweise’ bezeichnet die zeit- und gruppenspezifische Art des bewussten Umgangs mit Informationen.
5.3 Denkinhalte
‘Denkinhalte’ bezeichnen die in einer Kultur allgemein geltenden ideologischen, politischen, religiösen, ethnischen und ästhetischen Grundüberzeugungen, insofern sie bewusst sind. Sie sind verbalisierbar und Gegenstand diskursiver Reflexion.
45 P. Dinzelbacher, 1993, S. 11.
21
Teilweise werden die unbewussten Anteile einer Mentalität durch die Verinnerlichung ursprünglich bewusster Denkinhalte geformt. Bewusst aufgestellte Forderungen - wenn genug breit rezipiert - können einen unbewussten Habitus erzeugen. Z.B. die typisch prüde Einstellung der Europäer und Amerikaner zur Sexualität - auch in unserer säkularisierten Gesellschaft - basiert auf Forderungen, die christliche Theologen in der Spätantike propagierten. Durch 2’000 Jahre Christentum wurden diese derartig internalisiert, dass diese gesellschaftlichen Verhaltensnormen auch von vielen Nichtgläubigen befolgt wurden.
5.4 Empfindungsweise
‘Empfindungsweise’ umfasst die automatisierten Wertverknüpfungen und -urteile, die nicht bewusst thematisierten Einstellungen, die zur alltäglichen Sehweise der Dinge führende Selektion der Wahrnehmung.
5.5 Empfindungsinhalte
‘Empfindungsinhalte’ umfasst nicht nur das Gefühlsleben im engeren Sinne, sondern auch das Gebiet der halb- und unbewussten Emotionen, die mit unreflektierten Stereotypen verknüpft sind. Damit ist auch gemeint, dass nicht alle Menschen in allen Epochen dieselbe Palette komplexer Gefühle kannten und kennen.
5.6 Kollektiv
Ein Kollektiv kann sein: ⇒ Bewohner eines Kontinents; ⇒ einzelne Völker; ⇒ einzelne Schichten und Stände; ⇒ Gemeinschaften;
⇒ alters- und geschlechtsspezifisches Kollektiv; ⇒ etc.
Bei grösseren Kollektiven ist von einer ‘Grundmentalität’ auszugehen; z.B. im Hochmittelal- ter Europas sahen wohl alle Menschen (Gelehrte wie Ungelehrte, Junge wie Alte, Männer wie
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Frauen) ihr weltliches Leben nicht als in sich selbst sinnhaft, sonder verstanden es nur als Weg zu ihrer endgültigen jenseitigen Bestimmung.
5.7 Bestimmte Zeit
Die ‘bestimmte Zeit’ kann eine vollständige Epoche beinhalten bis zu einem historischen Augenblick, jeweils mit der entsprechenden Änderung der Präzision der Aussage.
5.8 Handlungen
‘Handlungen’ sind in einem umfassenden Sinne zu verstehen. Wenn man spricht oder schreibt, handelt man verbal, beim Lächeln handelt man mit einem Gestus etc. Jedes Handeln sagt etwas über die dahinterstehende Mentalität aus. Die Mentalität löst zwar nicht das Handeln aus, doch es wird von ihr vielfach kanalisiert. In konkreten Situationen fungiert die Mentalität als Hilfe bei der Entscheidung, wie man sich verhalten soll, sie ist also das Repertoire der Orientierungsangebote, die in einem Kollektiv aktuell sind. Zur Exemplifizierung: 46 „Wenn ein spätmittelalterlicher Prälat mit einem Fall von Stigmatisation konfrontiert wird, dann sorgt er in der Regel dafür, dass eine theologische Untersuchung durchgeführt wird, ob diese von Gott oder vom Teufel stammt. Wenn sich einer seiner Amtsnachfolger im 19. oder 20. Jahrhundert mit demselben Phänomen konfrontiert findet, dann sorgt er in der Regel dafür, dass eine medizinische und psychiatrische Untersuchung durchgeführt wird, ob eine körperliche oder geistige Erkrankung vorliegt. Einmal manifestiert das Handeln also eine Mentalität, für die das Eingreifen Gottes in die Welt zu den echten Möglichkeiten gehört, das andere Mal eine Mentalität, die in praxi nicht mehr damit rechnet, sonder nach innerweltlichen Gründen sucht.“ 47
46 Vgl. ebd., S. 12ff.
47 Ebd., S. 16.
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6. Forschungsgegenstand der Mentalitätengeschichte
Jede wissenschaftliche Disziplin, mag sie - wie die Mentalitätengeschichte im deutschsprachigen Raum - umstritten sein, etabliert einen Kanon darüber, was sie als ihr Territorium, als ihre Forschungsgegenstände betrachten will. Genauso muss die Mentalitätengeschichte zunächst die für sie relevanten Einzelthemen erforschen, bevor sie ein umfassendes Bild einer kollektiven Mentalität in einer Epoche darlegen kann. Die einzelnen Themen sind jedoch für jedes Kollektiv und jede Epoche gesondert zu beschreiben.
Eine Reihe solcher wichtiger Teilbereiche oder Forschungsgegenstände der Mentalitätengeschichte - wie sie P. Dinzelbacher skizziert hat - werden nachfolgend in schlagwortartiger Kürze mit zwei Beispielen illustriert:
Einschätzung des Verhältnisses von Leib und Seele zueinander; bewusste Bewertung und unbewusste Rolle des Körperlichen (z.B. Körper als Gefängnis der Seele; Ideal einer psychosomatischen Ganzheit);
Einstellung zu Jugend und Alter und die demnach prävalierenden gesellschaftlichen Leitbilder (z.B. Gerontokratie; Jugendkult);
Stellung zu Sexualität und Bedeutung von Liebe (z.B. Trennung von Sex, Liebe und Ehe; romantische Liebe als raison d’être), Ängste und Hoffnungen (z.B. Jenseitsvorstellungen; Utopien); Vorstellungen von und Umgang mit Freude, Leid und Glück (z.B. Ataraxie; Leidbewältigung durch Psychopharmaka);
Bewertung und Bewältigung von Krankheiten (z.B. Krankheit als göttlich verhängte Strafe; als Defekt der biologischen Maschinerie);
Vorstellungen vom Tod und Verhalten beim Sterben (z.B. Sterben als Zäsur innerhalb des Lebens; Verdrängung aus der Alltagswelt);
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Erleben von Individuum, Familie und Gesellschaft (z.B. in die Gruppe eingebundene Individualität; individualistischer Geniekult);
Gesellschaftliche Bewertungskriterien (z.B. Ehre vs. Schande, Konservativismus vs. Progressivität);
Bedeutung von Arbeit und Fest (z.B. Fest als Religionsausübung; ‘Arbeit macht frei’); Strukturierung und Bewertung von Herrschaft (z.B. sakral legitimierte Herrschaft; antiautoritäre Bewegung);
Einstellung zu Gewalt, Krieg und Friede (z.B. gerechter und heiliger Krieg; prinzipieller Gewaltverzicht);
Formen von Ethik und Recht (z.B. Ethik als göttliche Setzung; ständisch gebundenes Recht);
ästhetisches Empfinden (z.B. schön und hässlich; l’art pour l’art); Religiosität (z.B. Angst und Liebe im Gottesbild; Eliminierung der ‘Erklärungshypothese Gott’);
Einstellung zu Umwelt und Natur (z.B. animistisches Naturempfinden; Umweltschutz); Kosmologie (Welt als Organismus; Welt als Maschine); Raumerfahrung (z.B. Heiligkeit von Raum; Bewegungsmuster im Raum); Zeiterfahrung (z.B. zyklisches Geschichtsbild, natürliche oder künstliche Zeiteinteilungen);
Denkweisen (z.B. assoziatives Denken; diskurslogische Problemlösung);
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Triebregelung durch ‘Zivilisation’ (z.B. Tischsitten; Prüderie); Kommunikationsformen (z.B. Oralität und Schriftlichkeit, Sprache der Gesten). 48
48 Vgl. P. Dinzelbacher, 1993, S. 5f.
26
7. Kritik an der Mentalitätengeschichte
Der Mentalitätenansatz wurde von verschiedenen Seiten her kritisiert; nachfolgend ein paar Kritikpunkte, die von den verschiedenen Autoren - deren Literatur in dieser Arbeit verwndet wurde - diesbezüglich formuliert wurden:
Gemäss P. Burke 49 ist der Mentalitätenansatz mit Gefahren und Schwierigkeiten verbunden, von denen er zwei hervorhebt:
1. Die Betonung des Überdauerns von traditionellen Einstellungsmustern über eine lange Zeit hinweg erschwert die Darstellung des Wandels. Als Beispiel: Wenn der Atheismus in bestimmten Zeiten unvorstellbar ist, wie kann er zu einem späteren Zeitpunkt möglich werden?
2. Der Mentalitäten-Ansatz - zumindest bei der Annales-Schule, da sie in diesem Punkt thematisch Durkheim folgt - geht von einem gesellschaftlichen Grundkonsens aus und interessiert sich kaum für Konflikte. Als Beispiel: L. Febvre diskutiert ganz unbefangen die Haltung ‘des Franzosen’ im 16. Jh., als spielten die Unterschiede zwischen den gesellschaftlichen Gruppen gar keine Rolle.
Laut H. Wunder 50 ist die Mentalitätengeschichte wegen ihrer Theorielosigkeit kritisiert worden, für sie ist dieser Vorwurf gegenstandslos, weil Mentalitätengeschichte keine selbständige ‘Geschichte der Mentalitäten’ ist, sondern zur Forschungsstrategie der Annales gehört. Berechtigt ist der Vorwurf für sie insofern, weil die Annales die Beziehungen zwischen den drei Ebenen (Wirtschaft/Gesellschaft/Zivilisation) zuwenig reflektiert. Mentalitäten werden sozialen Gruppen und Schichten zugeordnet, ohne die Eigendynamik und dialektische Bewegung zwischen den drei Ebenen zu bedenken.
Jörn Rüsen 51 hat zumindest drei Bedenken hinsichtlich des Mentalitätenansatzes im Kontext der Annales-Schule:
49 Vgl. P. Burke, 1989, S. 104.
50 Vgl. H. Wunder, 1994, S. 76.
51 Vgl. J. Rüsen/F. Jäger, 1994, S. 26.f.
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1. Quellenkritische Probleme: Für die Mentalitätengeschichte resultieren Probleme daraus, dass Quellen unter einer Fragestellung analysiert und interpretiert werden, zu der sie nur indirekt etwas zu sagen haben. Wenn z.B. ein Testament, das ja Erbschaften regelt, mit der Frage über religiöse Auffassungen konfrontiert wird. Wie diese ‘Indirektheit’ der Quellenaussage methodisch kontrolliert werden kann, ist ein schwieriges Problem und dürfte wohl nur mit Rückgriff auf kulturanthropologische und ethnologische Methoden zu lösen sein. 2. Ein weiteres quellenkritisches Problem sieht er in der seriellen Methode (bezeichnet die Analyse von langfristigen Trends mit Hilfe der Untersuchung von Kontinuitäten und Diskontinuitäten innerhalb einer Reihe von relativ homogenen Daten 52 ). Da sich die statistischen Quellen über längere Zeiträume erstrecken, wirft dies die Frage nach der Vergleichbarkeit der Quellenbestände auf. Die Quellen müssen in diesem Fall über langfristige his-torische Veränderungsprozesse nach eindeutigen Klassifikationskriterien standardisiert werden: Aufkommende Lücken in den Quellenbeständen müssen mit statistischen Hochrechnungen und Extrapolationen geschlossen werden.
3. Ein weiterer Kritikpunkt ist für Rüsen der, dass bei der Annales die methodisch erschlossene Vielfalt des historischen Geschehens nicht in eine eigene Theorie historischen und sozialen Wandels integriert wird. Dieser Verzicht bedeutet eine gewisse Einschränkung der Interpretationsfähigkeit der von ihnen erschlossenen Erfahrungsbestände.
52 Vgl. P. Burke, 1991, S. 116.
28
8. Fazit
8.1 Beantwortung der Ausgangsfragen (Kurzzusammenfassung)
a) Was versteht die Geschichtstheorie heute unter Mentalitätengeschichte? Die Definitionen sind nicht alle deckungsgleich, je nach dem aus welchem wissenschaftstheoretischen Kontext sie stammen, fallen sie unterschiedlich aus. Eine sicherlich zukunftsweisende Definition hat P. Dinzelbacher formuliert: Die Mentalitätengeschichte befasse sich mit den bewussten und besonders den unbewussten Leitlinien, nach denen Menschen (bestimmte Kollektive) in epochentypischer Weise Vorstellungen entwickeln, nach denen sie empfinden und handeln. Für ihn ist auch der Wandel von Mentalitäten zentral.
b) Warum, wann und wo ist die Mentalitätengeschichte entstanden? Die Mentalitätengeschichte ist in Frankreich im Umkreis der 1929 von M. Bloch und L. Febvre gegründeten Zeitschrift ‘Annales d’histoire économique et sociale’ entstanden. Die Annales hatte zum Ziel, die Methoden und Forschungsgegenstände der traditionellen Geschichtswissenschaft zu erweitern, insbesondere auf der sozioökonomischen, soziogeographischen und sozialpsychologischen Dimension. Die Kritik der Annales-Schule richtete sich vor allem gegen den Historismus und dessen Fixierung auf die Politische Geschichte als angeblich wichtigster Manifestation der Geschichte. Demgegenüber sieht sie den geschichtlichen Wandel in langlebigen Strukturen, die dem Bewusstsein weitgehend entzogen sind. In diesem Konzept wird die sozialpsychologische Dimension mit dem Mentalitäten-Ansatz erschlossen. Im Konzept der Annales ist also die Mentalitätengeschichte keine eigenständige Disziplin, sondern wird als Forschungsstrategie eingesetzt und hat demnach eher die Funktion einer Hilfswissenschaft. Mit der Zeit hat sich jedoch die Mentalitätengeschichte ‘verselbständigt’ und ist heute wohl eher als eigenständige Disziplin zu bewerten.
c) Welche Bedeutung hat die Mentalitätengeschichte in verschiedenen Ländern? Frankreich:
In Frankreich hat sie eine sehr grosse Relevanz, sie ist dort fest etabliert
29
England:
Auch in England hat die Mentalitätengeschichte eine festen Status inne. Deutschland:
In Deutschland werden die Ergebnisse der Mentalitätengeschichte eher zögerlich aufgenommen und sie hat dort nur eine marginalisierte Bedeutung. In letzter Zeit sind jedoch neohermeneutische Konzepte wie die Alltagsgeschichte entstanden, die eine gewisse Nähe zur Mentalitätengeschichte aufweisen.
d) Unterschiede und Gemeinsamkeiten der Mentalitätengeschichte zu anderen Disziplinen? Als grösster Nenner von Mentalitätengeschichte, Kulturgeschichte und Historischer Anthropologie lässt sich Kultur bestimmen. Dabei untersucht die Kulturgeschichte eher den überge-ordneten Verlauf kultureller Prozesse, die Mentalitätengeschichte versucht die dahinterliegenden mentalen Konzepte zu bestimmen, und die Historische Anthropologie bezieht sich eher auf Arbeitsweise und Epistemologie.
Der Unterschied zwischen der Mentalitätengeschichte und der Geistes- und Ideengeschichte lässt sich wie folgt angeben: Ideen- und Geistesgeschichte erforscht vorzugsweise die Leistungen intellektueller Eliten, während sich die Mentalitätengeschichte dafür nur interessiert, wenn sie zum Allgemeingut wurden.
e) Wie lässt sich die historische Kategorie Mentalität näher bestimmen? Mentalität lässt sich als das Ensemble der Weisen und Inhalte des Denkens und Empfindens bestimmen, das für ein bestimmtes Kollektiv zu einer bestimmten Zeit prägend ist. Dabei manifestieren sich Mentalitäten in Handlungen.
f) Welches ist der Forschungsgegenstand der Mentalitätengeschichte? Der Forschungsgegenstand der Mentalitätengeschichte bezieht sich auf Vorstellungen, Ein- stellungen, Bewertungen, Ängste, Hoffnungen, Erlebensweisen, Bedeutungen hinsichtlich der
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Themen wie Freude, Leid, Krankheit, Tod, Familie und Gesellschaft, Arbeit, Herrschaft, Krieg, Recht, Religiosität etc.
g) Welches sind die Kritikpunkte an der Mentalitätengeschichte? Von verschiedenen Autoren wurde folgende Kritik vorgebracht:
• Die Darstellung des historischen Wandels und die Darlegung von Konflikten wird an der Mentalitätengeschichte als unzureichend empfunden.
• Zum Teil wird die Theorielosigkeit der Mentalitätengeschichte vermisst, und wiederum im Kontext der Annales wird die Analyse der Interdependenz und Dialektik der drei Ebenen Wirtschaft/Gesellschaft und Zivilisation vermisst.
• Quellenkritische Probleme: Problematisiert wird die Indirektheit bestimmter Quellenaussagen sowie die serielle Methode.
8.2 Resümee
Ich denke, dass die in der Einleitung gestellten Ausgangsfragen befriedigt beantwortet wurden. Was mir bei der Beschäftigung mit der Mentalitätengeschichte aufgefallen ist, sind insbesondere zwei Aspekte:
a) Eine ungenügende Theoretisierung der Mentalitätengeschichte. Dies manifestiert sich darin, dass vielfach noch unklar ist, ob die Mentalitätengeschichte als eigenständige Disziplin aufzufassen ist und die benachbarten Disziplinen als Hilfswissenschaften fungieren, oder ob die Mentalitätengeschichte mehrheitlich eine Hilfswissenschaft oder zusätzliche Forschungsmethode für bereits etablierte Geschichtswissenschaftsdisziplinen ist.
b) Ebenso eine ungenügende Ausarbeitung der Forschungsmethoden, wie sie der Mentalitätenansatz braucht. Wenn sich die Mentalitätengeschichte als eigenständige Disziplin etablie- ren will, so ist es nötig, dass sie ihre Forschungsmethoden umfassender expliziert.
31
Durch diese Unklarheiten im theoretischen wie methodischen Bereich ist es u.a. zu erklären, dass Mentalitätengeschichte einerseits der Kulturgeschichte oder der Historischen Anthropologie zugerechnet, andererseits als Erweiterung der Sozialgeschichte oder als zusätzliche For- schungsstrategie der Annales-Schule angesehen wird.
32
Literatur
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Revel (Hg.), Die Rückeroberung des historischen Denkens. Frankfurt am Main 1994,
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Peter Burke, Offene Geschichte. Die Schule der „Annales“. Berlin 1991.
Peter Dinzelbacher, Zu Theorie und Praxis der Mentalitätsgeschichte. In: Peter Dinzelbacher
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Revel (Hg.), Die Rückeroberung des historischen Denkens. Frankfurt am Main 1994,
S. 11 - 61
Konrad Fuchs/Heribert Raab, Wörterbuch zur Geschichte. Band 2 L-Z. 9 Auflage München
1993
Jörn Rüsen/Friedrich Jäger, Historische Methode. In: Richard van Dülmen (Hg.), Fischer Le-
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Jörn Rüsen, Theorie der Geschichte. . In: Richard van Dülmen (Hg.), Fischer Lexikon Ge-
schichte. Frankfurt am Main 1994, S. 32 - 51
Wilfried Schulze, Mikrohistorie versus Makrohistorie? Anmerkungen zu einem aktuellen
The- ma. In: Christian Meier/Jörn Rüsen (Hg.), Historische Methode. München 1988, S.
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598
Heide Wunder, Kulturgeschichte, Mentalitätengeschichte, Historische Anthropologie. . In:
Richard van Dülmen (Hg.), Fischer Lexikon Geschichte. Frankfurt am Main 1994, S.
65 - 85
Manfred Wüstemeyer, Was lehrt die Strukturgeschichte? Zum theoretischen und didaktischen
Gehalt der „Annales“-Historie. In: Jörn Rüsen/Hans Süssmuth (Hg.), Theorien der Ge-
schichtswissenschaft. Düsseldorf 1980, S. 118 - 137
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