Inhaltsverzeichnis
1. Einleitung 3
2. Die Berichterstattung 1955 bis 1995 4
2.1. 1955 - 10 Jahre nach Hiroshima 4
2.1.1. Time. 4
2.1.2. New York Times 4
2.2. 1970 - 25 Jahre nach Hiroshima 8
2.2.1. Time. 8
2.2.2. New York Times 11
2.3. 1985 - 40 Jahre nach Hiroshima 14
2.3.1. Time. 14
2.3.2. New York Times 14
2.4. 1995 - 50 Jahre nach Hiroshima 21
2.4.1. Time. 21
2.4.2. New York Times 22
3. Zusammenfassung und Fazit 28
4. Literaturverzeichnis 32
Quellen: 32
Anahng 39
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1. Einleitung
In der vorliegenden Hausarbeit habe ich mich mit dem Umgang der amerikanischen Öffentlichkeit mit den Atombombenabwürfen über Hiroshima und Nagasaki beschäftigt. Hierzu habe ich die Berichterstattung der New York Times und des Time Magazine zum 10., 25., 40. und 50. Jahrestag der Atombombenabwürfe qualitativ ausgewertet.
Ziel der Arbeit soll es sein zu untersuchen, inwieweit sich die Darstellung der Atombombenabwürfe im Laufe der Jahre geändert hat und welchen Stellenwert die Berichterstattung in den einzelnen Jahren jeweils aufweist. Als Quelle habe ich die New York Times und das Time Magazine ausgewählt, da es sich hierbei um überregional vertriebene Medien handeln, die in einer hohen Auflage gedruckt werden. Nach diesen Kriterien müssten natürlich noch viele weitere Publikationen, wie die Washington Post, die Los Angeles Times, der San Francisco Chronicle, die Chicago Tribune oder auch Newsweek, The New Republic, The New Yorker und Fortune Berücksichtigung finden. Doch konnte dies in der vorliegenden Arbeit aus Zeitgründen nicht geleistet werden und somit kann diese Arbeit als Annäherung an den Themenkomplex angesehen werden. Da die Berichterstattung der einzelnen Zeitungen immer stark durch einzelne zuständige Redakteure geprägt ist, kann auch nicht davon ausgegangen werden, dass durch eine Analyse nur zweier Printmedien ein realistisches Meinungsbild der amerikanischen Öffentlichkeit gezeichnet werden kann. Doch es können erste Trends über den Umgang mit dem Thema erkannt und Thesen aufgestellt werden.
Um eine umfassende Aussage über den Umgang der amerikanischen Öffentlichkeit mit dem Thema Hiroshima zu treffen, müsste neben einer Analyse der eben aufgezählten Printmedien auch noch das Fernsehen Berücksichtigung finden.
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2. Die Berichterstattung 1955 bis 1995
2.1. 1955 - 10 Jahre nach Hiroshima
2.1.1. Time
Das Time Magazine berichtet 1955 um den Jahrestag Hiroshimas in keinem Artikel über das Thema. Lediglich am 1. und 8. August wird unter der Rubrik „Cinema. Current & Choice“ auf den Film Hiroshima hingewiesen 1 und in der Ausgabe vom 22. August 1955 wird Hiroshima zu Beginn eines Artikels über die erste internationale Konferenz zur friedliche Nutzung der Atomenergie, kurz erwähnt. So heißt es hier lediglich „Ten years after Hiroshima, 13 after man first split the atom, 1,200 atomic scientists from 72 nations filled Geneva’s huge Palace of Nations last week with the excited babble of exploration and discovery” 2 .
2.1.2. New York Times
Die New York Times berichtet hier 1955 schon weitgehender. Der ausführlichste vom Tokioer Chefkorrespondenten Robert Trumbull verfasste Artikel wurde am 31. Juli 1955 veröffentlicht 3 . Trumbull beschreibt zunächst über einen längeren Abschnitt den Friedensdome als Symbol für die Atombombenabwürfe, das Aussehen Hiroshimas des Jahres 1955 und das Memorial Center. Die Gefühle in Hiroshima über die Atombombenabwürfe seien allerdings stärker als in den Städten, die durch konventionelle Bomben zerstört worden seien. Und nahezu allen Japanern sei bewusst, dass die Atombombe den Krieg beendet habe, und so eine größere Zahl an Leben gerettet habe im Gegensatz zu der relativ geringen Zahl der Toten durch die Atombomben. Jedoch würden die Entstellten und Weisen fragen, warum nicht eine einsame Insel bombardiert worden sei, was als Demonstration ausgereicht hätte, um die Militärs zum Aufgeben zu zwingen.
1 “A propaganda-heavy but harrowing Japanese-made film about the atomic destruction of a living city
(Time, 23 May)” in: Time; 1.8.1955 und 8.8.1955; Rubrik: Cinema. Current & Choice
2 Science. The Atomic Future; in: Time; 22.8.1955
3 Hiroshima - Ten Years After; Robert Trumbull; in: New York Times (1857-Current file); Jul 31, 1955;
ProQuest Historical Newspapers The New York Times (1851 - 2001); pg. SM5
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Als Verteidigung für das Handeln der USA argumentiert Trumbull, dass die Atombombe den Krieg beendet habe, dass sich in Hiroshima viele militärische Ziele befunden hätten, und dass die USA Wiedergutmachung durch plastische Chirurgie leisten könne. Allerdings räumt er ein, dass diese Argumente nicht die Erinnerungen der Betroffenen auslöschen könnten. Weiterhin berichtet er von Menschen in Hiroshima, die sich für einen Bann von Atombomben einsetzen und er berichtet von den Erinnerungen einer Frau, die durch die Atombombe ihre beiden Söhne verloren habe. Auf die Frage, was sie über die USA denke, antwortete die Frau, dass sie sich wünsche, dass die USA sage, dass es ihnen Leid täte und sich entschuldige. Diese Antwort sei in Hiroshima die Standardantwort, die man von fast jedem höre. Ein japanischer Journalist habe allerdings auch noch hinzugefügt, dass Japan die Bombe auch gegen die USA eingesetzt hätte, im Fall dass sie in Japan zuerst entwickelt worden wäre. Im Weiteren schreibt Trumbull, dass die durch die Atombombe freigesetzte Radioaktivität nicht so schlimm sei, wie eigentlich angenommen, und dass in Hiroshima mittlerweile fast alle Spuren beseitigt seien.
In einem Artikel vom 1.8.1955 4 wird über ein Statement berichtet, das von 40 Geistlichen und Pädagogen verfasst wurde. Am 3.8.1955 wird dieses Statement 5 dann als Leserbrief veröffentlicht. Die Unterzeichner stellen heraus, dass die erste Atombombe durch die USA abgeworfen und die Ära des Atomkrieges von den USA begonnen worden sei, dass aber auch andere Staaten zu verurteilen seien, die den USA folgten.
Weiterhin stellen sie fest, dass die Vereinigten Staaten keine Atombombe gebraucht hätten, um Japan zu besiegen. Das Argument, dass der Abwurf der Atombombe viele Menschenleben gerettet hätte, ist für die Unterzeichner nur unter der Voraussetzung gültig, dass der Krieg nur durch eine Invasion hätte beendet werden können, was sie allerdings in Frage stellen. Sie möchten, dass sich die Amerikaner am 10. Jahrestag der Atombombenabwürfe mit dem eigenen Verhalten beschäftigen und stellen fest, dass ein
4 Hiroshima Bomb Condemned by 40; in: New York Times (1857-Current file); Aug 1, 1955; ProQuest
Historical Newspapers The New York Times (1851 - 2001); pg. 9
5 Use of A-Bomb Condemned; Clarence E. Pickett (Bishop), W. Appleton Lawrence, Lewis Mumford,
Pitirim A. Sorokin ...; in: New York Times (1857-Current file); Aug 3, 1955; ProQuest Historical
Newspapers The New York Times (1851 - 2001); pg. 22
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Mensch zu keiner Zeit und mit keiner Begründung das moralische Recht habe, eine Atom- oder Wasserstoffbombe auf andere Menschen zu werfen. Am direkten Jahrestag, dem 6.8.1955, befasst sich die New York Times dann in insgesamt drei Artikeln mit dem Thema Hiroshima.Der erste Artikel 6 stammt wiederum von Robert Trumbull, der über die Trauerfeier in Hiroshima berichtet. Tausende Einwohner Hiroshimas seien in stillen Gebeten zusammen gekommen und hunderte Tauben seien, als Zeichen für den Wunsch der Stadt nach Frieden, freigelassen worden. Nach der Gedenkveranstaltung sei dann der Stadt durch den ehemaligen Abgeordneten Armstrong aus Missouri ein Glockenspiel geschenkt worden, welches aus privaten amerikanischen Spenden finanziert worden sei. Des Weiteren berichtet Trumbull noch von einer internationalen Tagung zur Verbannung von Atom- und Wasserstoffbomben (gesponsert von japanischen Frauenverbänden und Gewerkschaften), die direkt nach der Gedenkfeier begonnen habe. Weiterhin berichtet er über die „Atomic Bomb Casualty Commission“ (finanziert durch die US Atomic Energy Commission und das japanische Gesundheitsministerium), die die Aufgabe habe, die medizinischen Folgen der Atombombenabwürfe zu untersuchen und bereits über 400 Überlebende behandelt habe. Der zweite Artikel 7 ist sehr kurz und beschreibt, dass insgesamt 25 Mädchen aus Hiroshima im Mai 1955 in die USA kamen, und dass 12 von diesen durch plastische Chirurgie geholfen werden konnte. Die Ärzte hätten kostenlos gearbeitet und alle sonstigen Kosten seien durch private Organisationen aufgewendet worden. Der letzte Artikel 8 vom 6.8.1955 befasst sich noch einmal etwas ausführlicher mit den Atombombenabwürfen. Vor 10 Jahren habe der Krieg seinen ultimativen Ausdruck gefunden und heute, 1955, könnten wesentlich stärkere Bomben gebaut werden, die die Welt zerstören würden. Danach folgt ein Rückblick auf die Zeit des 2. Weltkrieges. Das Prinzip, alte, junge, kranke und unschuldige Menschen im Krieg zu verschonen, sei im Krieg schon lange vor dem Abwurf der Atombombe aufgegeben worden und es seien nicht die westlichen Demokratien gewesen, die mit diesen Teufeleien begonnen hätten, sondern Hitler.
6 Hiroshima Prays on Day of Bomb; Robert Trumbull; in: New York Times (1857-Current file); Aug 6,
1955; ProQuest Historical Newspapers The New York Times (1851 - 2001); pg. 3
7 Hospitals Here Treat Victims of Hiroshima; in: New York Times (1857-Current file); Aug 6, 1955;
ProQuest Historical Newspapers The New York Times (1851 - 2001); pg. 3
8 FOR WHOM THE BELL TOLLS; in: New York Times (1857-Current file); Aug 6, 1955; ProQuest
Historical Newspapers The New York Times (1851 - 2001); pg. 14
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Dennoch und weil der Krieg immer ohne Gnade stattfinde, sei man Hitler gefolgt. Für zerstörte englische Städte seien deutsche zerstört worden. Als Rache für Pearl Harbor und für die Abschlachtung der amerikanischen Infanterie seien Tokio und andere japanische Städte ins Chaos gestürzt worden. Auch dies alles sei nicht gnädiger als der Abwurf der Atombombe. Schuldige genauso wie Unschuldige seien schon lange vor dem Abwurf der Atombombe getötet worden. An dieser Stelle geht der Artikel zur Rechtfertigung der Atombombenabwürfe über. Die Atombombe sei entwickelt worden, damit sie die Deutschen nicht zuerst entwickeln. Außerdem sei Hiroshima von den Kommandeuren als hauptsächlich militärisches Ziel eingeschätzt worden und es sei angenommen worden, dass nur die Atombombe eine Invasion verhindern könne. Zum Abschluss wird der Bogen zur aktuellen Zeit gespannt. Der Abwurf der Atombombe habe der Welt den Schrecken von Atomwaffen demonstriert, bei den Menschen die Angst vor einem Atomkrieg hervorgerufen und somit könnte dem Tod in Hiroshima ein gewisser Sinn gegeben werden.
Am 7.8.1955 erscheint ein weiterer Artikel 9 von Robert Trumbull, in dem dieser von einer Tagung in Hiroshima berichtet. Auf dieser von der Linken gesponserten Tagung (Weltkonferenz gegen Atom- und Wasserstoffbomben) sei der ehemalige Abgeordnete Armstrong (Republikaner) als Gast anwesend gewesen. Allerdings habe er sich zum inoffiziellen Sprecher der USA entwickelt, da er die USA gegenüber Anschuldigungen aus Nordkorea verteidigte. Ansonsten seien bei der Konferenz keine bedeutenden Personen anwesend gewesen. Die meisten Delegierten seien Mitglieder von Friedensorganisationen und die meisten Beiträge seien relativ harmlose pazifistische Reden gewesen.
In der Ausgabe vom 10.8.1955 berichtet Robert Trumbull dann in einem Artikel 10 über den Atombombenabwurf auf Nagasaki, der im Gedenken gegenüber Hiroshima, nur eine untergeordnete Rolle spiele. Trumbull berichtet über den Verlauf der Trauerfeier sowie deren buddhistische Elemente.
9 HIROSHIMA RALLY SPLITS ON THE U. S; Robert Trumbull; New York Times (1857-Current file);
Aug 7, 1955; ProQuest Historical Newspapers The New York Times (1851 - 2001); pg. 4
10 NAGASAKI MARKS 1945 ATOM BLAST; Robert Trumbull; in: New York Times (1857-Current
file); Aug 10, 1955; ProQuest Historical Newspapers The New York Times (1851 - 2001); pg. 9
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Weiterhin sind im August 1955 noch zwei Leserbriefe zum Thema Atombombenabwürfe veröffentlicht worden.
Im ersten 11 vom 10.8.1955 wird die Meinung ausgedrückt, dass tausende amerikanische Soldaten bei einer Invasion gestorben wären, wenn die Atombombe nicht abgeworfen worden wäre. Im zweiten 12 wird auf den Artikel vom 31.7.1955 Bezug genommen. Der Schreiber bedankt sich für den guten Artikel und möchte anmerken, dass er die Hilfe für die Opfer als einen Akt der Humanität sehe und nicht als Sühne oder Entschuldigung. Auch erinnert er an die von Trumbull zitierte Aussage eines japanischen Journalisten, wonach Japan die Atombombe auch gegen die USA eingesetzt hätte.
2.2. 1970 - 25 Jahre nach Hiroshima
2.2.1. Time
Das Time Magazine beschäftigt sich in der Ausgabe vom 10. August 1970 in zwei Artikeln mit dem Thema Hiroshima.
Der erste Artikel mit dem Titel „WHAT IF HIROSHIMA HAD NEVER HAPPENED“ 13 ist als Time Essay erschienen und setzt sich sehr kritisch mit den Atombombenabwürfen auseinander. Zunächst wird ein Szenario beschrieben, in dem eine Atombombe in der Bucht vor Tokio abgeworfen worden wäre, woraufhin Japan sich nach dieser Machtdemonstration ergeben habe. Dass dieses Szenario nicht der Realität entspreche, sieht der Verfasser als eine der Tragödien der Menschheit an. Hieran schließt sich nun die Erörterung der Frage an, ob Hiroshima und Nagasaki wirklich nötig waren. 1945 seien die Japaner schon am Ende gewesen, wollten aber nicht aufgeben und der einzige mögliche nächste Schritt schien eine Invasion zu sein, bei der mit einer halben Million toter amerikanischer Soldaten hätte gerechnet werden müssen. Diese Entscheidung zwischen Millionen Toten auf der einen Seite und einer einzelnen Bombe auf der anderen sei zunächst mal eine einfache gewesen. Das Interim Committee (geleitet vom War Secretary Henry Stimson unter Mitarbeit verschiedener
11 Bombing of Hiroshima Defended; Robert S. Longs; in: New York Times (1857-Current file); Aug 10,
1955; ProQuest Historical Newspapers The New York Times (1851 - 2001); pg. 24
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13 WHAT IF HIROSHIMA HAD NEVER HAPPENED; in: Time (10.8.1970)
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Wissenschaftler), das den Präsidenten in atomaren Angelegenheiten beraten sollte, sei zu dem Schluss gekommen, die Bombe so schnell wie möglich gegen Japan einzusetzen. Allerdings berichtet der Artikel auch über kritische Stimmen von Wissenschaftlern, v. a. über einen Bericht der Physiker James Franck und Leo Szilard, die davor warnten, dass der Einsatz der Atombombe zur internationalen atomaren Aufrüstung führen werde. Weiterhin stellt der Artikel die Frage, ob eine reine Demonstration der Atombombe ausgereicht hätte. Der Abwurf zweier Atombomben habe die Japaner zum einen in eine ausweglose Situation versetzt, da sie nicht wissen konnten, wie viele Bomben die USA noch bevorrateten. Zum anderen hätten allerdings auch noch andere Faktoren das Ende des Krieges beeinflusst. So zum Beispiel der Kriegseintritt Russlands am 9.8.1945 oder auch die Tatsache, dass die USA erst zum Ende hin bereit waren, die Stellung des Kaisers auch im Nachkriegsjapan unangetastet zu lassen. Der Verfasser kommt zu dem Schluss, dass weniger Verlass auf die Atombombe zu kreativerer Diplomatie geführt hätte und somit eine reine Demonstration der Atombombe ausgereicht hätte. Im Anschluss hieran wird die Frage aufgeworfen, wie anders die Nachkriegswelt ohne die Atombombenabwürfe ausgesehen hätte. Eine Kontrolle nuklearer Aufrüstung wäre möglich gewesen, die USA wären frei von Schuld und die Kinder wären im Bewusstsein aufgewachsen, dass der Mensch Herr über die Atomkraft wäre, anstatt deren Opfer. Allerdings sei der Abwurf der Atombomben trotzdem eine von guten Männern aus guten Gründen, moralische getroffene Entscheidung. Wobei sich aber auch zeige, dass diese Entscheidung ein Fehler gewesen sei. Im weiteren Verlauf wird im Artikel auf die aktuellen Folgen der Atombombenabwürfe eingegangen. Zunächst kommt Edwin Teller (einer der Erfinder der Hydrogen Bombe) zu Wort, der meint, Amerika hätte durch den Einsatz der Atombombe in Hiroshima und Nagasaki Angst vor jedem weiteren Atombombeneinsatz und sie seien „Bomb-shy“. Der Verfasser des Artikels greift dies auf, kommt allerdings zu einer anderen Schlussfolgerung. Die Amerikaner seien durch die Atombombe so hypnotisiert, dass sie die Grausamkeiten konventioneller Waffen übersähen, wie z. B. die Napalm und Clusterbomben in Südostasien. Nun geht der Artikel zu den so genannten „revisionist historians“ über, die die Atombombenabwürfe nicht als letzten Akt des Krieges im Pazifik sähen, sondern als Auftakt zum kalten Krieg. Allerdings vermutet der Verfasser, dass auch ohne die Atombombenabwürfe der Ausbruch des
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Kalten Krieges unvermeidlich gewesen wäre. Einen Vorteil der Bombenabwürfe sieht er sogar darin, dass der Kalte Krieg sich nicht zu einem wirklichen Krieg weiterentwickelt habe. Dies rechtfertige zwar nicht den Tod der Menschen in Hiroshima und Nagasaki, es gebe ihrem Tod allerdings einen Sinn, was man von den 135000 Toten in Dresden nicht behaupten könne, die einem unnützen Verbrechen des konventionellen Krieges zum Opfer gefallen seien. Atombomben seien heute zum Glück kein Element internationaler Politik mehr. Die Vereinigten Staaten hätten einmal versucht, sie dazu zu machen, allerdings habe sich die USA danach auch weiterentwickelt und sei nun in der Lage, auch die dunkleren Seiten ihrer Handlungen zu untersuchen, wodurch der Artikel zu dem Schluss kommt, dass eine Abrüstung möglich sei.
Als Reaktion auf diesen Artikel sind in der Ausgabe vom 31.7.1970 insgesamt vier Leserbriefe 14 abgedruckt. Der erste Leserbriefschreiber betont, dass eine reine Demonstration der Atombombe das Problem aufgeworfen hätte, dass keine weiteren Bomben mehr zur Verfügung gestanden hätten und er kritisiert, dass der Artikel den japanischen Fanatismus unterschätzen würde.
Ein weiterer Leserbriefschreiber gibt an, dass die Japaner 10 Tage vor dem 6.August durch Flugblätter vor den Folgen gewarnt worden seien, falls sie sich nicht ergeben würden. Auch sieht er die Zeit von drei Tagen zwischen dem ersten und zweiten Abwurf als nicht zu kurz für eine Kapitulation an. Weiterhin meint, er dass die USA absolut gerechtfertigt gehandelt habe und er kritisiert die liberalen Medien, die immer die Fehler beim Staat suchen würden. Eine Leserbriefschreiberin kritisiert dagegen, dass der Artikel die Entscheidung über die Atombombenabwürfe als moralisch darstelle, und ein letzter Schreiber fühlt sich durch den Artikel an eine Aussage des Südstaatengenerals Robert E. Lee erinnert: “It is good that war is so terrible, lest we grow fond of it”.
Der zweite Artikel, 15 erschienen am 10. August 1970, erzählt zu Beginn die Geschichte eines Mannes, der fünf von sechs Familienangehörigen durch die Atombombe verloren habe, und geht dann über zu den wissenschaftlichen Bemühungen, die genaue Zahle der Toten zu ermitteln. Im Weiteren wird das Aussehen des heutigen Hiroshima mit dem damaligen verglichen und zum Abschluss wird betont, dass die meisten Überlebenden wenig Feindseligkeit gegenüber den USA verspürten.
14 Letters; in: Time (31.8.1970)
15 Japan: To Count the Dead; The World; in: Time (10.8.1970)
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2.2.2. New York Times
Die Berichterstattung der New York Times zum Jahrestag Hiroshimas beginnt 1970 am 1. August mit einem Artikel 16 über einen Film, der im „National Educational Television“ (N.E.T.) im Rahmen eines Sonderprogramms zum 25. Jahrestag Hiroshimas ausgestrahlt werden soll. Der Film sei 1945 von japanischen Regisseuren gedreht, dann von der Besatzungsbehörde als militärisches Geheimnis klassifiziert und später als Trainingsfilm für Offiziere eingesetzt worden. 1968 sei dann eine Kopie des Films an die japanische Regierung übergeben und als zensierte Version im japanischen Fernsehen gezeigt worden, was wiederum zu Protesten in Japan geführt habe. Daraufhin habe Professor Barnouw von der “Columbia School of the Arts” in Zusammenarbeit mit dem „Center for Mass Communications of the Columbia University Press“ aus den drei Stunden Videomaterial einen 16 minütigen Film erstellt, der als Video verkauft und in vielen Ländern Europas sowie in Kanada im Fernsehen gezeigt worden sei. Nach der Ausstrahlung des Films erschien am 4.8.1970 ein weiterer Artikel 17 , der zum Teil die gleichen Aspekte behandelt. Der Verfasser meint, dass der Film die Konsequenzen der Radioaktivität und der Hitzeentwicklung durch die Atombombe gut veranschauliche. Aber ihm drängten sich, wenn er an nukleare Zerstörung denke, auch Bilder der konventionellen Bombardierungen von Hamburg, Dresden und Tokio auf, bei denen das Resultat im Endeffekt das Gleiche gewesen sei. Er meint weiterhin, dass die subtile Unterscheidung, wie Menschen getötet wurden, einer der Widersprüche des menschlichen Geistes sei. Im Folgenden geht der Verfasser dann auch auf das Sonderprogramm des N.E.T. ein, das vor allem aus einer 5 Jahre alten BBC Dokumentation bestehe. Es werde nur eine sehr oberflächliche Geschichte der Ereignisse erzählt, die zur Entwicklung der Atombombe führten, und dann würde zur wissenschaftlichen Kontroverse über die Legitimität der Abwürfe übergeleitet. Die BBC Dokumentation habe unterstrichen, dass es ausländische Physiker waren, die die entscheidenden Entdeckungen machten, und dass diese Physiker von der Angst getrieben wurden, dass Hitler die Atombombe zuerst entwickeln könne. Der Verfasser
16 N.E.T. to Show Japanese Film of Atom Bomb Damage; Michael J. Leahy; New York Times (1857-Current file); Aug 1, 1970; ProQuest Historical Newspapers The New York Times (1851 - 2001); pg. 47
17 TV: Horrors of Hiroshima Revisited; Jack Gould; in: New York Times (1857-Current file); Aug 4,
1970; ProQuest Historical Newspapers The New York Times (1851 - 2001), pg. 63
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kommt zu dem Schluss, dass es ein viertel Jahrhundert später schwierig sei, die Ereignisse zu konstruieren, die den Einsatz der Atombombe diktierten. Glücklicherweise habe die Atombombe aber nicht so viele Leben gekostet, wie eine Invasion in Japan gekostet hätte. Das N.E.T. habe es allerdings nicht geschafft, die Debatte auf den neusten Stand zu bringen, nämlich auf die Frage, ob der Nuklearkrieg eine Abschreckung für die globale Auslöschung sei.
Am direkten Jahrestag erscheinen in der New York Times zwei Artikel zum Thema. Der erste Artikel 18 geht auf die durch die Atombombe verursachten Schäden sowie auf die aktuelle japanische Mentalitätslage in Bezug auf die Atombombenabwürfe ein. Hiroshima sei eine boomende Metropole, in der nur noch der Peace Park an die Geschichte erinnere. Die meisten seelischen Narben in der Bevölkerung seien allerdings schwieriger zu heilen als die physischen Narben der Stadt. Nach amerikanischen Angaben seien 65.000 Menschen durch die Atombombe umgekommen und nach japanischen 200.000 Menschen. Die Japanische Linke würde den Jahrestag für Angriffe gegen den amerikanischen Imperialismus nutzen und die meisten Japaner würden den Abwurf der Atombombe als Verbrechen der Vereinigten Staaten betrachten. Pearl Harbor würde dagegen als hoffungsloses und rücksichtsloses aber nicht kriminelles Abenteuer betrachtet. Dies sei ein beunruhigender Gegenpart zur aktuellen Haltung der Regierung, die auf Freundschaft und Kooperation setze. Die Haltung der Regierung sei aber durch eine breite Mehrheit im Parlament gestützt und die japanische Verfassung würde Krieg als Mittel der Politik ausschließen. Außerdem habe man sich in der Diskussion um die atomare Bewaffnung Japans gegen eine solche entschieden. Der zweite Artikel 19 vom 6. August beschäftigt sich dagegen mehr mit der Diskussion in den USA. Seit dem Abwurf der ersten Atombombe sei eine Generation aufgewachsen und auch ein viertel Jahrhundert später gehe die Diskussion weiter, ob Hiroshima und Nagasaki nötig gewesen seien und ob der Krieg nicht hätte auf einem humaneren Weg beendet werden können. Für den Verfasser ist klar, dass für viele, die 1945 noch nicht einmal geboren waren, die Antwort darauf klar positiv sei und sie damit vielleicht auch Recht hätten. Aber die Verantwortlichen, die die Entscheidung trafen, hätten mit einem
18 25 Years After Bomb, Hiroshima Bears Few Visible Scars; in: New York Times (1857-Current file);
Aug 6, 1970; ProQuest Historical Newspapers The New York Times (1851 - 2001), pg. 23
19 Lesson of Hiroshima; in: New York Times (1857-Current file); Aug 6, 1970; ProQuest Historical
Newspapers The New York Times (1851 - 2001), pg. 32
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langen blutigen Widerstand Japans gerechnet und in ihnen seien auch noch die Erinnerungen an Pearl Harbor, Guadalcanal und Iowa Jima frisch gewesen. An dieser Stelle schwenkt der Artikel nun thematisch etwas um und der Verfasser geht auf die Lehren Hiroshimas ein, die er darin sieht, dass die Menschen ihren Feindseligkeiten und ihrem Hass Grenzen setzen sollten. Die Alternative dazu sei der Selbstmord der menschlichen Rasse. Diese Lektion sei zum Teil gelernt, aber die Gefahr bestünde weiterhin, solange sich Atombomben im einzelstaatlichen Besitz befänden und nicht ein Frieden geschaffen sei, der durch eine Weltregierung zusammen gehalten werde. In einem weiteren Artikel 20 am 7. August 1970 wird über verschiedene Demonstrationen anlässlich des Jahrestages berichtet. 100 Demonstranten pflanzten einen Baum in Los Alamos auf dem Gelände des Labors, in dem die Atombombe entwickelt wurde. Dies sei die erste größere Demonstration in Los Alamos gewesen und die Organisatoren (Reisendes Friedenstheater; Institute for the Study of Nonviolence; New Mexico War Resisters League) hätten gefordert, dass die Flagge auf Halbmast gesetzt werde, und dass das Labor zwischen dem 6. und 9. August schließen solle. Weiterhin wird noch von drei weiteren Veranstaltungen von Friedensgruppen in New York und Philadelphia berichtet.
Am 9. August wird in einem kurzen Artikel 21 über eine weitere Demonstration unter dem Motto „No More Hiroshimas“ in New York berichtet, an der über 1000 Jugendliche teilnahmen. Zur Demonstration hatten verschiedene Gruppen aufgerufen, von denen die Asian Coalition, Vietnam Veterans Against the War, Student Mobilization Committee, Women’s liberation Movement im Artikel namentlich genannt werden. Zu Zwischenfällen sei es nicht gekommen, jedoch sei ein Sprecher von einigen Jugendlichen ausgebuht worden, der zu Israelfreundlich wirkte und der daraufhin seine Rede abgebrochen habe.
20 100 in Los Alamos Observe Anniversary of Hiroshima; Anthony Ripley; New York Times (1857-Current file); Aug 7, 1970; ProQuest Historical Newspapers The New York Times (1851 - 2001), pg. 11
21 1,000 MARCH HERE IN BOMB PROTEST; in: New York Times (1857-Current file); Aug 9, 1970;
ProQuest Historical Newspapers The New York Times (1851 - 2001), pg. 30
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2.3. 1985 - 40 Jahre nach Hiroshima
2.3.1. Time
Die Berichterstattung von Time zum 40. Jahrestag konnte ich leider nicht auswerten, da im Internetarchiv genau die Ausgabe zu Hiroshima fehlt. Allerdings widmete Time zum 40. Jahrestag dem Gedenken an Hiroshima erstmals eine Titelstory 22 .
2.3.2. New York Times
Die New York Times geht zum 40. Jahrestag in insgesamt 14 Artikeln auf das Thema ein. Der erste Artikel, eine Filmkritik zu einer CBS Dokumentation, ist am 31.7. 23 erschienen. Die Dokumentation stelle die Frage, wie nahe die Welt vor einem erneuten Einsatz von Atomwaffen stehe. Hierzu würden die kritischen Situationen seit Hiroshima aufgeführt, an denen die USA über den Einsatz von Atombomben nachdachte.
In der Ausgabe vom 1.8. ist ebenfalls ein Artikel 24 zum Thema enthalten, der sich mit dem Buch zweier Autoren beschäftigt, in welchem die Erklärungen zur Notwendigkeit der Atombombenabwürfe angezweifelt wird. Die Autoren Arjun Makhijani, Professor für Physik und Mathematik, sowie John Kelly, Autor aus Washington, hielten die Aussage Trumans, dass bei einer Invasion Japans mit 500.000 bis 1 Million toter amerikanischer Soldaten gerechnet worden sei, für eine große Übertreibung, die auch nicht mit militärischen Dokumenten der Zeit übereinstimme. In militärischen Kreisen sei vielmehr von 40000 Toten und 150.000 verwundeten amerikanischen Soldaten ausgegangen worden. Charles Mohr zählt die beiden Buchautoren zu den so genannten Revisionistischen Historikern, die keine militärische Notwendigkeit für die Atombombenabwürfe sähen, sondern einen Versuch, die Sowjetunion einzuschüchtern.
22 Anlage 1
23 Hiroshima Plus 40; John Corry; New York Times (1857-Current file); Jul 31, 1985; ProQuest Historical
Newspapers The New York Times (1851 - 2001); pg. C18
24 2 AUTHORS DOUBT A-BOMB ASSERTION; By CHARLES MOHR Special to The New York
Times
New York Times (1857-Current file); Aug 1, 1985; ProQuest Historical Newspapers The New York
Times (1851 - 2001); pg. A7
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Der These, dass die angenommenen Opferangaben zu hoch seien, stimmen auch einige Militärhistoriker zu, allerdings würden diese immer noch höhere Opferzahlen annehmen als die Buchautoren. Der ehemalige Militärhistoriker Stanley Falk zum Beispiel würde
Quellen anführen, in denen mit ca. 270.000 toten amerikanischen Soldaten gerechnet würde. Außerdem hätte es viele tote Asiaten gegeben und die Japaner hätten die 11.000 amerikanischen Kriegsgefangenen hingerichtet. Außerdem habe das Manhattan Projekt auch eine Nutzung der Atombombe eingeschlossen.
Die Ausgabe vom 4.8. ist die Hauptausgabe des Gedenkens zum 40. Jahrestag, in der insgesamt sechs Artikel zu Hiroshima veröffentlicht sind. Die Titelstory 25 beschäftigt sich mit den medizinischen Folgen der Atombombe und der Behandlung der 367.000 offiziell als Überlebende anerkannten Opfer, die im Hiroshima Atomic Bomb Hospital versorgt wurden. Die Langzeitfolgen bei diesen Opfern seien immer noch nicht genau geklärt, aber bis jetzt seien höhere Krebsraten und dabei vor allem höhere Leukämieraten festgestellt worden. Zwar hätten viele Überlebende lange Zeit ohne Probleme weiter gelebt, doch bei vielen kämen im Alter viele schwere Erkrankungen auf, wobei nicht klar sei, ob dies auf die Atombombe zurückzuführen sei. Die zwei vergangenen Generationen seit 1945 seien allerdings zu wenig, um Aussagen über eventuelle Veränderungen im genetischen Erbgut zu machen. Zum Schluss des Artikels wird der Leiter des Atomic Hospital zitiert, für den die Presse zu viel von den negativen Folgen für die Opfer berichte. Er empfinde es aber als wichtig, dass die Überlebenden auch noch die schönen Seiten des Lebens kennen lernen konnten. Anschließend an die Titelstory folgt ein Artikel 26 zu den psychologischen Folgen der Bombenabwürfe auf die amerikanische Gesellschaft. Auf der einen Seite werden die Standpunkte von Robert J. Lifton, Professor für Psychologie und Psychatrie, sowie John Edward Mack, Professor für die Psychatrie, vorgestellt. Sie gehen davon aus, dass die Bombe die Moralität untergraben und eine radikale Zukunftslosigkeit erzeugt habe, was auch in der ansteigenden Scheidungsrate und dem sich verschlechternden Eltern-Kinder-Verhältnis sichtbar sei. Kindern sei die nukleare Bedrohung bewusst und sie
25 40 Years After A-Bombs, Medical Burden Is Unclear; By CLYDE HABERMAN Special to The New
York Times; New York Times (1857-Current file); Aug 4, 1985; ProQuest Historical Newspapers The
New York Times (1851 - 2001); pg. 1
26 Hiroshima at 40: Grappling With the Unthinkable; By WALTER GOODMAN
New York Times (1857-Current file); Aug 4, 1985; ProQuest Historical Newspapers The New York
Times; (1851 - 2001); pg. 14
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lebten in ständiger Angst, was sich unter anderem in Zynismus, Betroffenheit, Bitterkeit und Hilflosigkeit zeige. Auf der anderen Seite wird der Standpunkt des Kinderpsychologen Robert Coles dargestellt, der diese Aussagen für sentimentales Gewäsch hält und eine generelle Angst vor der atomaren Bedrohung bei Kindern nicht feststellen kann. Als weitere Möglichkeit, sich dem Thema Hiroshima in psychologischer Sicht zu nähern, seien die medialen Veröffentlichungen. So seien zahlreiche Bücher und Filme, die sich mit der atomaren Bedrohung auseinandersetzten, entstanden. Der Historiker Paul Boyer beschreibe auch die Auseinandersetzung der amerikanischen Öffentlichkeit mit Hiroshima als episodisch und ergebnislos, geprägt vom Mythos der amerikanischen Unschuldigkeit. Das aktuelle Bewusstsein der amerikanischen Gesellschaft sei von widersprüchlichen Gefühlen geprägt. Auf der einen Seite sei man für einen Atomwaffenteststop und man glaube, dass die Politik der Reagan Regierung die Welt näher an einen Atomkrieg geführt habe. Auf der anderen Seite glaube man, dass die atomare Abschreckung bis jetzt eine gewaltsame Auseinandersetzung verhindert habe.
Zwei weitere Artikel befassen sich mit der Frage, ob der Abwurf der Bombe nötig war. John Connor, Professor für Anthropologie, vertritt in seinem Artikel 27 den Standpunkt, dass es richtig war, die Atombombe einzusetzen. Der Einsatz habe unzählige Menschenleben gerettet. Japan habe damals unter der Kontrolle unerbittlicher Militaristen gestanden, für die der Tod besser als die Kapitulation gewesen sei. Zwar stimme es, dass abgefangene Nachrichten Friedensbemühungen der Japaner zeigten, aber dies sei irrelevant, da in den Nachrichten auch die Bereitschaft erkennbar gewesen sei, bis zum Ende weiter zu kämpfen. Diese Bereitschaft sei auch während der Kämpfe in Japan deutlich geworden, da viele Zivilisten zunächst ihre Kinder umbrachten und sich anschließend selbst das Leben nahmen und dazu noch versuchten, amerikanische Soldaten mit in den Tod zu reißen. Mehr als 5000 Flugzeuge seien noch versteckt gewesen, deren Treibstoffvorrat noch genau für einen Kamikaze Angriff auf landende amerikanische Truppen gereicht hätte, und außerdem seien 2 Millionen Männer zur Verteidigung Japans eingezogen worden. Auf die Forderung der Potsdamer Erklärung nach bedingungsloser Kapitulation seien die Japaner nicht eingegangen.
27 The U.S. Was Right; By John Connor; New York Times (1857-Current file); Aug 4, 1985; ProQuest
Historical Newspapers The New York Times (1851 - 2001); pg. E21
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Dagegen vertritt der Historiker Gar Alperovitz in seinem Artikel 28 den Standpunkt, dass es nicht gerechtfertigt war, die Atombombe einzusetzen. Truman habe mit an Sicherheit grenzender Wahrscheinlichkeit gewusst, dass der Krieg ohne Atombomben hätte beendet werden können. Alperovitz argumentiert, dass die USA den japanischen Code entschlüsselt hätten und dass die in diesem Zusammenhang seit 1945 veröffentlichten Dokumente zwei weitere Handlungsoptionen aufzeigten. Zum einen wären die Japaner zur Kapitulation bereit gewesen, hätten die Amerikaner nicht die Entmachtung des Kaisers gefordert, und zum anderen hätten die Amerikaner gewusst, dass der Kriegseintritt der Sowjetunion für den 8. August geplant war, und dass dies den Krieg ebenfalls schnell beendet hätte. Alperovitz argumentiert weiter, dass die Atombomben daher nicht aus der Notwendigkeit heraus eingesetzt wurden, den Krieg zu beenden, sondern mit dem Ziel, den Krieg im Pazifik ohne die Russen zu beenden und die Russen somit in den Nachkriegsverhandlungen leichter handhaben zu können. In einem weiteren Artikel in der Ausgabe vom 4. August mit dem Titel „The Day You First Heard the News“ 29 beschäftigt sich Paul Boyer, Professor für Geschichte, mit den ersten Reaktionen der Menschen auf die Nachricht der Atombombenabwürfe. Er berichtet von einem Country Musiker, der noch in der gleichen Nacht das Lied Atomic Power schrieb, von einem Reporter, der in einem Essay die Vision einer Weltregierung entwarf, um die nukleare Bedrohung zu bändigen, von einer jungen Mutter, die nach den Atombombenabwürfen bedauerte, ein Kind in diese Welt gesetzt zu haben und von einem Pfarrer, für den direkt klar war, dass die Atombomben in Zukunft auch die Sicherheit im eigenen Land gefährden würden. Insgesamt hätten 1945 Schrecken und Furcht dominiert und es hätte nur wenige freudige oder satirische Reaktionen in der Öffentlichkeit gegeben. Eine Zeitung habe eine Karte von Milwaukee mit dem darüber gelegten Vernichtungsradius von Hiroshima gedruckt und ein Radio Moderator habe festgestellt, dass man einen Frankenstein geschaffen habe, der jederzeit auch gegen Amerika eingesetzt werden könne. Von der konservativen Chicago Tribune bis zur liberalen New Republic seien Atomkriegsvisionen mit der totalen Vernichtung der Menschheit beschrieben worden. Aus der aktuellen Perspektive des Jahres 1985 würden
28 The U.S. Was Wrong; By Gar Alperovitz; New York Times (1857-Current file); Aug 4, 1985; ProQuest
Historical Newspapers The New York Times (1851 - 2001); pg. E21
29 The Day You First Heard the News; By Paul Boyer
New York Times (1857-Current file); Aug 4, 1985; ProQuest Historical Newspapers The New York
Times (1851 - 2001); pg. E21
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diese Visionen so vertraut erscheinen, dass sie fast schon wieder abgedroschen klingen. Boyer schließt mit der Feststellung, dass der 6. August noch nicht in die abgeschlossene Vergangenheit übergegangen, sondern im Gegenteil die Angst immer noch vorhanden sei.
In dem Artikel „Three Witnesses and the Bomb” 30 bespricht Robert Shaplan das Buch “Witness: The World since Hiroshima” von Roger Rosenblatt. Aus verschiedenen Gründen wie wild wucherndem Terrorismus, anderen gewalttätigen Ereignissen und einem erneuten Versagen von Staatskunst und Diplomatie sei der 40. Jahrestag der Atombombenabwürfe zu einem Datum des Nachsinnens und der moralischen Reflektion geworden. In diesem Kontext wird auf das Buch von Rosenblatt verwiesen, der das Fazit ziehe, dass man sich selber ein Handicap geschaffen habe, mit dem man leben müsse. Rosenblatt sei sich, wie alle, der moralischen Debatte um die Notwendigkeit der Abwürfe bewusst. Die Frage sei, ob die Zerstörung von Hiroshima und Nagasaki sowie der Tod von 340000 Menschen gegenüber der Alternative, viele eigene Leute und eine mindestens genauso große Zahl Japaner zu verlieren, gerechtfertigt war.
Shaplan gibt an, selber als Kriegsreporter auf Okinawa auf die Invasion gewartet zu haben, und dass er überzeugt war, dass eine Invasion mindestens sechs Monate gedauert hätte. Von hier kommt er wieder auf das Buch von Rosenblatt zurück, in dem Yoshitaka Kawamoto, japanischer Überlebender, Harold Agnew, ein an der
Atombomenentwicklung beteiligter Wissenschaftler und der ehemalige Präsident Richard Nixon sowie Rosendahl selbst jeweils ihre Sichtweise auf die Dinge darstellen. Kawamoto habe die Bombenabwürfe als 13 Jähriger erlebt, Agnew sei Realist, der die Bombe als notwendig bezeichne und Nixon sehe den bewussten Angriff auf Zivilisten als falsch an.
Rosenblatt zieht nach Shaplan weite und etwas unklare Schlüsse. Er stelle die kulturellen Auswirkungen der Bombe, z. B. auf den Filmgeschmack, übertrieben dar. Sich wieder auf etwas solideren Grund begebend komme Rosenblatt zu dem Schluss, dass die Bombe das Gefühl des deplatziert seins, der Hilflosigkeit und der Einsamkeit Vorschub leiste. Das Beste sei es nun, sich mit der Bombe zu arrangieren und leben zu lernen.
30 Three Witnesses and the Bomb; By Robert Shaplen; New York Times (1857-Current file); Aug 4, 1985;
ProQuest Historical Newspapers The New York Times (1851 - 2001), pg. BR3
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In der Ausgabe vom 5. August finden sich zwei Artikel zu Hiroshima. Im ersten vergleicht Charles Mohr unter dem Titel „Invasion of Japan? Americans Recall Dread of the Military and Civilian Toll” 31 die militärischen Aufgebote von Amerikanern und Japanern im Jahr 1945. Er kommt zu dem Schluss, dass ein Angriff auf die japanische Hauptinsel mehr Tote gefordert hätte als alle Kämpfe im Pazifik zuvor. Weiterhin zitiert er einen ehemaligen General, der kurz nach der japanischen Kapitulation die Befestigungsanlagen an den japanischen Stränden inspizierte und von der noch vorhandenen Feuerkraft der Japaner sehr überrascht gewesen sei. Entscheidend sei aber die Atombombe gewesen, die die Soldaten auf beiden Seiten überraschte. Im Artikel “Books Recall Horror of Atomic Bomb” 32 stellt Edwin McDowell fest, dass ungewöhnlich viele Bücher zum 40. Jahrestag veröffentlicht worden seien. Es handele sich dabei sowohl um Neuauflagen als auch um Erstveröffentlichungen. Die meisten Bücher seien von Japanern verfasst worden, die die eigenen schrecklichen Erlebnisse schilderten. Obwohl sich die Verlage immer an Jahrestagen orientierten, sei die Veröffentlichungsanzahl ungewöhnlich hoch, was dadurch erklärt werden könne, dass die Bücher nicht nur vergangenes Grauen beschreiben, sondern auch ein Symbol für die aktuelle Bedrohung darstellten. Ein weiterer Grund für die Vielzahl an Publikationen sei der große Erfolg des Buches „Fate of the Earth,“ in dem es um die atomare Bedrohung der Welt gehe.
Am Jahrestag selber berichtet die New York Times in insgesamt zwei schon auf der Titelseite beginnenden Artikeln über das Thema. Im Artikel „Hiroshima Plus 40 Years: A Bell Tolls„ 33 berichtet Clyde Haberman über die Gedenkfeier zum 40. Jahrestag in Hiroshima. Hiroshima gedenke heute und fordere die Welt zum Erinnern und zum Lernen auf. Der Bürgermeister habe die Vereinigten Staaten und die Sowjetunion aufgefordert, die Atombombentests zu stoppen und Schritte zur Abrüstung zu ergreifen. Weiterhin geht Haberman auf den Tag des Bombenabwurfs, auf die Zahl der Toten, auf die Probleme der in der Öffentlichkeit stigmatisierten Überlebenden und auf die
31 Invasion of Japan? Americans Recall Dread of the Military and Civilian Toll; By CHARLES MOHR
Special to The New York Times; New York Times (1857-Current file); Aug 5, 1985; ProQuest Historical
Newspapers The New York Times (1851 - 2001); pg. A8
32 Books Recall Horror of Atomic Bomb; By EDWIN McDOWELL; New York Times (1857-Current
file); Aug 5, 1985; ProQuest Historical Newspapers The New York Times (1851 - 2001); pg. C13
33 Hiroshima Plus 40 Years: A Bell Tolls; By CLYDE HABERMAN Special to The New York Times;
New York Times (1857-Current file); Aug 6, 1985; ProQuest Historical Newspapers The New York
Times (1851 - 2001); pg. A1
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Ausgestaltung der Gedenkfeier ein. Die Stimmung in den letzten Tagen vor der Gedenkfeier in Hiroshima haben zwischen Totenwache, politischer Tagung und Festival geschwankt. Zum Schluss zieht Haberman das Fazit, dass Hiroshima sowohl ein Symbol für die Zerstörungskraft, als auch für die Regenerationsfähigkeit des Menschen sei.
Im zweiten Artikel “WAR SHADOW LIFTS IN U.S.-JAPAN TIES “34 werden verschiedene Umfragen beschrieben und ausgewertet. Demnach sieht eine große Mehrheit in jedem Land das jeweilig andere als befreundet an. Gleichzeitig lösten die Erinnerungen an den Krieg immer noch starke Emotionen aus. So hielten noch immer 44% der Japanern den Amerikanern die Atombombe vor und umgekehrt noch 27% den Angriff auf Pearl Harbor. Die Amerikaner stuften die Beziehungen allerdings eher als sehr freundlich ein als die Japaner. Weiterhin werden die Umfrageergebnisse zum politischen System des jeweils anderen Landes, zu der Frage, ob Rassismus eine Rolle beim Abwurf der Bombe gespielt habe und ob Verwandte im Krieg verloren wurden, beschrieben.
Am 7.August wird unter dem Titel “Images and Arrests Mark Hiroshima's Dark Day” 35 über die Ereignisse am 6. August berichtet. So seien insgesamt 200 Menschen in den USA verhaftet worden und in vielen Städten seien zur Erinnerung an Hiroshima nachts menschliche Umrisse auf Straßen und Häuserwände gemalt worden. Unter dem Titel „Who Are the Realists?“ 36 beginnt Anthoy Lewis zunächst mit dem Bericht einer Überlebenden, die beschreibt, wie sie die verbrannte Leiche ihrer Mutter gefunden habe. Im Anschluss geht Lewis auf die aktuellen Ausgaben für die Entwicklung von Atomwaffen ein. Die Politik mache allerdings keine Anstalten, die Spirale des Wettrüstens zu durchbrechen und so sei auch ein Ende der Atomtests nicht abzusehen.
34 WAR SHADOW LIFTS IN U.S.-JAPAN TIES; Special to The New York Times; New York Times
(1857-Current file); Aug 6, 1985; ProQuest Historical Newspapers The New York Times (1851 - 2001);
pg. A1
35 Images and Arrests Mark Hiroshima's Dark Day; By United Press International; New York Times
(1857-Current file); Aug 7, 1985; ProQuest Historical Newspapers The New York Times (1851 - 2001);
pg. B5
36 Who Are the Realists?; Anthony Lewis; New York Times (1857-Current file); Aug 8, 1985; ProQuest
Historical Newspapers The New York Times (1851 - 2001); pg. A23
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2.4. 1995 - 50 Jahre nach Hiroshima
2.4.1. Time
Das Time Magazine berichtet in der Ausgabe vom 7.8.1995 ausführlich über die Atombombenabwürfe. In einem Artikel von Paul Gray 37 werden minutiös die Vorbereitungen für die Bombenabwürfe und die direkten Folgen bis zur Kapitulation Japans beschrieben. In einem weiteren Artikel geht Howard Chua-Eoan 38 auf die historischen Hintergründe des japanisch-amerikanischen Konflikts ein. Ausgehend von Berichten über die vielen Menschen, die durch die Konflikte im Pazifik in ganz Asien ums Leben gekommen und denen, die beim Kampf um Okinawa gestorben sind, geht er zu den Ursprüngen des Konflikts am Ende des 19. Jh. über. Die imperiale Politik der Amerikaner in Asien, der rasche Aufstieg der Japaner zur führenden Macht neben den USA im Pazifik und den daraus resultierenden Konflikten, sowie Japans Doktrin der Überlegenheit gegenüber den anderen asiatischen Staaten, die wiederum zum Konflikt Japans mit China und Südkorea führte. Weiterhin werden die Invasionsvorbereitungen der USA geschildert und die Vorbereitungen der Japaner auf dieselbe. Der Artikel schließt mit der Stellungnahme eines amerikanischen Soldaten, der sich auf die Invasion und seinen sicheren Tod vorbereitet und mit der Rede eines japanischen Propagandisten nach dem Angriff auf Pearl Harbor, der das Volk auf den Krieg einschwört. Auf diesen Artikel werden am 28.8.1995 insgesamt sechs Leserbriefe 39 veröffentlicht, wovon fünf die Atombombe mit den durch sie geretteten Leben gerechtfertigt sehen und ein Leserbreif noch einmal betont, dass die Atombombe nicht nur das Ende des Zusammenstoßes der Kulturen darstelle sondern auch den Beginn des nuklearen Zeitalters.
37 V-J Day. Doomsdays. A Merciless war comes to an appalling end with the use of the Atomic Bombs
and the instant incineration of two cities; Paul Gray, in: Time; 7.8.1995
38 V-J Day. War of the Worlds. Hiroshima was simply the end of a ferocious clash of cultures, fuelled by
intense hatreds and a history of humiliation; Howard Chua-Eoan, in: Time; 7.8.1995
39 War of the Worlds; in: Time (28.8.1995)
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2.4.2. New York Times
Die New York Times beginnt ihre Berichterstattung am 5.8.1995 mit zwei gegensätzlichen Kommentaren zum Thema Hiroshima. Im ersten Kommentar argumentiert Stephan E. Ambrose 40 , Autor der Biographien von Dwight D. Eisenhower und Richard M. Nixon, für die Abwürfe. Er beginnt mit der Darstellung Eisenhowers negativer Meinung zur Atombombe und leitet dann zu den Japanern über. Er konstatiert, dass Japan niemals aufgegeben hätte, selbst nicht unter Wahrung der Stellung des Kaisers, und bis zum letzten Mann weiter gekämpft hätte. Die zweite Atombombe auf Nagasaki rechtfertigt sich seiner Meinung nach dadurch, dass es wichtig war die Japaner zu schocken, was erst durch die zweite Atombombe wirklich gelungen sei. Wäre die Atombombe nicht eingesetzt worden, wären seiner Meinung nach hunderttausende japanische Zivilisten bei Brandbombenangriffen gestorben und es hätte die Gefahr bestanden, dass Japan in einen kommunistischen und einen demokratischen Teil zerfallen wäre. Außerdem wäre bei einer Verzögerung des Kriegsendes das Leiden und Sterben für Millionen Chinesen, Vietnamesen und Koreaner im Japanischen Reich sowie für amerikanische Kriegsgefangene weiter gegangen.
Auf der gleichen Seite ist ebenfalls der Gegenkommentar von Jim Holte 41 , Kommentator der BBC in New York, abgedruckt. Dieser beginnt mit der Frage, ob das vorsätzliche Massaker an unschuldigen Menschen jemals verziehen werden könne. Das einzige Argument für den Atombombenabwurf, das seiner Meinung nach wert ist ernst genommen zu werden, ist das Argument, dass die Atombombe Menschenleben gerettet habe. Und es gäbe auch einigen Grund anzunehmen, dass Truman und seine Berater mit einer verlustträchtigen Invasion rechneten. Aber rechtfertige dies den Massenmord an den Menschen in Hiroshima und Nagasaki. Hiroshima stellt für Holte den Triumph utilitaristischen Denkens, bei dem nur das Ergebnis zählt, in der Kriegsführung dar. Die Immunität von Nichtkombattanten, wie sie in den 20er Jahren in Den Haag festgelegt worden sei, sei mit dem Einsatz der Atombombe weg gewischt und Moral auf Arithmetik beschränkt worden, in der nur das rechnerische Ergebnis zählt.
40 The Bomb: It Was Death or More Death; Stephan E. Ambrose; in: New York Times, (5. August 1995);
S. 19
41 Morality, Reduced To Arithmetic; Jim Holt; in: New York Times, (5. August 1995); S. 19
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Am 6. August 1995 berichtet die New York Times dann ausführlich in insgesamt fünf Artikeln über Hiroshima“.
Auf der Titelseite ist ein Foto von Hiroshima 1945 und eines von 1995 abgedruckt und der Artikel von Nicholas D. Kristof 42 , Chef des Tokioer Büros der New York Times, beginnt in einer Spalte auf der ersten Seite. Kristof beschreibt zu Beginn erst einmal eindrücklich die durch die Atombombe verursachten Verletzungen und das persönliche Leid der Betroffenen. Im weiteren Artikel argumentiert Kristof, in dem er einzelne Zitate auswählt, die er in seinen Text einbaut. Zunächst zitiert er einen ehemaligen Bürgermeister Nagasakis, der die Atombombenabwürfe für eines der beiden größten Verbrechen gegen die Menschlichkeit neben dem Holocaust hält. Direkt folgend berichtet Kristof, dass nach den Abwürfen amerikanische Kriegsgefangene zu Tode geprügelt wurden. Laut Kristof ist die Stimmung in Hiroshima nicht amerikafeindlich, sondern durch Frustration über die Unsensibilität der Amerikaner geprägt, ähnlich wie die Stimmung der Südkoreaner und Chinesen gegenüber den Japanern, die sich niemals für den zweiten Weltkrieg entschuldigt hätten. Eine Japanerin gesteh auch ein, dass der Abwurf der Atombomben im Gesamtkontext des Krieges zu sehen sei. Ein japanischer Fotograf, der die ersten Fotos nach dem Bombenabwurf in Hiroshima machte, gebe auch zu bedenken, dass der gesamte Krieg schlecht war und alles weitere nur aufgrund des Krieges geschah. Zum Abschluss fragt Kristof japanische Jugendliche, ob sie gerne eine amerikanische Freundin hätten, was zum Abschluss des Textes ein japanischer Jugendlicher bejaht.
Im nächsten Artikel von Gustav Niebuhr 43 kommen van Kirk und Paul W. Tibbets Crewmittglieder der Enola Gay zu Wort und die Geschichte des Bombenabwurfs wird aus Sicht der Crew nacherzählt. Neben dem rein darstellenden Teil der Bombenabwürfe baut Niebuhr Aussagen von Tibbets und van Kirk ein, die auf die moralische Verantwortung der Bombenabwürfe eingehen. Kirk gibt an, dass es im Krieg keine Moral gebe und dass man, wenn man einen Krieg führe, alles tue, um diesen zu
42 The Bomb: An Act That Haunts Japan and America; Nicholas D. Kristof; in: New York Times (6.
August 1995); S. 1, 11
43 Enola Gay’s Crew Recalls The Flight Into A New Era; Gustav Niebuhr; in: New York Times (6.
August 1995); S. 10
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gewinnen. Weiterhin würde Kirk unter den gleichen Umständen die Atombombe noch einmal abwerfen.
Auf der gleichen Seite wird über ein Interview 44 , das Kristof mit Akihiro Takahashi (Überlebender des Atombombenabwurfes auf Hiroshima und Direktor des Hiroshima Peace Memorial Museum) führte, auch noch die japanische Sichtweise repräsentiert. Takahashi ist der Meinung, dass sich Japan ergeben hätte, wenn es eine Bestandsgarantie für das kaiserliche System gegeben hätte, da vor allem auch der Kaiser selber Frieden wollte. Allein die Drohung mit der Atombombe hätte nach Takahashi als Druckmittel für Truman ausgereicht. Außerdem stellt Takahashi die Frage, warum auf Hiroshima eine Atombombe aus Uranium und eine aus Plutonium auf Nagasaki geworfen wurde und warum diese beiden Städte zuvor von konventionellen Bomben verschont geblieben seien. Er kommt hierbei zu dem Schluss, dass die Atombombenabwürfe wie ein Experiment erscheinen, bei dem das Ausmaß der Zerstörungskraft erfasst werden sollte. Außerdem sollte auch noch die UDSSR unter Druck gesetzt werden. Das Argument, dass durch die Atombombe eigentlich viele Menschenleben gerettet wurden, erscheint Takahashi als nachträglich entstanden. Ein weiterer Artikel 45 versucht die japanische und amerikanische Mentalitätslage in Bezug auf Hiroshima nachzeichnen. Er kommt hierbei zu dem Schluss, dass die Atombombenabwürfe in Japan oft wie Naturkatastrophen beschrieben werden und dass 10% der Schüler in Hiroshima und Nagasaki nicht wissen, welches Land die Atombomben geworfen habe. Außerdem gebe der Abwurf der Atombomben den Japanern die Möglichkeit, sich als Opfer des Krieges zu fühlen, anstatt als Auslöser desselben und vor diesem Hintergrund auch eine Entschuldigung für den Krieg verweigern. Auch wird das Hiroshima Peace Memorial Museum kritisch betrachtet. So würde es zwar nicht Amerika verteufeln, aber wenig tun, um die Atombombenabwürfe zu erklären. Eine weitere Folge der Atombombenabwürfe sei, dass Japan nie selber eine Atombombe entwickelte und auch keine Truppen zu Auslandseinsätzen schickte. In Amerika würde Hiroshima dagegen als das Ende des Leidens angesehen und als Lebensrettung für viele Kriegsgefangene in japanischen Lagern. Aufgrund der grauenhaften Bombardierung ziviler Städte durch die Japaner in den 30er Jahren, seien die Japaner in den USA als ‚niedere Lebensform’ angesehen worden, was es einige
44 Justified Bombings? A Survivor’s Reply; in: New York Times (6. August 1995); S. 10
45 50 Years Later Hiroshima Haunts Japan and the U.S.; in: New York Times (6.8.1995)
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Jahre später leichter gemacht habe, den Atombombenabwurf auf japanische Städte zu akzeptieren. Dagegen seien die Deutschen als schrecklich, aber menschlich angesehen worden. Allerdings seien die Japaner im amerikanischen Ansehen nach dem Krieg wieder zu Menschen geworden. Und während 1945 noch 88% der Amerikaner die Bombenabwürfe begrüßt haben, seien es 1995 nur noch 44%.
Auf der gleichen Seite in den nachfolgenden Spalten beschäftigen sich noch drei weitere kleine Artikel mit dem Thema Hiroshima.
Der erste 46 beschreibt, dass es sowohl auf japanischer als auch auf amerikanischer Seite unter den Historikern Revisionisten gibt, die in ihrer Meinung gegen den Mainstream der Historiker stehen. Auf amerikanischer Seite wird hier Gar Alperovitz genannt, der auf Schwachpunkte in der traditionellen amerikanischen Verteidigung der Atombombenabwürfe aufmerksam gemacht habe. So hätten damals schon viele mit einer Kapitulation Japans auch ohne Atombombe gerechnet, und es gäbe keine historische Basis für die Behauptung, dass bis zu einer Million Soldaten gestorben wären. Auf der anderen Seite werden die japanischen Revisionisten genannt, die Amerika attestieren, keine wirkliche Alternative zu den Abwürfen gehabt zu haben. Die nächsten beiden Artikel 47 beschäftigen sich mit den gesundheitlichen Folgen der Abwürfe. Der eine beschreibt medizinische Gutachten zum Krebsrisiko nach den Atombombenabwürfen und der andere beschäftigt sich mit der Überwindung der sichtbaren Verstümmelungen und Zerstörungen, zum einen in Bezug auf eine Frau, die durch viele Operationen wieder ihr normales Aussehen zurück bekommen habe und zum anderen in Bezug auf die Stadt Hiroshima, die heute eine der schönsten Städte Japans sei.
Der letzte Artikel 48 vom 6.8.1995 ist in der Beilage „Week in Review“ abgedruckt. Hierbei geht es vor allem um die Meinungen der Berater Trumans . Die fortdauernde Frage sei, ob Japan kapituliert hätte, wenn die Atombombe nicht benutzt worden wäre. Stimson habe dafür plädiert, die Politik der bedingungslosen Kapitulation zugunsten einer Bestandsgarantie für das kaiserliche System und Kaiser Hirohito aufzugeben. Der neue Secretary of State, James Byrnes, habe dagegen argumentiert, dass diese
46 The Unendling Debate: Revisionists On Both Sides; in: New York Times (6. August 1995); S. 11
47 Unknown Toll. Instant Death, Lingering Pain; und Hiroshima’s Healing. The Long Road to
Reconcilation; beide in: New York Times (6. August 1995); S. 11
48 Hiroshima, 50 Years Later; in: Week in Review, S. 14 (Beilage zur New York Times vom 6.8.1995)
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Zugeständnisse von den Japanern als Schwäche hätten ausgelegt werden können. Je nachdem, wen man heute frage, sei es heute möglich zu argumentieren, dass die Atombombenabwürfe eine militärische Notwendigkeit waren oder eben auch nicht. Wichtig sei auch, dass die Debatte auch noch 50 Jahre danach weiter gehe und dass alle noch zurückgehaltenen Dokumente endlich veröffentlicht werden sollten. Wichtig sei es, nicht in Extrempositionen zu verfallen, wie manche Veteranen, die eine Ausstellung über Hiroshima zensierten 49 oder wie manche, die Hiroshima mit Auschwitz vergleichen und Truman als Kriegsverbrecher bezeichnen. Truman hätte nämlich schlecht da gestanden, wären tausende Soldaten gefallen, weil er die neue Wunderwaffe nicht eingesetzt hätte.
In den nächsten Tagen verfasst Nicholas D. Kristof, Korrespondent in Tokio, drei Artikel zu kleinen Nebengeschichten der Atombombenabwürfe. Im Artikel vom 7.8.1995 50 geht es um die Stadt Kokura, die das eigentliche Ziel der zweiten Atombombe sein sollte und nur durch die schlechte Witterungslage verschont worden sei. Und im Artikel vom 8.8.1995 51 geht es um die japanischen Bemühungen zur Herstellung einer Atombombe, die auch in Japan oft vergessen würden. Der Artikel kommt zu dem Schluss, dass die Japaner die Atombombe auch gegen die USA eingesetzt hätten, und dass Amerika keinen stärkeren Drang zum Massenmord habe, sondern nur technisch weiter entwickelt gewesen sei. Als Belege werden japanische Pläne dargestellt, amerikanische Zivilisten über U-Boot Angriff mit Pest verseuchten Flöhen und Angriffe mit sprengstoffbeladenen Ballons zu töten. Am 9.8.1995 52 erscheint ein weiterer Artikel von Kristof, in dem es um die so genannten kataribe geht, Zeitzeugen, die über ihre persönlich erlebte Geschichte vor
49 Das Smithsonian Institut plante eine kritische Ausstellung zum Gedenken an den 50. Jahrestag der
Atombombe auf Hiroshima im Nationalen Luft- und Raumfahrtmuseum in Washington. Bei der neben
der Enola Gay vor allem das Leid der Menschen und die Zerstörung in Hiroshima gezeigt werden sollte.
Zahlreiche Veteranengruppierungen und Kongressmitglieder demonstrierten hiergegen heftig, so dass die
eigentlich geplante Ausstellung verworfen wurde. Statt dessen wurde nur die Enola Gay gezeigt und jede
Wertung sowie die Schicksale der Menschen wurden ausgeklammert. Vgl.: Enola Gay … Smithsonian
Flinches; Web Exclusive auf www.time.com (30.1.1995); sowie: History Hijacked; Charles
Krauthammer; in: Time; 13.2.1995; sowie: This is the Eonola Gay; Web Exclusive auf www.time.com
(28.6.1995)
50 Kokura, Japan: Bypassed by A-Bomb. 50 Years Later, a City Looks Back and Counts Its Blessings, in:
New York Times, 7.8.1995; S. 7
51 Japan’s A-Bomb Project: One of War’s ’What Ifs; Nicholas D. Kristof; in: New York Times, 8.8.1995;
S. 2
52 Through Survivors’Tales, Nagasaki Joins Japan’s Timeless Folklore; Nicholas D. Kristof; in:New York
Times; 9.8.1995; S. 8
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Schulklassen sprechen. Nachdem ausführlich über deren persönliches Leid berichtet wurde, geht der Artikel zur Frage nach der Rechtfertigung des Atombombenabwurfs auf Nagasaki über. Nagasaki sei weit weg von Tokio gewesen und eine Bombe in der Bucht von Tokio hätte weniger Menschenleben gefordert und vielleicht sogar eine stärkere Wirkung auf die politische Führung gehabt. Es gebe unterschiedliche Beweise, aber einige deuten darauf hin, dass die zweite Bombe geholfen habe den Krieg zu beenden, da z. B. argumentiert wurde, die Amerikaner hätten nur eine Bombe. In einem Artikel, der bereits am 8.8.1995 53 erschienen war, berichtete A.M. Rosenthal über einen Artikel, den er vor zwanzig Jahren für die New York Times geschrieben und in dem er viele persönliche Schicksale dargestellt habe. Jetzt sieht er allerdings einige Dinge anders. Er weiß, dass sich Truman einem Misstrauensvotum hätte aussetzen müssen, hätte er nicht die Wunderwaffe eingesetzt, um die Leben der Soldaten zu retten. Und außerdem sei ihm jetzt klar, dass Japan den Krieg angefangen habe und Tausende Asiaten durch die Japaner getötet wurden, deren gegenseitige Aufrechnung zwar nicht moralisch ist, die für ihn allerdings trotzdem zu den Toten zählen. Er kritisiert die Revisionisten dafür, dass sie nur Theorien akzeptieren, die ihrer Argumentation helfen. Es gebe viele Beweise, dass die Japaner bis zum letzten Mann weiter gekämpft hätten, und Rosenthal kommt zu dem Schluss, dass Truman die Bombe benutzt, somit den Krieg beendet und tausende amerikanische Leben gerettet habe.
53 A Return to Hiroshima; A. M. Rosenthal; in: New York Times; 8.8.1995; S. 21
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3. Zusammenfassung und Fazit
Wie lässt sich die Berichterstattung nun zusammenfassen? Welche Veränderungen in der Darstellung sind zu erkennen? Welche Themen dominieren und in welchen Funktionszusammenhang steht die Berichterstattung jeweils?
In der Berichterstattung zum 10. Jahrestag 1955 spielt das Thema Hiroshima noch keine so große Rolle wie in den folgenden Jahrzehnten. Time veröffentlicht überhaupt keinen Artikel und in der New York Times gibt es auch nur wenige, nicht zentrale Artikel. Wesentlich ausgeweitet ist die Berichterstattung in den Jahren 1985 und 1995, und Time widmete dem Thema 1985 zum ersten und einzigen Mal eine Titelstory. Allerdings kann bereits 1955 festgestellt werden, dass alle für die spätere Diskussion zentralen Aspekte schon präsent sind. Auf der einen Seite, dass man keine Bombe gebraucht hätte, um den Krieg zu beenden, und dass es andere Möglichkeiten als Atombombe oder Invasion gegeben hätte, um den Krieg zu beenden. Auf der anderen Seite, dass es bei einer Invasion sehr viele tote amerikanische Soldaten gegeben hätte, dass die Bombe den Krieg schnell beendet habe, dass die Japaner die Bombe auch gegen die USA eingesetzt hätten, dass sich viele militärische Ziele in Hiroshima befunden hätten, und dass die Humanität im Zweiten Weltkrieg schon lange vorher aufgegeben worden sei. Gleichwohl wird noch nicht sehr kontrovers diskutiert; die Argumente der Kritiker werden lediglich in einem Leserbrief und in einem kurzen Artikel über den Leserbrief behandelt. Der Time Artikel „What if Hiroshima had never Happened“ von 1970 stellt den einzig wirklichen Versuch dar, beide Positionen abzuwägen und die Argumente miteinander wertend zu vergleichen. So lautet das Fazit zum einen, dass weniger Verlass auf die Bombe zu kreativerer Demokratie geführt hätte, und zum anderen, dass die Entscheidung zum Einsatz von guten Männern aus guten Gründen moralisch getroffen worden sei, dass sich diese Entscheidung im Nachhinein allerdings als falsch dargestellt habe. Generell kann festgestellt werden, dass die Diskussion 1970 keine neuen Argumente hervorbringt und auch noch nicht den großen Rahmen wie in den folgenden Jahrzehnten einnimmt. 1985 wird dann in der
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Berichterstattung zum ersten Mal von den so genannten revisionistischen Historikern gesprochen, die das Ziel der Atombombe darin sähen, die Sowjetunion einzuschüchtern. In diesem Kontext taucht auch Gar Alperovitz zum ersten Mal in der Diskussion auf. Dieser bereichert die Diskussion mit seinen Thesen, dass eine Kapitulation bei Bestandsgarantie für das kaiserliche System möglich gewesen wäre, und dass das einzige Ziel der Atombombe gewesen sei, die Sowjetunion leichter handhabbar zu machen. Diese Argumente sind bei Betrachtung des Leserbriefs aus dem Jahr 1955 nicht unbedingt neu, doch nehmen sie in der Diskussion einen größeren Stellenwert ein und sind präziser formuliert. Auf der anderen Seite führt die Diskussion zu viel Rechnerei und Streit in Bezug auf die bei einer Invasion zu erwartenden Todeszahlen. In der Berichterstattung des Jahres 1995 kann dann festgestellt werden, dass die Argumente von Alperovitz zwar in die Diskussion eingeflossen sind und nun auch verstärkt über die Rolle des Kaisers diskutiert wird, doch ist nahezu unbestritten, dass der Einsatz der Atombombe in der Summe Menschenleben gerettet habe, was vor allem auch in dem eigentlich den Atombombenabwürfen kritisch gegenüberstehendem Artikel „Morality, Reduced To Arithmetic“ deutlich wird. Auch neu in der Berichterstattung 1995 sind die konkreten Vorwürfe an die Japaner, die die Atombombe benutzten, um sich selber als Opfer und nicht als Verursacher des Krieges darzustellen. Und auch das Museum in Hiroshima sei zwar nicht offen amerikafeindlich, tue aber wenig, um den Kontext der Atombombenabwürfe zu erklären.
Das Argument, dass konventionelle Bomben nicht menschlicher seien als Atombomben, taucht dagegen nur 1955 und 1970 auf. 1970 wird es sogar in zwei Artikeln beschrieben, allerdings nicht als Entschuldung gedeutet, sondern als aktuelle Zeitkritik am Einsatz von Cluster- und Napalmbomben. Explizit wird 1970 auch zwei Mal die Bombardierung Dresdens erwähnt, die in einem Artikel als sinnloses Verbrechen beschrieben wird, im Gegensatz zum Atombombenabwurf über Hiroshima, der dazu beigetragen habe, den Kalten Krieg nicht eskalieren zu lassen. 1955 ist auffällig, dass noch keine starke Verknüpfung der eigenen atomaren Bedrohung mit Hiroshima hergestellt wird. In Time wird positiv von einem Kongress zur Nutzung der Atomkraft berichtet und in einem New York Times Artikel wird
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Hiroshima ein Sinn zugesprochen, da die Bombe auf Hiroshima Angst vor der Atombombe erzeugt hätte, ein Argument, dass in späteren Jahren noch häufiger auftritt und hier den einzigen Gegenwartsbezug darstellt. In der Berichterstattung des Jahres 1970 ist das zeitgenössische Gefühl des bedroht seins schon wesentlich stärker zu spüren als 1955. Jedoch ist dieses Gefühl durchgehend mit einer positiv, utopischen Grundstimmung vermengt. Es bestünde eine Möglichkeit zur Abrüstung, die Kontrolle durch eine Weltregierung könne den Konflikt entschärfen, und Hiroshima habe wenigstens den Sinn gehabt, die Menschen vor der atomaren Bedrohung zu warnen. In der Berichterstattung des Jahres 1985 ist diese Utopie allerdings einer Art Hoffnungslosigkeit gewichen. Es seien psychologische Auswirkungen auf die Kinder nachweisbar, ein Atombombenstest sei nicht zu erwarten, man müsse auf Dauer mit der Bombe leben lernen, man habe einen Frankenstein geschaffen und Bücher, die vor dem atomaren Weltuntergang warnten, hätten hohe Auflagen. Dagegen fehlen 1995 in der Berichterstattung zum Gedenken an Hiroshima Bezüge auf eine aktuelle atomare Bedrohung vollständig.
Welches Fazit lässt sich nun zur Berichterstattung ziehen? Insgesamt ist auffällig, dass die Berichterstattung sehr stark das persönliche Leid der Betroffenen beschreibt und dass diesem Leid sehr viel Mitgefühl entgegengebracht wird. Allerdings lässt sich hierbei stets, und vor allem 1970 und 1985, eine Rückprojektion auf die eigene Situation erkennen. Man kann daher feststellen, dass das Gedenken an Hiroshima in der Zeit des Kalten Krieges einen Reflexionshorizont zur Verarbeitung der eigenen Situation bot.
Gleichzeitig kann aber auch festgestellt werden, dass die Diskussion in Bezug auf die Notwendigkeit des Einsatzes der Atombombe und die Rechtfertigung des Handelns der Vereinigten Staaten immer noch nicht abgeschlossen ist, sondern im Gegenteil mehr als festgefahren erscheint. Die Rolle der Kritiker der Atombombenabwürfe wird in der Berichterstattung oft an Japaner vergeben, wohingegen Amerikaner die Verteidigung mit dem Hauptargument der geretteten amerikanischen Soldaten übernehmen.
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Die Unwichtigkeit dieses Arguments in Bezug auf die Argumente der so genannten revisionistischen Historiker, angeführt von Gar Alperovitz, scheint allerdings gar nicht erst wahrgenommen zu werden. Eine ebenfalls oft zu beobachtende Tendenz ist die des Aufrechnens. Nicht selten wird Hiroshima in einem Satz mit Pearl Harbor, weiteren japanischen Kriegsverbrechen oder amerikanischen Kriegsgefangenen in der Hand der Japaner genannt.
Ob diese Schlüsse allerdings aus reinen Zufälligkeiten aufgrund der geringen Zahl von ausgewerteten Zeitungsanzeigen entstanden sind, kann nicht abschließend mit aller Sicherheit geklärt werden. Hierzu müssten genauere quantitative Untersuchungen unter Einbeziehung der gesamten Medienlandschaft folgen. Erste Trendaussagen wie in diesem Fazit lassen sich aus den Quellen allerdings gut erschließen.
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4. Literaturverzeichnis
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Arbeit zitieren:
Dominik Johänntgen, 2005, Die Darstellung der Atombombenabwürfe auf Hiroshima und Nagasaki in der amerikanischen Presse - Exemplarische Analyse der Berichterstattung von The New York Times und Time von 1955 bis 1995, München, GRIN Verlag GmbH
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