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Inhalt
1. Einleitung 2
1.1 Kurzer Aufriss zur Historischen Sozialwissenschaft 2
1.2 Zielsetzung der Arbeit. 3
1.3 Eingrenzung des Themas 3
1.4 Literatur. 4
1.5 Aufbau der Arbeit. 4
2. Geschichtswissenschaft und Sozialwissenschaften: Ihr Verhältnis
zueinander und dessen Wandel. 5
2.1 Neunzehntes Jahrhundert bis 1960. 5
2.2 1960 bis zur Gegenwart. 6
3. Die Entstehung der Historischen Sozialwissenschaft 11
3.1 Die Geschichtswissenschaft in der BRD nach 1945 11
3.2 Programmatik und Selbstverständnis der
Historischen Sozialwissenschaft 14
3.3 Thematische Beschäftigung 17
4. Definition der Historischen Sozialwissenschaft 18
5. Kritik, Gegenkritik und neue Herausforderungen 21
5.1 Auseinandersetzung mit der Alltagsgeschichte 21
5.2 Historistische Kritik an der Historischen Sozialwissenschaft. 24
5.3 Neue Herausforderungen. 25
5.3.1 Frauen und Geschlechtergeschichte 25
5.3.2 Die neue Kulturgeschichte 25
5.3.3 Postmoderne Herausforderungen 26
6. Die Zukunft der Historischen Sozialwissenschaft 27
6.1 Bewahrung 27
6.2 Veränderungen 29
6.3 Herausforderunge 30
7. Fazit. 33
7.1 Beantwortung der Ausgangsfragen (Zusammenfassung) 33
7.2 Résumee 35
Literatur S 37
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1. Einleitung
1.1 Kurzer Aufriss zur Historischen Sozialwissenschaft
Ich bin in meiner ersten von zwei Seminararbeiten der Frage nachgegangen, was denn heute unter dem Begriff der Mentalitätengeschichte zu verstehen sei. Bei der Mentalitätengeschichte handelt es sich vor allem um die Erforschung des subjektiven Faktors der Menschen im zeitlichen Wandel. Mit der hier vorliegenden Seminararbeit gehe ich quasi auf die entgegengesetzte Seite und frage danach, was unter dem Begriff der Historischen Sozialwissenschaft verstanden werden kann; entgegengesetzte deshalb, weil es bei der Historischen Sozialwissenschaft vorwiegend um die Erforschung von Strukturen und Prozessen geht und weniger um die subjektive „Innenseite“ des Menschen.
Reinhard Rürup hat hat im Jahre 1977 vermerkt, dass der Begriff der Historischen Sozialwissenschaft - obwohl erst wenige Jahre alt - jedem geläufig sei, der sich auch nur oberflächlich mit der Entwicklung und Aufgabenstellung der modernen Geschichtswissenschaft beschäftigt. Und in der Tat: Hans-Ulrich Wehler veröffentlichte 1973 drei Abhandlungen über das Verhältnis der Geschichtswissenschaft zu den Sozialwissenschaften unter dem programmatischen Titel „Geschichte als historische Sozialwissenschaft“. Winfried Schulze beschäftigte sich 1974 im Kontext seiner Untersuchung über das Verhältnis von Geschichte und Soziologie mit „Grundproblemen einer historischen Sozialwissenschaft“. 1975 erscheint die Vierteljahresschrift „Geschichte und Gesellschaft“ mit dem Untertitel „Zeitschrift für Historische Sozialwissenschaft“, und ein Jahr später sieht Jörn Rüsen die primäre Aufgabe seiner Studien zur Theorie der Geschichtswissenschaft als „eine hinreichende Klärung des gegenwärtigen Status der Geschichtswissenschaft als historische Sozialwissenschaft.“ 1
Anschliessen kann man sich der Feststellung von R. Rürup, dass sich der Begriff rasch durchgesetzt hat, aber ihm bis heute ein präzise inhaltliche Bestimmung fehlt und die systematische Begründung der Geschichtswissenschaft als eine Historische Sozialwissenschaft seither nicht realisiert worden ist. In Ansätzen heisst dies folgendes: Die Annäherung der Geschichtswissenschaft an die systematischen und theoretischen Sozialwissenschaften, eine Öffnung für deren Fragestellungen und Methoden sowie eine Betonung gesellschaftsgeschichtlicher Problemstellungen. Wer sich in den 70er Jahren für eine Historische Sozialwissenschaft aussprach,
1 J. Rüsen, 1976, S. 7.
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setzte sich für eine Geschichtswissenschaft ein, die sich klar von der herkömmlichen Geschichtswissenschaft abgrenzte, die sich als individualisierende und verstehende Geisteswissenschaft verstand. 2
1.2 Zielsetzung der Arbeit
Die Beantwortung der nachfolgenden Fragen ist zugleich Zielsetzung dieser Arbeit. − Welches Verhältnis besteht zwischen den beiden Referenzdisziplinen der Historischen Sozialwissenschaft namentlich der Geschichtswissenschaft und den Sozialwissenschaften und wie hat es sich seit Beginn bis zur Gegenwart gewandelt?
− In welchem historischen und gesellschaftlichem Kontext ist die Historische Sozialwissenschaft entstanden?
− Welches ist das Ziel, die Absicht, die Programmatik der Historischen Sozialwissenschaft? − Was wird heute unter dem Konzept der Historischen Sozialwissenschaft genau verstanden? − Was kritisiert die Historische Sozialwissenschaft an herkömmlichen geschichtswissenschaftlichen Disziplinen?
− Was kritisieren herkömmliche und neue geschichtswissenschaftliche Disziplinen an der Historischen Sozialwissenschaft?
− Was steht für die Zukunft an: Ist die Historische Sozialwissenschaft ein ‘Auslaufmodell’ oder eine ‘Zukunftsvision’?
1.3 Eingrenzung des Themas
− Die Bearbeitung des Themas ist geographisch auf Deutschland beschränkt, andere deutschsprachige Länder wie die Schweiz und Österreich werden nicht berücksichtigt. In anderen Ländern, in denen eine ähnliche Form der Geschichtswissenschaft betrieben wird, wurden nicht berücksichtigt.
− Gemeinsamkeiten oder Unterscheidungen zu benachbarten geschichtswissenschaftlichen Konzepten der Historischen Sozialwissenschaft wie z.B. zur Sozialgeschichte oder zur Gesellschaftsgeschichte konnten - weil sie den Rahmen der Arbeit sprengen würden - nicht dargelegt werden.
2 Vgl. R. Rürup, 19, S. 5.
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− Ein vollständiger Überblick über die empirischen Arbeiten der Historischen Sozialwissenschaft ist nicht das Ziel dieser Arbeit.
1.4 Literatur
Die zwei bedeutendsten Vertreter der Historischen Sozialwissenschaft, Hans-Ulrich Wehler und Jürgen Kocka, wurden bei der Literaturauswahl besonders berücksichtigt, dass heisst, sie werden in dieser Arbeit ausführlich rezipiert. Ansonsten ist die verwendete Literatur, im Rahmen einer Seminararbeit, entsprechend selektiv, doch habe ich versucht, vor allem auch neuere Publikationen - der grösste Teil zur Historischen Sozialwissenschaft wurde in den 70er Jahren veröffentlicht - zu berücksichtigen.
1.5 Aufbau der Arbeit
In einem ersten Schritt wird das Verhältnis zueinander und dessen Wandel der beiden Referenzdisziplinen der Historischen Sozialwissenschaft nämlich der Geschichtswissenschaft und den Sozialwissenschaften von ihrer Begründung bis zur Gegenwart umrissen. Im darauffolgenden Teil werden der historische und gesellschaftliche Entstehungszusammenhang, die theoretischen und methodologischen Absichten und Ziele sowie die inhaltlichen Themen der Historischen Sozialwissenschaft dargelegt.
Daraufhin wird versucht, den Begriff der Historischen Sozialwissenschaft inhaltlich präzise zu definieren.
Im folgenden Kapitel werden die Kritikpunkte am Konzept der Historischen Sozialwissenschaft aufgezeigt, die von konkurrierenden Geschichtsdisziplinen an die Historische Sozialwissenschaft formuliert werden sowie ihre Stellungsnahme zu dieser Kritik. Zum Schluss der Arbeit wird die Zukunft der Historischen Sozialwissenschaft unter der Per- spektive der Wünschbarkeit expliziert.
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2. Geschichtswissenschaft und Sozialwissenschaften: Ihr
Verhältnis zueinander und dessen Wandel
2.1 Neunzehntes Jahrhundert bis 1960
In den Grundzügen ist es bekannt und unbestritten, dass sich die Geschichtswissenschaft -und hier speziell die deutsche - im 19. und Anfang des 20. Jahrhunderts deutlich in Absetzung von den Sozialwissenschaften konstituiert hat. 3 Die meisten Historiker legten Wert auf den Unterschied, der sie von den Sozialwissenschaften trennte: − idiographische Methoden; − narrative Darstellungsformen;
− die Konzeptualisierung historischer Phänomene als Individualitäten; − und vor allem die Betonung des zeitlichen Wandels. 4
Dies lässt sich in Deutschland gut an den methodologischen Kontroversen des 19. Jahrhundert zeigen:
− die Abqualifizierung des Engländers Buckle und seiner Zivilisationsgeschichte durch Droysen, die angeblich zu positivistisch und zu generalisierend war; − die Polemik Treitschkes gegenüber Vertretern einer Gesellschaftslehre, die angeblich die Rolle der Wirtschaft überschätze und demgegenüber die Rolle des Staates unzulässig verkleinerte.
− die Abweisung Lamprechts durch die etablierte Historie, die ihm eine gerneralisierende und typisierende Methode und seine gesellschaftsgeschichtliche Sichtweise vorwarf. 5 Zur gleichen Zeit konstituierten sich die sozialwissenschaftlichen Disziplinen (Soziologie, Ökonomie und Politikwissenschaft) im Abrücken von historischen Ansätzen. Sie bevorzugten
3 Vgl. J. Kocka, 1991, S. 346.
4 Vgl. J. Kocka, 1999, S. 6.
5 Vgl. J. Kocka, 1991, S. 346.
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− behavioristische Ansätze;
− Strukturfunktionalismus; − Quantifizierung und nomothetische Verfahren.
Es hat zwar immer Minderheiten und Ausnahmegestalten gegeben, die versuchten, die zunehmenden Unterschiede zwischen der Geschichtswissenschaft und den Sozialwissenschaften aufzuheben, wie Max Weber und Norbert Elias auf der einen Seite, das Programm der „Annales“ auf der anderen. 6 Dabei war die Überzeugung von der Individualität auch noch der komplexesten historischen Phänomene wie der von Völkern und Staaten ein Kernbestandteil der geschichtswissenschaftlichen Sicht der Wirklichkeit, und sie stand konträr zu sozialwissenschaftlichen Ansätzen, die das Allgemeine an menschlichen Vergesellschaftungsformen zu erforschen versuchten. 7
(7)
(8) (9)
2.2 1960 bis zur Gegenwart
In den 60er Jahren setzten sich zunehmend struktur- und prozessgeschichtliche Sichtweisen durch, teilweise in Ergänzung, zum Teil auf Kosten von ereignis- und handlungsgeschichtlichen Zugriffen. Dahinter stand die nachhistoristische Überzeugung von der grossen Macht der Verhältnisse, die Einsicht setzte sich durch, dass die Geschichte nicht in dem aufgeht, was
6 Vgl. J. Kocka, 1999, S. 7.
7 Vgl. J. Kocka, 1991, S. 347.
8 Ebd.
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die Menschen wechselseitig intendieren. Mit dieser - fast könnte man von einem Paradigmawechsel sprechen - struktur- und prozessgeschichtlichen Wendung lassen sich folgende Veränderungen in der deutschen Geschichtswissenschaft konstatieren:
1. Ein Aufstieg der Sozialgeschichte war zu verzeichnen, vielfach in Verbindung mit unterschiedlichen Arten der Wirtschaftsgeschichte, die oft in konfliktreicher Konkurrenz mit der herkömmlich dominierenden staatsorientierten Politikgeschichte stand und die als leitende Teil-Disziplin abgelöst wurde.
2. Die Geschichtswissenschaft wurde analytischer. Für den methodologischen Bereich hiess dies folgendes:
I. die zunehmende Verwendung erklärender Ansätze in Ergänzung zu hermeneutischen; II. dies konnte die Verwendung quantifizierender Verfahren und statistischer Analysemethoden sein, wenn es der Forschungsgegenstand und die Quellen erlaubten. Meistens hiess dies jedoch nur die explizite Formulierung von Hypothesen und ihre argumentative Überprüfung.
Analytischer wurde die Geschichtswissenschaft auch in ihren Darstellungsformen, die traditionelle narrative Form der Historiographie wurde vermehrt durch die Argumentation abgelöst, dazu gehörten − Fragen und Antworten; − Thesen und Zweifel; − Analogien und Kontraste; − quantifizierende Abschnitte; − scharfe Definitionen; − und viele selbstreflexive Elemente.
Diese Selbstreflexion bezog sich auf die gewählten Fragestellungen, auf konkurrierende Ansätze, auf das, was ausgelassen wurde etc.
Zunehmend wurden auch die vorwissenschaftlichen Bedingungen und ausserwissenschaftli- chen Folgen und ihre praktische Bedeutung für die eigene Wissenschaft reflektiert. Dies wur-
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de als ein Beitrag eines theoretisch-praktischen Prozesses von Aufklärung und Kritik verstanden. Träger dieser Veränderungen war vorerst eine heterogene Minderheit von jungen Historikern, für die die Auseinandersetzung mit der nationalsozialistischen Katastrophe - als Teil der deutschen Geschichte - einen hohen Stellenwert hatte und die die traditionskritische und zugleich modernisierungsoptimistische Grundstimmung der 60er Jahre teilte. Die 1975 gegründete Zeitschrift „Geschichte und Gesellschaft. Zeitschrift für Historische Sozialwissenschaft“ wurde zur Plattform für die Zusammenarbeit von geschichts- und sozialwissenschaftlicher Methodologie. Die Hinwendung zur Politikwissenschaft, Soziologie und Nationalökonomie war der Hauptbestandteil dieser Neuorientierung. Um Strukturen und Prozesse wie Industrialisierung, Säkularisierung, Nationsbildung und Parlamentarisierung zu erforschen, benötigte man Theorien und Modelle der systematischen Sozialwissenschaften. Zudem wurden die Sozialwissenschaften zu Verbündeten gegen die Antihistoristische Revision. Mit der Verwendung sozialwissenschaftlicher Verfahren erhoffte man sich, die Privilegierung hermeneutischer Verfahren, das Individualitätsaxiom und die Theorieskepsis der traditionell etablierten Geschichtswissenschaft zu überwinden. 9 (15) (16)
In den 80er Jahren sind drei Tendenzen zu unterscheiden, was das Verhältnis der Geschichtswissenschaft zu den Sozialwissenschaften angeht:
1. Die in den 60er und 70er Jahren begonnene Zusammenarbeit wird fortgesetzt. Sozialwissenschaftler interessieren sich zunehmend auch für historische Arbeiten. Für Kocka sind jedoch die in der Kooperation liegenden Chancen noch bei weitem nicht ausgeschöpft; als Beispiel nennt er die fruchtbare Zusammenarbeit von Systematik und Historie in der Historischen Demographie.
2. Die wichtigsten Ansprechpartner für sozialwissenschaftlich interessierte Historiker waren in den 70er Jahre die Soziologen, Nationalökonomem und Politikwissenschaftler. Für die nachfolgende Generation der Historiker, die systematische Interessen verfolgen, haben Volkskunde, Kulturanthropologie und Ethnologie eine grössere Relevanz als die vorher aufgeführten Disziplinen. Dies hat mehrere Gründe:
9 Vgl. ebd., S. 352ff.
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− ein zunehmendes Interesse an der kulturellen Dimension der Wirklichkeit bei
− die zunehmende modernisierungs- und zivilisationskritische Grundstimmung der
− Zudem hat sich das Interesse auf die subjektive „Innenseite“ der vergangenen
Wenn man sich Hilfe von den Nachbardisziplinen erhofft, sind nun eher Geertz, Elias, Bourdieu oder Simmel gefragt, jedoch weniger die Autoren, die noch in den 70er Jahren Hochkonjunktur hatten, die sich mit Geschichte und Soziologie befassten. Die Angst vor „begrifflicher Gleichmacherei“ führt zu einer begriffstheoretischen Abstinenz in der Alltagsgeschichte und somit zum Verzicht auf die Hilfe der Sozialwissenschaften. Mit dem alltagsgeschichtlichen Neohistorismus ist der dritte Trend der letzten Jahre angesprochen, die wieder zunehmende Abwendung der Historiker von den Sozialwissenschaften. Die Skepsis gegenüber sozialwissenschaflich orientierter Geschichte reicht jedoch weit über die Alltagsgeschichte hinaus. In den 80er Jahren richtete sich die Forderung „Zurück zur Erzählung!“ an die Historiker. Sie wurden mit dem Vorwurf konfrontiert, sie erzählten nicht mehr Geschichte, sondern sie verfassten nur noch ‘Gutachten zur Geschichte’. Dieser Vorwurf und die daraus abgeleitete Forderung müssen wohl im Kontext des öffentlichen Interesses an der Geschichte gesehen werden. In den 60er und 70er Jahren beschäftigte man sich mit der Geschichte, um aus ihr zu lernen oder sich von alten Traditionen und verkrusteten Ver-
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hältnissen zu befreien. In den 80er und 90er Jahren änderte sich diese Grosswetterlage grundlegend. Es ging nun nicht mehr um das Streben nach Verflüssigung erstarrter Verhältnisse, sondern viel mehr um die Sorge der eigenen Identität im als bedrohlich erfahrenen, allseitigen gesellschaftlichen Wandel. In den 80er und 90er Jahren ist das Interesse an der Geschichte gestiegen, aber man braucht die Geschichte viel mehr als Basis eigener Identitätsfindung in einer sich rasant verändernden Gesellschaft, um sich daran orientieren zu können, dafür ist die sozialwissenschaftlich orientierte Geschichte viel zu spröd und sperrig. 10
10 Vgl. ebd., S. 356ff.
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3. Die Entstehung der Historischen Sozialwissenschaft
3.1 Die Geschichtswissenschaft in der BRD nach 1945
In den ersten fünfzehn Jahren nach dem zweiten verlorenen totalen Krieg machte die westdeutsche Geschichtswissenschaft, was ihr Selbstverständnis und ihre Zukunft betrifft, keine besonders eindrucksvolle Figur. Obwohl ihre Mitglieder - bis auf einige Unbelehrbare - sich klar von den nationalsozialistischen Verbrechen distanzierten, wurden theoretisch und methodisch daraus keine Konsequenzen gezogen. Die traditionelle Politikgeschichte auf der Basis des Historismus blieb vorherrschend. Eine Öffnung - wie sie in andere westlichen Ländern seit langem vollzogen worden war - gegenüber der Sozial-, der Wirtschafts- und der Kulturgeschichte sowie eine Diskussion über die erkenntnistheoretischen Grenzen des Historismus blieben aus. Das einzige Buch („Auflösung der Weimarer Republik“ von Karl-Dietrich Bracher), das in den 50er Jahren eine Verbindung von Zeitgeschichte und Politikwissenschaft einging, stiess bei bekannten deutschen Historiker auf empörte Ablehnung, die nicht zuletzt als Zeichen ihres antiquierten Methodenverständnisses interpretiert werden kann. Seit dem Beginn der 60er Jahre kam es jedoch zu einer tiefgreifenden Veränderung in der deutschen Geschichtswissenschaft. Ausschlaggebend dafür war sicher der beginnende Generationswechsel, jüngere Historiker, die zum ersten Mal in der Geschichte der deutschen Geschichtswissenschaft Demokratie und Liberalismus im republikanischen Staat nachdrücklich bejahten und jeden deutschen ‚Sonderweg’ ablehnten, rückten vor. Diese jüngere Generation kritisierte die jüngste deutsche Vergangenheit viel grundsätzlicher als dies 15-20 Jahre vorher geschehen war. Sie setzte sich ein für bisher vernachlässigte Disziplinen wie Sozial- und Wirtschaftsgeschichte und forderte die Zusammenarbeit mit der Soziologie, der Politik- und Wirtschaftswissenschaft; zudem lancierte sie eine neue Theorie- und Methodendebatte, um für Forschung und Lehre neue Grundlagen zu erarbeiten, die dem Historismus überlegen waren. Sie befasste sich erneut mit Themen, die anfangs des 20. Jahrhunderts von der Historischen Schule der Nationalökonomie behandelt wurden und die mit Namen wie Weber, Sombart und Schmoller verbunden sind. Forschungsgegenstand waren nun vermehrt die Entwicklung des Kapitalismus, der Industriellen Revolution, der Bürokratisierung sowie die Erklärung des Imperialismus und Nationalsozialismus. Dies waren Themen, die lange vernachlässigt oder nur ideen- und politikgeschichtlich angegangen wurden. 11
11 Vgl. H.-J. Wehler, 1991, S. 68f.
12
Die neuen Strömungen der Geschichtsschreibung und des Geschichtsdenkens in der Bundesrepublik unterschieden sich deutlich von denen in anderen westlichen Ländern. Im Gegensatz zur bundesdeutschen Forschung, die sich mit ihren neuen methodologischen und konzeptionellen Richtungen dem Industriezeitalter zuwandte, hat sich vor allem die französische Sozialgeschichtsschreibung der „Annales“ - von der entscheidende Denkanstösse für die moderne Forschung ausgegangen sind - mehrheitlich der vormodernen, vorindustriellen Zeit zuge-wandt. Dabei spielten mindestens zwei Gründe eine Rolle: Zum einen die moralische und politische Notwendigkeit, sich mit der NS-Zeit auseinanderzusetzen, zum anderen die daraus entstehende Aufgabe, den Ursachen dieser katastrophalen Entwicklung nachzugehen. Diesbezüglich fragte man sich, ob und wie Deutschland seit der Reichsgründung einen „Sonderweg“ eingeschlagen hatte, der sich - normativ betrachtet - von den modernen Industriestaaten unterschied, in denen eine ökonomische und technologische Modernisierung stattgefunden hatte, verbunden mit einer sukzessiven politischen Demokratisierung, die in Deutschland nach der Reichsgründung blockiert wurde. Während sich um die Jahrhundertwende in den westlichen Ländern sowie in Polen und Russland eine interdisziplinäre, analytische Sozialgeschichtsschreibung mit der narrativen, ereignis- und personenzentrierten Politikgeschichte um die Vorherrschaft stritten, behauptete die Politikgeschichte ihre führende Rolle in der Geschichtswissenschaft in Deutschland bis in die 60er Jahre des 20. Jahrhunderts. Die deutschen Historiker interessierten sich also vorwiegend für den Staat und die Politik und vernachlässigten die Sozialgeschichte sträflich. 12
Grosses Aufsehen in der Öffentlichkeit fand die sogenannte Fischer-Kontroverse im Jahre 1961, die sich um die Thesen des Hamburger Historikers Fritz Fischer über die deutsche Kriegszielpolitik im 1. Weltkrieg drehte. 13 Die konventionelle Überprüfung staatlicher Akten brachte Fischer zu der Überzeugung, dass die deutsche Reichsregierung im Sommer 1914 bewusst einen Präventivkrieg in Kauf genommen hatte. Diese verhängnisvolle Entscheidung, die zum Krieg führte, verband er mit den Zielen wirtschaftlicher Interessenverbände. 14 Damit wurde auch das Problem einer Kontinuität zwischen Kaiserreich und Hitlerstaat verknüpft, dem sich die Historiker in den 40er und 50er Jahren nicht gestellt hatten. 15 Für die geschichtsmethodologische Forschung war Fischers Buch deshalb von grosser Bedeutung, weil
12 Vgl. G.G. Iggers, 1993, S. 54f.
13 Vgl. H.-J. Wehler, 1991, S. 69.
14 Vgl. G.G. Iggers, 1993, S. 56.
15 Vgl. H.-J. Wehler, 1991, S. 69.
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dies zu einer Ausweitung der Forschung von den Ereignissen und Entscheidungen, die den Akten zu entnehmen waren, auf den strukturellen Rahmen führte, in dem Entscheidungen getroffen wurden. Die Thesen von Fischer über die deutschen Kriegsziele in den Jahren 1914 - 1918 warf somit die Frage einer Kontinuität der Politik bis zu den nationalsozialistischen Eroberungsplänen auf und die Frage nach der Verankerung dieser Politik in gesellschaftlichen und politischen Strukturen, die weit ins 19. Jahrhundert zurückreichten. 16 Die Fischer-Kontroverse darf sicherlich nicht überschätzt werden, jedoch ging von ihr eine starke Anregung für die Forschung, eine Infragestellung des traditionellen Methodenverständnisses aus. Aber nicht nur methodologisch, sondern auch politisch sorgten die Thesen von Fischer für einigen Aufruhr, was sich an der leidenschaftlichen Kritik älterer Zunftmitglieder ablesen liess. „Monologe eines Irrsinnigen“ wurde Fischers quellennahe Arbeit von einem Historiker genannt, der 20 Jahre zuvor noch die rabiate Ostpolitik des NS-Regimes mit Massenvernichtung und Massenumsiedlung gerechtfertigt hatte. Die Fischer-Kontroverse kam der neuen methodologisch aufgeschlossenen Historikergeneration sicherlich zugute. Dass sich diese Generation allmählich an den Universitäten festsetzen konnte, ist jedoch vorwiegend auf die Expansion der Historikerplanstellen zurückzuführen, die sich innert ein paar Jahren verfünffachten. Dadurch entstand eine grundlegend andere Situation als in der Weimarer Republik, in der methodisch aufgeschlossene Historiker von den Universitäten ferngehalten wurden. Anfang der 70er Jahre öffneten sich die Tore und die neue Genration konnte sich institutionell festsetzen und damit den Lehr und Forschungsbetrieb beeinflussen sowie einige Zeitschriften und Publikationsreihen ins Leben rufen. 17 Damit war das Monopol der national orientierten Geschichtsschreibung und des traditionellen Historismus gebrochen. Mit ihrem Zentrum für interdisziplinäre Forschung schuf die 1967 neu gegründete Universität Bielefeld die Grundlage für eine enge Zusammenarbeit zwischen den Geistes- und den Sozialwissenschaften. 1972 wurde die Monographiereihe „Kritische Studien zur Geschichtswissenschaft“ gegründet und 1975 die Zeitschrift „Geschichte und Gesellschaft“ mit dem Untertitel „Zeitschrift für Historische Sozialwissenschaft“. Neben Hans-Ulrich Wehler und Jürgen Kocka, den sicherlich bekanntesten Namen dieser Historikergeneration, zählen Historiker wie Hans Mommsen, Wolfgang J. Mommsen, Hartmut Kaelble, Reinhard Rürup, Helga Grebing, Ute Frevert, Gisela Bock, Heinrich Winkler, Richard Tilly, Rudolf von Theodor, Dieter Blasius, Dieter Langewiede, Franz-Josef Brüggemeier und viele andere mehr dazu. 18 In der BRD vollzog sich somit mit grosser Verspätung eine innovative Pluralisierung und Liberalisierung der westdeutschen
16 Vgl. G.G. Iggers, 1993, S. 57.
17 Vgl. H.-J. Wehler, 1991, S. 69f.
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Historikerschaft. Insgesamt fand diese neue Richtung jedoch immer nur eine Minderheit, aber sie beeinflusste die Diskussion in den 60er und 70er Jahren, sie zog gleichgesinnten Nachwuchs nach und trieb Kontroversen voran. 19
3.2 Programmatik und Selbstverständnis der Historischen Sozialwissenschaft Diese neuere Geschichtsschreibung, die sich in der BRD als Historische Sozialwissenschaft verstand, kritisierte an der traditionellen Historie, dass sie zuwenig wissenschaftlich, nicht die streng wissenschaftliche Analyse ihr Ziel sei, sondern noch immer zu sehr die Erzählung. Beide Richtungen hatten jedoch dieselbe Überzeugung, dass die geschichtliche Darstellung einen direkten Bezug zur Wirklichkeit habe, d.h. dass sich das Faktische streng vom Fiktionalen trennen lasse und sich somit der Diskurs des Historikers von dem des Schriftstellers unterscheide. Die Historische Sozialwissenschaft bestand noch stärker als die herkömmliche Geschichtsschreibung darauf, dass die Verfahrensweisen des Historikers wissenschaftlich sind und nicht dem Laien überlassen werden dürfen. D.h. wenn sie wahrheitsgemäss und damit wissenschaftlich sein will, muss sie von wissenschaftlich ausgebildeten Historikern betrieben werden. 20
Die neue Richtung unterschied sich in zwei entscheidenden Punkten von der Wissenschaftsauffassung des klassischen Historismus. Da sie sich als Historische Sozialwissenschaft verstand, ging es ihr vermehrt um eine problemorientierte Analyse wichtiger Prozesse und Strukturen, für die eine narrative Darstellung der Personen und Ereignisse, die einen zentralen Platz im klassischen Historismus einnahmen, nicht ausreichte. Obwohl sie anerkannten, dass z.B. die Rolle Bismarcks in der Gestaltung des deutschen Staates nicht unterschätzt werden dürfe, war der Werdegang Deutschlands für diese Historiker weniger den bedeutenden Persönlichkeiten zuzuschreiben als den besonderen strukturellen Bedingungen, unter denen sich diese Gestaltung vollzog. Für Historiker wie Hans-Ulrich Wehler und vor ihm Hans Rosenberg haben zyklisch konjunkturelle Einbrüche in der Wirtschaft wie die zwischen 1873 bis 1896 einen zentralen Einfluss auf die Entstehung von antiliberalen und antisemitischen Strömungen ausgeübt. Der zweite wesentliche Punkt war das Bekenntnis zu einer kritischen Sicht der Geschichte. Das heisst, dass der Imperativ Max Webers übernommen wurde, sich explizit zu den eigenen Wertvorstellungen zu bekennen. Ihre politische Verantwortung sahen sie dar-
18 Vgl.G.G. Iggers, 1997, S. 410f.
19 Vgl. H.-J. Wehler, 1991, S. 70.
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in, an der Schaffung und Bewahrung einer sozial gerechten modernen Demokratie mitzuwirken. In diesem Sinne beriefen sie sich auf die „kritische Theorie“, wie sie von Max Horkheimer und Jürgen Habermas praktiziert wurde, damit war das Interesse an einer vernünftig organisierten zukünftigen Gesellschaft verbunden, die die vergangene und gegenwärtige kritisch durchleuchtet. 21
Wie bereits weiter oben kurz erwähnt, war es die konstitutive Absicht der Historischen Sozialwissenschaft Theorien, Fragestellungen und Methoden aus den Sozialwissenschaften, der Soziologie, der Politik- und Wirtschaftswissenschaft mit der Geschichtswissenschaft zu verbinden. Primär sollten nicht mehr das Ereignis und das Handeln der Individuen erforscht werden, sondern die überindividuellen Strukturen in Wirtschaft, Gesellschaft und Politik sowie die langfristigen Prozesse und kollektiv typischen sozialen Lagen von Gruppen. 22
Ausgangspunkt der Forschungsarbeit war nicht die Tradition, sondern die wissenschaftliche Kritik der Tradition, dabei stand die Frage nach den Ursachen und Folgen des Nationalsozialismus im Zentrum. Die Norm der liberalen Demokratie galt im Konzept der HS als politische Verfassung und zugleich als eine Gesellschaft mündiger Staatsbürger mit einer grossen Chance zur rationalen Orientierung und Regulierung gesellschaftlicher Probleme. Zudem leitete sie eine wirkungsvolle, aber auch umstrittene kritische Interpretation der neuen deutschen Geschichte ein, die um den Begriff „deutscher Sonderweg“ kreiste. In der historischen Forschung fragte man sich, wieso Deutschland im Gegensatz zu Westeuropa und Nordamerika das einzige hochindustrialisierte Land mit einer republikanischen Verfassung war, das - obwohl alle Länder ergreifende Weltwirtschaftskrise - in eine zerstörerische Diktatur flüchtete. Dabei betrachtete die „Sonderwegs-“These die kapitalistische Industrialisierung als einen epochalen Schritt in der Geschichte, dessen wirtschaftliche und sozialen Folgen eine fundamentale Herausforderung an die Politik darstellte. Diese Herausforderung hätte mit weit we- 20 Vgl.G.G. Iggers, 1993, S. 9f.
21 Vgl. G.G. Iggers, 1997, S. 409f.
22 Vgl. J. Mooser, 1998, S. 525.
23 Ebd.
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niger Folgelasten bewältigt werden können, wenn - so die normative modernisierungstheoretische Vorannahme - eine liberale, parlamentarisch-demokratische Verfassung zu dieser Zeit installiert gewesen wäre, als dann der tatsächliche Obrigkeitsstaat Preussen-Deutschland. 24
Durch die selbstverschuldete Katastrophe und Niederlage des Nationalsozialismus - so das abschliessende Resümee - wurde der „Sonderweg“ gewissermassen begradigt. Durch den normalen Gang der Forschung ist die „Sonderwegs“-These in der Zwischenzeit stark relativiert worden. Es ergab sich jedoch die Forderung nach einem expliziten internationalen Vergleich von Gesellschaften und historischen Problemlagen. Die „Sonderwegs“-These ist aber nicht nur wegen den historiographischen Ergebnissen von Bedeutung, mit ihren Aussagen verband sich auch Kritik an der traditionellen Geschichtswissenschaft und das Ziel, die Geschichtswissenschaft mit Verfahren der Sozialwissenschaft methodisch und theoretisch zu erweitern. 26
Im Gegensatz z.B. zu den meisten „Annales“-Arbeiten liegt der Schwerpunkt der Historischen Sozialwissenschaft nicht auf der vorindustriellen Welt und den über lange Zeiträume gleichbleibenden Strukturen, sondern auf den Industriegesellschaften mit ihrem raschen Prozess des Wandels. Zudem besteht eine nahe Verbindung zwischen sozialen und politischen Prozessen und Strukturen bei der Historischen Sozialwissenschaft. Quantitative Verfahren
24 Vgl. ebd., S. 528f.
25 Ebd., S. 529f.
26 Vgl. ebd., S. 530.
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werden in die Forschungsarbeit mit einbezogen, jedoch mit grösserer Zurückhaltung als die amerikanische „New Social History“ oder die französische „histoire sérielle“. Die eigentlichen Vorbilder der Historischen Sozialwissenschaft sind Deutsche wie Marx, Weber und ihre Vermittler in der Weimarer Republik und der Emigration wie die Historiker Eckehart Kehr und Hans Rosenberg, die sich mit der verspäteten Demokratisierung in Deutschland beschäftigten.
Aufgrund dessen ist die Wissenschaftsauffassung der Historischen Sozialwissenschaft anders als z.B. die der „Social Science History“. Sie definiert eine Gesellschaft in der Tradition der deutschen Geistes- und Sozialwissenschaften an Hand ihrer Werte und Lebensanschauungen, deshalb muss eine Geschichtswissenschaft, wie sie sich versteht, hermeneutische mit analytischen Methoden verknüpfen.
3.3 Thematische Beschäftigung
Die kritischen deutschen Sozialhistoriker beschäftigten sich in den 70er Jahren besonders mit der Arbeitergeschichte, die vorab in England und Amerika eine lange Tradition besassen und in den 70er und 80er Jahren ebenfalls in Frankreich aufgenommen wurde. Im Gegensatz zum deutschen Versuch fehlten ihnen jedoch der deutliche Bezug auf Theorien des strukturellen Wandels, die in der Historischen Sozialwissenschaft einen wichtigen Platz einnahmen, wo explizit betont wurde, dass es nicht die Aufgabe der Geschichtswissenschaft sei, nur zu erzählen, sondern auch zu erklären. Jürgen Kocka formulierte diesen Umstand wie folgt: „Insgesamt ist nicht zu bezweifeln, dass vergangene Geschichte erst dann richtig begriffen ist, wenn der Zusammenhang von Strukturen und Prozessen einerseits, Erfahrungen und Handlungen andererseits verstanden und erklärt werden kann.“ 27 Bereits in den späten 60er Jahren hat Kocka den ersten grossen Versuch unternommen, für die Analyse sozialgeschichtlicher Entwicklungen theoretische Modelle zu verwenden. In seiner Untersuchung über das Grossunternehmen Siemens von 1847 bis 1914 hat er auf der einen Seite die Herausbildung einer Angestelltenschaft analysiert, auf der anderen Seite den Weberschen Idealtypus der Bürokratie in der Privatwirtschaft überprüft. In dieser Arbeit, aber auch in seiner vergleichenden Untersuchung der Angestellten in Deutschland und Amerika von 1890 bis 1940, in der er die Anfälligkeit der deutschen Angestellten für den Nationalsozialismus untersucht, wird explizit versucht, nicht nur die objektiven Strukturen und Prozesse zu analysieren, sondern diese mit
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dem politischen Bewusstsein der Betroffenen zu verbinden. In den empirischen Arbeiten der 70er und 80er Jahre, die sich mit den Arbeiterleben, z.B. mit Wohnverhältnissen, Freizeit und Familie beschäftigten, spielt die Verbindung von Arbeiterverhältnissen und Arbeiterexistenzen und darüber hinaus von Arbeiterkultur eine zunehmende Rolle. Bei Kocka nimmt der Begriff der „Klasse“ in vielen seiner Arbeiten einen entscheidenden Platz ein; er modifiziert zwar den Marxschen Klassenbegriff, mehr jedoch als bei Max Weber besteht für Kocka eine enge Verbindung zwischen dem Klassenbewusstsein und den Produktionsverhältnissen. Untersuchungen von Niethammer, Tenfelde und Bruggemeier in den 70er Jahren über die Lebensbedingungen der Bergarbeiter an der Ruhr führen zwangsläufig zu Kategorien wie Ethnizität und Religion, die das Marxsche Klassenkonzept grundsätzlich modifizieren. Die vergleichenden Untersuchungen über das europäische Bürgertum im 19. Jahrhundert, die Kocka in Zusammenarbeit mit einem grossen internationalen Kreis von Sozial- und Geisteswissenschaftlern unternommen hat, sind exemplarisch für die Neuorientierung der Sozialgeschichte in den 80er Jahren der BRD. Hier wird das Bürgertum nicht mehr primär vom ökonomischen Status abgeleitet, sondern wird eng mit Bürgerlichkeit verbunden, so dass Kategorien wie Bildung, Ehre, Verhaltensweisen nun hauptsächlich in den Blickpunkt rücken. Eine österreichische Variante einer Historischen Sozialwissenschaft wird von Michael Mitterauer und seinen Mitarbeitern seit Anfang der 70er Jahre betrieben. Auch diese Richtung verbindet sozial-strukturelle Sichtweisen mit Lebenserfahrungen. In höherem Ausmass als in Deutschland werden quantifizierende Methoden nach angloamerikanischem und französischem Muster angewendet; eine grosse Rolle spielt dabei die Historische Demographie, wie sie in England und Frankreich entstanden ist. Im deutschsprachigen Raum wurden so zum ersten Mal in grossem Umfang computergestützte Auswertungen von Massenquellen durchgeführt. 28
27 G.G. Iggers, 1993, S. 60
28 Vgl. ebd., S. 58ff.
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4. Definition der Historischen Sozialwissenschaft
1. Die Historische Sozialwissenschaft ist eine Form der Geschichtsschreibung, die primär Strukturen und Prozesse erforscht als Bedingungen und Folgen von Ereignissen, Entscheidungen und Handlungen; diese Strukturen und Prozesse sind den entscheidenden und handelnden Personen nicht voll bewusst und werden von ihnen zum Teil verzerrt erfahren. Strukturen und Prozesse wirken zwar auf die Ereignisse, Handlungen und Erfahrungen ein, diese gehen jedoch nicht in ihnen auf. Die Historische Sozialwissenschaft zieht aus der mehrfach begründbaren Einsicht die Konsequenz, dass Geschichte nicht in dem aufgeht, was die Menschen erfahren und wechselseitig intendieren, dass die Umstände mindestens so sehr die Menschen machen wie die Menschen die Umstände. Geschichte lässt sich somit für die Historische Sozialwissenschaft nicht zureichend als Zusammenhang von Ereignissen, Entscheidungen, Erfahrungen und Handlungen begreifen.
2. Aus diesen Prämissen lässt sich die Schlussfolgerung ableiten, dass die Historische Sozialwissenschaft die traditionell vorherrschenden hermeneutischen Verfahren durch analytische ergänzt oder beide miteinander verknüpft. Drei Sachverhalte sind zumindest mit „analytischen Verfahren“ gemeint:
I. Eine ausdrückliche Theorienverwendung und damit verbunden ein bestimmtes Theorieverständnis. Theorien werden durch die von ihnen zu erwarteten Leistungen definiert. Theorien gelten dabei als explizite und konsistente Begriffs- und Kategoriensysteme, um die zu untersuchenden historischen Gegenstände zu identifizieren, zu erschliessen und zu erklären. Die durch die Theorie erschlossenen historischen Gegenstände können somit nicht direkt aus den Quellen bezogen oder aus ihnen abgeleitet werden.
II. Den Einbezug quantifizierender Methoden.
III.Eine Geschichtsschreibung, die eher argumentierender statt erzählender Art ist. Dazu gehört die Frage nach Ursachen und Folgen, die Bildung von Hypothesen und ihrer Überprüfung.
20
Eine als Historische Sozialwissenschaft verstandene Geschichtswissenschaft nähert sich mit diesen Bestimmungen den systematischen Sozialwissenschaften (Ökonomie, Soziologie, Politikwissenschaft, Anthropologie) an, ohne ihre spezifische Differenz zu diesen zu verlieren. Hermeneutische Verfahren werden in der Historischen Sozialwissenschaft nicht verdrängt, sondern mit analytischen Verfahrensweisen ergänzt. Eine quellennahe Rekonstruktion des historischen Wandels sowie die Einbettung des untersuchten Gegenstandes in den geschichtlich-gesellschaftlichen Kontext ist auch für die Historische Sozialwissenschaft zentral.
3. Die Historische Sozialwissenschaft versucht, sich selbst als Teil komplexer historischgesellschaftlicher Prozesse zu verstehen, d.h. auf die eigenen Voraussetzungen - auch ausserwissenschaftlich - zu rekurrieren und damit die eigene gesellschaftliche Funktion zu reflektieren und bewusst zu gestalten. In diesem Sinne versteht sich die Historische Sozialwissenschaft als eine „histoire engageé“ mit einer aufklärerisch-emanzipatorischen Zielsetzung. Deshalb erfolgt eine enge Zusammenarbeit mit der Geschichtswissenschaft. Die Historische Sozialwissenschaft ist nicht auf bestimmte Theorien festgelegt, sondern benutzt verschiedene wie die im Umkreis des Historischen Materialismus, der Modernisierungs-theorien, oder Theorien sozialer Ungleichheit u.v.a. Darunter fallen zudem verschiedenen Zugriffe und Spezialisierungen, wie die politische Sozialgeschichte, politologisch orientierte Politikgeschichte, Bevölkerungsgeschichte, nationalökomisch-orientierte Wirtschaftsgeschichte etc.
Ausdrücklich nicht eingeschlossen sind aber jene geschichtswissenschaftlichen Varianten, die den drei oben genannten Definitionsmerkmalen widersprechen:
− eine reine Ereignis- oder Erfahrungsgeschichte, die übergreifende Strukturen und Prozesse ausklammert;
− eine rein hermeneutisch rekonstruierende, bloss erzählende historistisch oder neo-historistische Geschichtswissenschaft, die auf den Einbezug von Theorien verzichtet. − eine verkürzte Variante der „histoire totale“, also eine rein additive Zusammenfassung ohne theoretische Strukturierung. 29
29 Vgl. J. Kocka, 1984, S. 73ff.
21
5. Kritik, Gegenkritik und neue Herausforderungen
5.1 Auseinandersetzung mit der Alltagsgeschichte
Eine Variante der Kritik an der Historischen Sozialwissenschaft, mit der sich die Auseinandersetzung aufdrängt, , die in den beiden letzten Jahrzehnten Revisionen und Neuansätze fordern, für die sich der Begriff „Alltagsgeschichte“ eingebürgert hat. Für die Alltagsgeschichte sind folgende Merkmale charakteristisch:
− Alltagsgeschichte interessiert sich weniger für die grossen Persönlichkeiten, zentralen Ereignisse oder grosser Ideen als vielmehr für wiederholbare, alltägliche Wirklichkeiten im Wandel der Zeit.
− Ihre Anhänger interessieren sich besonders für die Erfahrungen, Wahrnehmungen und Handlungen der Menschen, die in der Interaktion mit Strukturen und Prozessen gebildet werden. Dabei werden weniger die Strukturen und Prozesse erforscht, sondern vielmehr, wie die Betroffenen diese verarbeiten.
− Diese Aufschlüsselung der subjektiven Innenseite des Menschen wird nicht so sehr mit Hilfe von Fragen, Begriffen und Theorien - wie dies teilweise von der Historischen Sozialwissenschaft praktiziert wird - rekonstruiert, sondern sie soll gewissermassen von „innen“ selbst entschlüsselt werden.
− Manche Alltagshistoriker meinen, unter Berufung auf die ethnologische Feldforschung, den Dualismus von Forscher und Forschungsgegenstand dadurch zu unterlaufen, dass sie die zu untersuchende Lebenswelt mit der dort vorgefundenen Theorie zu entschlüsseln versuchen. Eine erfolgreiche Einsicht ergibt sich dann durch einen spezifischen Kommunikationszusammenhang zwischen dem Forscher und der zu erforschenden Wirklichkeit; die reflektierte Verwendung von Methoden und Theorien mag sogar störend sein. − Ein solches Programm lässt sich meist nur für Untersuchungen überschaubarer Räume und Gruppen annähernd umsetzen, deshalb ist bei der Alltagsgeschichte oft eine mikro-historische Ausrichtung zu erkennen: einzelne Gemeinden, Dörfer, Familien und Lebens- läufe werden bevorzugt als Forschungsgegenstand ausgewählt.
22
− Dieses Interesse für die kleinen Leute und den überschaubaren Raum ist vielfach mit einer fortschrittskritischen Grundstimmung verbunden. Die fortschreitende Modernisierung mit Kapitalismus, Bürokratie, Industrialisierung und Urbanisierung wird aus der Perspektive der Alltagshistoriker als Verlust von alten Lebenswelten und Lebenswerten verstanden. Was Max Weber noch als kosten- und chancenreiche Rationalisierung bezeichnete, wird nun eher mit dem Habermasschen Paradigma als „Kolonialisierung der Lebenswelt“ gedeutet. 30
Der Historischen Sozialwissenschaft - so ihre Kritiker - fehlt ein angemessene und differenzierte Vorstellung, wie „die komplexe wechselseitige Beziehung zwischen umfassenden Strukturen und der Praxis der Subjekte, zwischen Lebens-, Produktions- und Herrschaftsverhältnissen und den Erfahrungen und Verhaltensweisen der Betroffenen erfasst und dargestellt werden (kann)“. 31
Allgemein kann gesagt werden, dass die Alltagsgeschichte versucht, Forschungsstrategien aus der Ethnologie zu integrieren. Dabei wirft sie der Historischen Sozialwissenschaft vor, dass die Menschen mit ihren Erfahrungen abstrakten Theorien geopfert worden seien. Für die Zukunft sei es wichtig, die Menschen, um die es in der Geschichte geht, von innen her zu verstehen und nicht nur als Objekte anonymer Strukturen und Prozesse. 32 Die Vertreter der ethnologisch und kulturanthropologisch orientierten Geschichtswissenschaft wollen nicht nur die subjektiven Erfahrungen oder anders ausgedrückt die „Innenseite“ der Menschen erforschen, sondern dies auch von „innen“ tun; d.h. auf klar formulierte Fragen, Begriffe und Theorien, wie sie die analytische orientierte Historische Sozialwissenschaft praktiziert, wird bewusst verzichtet. Die Vertreter der Alltagsgeschichte wollen mit Hilfe einer „eingeborenen Theorie der historischen Subjekte“, also gewissermassen aus dem Innern der zu erkennenden Wirklichkeit selbst, die historische Wirklichkeit entschlüsseln. 33
30 Vgl. J. Kocka, 1986, S. 167ff.
31 G.G. Iggers, 1993, S. 75.
32 G.G. Iggers, 1997, S. 423.
33 Vgl. J. Kocka, 1986. S. 172.
Nach Kocka verschleiern diese Historiker die Realität des Forschungsprozesses. Nicht erkannt wird, dass ein und derselbe Quellenbestand, ein und dieselbe Konstellation von historischen Beziehungen und Verhältnissen, ein und dieselbe historische Entwicklung unterschiedlich rekonstruiert werden kann, und zwar je nach Fragestellung, Erkenntnisinteresse und Kontexten, in den man den Bericht der Vergangenheit einordnet. Aus den Quellen und der zu untersuchenden Wirklichkeit drängen sich die Fragestellungen, Erkenntnisziele und Darstellungskontexte nicht eindeutig auf. Sondern jeder Historiker bringt sie aus seiner Gegenwart, aus seinen Erfahrungen und aus seinen Diskussionen inner- und ausserhalb der Wissenschaft mit. Und: jede Beschreibung - und sei sie noch so dicht - ist ein Produkt von Auswahl, Strukturierung und Verknüpfung unter den Gesichtspunkten des Forschers. Bekanntlich ist ja „Intersubjektivität“ ein Gütekriterium für Wissenschaftlichkeit, dies wird jedoch bei dieser Art von Forschung, die den Forschungsprozess nicht transparent macht, nicht erfüllt. Die Forderung der Alltagshistoriker, ‘das ganze Leben selbst’ zu erfassen, befindet sich nach Kocka in einer holistischen Sackgasse. Nach ihm haben Wissenschaftler keinen ganzheitlich intuitiven Weg zur vergangenen Wirklichkeit, sondern sie müssen analysieren. Für ihn ist eine Geschichte ‘von innen’ eine Mystifikation. 35 Die Einführung der Sichtweisen, Begriffe und The-orien der Kulturanthropologie in die Geschichtswissenschaft können die Rekonstruktion jener „Innenseite“ erleichtern; sie gehört sicherlich zu den wichtigsten Fortschritten der letzten Jahre innerhalb der Geschichtswissenschaft. Auf der anderen Seite ist es unbestritten, dass die Rekonstruktion der Erfahrung allein nicht zur vollständigen Rekonstruktion der Geschichte führen kann. Denn, dass Erfahrungen und Wahrnehmungen so und nicht anders gemacht wurden, ist in der Regel in den Erfahrungen nicht präsent; sie werden durch deren Rekonstruktion und Nachvollzug auch nicht fassbar. Dies kann gut an einem Beispiel konkretisiert werden: man kann versuchen herauszufinden, was die Heiligenverehrung für die Menschen der frühchristlichen Gemeinden des 3. und 4. Jahrhunderts für sie selbst und ihre Wirklichkeitssicht bedeutete. Warum diese Praxis unter der ökonomischen, sozialen, politischen und kulturellen Bedingungen der späten römischen Kaiserzeit möglich war und nahelag, was sie für jene Gesellschaft und ihre langfristige Entwicklung bedeutete, ist ohne struktur- und prozessge-
35 Vgl. ebd., S. 173f.
24
schichtliche Überlegungen zur Geschichte der Wirtschaft, der Gesellschaft, der Politik und der Kultur jener Zeit nicht möglich. Die Rekonstruktion des Sinns, den die Heiligenverehrung im Erfahrungshorizont der damaligen Gemeindemitglieder hatte, reicht absolut nicht aus. 36
Erfahrungen sind nicht vollständig von Strukturen und Prozessen determiniert, Strukturen und Prozesse sind jedoch auch mehr als die Gesamtheit aller Erfahrung, vielfach sind sie nicht oder verzerrt in Erfahrungen präsent. Zwischen den beiden Wirklichkeitsdimensionen besteht keine Kongruenz sondern ein Hiatus. Historische Sozialwissenschaft ohne Erfahrungsgeschichte ist unvollständig und unzulänglich, doch ein rein erfahrungsgeschichtlicher Ansatz ist genau so einseitig und stellt keine Alternative dar; die Erkenntnis historischer Zusammenhänge braucht struktur- und prozessgeschichtliche Zugriffe.
Zusammenfassend folgendes Fazit: Die Verkürzung der Geschichte auf Erfahrungsgeschichte, der programmatische Verzicht auf das Begreifen von historischen Strukturen und Prozessen und deren Zusammenhänge, die Ablehnung analysierender Theorien und Begriffe mit dem irregehenden Anspruch, das vergangene Leben der kleinen Leute aus seinen eigenen Voraussetzungen zu rekonstruieren, sind Merkmale der alltagsgeschichtlichen Herausforderung, die es entschieden zurückzuweisen gilt. Auf der anderen Seite sind die alltagshistorischen Bemühungen, die Dimension der Erfahrungen und Wahrnehmungen und deren Verarbeitungen ernster zu nehmen und vermehrt zu erforschen als bisher und somit als produktive Bereicherung für die ganze Geschichtswissenschaft anzusehen. 38
5.2 Historistische Kritik an der Historischen Sozialwissenschaft
Eine eher historistische Kritik an der Historischen Sozialwissenschaft ist mit folgender Argumentation verbunden: Sie verfehle die Komplexität und konkrete Mehrdeutigkeit der Geschichte dadurch, dass sie die Geschichte auf Modelle und Theorien verkürze. Dabei produ-
36 Vgl.ebd., S. 170f.
37 Ebd., S. 171
25
ziere sie nur noch Thesengeschichte oder auch schwer lesbare ‘Gutachten zur Geschichte’, anstatt elegant Geschichte zu erzählen. Überschätzt werde die Macht der Strukturen und Prozesse auf Kosten der handelnden Personen und deren Bedeutung für den Verlauf der Geschichte. Die Anhänger der Historischen Sozialwissenschaft haben zu dieser Kritik wie folgt Stellung bezogen: Es sei unmöglich, die Vergangenheit in ihrer ganzen Komplexität zu rekonstruieren. Eine Auswahl sei zwangsläufig vorzunehmen, und dann sei es wissenschaftlich notwendig und ergiebiger, die Auswahl und Interpretationsgesichtspunkte offenzulegen. Die Verwendung von Modellen und Theorien erhöhe die analytische Kraft der Geschichtswissenschaft, abgesehen davon, dass sich vieles ohne Theorie gar nicht begreifen lasse. Die Darstel-lungsform der Erzählung hat zwar ihren Platz und ihr Recht, jedoch auch ihre Grenzen. Zentrale Dimensionen der Vergangenheit liessen sich nicht erzählen, sondern nur analysieren, wenn man den Leser nicht über Voraussetzungen, Grenzen und Eigenarten der Geschichtsinterpretationen im Unklaren lassen wolle. 39
5.3 Neue Herausforderungen
5.3.1 Frauen- und Geschlechtergeschichte
Vertreterinnen der Frauen- und Geschlechtergeschichte haben in intensiver Auseinandersetzung die Bedeutung von gender als wichtige Dimension sozialer Ungleichheit hervorgehoben und damit die Praxis der Historischen Sozialwissenschaft differenzierter gemacht.
5.3.2 Die neue Kulturgeschichte
Eine weitere Herausforderung für die Historische Sozialwissenschaft ist die neue Kulturgeschichte. Befürworter dieser Richtung stimmen dabei in ihrer Kritik an der Historischen Sozialwissenschaft überein: Diese habe die Prozesse der Sinngebung, kulturelle Praktiken, insgesamt die symbolischen Aspekte der historischen Wirklichkeit unterschätzt und damit eine Dimension der Geschichte vernachlässigt, die mit anderen Dimensionen eng verflochten und immer vorhanden sei, wenn Menschen mit anderen Menschen und deren Umgebung interagierten. Diese Kritik ist von der Historischen Sozialwissenschaft als berechtigt aufgenommen worden. Sie hat darauf in den 80er Jahren reagiert, z.B. wurden kulturgeschichtliche Di-
38 Vgl.ebd., S. 174.
39 Vgl. ebd., S. 165f.
26
mensionen des Klassenbildungsprozesses, die Arbeiterkultur oder die bürgerliche Kultur des 19. Jahrhunderts als Sozialformationen intensiv untersucht. Von der französischen, englischen und amerikanischen Kulturgeschichte wurden in den 90er Jahren verstärkt Anregungen aufgenommen, wie auch von der Kulturanthropologie und von Klassikern wie Simmel, Troeltsch, Elias oder Max Weber. Für die Historische Sozialwissenschaft stellen sich diesbezüglich noch nicht vollständig gelöste theoretische Fragen. Der zentrale Begriff der Historischen Sozialwissenschaft, ‘die Gesellschaft’, muss präziser gefasst werden, und zwar so, dass er Kultur - und nicht nur deren institutionelle Grundlagen - einbezieht und zur Geltung kommen lässt.
5.3.3 Postmoderne Herausforderungen
Einer letzten Herausforderung, die sich die Historische Sozialwissenschaft in den letzten Jahren - und dies gilt wohl auch für die Zukunft - zu stellen hatte, ist all das, was in der Rubrik „postmodern“ zusammengefasst werden kann. Z.B. die Extremvariante des ‘linguistic turn’, die die Welt in Text aufgehen lässt und somit keine historische Realität jenseits von Texten und Sprachen als gegeben und/oder erkennbar erachtet. Sie konzediert zwar der Sprache ihre kommunikative und regelproduzierende Funktion, spricht ihr jedoch ihre referentielle Qualität ab: „out there“ ist nichts. Aus dieser linguistischen Wende werden dann extrem relativistische Schlussfolgerungen abgeleitet: Jeder Gruppe, jedem Klan, jedem Einzelnen seine oder ihre eigene Geschichte, ohne Zusammenhang miteinander, alles ist im Prinzip gleichberechtigt ohne Aussicht auf Überprüfung von Angemessenheit oder Wahrheit. Zudem ist der programmatische Verzicht auf Zusammenhangserkenntnis zu erwähnen, der als langweilig und doktrinär bezeichnet wird. 40
Die Historische Sozialwissenschaft hat sich - so das Resümee aus diesem Kapitel - der ihr entgegengebrachten Kritik und den neuen Herausforderungen in der Geschichtswissenschaft
40 Vgl. J. Kocka, 1999, S. 18ff.
41 Ebd., S. 21.
27
gestellt. Sie hat sich neuen Fragen und Themen weit geöffnet, der früher vielfach formulierte Vorwurf des sozialökonomischen Dogmatismus und strukturalistischen Reduktionismus ist heute gegenstandslos geworden.
28
6. Die Zukunft der Historischen Sozialwissenschaft
In diesem Kapitel geht es nicht um die Vorhersage, wie sich die Historische Sozialwissenschaft in der Zukunft entwickeln wird, sonder darum, was wünschenswert und notwendig erscheint, wenn sie kein ‘Auslaufmodell’ sein will.
6.1 Bewahrung
Die spezifische historische Konstellation in den 60er und 70er Jahren hat die Historische Sozialwissenschaft hervorgebracht. Die sozialwissenschaftlich orientierte Geschichtswissenschaft war stark mit dem Versuch verbunden, Geschichte als Aufklärung zu betreiben und aus ihr zu lernen. Heute wird von der Geschichte mehrheitlich etwas anderes erwartet: − die Aneignung der Vergangenheit; − Erinnerung; − die Gewährleistung von Identität; − zum Teil auch Unterhaltung.
Kocka bestreitet nicht die Legitimität dieser Funktionen, plädiert aber dafür, an Geschichte als Aufklärung gleichzeitig festzuhalten, als Ressource für nützliches Wissen, im Interesse an rationaler Verständigung zwischen partikularen Identitäten, als Reservoir von Möglichkeitsbewusstsein und als Basis von Kritik. Um diese wünschenswerten Funktionen der Geschichte zu erfüllen, plädiert er für die Verteidigung der Historischen Sozialwissenschaft mit folgenden Bedingungen:
I. Die methodischen Überprüfungs-, Argumentations- und Darstellungsformen müssen aufrechterhalten werden, in klarer Abgrenzung zur Fiktionalität und dem rein literarischen Produkt sowie in der Abwehr postmoderner Beliebigkeit.
II. Gegen die Auflösung der Geschichte in viele partikulare Geschichten, jedoch für das Vorantreiben und die Notwendigkeit von Zusammenhangserkenntnis, obwohl auch sie immer nur selektiv ist und aus wechselnden Perspektiven vollzogen wird, aber mit dem Interesse an der Verknüpfung als Basis für die Verständigung.
29
III.Der Zentralbegriff der Historischen Sozialwissenschaft, „Gesellschaft“, soll beibehalten werden gegen den konkurrierenden Begriff der „Kultur“. Dabei geht es nicht darum, das Recht der Kulturgeschichte als Dimension der historischen Wirklichkeit zu bezweifeln. Es stellt sich vielmehr die Frage, ob der geschichtliche Gesamtzusammenhang eher als Gesellschaft oder eher als Kultur gefasst werden kann. Für Kocka eignet sich der Gesellschaftsbegriff deshalb besser, weil hier der Blick auf Kohärenz und Konflikt gelegt wird, während beim Kulturbegriff, der leicht mit Identität verbunden wird, sich leicht integrationistische Assoziationen bilden können. 42
Die Historische Sozialwissenschaft hat ihre disziplinäre Eigenständigkeit als Geschichtswissenschaft gewahrt, dabei war die sozialwissenschaftliche Orientierung immer nur die Sache einer Minderheit von Historikern. Die Öffnung zur Sozialwissenschaft hat für die Geschichtswissenschaft sicherlich einen Zuwachs an Erklärungskraft gebracht, und die sollte für die Zukunft nicht wieder verlorengehen.
6.2 Veränderungen
Auf der anderen Seite stehen Veränderungen an, die zum Teil auf die innere Dynamik der Historischen Sozialwissenschaft selbst zurückzuführen sind, zum anderen sind Herausforderungen und neue Angebote an die Historische Sozialwissenschaft von aussen hinzugekommen. Seit langer Zeit übt die Historische Sozialwissenschaft Selbstkritik, so z.B. an der anfangs zu starken Betonung sozialökonomischer Erklärungsmuster, an der zu starken Strukturlastigkeit und der oftmals leserunfreundlichen Abstraktheit und Technizität vieler Darstellungen. Kulturgeschichtliche Fragen und Themen sind neu entdeckt und miteinbezogen worden.
42 Vgl. ebd., S. 23f.
43 Ebd., S. 24.
30
Auch in der Historischen Sozialwissenschaft nimmt das Interesse an den historischen Akteuren zu, die begriffs- und theoriegeleitete Darstellungsformen werden zunehmend durch dichte Beschreibungen und narrative Exkurse ergänzt. Ein grosser Teil, dem früher grosse Beachtung geschenkt wurde, so die Geschichte der Aufstiegs- und Abstiegsmentalität und der Quantifizierung, driftet an den Rand oder verschwindet vollständig. Die Aussengrenzen der Historischen Sozialwissenschaft waren nie scharf gezogen, und in der Zukunft werden sie sich zunehmend verflüssigen. Kontraproduktiv wäre es, definitorische Grenzen durchsetzen zu wollen. Die Historische Sozialwissenschaft war immer in Bewegung, und dies wird sich in Zukunft fortsetzen; deshalb besteht auch kein Anlass, sie als orthodox zu kritisieren. 6.3 Herausforderungen
Als wichtigstes Ziel der Historischen Sozialwissenschaft gilt, was die Gegenwart und die Zukunft anbetrifft, die Dichotomisierung von Gesellschaft und Kultur, von Struktur und Handlung zu überwinden. Dabei spielten klassische Anreger wie Weber, Simmel und Elias sowie aktuell Giddens und Bourdieu wohl die wichtigste Rolle.
Zwei Faktoren sollten nach Kocka für die Zukunft der Historischen Sozialwissenschaft besondere Aufmerksamkeit geschenkt werden:
1. Der Zentralbegriff der Historischen Sozialwissenschaft ist die Gesellschaft. Ihr Ziel ist es, deren Geschichte zu erforschen. Dabei konzentrieren sich historisch-
sozialwissenschaftliche Forderungen und Darstellungen auf die Moderne und übernehmen dabei den nationalstaatlichen Rahmen zur Konstruktion ihrer Untersuchungsgegenstände. Unsere Gegenwart ist demgegenüber wirtschaftlich, sozial, kulturell und politisch durch intensive Prozesse der Internationalisierung geprägt. Dies sollte Rückwirkung auf die leitenden Fragen und Begriffe der Historischen Sozialwissenschaft haben. Die Frage stellt sich, wie dieses Problem gelöst werden kann. In den letzten Jahren hat der historische Vergleich zwischen national-staatlich verfassten Gesellschaften an Bedeutung gewonnen und hilft mit, den Blick international zu erweitern. Doch heute und für die Zukunft geht es um viel mehr: Um die transnationalen Verflechtungen der Geschichte, um gegenseitige Beeinflussung und Durchdringung, um die Interdependenzen zwischen lokalen Erscheinungen und globalen Zusammenhängen. Für die Zukunft steht die Internationalisierung der Histo- rischen Sozialwissenschaft an.
31
Die Wirtschaftsgeschichte gehört zu den grossen Verlierern der letzten beiden Jahrzehnte. Die grosse Hoffnung in den 60er und 70er Jahren in der Ökonomie den Schlüssel zur Einsicht in die allgemein Geschichte zu finden, ist vorbei. Marxismus und sozialökonomische Erklärungsmuster haben an Bedeutung verloren. Die Wirtschaftswissenschaftler kümmern sich heute kaum um die Wirtschaftsgeschichte, und die Allgemeinhistoriker haben ihr früheres Interesse an der Wirtschaftsgeschichte verloren. Die jüngeren Vertreter der Sozialgeschichte haben die einst enge Verbindung zur Wirtschaftsgeschichte gelockert, dafür hat die Verknüpfung mit der Kulturgeschichte zugenommen; der kulturalistische Zeitgeist macht sich bemerkbar. Nach Kocka ist dieser Trend irritierend: die Sozialgeschichte wendet sich heute vor allem der Erforschung und Darstellung von Kulturphänomenen zu, obwohl die Macht der Ökonomie täglich in rasanten Veränderungen des Lebens erfahrbar ist, wie Globalisierungsfolgen, dritte industrielle Revolution, Krisenerscheinungen mit Massenarbeitslosigkeit etc. Das Fazit aus diesem Befund: Die gegenwärtige Geschichtswissenschaft ist in ihrer Grundorientierung nicht auf de Höhe der Zeit. 44
44 Vgl. ebd., S. 25ff.
45 Ebd., S. 28.
32
7. Fazit
7.1 Beantwortung der Ausgangsfragen (Zusammenfassung)
a) Welches Verhältnis besteht zwischen den beiden Referenzdisziplinen der Historischen Sozialwissenschaf, nämlicht der Geschichtswissenschaft und den Sozialwissenschaften, und wie hat es sich seit Beginn bis zur Gegenwart gewandelt?
Die Geschichtswissenschaft, und insbesondere die deutsche, hat sich im 19. Jh. deutlich in Absetzung von den Sozialwissenschaften konstituiert; während sich die Geschichtswissenschaft durch die folgenden Merkmale von den Sozialwissenschaften unterschied: − idiographische Methode; − narrative Darstellungsformen;
− historische Phänomen die als Individualitäten konzeptualisiert wurden; bevorzugten die Sozialwissenschaften − behavioristische Ansätze; − Strukturfunktionalismus; − Quantifizierung und nomothetische Verfahren.
In einigen europäischen Staaten sowie in den USA kam es bis in die 20er Jahre des 20. Jh. zu einer gewissen Annäherung der beiden Disziplinen. In Deutschland hingegen blieb eine Annäherung bis in die 60er Jahre aus. Erst Ende der 60er Jahre kam es im Zuge der schnell anwachsenden Historikerplanstellen an den deutschen Universitäten und des zunehmenden Interesses für Strukturen und Prozesse wie Industrialisierung, Säkularisierung und Nationsbildung zu einem vermehrten Einbezug von Theorien und Modellen der Sozialwissenschaften.
b) In welchem historischen und gesellschaftlichem Kontext ist die Historische Sozialwissenschaft entstanden, und welches ist das Ziel, die Absicht, die Programmatik der Historischen Sozialwissenschaft?
Die Historische Sozialwissenschaft konstituierte sich in den 60er Jahren in Deutschland, bedingt zum einen durch den Generationenwechsel der Historiker, die Demokratie, Liberalis- mus im republikanischen Staat nachdrücklich bejahten. Diese jüngere Historikergeneration
33
setzte sich für lange vernachlässigte Disziplinen wie Soziologie, Ökonomie und Politologie ein und forderten die Zusammenarbeit mit diesen Disziplinen. Gleichzeitig lancierte sie eine neue Methoden- und Theoriedebatte, um neue Grundlagen für die Geschichtswissenschaft zu erarbeiten, die dem Historismus überlegen waren.
Dabei kritisierte die neu konstituierte Historische Sozialwissenschaft an der herkömmlichen Historie, dass diese zuwenig wissenschaftlich gewesen sei. Das erklärte Ziel war es, Theorien, Fragestellungen und Methoden aus den Sozialwissenschaften zu übernehmen und diese mit der Geschichtswissenschaft zu verbinden. Nicht mehr die Intentionen und das Handeln der Individuen sollten primär erforscht werden, sondern die überindividuellen Strukturen in Wirtschaft, Gesellschaft und Politik.
c) Was wird heute unter dem Konzept der Historischen Sozialwissenschaft genau verstanden? Die Historische Sozialwissenschaft ist eine Form der Historiographie, die primär überindividuelle Strukturen und Prozesse erforscht, die als Bedingungen und Folgen von Entscheidungen und Handlungen fungieren.
Sie verbindet die herkömmlichen hermeneutisch-verstehenden mit analytischen Verfahren. Mit analytischen Verfahren ist dabei folgendes gemeint: − Explizite Theorieverwendung; − Einbezug quantifizierender Methoden; − eine argumentative statt eine narrative Geschichtsschreibung; − die Reflexion der eigenen gesellschaftlichen Funktion und dessen bewussten Gestaltung.
d) Welches sind die Kritikpunkte an der Historischen Sozialwissenschaft, und was entgegnet sie auf diese Kritik?
Die Historiker einer alltagsorientierten Geschichtswissenschaft kritisieren die Historische Sozialwissenschaft dafür, dass diese sich zuwenig für die subjektive Seite (Erfahrung, Wahrnehmung) der Menschen interessiere, zudem fehle ihr eine differenzierte Vorstellung davon, wie die wechselseitige Beziehung zwischen Strukturen und Prozesse auf der einen Seite sowie Handlungen und Erfahrungen auf der anderen Seite erfasst und dargestellt werden können. Im Gegenzug kritisiert die Historische Sozialwissenschaft die Alltagsgeschichte als zu reduktionistisch. Zusätzliche Kritik an der Historischen Sozialwissenschaft erfolgte durch historistisch orientierte Historiker: sie verkürze die Geschichte auf Theorien und Modelle. Die neue Kulturgeschichte wirft der ihr ausserdem vor, dass sie die kulturellen Praktiken unter-
34
schätzt. Die Historische Sozialwissenschaft hat auf diese Kritik reagiert und an ihrem Konzept einige Modifikationen vorgenommen.
e) Die Zukunft der Historischen Sozialwissenschaft: ‘Auslaufmodell’ oder Zukunftsvision? Wenn sich die Historische Sozialwissenschaft an folgenden drei Leitlinien hält, ist sie nach Jürgen Kocka noch lange kein Auslaufmodell, sondern eher eine Zukunftsvision: Bewahrung:
Keine postmoderne Beliebigkeit oder Fiktionalität zulassen, sondern präzise methodologische Überprüfungs-, Argumentations- und Darstellungsformen. Veränderungen:
Die Historische Sozialwissenschaft hat aus der Kritik gelernt und notwendige Modifikationen und Veränderungen vorgenommen wie z.B. eine kulturgeschichtliche Öffnung oder der vermehrte Einbezug der subjektiven Seite. Herausforderungen:
Wichtigstes Ziel ist es, die Dichotomie von Gesellschaft und Kultur, Struktur und Handlung zu überwinden. Die in der Moderne zunehmenden transnationalen Verflechtungen müssen mit geeigneten Verfahren zunehmend berücksichtigt werden. Die Wirtschaftsgeschichte gehört zu den grossen Verlierern der letzten zwei Jahrzehnte, die zukünftige Aufgabe der Historischen Sozialwissenschaft besteht darin, die Wirtschaftsgeschichte wieder als einen tragenden Teil zu integrieren. 7.2 Resümee
Ich denke mir, die Zielsetzungen der Arbeit wurden mit der Beantwortung der Ausgangsfragen erfüllt.
Die Historische Sozialwissenschaft ist mit dem Anspruch angetreten, vor allem Theorien, Modelle und methodologische Verfahren der Sozialwisenschaften für die Geschichtswissenschaft zu integrieren, um die herkömmlich vorherrschende Geschichtswissenschaft, den His-torismus, zu überwinden. Dies ist ihr sicherlich gelungen, und für mich steht ausser Zweifel, dass dies ein notwendiger und sinnvoller Schritt in die richtige Richtung war. In den letzten 20 Jahren sind jedoch zusätzlich brauchbare theoretische und methodologische Verfahren von
35
Nachbardisziplinen für die Geschichtswissenschft hinzugekommen wie all das, was sich unter der Rubrik der Historischen Anthropologie zusammenfassen lässt; aber auch die sprachwissenschaftlichen Verfahren wie Linguistik, Semiologie, Semiotik oder die Diskursanalyse. Die Geschichtswissenschaft ist also in den letzten Jahren immer bunter und vielfältiger geworden, und all das lässt sich kaum unter dem integrationistischen Dach einer Historischen Sozialwissenschaft subsumieren. Der alte integrationistische Anspruch der ersten Vertreter einer Historischen Sozialwissenschaft konnte nicht umgesetzt werden, und für die Zukunft ist dies sicherlich nicht sinnvoll, zu divergierend sind die verschiedenen Ansätze. Dies gilt ebenso für den zentralen Begriff der Gesellschaft, der nicht endlos mit neuen Attributen angereichert werden kann. In diesem Sinn kann ich mich Reinhard Rürup anschliessen, der sich diesbezüglich wie folgt geäussert hat:
46 R. Rürup, 1977, S. 12.
36
Literatur
Georg G. Iggers, Geschichtswissenschaft im 20. Jahrhundert. Ein kritischer Überblick im in-
ternationalen Zusammenhang. Göttingen 1993.
Georg G. Iggers, Deutsche Geschichtswissenschaft. Eine Kritik der traditionellen Geschichts-
auffassung von Herder bis zur Gegenwart. Wien, Köln, Weimar 1997.
Jürgen Kocka, Historisch-anthropologische Fragestellungen - ein Defizit der Historischen
Sozialwissenschaft? In: Hans Süssmuth (Hg.), Historische Anthropologie. Göttingen
1984.
Jürgen Kocka, Sozialgeschichte. Göttingen 1986. (2. erweiterte Auflage)
Jürgen Kocka, Geschichtswissenschaft und Sozialwissenschaft. In: Jarausch Konrad H., Rü-
sen Jörn, Schleier Hans (Hg.), Geschichtswissenschaft vor 2000. Perspektiven der His-
toriographiegeschichte, Geschichtstheorie, Sozial- und Kulturgeschichte. Festschrift für
Georg G. Iggers zum 65. Geburtstag. Hagen 1991.
Jürgen Kocka, Historische Sozialwissenschaft. Auslaufmodell oder Zukunftsvision? Olden-
burger Universitätsreden Nr. 107. Oldenburg 1999.
Josef Mooser, Sozial- und Wirtschaftsgeschichte, Historische Sozialwissenschaft, Gesell-
schaftsgeschichte. In: Goertz Hans-Jürgen (Hg.), Geschichte. Ein Grundkurs. Reinbeck
bei Hamburg 1998.
Reinhard Rürup et al, Historische Sozialwissenschaft. Göttingen 1977.
Jörn Rüsen, Für eine erneuerte Historik. Studien zur Theorie der Geschichtswissenschaft.
Stuttgart-Bad Cannstatt 1976.
Hans-Ulrich Wehler, Selbstverständnis und Zukunft der westdeutschen Geschichtswissen-
schaft. In: Jarausch Konrad H., Rüsen Jörn, Schleier Hans (Hg.), Geschichtswissen-schaft vor 2000. Perspektiven der Historiographiegeschichte, Geschichtstheorie, Sozial-
und Kulturgeschichte. Festschrift für Georg G. Iggers zum 65. Geburtstag. Hagen 1991.
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