Inhalt
1. Einleitung 1
1.1. Aufbau der Arbeit 2
2. Abweichendes Verhalten 3
3. Abweichendes Verhalten aus der Subjektperspektive 5
4. Kindheit und abweichendes Verhalten 6
4.1. Die antisoziale Tendenz 6
5. Zusammenfassung und Fazit 7
5.1. Zusammenfassung 9
5.2. Fazit 9
Literatur 11
1. Einleitung
In meiner Arbeit möchte ich der Frage nachgehen, wie sich die psychoanalytische Sozialisationsforschung abweichendes Verhalten bei Kindern erklärt. Für sozialarbeiterisches und sozialpädagogisches Verstehen abweichenden Verhaltens bei Kindern ist es erforderlich, dass dieses öffentlich etikettierte und sanktionierte Verhalten in seinem Kern auch als Bewältigungsverhalten, als ein subjektives Streben nach biographischer Handlungsfähigkeit in kritischen Lebenssituationen erkannt wird (vgl. Böhnisch, 1999, S. 11). Dabei werde ich mich vorwiegend auf das Buch von Lothar Böhnisch „Abweichendes Verhalten - Eine pädagogisch-soziologische Einführung“ beziehen.
Im Begriff „abweichendes Verhalten“ sind folgende Bereiche enthalten (weiterführende Erläuterungen zum Begriff „abweichendes Verhalten“ siehe Kapitel 2):
− die Delinquenz (Gesetzesverletzung);
− sozial abweichendes Verhalten (z.B.Verwahrlosung);
− institutionell gebundene soziale Abweichung (z.B. Leistungsverweigerung in der Schule); − Selbstgefährdung und selbstdestruktive Handlungen (z.B. Medikamentenmissbrauch, Suizid vgl. a.a.O., S. 14f).
Mit dem psychoanalytischen Zugang zu abweichendem Verhalten wird man nach Böhnisch in einen kontroversen und heiklen kriminologischen Diskurs verwickelt. Die interaktionistisch orientierte Kritische Kriminologie warnt davor, Delinquenz und familiäre Entwicklungskonstellationen der Kindheit und Jugendzeit in einen monokausalen Zusammenhang zu bringen, wie es frühere kriminologische Familienstudien gemacht hatten: Kriminalität wurde dort als Konsequenz mangelhafter familialer Sozialisation betrachtet (vgl. Böhnisch, 1999, S. 41).
Um dieser Kritik vorzubeugen, wurde eine notwendige Auswahl beim Heranziehen tiefenpsychologischer Befunde getroffen. Nach Böhnisch müssen es interaktiv
anschlussfähige Konzepte sein, und sie dürfen zudem keine kriminalisierenden Definitionsvorgaben produzieren. Diese Voraussetzungen sieht er u.a. in der Arbeit des Amerikanischen Kinder- und Jugendpsychiaters Donald Winnicott (1988) mit seinem Paradigma der antisozialen Tendenz erfüllt (vgl. Böhnisch, 1999, S. 41).
1.1. Aufbau der Arbeit
In einem ersten Schritt wird dargelegt, was heute Kriminologie und Kriminalsoziologie unter dem Begriff abweichendes Verhalten verstehen und aus welchen Perspektiven abweichendes Verhalten analysiert wird.
Im darauffolgenden Teil wird kurz erläutert, wieso die Subjektperspektive bezüglich der Analyse über abweichendes Verhalten für Sozialarbeit und Sozialpädagogik notwendig ist.
In einem dritten Schritt - dem Hauptteil - wird das abweichende Verhalten von Kindern nach dem psychoanalytischen Modell von L. Böhnisch und D. Winnicott zu erklären versucht.
Zum Schluss werden die wichtigsten Punkte der Arbeit kurz zusammengefasst sowie das Fazit aus der Arbeit gezogen.
2. Abweichendes Verhalten
Nach Böhnisch ist abweichendes Verhalten vielschichtig und kann nicht eindeutig als Normverletzung definiert werden. Je nach Situation und Kontext wird es unterschiedlich bewertet und ist somit relativ. Bereits die „kriminelle Handlung“, also die klar bestimmbare Gesetzesverletzung, wird je nach kulturellem und sozialem Kontext unterschiedlich bewertet. In unserer kapitalistischen Gesellschaft werden z.B. Eigentumsdelikte sehr stark sanktioniert. Bei der Tatbeurteilung sowie bei der Bewährungs- und Rehabilitationsprognose ist vielfach das soziale Herkunftsmilieu entscheidend (vgl. Böhnisch, 1999, S. 12).
Allgemein kann gesagt werden, dass es unterschiedliche Definitionen für abweichendes Verhalten gibt. Die jeweilige Definiton unterliegt vielen sozialen, psychischen und institutionellen Einflussfaktoren. Aus diesem Gedanken heraus wird klar, dass es sich bei der Definition des abweichenden Verhaltens um ein Konstrukt oder um einen Konstruktionsprozess handelt (vgl. a.a.O., S. 14).
In seinem Buch „Abweichung und Kontrolle“ hat A. Cohen (1968) eine quasi „salamonische“ Formel zum Begriff der Devianz 1 angeboten: Abweichendes Verhalten beziehe sich immer „auf die Existenz einer Regel“ und sei mit dem „Auftreten einer Handlung“ verbunden (vgl. Böhnisch, 1999, S. 19).
Nach Böhnisch ist in der neueren kriminologischen Forschung alles, was über diese Cohensche Definition hinausgeht, umstritten: So wird in grundsätzlicher Hinsicht die Eindeutigkeit von Normen in Frage gestellt, und es wird bezweifelt, ob abweichendes Verhalten als Normverstoss überhaupt hinreichend erklärt werden könne (vgl.a.a.O.). Aus diesen Gründen ist für Lamnek (1993, S. 30) eine rein normorientierte Definition für abweichendes Verhalten fragwürdig. Die kriminalsoziologische Tradition ist somit in dieser Frage gespalten: Die eine Theorietradition (Anomietheorie und Subkulturtheorie) geht von der Gültigkeit sozialer Normen aus und bewertet den Normverstoss als abweichendes Verhalten. Konträr zu dieser Theorie steht der Etikettierungsansatz, der abweichendes Verhalten vor allem als Zuschreibungsprozess versteht. Das heisst, Macht und Durchsetzung sozialer Interessen sind massgeblich daran beteiligt, welches Verhalten als konform oder abweichend definiert wird. Unterstützt wird diese Theorie mit der empirischen Beobachtung, dass gleiches Verhalten einmal als abweichend, in anderen Fällen als konform beurteilt wird (vgl. Böhnisch, 1999, S. 19).
Gemäss Böhnisch hat sich inzwischen der kriminologische Diskurs darauf verständigt, dass von einem Bestimmungsdreieck für abweichendes Verhalten ausgegangen werden muss, dessen drei Eckpunkte die folgenden sind:
Norm: Es wird von der Gültigkeit herrschender sozialer Normen ausgegangen; ein Verstoss gegen diese Normen wird als abweichendes Verhalten definiert.
Definition: Abweichendes Verhalten wird als Etikettierung (labeling) und
1 Die Begriffe „abweichendes Verhalten“ und „Devianz“ werden bei Böhnisch synonym verwendet.
Subjekt: Abweichendes Verhalten wird sozialisationstheoretisch analysiert. Sozialisation
Diese drei Variablen sind je nach theoretischem und empirischem Zugang unterschiedlich zu
gewichten: „Die geltende Norm ist dabei immer im Spiel, ob sie nun Massstab für
Abweichendes Verhalten, Legitimation der Etikettierung oder handlungsstrategische
Bezugsgrösse des subjektiven Bewältigungsverhaltens ist“ (a.a.O., S. 20).
3. Abweichendes Verhalten aus der Subjektperspektive
Nach Böhnisch wurden Pädagogik und Sozialarbeit durch die kritische Kriminologie und Kriminalsoziologie mit der Entschuldung des Subjekts, wie sie die Etikettierungstheorien vorangetrieben haben, entlastet, aber auch verunsichert, denn die Frage nach dem Anteil des Subjekts und seiner biographischen Herkunft wurde hinsichtlich der Devianz zum Tabu. Das Subjekt selber, die Persönlichkeit der Betroffenen, wurde ausgeklammert; für die Sozialarbeit und die Pädagogik wurde es schwierig, sich wieder ins kriminologische Spiel einzubringen (vgl. a.a.O., S. 5). Denn die Erklärungsansätze für abweichendes Verhalten wurden vor allem von der Soziologie geliefert und von der Sozialarbeit und der Pädagogik übernommen. Für die Soziologie war und ist es bis heute schwierig, ihre Devianztheorien auch subjektorientiert zu reformulieren. Den soziologischen Theorien zur Devianz kann sicherlich hoch angerechnet werden, daß sie die Sichtweise für abweichendes Verhalten entkriminalisiert und somit gesellschaftlich rückgebunden und relativiert haben: Das heisst, dass die Gesellschaft entsprechend den herrschenden Verhältnissen Devianz „produziert“. Auf der anderen Seite sind die soziologischen Theorien zur Devianz bezüglich den betroffenen Personen strukturell starr: Man wird den Eindruck nicht los, daß die in Devianz verstrickten Menschen keine eigensinnig (mit eigensinnig ist der triebdynamische Aspekt gemeint) handelnden Menschen sind, sondern bloss passiv reagierende (vgl. a.a.O., S. 11f).
„Die neuere kriminologische Diskussion kreist nun gleichsam um die Suche nach dem handelnden Subjekt vor dem Hintergrund gesellschaftlich längst nicht mehr eindeutiger Strukturen der Definition und Produktion von Devianz. Fast könnte man ironisch formulieren: Es zeichnet sich in den letzten beiden Jahrzehnten eine (sozial)-pädagogisch inspirierte Revision der soziologischen Theorien Abweichenden Verhaltens ab, (...)“ (a.a.O., S. 12).
Theorieansätze, welche die subjektive oder psychische Dimension für abweichendes Verhalten erfassen, gibt es bereits seit den 20er Jahren dieses Jahrhunderts (vgl. Herriger, 1987, S. 73). Bis heute ist es die angewandte Psychoanalyse, die die triebstrukturelle Verstrickung des Menschen in einer triebverdrängenden Gesellschaft zu erforschen versucht; eine Verstrickung, die vom Subjekt bewältigt werden muss (vgl. Böhnisch, 1999, S. 12).
4. Kindheit und abweichendes Verhalten
Nach der empirischen Säuglingsforschung (vgl. Moser, 1993) steht fest, dass das Kleinkind bereits nach wenigen Tagen sein emotionales Eigenleben entwickelt und somit Wohlbefinden und Unwohlsein verspürt und dabei Signale nach Nähe und Distanz aussendet. Diese Gefühle und vorläufigen Fähigkeiten bilden sich immer in Interaktion mit der Umwelt; am Anfang vor allem zur Mutter, später auch zum Vater und anderen Bezugspersonen (vgl. Böhnisch, 1999, S. 116).
In dieser Wechselwirkung mit der Umwelt - wo sich allmählich der Selbstschutz des Kindes bildet und somit seine seelische und körperliche Integrität - entwickelt sich auch die Aggressivität heraus. Aggressionen sind ein Hinweis auf Unwohlsein und Bedrohung (vgl. a.a.O.).
Nach Böhnisch durchzieht dieses Aggressionsmotiv die gesamte Sozialisation des Kindes-und Jugendalters. Als Beispiel führt er das aggressive Verhalten von Schulkindern untereinander an, bei dem Aggression als leib-seelisches Integritätsprinzip gedeutet wird: als Versuche der gegenseitigen Behauptung und Wahrung von räumlichen Integritätszonen. In kritischen Lebenssituationen - so Böhnisch - prägt diese selbstbezogene Aggressivität auch das Bewältigungsverhalten der Kinder (vgl. a.a.O., S. 117).
Nach Winnicott (1988) kommt es nun darauf an, wie die Umwelt auf diese Signale des Kindes reagiert, ob sie sie aufnehmen und ausbalancieren und somit zur „fördernden Umwelt“ werden kann. Das heißt, Kindern muss zuerkannt werden, dass sie aus sich selbst heraus etwas sind. Sie brauchen die Erfahrung, dass ihre Gefühle aufgenommen werden und dass sie mit ihnen in der Umwelt etwas bewirken können (vgl. Böhnisch, 1999, S. 116).
Winnicott sieht die Spannung von Aggressivität und Kreativität wie folgt: Wenn das Kind merkt, dass es seine Umwelt mit erschaffen kann, seine Impulse aufgenommen und in der sozialen Interaktion neu zurückgegeben werden, dann kann eine kreative Gefühlsspannung entstehen (vgl. Winnicott, 1988, S. 109).
Liegt dem Kind die aggressive Verteidigung des Selbst in Konfliktsituationen näher als das Einhalten der Norm, besteht die Gefahr, dass die aggressive Aktivität in ein antisoziales Verhalten umschlägt (vgl. Böhnisch, 1999, S. 117).
4.1. Die antisoziale Tendenz
Hier setzt das Modell von Winnicott an, wonach an einem bestimmten Punkt die aggressive Aktivität in eine „antisoziale Tendenz“ umschlägt und das Kind in den Bereich des abweichenden Verhaltens bringt oder bringen kann (vgl. Winnicott, S. 109f).
„Aggressive Aktivitäten (als sozial gerichtete Triebimpulse) entwickeln sich dann kreativ, wenn das Kind die soziale Umwelt, auf die sich seine Aktivität richtet, als ‘unzerstörbar’ erfährt“. Das heisst, das Kind kann mit seinen Aggressionen experimentieren und erfährt dabei Möglichkeiten und Grenzen. Dadurch entwickelt es eine Gewissheit des Selbst, weil in ihm die Erfahrung des „begrenzten“ Experimentieren-Könnens gewachsen ist. Wenn den Aggressionen des Kindes nichts entgegengesetzt wird und die aggressiven Impulse grenzenlos werden, so dass das Kind seine Umwelt als zerstörbar erfährt, dann - so Böhnisch - treten antisoziale Tendenzen ein. Die Aggressionen schlagen in der Folge aus einer nicht mehr überschaubaren Umwelt auf ein nicht mehr beherrschbares Selbst zurück. Laut Böhnisch ist
dies im Kinder-Familien-Bezug dann zu erwarten, wenn das Kind die bisher als unzerstörbar erfahrene Umwelt verliert: zum Beispiel dann, wenn die Familie auseinanderbricht, wenn sich die Eltern zunehmend entfremden sowie bei zunehmender Inkonsistenz und Unüberschaubarkeit der Familienabläufe und den damit verbundenen alltäglichen Überforderungen für das Kind (vgl.Böhnisch, 1999, S. 117f).
Dadurch verliert das Kind seine familiale Umwelt, die ihm die Erforschung zerstörerischer Aktivitäten im Bezug auf Triebstrukturen ermöglichte (vgl. Davis/Wallbridge, 1983, S. 126). Das Kind wird dadurch belastet, weil es nun selbst die Kontrolle über sein Verhalten übernehmen soll. Die Aggressivitätsantriebe können nicht mehr bewältigt werden und schlagen auf das Kind zurück, vorwiegend als Ängste. Nach Winnicott traut sich das so auf sich gestellte und vernachlässigte Kind nichts mehr zu und passt sich der Umwelt an und wird (erst einmal) nicht auffällig (vgl. Davis/Wallbridge, 1983, S. 127).
Wenn sich die Umweltbedingungen verbessern - so Winnicott -, wird das Kind wieder zuversichtlicher und organisiert hoffnungsvoll antisoziale Handlungen (vgl. Davis/Wallbridge). In diesem Sinne ist die antisoziale Tendenz als Hinweis auf Hoffnung zu deuten (vgl. Winnicott, 1988, S. 161).
Durch Delikte will das Kind auf sich aufmerksam machen. Typische Delikte sind das Stehlen, welches Ausdruck des „Sich-auch-etwas-Nehmens“ ist, und destruktive Handlungen, welche als Akte negativer Aneignung gedeutet werden können. Durch die erwähnten Normverstösse will das Kind also die Umwelt auf sich aufmerksam machen; es sucht dadurch deren Anteilnahme, fordert sie gleichzeitig jedoch zu entschiedenem, strengen Handeln heraus. Dieses scheinbare Paradox des Anteilnahme-Suchens durch abweichendes Verhalten wird laut Böhnisch wie folgt aufgelöst(vgl. Böhnisch, 1999, S. 118):
„Dem in seinem Selbst zurückgewiesenen und von einer überforderten familialen Umwelt nicht emphatisch begleiteten Kind scheinen die legitimen Zugänge zu sozialer Zuwendung verschlossen. Treten Personen auf, sie sich ihm zuwendenz.B. JugendpädagogInnen oder LehrerInnen - keimt in ihm die Hoffnung auf, daß es doch noch angenommen wird, so wie es ist. Es greift nun nach Mitteln Abweichenden Verhaltens, weil es ihm mit konformen Mitteln bisher nie gelungen ist (und im Wettbewerb zu anderen schlecht gelingen kann), auf sich aufmerksam zu machen. Dagegen hat es gelernt, sich aggressiv und antisozial in einer bedrohlichen, zerstörbaren (es weiß immer wieder nicht, ob es weiter geliebt wird) Umwelt zu behaupten“ (a.a.O.).
Es ist laut Böhnisch verständlich, wenn das Kind Situationen, welche zu abweichendem Verhalten Gelegenheit bieten, bzw. soziale Gruppierungen, welche ein solches Verhalten pflegen, attraktiver findet als konforme Sozialbezüge. Die „abweichende Umgebung“ erscheint den betreffenden Kindern als „fördernde Umwelt“, weil sie Signale aussendet, die eine neue, unzerstörbare Umwelt verheisst. Wenn die eigene Familie in sich entfremdet und unübersichtlich geworden ist, ist es vielfach die abweichende Clique, welche die daraus entstehende antisoziale Disposition aufnehmen und dem Kind das Gefühl geben kann, trotz des erlittenen Verlusts das eigene Selbst entfalten zu können (vgl. a.a.O., S. 119).
Für die sozialpädagogischen und sozialarbeiterischen Interventionen bei solchen Kindern geht es vor allem darum, ihnen das Gefühl zu vermitteln, dass ihre Signale anerkannt werden, dass ihnen der familiale Verlust ersetzt wird und dass sie nicht stillgestellt werden, sondern dass sich ihnen ein überschaubarer Raum zum Experimentieren eröffnet (vgl. a.a.O., S. 120).
„Es ist dann ein Experimentieren, das ihnen selbst nicht mehr gefährlich werden oder
Hilflosigkeit erzeugen kann, die dann wieder in ungerichtete Aggressivität umschlagen
würde“ (a.a.O.).
5. Zusammenfassung und Fazit
5.1. Zusammenfassung
In der vorliegenden Arbeit wurde versucht, die Frage zu beantworten, wie die psychoanalytische Sozialforschung sich abweichendes Verhalten bei Kindern erklärt; dabei sind die psychoanalytischen Ansätze selektiv, es wurde vor allem auf die Arbeiten von L. Böhnisch und D. Winnicott zurückgegriffen.
Abweichendes Verhalten ist vielschichtig und nicht eindeutig als Normverletzung zu definieren. In der neueren kriminologischen Forschung wird von einem Bestimmungsdreieck für abweichendes Verhalten ausgegangen: Norm-Definition-Subjekt.
Aus der psychoanalytischen Perspektive lässt sich abweichendes Verhalten bei Kindern wie folgt entschlüsseln: Das in einer überforderten familialen Umwelt zurückgewiesene und nicht emphatisch begleitete Kind greift nach Mitteln abweichenden Verhaltens, um auf sich aufmerksam zu machen, weil ihm dies mit konformen Mitteln nicht gelingt. Es hat jedoch gelernt, sich aggressiv und antisozial in einer bedrohlichen und zerstörbaren Umwelt zu behaupten.
5.2. Fazit
Wie bereits im 2. Kapitel dargelegt, muss abweichendes Verhalten aus verschiedenen Perspektiven analysiert und entschlüsselt werden:
− aus der Normperspektive;
− aus der Definitionsperspektive (Zuschreibungsprozesse);
− sowie aus der Subjektperspektive (entwicklungs- und tiefenpsychologische Ansätze).
Somit ist ein interdisziplinärer Ansatz zum Verständnis von abweichendem Verhalten bei Kindern (aber auch weiteren Gruppierungen) notwendig. Deshalb sind soziologische Erklärungsansätze sowie entwicklungs- und tiefenpsychologische Deutungsversuche für entsprechende sozialarbeiterische und sozialpädagogische Interventions-und
Arbeitsprinzipien notwendig. Für die Sozialarbeit und die Sozialpädagogik reicht es jedoch nicht aus, die Erklärungsmuster der Soziologie und Psychologie/Psychoanalyse einfach anzuwenden. Sie müssen aus der innerdisziplinären Systematik herausgeholt und für Sozialarbeit und Sozialpädagogik reformuliert werden. Die Sozialarbeit muss von ihrem eigenen Paradigma her bestimmen, was andere Einzeldisziplinen - bezüglich abweichenden Verhaltens - für sie leisten können (vgl. auch Böhnisch, 1999, S. 11 hinsichtlich der Pädagogik).
Den zentralen Beitrag hinsichtlich abweichenden Verhaltens von Kindern für Sozialarbeit und Sozialpädagogik, den L. Böhnisch und D. Winnicott leisten, sehe ich wie folgt: Abweichendes Verhalten von Kindern ist immer auch als ein subjektives Bewältigungsverhalten zu verstehen, das Kindern Selbstwert und soziale Aufmerksamkeit verschaffen kann. Das heisst: Normwidriges Verhalten kann also durchaus subjektiv positives Verhalten sein. An dieser Stelle ist auch an Hermann Nohls klassische sozialpädagogische Formel zu erinnern: „Nicht die Probleme, die das Kind macht, sondern die es hat“ müssten Ansatzpunkt sozialpädagogischer Arbeit sein. Aus dem Verstehen dieses Zusammenhangs heraus, das kein Billigen des abweichenden Verhaltens bedeutet, sind gerade die Sozialpädagogik und Sozialarbeit in der Lage, trotz dem abweichenden Verhalten den
Menschen zu erreichen und Hilfe anbieten zu können, die zu Selbstwertschöpfung und
Unterstützung neuer Formen sozialer Integration verhelfen kann.
Literatur
Böhnisch, L. (1999). Abweichendes Verhalten. Eine pädagogisch-soziologische Einführung. Weinheim und München: Juventa
Cohen, A. K. (1968). Abweichung und Kontrolle. München: Juventa
Davis, M. & Wallbridge, D. (1983). Eine Einführung in das Werk von D.W. Winnicott. Stuttgart: Klett-Cotta
Herriger, N. (1987 2 ). Verwahrlosung. Eine Einführung in Theorien sozialer Auffälligkeit. Weinheim und München: Juventa
Lamnek, S. (1993 5 ). Theorien Abweichenden Verhaltens. München: Wilhelm Fink
Moser, T. (1993). Der listenreiche Säugling. Psychoanalytische Überlegungen zur neueren Säuglingsforschung. In: Deutsches Jugendinstitut (Hrsg.). Was für Kinder. München: 91-94
Rühle, O. (1929). Kindliche Kriminalität. In: Lazarsfeld, S. (Hrsg.). Technik der Erziehung. Leipzig: 328-336
Winnicott, D.W. (1988). Aggression. Versagen der Umwelt und antisoziale Tendenz. Stutt- gart: Klett-Cotta
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Daniel Reinhard, 2000, Abweichendes Verhalten aus der Subjektperspektive, Munich, GRIN Publishing GmbH
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