Übung:
Die römische Welt zwischen Heidentum und Christentum Semester: Wintersemester 2003/04
Justin und die griechische Philosophie am Beispiel der Logoslehre Justins.
Verfasser: Dominik Johänntgen Studiengang: LA Sek. I/II Geschichte/Sozialwissenschaften/Mathematik Fachsemester: 3
Inhalt
Abk ürzungsverzeichnis
1. Einleitung
1.1. Fragestellung und Methodik
1.2. Quellenlage und Sekundärliteratur
2. Rahmen der Betrachtungen
2.1. Begriffsdefinitionen
2.1.1. Apologeten und Apologien
2.1.2. Mittelplatonismus
2.1.3. Logos und Logoi Spermatikoi
2.2. Justin und seine Zeit
3. Die Logoslehre Justins
3.1. Die Verwendung des Begriffs Logos in den Apologien Justins
3.1.1. Der fleischgewordene Logos Jesus Christus
3.1.2. Der Heilige Geist als Logos
3.1.3. Die Logoi Spermatikoi in den menschlichen Seelen
3.2. Die Logoslehre Justins in der Forschungsdiskussion
3.2.1. Abriss der Forschungsdiskussion
3.2.2. Konfliktlinien
4. Zusammenfassung
5. Literaturverzeichnis
2
Abkürzungsverzeichnis
Andresen = Andresen, Carl; „Justin und der mittlere Platonismus”; Der Mittelplatonismus;
Barnard = Barnard, L. W.; Justin Martyr. His Life and Thought; Cambridge, 1967 Heid Heid, Stefan; s. v. Iustinus Martyr I; Reallexikon für Antike und Christentum XIX (2001); Sp. 801 - 847 Hyldahl = Hyldahl, Niels; Philosophie und Christentum. Eine Interpretation der Einleitung
Iust. = Iustinus Apol. = Apologie Dial. = Dialog mit dem Juden Tryphon Joh. = Johannes Luk. = Lukas Plat. = Platon Tim. = Timaios Nahm = Nahm, Charles; The Debate on the “Platonism“ of Justin Martyr; in The Second Century. A Journal of Early Christian Studies; V. 9, N. 1, 1992; S.129-151 Opsomer Opsomer, Jan; s. v. Logos; Wörterbuch der antiken Philosophie; hg. v. C. Horn; München, 2002; S. 254 ff. Price = Price, R. M.; „“Hellenization“ and Logos Doctrine in Justin Martyr“; Vigiliae Christianae. A review of early Christian life and language 42 (1988); S. 18-23 Wegenast = Wegenast, Klaus; s. v. Apologeten; Der kleine Pauly I (1964); Sp. 455 Zintzen = Der Mittelplatonismus; hg. v. C. Zintzen; Darmstadt, 1981 (Wege der
1. Einleitung
1.1. Fragestellung und Methodik
Die vorliegende Hausarbeit beschäftigt sich mit dem christlichen Apologeten Justin. Hierbei soll durch eine Betrachtung der Apologie Justins geklärt werden, auf welchen Bedeutungsebenen Justin den Begriff Logos verwendet. Darüber hinaus soll durch eine Betrachtung der Forschungsdiskussion die Frage beantwortet werden, wo die Quellen für Justins Logoslehre liegen.
Hierzu habe ich in Kapitel zwei die wichtigsten Begriffe geklärt und dann im ersten Teil des dritten Kapitels durch Quellenarbeit an Justins Apologie die Bedeutungsebenen der Logoslehre Justins herausgearbeitet. Im zweiten Teil des dritten Kapitels bin ich auf die Forschungsdiskussion zur Quelle Justins Logoslehre eingegangen und habe dann versucht, die wichtigsten Konfliktlinien herauszuarbeiten. In Kapitel vier habe ich abschließend meine Ergebnisse zusammengefasst, und versucht zu einer Bewertung zu kommen
1.2. Quellenlage und Sekundärliteratur
Zur Quellenlage ist zu sagen, dass Eusebius von Caesarea 1 in seiner Kirchengeschichte zahlreiche Schriften Justins kurz vorstellt, von denen uns allerdings nur zwei, die Apologie 2 sowie der Dialog mit dem Juden Tryphon 3 erhalten sind 4 . In den späteren Übersetzungen wurde allerdings in erste und zweite Apologie unterschieden, obwohl Eusebius nur von einer Apologie sprach. Heute wird angenommen, dass die zweite Apologie eigentlich ein Teil der ersten Apologie ist und die Trennung erst durch die spätere Überlieferung entstanden ist 5 .
1 Eusebius von Caesarea. Kirchengeschichte; Hg. v. Heinrich Kraft; München 1967; Buch IV, 18
2 Justin, der Märtyrer; Die beiden Apologien; Aus dem Griechischen übersetzt von G. Rauschen, in:
Bibliothek der Kirchenväter, Bd. 12: Frühchristliche Apologeten und Märtyrerakten, Bd. 1; hg. v. O.
Bardenhewer, Th. Schermann, K. Weymann; Kempten/ München 1913; Apol. I, 1-68 und Apol. II, 1-15
3 Justin, der Märtyrer; Dialog mit dem Juden Tryphon; Aus dem Griechischen übersetzt und mit einer
Einleitung versehen von Ph. Haeuser, in: Bibliothek der Kirchenväter, Bd. 33: Justinus Dialog und Pseudo-
Justinus Mahnrede; hg. v. O. Bardenhewer, Th. Schermann, K. Weymann; Kempten/ München 1917
4 Heid, Stefan; s. v. Iustinus Martyr I; Reallexikon für Antike und Christentum XIX (2001); Sp. 802
5 Heid; Sp. 803
4
Diese beiden Schriften liegen allerdings nur in einer Handschrift, der Pariserhandschrift Nr. 450 von 1364 n. Chr., vor. Alle übrigen bekannten Handschriften sind nur Abschriften dieser einen, so dass keine Möglichkeit zur Überprüfung und Verbesserung des Textes besteht. Lediglich einige erhaltene Textfragmente bei Eusebius und Johannes Damascenus haben eine Überprüfung und Verbesserung einiger Textpassagen zugelassen. 6 Neuere Übersetzungen, außer einer Teilübersetzung, ausgewählter Textstellen der ersten und zweiten Apologie sowie des Dialoges aus dem Jahr 1963 7 sind mir nicht bekannt. Daher habe ich für die vorliegende Arbeit, um den Text als Ganzes verfügbar zu haben, die Edition aus der Bibliothek der Kirchenväter verwendet.
Die aktuellste wissenschaftliche Zusammenfassung der Justinforschung liegt im Reallexikon für Antike und Christentum aus dem Jahr 2001 vor 8 . Daneben gibt es noch eine Zusammenfassung der Forschungsdiskussion zum Platonismus Justins aus dem Jahr 1992 von Charles Nahm 9 und eine immer noch aktuelle Monographie über Justin aus dem Jahr 1967 von Barnard 10 . Außerdem fasst Hausammann wichtige Aspekte zu Justin in ihrer Kirchengeschichte aus dem Jahr 2001 zusammen 11 .
Streitpunkt in der Justinforschung war vor allem Justins Zuordnung zu einer philosophischen Schulrichtung und die Frage, inwieweit Justin eher als Philosoph oder reiner Christ zu sehen ist.
6 Textgeschichte bei: Hyldahl, Niels; Philosophie und Christentum. Eine Interpretation der Einleitung zum
Dialog Justins; Kopenhagen 1966; S. 13 f . (Acta Theologica Danica Vol. IX; hg. v. E. Curaverunt, T.
Christensen, E. Nielsen, J. Munck, R. Prenter)
7 Die Apologeten, Heft 2-I; Ausgewählt und übersetzt von Helmut Ristow, in: Quellen. Ausgewählte Texte
aus der Geschichte der christlichen Kirche; hg. v. H. Ristow, W. Schultz; Berlin 1963
8 Heid
9 Nahm, Charles; „The Debate on the “Platonism“ of Justin Martyr“; The Second Century. A Journal of Early
Christian Studies 9 (1992); S. 129 ff.
10 Barnard, L. W.; Justin Martyr; His Life and Thought; Cambridge 1967
11 Hausammann, Susanne; Alte Kirche: zur Geschichte und Theologie in den ersten vier Jahrhunderten. Bd. 1
Frühchristliche Schriftsteller: apostolische Väter, Häresien, Apologeten; Neukirchen-Vluyn, 2001; S. 175 ff.
5
An den Extrempolen dieser Diskussion sind vor allem Carl Andresen 12 , der Justin als mittelplatonischen Philosophen sah, und Niels Hydahl 13 , der wiederum versuchte herauszustellen, dass Justin überhaupt nicht durch die griechische Philosophie beeinflusst war, zu nennen.
Wie so oft liegt die Wahrheit allerdings wahrscheinlich in der Mitte der Extrempositionen. Nahm kommt in seiner Zusammenfassung der Forschungsdiskussion zu dem Schluss, dass Justin als überzeugter Christ der Philosophie durchaus kritisch gegenüber steht allerdings durchaus auch einige philosophische Elemente übernimmt 14 . Justin ist mit den grundlegenden Gedanken Platos und wichtiger anderer philosophischer Richtungen durch sein Studium des Mittelplatonismus vertraut und war schon vor seiner Bekehrung zum Christentum ein religiöser Philosoph im Sinne des Mittelplatonismus 15 .
12 Andresen, Carl; „Justin und der mittlere Platonismus”; Der Mittelplatonismus; hg. v. C. Zintzen;
Darmstadt, 1981 (Wege der Forschung; Bd. 70); S. 319 ff.; = Zeitschrift für katholische Theologie 44
(1952/53); S. 157 ff.
13 Hyldahl, Niels; Philosophie und Christentum. Eine Interpretation der Einleitung zum Dialog Justins;
Kopenhagen 1966 (Acta Theologica Danica Vol. IX; hg. v. E. Curaverunt, T. Christensen, E. Nielsen, J.
Munck, R. Prenter)
14 Nahm, S. 151
15 Heid; Sp. 806 f.
6
2. Rahmen der Betrachtungen
2.1. Begriffsdefinitionen
2.1.1. Apologeten und Apologie
Als Apologeten bezeichnet man die Verteidiger des Christentums im 2. und 3. Jahrhundert nach Christus, die versuchten, die christliche Lehre zu rechtfertigen und gegen heidnische Angriffe zu verteidigen. Die Apologeten waren auch die ersten, die mit philosophischen Begriffen arbeiteten und damit diese in das Christentum integrierten 16 . Apologien wiederum werden zum einen die Schriften dieser Apologeten genannt, aber auch spätere Schriften des 3. bis 5. Jahrhunderts n. Chr., die auch die christliche Lehre verteidigten 17 .
Bei diesen späteren christlichen Schriftstellern des 3. bis 5. Jahrhunderts spricht man allerdings nicht mehr von Apologeten, da diese in ihren Schriften aufgrund der stärkeren Stellung des Christentums vor allem ab dem 4. Jahrhundert anders argumentieren konnten, und die Schriften so auch thematisch unterschiedlich aufgebaut sind.
2.1.2. Mittelplatonismus
Unter Mittelplatonismus wird die Ausprägung der platonischen Akademie von der Mitte des 1. Jahrhunderts v. Chr. bis zu Beginn des 3. Jahrhunderts n. Chr. verstanden, die vor allem durch eine Vermischung platonischer Gedanken mit anderen philosophischen Lehren gekennzeichnet ist. 18
Dies ist in dieser Hausarbeit von Bedeutung, da der Mittelplatonismus zu Lebzeiten Justins die gängige Auslegung Platons war, und Justins Platonverständnis nicht vom klassischen Platon herrührt, sondern stark vom Mittelplatonismus beeinflusst ist. 19
16 Wegenast, Klaus; s. v. Apologeten; Der kleine Pauly I (1964); Sp. 455
17 Wegenast; Sp. 455
18 Zintzen; S. IX
19 Andresen; S. 324
7
2.1.3. Logos und Logoi Spermatikoi:
Das Wort Logos hat im klassischen Griechisch mehrere Bedeutungsebenen. Es bezeichnet zum einen die Rede im Allgemeinen, kann aber auch für Überlegung, Ansicht, Meinung oder Vernunft stehen. Es wird ebenfalls im Sinne einer verlässlichen Darstellung im Gegensatz zu Mythos aber auch genauso für leeres Gerede, das der Tat gegenübersteht, verwendet 20 .
Aus dieser recht breiten Basisbedeutung, die man noch weiter zurückführen kann auf die Bedeutungen Aufzählung und Erzählung, geht das Wort schließlich von Anfang an in den philosophischen Sprachgebrauch ein.
Platon benutzt Logos auch in fast allen Bedeutungsebenen, von denen im Folgenden nur wenige genannt werden 21 . Im Timaios spricht die Allseele das, was sie erkennt, in einem Logos 22 , im Sinne einer vernünftigen Darstellung aus. Neben dieser Bedeutung steht Logos allerdings auch noch für die Vernunft an sich als ein Vermögen der Seele 23 .
Bei den Stoikern 24 hat Logos ebenfalls unterschiedliche Bedeutungen. In der Physik stellt der Logos die der Welt innewohnende Rede dar, die der Welt ihre Beschaffenheit gibt. Der Logos ist somit das kosmische Gesetz, welches das gesamte Geschehen in der Welt bestimmt. Die logoi spermatikoi stellen hierbei Ausflüsse oder Absplitterungen des Logos dar. Sie sind somit Samen des Logos, die jedem Menschen innewohnen, durch die alles im Voraus festgelegt ist, und mit deren Hilfe der Weise Anteil am Logos haben kann.
Der Philosoph Philon von Alexandrien verschmolz diese stoische Logoslehre mit der platonischen Vorstellung der Weltseele und dem biblischen Bild des durch sein Sprechen schaffenden Gottes. Der Logos ist somit der schöpferische und gestalterische Teil Gottes, zum einen der Gedanke Gottes, der das Muster der Welt darstellt, und zum anderen das Instrument, durch welches Gott etwas erschafft 25 .
20 Opsomer, Jan; s. v. Logos; Wörterbuch der antiken Philosophie; hg. v. C. Horn; München, 2002; S. 254 f.
21 Opsomer; S. S. 256 ff.
22 Tim. 51e3-6
23 Tim. 70a5
24 Opsomer; S. 259 f.
25 Opsomer; S. 260
8
2.2. Justin und seine Zeit
Justin wurde um 100 n. Chr. als Kind heidnisch römischer oder vielleicht auch griechischer Eltern 26 in Flavia Neapolis 27 geboren. Er bekam eine grammatische sowie rhetorische Ausbildung und lernte dann in einer platonischen Schule 28 . Inwieweit allerdings die Selbstbeschreibung seiner philosophischen Laufbahn der Wirklichkeit entspricht, ist umstritten. Zwar betont Heid, dass verschiedene Schulwechsel nichts Ungewöhnliches waren, doch entspricht die Form der Darstellung einem zu seiner Zeit üblichen rhetorischen Muster 29 .
Justins Kenntnisse über die philosophischen Schulen könnte jedoch auch aus seiner schulplatonischen Ausbildung herrühren, in der auch die Lehrer aus anderen philosophischen Richtungen vermittelt wurden 30 .
Bereits vor seiner Bekehrung, die nach Justins Äußerungen von den Prophezeiungen des Alten Testaments und dem schillernden Beispiel der christlichen Märtyrer herrührt, war Justin ein religiöser Philosoph 31 .
Nach seiner Bekehrung erfuhr er eine intensive christliche Ausbildung, und er trat in eine christliche Lehrtradition ein, die versuchte, die Ankündigung des Messias im Alten Testament zu tradieren 32 . Danach lebte und unterrichtete Justin längere Zeit in Rom, wo er allerdings keine fest installierte Schule aufbaute.
Unter dem Stadtpräfekten Rusticus wurde Justin 165 n. Chr. hingerichtet und erlitt damit den Märtyrertod, da er sich den heidnischen Opfern verweigerte.
26 Hausammann; S. 176
27 früher Sichem, heute Nablus; Angabe zit. n. Hausmmann; S. 176
28 Heid; Sp. 805
29 Heid; Sp. 806
30 Heid; Sp. 806
31 Heid; Sp. 807 f.
32 Heid; Sp. 808
9
Justins Apologie wird auf die Zeit um 150/55 n. Chr. datiert und ist an Kaiser Antonius Pius 33 , der bis 161 n. Chr. regierte, sowie an dessen Söhne gerichtet.
Ab 161 regierten dann Marcus Aurelius und L. Verus. In ihren Regierungsjahren von galt allerdings weiterhin das Trajanreskript aus dem Jahr 110/113, wonach Christen nicht aufgespürt und anonyme Anzeigen nicht beachtet werden sollen. Bei einer ordnungsgemäßen Anzeige sollen Christen jedoch, falls sie nicht ihrem Glauben abschwören, bestraft werden 34 .
33 Heid; Sp. 803
34 Vogt, Joseph; s. v. Christenverfolgung I (historisch, Bewertung durch Heiden und Christen); Reallexikon
für Antike und Christentum II (1954); Sp. 1173 f.
10
3. Die Logoslehre Justins
3.1. Die Verwendung des Begriffs Logos in Justins Apologien
Justin verwendet den Begriff Logos sehr häufig in seinen beiden Apologien, allerdings auf verschiedenen Bedeutungsebenen. Zum einen bezeichnet Justin Jesus Christus als den personalisierten Logos, der auch schon, bevor er als Mensch geboren wurde, der Logos war, zum anderen nennt Justin aber auch den Heilige Geist Logos. Und weiterhin spricht er vom keimhaften Logos, welcher ein Teil der menschlichen Seelen ist. Diese drei Bedeutungsebenen der Logoslehre möchte ich im Folgenden etwas genauer darstellen.
3.1.1. Der fleischgewordene Logos Jesus Christus
Schauen wir uns zuerst einmal Jesus Christus in der Darstellung Justins an. Zum ersten betont Justin, dass Christus der Logos und erstgeborener Sohn Gottes ist. Justin schreibt hier: „ Es ist aber der Logos die erste Kraft nach Gott, dem Vater des All, und sein Sohn“ 35 . Aber auch in vielen anderen Stellen betont Justin, dass Jesus Christus der Logos ist 36 . Zum zweiten versucht Justin, wenn er schreibt: „…, daß der Vater des Alls einen Sohn hat, der als Gottes Logos und Erstgeborener auch Gott ist“ 37 , zu zeigen, dass Christus als der Logos nicht neben Gott steht oder womöglich eine zweite Gottheit bildet sondern als ein Teil Gottes selber Gott ist 38 . Und zum dritten versucht Justin zu zeigen, dass der Logos schon vor seiner Menschwerdung existierte, schon immer in Gott war und Gott durch ihn alles erschuf und ordnete. So schreibt er: „Sein Sohn aber, der allein im eigentlichen Sinne sein Sohn heißt, der Logos, der vor aller Schöpfung in ihm war, und der gezeugt wurde, als er im Anfang alles durch ihn schuf und ordnete, wird Christus genannt, weil er gesalbt wurde und Gott durch ihn alles ordnete…“. Gott ist nach Justin das einzig
35 Apol. I, 32
36 Apol. I, 21: „… der Logos nämlich, welcher Gottes erste Hervorbringung ist,…, nämlich Jesus
Christus,…“ ; 22: „Der Sohn Gottes aber, welcher Jesus heißt,…“;
37 Apol. I, 63
38 Apol. I, 10: „Denn was die menschlichen Gesetze nicht zuwege bringen konnten, das hätte der Logos, da er
göttlich ist, bewirkt, wenn nicht die bösen Dämonen viele Lügen und gottlose Beschuldigungen verbreitet
hätten,…“
11
Ungezeugte im All, da es niemanden geben kann, der älter als Gott ist 39 . Der ungezeugte Gott trug aber von Anfang an den Logos in sich, den er als erstes zeugte, um durch ihn alles zu erschaffen und zu verwalten, denn Gott zeigte sich der Welt nie selber, sondern nur durch seinen Logos Jesus Christus. Damit ist für Justin auch die Unmöglichkeit des Versuchs der Platoniker, Gott selber zu ’schauen’, aufgezeigt, da Gott sich nie selber auf der Erde gezeigt hat, sondern nur der Logos Jesus Christus 40 .
Zusammenfassend konstatiert Justin Christus dann, dass dieser ganz Logos und damit göttlich ist, aber auch wirklich Mensch geworden ist und auch gelitten hat, wie es nur Menschen können 41 .
3.1.2. Der Heilige Geist als Logos
Wenn wir uns jetzt Justins Beschreibungen des Heiligen Geistes näher anschauen, erkennen wir, dass hier allerdings auch eine Unschärfe in Justins Ausführungen liegt, da wir nicht zwischen dem Logos, der später als Jesus Christus Mensch geworden ist, und dem Heiligen Geist 42 unterscheiden können. Zum einen spricht Christus selber als Logos zu den Propheten 43 , zum anderen aber auch der prophetische Geist 44 . Es gibt somit keine Aufgabentrennung zwischen Heiligem Geist und Christus.
Weiterhin spricht Justin davon, dass Christus erst durch die Kraft des Logos Mensch geworden ist 45 . Dabei bleibt allerdings offen, ob er damit aus sich selbst heraus Mensch wurde, da auch er Logos ist, oder hier der Heilige Geist als Logos in Erscheinung tritt. Justin spricht hier von der Kraft und dem Geist Gottes, der über die Jungfrau kam und bewirkte, dass diese schwanger wurde, und weiterhin schreibt er: „ Daß man nun unter dem Geiste und der Kraft Gottes nichts anderes verstehen darf als den Logos, der Gottes
39 Apol. II, 5: „Der Vater des Alls hat, weil ungezeugt, keinen ihm beigelegten Namen. Denn wenn jemand
einen Namen erhält, so ist der Namensgeber älter als er.“
40 Dial. IV, 7
41 Apol. I, 63: „Aber diese Worte dienen zum Beweise, daß Jesus Christus Gottes Sohn und Gesandter ist, der
zuerst Logos war und bald in Feuergestalt, bald ohne körperliche Gestalt, jetzt aber, nach Gottes Willen für
das Menschengeschlecht Mensch geworden, alle Leiden auf sich genommen hat, …“; II, 10: „… der
unseretwegen erschienene Christus der ganz Logos, sowohl Leib als auch Logos und Seele ist.“
42 Von Justin meist als prophetischer Geist bezeichnet; z. B. in Apol. I, 51; I, 33, I, 32
43 Apol. I, 62; I, 33
44 Apol. I, 51; I, 33, I, 32
45 Apol. I, 46; I, 66
12
eingeborener ist, hat der vorhin genannte Prophet Moses angedeutet. Und als dieser Geist auf die Jungfrau kam und sie überschattete, hat er nicht durch Beiwohnung, sondern durch seine Kraft bewirkt, daß sie schwanger wurde.“ 46 Wenn Justin hier vom Logos als Gottes Eingeborenen spricht, ist aus den vorhergehenden Betrachtungen festzustellen, dass er damit Christus meinen muss. Nach der Bibel ist es allerdings der Heilige Geist gewesen, der die Jungfrau schwängerte 47 , was bei Justin auch anklingt, wenn er vom Geist spricht, der über die Jungfrau kommt. Somit sind Christus und Heiliger Geist erst einmal solange nicht zu unterscheiden, bis Christus Mensch wird.
3.1.3. Die Logoi Spermatikoi in den menschlichen Seelen
Die dritte Bedeutungsebene in Justins Logoslehre ist nun die des Logos spermatikos.
Justin spricht davon, dass die an Jesus glaubenden Menschen einen Samen aus Gott in sich tragen, den er auch als Logos bezeichnet 48 . Er betont auch häufiger, dass die Menschen, die schon früher nach ihrer Vernunft gelebt haben, wie z. B. Sokrates, im christlichen Sinne lebten 49 . Jedoch bleibt hier die Frage, ob Justin mit dieser Vernunft auf die Logoi spermatikoi anspielt. In der zweiten Apologie wird er jedoch deutlicher, wenn er davon spricht, dass alles, was Dichter und Gesetzgeber jemals Gutes hervorgebracht haben, auf das in ihnen vorhandene Teilchen vom Logos zurückzuführen ist 50 . Einige Seiten weiter wird allerdings auch klar, dass der Begriff des Logos spermatikos bei Justin nicht einfach mit dem der Stoiker gleichzusetzen ist. Justin geht im Gegensatz zu den Stoikern nicht davon aus, dass die Logoskeime in jedem Menschen ausgestreut sind, und für Justin sind diese Logoskeime auch keine wirklichen Teile des Logos sondern nur Nachbildungen 51
46 Apol. I, 33
47 Luk. 1,31
48 Apol. I, 32
49 Apol. I, 46
50 Apol. II, 10
51 Apol. II, 13: „Denn jeder von diesen [Platoniker, Stoiker, Dichter und Geschichtsschreiber] hat, soweit er
Anteil hat an dem in Keimen ausgestreuten göttlichen Logos und für das diesem Verwandten ein Auge hat,
treffliche Aussprüche getan. … Alle jenen Schriftsteller konnten also vermöge des ihnen innewohnenden,
angeborenen Logoskeimes nur dämonenhaft das Wahre schauen. Denn etwas anderes ist der Keim einer
Sache und ich Nachbild, die nach dem Maße der Empfänglichkeit verliehen werden, und etwas anderes die
Sache selbst, deren Mitteilung und Nachbildung nach Maß der von ihr kommenden Gnade geschieht.“
13
3.2. Die Logoslehre Justins in der Forschungsdiskussion
Im Folgenden werde ich versuchen, durch eine Betrachtung der Sekundärliteratur die Frage zu klären, aus welchen Ursprüngen sich die Logoslehre Justins herleitet.
3.2.1. Abriss der Forschungsdiskussion 52
Harnack 53 beschäftigte sich Ende des 19. Jahrhunderts mit Justin und kam zu dem Schluss, dass Justin die christliche Botschaft mit philosophischen Elementen vermengt, und so die ursprüngliche christliche Botschaft verfälscht hat. Dies führte dazu, dass die Forschung in Justins Logoslehre den Schlüssel zum Hellenisierungsprozess des Christentums 54 suchte. So auch Aal 55 , der die Logoslehre Justins vom griechischen Gegenstück abgeleitet sah.
Anfang des 20. Jahrhunderts untersuchte Lebreton 56 dann die Entstehung der Logoslehre im Stoizismus in griechischen und ägyptischen Mythen sowie bei Philo, dem Juden, und verglich diese mit dem Logosbegriff im Evangelium des Johannes. Er kam, im Gegensatz zu Aall, zu dem Schluss, dass der Logosbegriff des vierten Evangeliums nichts mit den heidnischen oder jüdischen Logoslehren gemeinsam hatte, dass aber dieses Evangelium die Quelle für die Logoslehre Justins war. Somit konnte er keine Übernahme des heidnischen oder philonischen Logos in die Logoslehre Justins erkennen. Unterstützt wurde er von Feder 57 , der annahm, dass die Logoslehre bei Justin auch einfach aus dessen Glauben in die Trinität herrühren könnte, da Justin den Logos als zweite Person der Trinität als den Sohn sah.
52 zusammengefasst und zit. n. Nahm, Charles; The Debate on the “Platonism“ of Justin Martyr; in The
Second Century. A Journal of Early Christian Studies; V. 9, N. 1, 1992
53 Harnack, A. von; Lehrbuch der Dogmengeschichte, I: Die Entstehung des kirchlichen Dogmas; Tübingen,
4 1901
54 Nahm; S. 131
55 Aall, A.; Geschichte der Logosidee, I: In der griechischen Philosophie, II: In der christlichen Literatur;
Leipzig-Reisland, 1896-1899
56 Lebreton, J.; „La théologie de Logos au début de l’ère chrétienne“; Etudes 106 (1906)
57 Feder, A. L.; Justins des Martyrers Lehre von Jesus Christus, dem Messias und dem Menschgewordenen
Sohne Gottes; Friburg im Breisgau, 1906
14
Einige Jahre später kam Goodenough 58 , der Verfasser der ersten Monographie über Justin, zu dem Schluss, dass Justin seine Logoslehre in großen Teilen Philo dem Juden zu verdanken hat, und gleichzeitig der Mittelplatonismus eine wichtige Quelle für theologische Überlegungen Justins war. Auch hob er den persönlichen Charakter der Logoslehre Justins hervor und betonte, dass die Logoslehre nicht fundamental für die Theologie Justins war, sondern nur ein Hilfsmittel zur Erklärung der Lehre vom Sohn Gottes. Justin sei daher weniger an Theorien des Logos interessiert gewesen, als vielmehr einfach nur daran, die Gleichheit Logos Christus zu zeigen. Zum ersten Mal wurde Justin hier auch nicht einer bestimmten philosophischen Richtung zugeschrieben, sondern vor dem Hintergrund des Mittelplatonismus gesehen.
Mitte der fünfziger Jahre stellte Wolfson 59 die philosophische Wesensgleichheit zwischen fleischgewordenen christlichen Logos, Jesus Christus, und dem immanenten Logos Philos heraus. Er sah Justins wichtige Rolle darin, versucht zu haben, den Logosbegriff des vierten Evangeliums im Sinne Philo des Juden zu interpretieren und somit zur Festigung der Trinitätslehre mit beigetragen zu haben.
Andresen 60 griff den von Goodenough aufgezeigten mittelplatonischen Hintergrund Justins auf und versuchte einen anderen Zugang zu Justin durch eine philologische Untersuchung des Begriffs Logos spermatikos zu bekommen. Er kam hierbei zu dem Schluss, dass der Begriff bei Justin nicht im Sinne der Stoa als Welt-Pneuma, sondern als ethisches Prinzip verstanden werden muss. Der Logos spermatikos ist als Ausfluss des Logos gleichzusetzen mit der platonischen Weltseele und zugleich Beschreibung der Beziehung zwischen Gottes Logos als Quelle von Wissen und dem menschlichen Wissen. Andresen betont dies vor dem mittelplatonischen Hintergrund Justins, den er als ganz entscheidend für Justins Logoslehre ansieht, da erst dieser verschiedene philosophische Schulrichtungen wie Stoizismus und Platonismus miteinander vermengt und in einigen Ausprägungen einen stark religiösen Charakter hat.
58 Goodenough, E. R.; The Theology of Justin Martyr; Jena, 1923
59 Wolfson, H. A.; The Philosophy of the Church Fathers I: Faith, Trinity, Incarnation; Cambridge, 1956)
60 Andresen; S. 319 ff.
15
Holte 61 war einer der ersten, der Andresen wegen dessen radikalen Zuordnung Justins zum Mittelplatonismus angriff. Zwar betonte auch Holte die Wichtigkeit des mittelplatonischen Hintergrunds, doch ließe sich die Logoslehre Justins nicht vor dem mittelplatonischen Hintergrund erklären. Der Logosbegriff sollte eher auf die christlich/jüdischen Wurzeln zurückgeführt werden und der Begriff des Logos spermatikos auf Philo den Juden.
Mitte der sechziger Jahre betont Chadwick 62 allerdings auch wieder die Abhängigkeit Justins von der griechischen Philosophie, da Justin davon überzeugt sei, dass nicht Gott auf der Welt erschienen ist, sondern sein Sohn, der Logos, als Stellvertreter. Dies ist ein Indiz für die Abhängigkeit Justins vom Mittelplatonismus, da nach dessen Vorstellung der Vater des Alls nicht das Überhimmlische verlassen kann und somit einen Mittler zur Erde benötigt 63 . Genau zum gegenteiligen Ergebnis kam Hyldahl 64 , der Justin als reinen Christen sieht, der ursprünglich philosophische Begriffe mit christlichen Inhalten füllt und bewusst auf Distanz zur Philosophie geht.
Barnard 65 ist der Verfasser der zweiten und noch aktuellsten Monographie zu Justin. Er betont wiederum die Wichtigkeit des mittelplatonischen Hintergrunds für Justin, gleichzeitig aber auch, dass Justin in christlichen Traditionen verwurzelt war. Allerdings ist er der Auffassung, dass sich Justin nicht auf die Logoslehre Philo des Juden stützt, sondern auf die Bibel und christliche Traditionen.
Price 66 stellt 1987 noch einmal heraus, dass Justin zwar durch den Mittelplatonismus beeinflusst ist, dass jedoch der Begriff des Logos für den Sohn Gottes schon im Evangelium des Johannes vorkommt.
61 Holte, R.; „Logos Spermatikos. Christianity and Ancient Philosophy according to St. Justins Apologies”;
Studia theological 12 (1958); S. 109 ff.
62 Chadwick, H.; Early Christian Thought and the Classical Tradition. Studies in Justin, Clement and Origen;
Oxford, 1966; S. 1 ff.
63 Heid; Sp. 835
64 Hyldahl
65 Barnard, L. W.; Justin Martyr. His Life and Thought; Cambridge, 1967
66 Price, R. M.; „“Hellenization“ and Logos Doctrine in Justin Martyr“; Vigiliae Christianae. A review of
early Christian life and language 42 (1988); S 15 ff.
16
Bei den logoi spermatikoi kann Price keine direkten Quellen in der Philosophie ausmachen und er konstatiert den logoi spermatikoi zur Lebzeit Justins eine Standardmetapher, für göttliche Wahrheit auf der Welt gewesen zu sein.
Im Beitrag Heids 67 wird die Logoslehre sowohl auf philonische als auch mittelplatonische Gedanken zurückgeführt, die zusammengenommen Justins Logoslehre umreißen.
3.2.2. Konfliktlinien
Wenn wir uns jetzt die hauptsächlichen Konfliktlinien betrachten, erkennen wir, dass nach einer kurzen Phase, in der die Logoslehre Justins der Philosophie zugerechnet wurde, recht schnell Bezüge zur biblischen Tradition hergestellt wurden. Diese biblische Tradition gründet sich in erster Linie auf das oft erwähnte Evangelium des Johannes. Hier heißt es im Prolog „Das Wort ist Fleisch geworden: 1 Im Anfang war das Wort, und das Wort war bei Gott, und das Wort war Gott. 2 Im Anfang war es bei Gott. 3 Alles ist durch das Wort geworden, und ohne das Wort wurde nichts, was geworden ist.“ 68 . Wenn man hierbei noch beachtet, dass Logos auch einfach Wort bedeuten kann, sind die Bezüge zu Justin leicht herzustellen. Diese Einschätzungen finden sich ebenfalls bei Barnard 69 und Price 70 .
Dem gegenüber steht die Meinung, dass Justin seine Logoslehre Philo, und damit hellenistisch jüdischen Traditionen zu verdanken hat, wie von Goodenough 71 angenommen. Einen Kompromiss versucht Price 72 zu finden, der durchaus die christlichen Wurzeln in Justins Logoslehre erkennt, aber Justin im Allgemeinen in seinen Schriften ebenfalls vom hellenistischen Judentum beeinflusst sieht. Barnard kann allerdings bei Philo keine wirklich konsistente Logoslehre und keinen direkten Einfluss auf Justin entdecken, da, wie er sagt, es etwas Unterschiedliches sei, eine Ähnlichkeit festzustellen oder zu behaupten, dass Philo Justin direkt beeinflusst habe 73 .
67 Heid; Sp. 835 ff.
68 Joh. 1,1-3
69 Barnard; S. 53
70 Price; S. 20
71 Goodenough; S. 139 ff.; zit. n. Barnard; S. 92
72 Price; S. 22
73 Barnard; S. 92
17
Was Justin jedoch wiederum von Johannes unterscheide und Justins Logoslehre schwerer fassbar mache, sei Justins Mittelplatonischer Hintergrund 74 . Auch sieht Barnard in dem Menschgewordenen Logos Jesus Christus wiederum die Trennlinie zu Philo und der griechischen Philosophie 75 . Hierbei ist allerdings auch wieder einzuwenden, dass der Mittelplatonismus sehr wohl die Vorstellung eines Mittlers auf Erden kennt, da sich der Vater des Alls nicht auf der Erde zeigt, wie von Heid herausgestellt 76 . Und ebenso sieht Wolfson die Wesensgleichheit zwischen dem christlichen Logos Jesus Christus und dem immanenten Logos Philos 77 , wobei hier auch wieder mit Barnard erwidert werden kann, dass Ähnlichkeit noch keinen direkten Einfluss bedeuten muss, was aber wiederum natürlich kein Beweis für das Gegenteil ist.
Eine absolute Zuordnung Justins zum Mittelplatonismus, wie von Andresen versucht, wurde allerdings auch sehr stark von der nachfolgenden Forschung abgeschwächt, da sie zwar die Bedeutung des mittelplatonischen Hintergrundes anerkannten, die Radikalität Justin allerdings ganz dem Mittelplatonismus zuzuordnen, gingen ihnen zu weit 78 . In der neusten wissenschaftlichen Zusammenfassung von Heid wird allerdings wiederum nicht auf die christlichen Parallelen in Justins Logoslehre eingegangen, sondern philonische und mittelplatonische Elemente seiner Logoslehre in Anlehnung an Andresen und Goddenough aufgezeigt 79 .
74 Barnard; S. 88, 91
75 Barnard; S. 99
76 Heid; Sp. 835
77 Wolfson; S. 398; zit. n. Nahm; S. 140
78 z. B. Price; S. 20; Barnard; S. 53; Nahm, S. 151
79 Heid, Stefan; Sp. 835 ff.
18
4. Zusammenfassung
Wie lässt sich nun eigentlich die Frage nach der Quelle Justins Logoslehre beantworten?
Diese Frage nach der genauen Quelle für Justins Logoslehre scheint mir in ihrer Totalität nach dieser Arbeit immer noch schwer zu beantworten. Auf jeden Fall meine ich feststellen zu können, dass es die eine Quelle für Justins Logoslehre nicht gibt.
Wir haben gesehen, dass Justin ein ausgebildeter Philosoph war, der mit den wichtigsten Lehren des Platonismus und anderen wichtigen philosophischen Richtungen vertraut war 80 . Dies vor allem vor dem Hintergrund des Mittelplatonismus, der verschiedene Gedanken anderer philosophischer Schulen integrierte, offen für neue Gedanken war und teilweise eine durchaus philosophisch religiöse Ausrichtung hatte 81 . Sich eine absolute Unbeeinflusstheit Justins vor diesem Hintergrund, in dem er aufgewachsen ist, vorzustellen, fällt schwer. Auch wird die Bedeutung dieses Hintergrunds in der Forschung nicht in Frage gestellt, sondern nur in ihrer Bedeutung mehr oder weniger stark gesehen.
Über die Frage nach der direkten Abhängigkeit von Philo kann meiner Meinung nach ebenfalls keine eindeutige Antwort aus der Forschung abgeleiten, wenn man hier auch sagen muss, dass Justin auf jeden Fall mit dem hellenistischen Judentum in Berührung kam und sich damit auseinandersetzte, wie sein Dialog mit dem Juden Tryphon zeigt.
Auch ist klar, dass Justin mit der Bibel vertraut war, und somit auch das Evangelium des Johannes sehr wohl kannte 82 , was wiederum nicht heißen muss, dass Justin nur oder in erster Linie durch die Bibel beeinflusst war.
80 Heid; Sp. 805 f.
81 Zintzen; S. IX
82 Heid; Sp. 808; auch Barnard; S. 53; und Price; S. 20
19
Allgemein würde ich sagen, dass Justin sowohl durch die Bibel, das hellenistische Judentum sowie durch den Mittelplatonismus beeinflusst war und er wahrscheinlich auch gar nicht so grob zwischen den gedanklichen Richtungen unterschied, da für ihn ja sowieso alles Weise und Gute ursprünglich vom Christentum geprägt ist 83 .
Zu den Bedeutungsebenen Justins Logoslehre ist zu betonen, dass die Lehre vom fleischgewordenen Logos, Jesus Christus, der Zentrale Punkt für Justin ist. Es ist ihm mit Hilfe der Logoslehre möglich, das Verhältnis von Gott Vater und Christus zu erklären und den Heiligen Geist auch noch über den Logos in die Trinitätslehre mit einzubauen. Die Logoi Spermatikoi haben hierbei wiederum nur die Funktion, Wahres und Gutes aus vorchristlichen Zeiten auf das Christentum zurückzuführen 84 .
83 Apol. II, 13
84 siehe Argumentation auf S. 10 ff. dieser Arbeit
20
5. Literaturverzeichnis
Quellen:
Eusebius von Cäsarea; Kirchengeschichte; Übersetzung von Philipp Haeuser (Kempten 1932). Neu durchgesehen von Hans Armin Gärtner; hg. und eingeleitet v. Heinrich Kraft; Darmstadt 1967
Justin, der Märtyrer; Die beiden Apologien; Aus dem Griechischen übersetzt von G. Rauschen, in: Bibliothek der Kirchenväter, Bd. 12: Frühchristliche Apologeten und Märtyrerakten, Bd. 1; hg. v. O. Bardenheber, Th. Schermann, K. Weyman; Kempten/ München 1913
Justin, der Märtyrer; Dialog mit dem Juden Tryphon; Aus dem Griechischen übersetzt und mit einer Einleitung versehen von Ph. Haeuser, in: Bibliothek der Kirchenväter, Bd. 33: Justinus Dialog. Pseudo-Justinus Mahnrede; hg. v. O. Bardenheber, Th. Schermann, K. Weyman; Kempten/ München 1917
Sekundärliteratur:
Andresen, Carl; „Justin und der mittlere Platonismus”; Der Mittelplatonismus; hg. v. C. Zintzen; Darmstadt, 1981 (Wege der Forschung; Bd. 70); S. 319-368; ursprünglich erschienen in : Zeitschrift für katholische Theologie 44 (1952/53)
Barnard, L.W.; Justin Martyr. His life and thought; Cambridge, 1967
Hausammann, Susanne; Alte Kirche: zur Geschichte und Theologie in den ersten vier Jahrhunderten, Bd. 1. Frühchristliche Schriftsteller: apostolische Väter, Häresien, Apologeten; Neukirchen-Vluyn, 2001
21
Heid, Stefan; s. v. Iustinus Martyr I; Reallexikon für Antike und Christentum XIX (2001); Sp. 801 - 847
Hyldahl, Niels; Philosophie und Christentum. Eine Interpretation der Einleitung zum Dialog Justins; Kopenhagen 1966; (Acta Theologica Danica Vol. IX; hg. v. E. Curaverunt, T. Christensen, E. Nielsen, J. Munck, R. Prenter)
Nahm, Charles; „The Debate on the “Platonism” of Justin Martyr”; The Second Century. A Journal of Early Christian Studies Vol. 9, Nr. 1 (1992); S. 129 - 151
Opsomer, Jan; s. v. Logos; Wörterbuch der antiken Philosophie; hg. v. C. Horn; München, 2002; S. 254 ff.
Price, R. M.; „“Hellenization“ and Logos Doctrine in Justin Martyr“; Vigiliae Christianae. A review of early Christian life and language 42 (1988); S. 18-23
Vogt, Joseph; s. v. Christenverfolgung I (historisch, Bewertung durch Heiden und Christen); Reallexikon für Antike und Christentum II (1954); Sp. 1170-1208
Wegenast, Klaus; s. v. Apologeten; Der kleine Pauly I (1964); Sp. 455
22
Arbeit zitieren:
Dominik Johänntgen, 2004, Justin und die griechische Philosophie am Beispiel der Logoslehre Justins, München, GRIN Verlag GmbH
Dieser Text kann über folgende URL aufgerufen und zitiert werden:
Einbetten
DOI
Formatvorlage (Microsoft Word) für eine Diplomarbeit, Masterarbeit, Ha...
Für MS Word 2003 - Update 2010
Vorlagen, Muster, Formulare, Infobroschüren
Ausarbeitung, 25 Seiten
Formatvorlage (OpenOffice) für eine Diplomarbeit, Masterarbeit, Hausar...
Vorlagen, Muster, Formulare, Infobroschüren
Ausarbeitung, 35 Seiten
Formatvorlage / Vorlage zur Erstellung einer Diplomarbeit, Bachelorarb...
Vorlagen, Muster, Formulare, Infobroschüren
Ausarbeitung, 15 Seiten
Formatvorlage / Vorlage für eine Diplomarbeit / Hausarbeit
Für MS Word 2007 - dotx
Vorlagen, Muster, Formulare, Infobroschüren
Ausarbeitung, 25 Seiten
Anleitung zum Erstellen schriftlicher Arbeiten: Der Aufbau einer wisse...
Vorlagen, Muster, Formulare, Infobroschüren
Ausarbeitung, 20 Seiten
Erstellen einer schriftlichen Hausarbeit
Vorlagen, Muster, Formulare, Infobroschüren
Hausarbeit, 14 Seiten
Grundtechniken wissenschaftlichen Arbeitens
Bibliografieren - Reden - Schr...
Vorlagen, Muster, Formulare, Infobroschüren
Skript, 46 Seiten
Ratgeber zur Erstellung wissenschaftlicher Arbeiten. Diplomarbeiten - ...
Vorlagen, Muster, Formulare, Infobroschüren
Ausarbeitung, 39 Seiten
Dominik J. hat den Text Justin und die griechische Philosophie am Beispiel der Logoslehre Justins veröffentlicht
Dominik J. hat einen neuen Text hochgeladen
Schriften zur praktischen Philosophie am Beispiel der Türkei
Rassismus, Assimilation, Ehren...
Sinan Özbek
Performance quantitativer Value-Strategien am deutschen Aktienmarkt am...
Sebastian Riegler-Rittner, Alexander Friesenegger
Performance quantitativer Value-Strategien am deutschen Aktienmarkt am...
Sebastian Riegler-Rittner, Alexander Friesenegger
Der Wiederaufbau der Stadt Frankfurt am Main am Beispiel der Architekt...
Evelyn Brockhoff, Almut Gehebe-Gernhardt
0 Kommentare