Alice-Salomon-Fachhochschule Studiengang Pflege/Pflegemanagement Wintersemester 2003/04 Seminar: Pflege 2. Semester (9201)
Bewältigung chronischer Krankheiten
Das Corbin-Strauss-Modell
Referat
Inhaltsverzeichnis
1 Einleitung
2 Begriffsklärung
3 Der Bezugsrahmen der Pflege- und Krankheitsverlaufskurve und dessen
Entwicklung
4 Theoretische Grundlagen der Pflege- und Krankheitsverlaufskurve
5 Pflegerische Implikationen der Chronizität
6 Vorgehensweise zur Verwendung des Bezugsrahmens der Pflege- und
Krankheitsverlaufskurve
7 Zusammenfassung
8 Quellenverzeichnis
9 Literaturverzeichnis
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„Es ist nicht leicht zu lernen, wie man diese unausweichliche Sorge trägt. Heute, da ich die Aufgabe gelernt habe, kann ich darauf zurücksehen und die Stufen erkennen; aber sie zu erklimmen, war wirklich hart: jede einzelne schien unübersteigbar.“ 1 Pearl S. Buck
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1 Einleitung
Der medizinische Fortschritt konnte im letzten Jahrhundert großartige Erfolge im Bereich der Bekämpfung von Akutkrankheiten, insbesondere von Infektionskrankheiten, aufwei- sen. Schwerwiegende Erkrankungen führen - im Gegensatz zu früher - häufig nicht mehr zum Tod, sondern nehmen einen chronischen Verlauf. Als Folge daraus sind in den westli- chen Industriestaaten eine erhöhte durchschnittliche Lebenserwartung und der stete Anstieg des Bevölkerungsanteils der älteren Menschen zu verzeichnen. Auf Grund ihres zunehmenden Auftretens sind chronische Erkrankungen in den letzten Jahrzehnten immer mehr in den Mittelpunkt der pharmazeutischen und medizinischen Forschung, aber auch in das Interesse der Pflege und der Psychologie gerückt. Allgemein anerkannt ist, dass der Umgang mit und der Ausgang einer Erkrankung nicht nur durch die Art und Schwere des Ereignisses, sondern auch durch die Fähigkeiten der Bewältigung bestimmt wird (Rüger et al. 1993).
Für die erkrankten Personen und ihre Angehörigen bedeutet eine chronische Krankheit mit ihrem langsam schleichenden Verlauf meist eine starke psychosoziale Belastung. For- schung beschäftigt sich bezüglich Chronizität nicht nur mit medizinischen Aspekten zur Heilung, sondern auch mit therapeutischen Maßnahmen, die langfristig auf eine Krank- heitsbewältigung abzielen. Da Menschen unterschiedliches Verhalten des Coping aufwei- sen, gehen die Untersuchungen in verschiedene Richtungen und umfassen einen weitaus größeren Bereich als ausschließlich den der Patient(inn)en mit ihren Erkrankungen (Schüßler 1993).
Inzwischen gibt es sehr viel Literatur zur Bewältigungsthematik chronischer Krankheiten, Lebenskrisen und psychischer Erkrankungen sowie entsprechende Messinstrumente und eine Reihe von theoretischen Copingkonzepten.
In dieser Arbeit soll das Corbin-Strauss-Pflegemodell vorgestellt werden, das auch als Mo- dell des „Bezugsrahmens der Pflege- und Krankheitsverlaufskurve“ bezeichnet wird und zur Bewältigung chronischer Krankheiten eingesetzt werden kann.
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2 Begriffsklärung
Die Begriffe „Bewältigung“ und „Coping“ weisen im heutigen Sprachverständnis dieselbe Grundbedeutung auf, haben jedoch eine unterschiedliche Herkunft.
Das deutsche Wort „Bewältigung“ ist ursprünglich von „walten“ (stark sein, beherrschen) abgeleitet, bildete sich über „Gewalt“ (außerordentliche Größe, Stärke, Macht) sowie „überwältigen“ (sich einer Sache gewaltig zeigen) im 15. Jhd. heraus und bedeutet „mit et- was fertig zu werden, sich nicht unterkriegen zu lassen und sich von Widerfahrenem nicht überwältigen zu lassen.“
„Coping“ hingegen kommt aus dem Englischen „to cope with“, was soviel wie „sich mes- sen können, gewachsen sein und es mit etwas aufnehmen können“ heißt.
Beide Begriffe werden oft synonym verwendet, da es in der Bewältigungsforschung keine Einigung auf eine einheitliche Definition gibt. Innerhalb ihrer Arbeiten haben jedoch eini- ge Forscher/innen der jeweiligen Theorie angepasste Definitionen entwickelt, so z. B. die Auslegung von Muthny, wonach Coping jede zur Bewältigung eines kritischen Ereignisses eingesetzte und erfolgsunabhängige Anstrengung bezeichnet (vgl. Baldegger 2000, 126). Krankheitsbewältigung kann im Wesentlichen handlungs-, kognitions- oder emo- tionsbezogen auftreten und Veränderungen der Situation, der Umwelt oder des Umgangs mit der eigenen Person inklusive der krankheitsbezogenen Gefühle zum Ziel haben (Baldegger 2000).
Unter einer chronischen Erkrankung versteht man eine Krankheit, die durch einen langsam fortschreitenden Verlauf gekennzeichnet und in der Regel nicht heilbar ist. Sie kann von Geburt an bestehen oder Folge einer Krankheit bzw. eines Unfalls sein.
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Das Management der chronischen Erkrankung unterscheidet sich in vielen Bereichen von dem einer akuten Krankheit; so entwickeln sich beispielsweise die Beschwerden langsam, sind unspezifisch und lassen oft erst spät auf die richtige Diagnose schließen. Menschen mit chronischen Erkrankungen bedürfen einer integrativen Behandlung, d. h., es sollen nicht nur die erkrankten Organe und Zellen therapiert werden, sondern es sind auch die psychische Auswirkung der Erkrankung, das familiäre und soziale Umfeld, die berufliche Existenz und die vorangegangenen Erfahrungen mit Schmerz, Krankheit und Behandlung einzubeziehen (Juchli 1991).
3 Der Bezugsrahmen der Pflege- und Krankheitsverlaufskurve und dessen Entwicklung
Das Modell des Bezugsrahmens der Pflege- und Krankheitsverlaufskurve basiert auf der Erkenntnis, dass chronische Erkrankungen einen veränderlichen und schwankenden Ver- lauf nehmen, der mit dem Ziel der Verzögerung oder Stabilisierung beeinflusst und gesteu- ert werden kann. Es wurde um 1960 entwickelt, als die Wissenschaftler Strauss und Glaser sowie die Krankenschwester Quint Benoleil Untersuchungen über im Sterben liegende Pa- tient(inn)en anstellten. Sie beobachteten, dass die Sterbenden, Pflegekräfte, und Angehöri- gen verschiedene Strategien zur Bewältigung des Sterbeprozesses einsetzten und entschie- den sich, dies als „ Bezugsrahmen der Pflege- und Krankheitsverlaufskurve“ zu bezeich- nen.
Sie führten mit Hilfe von Pflegepersonen und Student(inn)en zahlreiche weitere Untersu- chungen chronisch erkrankter Patient(inn)en durch und stellten fest, dass der Bezugsrah- men für diejenigen, die ihn bereits anwendeten überaus hilfreich war. Nach dieser Erkennt- nis veröffentlichten sie Grundzüge des Bezugsrahmens in diversen Fachzeitschriften sowie in einem Buch über chronische Krankheiten und Lebensqualität. Bis Ende der 80er Jahre wurde die Theorie aufgrund weitergehender Studien, Beobachtungen und Gespräche mit Angehörigen immer wieder überarbeitet und erweitert.
Die Krankenschwester Juliet Corbin betreute zu dieser Zeit chronisch kranke Patien- t(inn)en in häuslicher Umgebung.
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Dadurch kam sie auf den Gedanken ein Modell zu verwenden, das die Probleme der chronischen Erkrankung nach der akutmedizinischen Versorgung in ihrer Gesamtheit erfasst, um somit eine umfangreiche und effektive Pflege zu gewährleisten. Da sie bereits im Auftrag von Strauss und Glaser ein Seminar über chronische Krankheiten für Pflegepersonal gehalten hatte, war sie mit dem Bezugsrahmen der Pflege- und Krankheitsverlaufskurve vertraut und zog dieses Modell bezüglich ihrer Überlegungen aus der Praxis in Betracht. Aufgabe war es nun, die allgemeine Theorie des Bezugsrahmens in ein Modell umzuwandeln, das von Pflegekräften praktisch genutzt werden kann (Corbin und Strauss 1998).
4 Theoretische Grundlagen der Pflege- und Krankheitsverlaufskurve
Eine chronische Erkrankung durchläuft bis zum Tode des/der Patienten/in verschiedene Stadien. Corbin und Strauss identifizierten neun solcher Phasen, deren Bezeichnungen sich aus dem Krankheitszustand ableiten, sich aber nicht nur auf medizinische Aspekte, sondern auch auf den Bewältigungsprozess beziehen: Die Phase vor dem Auftreten der Symptome und somit vor dem Beginn der Verlaufskurve; die diagnostische Phase, in der die Verlaufs- kurve beginnt; die akute Phase; die kritische Phase; die stabile Phase; die instabile Phase; die Genesungsphase; die abwärts verlaufende Phase und die Phase des Sterbens. Die einzelnen Stadien stellen die potenziellen Veränderungen im Verlauf einer chronischen Krankheit dar und sind nicht als lineare Stufenfolge zu sehen. Manche Erkrankungen ver- laufen im Wesentlichen stabil, andere hingegen unterliegen im Verlauf starken Schwan- kungen und gehen vielleicht nie in eine stabile Phase über (Corbin 1993).
Um auf den Krankheitsverlauf im Sinne von Symptombehandlung, Lernen des Umgangs mit Behinderung/Beeinträchtigung und evtl. Bestimmung des Ausgangs der Entwicklung einwirken zu können, sind gemeinsame Anstrengungen von dem/der Patienten/in, Angehö- rigen und Pflegekräften vonnöten. Die Pflege- und Krankheitsverlaufskurve stellt diesbe- züglich eine Richtlinie zur Orientierung dar und umfasst bedeutsame Aspekte der Erkran- kung mit ihren Symptomen, die Biografie des/der Patienten/in als auch den medizinischen Behandlungsplan und die Anwendung alternativer Behandlungsmethoden, wie z. B. Akku- punktur, Meditation und Phytotherapie.
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Das Schema der Pflege- und Krankheitsverlaufskurve dient also dazu, den Fortgang der Erkrankung sichtbar zu machen, die gestellten Ziele zu verfolgen und sich auf eventuell eintretende Zustandsveränderungen einzustellen.
Bis zu welchem Grad der Bezugsrahmen angewendet werden kann, hängt stark von den Umständen ab, die die/den erkrankte/n Patientin/en umgeben. Im Vordergrund stehen hier- bei medizintherapeutische Faktoren, wie z. B. die Art und Dauer der Behandlungstechni- ken sowie die Anzahl und Art ihrer Nebenwirkungen. Ressourcen aus Kenntnissen, Fähig- keiten und Fertigkeiten, über die der/die Patient/in verfügt, im Zusammenhang mit der so- zialen, bürokratischen und finanziellen Unterstützung, die er/sie erhält, sollten in den Kon- text mit einbezogen werden. Als wichtiger Punkt ist auch die Persönlichkeit des/der Patien- ten/in zu nennen: Jeder Mensch hat eine Lebensgeschichte und ist entsprechend dieser in seinen Einstellungen, Überzeugungen, Erfahrungen und Erlebnissen geprägt. Die Art und vor allem das Ausmaß dieser Umstände tragen wesentlich zur Erleichterung, Erschwerung oder Verzögerung des Verlaufs der Krankheitsbewältigung bei.
Diesbezüglich spricht man zusammenfassend vom Krankheitsmanagement, das als obers- tes Ziel die Aufrechterhaltung der Lebensqualität beinhaltet. Es hat zudem die Funktion der Organisation, damit alle wichtigen Schritte ausgeführt und keine Aufgaben übersehen werden, was sich nachteilig auf den Gesamtprozess auswirken könnte (Corbin und Strauss 1998).
5 Pflegerische Implikationen der Chronizität
Die dem Bezugsrahmen zugrunde liegende Philosophie ist die der Chronizität. Sie wird als langsam schleichender Verlauf einer Krankheit mit einem episodischen Wesen definiert. Oft sind verhältnismäßig große Anstrengungen zur Bewältigung vonnöten, medizinische Komplikationen können eintreten und aufgrund möglicher sozialer Isolation ist eine konti- nuierliche psychosoziale Betreuung notwendig. Chronisch erkranken können Menschen je- den Alters, auch wenn sie bestrebt sind, dies zu verhindern oder ihre angeborene Erkran- kung unter Kontrolle zu halten.
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Bestimmte Aktivitäten, wie z. B. Körperpflege, Ernährung und Ausscheidung, müssen trotz der chronischen Krankheit ein Leben lang verrichtet und persönliche Tätigkeiten (Hobbies) wollen ebenfalls weiterhin ausgeübt werden. Deshalb sind individuelle Präven- tion und ein Krankheitsmanagement stringent erforderlich. Für die Durchführung dieser Präventions- und Behandlungsmaßnahmen sind die Patient(inn)en in Zusammenarbeit mit den Angehörigen und Pflegekräften verantwortlich. Im Kontext des Präventions- und Krankheitsmanagements sind nicht nur die spezifischen Merkmale der Erkrankung und ihrer Therapie zu sehen, sondern auch die Biografie und die derzeitigen Lebensumstände der erkrankten Personen. Im Mittelpunkt stehen deshalb Entscheidungen über die Weiter- führung täglicher Aktivitäten und des Fortlaufs der Lebensgestaltung, die größtenteils schwierig und auch schmerzlich für die erkrankten Menschen sein können.
Ein weiterer Aspekt der Pflege bei Chronizität ist die Prävention zusätzlicher und/oder Fol- geerkrankungen. Es sollen Möglichkeiten gefunden werden, dass der/die Patient/in die Krankheit akzeptiert und lernt mit ihr zu leben. Pflegerische Interventionen sollen darauf abzielen, die Gestaltung des Krankheitsverlaufs, das Leben mit der Erkrankung sowie die Prävention zu fördern. Dabei müssen Krankheit, Biografie und Aktivitäten im Zusammen- hang gesehen werden, und die Pflege muss kontinuierlich erfolgen. Anhand der Pflege- und Krankheitsverlaufskurve kann man sich den Ablauf der Erkrankung vorstellen und durch die Einschätzung der Vergangenheit und Zukunft die eingesetzten Pflegemaßnah- men aktualisieren und planen.
Die meisten chronisch erkrankten Patient(inn)en leben in häuslicher Umgebung, was im- pliziert, dass auch die Zahl der durchzuführenden Aktivitäten im Rahmen der Prävention und Bewältigung hoch ist. Deshalb werden stationäre Einrichtungen nur als Ergänzung an- gesehen. Die häusliche Umgebung sollte der Person mit ihrer Krankheit und den erforderli- chen Behandlungsmaßnahmen angepasst sein, auch ist es wichtig, dass z. B. die Angehöri- gen emotional und technisch in der Lage sind, medizintechnische Geräte zu handhaben. Im Verlauf einer chronischen Krankheit kann es innerhalb der Phasen dazu kommen, dass die Patient(inn)en in eine andere Umgebung wechseln müssen, etwa vom Krankenhaus nach Hause oder von dort in eine pflegerische Einrichtung. Auch auf solche Situationen sollten die Patient(inn)en und ihre Angehörigen vorbereitet sein, um damit angepasst umgehen zu können.
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Die begleitende Pflege sollte als ein fortlaufender Prozess gesehen werden, der an der ent- sprechend der krankheitsbedingten Veränderungen umgearbeiteten Pflege- und Krank- heitsverlaufskurve ausgerichtet wird. Als Grundlage für die begleitende Pflege dient der Pflegeprozess, der neben der direkten Pflege und Beobachtung des/der Patienten/in ebenso die Aufklärung, Beratung, bürokratische Unterstützung und das Treffen von Vorkehrungen beinhaltet. Diesbezüglich richtet die Pflege ihre Aufmerksamkeit auf die erkrankte Person, Angehörige, das soziale Umfeld und auch die Gesellschaft. Der Pflegeprozess zielt darauf ab, dem/der Patienten/in bei der Bewältigung des Krankheitsverlaufs zu helfen und die Le- bensqualität wiederherzustellen oder aufrechtzuerhalten. Die Pflegepersonen als Exper- t(inn)en in der Durchführung einer umfassenden Pflege und Betreuung haben die Möglich- keit, einen bedeutenden Beitrag zur Pflege chronisch kranker Menschen zu leisten (Corbin und Strauss 1998).
6 Vorgehensweise zur Anwendung des Bezugsrahmens der Pflege- und Krankheitsverlaufskurve
Der erste Schritt zur Durchführung des Pflegeprozesses nach dem Konzept der Pflege- und Krankheitsverlaufskurve ist eine Einstufung der Patient(inn)en und Angehörigen sowie das gemeinsame Festlegen von Zielen. Probleme sollen erkannt und Grundlagen zur Festle- gung spezifischer Ziele der Pflegeinterventionen müssen geschaffen werden. Hinsichtlich des Zusammenwirkens von Erkrankung, Biografie und Aktivitäten erfolgt die Einstufung:
Einteilung in Stadien, Substadien, frühere Stadien sowie Symptome und körperliche Einschränkungen;
Übertragung der Vorstellungen aller am Behandlungsprozess beteiligten Personen; Einbezug der schulmedizinischen und alternativen Behandlungsformen; Überlegungen, wo, wie, durch wen und bis zu welchem Grad das Behandlungsschema umgesetzt werden soll;
Beachtung des Umgangs der einzelnen Angehörigen mit der Erkrankung; Treffen von Vorbereitungen zur Durchführung täglicher Aktivitäten.
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Danach kann die Pflegeperson anhand der vorgenommenen Einstufung zusammen mit dem/der informierten Patienten/in und den Angehörigen Ziele des Prozesses festsetzen, die dem jeweiligen Stadium angepasst und praktisch realisierbar sind.
Das oberste Ziel ist dabei die Aufrechterhaltung der Lebensqualität. Andere Ziele können sein:
Hilfe bei der Überwindung eines Stillstandes oder einer Instabilität im Verlauf; Unterstützung bei der Umstellung der Gewohnheiten und des Lebensstils zur Förde- rung des Gesundheitszustandes und Verhinderung von weiteren oder resultierenden Er- krankungen;
Anpassung der Aktivitäten bei Verschlechterung des Krankheitsverlaufs; Psychologischer Support in Krisenmomenten.
Nachfolgend ist es möglich, gemeinsam die pflegerischen Maßnahmen zu formulieren. Die Pflegekraft sollte überprüfen, ob die Interventionen angemessen, effektiv und vielseitig sind, um der Krankheit und der Bewältigung biografischer und alltäglicher Anforderungen gerecht zu werden. Alle eingebundenen Personen sollten sich stets vergegenwärtigen, mit welchen Maßnahmen gerade welches Ziel angestrebt wird.
Weiterhin soll festgestellt werden, welche Umstände in welcher Art und Weise verändert werden müssen, um das Erreichen der Ziele jeder einzelnen Pflegeintervention dem/der Pa- tienten/in zu ermöglichen. Dies impliziert, dass der/die Erkrankte über seine/ihre Krankheit und die Behandlungsmaßnahmen informiert ist, eventuelle Missverständnisse beseitigt und alle am Bewältigungsprozess beteiligten Personen motiviert sind, eigene Vorschläge zur Erreichung der Ziele einzubringen.
Gemäß des vorher festgelegten Schemas erfolgt nun die pflegerische Umsetzung. Wenn sich Veränderungen durch die Krankheit und ihren Verlauf oder der Person und ihrer Bio- grafie ergeben, ist es wichtig, die Interventionsschwerpunkte und ggf. Ziele erneut zu defi- nieren.
Eine Evaluation der eingesetzten Maßnahmen auf ihre Effektivität sollte regelmäßig erfol- gen.
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Dies stellt jedoch hinsichtlich der chronischen Erkrankungen einen besonders schwierigen Vorgang dar, auch wenn die Ziele und Behandlungskriterien genau auf die Bedürfnisse des/der Patienten/in ausrichtet sind. Als wesentlicher Grund hierfür wird die verzögerte Wirkung der eingesetzten Maßnahmen bei Chronizität angesehen, die mitunter auch nur in geringem Maße zutage treten kann. Es ist unabdingbar, dass der/die Patient/in, die An- gehörigen und die Pflegeperson für die Realisierung der gesteckten Ziele viel Geduld auf- bringen. Oft ist es notwendig, verschiedene Formen der Intervention zu erproben und da- nach abzuwarten, bis sich eine Gesamtwirkung der pflegerischen Handlungen beobachten lässt.
Die seitens des/der Patienten/in und der Angehörigen selbstständig durchgeführten Pflege- maßnahmen sollten fortlaufend mit der Pflegeperson evaluiert werden, um ein eventuelles Scheitern zu verhindern oder notwendige Veränderungen vornehmen zu können (Corbin und Strauss 1998).
7 Zusammenfassung
Corbin und Strauss entwickelten über viele Jahre das Modell des Bezugsrahmens der Pfle- ge- und Krankheitsverlaufskurve, das einen wichtigen Beitrag für die Versorgung chro- nisch erkrankter Menschen leisten kann. Es bietet der praktischen Pflege eine philosophi- sche Grundlage und kann als Richtlinie für die tägliche Betreuung unter Einbeziehung der Patient(inn)en und ihren Angehörigen gesehen werden.
Hervorzuheben ist, dass dieses Konzept die Ressourcen und die Lebensgeschichte der er- krankten Person in den Bewältigungsprozess mit einbezieht, sowie eine perspektivische Ausrichtung hat, die den Patient(inn)en Optimismus hinsichtlich ihrer weiteren Lebensge- staltung und Aufrechterhaltung der Lebensqualität vermitteln kann.
Während der Ausarbeitung war auffällig, dass nur Primärliteratur über dieses Pflegemodell vorhanden ist, es auch in Pflege- oder Medizinlexika und -sammelbänden kaum oder keine Erwähnung findet. Zudem war mir die aktuellste Ausgabe von „Chronisch Kranke pflegen:
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Das Corbin-Strauss-Pflegemodell“ aufgrund des Erscheinungsjahres 2004 leider noch nicht zugänglich. Des Weiteren warfen sich Fragen bezüglich einiger Begrifflichkeiten auf, z. B. nach einer allgemeinen, einleitenden Definition des Bezugsrahmens oder ob mit dem Begriff „Familie“ tatsächlich nur die Verwandten gemeint sind. Da m. E. eine Ein- beziehung des/der Lebens- oder Ehepartners/in in den Bewältigungsprozess ebenfalls not- wendig ist, habe ich mich entschieden, den Begriff „Familie“ nicht zu benutzen, sondern an dessen Stelle „Angehörige“ einzusetzen, um das Spektrum zu erweitern.
Zu kritisieren ist ebenfalls, dass Corbin und Strauss keine konkrete Angabe zur grafischen Darstellung der Verlaufskurve geben. Verglichen am therapeutischen Erfolg der Schmerz- kurve und des -tagebuches in der Schmerztherapie, erscheint die Erstellung einer grafi- schen Kurve gerade bei chronischen Erkrankungen als lohnend, um deren Verlauf genauer nachvollziehen zu können, insbesondere dann, wenn schon ein Modell der „Pflege- und Krankheitsverlaufskurve“ entwickelt wurde.
Abschließend lässt sich sagen, dass dieses Pflegemodell mit einigen Weiterentwicklungen und Veränderungen durchaus ein interessantes und praxisfähiges Modell zur Betreuung chronisch erkrankter Menschen darstellen kann. Die Einbeziehung aller die erkrankte Per- son umgebenden Faktoren ist eine Grundlage, die der Betrachtung der Ganzheitlichkeit ei- nes Menschen gerecht und in der zukünftigen gesundheitspolitischen und -wissenschaftli- chen Entwicklung auf Beachtung stoßen wird.
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8 Quellenverzeichnis
1 Juchli, L.: Pflege von chronisch und Langzeitkranken. In: Krankenpflege: Praxis
und Theorie der Gesundheitsförderung und Pflege Kranker. Thieme; Stuttgart, New
York; (1991) S.875
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9 Literaturverzeichnis
Baldegger, E.: Bewältigung/Coping. In: Käppeli, S. (Hg.): Pflegekonzepte: Phänomene im Erleben von Krankheit und Umfeld. Hans Huber; Bern, Göttingen, Toronto, Seattle; (2000) 125-143
Corbin, J. M.: Chronizität und das Verlaufskurvenmodell In: System Familie: Forschung, Beratung, Therapie. Bd. 6; Springer; Berlin, Heidelberg, New York; (1993) 151-160
Corbin, J. M.; Strauss, A.: Ein Pflegemodell zur Bewältigung chronischer Krankheiten. In: Woog, P. (Hg.): Chronisch Kranke pflegen: Das Corbin-Strauss-Pflegemodell. Ullstein Medical Verlagsgesellschaft mbH und Co.; Wiesbaden; (1998) 1-30
Juchli, L.: Pflege von chronisch und Langzeitkranken. In: Krankenpflege: Praxis und The- orie der Gesundheitsförderung und Pflege Kranker. Thieme; Stuttgart, New York; (1991) 875-887
Rüger, U.; Blomert, A. F.; Förster, W. In: Dührssen, A. (Hg.): Coping: Theoretische Kon- zepte, Forschungsansätze; Messinstrumente zur Krankheitsbewältigung. Verlag für Medi- zinische Psychologie im Verlag Vandenhoeck und Ruprecht; Göttingen; (1990) 9-17
Schüssler, G. In: Rüger, U. (Hg.): Bewältigung chronischer Krankheiten: Konzepte und Er- gebnisse. Vandenhoeck und Ruprecht; Göttingen; (1993)
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Quote paper:
Dipl.-Pflegewirtin (FH) Anike Bäslack, 2004, Bewältigung chronischer Krankheiten: Das Corbin-Strauss-Modell, Munich, GRIN Publishing GmbH
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