Einleitung
In dieser Rekonstruktion wird der zweite Teil des vierten Abschnittes aus dem Werk „Eine Untersuchung über den menschlichen Verstand“ vom englischen Philosophen, Ökonomen und Historiker David Hume 1 behandelt. Die allgemeine Strukturierung des Werkes weist eine Unterteilung in Abschnitte und partiell in untergeordnete Teile auf, welche generell mit einer Überschrift versehen sind. Inhaltlich bauen diese Abschnitte aufeinander auf. Die Abschnitte eins bis drei einschließlich des ersten Teils des vierten Abschnittes bilden den Ausgangspunkt für den zweiten Teil des letztgenannten Abschnittes 2 .
Hauptteil
David Hume beginnt diesen Abschnitt mit der These, dass „aus jeder Lösung […]eine neue, ebenso schwierige Frage wie die frühere [entsteht] und führt uns zu weiteren Untersuchungen“ 3 . Er beantwortet diese These sofort, indem er noch einmal auf die Erfahrung (EXPERIENCE), die die Verknüpfungen zwischen den einzelnen Ursachen und den Wirkungen veranlasst, hinweist. Diese eventuell erkannte Verknüpfung bezeichnet er in der These mit Lösung. Jedoch stellt sich für Hume eine weitere Frage. Für ihn ist es wichtig zu wissen, was die Grundlagen aller Schlüsse aus der Erfahrung sind, um die Verstandestätigkeiten des Menschen beantworten zu können. 4 Er gesteht ein, dass es sich hierbei um ein sehr schweres, unbekanntes Thema handelt. Daher spricht er sich im Laufe des Textes von eventuellen falschen Schlüssen frei und verweist auf die Nichtbeachtung dieses Themas durch andere Philosophen der Vergangenheit. Dies könnte ihm die Untersuchungen erschweren, da er keine Referenzen zu seiner Verfügung hat. Zu Beginn stützt er sich bei dieser Untersuchung auf die Natur, die uns die Eigenschaften einiger Dinge oberflächlich zeigt, uns bei anderen jedoch die Eigenschaften und Kräfte der Dinge gänzlich vorenthält. Er begründet dieses Argument mit dem Beispiel, dass uns die Sinne wohl über Farbe, Gewicht und Konsistenz informieren, aber dass nicht die Sinne und auch nicht die Vernunft uns über elementare Eigenschaften informieren können.
1 Hume, David. Eine Untersuchung über den menschlichen Verstand. 1784, Übersetzt und Herausgegeben von Herbert
Herring. Stuttgart: Reclam 1982. (Im Folgenden wird das Werk Humes unter dem Titel und der Seitenzahl
angeführt.)
2 Eine Untersuchung über den menschlichen Verstand. S.49-58
3 Eine Untersuchung über den menschlichen Verstand. S. 49
4 Eine Untersuchung über den menschlichen Verstand. S. 50
Das explizite Beispiel bezieht er auf ein Brot, welches wir durch die Sinne in Farbe, Gewicht und Konsistenz einordnen können, die jedoch nicht die Eigenschaften liefern können, die für die Gründe der Nahrhaftigkeit dieses Brotes ausschlaggebend sind. 5 In Bezug auf diese Erkenntnisse a priori hat jedoch der Mensch in seinen Überlegungen eine Fehlbetrachtung, indem er erwartet, dass durch gleiche Sinnesqualitäten auch immer wieder gleiche Wirkungen auftreten. 6 Solche Erfahrungen, die der Mensch über die Sinneskräfte hat wahrnehmen können, bieten ohne Zweifel eine Gewissheit für die entsprechende Situation und die entsprechende Zeitspanne, sie lassen aber nicht aus sich schließen, dass es in der Zukunft auch so sein wird. Dieser Denkprozeß des Menschen, d.h., dass er aus den Erfahrungen a priori Schlüsse auf die Zukunft ziehen kann, muss erklärt werden. Die Ableitung kann nicht, nach Hume, aus reinen Denkakten erfolgen, sondern könnte durch intermediäre Hilfsmittel erfolgen, welche ihm nicht bekannt sind.
Hume liefert uns daraufhin eine Einteilung der Urteile, mit Hilfe derer wir die Urteile unterscheiden können, um das Problem der intermediären Hilfsmittel ausschließen zu können. Er spricht von beweisenden bzw. die Vorstellungsrelation betreffenden und den moralisch gewissen bzw. die Tatsachen und Existenz betreffenden Urteilen. 7
Nach Hume muss man zur Entscheidung der Urteile auf Beweisgründe zurückgreifen, da es möglich ist, dass sich die Dinge im Laufe der Natur ändern werden und der Mensch daher keine Beweisgründe mehr für seine Urteile haben wird. Jedoch ist es so, dass alles, was sich „klar und deutlich vorgestellt werden kann, enthält keinen Widerspruch und kann niemals durch einen Beweisgrund oder abstrakten Gedankengang a priori als falsch erwiesen werden“ 8 . Hume wiederholt im Anschluß aber noch einmal, dass sich diese Beweisgründe nur auf die wirkliche Existenz beziehen können, jedoch nicht als Maßstab für eine generelle Urteilsgebung gedeutet werden können, da sich unsere Urteile durch die Erfahrung erschließen lassen. Diese Erfahrungsbeweise stützen sich, wie schon gesagt, auf die Ähnlichkeiten, die wir zwischen Naturobjekten feststellen und aus denen wir dann Ableitung der Wirkungen erschließen, die wir schon kannten.
5 vgl. Eine Untersuchung über den menschlichen Verstand. S. 50
6 Eine Untersuchung über den menschlichen Verstand. S.50. „Doch ungeachtet dieser Unkenntnis der Naturkräfte und
Prinzipien, setzten wir, wenn wir gleiche Sinnenqualitäten haben, und wir erwarten, daß sie gleiche verborgene
Kräfte hbaen, und wir erwarten aus ihnen Wirkungen, die den uns erfahrenen gleichartig sind“
7 vgl. Eine Untersuchung über den menschlichen Verstand. S. 53
8 Eine Untersuchung über den menschlichen Verstand. S. 53
Hume stellt sich aber dieser Einsicht unzufrieden gegenüber und fragt nach dem Vernunftsverfahren, welches aus einem einzigen Fall einen Schluss, der repräsentativ für eine weitaus größere Anzahl von Fällen stehen könnte, schließen kann. Humes Antwort darauf ist. „Ich kann eine solches Vernunftverfahren nicht finden und mir auch nicht vorstellen.“ 9 Nach dieser Überlegung steht für Hume fest, dass jeder Beweis schwer sein wird, da sich immer wieder die Ausgangsfrage stellt, auf welchen Beweisgang sich dieser Schluss gründet. Im Gegensatz zu den a priorischen Urteilen lassen die Erfahrungen nur eine Anzahl von Wirkungen zu, die gewisse Dinge zu einer bestimmten Zeit gehabt haben. Er wiederholt bei der expliziteren Betrachtung und Abwägung noch einmal das Beispiel des Brotes, indem er sagt, dass der Mensch bei gleicher Farbe, Konsistenz und Form gleiche Wirkung erwarten wird.
Er spricht also von einer Folgerung des Geistes die weder intuitiv noch demonstrativ sein kann 10 . Jedoch kann diese Folgerung nicht aus der Erfahrung kommen, da bei dieser die Zukunft der Vergangenheit ähneln muss. Daher bleibt das Problem der Erfahrung also bestehen, denn wenn die Natur sich verändern würde, würde jegliche Erfahrung als ein nicht urteilskräftiges Argument eingestuft werden müssen. Hume sagt, dass dieses Phänomen schon bei einigen Dingen aufgetreten sei, jedoch benennt er sie nicht. Er fragt sich daraufhin, „welche Logik, welches Beweisverfahren sichert uns gegen diese Annahme“ 11 . Hume stellt zum wiederholten Male fest, dass diese Antwort uns auch nicht gegeben ist und wir nur unsere Unwissenheit bezüglich dieses Themas beweisen können.
Hume versucht im Weiteren die These aufzustellen, dass, selbst wenn der Mensch es aus seiner eigenen Leistung nicht schaffen sollte, einen Schluss aus dieser Überlegung zu ziehen, es trotzdem möglich sein kann, dass die Untersuchungen einfach nicht sorgfältig genug gewesen sind und wir deshalb zu keinem Schluss kommen können. 12 Zum Abschluss dieser Untersuchung sagt Hume, dass es zum Beispiel selbst Menschen und unvernünftige Tiere gibt, die ihre Erfahrung aus der Beobachtung der Natur schließen. So zum Beispiel ein Kind, das sich an einer Kerze die Hand verbrannt hat und nun stetig darauf achten wird dieses Erlebnis zu vermeiden, obwohl es nicht wissen
9 Eine Untersuchung über den menschlichen Verstand. S. 55
10 vgl. Eine Untersuchung über den menschlichen Verstand. S. 56
11 Eine Untersuchung über den menschlichen Verstand. S. 57
12 vgl. Eine Untersuchung über den menschlichen Verstand. S. 57
kann, dass die Flamme jedes Mal eine gleiche Wirkung auf die Hand ausüben wird. Jedoch kann es sich hierbei nach Hume nicht um die Vernunft handeln, die uns zu dieser Annahme der Erkenntnis von Vergangenheit und Zukunft gebracht hat, da es sich hierbei nur um den Anschein gleicher Wirkungen handelt.
Hume schließt dieses Kapitel mit der Erläuterung, dass er selber zu keiner zufriedenstellenden Antwort gekommen ist, zumindest handele es sich nicht um eine „großartige Entdeckung“ 13 . Falls er auf der anderen Seite falsch liegen sollte, würde er sich für einen „zurückgebliebenen Schüler“ 13 halten.
Schluss
David Hume versuchte in diesem Kapitel, gleichnamig nach der Überschrift, die skeptischen Zweifel an der Verstandestätigkeit zu erklären. Dieses sehr schwere und wenig erforschte Thema stellte ihm oftmals viele Probleme und gleichzeitig auch Widersprüche in Bezug auf etwaig gefundene Ergebnisse und deren Widerlegung durch Gegenargumente. Im darauffolgenden Kapitel versucht er nun eine weiterhin skeptische Lösung für diese Zweifel zu finden.
13 Eine Untersuchung über den menschlichen Verstand. S. 58
Arbeit zitieren:
Kevin Rautenberg, 2005, David Hume - Rekonstruktion. Eine Untersuchung über den menschlichen Verstand. Kapitel 4.2, München, GRIN Verlag GmbH
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