1.EINLEITUNG...................................................................................................... 2
1.2Methodik. 2
1.3Entscheidung für den Text. 2
2BEOBACHTUNGEN AM TEXT UND IHRE EXEGETISCHE RELEVANZ 3
2.1Sprachanalyse des Textes. 3
2.1.1Übersetzung...................................................................................................... 3
2.1.2Sprachliche Beschreibung. 4
2.2Textkritische Untersuchung. 6
2.3Formkritische Untersuchung von Jer 29, 1 - 14. 9
2.3.1Briefformular und Jer 29. 9
2.3.2Die Botenformel als Einleitung einer Prophezeiung. 10
2.3.3Heilsprophezeiung 12
2.3.4Die Gattung von Jer 29, 1-14. 13
2.3.5Der Sitz im Leben 13
2.4Traditionskritische Überlegung: 13
2.5Literarkritische Beurteilung des Textes 16
2.5.1Einordnung in den Kontext des Jeremiabuches. 16
2.5.2literarische Integrität. 17
2.6Redaktionskritische Analyse. 19
2.7Überlieferungskritische Anmerkungen. 22
3ERGEBNISSE.................................................................................................... 22
3.1Zusammenfassung der Untersuchung. 22
3.2hermeneutischer Ausblick. 23
4LITERATURVERZEICHNIS...................................................................................... 24
4.1Editorische Informationen. 24
4.2Verwendete Hilfsmittel und Textausgaben. 24
4.3Sekundärliteratur................................................................................................ 24
1
1. Einleitung
1.2 Methodik
Ziel dieser Arbeit soll es sein, den Text Jer 29,1-14 für heutige Leser und Leserinnen verstehbar zu machen.
Um dieses Ziel zu erreichen muß der Text zunächst historisch kritisch untersucht werden. Dazu ist es nötig den Text auf semantischer und kontextueller Ebene zu untersuchen. Dies geschieht in der sprachlichen Analyse (2.1.) und in den traditionskritischen Überlegungen (2.4.).
Eine weitere Untersuchung zum Verständnis der Einbettung des Textes in seinen his-torisch-sozialen Kontext, bildet die formkritische Untersuchung (2.3.). Hier wird danach zu fragen sein, welche Rolle der Text für die Exilsgemeinde in Babylon spielte. Ein Schwerpunkt der Arbeit soll darauf liegen, zu klären was an Jer 29,114 Jeremianischen Ursprungs ist und welche Textteile eine spätere Redaktion (2.6.) erfahren haben.
Eine besondere Rolle spielt für das gesamte Jeremiabuch die Textkritik (2.2.). Hier stellt sich das Problem der Vorlage, die die Septuaginta (LXX) benutzte, da die LXX sich extrem vom Masoretischen (MT) unterscheidet.
Alle Methodenschritte sollen schließlich zu einer historisch-kritisch verantwortbaren Hermeneutik (3.2.) des Textes führen. In diesem Schritt soll dann die Brücke geschlagen werden, zwischen dem Verständnis der Exilsgemeinde in Babylon und unserem heutigen Verständnis. Dazu bildet die historisch-kritische Methode ein Regulativ, um nicht heutige Vorstellungen vorschnell an den Text heranzutragen.
1.3 Entscheidung für den Text
Wie eben dargelegt ist also das Verstehen des Textes in der heutigen Zeit das Ziel dieser Arbeit. Darum habe ich mich auch für diesen Text entschieden, weil er meiner Meinung nach auch in unserer Zeit noch eine hohe Aussagekraft hat: Er ruft uns, wie die Exilsgemeinde in Babylon, zur Verantwortung, führt uns aber auch Gottes verheißendes Wort vor Augen. Bedrängung und Zusage von Rettung und Heil, Gesetz und Evangelium, in diesem Spannungsverhältnis steht der Text und dieses Spannungsverhältnis macht ihn spannend.
2
2 Beobachtungen am Text und ihre exegetische Relevanz
2.1 Sprachanalyse des Textes
2.1.1 Übersetzung
Dies sind die Worte des Briefes, den der Prophet Jeremia aus Jerusalem, an den Rest 1
der Ältesten der Gola und an die Priester und an die Propheten und an das ganze Volk, das Nebukadnezar, von Jerusalem weg nach Babylon, in das Exil geführt hatte, schickte nach dem Wegführen des Königs Jechonja und der Herrscherin und der Eunuchen, der 2
Obersten Judas und Jerusalems und des Arbeiters und des Schmiedes aus Jerusalem, durch die Hand Eleasas, des Sohnes Schafans, und Gemarjas, des Sohnes Hilkias, die 3
Zedekija, der König von Juda, nach Babel zu Nebukadnezar, dem König von Babel schickte:
So spricht JHWH Zebaoth, der Gott Israels zu allen Gola, die ich in das Exil geführt 4
habe, von Jerusalem weg, nach Babel: 5 „Baut Häuser und wohnt (darin)! Und pflanzt Gärten und eßt ihre Frucht! 6 Nehmt Frauen und zeugt Söhne und Töchter und nehmt Frauen für eure Söhne! Gebt eure Töchter Männern, damit sie Söhne und Töchter gebären und mehrt euch dort und nehmt nicht ab an Zahl! 7 Und sucht nach dem Wohlergehen der Stadt, dorthin ich euch in das Exil geführt habe! Und bittet für sie (sc. die Stadt) zu JHWH, denn in ihrem Wohlergehen wird Wohlergehen für euch sein!“ Denn so spricht JHWH Zebaoth, der Gott Israels: „Eure Propheten aus eurer Mitte und 8
eure Wahrsager sollen euch nicht täuschen. Hört nicht auf eure Träume, die ihr euch träumen laßt! 9 Denn in Lüge prophezeien sie euch in meinem Namen. Ich habe sie nicht gesandt.“ Spruch JHWHs
Denn so spricht JHWH: „Denn erst wenn 70 Jahre in Babel erfüllt sind, werde ich nach 10
euch sehen. Dann werde ich mein gutes Wort über euch errichten, um euch zu diesem Ort zurückzubringen. 11 Denn ich weiß die Gedanken, die ich über euch gedacht habe.“ Spruch JHWHs. „Heilspläne und nicht vom Bösen, um euch Zukunft und Hoffnung zu
3
geben. 12 Dann werdet ihr mich rufen und hingehen und (mich) bitten und ich werde euch erhören. 13 Und ihr werdet mich suchen und mich finden, denn ihr werdet nach mir von eurem ganzem Herzen aus fragen. 14 Und ich werde mich von euch finden lassen.“ Spruch JHWHs. „Und ich werde euer Schicksal wenden und euch sammeln aus allen Völkern und allen Orten, an die ich euch vertrieben habe:“ Spruch JHWHs. „Und ich werde euch zurückbringen an den Ort, von dem aus ich euch ins Exil geführt habe.“
2.1.2 Sprachliche Beschreibung
Die sprachliche Beschreibung des Textes wird folgendermaßen verfahren. Zunächst werden Abschnitte vorgestellt. Darauf folgt die sprachliche und inhaltliche, beide Ebenen bedingen einander, Begründung für die Wahl der Einteilung dieser Abschnitte. Abschließend werden die Verse inhaltlich unter einer Überschrift zusammengefaßt.
Ich folge in der Einteilung der Abschnitte der textimmanenten Einteilung in Paraschen, der BH (Textzeichen und ). Dabei handelt es sich um eine Einteilung, die die Masoreten vorgenommen haben. Sie ist also bereits ein Interpretationsschritt der Masoreten.
Diese Einteilung erscheint mir sinnvoll, da sie die logische Struktur der Argumentation Jeremias gliedert und darüber hinaus auch an syntaktischen und grammatischen Phänomenen zu belegen ist. Weiter ist diese Einteilung im Hinblick auf die form-und redaktionskritische Fragestellung von Bedeutung (vgl. 2.3. und 2.6.). Den ersten Abschnitt (A) stellen die Verse 1-3 dar. Hier finden sich lediglich Nominale Hauptsätze, von denen wiederum verbale Relativsätze abhängig sind. Eine Ausnahme bildet hier jedoch Vers 2, der einen temporalen Nebensatz darstellt. Er ist insofern auffällig, als daß er den Sinnzusammenhang zwischen (Vers 1) und (Vers 3) zerreißt. Dieser Abschnitt kann als Einleitung überschrieben werden.
Semantisch ist hier der Begriff interessant. Es handelt sich um ein Partizip Femininum Qal des Verbs , das „entblößen“ und „in die Verbannung gehen“ heißen kann. Ein Partizip würde dann als Abstraktum die Entblößung, Verbannung oder persönlich formuliert die Entblößte, Verbannte bedeuten. Der Singular steht jeweils pars pro toto für eine Gruppe. kommt in der BHS 42mal vor. Davon bezeichnen 25 Belegstellen eine Gruppe im Exil, und zwar im Babylonischen Exil. 10 Stellen beziehen sich auf das Exil selbst, wovon nur eine sich nicht auf das Babylonische Exil
4
bezieht (Sach 14,2). 1 In 6 Belegen tritt in Fremdvölkersprüchen 2 auf und bezeichnet dort wiederum das Exil. Ob das Babylonische Exil gemeint ist kann hier nicht geklärt werden. In Jer 46,19 ist es jedoch gewiß gemeint. Folglich tritt nicht mit der Bedeutung „entblößen“ von auf. Meiner Meinung nach handelt es sich bei dem Begriff (außer in den Fremdvölkersprüchen und Sach 14,2) um einen Terminus technicus für die Exilsgemeinde, bzw. das Exil in Babylon. Daher wird in der Übersetzung durch Gola wiedergegeben, da ich die Übersetzung mit „die Weggeführten“ o.ä. für zu unspezifisch halte.
Einen weiteren Abschnitt (B) bilden die Verse 4-9, wobei 4-7 (B1) und 8.9 (B2) je einen Unterabschnitt bilden. Syntaktisch ist B durch eine Reihe von Imperativen gekennzeichnet, wobei Vers 4 eine Ausnahme bildet, da er als Einleitung zur folgenden Rede dient. In Vers 8 findet sich kein Imperativ, jedoch mit verneinte Imperative, die die gleiche Funktion in negativer Hinsicht erfüllen. Vers 9 gehört inhaltlich zu Vers 8. Abschnitt B stellt Anweisungen für die Gola dar, sich im Exil einzurichten. Das Partizip im Hifil von erscheint in der BHS nur an dieser Stelle. Viele Kom-mentatoren schlagen vor, es als Partizip Qal zu übersetzen (s. a. Textkritik 2.2. zu Vers 8).
Die Verse 10-14 stellen den dritten Abschnitt (C) dar. Sie bilden syntaktisch, auf-grund ihres futurischen Charakters, der mit einem Imperfekt von in Vers 10 eingeleitet wird und durch Perfekta consecutiva fortgesetzt wird, eine Einheit. Eine Ausnahme bildet hier Vers 11, in dem kein Perfekt consecutivum vorkommt, was jedoch keine Spannung für den Text darstellt, denn er reiht sich inhaltlich in die Verheißungen für die Gola ein, die das Thema des Abschnitts darstellen. Eine syntaktische Besonderheit von Abschnitt C stellen die Parallelismen membrora in den Versen 12 und 13 dar. Bei einem Parallelismus membrorum handelt es sich um zwei Sätze, die einander entweder mit anderen Worten wiederholen (synonym) oder einander kontrastierend beschreiben (antithetisch) oder bei denen der zweite den ersten logisch fortführt (synthetisch). 3 In beiden Versen handelt es sich um synthetische Parallelismen membrora. In Vers 12 wird die Aufforderung von logisch weitergeführt, in Vers 13 ist die Konsequenz von . Die Parrallelismen bringen die Wechselseitigkeit des Verhältnisses zwischen Gott und Mensch zum Ausdruck, dem Bitten und Suchen des Menschen folgt
steht hier in einer Unheilsverheißung für Jerusalem. Da Sacharja erst nach dem Babylonischen 1
Exil auftrat, ist hier wohl nicht das Babylonische Exil gemeint, bestenfalls eine Anspielung darauf.
Siehe: Jer 46,19; 48,7.11; 49,3; Am 1,15; Nah 3,10. 2
Kreuzer, S / Vieweger, D.: Proseminar I, S. 69. 3
5
das Hören und Sich-Finden-Lassen Gottes. Erst das Agieren des Menschen setzt eine Reaktion Gottes in Gang, aber ebenso verheißt Gott bereits das Agieren. Semantisch lohnt es sich einen Blick auf das Bedeutungsfeld von zu werfen, da m.E. in Vers 7 und Vers 11 unterschiedliche Bedeutungen anzulegen sind. Das Wort kommt 237 Mal in der BHS vor. Eine detaillierte Untersuchung aller Stellen ist daher in dieser Arbeit nicht zu leisten. Darum sollen nur die m. E. hier zutreffenden Bedeutungsmöglichkeiten dargestellt und an Textstellen nachgewiesen werden. stammt vom Verb ab. Davon lassen sich zwei Bedeutungsebenen unterscheiden: 1. unversehrt, vollständig und 2. freundlich zu jemandem sein. Also läßt es sich als Ganzheit und als Freundlichkeit oder weiter abstrahiert persönliches 4 Wohlergehen und Wohlergehen zwischen Menschen 5 oder zwischen Mensch und Gott 6 bestimmen. Die zweite Bedeutung liegt meiner Meinung nach in beiden Varianten vor. In Vers 7 ist mit einem Wohlergehen zwischen Menschen zu rechnen, da eine weitergehende Übersetzung mit „Heil“ m. E. theologisch nicht auf die Stadt Babel bezogen sein kann. In Vers 11 kann man die religiöse Dimension veranschlagen, da m. E. vom eschatologischen Heil die Rede ist. JHWH will sein Volk zur Endzeit in Juda sammeln. Gerade dies wiederspricht für mich auch Pohlmanns 7 Annahme einer golaorientierten Redaktion. Im übrigen stellt Heil einen möglichen Komplementärbegriff zu dar. In Vers 7 ist also Wohlergehen, in Vers 11 Heil zu übersetzen (s. a. 2.6.).
2.2 Textkritische Untersuchung
Im folgenden wird an Jer 29, 1-14 eine textkritische Untersuchung durchgeführt. Dies geschieht, indem der Apparat der BHS aufgeschlüsselt wird. Weiterhin werden
Z. B.
(Es möge dir gut gehen!) in 1. Sam 25,6.
4
Z. B. (Freund) in Ps 41,10. 5
Z. B. (Heilsbund) in Jes 54,10. 6
Pohlmann, K.-F.: Studien. 7
6
die Verse 8 und 14 genauer betrachtet. Dabei werden die Spannungen der Varianten genauer untersucht und infolgedessen wird ein textkritisches Urteil gefällt werden. Vorab ist zu bemerken, daß der Text der LXX in einem Spannungsverhältnis zum MT steht. Er ist für das ganze Jeremiabuch um 1/7 kürzer als der MT. Es stellt sich die Frag, welche Vorlage also die LXX benutzt hat. Die Frage kann hier jedoch nicht entschieden werden, da dazu ein Betrachtung des gesamten Jeremiabuches nötig wäre.
Das Wort in Vers 1 fehlt in der LXX. Dagegen soll Gen 49,3 verglichen werden. Ein Lösungsansatz findet sich in der Literarkritik (2.5.2.) Der Relativsatz fehlt in der nicht rezensierten Fassung der LXX. Unter der nicht rezensierten Fassung versteht man einen „textus Graecus originalis“ 8 , also den Text, der als ursprünglich gilt und nicht bereits in vorchristlicher Zeit eine Revision erfahren hat. 9
Bei dem gesamten Vers 2 handelt es sich möglicherweise um eine Hinzufügung. Dazu kann Vers 24,1 zum Vergleich herangezogen werden. (Vgl. a. 2.6.) Weiterhin hat die LXX kaiì panto\ j e) leuqe/ rou (und alle Freien), statt (die Obersten Judas und Jerusalems). Einige Texte hebräischer Handschriften, die Peschitta und die Vulgata haben statt . In Vers 3 der nicht rezensierten LXX fehlt der Ausdruck . Statt (1. Com. Sing. Perf. Hifil von = ins Exil führen) sollte in Vers 4 vielleicht (3. Fem. Sing. Perf. Hofal. von = ins Exil geführt werden.) nach der Peschitta gelesen werden (s.a. 2.5.2. und 2.6.).
Der Abschnitt aus Vers 6 fehlt in der nicht rezensierten Version der LXX.
In Vers 7 liest die LXX th= j gh= j, also statt Die Verse 8 und 9 stellen ein litar- und redaktionskritisches Problem dar (s. 2.5.2. und 2.6.). Darum wird vorgeschlagen sie nach Vers 15 zu positionieren.
In Vers 8 sollte man statt besser lesen, wie die LXX-Minuskel 26. Der MT baut eine Spannung auf, da nach dem MT die Gola es ist, die hier träumt und nicht, wie eigentlich zu erwarten wäre, die zuvor genannten Propheten und Wahrsager. Zudem kommt die Schwierigkeit das Partizip Hifil von angemessen wiederzugeben, ohne das kausative Verhältnis, welches das Hifil ausdrückt, zu umgehen. Dieselbe Minuskel übersetzt nämlich e) nupnia/ zontai statt BHS, S. XLVIII 8
Siehe dazu: Würthwein, E.: Text, S. 63 ff. 9
7
; es wäre also zu lesen. Diese Lösung hätte den Vorteil, daß sie eine Form annimmt, die auch sonst im AT, zumindest im Singular, belegt ist (Gen 41,1; Dtn 13,2.4.6; Ps 126,1). Ebenso spricht die Vulgata für diese Lesart (vos somniatis). Dem stehen jedoch die LXX und der MT entgegen. Daher entscheide ich mich für die Variante des MT obgleich bei dieser das Partizip wie ein Partizip Qal wiedergegeben werden müßte. Eine Möglichkeit das Partizip dennoch als Hifil wiederzugeben liefert Graf, indem er eine Nebenbedeutung, wie „die ihr euch ‚träumen’ oder ‚einfallen lasset’“ 10 annimmt. Diese Erklärung erscheint mir plausibel, da sie das Hifil aufnimmt und des MT unverändert stehen lassen kann, ohne eine Spannung zu erzeugen.
Wenige hebräische Handschriften, die LXX, die Peschitta und Targume haben in Vers 9 statt .
In Vers 11 fehlt in der nicht rezensierten LXX . Die BHS hält dies für ein Homoioteleuton. Dabei hat der Abschreibende wohl gesehen, daß zweimal in diesem Vers vorkommt und dabei den dazwischen befindlichen Textes unabsichtlich ausgelassen. Dagegen argumentiert Duhm hier nicht für eine unabsichtliche, sondern für eine bewußte Auslassung der Partie, da es dem Übersetzer der LXX zu gewagt war, „Jahwe sagen zu lassen, daß er seine eigenen Gedanke kenne.“ 11 Die nicht rezensierte LXX hat tau= ta, die lukanische und die hexaplarisch LXXrezension haben ta\ meta\ tau= ta, statt . Der Versteil aus Vers 12 ist in der nicht rezensierten LXX nicht übersetzt worden. Dabei wurde in der Peschitta lediglich das Wort nicht übersetzt. Nach dem textkritischen Apparat der BHS ist zu streichen, da es wegen Dittographie entstanden ist. Unter Dittographie ist die versehentliche Doppeltschreibung eines Wortes oder Wortteiles zu verstehen. Dem kann ich mich jedoch nicht anschließen, da ich keine ausreichende Ähnlichkeit zum folgenden Wort erkennen kann, was eine Verwechslung rechtfertigen würde. Ebenso fehlt in der Peschitta. Dies halte ich für eine plausible Erklärung. In Vers 13 fehlt fehlt im Codex Sinaiticus und der arabischen Übersetzung . Dazu soll die Peschitta verglichen werden. Die LXX liest in Vers 14 statt und übersetzt kaiì e) pifanou= mai. Weiter schlägt der Apparat der BHS vor, den Sillûq () hinter umzustellen und
Graf, K.H.: Buch Jeremia, S. 356. 10
Duhm, B.: Jeremia, S. 230. 11
8
somit das Versende zu markieren. Dies geht einher mit der Beobachtung, daß der gesamte restliche Vers in der nicht rezensierten Version der LXX fehlt. Bei wurde ein Ketib festgestellt. Die Masoreten markierten damit, daß der geschriebene Text Schwierigkeiten bezüglich seiner Vokalisation aufweist. Dazu wurde das geschriebene ( ) des MT, aus Ehrfurcht vor dem hl. Text, stehengelassen und man schrieb einen anderen Konsonantentext in die Randmasora. Die zu diesem Konsonantentext gehörige Vokalisiation, also das zu lesende ( ) setzte man unter den MT. Und verzeichnete ein am Rand. In dem vorliegenden Fall wurde am Rand notiert, d.h. es soll gelesen werden.
2.3 Formkritische Untersuchung von Jer 29, 1 - 14
Die Darstellung folgt in ihren Grundzügen den formgeschichtlichen Vorarbeiten von Klaus Koch 12 und William L. Holladay 13 . Darüber hinaus werden aber auch eigene erarbeitete Vergleiche dargestellt bzw. durch weitere Literatur ergänzt.
2.3.1 Briefformular und Jer 29
Der Text scheint seine Gattung bereits im ersten Vers mit dem Wort selbst festzulegen. Damit ist ein Brief oder ein Schriftstück im weiteren Sinne bezeichnet. 14 Daran, daß ein Brief wiedergegeben wird, muß nicht gezweifelt werden, da sowohl die Adressaten als auch der Absender genannt sind. Jedoch steht in einer Constructusverbindung mit , wodurch der Briefcharakter auf die „Worte des Briefes“ beschränkt wird. Es wird also in Jer 29, 1-14 keine Kopie des Briefes wiedergegeben, sondern bestenfalls eben nur sein Text, sein Inhalt, ohne den, die Gattung Brief konstituierenden, formalen Rahmen. Dennoch ist die Bezeichnung Brief m.E. hier angebracht: 1.) ist determiniert, es wird also die Kenntnis eines solchen Briefes vorausgesetzt und 2.) wird der Briefinhalt wiedergegeben. Als Bezeichnung einer Koch, K.: Formgeschichte. 12
Holladay, W.L.: Jeremiah. 13
Gesenius, W.: Handwörterbuch - Art.: . 14
9
Gattung im engeren Sinne scheidet der Begriff „Brief“ jedoch meiner Meinung nach aus. Einen ebensolchen Brief enthält auch EpJer 1,1, obgleich dort das Wort a) nti¿ grafon gebraucht wird, um festzuhalten, daß es sich bei dem vorliegenden Text um eine Abschrift eines Briefes handelt.
Die Verse 1-3 leiten die Wiedergabe des Brieftextes ein. Sie stellen eine „Überschrift“ 15 dar und geben den Kommunikationsrahmen an. Sie werden jedoch, auf-grund ihrer unspezifischen Gestaltung, nicht Gegenstand der folgenden Analyse sein. Obgleich der formale Rahmen, wie er z.B. in den Lachischbriefen zu finden ist, in Jer 29,1-14 nicht explizit dargestellt ist, lassen sich doch Überreste des Briefformulars finden.
Das Formular, dem zeitgenössische Briefe folgen, hat einem bestimmten Aufbau, wie er auch in Esra 4,17, jedoch in einem aramäischen Brief späterer Zeit, überliefert ist. Anrede: Grußformel: ... Brieftext:
Holladay sieht in Vers 4b (... ) die Anrede. 16 Dem müßte nun in einem ideal gestalteten Brief die Grußformel folgen (vgl. Esra 4,17). Auf die Anrede folgen jedoch die Verse 5 und 6 mit Imperativen. Das, die Grußformel konstituierende, Wort (oder aramäisch ) findet sich erst in Vers 7. Hier ist Wohlergehen für die Gola und die sie beherbergende Stadt verheißen. M.E. lassen sich in diesem Vers lediglich Grundzüge der Grußformel, in der Formulierung , erkennen, da der Vers eigentlich im Hinblick auf prophetische Rede gestaltet ist (vgl. dazu 2.3.3.).
Die Bestimmung der Textgattung als Brief erscheint mir unzureichend. Eher ist hier die Formulierung angebracht, daß es sich um den Text eines Briefes handelt, in dem gattungstypischen Merkmale in einzelnen Formulierungen erhalten geblieben sind, dessen allgemeine Gattungsgestalt jedoch nicht mehr erkennbar ist. Gleichwohl stimme ich mit Holladay überein, wenn er feststellt, daß der Brieftext „zugleich ein prophetisches Orakel“ 17 enthält, das es in 2.3.3. näher zu untersuchen gilt.
2.3.2 Die Botenformel als Einleitung einer Prophezeiung
Um eine Prophezeiung genauer zu untersuchen, lohnt es sich einen Blick auf eine „Verses 1 and 3 are therefore a superscription.“ - Holladay, W.L.: Jeremiah, S. 137. 15
A.a.O.: S. 138. 16
Ebd. 17
10
Formel zu werfen, die konstituierend für die Gattung der Prophezeiung ist: die Bo-tenformel: .
Zuerst muß der Begriff der „Formel“ geklärt werden. Unter einer Formel versteht man eine geprägte, häufig verwendete Formulierung, „die in literarisch voneinander unabhängigen Texten“ 18 vorkommt. 2.3.2.1 Allgemeine Botenformel
Nach Köhler besteht der Botenspruch „darin, daß ein Absender A zu einem Empfänger B einen Boten C schickt und dem Boten wörtlich beibringt, was er zu sagen hat.“ 19 Die Botenformel leitet einen solchen Spruch ein. Sie stammt aus dem Botenverkehr, also dem Fernkommunikationsmedium der Zeit und war von daher den Menschen bekannt. Die prophetische Redeweise hat hier also eine Formulierung aus einem anderen Kontext, nämlich dem des Botenwesens, übernommen und ihr mit dem Zusatz theologische Bedeutung gegeben. 20 Ein Prophetenspruch wird, wie der allgemeine Botenspruch, mit der Botenformel eingeleitet. Diese Formel tritt in dieser Gestalt 295 Mal in der BHS auf. Am häufigsten bei Jeremia.
Das Kommunikationsmodell Köhlers läßt sich auch an der Botenformel wie folgt aufzeigen. Der Absender ist in zu finden. Der Empfänger muß aus dem Kontext bekannt sein. Hier ist der Empfänger sogar im Anschluß an die Botenformel in Vers 4 genannt, mit . Der Bote ist hier wiederum nur durch den Kontext zu erschließen. Es ist Jeremia, der in Vers 1 als Verfasser des Briefes genannt und somit als Träger der göttlichen Botschaft anzusehen ist.
Dieser Bote ist, von wenigen Ausnahmen abgesehen (2. Kön 1,4; Sach 3,6.7), ein Mensch und kein . Diese Unterscheidung ist deshalb bedeutsam, weil die Botenformel Kennzeichen der prophetischen Verkündigung ist, also immer Gottes Wort in menschlicher Stimme ist, im Unterschied zur unmittelbaren Verkündigung durch den .
Bote und Auftraggeber sind zwei völlig verschieden Personen. Diese Konsequenz ergibt sich daraus, daß im Qal Perfekt formuliert ist und so vorzeitig zu übersetzen ist (vgl. 2.1.2.). Das Wort, das auf die Botenformel folgt, ist also zu Jeremia gesagt worden.
2.3.2.2 Die Botenformel als geprägte Wendung bei Jeremia Die Verse 4 und 8 zeigen jedoch eine erweiterte Form der Botenformel, nämlich:
Kreuzer, S. / Vieweger, D.: Proseminar I, S. 71. 18
Köhler, L.: Deuterojesaja, S. 102 19
Rendtorff, R.: Botenformel, S. 165. 20
11
. Der Zusatz findet sich 30 Mal in der BHS und zwar ausschließlich bei dem Propheten Jeremia. Deshalb kann man hier, soweit die erweiterte Form der Botenspruchformel vorliegt, nicht mehr von einer Formel sprechen, sondern muß genauer von einer geprägten Wendung sprechen. Eine geprägte Wendung unterscheidet sich von einer Formel darin, daß sie nur bei einem Autor auftritt. 21 Dagegen ist der einfachere Zusatz 33 Mal in der gesamten BHS zu finden (s. a. 2.4.).
2.3.3 Heilsprophezeiung
Zu Beginn der formkritischen Analyse ist es notwendig nochmals auf die aus der sprachlich-inhaltlichen Analyse gewonnene Gliederung (s. 2.1.2.) hinzuweisen: Verse 1-3 Einleitung (A); Verse 4-9 Lebensanweisung für die Gola im Exil (4-7 B1 und 8-9 B2); Verse 10-14 Verheißungen an die Gola (C). M.E. handelt es sich bei Jer 29,1-14 um eine Heilsprophezeiung 22 innerhalb tradierter Briefworte. Der Einleitungsteil (A) findet sich in dieser Gattung nicht und wird daher an dieser Stelle nicht weiter berücksichtigt. Er ist als eine Einleitung zur Heilsprophezeiung des Briefes aufzufassen.
Koch schlägt für die Heilsprophezeiung folgendes Schema 23 vor: I. Lagehinweis, II. Weissagung des Heils, die Verheißung, III. abschließende Charakteristik. Im folgenden soll dieses Gattungsschema am vorliegenden Text nachgewiesen und im Vergleich zu anderen biblischen Texten als Gattung ausgewiesen werden. Der geprägten Wendung von Vers 4 folgt der Hinweis auf die Lage der Gola, auf ihre Deportation nach Babylon. Dies wiederspricht nicht der Feststellung Holladays, daß hier eine Anrede an die Gola vorliegt. 24
Eine solche Lagebeschreibung findet sich auch in der prophetischen Unheilsverkündigung. So hebt die Prophezeiung Elias an Ahasja (2. Kön 1,16a) mit einer Beschreibung der Taten Ahasjas an. Darauf folgt jedoch, im Gegensatz zu Jer 29 sogleich die Prophezeiung. Im vorliegenden Text wird die knappe Beschreibung der Situation durch eine Mahnrede fortgesetzt, d.h. eine Ermahnung zu einem bestimmten Handeln. Ein Beispiel dafür findet sich in 1. Chr. 17,4. Dort wird, ähnlich wie Jer 29,5-9 - jedoch kürzer, David ermahnt keinen Tempel für JHWH zu bauen. Im vorliegenden Text wird das Volk ermahnt, sich in Babylon einzurichten. „Wo eine Mahnrede am Anfang steht, wird [...] der folgende Abschnitt gern mit S. a.: Kreuzer, S. / Vieweger, D.: Proseminar I, S. 71. 21
Koch, K.: Formgeschichte, S. 261. 22
A.a.O.: 261-265. 23
Holladay, W. L.: Jeremiah, S. 138. 24
12
einem „Denn“ (sc. ) und nachfolgender Botenformel eingeleitet [...]. In solchen Fällen fehlt dann oft die Charakteristik am Ende.“ 25 Dem Lagehinweis mit Mahnwort folgt in der Gattung der Heilsprophezeiung die eigentliche Verheißung. Dieser Teil entspricht den Versen 10-14, wobei Vers 10 als Einleitung der Verheißung dient.
Für Koch liegt eine Verheißung dann vor, wenn „der Kernsatz [...] a) entweder ein imperfektisches und dann meist verneintes Prädikat aufweist, also ‚apodiktisch’ gestaltet ist [...] oder b) aus einem partizipialen Nominalsatz besteht.“ 26 In Jer 29, 10-14 liegt der erste Fall vor. In Vers 10 findet sich ein Imperfekt, an das sich Perfekta consecutiva als Fortsetzung des Imperfekts anschließen. Diese Perfekta können Ersatz für Imperfektformen sein, da sie die nachzeitige Bedeutung des Imperfekts fortführen
Die Charakteristik entfällt in Jer 29, 1-14 (s. a. o.). Die Verse 10-14 können zwar als eine solche angesehen werden, mir scheint die Zuordnung zur „Verheißung“ jedoch sinnvoller.
2.3.4 Die Gattung von Jer 29, 1-14
Bei Jer 29, 1-14 handelt es sich um eine Heilsprophezeiung. Die Annahme der Briefgattung, nach Holladay, scheidet meiner Meinung nach aus, obgleich Gattungsmerkmale der Briefgattung im Text feststellbar sind.
2.3.5 Der Sitz im Leben
Hier muß der Einleitungsteil (A) mitberücksichtigt werden, da er die Gesamtsituation beschreibt und somit für die Bestimmung des Sitzes im Leben eine erhebliche Rolle spielt.
Die Gattung der Prophezeiung ist meiner Meinung nach nicht an einen festen Sitz im Leben gebunden, da sie meist in eine konkrete Einzelsituation gesprochen wurde. In diesem Fall handelt es sich dabei um die 1. Deportation der Israeliten nach der Eroberung Jerusalems durch Nebukadnezar im Jahre 597 v. Chr. Die Menschen, die die Prophezeiung betrifft, sind also die Gola. Der Text spricht in ihre spezifische Situation und transzendiert dennoch zugleich mit seiner Botschaft die historische Situation.
2.4 Traditionskritische Überlegung:
Koch, K.: Formgeschichte, S. 261. 25
A.a.O.: S. 261f. 26
13
Bereits in der Formkritik wurde festgestellt, daß Jeremia eine geprägte Botenwendung kennt, in der Form . Im folgenden soll nach der spezifischen Verwendung des Gottesnamens (Verse 4 und 5) gefragt werden und seine Bedeutung innerhalb eines bestimmten Traditionskreises geklärt werden.
Das Wort kommt in der BHS 296 Mal vor. Als Beiname Gottes, also in der Verbindung , findet es sich 285 Mal in der BHS, zumeist im Jeremiabuch (82 Mal). Außerhalb der Prophetenliteratur findet sich der Name kaum, doch dort am häufigsten in den Psalmen, nämlich 15 Mal. Diese Beobachtung weist bereits in die Richtung der Tradition, in der dieser Name steht.
Bei handelt es sich um ein Femininum Plural des hebräischen Nomens , Heer. Damit ist aber das Bedeutungsspektrum des Namens keineswegs auf den eines Kriegsgottes festgelegt. Da eng mit der Bundeslade (s.u.) verbunden ist, kann diese Deutung gemeint sein, wie z.B. in 1. Sam 6, wo die Bundeslade im Kampf gegen die Philister vom Volk Israel mit sich geführt wird. Hier, wie an anderen Stellen, die JHWH-Kriege behandeln, kommt aber gerade nicht vor. 27 Dagegen könnte aber als Herr der himmlischen Heerscharen angesehen werden. Gegen diese Ausdeutung des Namen spricht jedoch, daß Engelsvorstellungen im AT nur schwach ausgeprägt sind.
Mir erscheint es am sinnvollsten den Namen mit Gottes Allmacht in Verbindung zu bringen. 28 Dem entspräche dann auch die häufigste Übertragung von in der LXX: pantokra/ twr.
Der Name ist, wie bereits erwähnt, aufs Engste mit der Bundeslade und dem Ort Schilo verbunden. 29 Dort wurden mit JHWH Vorstellungen des kanaanäischen Gottes El assoziiert. 30 Bei der Überführung der Lade nach Jerusalem durch David (2. Sam 6) gelangte diese Identifikation nach Jerusalem. Ein Zeichen dafür ist der Bericht, daß Zobel, H.-J.: , Sp. 889f. 27
Eißfeldt, O.: Jahwe Zebaoth, S. 150. 28
S. dazu: Jeremias, J.: Lade und Zion oder Zobel, H.-J.: . 29
Jeremias, J.: Lade und Zion, S. 193. 30
14
David das Volk nicht allein im Namen JHWHs segnet, sondern im Namen (2. Sam 6,18). Mit dem Einzug der Lade in Jerusalem und ihrem späteren Platz im Jerusalemer Zentralheiligtum der salomonischen Zeit, fand Eingang in die Ziontradition der nachsalomonischen Zeit. Es kann m.E. sogar gesagt werden, daß ein originärer Bestandteil der israelitischen Ziontradition ist, der aber bereits durch jebusitische Tradition vorgeprägt ist. 31 Dies zeigt sich an der Verwendung von in den Psalmen (Ps 24,10; 46,8.12; 48,9; 84,2.4.9.13) im Zusammenhang mit dem Zion. Bereits Jesaja setzt, so Jörg Jeremias, eine Ziontradition voraus. 32 Unter der Ziontradition ist eine Sicht auf die Stadt Jerusalem in enger Verknüpfung mit JHWH als Wohnung Gottes (Ps 84,2.4 - zugespitzt auf den Tempel) und als von Gott geschützte Stadt (Ps 46,8.12; 48,9), zu verstehen.
Wenn , wie hier dargestellt, zur Ziontradition gehört, so muß diese jedoch von den Ereignissen des Jahres 597, erschüttert, wenn nicht gar zerstört worden sein. Der Zion, der Berg Gottes, der unter dessen besonderem Schutz stand, war von Nebukadnezar zum ersten Mal seit David erobert worden. Es stellt sich also die Frage, warum ausgerechnet in einem Brief an die Gola erscheint, wenn dieser Gottesname doch so sehr auf Zion zentriert ist.
Hier können nur Vermutungen angestellt werden. Mein hermeneutischer Lösungsvorschlag besteht darin, daß der Name ein Symbol darstellt für die Gola, um ihnen Hoffnung zu geben.
A.a.O.: S. 192. 31
A.a.O.: S. 189. 32
15
2.5 Literarkritische Beurteilung des Textes
2.5.1 Einordnung in den Kontext des Jeremiabuches
Im folgenden wird nun der Makrokontext von Jer 29,1-14 dargestellt. Dabei wird der Text nach vorne und hinten abgegrenzt. Es soll gezeigt werden, daß der Text eine in sich geschlossene Einheit bildet.
Jer 29,1-14 steht im Zusammenhang der Kapitel 27-29. Sie behandeln Jeremias Aus-einandersetzung mit den falschen Propheten, die in dieser Zeit in Israel auftraten. 33 Daß Kap. 27-29 eine eigenständige Einheit bilden, ist an dem formalen Kriterium festzumachen, daß außer in 29,21 der Name verwendet wird, anstatt, wie sonst im Jeremiabuch, . Die BJ vermutet sogar, daß der gesamte Textabschnitt ein eigenes Büchlein an die Verbannten dargestellt habe. 34 Nach vorne ist Jer 29,1-14 abzugrenzen von der Auseinandersetzung Jeremias mit dem Propheten Hananja und dem Bericht von dessen Tod. Kapitel 29 scheint demgegenüber völlig unvermittelt einzusetzen. Mit der Wiedergabe des Briefes wird ein neues Thema eingeleitet. M.E. stellt in Vers 1 keinen Zusammenhang zum Vorhergehenden her. 35 Erst die Verse 8 und 9 nehmen das vorhergehende Thema der Fremdprophetie wieder auf. Sie stören damit aber den Kontext (s.a. 2.2. und 2.6.). Jer 29,1-14 endet mit der Verheißung an Israel, daß es aus Babylon wieder weggeführt werde. In Vers 15 setzt dann aber sogleich wieder das Thema der Falschprophetie ein, das dann bereits in Vers 16 von einer golaorientierten Verheißung unterbrochen wird und in Vers 19 wieder Anklang findet. Die auf Vers 14 folgenden Verse sind selbst sehr uneinheitlich.
Aus dieser Abgrenzung wird ersichtlich, daß Jer 29, 1-14 mehr oder minder unver-bunden im Kontext der Kapitel 27-29 steht. Dabei ist von den Versen 8 und 9 abzusehen, da sie ein eigenes Problem bilden und vielleicht besser hinter Vers 15 zu
Diese Auseinandersetzung findet sich häufig bei Jeremia (v.a. 26-29). 33
S. BJ: S. 1145, Anm. 271 - 2932. 34
Dagegen: Weiser, A.: Buch Jeremia, S. 251f. 35
16
stehen kämen. (S. 2.6.)
2.5.2 literarische Integrität
In der Untersuchung der literarischen Integrität werden Spannungen innerhalb des Textes aufgezeigt, die darstellen sollen, an welchen Stellen der Text im Laufe seiner Geschichte Veränderungen erfahren haben könnte. Dazu gehören Doppelungen, Wortwahl und Ungereimtheiten im Argumentationsgang des Textes. In diese Untersuchung spielt auch die Textkritik (2.2.) mit hinein.
Die augenfälligste Doppelung des Textes stellt die Botenformel dar. Sie erscheint in den Versen 4a, 8aa und 10aa. Bildet die Botenformel in Vers 4a den Übergang zwischen Einleitung und Wiedergabe des Briefes, so erscheint sie jeweils in den Versen 8aa und 10aa unvermittelt. In Vers 8aa unterbricht sie den Lagehinweis und bringt eine Warnung vor den falschen Propheten in den Text ein. Diese Warnung stört hier den Argumentationsgang. In Vers 10aa dient die Botenformel erneut zur Einführung eines neuen Themas und zeigt, daß zwischen den Versen 8, 9 und den Versen 10-14 kein inhaltlicher Zusammenhang besteht. Die Verwendung von in den Versen 8 und 10 scheint der Versuch zu sein, den Übergang zu glätten. 36 Dagegen bestehen inhaltliche Verbindungen zwischen den Abschnitten 5-7 und 10-14, da sie sich gattungstechnisch ergänzen (s. 2.1.2.).
In diesem Kontext ist auch das mehrfache Auftreten der Formel in den Versen 9b, 11a, 14aa und g, zu beachten. In Vers 9b schließt es den Gedankengang der Verse 8 und 9 ab und korrespondiert hier mit der Botenformel. Dagegen unterbricht die Formel in Vers 11a die Rede. Sie dient hier meiner Meinung nach als eine Bekräftigung der Verheißung, als autoritative Untermauerung. Diese Erklärung könnte auch für das zweifache Auftreten der Formel in Vers 14 geltend gemacht werden, obgleich sie hier auch den Redegang unterbricht. Die -Formel stört den Zusammenhang nicht so empfindlich wie die Botenformel und ist hier, m.E. ein bewußtes Stilmittel (in Vers 11 und 14) und ein redaktionelles Mittel (in Vers 9), zur Eingrenzung eines Einschubs (Verse 8 und 9).
Weiterhin ist festzustellen, daß sich der Relativsatz: + eine Form von (+Subjekt - JHWH oder Nebukadnezar) + bzw. in umgekehrter Richtung , in den Versen 1bg, 4bb, 7ab und 14bg wiederholt. 37 In Vers 4bb ist zu bemerken, daß das logische Subjekt, JHWH, im Relativsatz in der 1. Sg. steht, Seidl, Th.: Texte, S. 98. 36
A.a.O.: S. 90f. 37
17
wobei der Hauptsatz die Rede mit der 3. Sg. einleitet. Seidl vermutet, daß es sich hierbei um „eine floskelhafte unkontrollierte Eintragung“, 38 in Anlehnung an 7ab, handelt. Dem schließe ich mich an.
Ebenso wird zweimal (Verse 10bb und 14bab ) vom Zurückbringen ( im Hifil) der Gola geredet.
Weitere Spannungen, über die Doppelungen hinaus ergeben sich, z.T. im Rückgriff auf die Textkritik (2.2.). Das Nomen (Vers 1) fehlt in der LXX. Es stellt insofern ein Problem dar, als daß sein Sinn nicht klar wird. Alle Versuche der Erklärung verlieren sich m. E. in Spekulationen. 39 Überdies ist meiner Meinung nach die Auslassung in der LXX besser zu erklären als die Annahme sei eine spätere Hinzufügung. 40
Vielleicht ist das Problem jedoch logisch aufzulösen mit Blick auf einen inhaltlichen Widerspruch zwischen den Versen 1, 7 und 14ab. In Vers 14 ist von und (Plural) die Rede, in Vers 1 wird jedoch nur Babel genannt und in Vers 7 wird Babel mit bezeichnet. Wurde die Gola also nur nach Babel gebracht oder wurde sie in mehrere Städte des babylonischen Reiches deportiert? Gab es also einen Rest der Ältesten in Babylon gegenüber dem übrigen Rest in anderen babylonischen Städten? Eine Abschließende Antwort kann hier nicht gegeben werden. Es soll nur angemerkt werden, daß die biblischen Zeugnisse über das babylonische Exil neben Babylon noch andere Orte erwähnen, an denen sich die Gola befand. 41 Hes 3,15 erwähnt , Esra 2,59 und Neh 7,61 erwähnen , und , Esra 8,17 erwähnt weiter . Somit könnte mit dem „Rest der Ältesten“ durchaus der Teil der Ältesten der Gola gemeint sein, der sich in Babel aufhielt, im Unterschied zu den Ältesten, die in anderen Städten des babylonischen Reiches angesiedelt wurden.
Vers 2 überdehnt den Abstand zwischen Vers 1aa und Vers 3, da Vers 3 für sich betrachtet nur in Verbindung mit Vers 1aa Sinn macht. Es handelt sich hier wohl um eine spätere Einfügung, in Anlehnung an Jer 24,1.
In Vers 7 findet sich eine weiter Spannung. 42 Die Verse 4-7 bilden einen Redeabschnitt, in dem JHWH durch den Boten spricht. Bereits in Vers 4 erscheint daher die A.a.O.: S. 104. 38
So nimmt Weiser an, daß „nicht alle Ältesten, die deportiert worden waren, in ihrer Stellung ge- 39
blieben sind.“ (Weiser, A.: Buch Jeremia, S. 252.) Duhm vermutet, daß Jeremia hier auf eine Hinrich-
tung oder eine besondere Gefangenschaft der Ältesten anspielt (Duhm, B.: Jeremia , S. 228.).
S. Duhm, B.: Jeremia, S. 228. 40
Donner, H.: Geschichte, S. 416f. 41
Vgl. Seidl, Th.: Texte, S. 105. 42
18
1. Person mit dem logischen Subjekt JHWH. Ebenso verhält es sich in dem Relativsatz in Vers 7aa. Der Imperativ in Vers 7ab wird jedoch vom Gottesnamen JHWH als Objekt gefolgt. Hier würde JHWH von sich in der dritten Person reden, oder es läge eine Vermischung von direkter Prophetenrede und botengewirkter JHWH-Rede vor. Seidl hält dies jedoch für „nicht untypisch“. 43 und das folgende Partizip Hifil von stellen in Vers 8 eine weitere Spannung im Text dar. Dieses Problem wurde bereits in der Textkritik untersucht und mit einer Lösungsmöglichkeit erklärt (siehe dazu 2.2.). Dennoch ist die Spannung im MT hier nochmals festzuhalten.
Eine Spannung eigener Art stellt die Überlieferung der Verse 12 bis 14 in der LXX dar, da die LXX einen bedeutend kürzeren Text liefert. 44 Darauf wird dann noch in der Redaktionskritik (s. 2.6.) weiter einzugehen sein. Es stellt sich demnach die Frage, ob der MT eine Vorlage für die LXX geliefert hat, oder ob die LXX eine andere hebräische Vorlage benutzt hat.
2.6 Redaktionskritische Analyse
Im folgenden soll nun zunächst ein knapper Überblick über die redaktionsgeschichtliche Forschung am Jeremiabuch gegeben werden. Daraufhin werden die Spannungen, die in der literarkritischen Analyse dargestellt wurden, unter redaktionskritischen Gesichtspunkten gedeutet.
Bei der redaktionskritischen Betrachtung des Jeremiabuches gibt es verschiedene Hypothesen der Textentstehung durch Redaktion, auf die hier im einzelnen nicht näher eingegangen werden kann. Ich schließe mich im allgemeinen der Annahme an, daß das Jeremiabuch durch eine deuteronomistische Redaktion überarbeitet wurde. Die Meinung H. Weipperts, eine Redaktion für das Jeremiabuch weitgehend abzulehnen, 45 erscheint mir für den hier vorliegenden Text nicht nachvollziehbar. Im folgenden wird jedoch kurz die Annahme K.-F. Pohlmanns 46 dargestellt, der für die Verse 5-7 eine golaorientierte Redaktion annimmt. Ebd. 43
S. a.a.O.: S. 111f. 44
Weippert, H.: Prosareden, S. 234. 45
Pohlmann, K.-F.: Heil des Landes 1999. 46
19
Auch ist es wieder sinnvoll, von den, aus der Sprachanalyse gewonnenen Texteilen auszugehen.
Die Verse 1-3 bilden die Einleitung zum Briefreferat. Es besteht eine besondere Spannung in Vers 2. Er trennt das Prädikat aus Vers 1 weit ab von Vers 3, für den es unbedingt notwendig ist. Vers 2 ist m.E. als eine spätere Einfügung zu betrachten. Er steht in direkter Verbindung zum deuteronomistischen Geschichtswerk, da er 2. Kön 24, 14-16 (vgl. auch Jer 24,1) wiedergibt. Der deuteronomistische Redaktor versuchte hier einen „historischen Hintergrund“ 47 einzubringen. Duhm nimmt für Vers 1 an, daß der Brief ursprünglich nur an die Ältesten gerichtet gewesen sei. Somit sei die gesamte restliche Adresse zu streichen, zumindest jedoch der Relativsatz in 1bg, da er in LXX nicht vorkommt 48 (vgl. jedoch Lösungsvorschlag in 2.5.2.). Ich kann mich Duhms Vorschlag nicht anschließen, da die Adresse, nach dem Zeugnis der LXX, nicht völlig zu streichen ist. Zumindest ist ein weiterer Adressatenkreis zu denken, da die Verheißungen schwerlich nur für die Ältesten gedacht gewesen sein können.
Die Verse 4-7 und 8-9 geben eine Lebensanweisung für die Gola im Exil wieder. Vers 4bb erscheint zunächst als Hinzufügung, da die Person von (3. Pers. Sg.) zu (1. Pers. Sg.) wechselt. Thiel nimmt als Grund an, daß der Relativsatz eine Korrektur an Vers 1 darstellt, um JHWH als Urheber des Exils kenntlich zu machen. 49 Der für die deuteronomistische Theologie kennzeichnende Tun-Ergehen-Zusammenhang ist hier anzuzeigen. Jerusalem mußte zerstört und das Exil als weitere Strafe folgen, da man den Worten Jeremias nicht gehorcht hatte (vgl. 25,8-11). Thiel sieht die Verse 5-7 als Textstück an, in das die Deuteronomisten nicht eingegriffen haben. 50 Pohlmann vermutet jedoch den Eingriff der golaorientierten Redaktion. Für Jer 29, 5-7 stützt Pohlmann sich auf zwei Thesen: 1. Eine Verheißung für die Gola paßt nicht zur Jeremianischen Verkündigung 51 und 2. wird der Gola explizit verheißen. 52 Diese Beobachtungen treffen jedoch für den vorliegenden Text nicht zu. Meiner Meinung nach liegt eben keine Verheißung vor, sondern eine Imperativreihe, die Anweisungen für die Gola enthält sich im Exil einzurichten, also eine Mahnrede. Konstituierend für eine Verheißung wäre dagegen das Imperfekt (S .a. 2.3.3.) Verheißungen liegen jedoch in den Versen 10-14 vor. Darüber ist es m.E. in
Thiel, W.: Redaktion, S. 13. 47
Duhm, B.: Jeremia, S. 228. 48
Thiel, W.: Redaktion, S. 13. 49
A.a.O.: S. 11. 50
Pohlmann, K.-F.: Heil des Landes, S. 152. 51
A.a.O.: S. 153. 52
20
Jer 5-7 nicht angebracht mit „Heil“ 53 wiederzugeben, da die Stadt Babel als Objekt zu beziehen würde. Welches Interesse sollte eine golaorientierte Redaktion daran haben, der Exilsstadt Heil zu verheißen? Hier erscheint mir die Übersetzung „Wohlergehen“ 54 sinnvoller. Im übrigen spricht Jer 29,14 davon, daß die Gola zurückkehren wird, und dies in der Form einer Verheißung. Dieser Vers ist jedoch als fragwürdig zu betrachten. Aus diesen Überlegungen zu der Annahme einer golaorientierten Redaktion durch Pohlmann entscheide ich mich gegen seine Ansicht 55 und votiere dafür Jer 5-7 als ursprünglichen Textbestand gelten zu lassen. Dagegen scheinen mir die Verse 8 und 9 eine zu große inhaltliche Spannung aufzubauen, als daß sie als ursprünglich angesehen werden könnten. Auch hier ist deuteronomistisches Gedankengut erkennbar. Deutliche Parallelen zeigt das Prophetengesetz in Dtn 18,9-22, das zwischen falscher und wahrer Prophetie unterscheidet. Die Verse 10-14 stellen nun die Verheißungen an die Gola dar. Sie bilden m.E. eine Fortsetzung zu den Versen 4-7 (vgl. 2.3.). Thiel rechnet den gesamten Abschnitt jedoch der deuteronomistischen Redaktion zu. 56 Die Sprache des Abschnitts ist deuteronomistisch geprägt, so findet sich der Ausdruck vor allem in deuteronomistischen Texten, wie Dtn 9,5; 1 Kön 2,4 etc. 57 Darüber hinaus baut der Abschnitt Verbindungen zu den Versen 4-7 auf, die künstlich wirken. So wird in Vers 11 aus Vers 7 wiederaufgegriffen, 58 jedoch mit einer neuen Bedeutung, nämlich „Heil“, was in Vers 7 nicht gemeint sein kann (S. 2.1.2.). Vers 12 nimmt Vers 7 durch wieder auf. 59 Bei Vers 13 handelt es sich, so Thiel, um ein modifiziertes Zitat aus Dtn 4,29. 60 Vers 14 ist aufgrund seiner Nichtbezeugung in der LXX schwierig. Ordnet man ihn der deuteronomistischen Redaktion zu, so gewinnt diese Annahme Auftrieb, da er „deutlich die Zerstreuung Judas“ 61 vorraussetzt. Dies spräche dann erst recht gegen eine golaorientierte Redaktion der Verse 5-7, weil dann eine Heimführung der Gola nach Juda noch vor Einbruch der Heilszeit anstünde. Aus der redaktionskritischen Untersuchung ergibt sich folgende Textgestalt:
Pohlmann überschreibt seinen Artikel bereits mit „‚Heil’ des Landes“. Und bietet Heil auch als 53
Übersetzung von an. (A.a.O.: S. 144.)
So auch Wanke, G.: Ackerkauf, S. 274. 54
In 29, 16-20 kann m.E. durchaus eine golaorientierte Redaktion vorliegen. (Pohlmann, K.-F.: Heil 55
des Landes, S. 150.)
Thiel, W.: Redaktion, S. 14-16. 56
A.a.O.: S. 15. 57
Ebd. 58
Ebd. 59
Ebd. 60
Ebd. 61
21
2.7 Überlieferungskritische Anmerkungen
Dieser Arbeitsschritt braucht meiner Meinung nach nicht nachvollzogen zu werden, da es für Jer 29. 1-14 keine mündlichen Vorstufen, sondern ausschließlich schriftliche, in seinem Charakter als Brief, gibt.
3 Ergebnisse
3.1 Zusammenfassung der Untersuchung
Hier soll nun ein kurzer Überblick darüber gegeben werden, was die geleisteten Untersuchungen für ein Verständnis des Textes aus Sicht der damaligen Rezipienten, also der Gola, ergeben.
In der Textkritik wurde gezeigt, daß es keineswegs gesichert ist wie der Text aussah, den die Gola als Brief erhalten hat.
Die formkritische Untersuchung ergab, daß Jer 29, 1-14 der Gattung der Heilsprophezeiung angehört, die hier einen sehr spezifischen Sitz im historischen Kontext und im Leben der Gola hat. Die Gola mußte sich von einer solchen Prophezeiung ermutigt, ja aufgerufen fühlen, sich nicht dem Schock des hereingebrochenen Exils hinzugeben, sondern ihre Lebensgestaltung in der Fremde selbst in die Hand zu nehmen.
Dieser Gedanke wurde auch in der traditionskritischen Überlegung deutlich. Die Mahnrede (Verse 4-9) wird mit der exponierten Verwendung von Zebaoth, v. a. in Vers 4, in einer geprägten Botenwendung eingeleitet. Dadurch führt der Brief die Ziontradition ein. Es ist also JHWH in seiner Eigenschaft als der Herr über den Zion, der hier durch den Propheten Jeremia zur Gola redet. Dies kann als ein Signal verstanden werden, sich einzurichten und dennoch die Hoffnung auf die Rückkehr zum Zion nicht zu vergessen. Die Verheißung (Verse 10-14) benutzt Zebaoth nicht mehr. Es scheint also die autoritative Kraft JHWH Zebaoths zu sein, die benötigt wurde, um die Mahnung zur Einrichtung in der Fremde zu geben. Die Redaktionskritik hat gezeigt, daß der Text eine Überarbeitung im Gedankenkreis der Deuteronomisten erfahren hat. Am deutlichsten wird diese Redaktion in den
22
Versen 10-14. Die Verse 5-7 hingegen haben keine Redaktion erfahren. Der Aufruf sich einzurichten ist demnach unverändert geblieben, die Verheißung von den Deuteronomisten gestaltet worden. Allerdings widerspricht die deuteronimstische Bewegung m.E. nicht der Ziontradition, sondern führt sie sogar fort.
3.2 hermeneutischer Ausblick
Hier soll nun auf das Verständnis heutiger Leser und Leserinnen eingegangen werden.
Der Text Jer 29,1-14 ist also von seinem Charakter als Heilsprophezeiung zu verstehen. Indem er sich in Lagehinweis, Mahnwort und Verheißung unterteilt, spricht er in drei Dimensionen zu uns.
Der Lagehinweis berichtet uns über den spezifischen Kontext in den hinein der Brief spricht. Dieser Kontext ist zu beachten, will man den Text auch heute verstehen. Der Text spricht zu Menschen, die sich bedrängt, verängstigt, gottverlassen fühlen müssen. Genau dort spricht er aber auch Menschen heute an, in ihren Ängsten und der säkularen Gottesferne.
Das Mahnwort (hier ausgenommen Verse 8 und 9) zieht die Konsequenzen aus der Gefühlslage der Gola. Hier werden die Betroffenen zu verantwortungsvollem Handeln aufgerufen. Wenn im Wohlergehen des anderen, hier speziell meines Eroberers und Entführers, mein Wohlergehen liegt, dann fordert ein solcher Text heraus. Er fordert heraus zur Agitation, nicht gegen die Obrigkeit, sondern zu Nächstenliebe. Bemerkenswert ist in diesem Zusammenhang die Aufforderung, sich mit dem Fremdvolk zu verheiraten, widersprechen doch gerade Esra und Nehemia in der nachexilischen Zeit diesem Aufruf Jeremias. 62 Eine bedrängende Situation fordert auf, sich mit ihr konstruktiv auseinander zu setzen.
Die Verse 8 und 9 sind zu situationsbezogen, als daß sie einen hermeneutischen Transfer erfahren sollten. Sie sollten besser in ihrem historischen Kontext belassen und verstanden werden.
Die Verheißung ist wiederum Konsequenz des Mahnwortes. Die konstruktive Aus-einandersetzung, die zu erfolgen hat, bleibt nicht ohne Konsequenzen. Es wird zugesichert, daß in einer solchen bedrängenden Situation Gott nicht fern ist, sondern Friedenspläne (und nicht vom Bösen) zusichert. Was bleibt, ist die Zusicherung auf Rückkehr, oder für uns formuliert, die Zusicherung eines sorgenden Gottes für seine Geschöpfe.
Vgl. dazu: Esr. 9-10, Neh. 13,23-27. 62
23
4 Literaturverzeichnis
4.1 Editorische Informationen
Abkürzungen folgen der zweiten Ausgabe des Internationalen Abkürzungsverzeich-nisses für Theologie und Grenzgebiete (IATG 2 ), Schwertner, Siegfried M., Berlin
[u.a.] 1992 2 .
Bei der Verseinteilung verfahre ich wie folgt: Der Atnach teilt den Vers in Halbverse
(a und b). Der Zappef und der Rebia unterteilen einen Halbvers jeweils in Unterverse
a, b, g etc.)
4.2 Verwendete Hilfsmittel und Textausgaben
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1993 5 .
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1959 17 Hebräisches und Aramäisches Handwörterbuch über das Alte Testament -
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2001 Grammatik des Biblischen Hebräisch - München 2001. Würthwein, Ernst:
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1998 3 Das Buch Jeremia - In: Einleitung in das Alte Testament, Zenger, E. (Hg.)
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1962 Botenformel und Botenspruch - In: ZAW 74 (1962), S. 165-177. Rudolph, Wilhelm:
1968 3 Jeremia - Tübingen, 1968 (HAT I/12). Seidl, Theodor:
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1981 Die deuteronomistische Redaktion von Jeremia 26-45 - Neukirchen 1981
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1989 Jeremias Ackerkauf. Heil im Gericht? - In: BZAW 185 (1989), S. 265-275. Weiser, Artur:
1982 7 Das Buch Jeremia, Kapitel 25,12-52,34 - Göttingen 1982 7 (ATD 21). Weippert, Helga:
1973 Die Prosareden des Jeremiabuches - Berlin, 1973 (BZAW 132).
25
Zobel , Hans-Jürgen:
1993 Artikel - In: ThWAT Bd 7, 1993, Sp. 876-892.
26
Arbeit zitieren:
Thomas Ziaja, 2002, Jeremia 29, 1 - 14, München, GRIN Verlag GmbH
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