Inhalt
Einleitung 3
1. Was ist ADHS? 4
1.1 Begriffsklärung und Merkmale. 4
1.2 Ursachen 5
1.3 Diagnose 6
1.4 Prävalenz 8
2. Ritalin - Zwischen Zaubermittel und Droge? 9
2.1 Was ist Ritalin und wie wirkt es? 9
2.2 Die wissenschaftliche Diskussion um ADS und Ritalin 11
2.3 Mögliche Alternativen und Ergänzungen zur Ritalin -Therapie 12
3. Fazit 15
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Einleitung
Viel wurde in den letzten Jahren geschrieben, gesprochen und diskutiert über diese ADS - Kinder, die mittlerweile in jeder Schulklasse zu finden sind. Einige stellen die Existenz des Aufmerksamkeits-Defizit-Syndroms an sich in Frage mit dem Verweis auf die Pharmaindustrie, die nur einen neuen Geschäftszweig entdeckt hätte; andere fordern die sofortige Behandlung der Kinder, die diese Diagnose erhalten, mit Stimulanzien, weil sie ganze Schulklassen sprengten und nicht zu führen seien.
Eltern sehen sich dem Verdacht ausgesetzt, ihre Kinder nicht erziehen zu können und die maßgebliche Schuld an deren Verhalten zu tragen; entscheiden sie sich für eine Therapie mit Stimulanzien wie Ritalin® schlägt ihnen oft Verständnislosigkeit entgegen, weil sie ihr Kind mit chemischen Mitteln behandeln lassen, die sein Wesen völlig veränderten. Vor allem die Medien haben in der jüngeren Vergangenheit oft unsachlich und an wissenschaftlichen Erkenntnissen und den Bedürfnissen der Betroffenen vorbei Meinungen erzeugt.
In der vorliegenden Arbeit möchte ich nun anhand der wissenschaftlichen Erkenntnisse über ADS und Methylphenidat, dem Wirkstoff von Ritalin®, und der wissenschaftlichen Diskussion einen sachlichen und fachlichen Blick auf Nutzen und Risiken der medikamentösen Behandlung von ADS werfen. Hierzu erläutere ich im ersten Kapitel das Krankheitsbild, mögliche Ursachen und Probleme bei der Diagnose.
Im zweiten Kapitel gehe ich auf Ritalin, die wissenschaftliche Diskussion um dessen Einsatz in der Therapie von aufmerksamkeitsgestörten Kindern und Alternativen und Ergänzungen dazu ein.
Im dritten Teil folgt mein Fazit aus den vorhergehenden Ausführungen.
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1. Was ist ADHS?
ADS ist kein Phänomen, das es erst seit wenigen Jahren gibt. Bereits seit Mitte des 19. Jahrhunderts gab es immer wieder wissenschaftliche Darstellungen, die dieses Phänomen beschrieben und beispielsweise die Thematik von Dr. Heinrich Hoffmanns Kinderbuch „Der Struwwelpeter“ von 1845 aufgriffen, wie beispielsweise der britische Kinderarzt Georg Still, der 1902 von über zwanzig von ihm behandelten Kindern berichtete, die er als „trotzig“, „boshaft“ und „ohne hemmenden Willen“ beschrieb und die eine leichte Hirndysfunktion gemeinsam hatten. (Ackermann-Stoletzky, K. & Stoletzky, C., 2004)
1.1 Begriffsklärung und Merkmale
Der Begriff ADS wird unterschieden in drei Gruppen:
• der kombinierte Typ mit den drei Kernsymptomen Impulsivität,
Unaufmerksamkeit und Hyperaktivität
• der vorwiegend unaufmerksamen Typ, was der Diagnose „ADS ohne
Hyperaktivität“ entspricht und
• der vorwiegend hyperaktiv-impulsive Typ
Die Symptome von ADS sind vielfältig. Merkmale von ADHS sind beispielsweise Konzentrationsschwierigkeiten, leichte Ablenkbarkeit und motorische Unruhe, Entwicklungsverzögerungen bezüglich Körper, Geist und Seele, motorische Störungen, schlagartiges geistiges Ermüden, Wutanfälle, verzögerte Widergabefähigkeit bei Erlerntem, Probleme bei Übergängen in veränderte/unbekannte Situationen und beim Organisieren von Aufgaben und Aktivitäten. Außerdem geht ADHS nicht selten einher mit zusätzlichen
Problematiken wie Einnässen, Schlafstörungen, Teilleistungsstörungen wie Legasthenie und Ticstörungen. Tics sind „kurze, einschießende, unwillkürliche
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Bewegungen oder Lautbildungen, mit denen kein Zweck verfolgt wird und die dem freien Willen nicht unterliegen“ (Huss, M. 2002). ´
1.2 Ursachen
Zu den Ursachen von ADS gibt es verschiedene Erklärungsmodelle, auf die ich hier näher eingehen möchte. Die biologisch-physiologische Theorie:
Diese Theorie ist weit verbreitet und vor allem im medizinischen Umfeld weitgehend akzeptiert.
Sie sieht eine neurobiologische Funktionsstörung im Gehirn als Ursache für ADS. Hierbei entsteht ein Mangel an Neurotransmittern, vor allem Dopamin, die für die Übertragung von Informationen in Gehirn verantwortlich sind. So findet keine Filterung von Informationen durch das neuronale Netzwerk in ausreichendem Maß statt, so dass der Patient unter einer ständigen Reizüberflutung steht.
Diese Theorie beruht hauptsächlich auf der Beobachtung, dass die Symptome durch Verabreichung dopamin-freisetzender Stimulanzien abnehmen. Durch Untersuchungsmethoden, die eine Darstellung von Stoffwechselvorgängen im Gehirn erlauben, wurden außerdem Funktionsstörungen in verschiedenen Hirnabschnitten bei betroffenen Patienten beobachtet. Die Vererbbarkeit dieser Stoffwechselstörung ist nicht nachgewiesen, jedoch wird davon ausgegangen, da in vielen Fällen auch andere Familienmitglieder betroffen sind. Die Bioumwelttheorie:
Diese Theorie geht davon aus, dass Umwelteinflüsse, wie beispielsweise die Überbelastung des Organismus durch Schwermetalle, ADS hervorrufen. Mediziner mit naturheilkundlicher Orientierung wollen festgestellt haben, dass etwa 80% der von ihnen behandelten ADS-Kinder eine im Vergleich zu nicht hyperaktiven Kindern erhöhte Bleikonzentration im Urin aufwiesen (Ackermann-Stoletzky, K. & Stoletzky, C., 2004)
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Die Umwelttheorie:
Diese Theorie geht davon aus, dass die Ursachen von ADS im sozialen Umfeld des betroffenen Kindes zu suchen sind. Das können beispielsweise Konflikte im Elternhaus, zwischen den Eltern und Eltern und Kind sein, allgemeine Erziehungsprobleme oder Schwierigkeiten in der Schule bzw. im weiteren sozialen Umfeld.
Nach dem heutigen Kenntnisstand kann ADS jedoch nicht alleine durch diese Faktoren erklärt werden; aus der Arbeit mit ADS-Kindern in einer Tagesgruppe für Erziehungshilfe weiß ich jedoch, dass diese Umstände deutliche Auswirkungen auf die Symptome haben.
1.3 Diagnose
Da es kein eindeutiges Erklärungsmuster für das Aufmerksamkeits-Defizit-Syndrom gibt, ist auch die Diagnose nicht ganz einfach. Meist entwickelt sich der Verdacht auf ADS mit dem Beginn der Schulzeit. Es zeigt sich, dass solche Kinder Schwierigkeiten haben, sich längere Zeit auf eine Sache zu konzentrieren und sich zu motivieren, vor allem bei anstrengenden Aufgaben. Oft haben sie Probleme in der Interaktion mit anderen, ecken an und können schwer die Bedürfnisse anderer wahrnehmen. Doch welches Kind ist im Unterricht immer konzentriert und streitet sich nie mit seinen Klassenkameraden? Was macht ein Kind zu einem „ADS-Kind“? Das diagnostische und statistische Handbuch psychischer Störungen, IV. Fassung (DSM IV) gibt genauere Kriterien für die Diagnose von ADHS vor (Holowenko, H. 1999).
Die Kriterien werden hier unterteilt in „A1 Unaufmerksamkeit“ und „A2 Hyperaktivität und Impulsivität“. In A1 und A2 müssen mindestens sechs Kriterien über mindestens sechs Monate in einem dem Alter und der Entwicklung des Kindes nicht angemessenen Ausmaß beobachtet worden sein. Zu A1 gehört demnach:
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• beachtet häufig Einzelheiten nicht oder macht Flüchtigkeitsfehler bei den Schularbeiten, bei der Arbeit oder bei anderen Tätigkeiten
• hat oft Schwierigkeiten, längere Zeit die Aufmerksamkeit bei Aufgaben oder beim Spielen aufrechtzuerhalten
• scheint häufig nicht zuzuhören, wenn andere ihn/sie ansprechen
• führt häufig Anweisungen anderer nicht vollständig durch und kann Schularbeiten, andere Arbeiten oder Pflichten am Arbeitsplatz nicht zu
Ende bringen (nicht aufgrund oppositionellem Verhaltens oder
Verständigungsschwierigkeiten)
• hat häufig Schwierigkeiten, Aufgaben und Aktivitäten zu organisieren
• vermeidet häufig, oder hat eine Abneigung gegen oder beschäftigt sich häufig nur widerwillig mit Aufgaben, die länger dauernde geistige
Anstrengungen erfordern (wie Mitarbeit im Unterricht oder
Hausaufgaben)
• verliert häufig Gegenstände, die für Aufgaben oder Aktivitäten benötigt werden (z.B. Spielsachen, Hausaufgabenhefte, Stifte, Bücher oder
Werkzeug)
• lässt sich oft durch äussere Reize leicht ablenken
• ist bei Alltagstätigkeiten häufig vergesslich
•
Zu A2 gehört:
• zappelt häufig mit Händen oder Füssen oder rutscht auf dem Stuhl herum
• steht in der Klasse oder in Situationen, in denen Sitzen bleiben erwartet wird, häufig auf
• läuft herum oder klettert exzessiv in Situationen, in denen dies unpassend ist (bei Jugendlichen oder Erwachsenen kann dies auf ein
subjektives Unruhegefühl beschränkt bleiben)
• hat häufig Schwierigkeiten, ruhig zu spielen oder sich mit Freizeitaktivitäten ruhig zu beschäftigen
• ist häufig "auf Achse" oder handelt oftmals, als wäre er/sie "getrieben"
• redet häufig übermässig viel
• platzt häufig mit Antworten heraus, bevor die Frage zu Ende gestellt ist
• kann nur schwer warten, bis er/sie an der Reihe ist
• unterbricht und stört andere häufig (platzt z.B. in Gespräche oder Spiele anderer hinein)
Weitere Kriterien sind Zeit und Setting. Das heißt, dass einige dieser Symptome bereits vor dem siebten Lebensjahr aufgetreten sein müssen und die Probleme in zwei oder mehr Bereichen, beispielsweise in der Schule oder dem Kindergarten oder zuhause zu beobachten sind.
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Zudem muss ausgeschlossen werden, dass sie nicht mit einer anderen psychischen Problematik besser zu erklären sind.
Auch nach dem ICD-10 gibt es Diagnosekriterien, die denen des DSM IV sehr ähnlich sind. Hier wird jedoch nach den drei Subtypen (s. 1.1) unterschieden. Außerdem führt der ICD-10 eine Kombination mit einer Störung des Sozialverhaltens (F90.1) auf, die es im DSM IV in dieser Form nicht gibt.
Trotz dieser Kriterien wird die Diagnostik jedoch oft immer noch unzureichend und vorschnell durchgeführt, was zur Folge hat, dass ADS in den letzten Jahren als eine Art Epidemie wahrgenommen wurde und die Problematik der Kinder nicht immer richtig erkannt wird.
1.4 Prävalenz
Nach ersten Untersuchungen in Deutschland von 2003 bis 2006 haben 4,8% der Kinder und Jugendlichen in Deutschland eine ärztlich oder von einem Psychologen diagnostizierte Aufmerksamkeitsdefizit-/Hyperaktivitätsstörung. Bei Jungen tritt ADS mit 7,9% häufiger auf als bei Mädchen (1,8%). Außerdem steigt die Prävalenz mit dem Alter: im Vorschulalter von 3-6 Jahren tritt ADS bei 1,5% auf, im Grundschulalter von 7-10 Jahren bei 5,3% und im Alter von 11-13 Jahren bei 7,1%.
Im Hinblick auf den sozialen Status kann man eine umgekehrte Prävalenz feststellen: Bei niedrigem sozialen Status tritt ADS bei 6,4% auf, bei mittlerem sozialen Status bei 5,0% und bei hohem sozialen Status tritt ADS bei 3,2% auf. Desweiteren ist ein Unterschied bei Kindern mit und ohne Migrationshintergrund feststellen: Bei Kindern ohne Migrationshintergrund tritt ADS mit 5,1% häufiger auf als bei Kindern mit Migrationshintergrund (3,1%). Die Wohnregion, also ob Ost- oder Westdeutschland, und die Wohnortgröße, also ob Stadt oder Land, fallen bei der Prävalenz nicht ins Gewicht (Schlack, R., Hölling, H., Kurth, B.-M. & Huss, M., 2007).
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2. Ritalin® - Zwischen Zaubermittel und Droge? Ritalin ist das wahrscheinlich bekannteste Medikament mit dem Wirkstoff Methylphendiat. Außer Ritalin sind auf dem deutschen Markt auch Medikinet, Equasym und Concerta erhältlich. Im Folgenden werde ich den Begriff Ritalin verwenden, die Ausführungen gelten jedoch im Wesentlichen für alle aufgeführten Präparate.
2.1 Was ist Ritalin und wie wirkt es?
Bereits 1937 publizierte der Kinderneuropsychiater Charles Bradley seine Erfahrungen mit unruhigen Kindern im Emma-Pendelton-Bradley-Home, die für den pädagogischen Zugang nicht mehr empfänglich waren. Er berichtete, dass die Kinder nicht wie zunächst angenommen durch Beruhigungsmittel besser zu führen waren, sondern auf Bezendrin, ein stimulierendes Mittel zur Behandlung von Narkolepsie (Schlafsucht), sehr gut ansprachen. 1944 synthetisierte Leandro Panizzon erstmals Methylphenidat, 1968 wurde es erstmals erfolgreich bei Kindern mit Aufmerksamkeits- und Aktivitätsstörung eingesetzt. Während Ritalin auf Menschen, die nicht von ADS betroffen sind, aufputschend wirkt, hat es bei aufmerksamkeitsgestörten Kindern einen gegenteiligen Effekt. Mittlerweile kann man ziemlich genau erklären, wie Ritalin im Gehirn von ADS-Kindern wirkt: es normalisiert den Neurotransmitteraustausch und gleicht den Dopaminmangel aus. Dies hat im Idealfall zur Folge, dass Konzentration, Impulsivität und motorische Unruhe positiv beeinflusst werden, da die Reizüberflutung abnimmt. Diese Wirkungsweise unterstützt noch einmal die Theorie der Stoffwechseldysfunktion im Gehirn.
Ritalin ist kein Spiegelmedikament, das heißt, dass es nicht über längere Zeit eingenommen werden muss, um einen Wirkspiegel aufzubauen. Es wird über die Schleimhäute des Verdauungstraktes aufgenommen und zeigt bereits nach 15 bis 20 Minuten seine Wirkung. Seine Halbwertszeit beträgt etwa drei Stunden, sodass bei einer morgendlichen Einnahme bereits am Abend keine
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wirksame Dosis mehr vorhanden ist. Am nächsten Morgen ist der Wirkstoff im Blut nicht mehr nachzuweisen. Das Medikament kann ADS nicht „heilen“, jedoch sorgt es bei Respondern, also Kindern, die auf das Medikament ansprechen, zur Besserung der Symptome. Nicht alle ADS-Kinder sind Responder, es kann durchaus vorkommen, dass das Medikament bei manchen Kindern nicht wirkt. In diesem Fall wird häufig eine Behandlung mit Amphetaminen versucht, die auch zu den Stimulanzien gehören und sehr ähnlich wirken.
Nebenwirkungen von Methylphenidat können Appetitlosigkeit, Schlafstörungen, Tics und Depressionen sein (Huss, M. 2002). Die ersten beiden legen sich in den meisten Fällen nach kurzer Zeit und/oder geringerer Dosierung, wenn sie nicht schon vorher vorhanden waren; stellen sich Depressionen und Ticstörungen mit Beginn der Medikation ein, sollte das Absetzen des Medikaments in Erwägung gezogen werden.
Die häufigste Sorge bezüglich einer Medikation ist die angebliche Suchtgefahr auf längere Sicht. In Langzeitstudien mit Kindern und Jugendlichen, die mit Ritalin behandelt wurden und solchen, bei denen dies nicht der Fall war, konnte nachgewiesen werden, dass „das Suchtrisiko bei den medikamentös behandelten Jugendlichen um 85 Prozent reduziert war“ (Huss, M., Schmidt -Schulz, A., Hoffmann, K., Vogel, R. & Lehmkuhl, U. 2000). Jedoch wurde in dieser Studie das Kriterium des sozialen Milieus, aus dem die Kinder stammten nicht berücksichtigt. Deshalb kann nicht sicher gesagt werden, ob zwischen dem sozialen Milieu, der Behandlung mit Ritalin und einer späteren Suchtgefahr ein Zusammenhang besteht. Nahe liegend ist, dass Kinder aus einem günstigeren Milieu mit Ritalin behandelt wurden im Gegensatz zu Kindern aus einem defizitären sozialen Milieu, die durch ihr Umfeld möglicherweise zusätzlich eine Prädisposition zu späterem Drogenmissbrauch haben. Es also weder bewiesen, dass mit Ritalin behandelte Kinder grundsätzlich weniger zu Drogen greifen noch das Gegenteil.
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Die Verordnungen von Ritalin haben indes drastisch zugenommen: Von 0,3 Millionen Tagesdosierungen im Jahr 1990 sind sie bis 2001 um das 60fache auf 18,3 Millionen Tagesdosierungen gestiegen (Glaeske, G. & Janhsen, K., 2003).
2.2 Die wissenschaftliche Diskussion um ADS und Ritalin
Über ADHS und Methylphenidat wurde in den letzten Jahren viel diskutiert. Die Meinungen der PädagogInnen, PsychologInnen, HomöopathInnen,
KinderärztInnen und NeurologInnen darüber, wie sinnvoll und erfolgreich die Behandlung mit Ritalin ist, gehen dabei teilweise weit auseinander. Eine Position, die beispielsweise von der Neurologin Kirsten Stollhoff vertreten wird, ist, dass ADS ein „Hochrisiko“ sei, das unbehandelt zu Kriminalität, Sucht, früher Schwangerschaft und Suizidversuchen führt (Stollhoff, K. 2002). Sie argumentiert für eine möglichst frühe Behandlung mit Ritalin um dies zu verhindern, lässt alternative oder zusätzliche Behandlungsmethoden gänzlich beiseite und stellt das Medikament als „Zaubermittel“ dar. Ihr entgegen steht die Position der Diplom-Psychologin Helga Rühling, die ADS für eine Auswirkung der Entwicklung der Gesellschaft hält, von Inkonsequenz und übermäßigem Fernsehkonsum, für ein pädagogisches Problem (Rühling, H. 2003). Dementsprechend wendet sie sich gegen eine Behandlung mit der „Droge“ Ritalin und führt hierbei bekannte Argumente wie beispielsweise die Suchtgefahr an.
Judyth Reichenberg-Ullman und Robert Ullman vertreten die Ansicht der Homöopathen, dass mit „sanfter“ Medizin mehr zu erreichen ist als mit chemischen Keulen. Sie lassen hierbei aber mögliche Ursachen der Störungaußer der immer schnelllebigeren Zeit - außer Acht (Reichenberg - Ullman, J. & Ullman, R. 2002).
Zwischen diesen Positionen befinden sich die Vertreter einer multimodalen Therapie, einer Behandlung mit Ritalin im Zusammenhang mit pädagogischen und therapeutischen Maßnahmen wie zum Beispiel Ergotherapie,
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Musiktherapie, Reittherapie, Psychomotorik oder Verhaltenstherapie. Ihr Argument dafür ist, dass das Medikament ADS-Kindern hilft, solche Angebote erfolgreich annehmen zu können um dabei soziale Kompetenzen, Körpergefühl und die Reflexion des eigenen Verhaltens zu erlernen und in der Schule besser mitarbeiten zu können. Zu diesen Vertretern gehört unter anderem der Kinderarzt Michael Huss (Huss, M. 2002), der Kinder- und Jugendpsychiater Götz-Erik Trott, die Ärztin Petra Wenzel und die Sonderpädagogin und Verhaltenstherapeutin Suzette Everling (in: Fitzner, T. & Stark, W. (Hrsg.) 2000). Sie bezeichnen Ritalin als vorübergehende „Gehhilfe“ die Lernprozesse unterstützt, immer weniger gebraucht wird und schließlich ganz weggelegt werden kann.
2.3 Mögliche Alternativen und Ergänzungen zur Ritalin®-Therapie Die folgenden Therapien sind grundsätzlich getrennt voneinander anwendbar, in der Praxis werden sie jedoch häufig miteinander oder, ausgenommen der homöopathischen Therapie, mit einer Ritalin-Behandlung kombiniert (multimodale Therapie). Die homöopathische Therapie:
Viele Eltern deren Kinder die Diagnose ADS erhalten, landen während ihrer Odyssee früher oder später in einer homöopathischen Praxis, wo sie, um die Behandlung mit Ritalin zu vermeiden, eine Behandlung mit homöopathischen Mitteln auf pflanzlicher, mineralischer oder tierischer Basis versuchen. Die Studien zum Erfolg einer homöopathischen Therapie sind widersprüchlich; es gibt sowohl Studien, die den Erfolg belegen (beispielsweise die der kollegialen Instanz für Komplementärmedizin der Universität Bern und der Medizinischen Universitätskinderklinik Bern) als auch Studien, die homöopathischen Mitteln lediglich einen Placebo-Effekt attestieren
(beispielsweise die des Instituts für Sozial- und Präventivmedizin der Universität Bern).
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Aus meiner Arbeit kann ich nur sagen, dass diese Behandlungsform bei den von uns betreuten Kindern, deren Eltern diesen Weg wählten, wenig bis gar keinen Erfolg zeigte. Verhaltenstherapie:
Die Verhaltenstherapie hat sich bisher in der Behandlung von ADS am meisten von allen psychotherapeutischen Konzepten profiliert. Hierbei sollen durch verschiedene Interventionen Verhaltensstrukturen verändert, neu erlernt und wieder gefestigt werden. Man unterscheidet zwischen den familienzentrierten und den kindzentrierten Interventionen. Erstere setzen die Eltern in den Mittelpunkt und das Kind wird je nach Problematik und Alter unterschiedlich stark integriert. Letztere hat die therapeutische mit dem Kind zum Mittelpunkt und bezieht die Eltern nach Bedarf ein. Keine der Interventionsformen finden jedoch völlig ohne Kind oder völlig ohne Eltern statt. Verhaltenstherapeutische Angebote für Kinder mit ADS finden häufig in Gruppen statt (Ackermann-Stoletzky, K. & Stoletzky, C., 2004). Ergotherapie:
„Ergon“ (griech.) bedeutet Tätigkeit, Handeln, Tun; somit ist Ergotherapie eine Therapie durch Aktivität und Handeln. Ziel ist es, Störungen der Motorik, der Sinneswahrnehmung und der sozialen und psychischen Funktionen positiv zu beeinflussen.
Ein spezieller Bereich der Ergotherapie ist die Sensorische Integration. Ihr liegt die Theorie zugrunde, dass Entwicklungsstörungen, ob Störungen der Motorik, der Sprache oder des Verhaltens, auf Wahrnehmungsstörungen beruhen. Hier werden Körper- und Raumwahrnehmung gefördert. Psychomotorik:
Die Psychomotorik geht von den Stärken des Kindes aus und fördert diese. So sollen dem Kind positive Erlebnisse vermittelt werden, die seine Ich-, Sach-Handlungskompetenz stärken. ADS-Kinder haben hier einen Raum ohne die Anforderungen des Alltags, denen sie oft nicht gerecht werden und können positive Erfahrungen machen, ihr Selbstwertgefühl stärken und Vertrauen in die eigenen Fähigkeiten gewinnen.
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Inhalte der Psychomotorik sind
• Körpererfahrung wie Körperwahrnehmung, Schulung der Sinne,
Selbststeuerung, und Selbsteinschätzung
• Materialerfahrung wie Funktion und Verwendungsmöglichkeiten,
Auseinandersetzung mit der Umwelt, Gestaltung
• Sozialerfahrung wie Bewegung als Möglichkeit des Ausdrucks,
Kooperation, Kommunikation, Soziale Wahrnehmung und Einhaltung von Absprachen und Regeln (Ackermann-Stoletzky, K. & Stoletzky, C., 2004). Durch ein weiteres wichtiges Element, Rituale, die die Psychomotorikstunde in Zeitabschnitte gliedern, erhalten die Kinder eine Orientierung, was für ADS-Kinder, für die klare Strukturen hilfreich sind, besonders wichtig ist. Reittherapie/Heilpädagogisches Reiten:
Heilpädagogisches Reiten hat die Verbesserung der Wahrnehmungsfähigkeiten, der motorischen Fähigkeiten und der emotionalen Befindlichkeit zum Ziel. Außerdem bietet der Umgang mit dem Pferd, auf den sich Kinder meist gut einlassen können, eine neue Chance der Kommunikation, da die Kinder gefordert sind, nonverbal mit dem Pferd zu kommunizieren. Zudem sind Pferde sehr geduldige Tiere und geben gleichzeitig jedoch durch die Eigenarten, die jedes Pferd hat, Regeln vor, auf die sich das Kind einlassen muss (Fitzner, T. & Stark, W. (Hrsg.) 2000)
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3. Fazit
Obwohl es in der Literatur zu ADS noch immer VertreterInnen gibt, die das Krankheitsbild grundsätzlich in Frage stellen, muss man nach Jahren der Diskussion, Untersuchung und Forschung anerkennen, dass es Kinder gibt, bei denen diese Problematik vorliegt und für die dies keineswegs eine unerhebliche Problematik ist.
Viele dieser Kinder sind in ihrer sozialen, kognitiven und emotionalen Entwicklung beeinträchtigt, leiden sehr unter ihren Misserfolgen in der Schule und Problemen in sozialen Bereichen ihres Lebens. Deshalb plädiere ich dafür, die Diskussion für oder gegen Ritalin im Sinne der betroffenen Kinder zu führen. Es gibt auf diese Frage keine allgemeingültige Antwort, sie muss für jedes Kind neu getroffen werden und Eltern ist zu wünschen, dass sie diese Entscheidung mit der Hilfe von Fachkräften treffen können, die beide Seiten der Medaille sehen.
Keinesfalls sollte eine Behandlung mit Ritalin leichtfertig durchgeführt werden, denn sie ist in jedem Fall eine Behandlung mit einem Medikament, das Nebenwirkungen hervorrufen kann, was den großen Einfluss auf den Köper des Kindes belegt. Jedoch sollte immer auch der mögliche Nutzen gesehen werden: Viele Kinder haben erst durch eine Medikation die Möglichkeit, sich auf pädagogische Interventionen oder einfach nur den Unterricht in der Schule einlassen und konzentrieren zu können, soziale Kompetenzen zu erlernen und sich selbst zu reflektieren.
Ritalin ist weder Zaubermittel noch Droge sondern vielmehr, wie Dr. Huss bemerkt, eine Gehhilfe, die nach einiger Zeit abgelegt werden kann (Huss, M., 2002). Kinder, denen das Medikament Möglichkeiten eröffnet, die sie sonst nicht hätten, sollte es gewährt werden, solange die Nebenwirkungen nach einer Weile verschwinden oder so gering werden, dass der Nutzen überwiegt.
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Ritalin bietet hier gute Möglichkeiten, da es eine kurze Wirkzeit hat und so gezielt eingesetzt werden kann, beispielsweise morgens bevor die Schule beginnt. So wird dem Kind der Unterricht erleichtert, während man die Freizeit den Bedürfnissen des Kindes entsprechend gestalten kann. Denn auch Ritalin verändert keine Verhaltensweisen, das ist und bleibt Aufgabe von Eltern und Pädagogen, die vor der Aufgabe stehen, mit diesen besonderen Kindern umzugehen. Dies bedeutet vor allem, sie in ihren Stärken wahrzunehmen und Erziehungskonzepte neu zu überdenken.
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Literatur
Ackermann-Stoletzky, K. & Stoletzky, C. (2004). Das ADS-Handbuch. Therapiemöglichkeiten und Praxishilfen für Eltern und Pädagogen. Moers: Brendow & Sohn
Dr. med. Huss, M. (2002). Medikamente und ADHS. Berlin: Urania Fitzner, T. & Stark, W. [Hrsg.](2000). ADS - verstehen, akzeptieren, helfen: die Aufmerksamkeitsdefizit-Störung mit Hyperaktivität und ohne Hyperaktivität; Beiträge der 2. interdisziplinären Tagung vom 26.-28. Februar 1999 in der Evangelischen Akademie Bad Boll. Weinheim: Beltz
Glaeske, G. & Janhsen, K. (2003). Aufmerksam bleiben. Ritalin für Kinder. In: Dr. med. Mabuse 142, März/April 2003. Frankfurt/Main: Mabuse Holowenko, H. (1999). Das Aufmerksamkeits-Defizit-Syndrom: Wie Zappelkindern geholfen werden kann. 3. Auflage, Weinheim: Beltz Prof. Dr. U. Knölker [Hrsg.] (2001), Aufmerksamkeits -Defizit/Hyperaktivitätsstörungen (ADHS). Fakten und Legenden, Probleme und Lösungen. Bremen: Uni - Med
Reichenberg - Ullman, J. & Ullman, R. (2002). Ritalin. Peiting: Michaelis. Rühling, Helga. (2003). ADS - Hilfen für unruhige Kinder. Reinbek: Rowohlt Schlack, R., Hölling, H., Kurth, B.-M. & Huss, M. (2007). Die Prävalenz der Aufmerksamkeitsdefizit-/Hyperaktivitätsstörung (ADHS) bei Kindern und Jugendlichen in Deutschland. In: Bundesgesundheitsbl-Gesundheitsforsch-Gesundheitsschutz 2007. Heidelberg: Springer Medizin Stollhoff, K. (2002). Hochrisiko ADHS - Plädoyer für eine frühe Therapie. Lübeck: Schmidt - Römhild
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Arbeit zitieren:
Svenja Lattwein, 2007, Nutzen und Risiken der Ritalin-Therapie bei Kindern mit Aufmerksamkeits-Defizit-Syndrom, München, GRIN Verlag GmbH
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