2
Inhaltsverzeichnis
Inhaltsverzeichnis 2
I. Der Reisebericht des Kolumbus als Ausdruck eines neuzeitlichen
Weltbildes ? 3
II. Kolumbus: Der erste Brief aus der Neuen Welt 5
1. Der Hintergrund der Reise 6
Die literarischen und geographischen Grundlagen Kolumbus´ 6
Projektionen und Erwartungen an den Westen 7
2. Die Motive bei der Entdeckung Amerikas 10
Die wirtschaftlichen und kolonialpolitischen Interessen 10
Die Christianisierung der Eingeborenen 10
Die Ziele von Kolumbus 12
3. Der Kontakt mit der Neuen Welt 14
Die Darstellung der Landschaft 14
Die Kulturbegegnung mit den Indianern 16
4: Die Folgen der Entdeckungsfahrt 20
III. Zusammenfassung der Ergebnisse 21
IV. Quellen- und Literaturverzeichnis 22
3
I. Der Reisebericht des Kolumbus als Ausdruck eines neuzeitlichen Weltbildes?
Mit der Entdeckung Amerikas 1492 durch den Genuesen Christoph Kolumbus wird vielfach das Ende mittelalterlicher Vorstellungen und der „Beginn der Neuzeit“ verbunden. Dieses Ereignis und die folgenden Entdeckungsreisen der Europäer erschlossen demnach nicht nur einen neuen Kontinent und vervollständigten das geographische Bild der Welt, sondern sie trugen im Allgemeinen zu einem neuen und moderneren Weltbild bei. Diese Ansicht herrscht als offizielle Schulmeinung immer noch weitgehend vor. In der neueren Forschung hingegen hat z. B. Peter Brenner darauf hingewiesen, dass die Reisenden dieser Epoche mit ihren Berichten zwar sicher an dieser Entwicklung teil hatten, sie jedoch nicht zwangsläufig als Ausdruck einer neuzeitlichen Wirklichkeitsauffassung gelten können. Zwar haben sich die Entdeckungsreisen und der Wandel des theoretischen Weltbildes gegenseitig beeinflusst, doch dies ist ein Zusammenhang, der sich erst allmählich herausgebildet und nicht von Anfang an bestanden hat. So lässt sich auch Der erste Brief aus der Neuen Welt von Kolumbus nicht schlechthin als „neuzeitlich“ kategorisieren, sondern zeigt vielmehr auch noch einige Elemente auf, die auf traditionelle Einflüsse verweisen. 1
In dieser Arbeit möchte ich an Hand des ersten Briefs aus der neuen Welt zuerst auf das geographische Vorwissen und die literarischen Grundlagen eingehen, die Kolumbus beeinflussten und die Projektionen und Erwartungen, die er dadurch an das zu findende Land im Westen hegte. Als nächstes werde ich die zentralen Motive aufzeigen, die bei der Entdeckung Amerikas eine Rolle spielten. Wie Kolumbus der neuen Welt begegnet ist, werde ich in Punkt 3 besprechen. Zum Schluss möchte ich die Folgen seiner Reise erläutern und versuchen seinen Reisebericht wissenschaftlich einzuordnen. Dabei wird immer wichtig sein, inwieweit Kolumbus in alten Vorstellungen verhaftet bleibt oder neue Auffassungen an Gewicht gewinnen.
1 Brenner, Peter J.: Vom Augenschein zur Wissenschaft. Formen neuzeitlicher Welterfahrung in
den Reiseberichten von Hans Staden und Jean de Léry, in: Daphnis 21 (1992), S. 179-182.
4
Vorausschicken möchte ich noch, dass mehr als 500 Jahre nach der Entdeckung Amerikas die Quantität der Forschungslage zu den schriftlichen Zeugnissen von Kolumbus und zu seiner Person selbst beeindruckend ist. Gerade zum Jahrestag 1992 fanden nicht nur offizielle Jubelfeiern (v. a. von Seiten Spaniens) und parallel dazu Gegenstreiks der Organisationen der Eingeborenen statt, die gegen die negativen Folgen des „Descubrimiento“ und für Selbstbestimmung eintraten, 2 sondern auch besonders viele wissenschaftliche Arbeiten, Fachtagungen und Ausstellungen zu diesem Ereignis hatten Konjunktur. Das Meinungsbild unter den Forschern zum Zeitalter der Entdeckungen und zu Kolumbus` Reisen bleibt dabei recht homogen. Wichtige Autoren zu diesem Thema sind u. a. Urs Bitterli, Frauke Gewecke oder Tzvetan Todorov, die ich im Folgenden auch zitieren werde.
2
Möller, Joachim (Hg.): Das Ei des Kolumbus? Lateinamerika und Europa im Unterricht.
Perspektiven auf das Jahr 1992. Eine Dokumentation der Tagung vom 10.-13. November 1991,
Bielefeld 1992, S. 1.
5
II. Kolumbus: Der erste Brief aus der Neuen Welt
Den ersten Brief aus der Neuen Welt schrieb Kolumbus am 15. Februar 1493 auf See, nachdem er gut vier Monate zuvor auf der Insel Guanahani, der heutigen Bahama Insel Watlings Island, gelandet war und damit die neue Welt entdeckt hatte. Sein Brief richtete sich an den königlichen Schatzmeister Luis de Santángel und nicht direkt an die spanischen Auftraggeber der Expedition, König Ferdinand II. und Königin Isabella. Mit diesem Brief will Kolumbus von den Ereignissen seiner ersten Reise in die Karibik Bericht erstatten, eine Beschreibung der aufgefundenen Inseln liefern und natürlich auch seinen Triumph verkünden. Die Ergebnisse der Reise sind stark raffend wiedergegeben. Der Brief stellt die erste erhaltene Publikation über die Neue Welt überhaupt dar und ist schon im April 1493 zum ersten Mal gedruckt worden. Durch zahlreiche Übersetzungen in den folgenden Jahren erfuhr der Kolumbusbrief weiteste Verbreitung in Mittel- und Westeuropa, verblasste durch die Weltumsegelung Magellans (1519-22) jedoch wieder und wurde erst in der Aufklärung wiederentdeckt, in der sich der Mythos des „Entdeckers Amerikas“ erst wirklich konstituierte. Auch wenn Kolumbus wohl nicht der erste Seefahrer war, der Amerika erreicht hat (vor ihm wahrscheinlich die Wikinger um 1000), so gilt er doch als der eigentliche Entdecker dieses Kontinents. 3
3 Wallisch, Robert: Vorwort, Kommentar und Nachwort (Christoph Kolumbus und die
atlantischen Träume der Portugiesen), in: Kolumbus, Christoph: Der erste Brief aus der Neuen
Welt, herausgegeben von Wallisch, Robert, Stuttgart 2000, S. 5-11.
6
1. Der Hintergrund der Reise
Die literarischen und geographischen Grundlagen Kolumbus´
Kolumbus zeichnete sich durch ausreichend Wissen aus, um auf westlicher Fahrt Asien zu erreichen. Kolumbus hatte Erfahrungen als Seefahrer in der genuesischen Handelsflotte und als Kaufmann gesammelt und in den Wintermonaten, in denen er nicht auf See war, zeitweise als Kartograph gearbeitet. Seine Ehe mit Filipa Moniz Peresrelo war ihm dazu ebenso nützlich, da er die kartographische Bibliothek seines Schwiegervaters erbte. Auch der Kontakt mit portugiesischen Seeleuten, die von Anzeichen von Land im Westen sprachen, ließen Kolumbus` Plan der Atlantiküberquerung reifen. 4 Den Grundstein zu seiner Reise legte jedoch der florentinische Kosmograph Paolo dal Pozzo Toscanelli, mit dem Kolumbus in Briefkontakt war. Toscanelli sandte ihm eine Karte, in dem die Entfernung zwischen Europa und Ostasien viel zu kurz eingeschätzt wurde. Aufgrund dieser irrtümlichen Berechnungen und Darlegungen erschien es praktikabel, Asien auf dem Seeweg zu erreichen. 5
Eine weitere wichtige Quelle bildete der Bericht des Weltreisenden Marco Polo. Kolumbus kannte dessen Werk und war begeistert von der Beschreibung Cipangos, Japans, und Cathays, das Reich des Khans. Die Europäer waren in Bezug auf die Geschichte Chinas nämlich auf dem Stand des 13. Jahrhunderts stehen geblieben, als der Venezianer Marco Polo Asien bereiste. 6 Deswegen schreibt Kolumbus auch, als er die Insel Juana, das heutige Kuba, entdeckte, dass er „glaubte, sie sei gar keine Insel, sondern das Festland des Mongolenreiches“ (S. 15).
Man kann also sagen, dass Kolumbus von geographischen und literarischen Kenntnissen ausgeht, die unter den Gebildeten seiner Zeit verbreitet waren. Dies gilt auch von der Vorstellung der Kugelgestalt der Erde, die schon seit der Antike immer wieder vertreten wurde, die jedoch praktisch noch nicht bewiesen
4 Wallisch 2000, S. 79-85.
5 Bitterli, Urs: Die Entdeckung Amerikas. Von Kolumbus bis Alexander von Humboldt, München
1999, S. 86-87.
6 Wallisch 2000, S. 54 und S. 85.
7
war. Auch der Bischof Pierre d´Ailly, der eine wichtige Autorität für Kolumbus` Weltbild war, hatte diese Ansicht in seiner Imago Mundi vertreten. 7 In dieser Hinsicht zeigt sich also, dass Kolumbus` Wissen nicht gerade revolutionär war, jedoch durchaus der damaligen Zeit entsprach, und er letztendlich nur darauf bedacht war, die Richtigkeit bisher geltender Auffassungen durch sein Reisevorhaben nachzuweisen. 8
Projektionen und Erwartungen an den Westen
Wie schon erwähnt, erwartete Kolumbus nicht, einen neuen Kontinent zu entdecken, sondern lediglich auf westlichem Weg die indischen Inseln erreicht zu haben. D.h. für ihn war die neue Welt nicht neu und er bleibt auch bis zu seinem Tod in dem Glauben die Ostküste Asiens betreten zu haben. 9 Doch seine Erwartungshaltung erschöpfte sich nicht darin. Merkwürdige Wesen und Erscheinungen, die in der römischen und griechischen Tradition verhaftet sind, bildeten einen schier unerschöpflichen Quell der Inspiration für die damaligen Reisenden. Begründet wurden diese Anschauungen u. a. durch Ktesias von Knidos und Megasthenes, die sich z.T. auf Herodot beriefen oder durch Gaius Julius Solinus, der eindrucksvolle Sammlungen von sonderbaren Wesen in seinen Werken Collectanea rereum memorabilium und De mirabilius mundi zusammenstellte. Unter diesen Gestalten sind z. B. Monocoli oder Monopoden, die nur ein Auge bzw. einen Fuß besitzen oder Acephali, die kopflos sind und das Gesicht auf der Brust tragen. Neben den Pygmäen und Giganten gibt es auch Phanesi, die so große Ohren haben, dass sie sich darin einwickeln können. 10 Doch die Erwartungen von Kolumbus wurden in dieser Hinsicht enttäuscht: „Die Ungeheuer, welche die meisten erwartet hatten, fand ich hier jedenfalls nicht, sondern gutmütige und durchaus ehrfürchtige Menschen.“ (S. 31)
Kolumbus hörte jedoch von einem Gebiet namens Avan. „Die Menschen dort werden mit einem Schwanz geboren.“ (S. 27) Auch die Insel Carib, deren
7 Schrader, Ludwig: Kolumbus. Seine Vorbereiter - Seine Fahrten - Seine Berichte, in:
Wunderli, Peter (Hg.): Reisen in reale und mythische Ferne. Reiseliteratur in Mittelalter und
Renaissance, Düsseldorf 1993, S. 246.
8 Bitterli 1999, S. 86-87.
9 Art „Kolumbus“, in: Brockhaus. Die Enzyklopädie, Leipzig/Mannheim 1996, Bd. 12, S. 210.
10 Gewecke, Frauke: Wie die neue Welt in die alte kam, Stuttgart 1986, S. 63 und 90.
8
Bewohner angeblich Menschenfleisch essen, passt in dieses Schema sonderbarer und ungeheuerlicher Wesen. Das Volk der Cariben nannte man auch Canibas, woher sich auch die Bezeichnung Kannibale ableitet, und letztendlich der Mythos des menschenfressenden Wilden zum ersten Mal auftauchte. „Diese Bewohner von Carib sind diejenigen, die mit bestimmten Frauen verkehren, welche ohne Männer auf der Insel Matinino wohnen, (…). Die Frauen dort gehen keiner der weiblichen Tätigkeiten nach, sondern benutzen Pfeil und Bogen (…). Sie panzern sich mit Platten aus Kupfer, von denen es bei ihnen große Mengen gibt.“ (S. 33) Diese Darstellung der Fraueninsel erinnert an den Amazonenmythos. Hier nimmt Kolumbus aus bekannter Literatur (u. A. Ptolemaios und Strabo) erwartete Vorstellungen und projiziert sie auf die vorgefundene Wirklichkeit. 11 Neben diesen mythischen Übertragungen, v. a. aus der Antike, auf Amerika, finden sich auch noch Anspielungen auf das verlorene Goldene Zeitalter oder das Paradies im ersten Brief aus der neuen Welt. Auf diesen neuen Inseln lässt sich leicht ein Irdisches Paradies lokalisieren, von dem z. B. Sir John Mandeville in seinem Reisebericht gesprochen hat, der sich in der Frühen Neuzeit einer großen Popularität erfreute. Die Landschaft und die Menschen, die Kolumbus auf Juana oder Hispaniola vorfindet, ähneln in seinem Bericht zu sehr jenen Völkern des Goldenen Zeitalters, die ein sorgenfreies und glückerfülltes Leben führen, ohne sich der Mühe körperlicher Arbeit unterziehen zu müssen. 12 Dieser paradiesische und friedliche Zustand zeigt sich z. B. in der Nacktheit der Eingeborenen und in dem Fehlen von Waffen (vgl. S. 19). Zusammenfassend zu diesem Punkt lässt sich sagen, dass Kolumbus` Erwartungen, die gespeist sind von Kenntnissen aus der Literatur, sehr stark das Bild seiner Wirklichkeitsauffassung beeinflussen. Sein Glaube, seltsame Wesen oder einen irdischen Garten Eden in der neuen Welt vorzufinden, ist so fest, dass diese Überzeugungen sich schließlich auch bewahrheiten. Kolumbus weiß schon im Vorfeld, was ihn erwartet. Er folgt damit nach Todorov einer „finalistischen“ Interpretationsstrategie: Die Endbedeutung des Entdeckten ist
12 Gewecke 1986, S. 64, 76, 91.
9
schon vor der eigentlichen Erfahrung klar, die konkrete Erfahrung hat nur die Funktion, die Wahrheit zu beweisen, die man bereits besitzt. 13 Damit wird deutlich, dass besonders im Hinblick auf Kolumbus` Erwartungen, sein Bild von der neuen Welt schon im Voraus feststeht. Sein Vorgehen entspricht somit eher einem mittelalterlichen Festhalten an bekannten Autoritäten, hier v.a. Autoren der Antike, also der Scholastik und hat nichts mit einem modernen, neuzeitlichen Empiriker gemein, der sich auf gemachte Erfahrungen stützt und daraus seine Schlüsse zieht. Der ursprünglich lateinische Kolumbusbericht, der mit „De Insulis in Mari Indico repertis, De insulis nuper inventis“ (S. 12) überschrieben ist, wörtlich übersetzt „von den neu erfundenen Inseln“, weist schon darauf hin, dass er etwas bereits Bekanntes neu erfindet und damit die Realität eines Wunschtraumes, der seit der Antike vorhanden war, bestätigt 14 . „Nicht wie sie war, sondern wie sie sein sollte, bestimmte das europäische Bild von der „neuen“ Welt“ 15 .
13
Todorov, Tzvetan: Die Eroberung Amerikas. Das Problem des Anderen, Frankfurt/Main 1985,
S. 24-26.
14 Mesenhöller, Peter (Hg.): Mundus Novus. Amerika - oder die Entdeckung des Bekannten.
Das Bild der Neuen Welt im Spiegel der Druckmedien vom 16. Bis zum frühen 20. Jahrhundert,
herausgegeben im Auftrag des Instituts für Zeitungsforschung und des Museums für Kunst und
Kulturgeschichte der Stadt Dortmund, 1. Auflage, Essen 1992, S. 9.
15 Mesenhöller 1992, S. 9.
10
2. Die Motive bei der Entdeckung Amerikas
Die wirtschaftlichen und kolonialpolitischen Interessen
Das zentrale Motiv bei der Entdeckung der neuen Welt ist klar im Reisebericht des Kolumbus zu erkennen und bedarf wenig Erläuterung. Es geht hier, im Auftrag der spanischen Krone, um den Erwerb von Reichtum, in erster Linie um das Finden von Gold. An zahlreichen Stellen im Text erscheint dies als Generalthema mit leichten Variationen: „Die Insel Hispaniola ist außerdem reich an verschiedenen Sorten Gewürzen sowie an Gold und anderen Metallen“ (S. 19). „Ich werde unseren unbesiegbarsten Königlichen Hoheiten auch bei geringer Unterstützung von deren Seite so viel Gold verschaffen, wie sie benötigen, außerdem so viele Gewürze, so viel Baumwolle, Mastix (…) und Aloe-Holz, außerdem so viele heidnische Sklaven, wie ihre Majestäten zu verlangen gefallen…“ (S. 33/35) Hier treten deutlich die wirtschaftlichen Interessen in den Vordergrund, sei es nun bezogen auf das vermutete „El Dorado“, oder auf die Rohstoffe und Sklaven, die in das Heimatland überführt werden sollen. Auch zukünftige Handelsbeziehungen mit den neuen Gebieten werden mit ins Blickfeld genommen: „…doch habe ich hier auf Hispaniola in der günstigsten Lage und an einem für jeden Gewinn bringenden Handel geeigneten Ort (…) in ganz besonderer Weise Besitz ergriffen…“ (S. 29) Schließlich soll durch die Entdeckungen auch die Ausdehnung des spanischen Reiches vergrößert werden. 16 Kolonialistische und imperialistische Bestrebungen liegen also dem ersten Brief aus der neuen Welt zu Grunde, die, wie wir alle wissen, die Zukunft des Kontinents bestimmen sollten.
Die Christianisierung der Eingeborenen
Das zweite wichtige Ziel bei der Entdeckung der neuen Welt war die Missionierung der Eingeborenen, das jedoch deutlich hinter dem unmäßigen Drang sich zu bereichern zurück trat. Die beiden Motive hingen jedoch unmittelbar zusammen, denn in den Bullen von Papst Alexander VI. und im sogenannten Vertrag von Tordesillas 1494, die die Verteilung der entdeckten
16 Schrader 1993, S. 245.
11
Gebiete zwischen Spanien und Portugal regelten (alles östlich einer Demarkationslinie sollte Portugal, alles westlich davon Spanien zufallen) 17 , wurde festgehalten, dass diese neuentdeckten Länder Spanien nur unter der Bedingung der Christianisierung zugesprochen werden sollten. 18 So schreibt Kolumbus in seinem ersten Brief aus der neuen Welt, dass er den Indianern Geschenke gab oder Waren mit ihnen tauschte, „damit sie Christen würden“ (S. 23). Er spricht auch davon, dass „die Menschen hier (…) keinen Götzendienst kennen“ (S. 23). Dieses Argument und der Umstand, dass alle Eingeborenen sich untereinander verstehen, was natürlich nicht ganz richtig ist, führt Kolumbus an, seien für das „Ziel, welches unser durchlauchtigster König vor allen anderen (…) zu erlangen wünscht, von größtem Nutzen, nämlich für die Bekehrung der Inselbewohner zum Christentum“ (S. 27). Wie es zu einem späteren Zeitpunkt noch klar wird (Punkt 3b)), deutet Kolumbus das Verhalten der Indianer natürlich auch genauso, wie es ihm in sein Bild passt, nämlich dass sie geradezu prädestiniert seien, Christen zu werden. Er versucht erst gar nicht die indigene Bevölkerung so zu verstehen, wie sie ist, sondern interpretiert ihr Wesen derart, dass sie seinen vorgefertigten Meinungen und Zielsetzungen entsprechen.
Doch nicht nur wegen der päpstlichen Bulle hängen die wirtschaftlichen und missionarischen Absichten der Spanier zusammen. Kolumbus geht noch weiter: er möchte einen Kreuzzug wie im Mittelalter unternehmen und Jerusalem befreien. Das bedeutet, dass das Bedürfnis nach Reichtum das Mittel zum Zweck ist, die wahre Religion, das Christentum, auf der ganzen Erde durchzusetzen.
Einen Beleg dafür findet man in einem Tagebucheintrag vom 26.12.1492, in dem Kolumbus sagt, dass der ganze sich aus dem Unternehmen ergebende Gewinn zur Wiedereroberung Jerusalems verwendet werden müsse. 19 Gerade bezogen auf das Ziel der Missionierung zeigt sich, wie weit der erste Brief aus der neuen Welt noch in mittelalterlichen Vorstellungen verhaftet bleibt. Hier herrscht keine Akzeptanz für eventuelle andere Lebensformen oder
17 Wallisch 2000, S. 95.
18 Bitterli, Urs: Alte Welt - neue Welt. Formen des europäisch-überseeischen Kulturkontakts
vom 15. bis zum 18. Jahrhundert, München 1986, S. 82.
19 Todorov 1985, S. 19.
12
Religionen von Seiten der Konquistadoren, bzw. sie versuchen solche gar nicht erst zu erkennen, sondern sie wollen gleich ihre eigenen Glaubensansichten verbreiten. Kolumbus hält sogar an der längst überholten und uns heute paradox erscheinenden Vorstellung fest, die Beschaffung von Kapital aus der Eroberung Amerikas für die Rückeroberung Jerusalems zu verwenden. Die wirtschaftlichen Interessen sind aus heutiger Sicht nachvollziehbar und wirken noch am ehesten „neuzeitlich“ oder modern, da Geld nach wie vor eine wichtige Rolle spielt. Doch das Motiv der Christianisierung widerspricht jeglicher Vorstellung „neuzeitlicher“ Offenheit und Toleranz für andere Kulturen.
Die Ziele von Kolumbus
Die Ziele von Kolumbus selbst, die er mit der Entdeckungsfahrt erreichen will, decken sich zum Teil mit den allgemeinen Zielen. Auch er will für sich Reichtum und persönliche Vorteile sichern und stellt teils wahnwitzige Forderungen: Amt und Würde eines Vizekönigs, ein Zehntel aller Einkünfte aus dem Handel mit wichtigen Rohstoffen und das Recht, dass bei jedem Schiff, das in Zukunft seiner Route folgen sollte, ein Achtel des Laderaumes ihm zur Verfügung gestellt werden sollte. 20
Doch Habgier ist nach Todorov nicht der wahre Beweggrund von Kolumbus. Die Verbreitung des christlichen Glaubens liegt ihm als äußerst frommen Menschen besonders am Herzen. 21 Im letzten Absatz des ersten Briefs aus der neuen Welt kommt seine Religiosität besonders zum Vorschein: „Die berichteten Ereignisse (…) entsprechen jedoch nicht meinen Verdiensten, sondern meinem heiligen Glauben an Jesus Christus (…); denn was der menschliche Verstand nicht zu erreichen vermochte, das gewährte den Menschen der göttliche.“ (S. 35) Auch ist für ihn die Bedeutung seines spanischen Namens besonders wichtig. So heißt Cristóbal „Christusträger“ und Colón „Neubesiedler“. 22 Für den weiteren Prozess der Entdeckungsgeschichte, den Kolumbus eingeleitet hat, kann deswegen nur gelten: Nomen est Omen. Es spielen bei Kolumbus auch noch ehrgeizige, persönliche Ziele eine wesentliche Rolle. Schließlich herrscht besonders ein Wunsch vor: als erster
20 Wallisch 2000, S. 86.
21 Todorov 1985, S. 17f.
22 Todorov 1985, S. 36f.
13
den Atlantik zu überqueren und den praktischen Beweis zu erbringen, dass die Erde eine Kugel und Asien auch auf westlichem Seeweg zu erreichen ist. Auch wenn Kolumbus nicht erkennt, dass dazwischen noch ein komplett anderer Kontinent liegt, so muss man doch seinen Mut anerkennen, denn es hätte ihn rein theoretisch am Ende des Ozeans auch der Abgrund und ein Sturz ins Leere erwarten können. Durch Kolumbus wurde schließlich der Atlantik nicht mehr als Grenze, sondern als Straße verstanden und eine neue Welt erschlossen. 23
Kolumbus wollte also die indischen Inseln auf einem neuen Weg entdecken. Hier war sicher auch Abenteuerlust und Neugierde mit im Spiel. Eine Neugierde, wo die Grenzziehung zwischen der damalig legitimen „sapientia“, die ein spirituelles Wissen nach dem letzten Grund der Wirklichkeit anstrebt, und der verwerflichen „curiositas“, die nur auf innerweltliche Wissbegierde und Befriedigung der Sinne zielt, 24 schwer fällt. Kolumbus erscheint im ersten Brief aus der neuen Welt als Schwellenfigur. Einerseits versucht er seine Erfahrungen in ein theoretisches Gesamtkonzept einzuordnen und ist gesichert im Glauben. Andererseits scheint ihn aber auch eine rein theoretische, selbstbewusste Neugierde zu treiben, die naiv einfach nur die Dinge um ihrer selbst willen betrachtet und wo mittelalterliche Kategorisierungen keine Rolle mehr spielen. Letztere zeigt sich z. B. in den relativ neutralen Landschaftsbeschreibungen in Kolumbus` Reisebericht: „Manche von ihnen (Bäume) standen in Blüte, andere trugen Früchte, wieder andere befanden sich in einer anderen Phase…“ (S. 17). Sein Wissensdurst zeigt sich z. B. auch, wenn er am 19.10.1492 in sein Tagebuch schreibt: „Ich will sehen und entdecken, so viel ich kann.“ 25
Insgesamt kann man sagen, dass bei den Interessen, die Kolumbus vertritt, keine eindeutige Zuweisung zu Mittelalter oder Neuzeit möglich ist. Im Hinblick auf die Verbreitung des Christentums überwiegt eine traditionelle Denkart. Doch gerade in seinem ungebremsten Ehrgeiz sein Projekt der Atlantiküberquerung durchzusetzen und damit unerforschtes Territorium zu betreten, zeigt Kolumbus neuzeitliche Züge.
23 Wallisch 2000, S. 89, 109.
24 Brenner 1992, S. 190f.
25 Todorov 1985, S. 22.
14
3. Der Kontakt mit der Neuen Welt
Die Darstellung der Landschaft
Bei der Beschreibung der Landschaft, mit der Kolumbus in der neuen Welt in Kontakt kommt, fällt auf, dass er immer wieder die Schönheit derselben betont und eigentlich Idyllen mit einem Anflug von Paradiessehnsucht schildert bzw. einen Naturraum, der das Goldene Zeitalter archetypisch bewahrt 26 . Er greift damit erstens, wie schon weiter oben erwähnt, auf seine Erwartungen an einen irdischen Garten Eden zurück. Zweitens verwendet Kolumbus hier einen traditionell rhetorisch-literarisches Topos, den sogenannten klassischen „locus amoenus“, der liebliche Ort, der idealerweise für alle fünf Sinne Reize bereithält. „Alle Inseln hier sind von großer Schönheit, zeigen die unterschiedlichsten Formen, sind durchaus wegsam und voll von Bäumen der verschiedensten Arten, die hoch bis zu den Sternen reichen. (…) Es sang die Nachtigall und auch verschiedene andere Vögel ohne Zahl, und das im Monat November, als ich selbst zwischen den Bäumen wandelte.“ (S. 17/19) Besonders die Verwendung der poetischen Wörter „wandeln“, „hoch bis zu den Sternen“ bzw. spätestens bei der Nennung der „Nachtigall“, die selbst in Europa selten und in Amerika unbekannt ist, beruhen eindeutig auf dieser literarischen Reminiszenz. Weitere Versatzstücke des „locus amoenus“ sind die immergrünen Bäume, trinkbares, erfrischendes Wasser oder Wiesen, die zum Verweilen einladen. 27 Kolumbus will mit seinen Landschaftsschilderungen im ersten Brief aus der neuen Welt sicher seinen Auftraggebern, den spanischen Königen, die neu entdeckten Inseln schmackhaft machen und sich vor ihnen rechtfertigen, denn schließlich hat er (leider) hauptsächlich Urwald entdeckt. Es ist jedoch wahrscheinlich, dass Kolumbus keine falschen Gefühle vortäuscht und nicht übertreibt, sondern dass er wirklich von der unberührten Natur begeistert ist. Zum Teil scheint er diese auch ohne Hintergedanken an einen möglichen zukünftigen Gewinn zu beschreiben, auch wenn der unmittelbare Nutzen der
26 Mesenhöller 1992, S. 9.
27 Gewecke 1986, S. 67 und 91.
15
neuen Welt gleich an die nächste Stelle tritt. 28 Die logische Schlussfolgerung aus diesem Staunen kann nur der Wunsch sein die Inseln „zu besitzen streben, und besitzt man sie erst, kann man nicht mehr von ih(r)nen lassen.“ (S. 29) Es bleibt nicht zu vergessen, dass für Kolumbus die Natur in Amerika fremd ist. Um besser mit dieser ungewohnten Situation umgehen zu können, nimmt er deswegen Zuflucht zum Vergleich mit Bekanntem: „…auf der Insel Juana (gibt) es sieben oder acht verschiedene Palmenarten, welche (…) die unseren an Größe und Schönheit mit Leichtigkeit übertreffen.“ (S. 19) „Der Umfang der Insel Hispaniola ist größer als jener der ganzen Iberischen Halbinsel von Katalonien bis Fuenterrabía.“ (S. 27/29) Dass die Ferne mit dem Zuhause verglichen wird, bildet einerseits zwar eine Hilfe für die Entdecker, andererseits führt es in der Folge, vor allem im Kontakt mit den Indianern, aber auch zu Problemen. Denn dann wird Spanien zum Maß aller Dinge und die Eingeborenen Objekte projizierter Inferiorität. Wie schon beim Namen des Kolumbus, so kommt auch der Umbenennung der Inseln eine entscheidende Rolle zu. Denn nach damaliger Ansicht verband sich mit dem Namen auch ein Stück Wesen des Gegenstands. Indem die Spanier den neu entdeckten Gebieten neue Namen geben, obwohl diese sicher schon einen eingeborene Bezeichnung hatten (vgl. S. 15: „Die Inder nennen diese Insel allerdings Guanahani. Ich bezeichnete auch jede anderer Insel mit neuem Namen, und zwar nannte ich eine Santa María de Concepción, eine andere Fernandina, eine weitere Isabela…“), drücken sie ihre Macht aus und machen die Inseln allein durch spanische Namen zu spanischem Territorium. Sowohl diese Art der eigenmächtigen Besitzergreifung des Landes, als auch die Verwendung des klassischen Topos des „locus amoenus“ bei der Landschaftsbeschreibung weisen Kolumbus` Reisebericht in das Mittelalter. Teilweise ragen jedoch auch durchaus differenzierte Schilderungen der Natur (vgl. Punkt 2c)) und eine unvoreingenommene Wahrnehmung der Schönheit der neuen Welt heraus, wodurch sich Kolumbus einer neuzeitlichen Wirklichkeitsauffassung nähert.
28 Todorov 1985, S. 34-36.
16
Die Kulturbegegnung mit den Indianern
Die Beschreibung der Eingeborenen, die Kolumbus in der neuen Welt antrifft, fällt im Vergleich zur Landschaftsschilderung weniger differenziert und detailliert aus. Hauptmerkmale seiner Darstellung sind die Kennzeichen der Indianer als nackte, friedliche und ängstliche Menschen: „…laufen die Bewohner beiderlei Geschlechts nackt wie am Tage ihrer Geburt umher (…) Sie haben auch keine Waffen, kennen diese nämlich nicht und wären für Waffen auch gar nicht geeignet (…) weil sie furchtsam sind und angsterfüllt“ (S. 19/21). Die Nacktheit der Eingeborenen ruft beim Leser idyllische Paradiesvorstellungen hervor, die bei Kolumbus schon durch seine Lektüre v. a. antiker Texte vorgeprägt sind. Die Ehrlichkeit, Vertrauensseligkeit, Gutmütigkeit und Großzügigkeit der Indianer, die jedoch schon an Dummheit grenzt, wenn diese Gold gegen wertlose Gegenstände tauschen, tun ihr Übriges den Mythos des „Guten Wilden“ zu konstituieren. Bis heute ist dieses Idealbild des archaischen Überseebewohners in europäischen Vorstellungen präsent und erweckt Sympathie für dessen einfache und naturverbundene Lebensform. 29 Die Beschreibung der wehrlosen und unbewaffneten Indianer ermöglicht es den spanischen Auftraggebern jedoch auch, die Eingeborenen als potentielle Sklaven zu sehen.
Kolumbus legt außerdem auch den Grundstein zum Mythos des Kannibalen, der das Gegenbild des „Guten Wilden“ in der alten Welt in den nächsten Jahrhunderten bestimmen soll. Kolumbus erwähnt diese Praxis jedoch eher beiläufig in seinem Reisebericht und spricht recht nüchtern darüber: „Die Bewohner von Carib essen nämlich Menschenfleisch“ (S. 33). Auch die von folgenden Autoren immer wieder genannte sexuelle Promiskuität der Indianer bestreitet er, mit der Ausnahme von „Fürsten und Königen denen es erlaubt ist, bis zu zwanzig Frauen zu haben“ (S. 31). Spätere Aussagen von Amerikareisenden wie Amerigo Vespucci oder Hans Staden zielen bereits stärker auf das Sensationsbedürfnis europäischer Leser. 30
29 Siebenmann Gustav: Vom Zauber der Erfindungen zum Trug der Empfindungen. Amerika im
Spiegel der Literatur, in: Ibero-Amerikanisches Institut, Preußischer Kulturbesitz und Museum
für Völkerkunde, Staatliche Museen zu Berlin (Hg.): Amerika 1492-1992. Neue Welten - Neue
Wirklichkeiten. Geschichte - Gegenwart - Perspektiven, Braunschweig 1992, S. 78, 81.
30 Mesenhöller 1992, S. 11, 25.
17
Wenn Kolumbus` Konzentration auf die beiden Stereotypen „Edler Wilder“ oder „Kannibale“ ihm einerseits den Blick für das Fremde auch eröffnen könnte, so verhindert diese Wahrnehmungsform es jedoch auch, die Wirklichkeit in größere Zusammenhänge einzuordnen. 31
Beide Klischeevorstellungen der amerikanischen Ureinwohner sind aber natürlich von einer eurozentrischen Perspektive der Dinge geprägt. Das bedeutet, dass die Spanier ihre Weltsicht zum allgemeingültigen Maßstab erheben und das Andere, das Fremde, das Unvertraute nicht anerkennen. Deswegen betont Kolumbus auch so sehr die Nacktheit, Waffenlosigkeit und Freigiebigkeit der Eingeborenen, weil im Gegensatz dazu in der europäischen Zivilisation Prinzipien wie Kleidung, effiziente Waffen und Vermehrung von Besitz ein großer Wert beigemessen wird. 32 So geht Kolumbus auch von vornherein davon aus, dass es in den neuentdeckten Gebieten so etwas wie Könige und Städte gibt, dass solche Bezeichnungen oder Ansiedlungen den Indianern unbekannt sein könnten, kommt ihm gar nicht in den Sinn: „…ob es in dieser Gegend einen König oder irgendwelche Städte gäbe“ (S. 15). Er grenzt sich als Europäer, durch die Betonung der Unterschiede und den Vergleich mit bekannten Gebräuchen, von den Amerikanern ab und bestimmt damit auch seine Identität. 33
Die erste Kulturbegegnung mit den Eingeborenen im ersten Brief aus der neuen Welt bleibt noch friedlich und ist von beidseitiger Annäherung gekennzeichnet, sieht man von der selbstherrlichen Landnahme der Inseln durch die Spanier ab. Wie hinlänglich bekannt, führt dieser erste Kontakt jedoch schon sehr bald zum Kulturzusammenstoß. Doch die Besitzergreifung ist durch ein offizielles Zeremoniell legitim: „Von allen diesen Inseln habe ich im Namen unseres durchlauchtigsten Königs nach feierlicher Verlautbarung und dem Hissen der Fahne Besitz ergriffen, ohne dass mir irgendjemand widersprochen hätte“ (S. 13). Dabei ignorieren die Europäer natürlich, dass die Indianer gar nicht widersprechen können, weil sie keine gemeinsame Sprache sprechen bzw.
31 Enders, Angela: Fremde Menschen in fremder Natur. Formen der Vereinnahmung einer
Neuen Welt in romanischen Reiseberichten des 16. Jahrhunderts, in: Berger, Günter/Kohl,
Stephan (Hg.): Fremderfahrung in Texten des Spätmittelalters und der frühen Neuzeit, Bd. 7,
Trier 1993, S.107.
32 Gewecke 1986, S. 61, 93.
33 Hahn, Alois: Die soziale Konstruktion des Fremden, in: Sprondel, Walter (Hg.): Die
Objektivität der Ordnungen und ihre kommunikative Konstruktion, Frankfurt/M. 1994, S. 140-42.
18
wahrscheinlich gar nicht begreifen, welcher Vorgang da vonstatten geht. Auch sonst lässt Kolumbus tiefergehendes Interesse oder Verständnis der Kultur oder Geschichte der Eingeborenen vermissen. Er bleibt vielmehr bei seinem bequemen Pauschalurteil über die Ureinwohner: seine Beobachtung geht über die Beschreibung der äußeren Erscheinung und der Feststellung des friedlichen Verhaltens kaum hinaus. 34 So bringt Todorov den Sachverhalt mit dem Satz Kolumbus „hat Amerika entdeckt, nicht aber die Amerikaner“ 35 auf den Punkt. Es ist nicht verwunderlich, dass der Dialog zwischen den beiden Kulturen deswegen geprägt ist von gegenseitigen Missverständnissen. 36 Ich möchte nur auf ein Beispiel im ersten Brief aus der neuen Welt eingehen, dem sicher Hunderte in der Entdeckungsgeschichte folgen. So sagt Kolumbus, dass die Indianer glauben, „dass alles Gute im Himmel liege, und dass auch ich zusammen mit unseren Schiffen und Seeleuten von dort herabgestiegen sei“ (S. 23). Für die Eingeborenen bildet die Vorstellung der überirdischen, himmlischen Wesen sicher die Möglichkeit die fremden Spanier in ihr Weltbild zu integrieren, da auch sie so etwas wie Götter kennen. 37 Diesen Menschen des Himmels begegnen sie naturgemäß mit Hilfsbereitschaft und Entgegenkommen, was die Europäer wiederum dazu veranlasst in den Ureinwohnern treffliche Diener zu sehen. 38
Auch wenn Kolumbus zum Teil davon spricht, dass die Indianer „Intelligenz und Scharfsinn“ (S. 23) besitzen, so überwiegt in seinen Worten und Taten doch ein Superioritätsgedanke. Denn noch auf der gleichen Seite nennt er diese „dumm wie Vieh“ (S. 23). Auch sein Verhalten „gleich von der ersten Insel einige Inder unter Einsatz von Gewalt“ (S. 25) mitzunehmen oder die Festung Navidad auf Hispaniola zu errichten (vgl. S. 29), kann nur unter diesem Aspekt gedeutet werden.
Zu dem Punkt der Kulturbegegnung ließe sich noch vieles sagen. Ich möchte mich jedoch auf meine bisherigen Ausführungen beschränken und noch einmal die wichtigsten Aussagen wiederholen. Die Wahrnehmung der fremden
34 Bitterli 1999, S. 15, 89f.
35 Todorov 1985, S. 65.
36 Monegal, Emir Rodríguez (Hg.): Die Neue Welt. Chroniken Lateinamerikas von Kolumbus bis
zur Unabhängigkeitserklärung, Frankfurt 1982, S. 10.
37 Bitterli 1986, S: 80.
38 Behringer, Wolfgang (Hg.): Lust an der Geschichte. Amerika. Die Entdeckung und
Entstehung einer neuen Welt. Ein Lesebuch, München/Zürich 1992, S. 13.
19
Menschen durch Kolumbus wird von seinen Werten und Vorstellungen bestimmt. Er versucht nicht deren Lebensweise in einem unvoreingenommenen Sinn ethnographisch zu verstehen oder gar echten, tieferen Kontakt mit den Einheimischen aufzunehmen, sondern ihm ist deren Welt vielmehr gleichgültig bzw. er erkennt sie nicht als Subjekte an. Deswegen kann man bei diesem Kulturkontakt wohl eher von einer Nicht-Wahrnehmung des Fremden durch die Europäer, als von einer wirklichen Wahrnehmung sprechen. 39 Folglich tendiert auch in diesem Punkt der Reisebericht zu einem mittelalterlichen Weltbild und hat wenig mit einem neuzeitlichen Verständnis zu tun.
39
Magalhaes, Antonio Carlos de Melo: 1492 und die Folgen - Der lange Weg einer Erkenntnis,
in: Evangelische Akademie Bad Boll (Hg.) : Die Entdeckung des Kolumbus - 500 Jahre danach.
Tagung vom 27. bis 29. September 1991 in der Evangelischen Akademie Bad Boll, 1992, S. 2f.
20
4: Die Folgen der Entdeckungsfahrt
Die Reise von Kolumbus in die neue Welt läutet das „Zeitalter der großen Entdeckungen“ ein und bildet den Ausgangspunkt für weitere Entdeckungsfahrten der europäischen Mächte (zunächst v. a. Spanien und Portugal), die Amerika schließlich erobern und erschließen. Damit erweiterte sich nicht nur das geographische Wissen über die Erde in beträchtlichem Maße, sondern der neue Erdteil rückt v. a. ins Bewusstsein der alten Welt, bestimmt die weiteren Entwicklungen in dieser und wird von ihnen bestimmt. 40 Die folgende Inbesitznahme und Besiedlung des Kontinents führt in der Regel jedoch zu keiner friedlichen Annäherung der Kulturen, sondern endet in der Katastrophe eines Kulturzusammenstoßes, der hinlänglich bekannt ist und den ich deswegen nur kurz anreißen will. Die zentralen Motive der Konquistadoren, die ich weiter oben ausgeführt habe, lassen sich schon im ersten Brief aus der neuen Welt erkennen. Auch das Nichtverstehen der oder das Sich-nichtbemühen um die Fremden ist in seinen Grundzügen schon bei Kolumbus auffindbar. Beide Ansätze führen schließlich zu einer Kolonialpolitik, die die Bekehrung, Unterwerfung, und Versklavung der einheimischen Bevölkerung mit sich bringt und zum Teil im Genozid mündet. Doch ich möchte den Blick nicht nur auf die negativen Folgen von Kolumbus` Entdeckungsfahrt lenken. Denn in seinem Reisebericht wird auch ein Bild der neuen Welt und der Indianer geschaffen, das die Europäer nachhaltig so fasziniert, dass sich daraus zahlreiche Auswanderungen ergeben, auch wenn die Vorstellungen einer paradiesischen Natur, eines Goldlandes oder die des „edlen Wilden“ eigentlich nur Klischees vermitteln. 41 Und letztlich könnte man die Tat des Kolumbus auch als ersten Schritt zur Globalisierung sehen, denn er hat dafür gesorgt, dass die Welt kleiner geworden ist und die einzelnen Gebiete der Erde näher zusammenrücken. Der genuesische Seefahrer schreibt in seinem Briefbericht seiner vierten Reise nach Amerika: „El mundo es poco“. 42 Auch wenn sich dieser Satz eigentlich auf die falschen Annahmen Toscanellis bezieht, so kommt ihm aus heutiger Sicht doch ein entscheidender Wahrheitsgehalt zu.
40 Brockhaus 1996, S. 210.
41 Siebenmann 1992, S. 80.
42 Wallisch 2000, S. 107.
21
III. Zusammenfassung der Ergebnisse
Zusammenfassend kann man sagen, dass Kolumbus als Schwellenfigur zu verstehen ist. Einerseits öffnete er dem alten Europa eine neue Welt für Besiedlung und Ausbeutung und gab den Weg frei aus der geographischen Enge des Mittelalters. Andererseits ist gerade in seinem Reisebericht von neuzeitlichen Vorstellungen wenig die Rede. Denn Kolumbus ist durch seine literarische Vorbildung voreingenommen und dieser Blick zurück, v. a. in die Antike, verstellt ihm den Weg zur Wahrnehmung des Neuen. Auch nimmt er vorrangig das wahr, was er mit den eigenen Erfahrungen und Praktiken seines Kulturraums in Beziehung setzen kann, wie z. B. Kleidung oder Waffen. 43 Die Motive der Reise, nämlich die Beschaffung von Gold bzw. der Auftrag der Missionierung, tragen auch nicht gerade dazu bei, eine offene Auseinandersetzung mit der neuen Welt zu suchen. Höchstens in den Landschaftsschilderungen in dem ersten Brief aus der neuen Welt und in dem Drang und der Neugierde Kolumbus` möglichst viel zu sehen und zu entdecken, zeigen sich Ansätze einer neuzeitlichen Wirklichkeitsauffassung.
Letztlich ging es Kolumbus, „nicht um die Entdeckung von Neuem (…), sondern bloß um das Auffinden von längst Bekanntem auf neuen Wegen, 44 wenn wir uns seine Projektionen anschauen, die geprägt sind durch die Erzählungen Marco Polos und zahlreiche Mythen. Doch selbst wenn man anerkennt, dass Amerika neu war für die Eroberer, so darf man doch nicht vergessen, dass es nur für diese eine Neue Welt war. Denn für die Indianer hat keine Entdeckung durch die Europäer stattgefunden, da sie schon alles für sich entdeckt und ihr Leben dementsprechend eingerichtet hatten. 45
44 Bitterli 1999, S. 88.
45 Möller 1992, S. 1.
22
IV. Quellen- und Literaturverzeichnis
Quellen
Textgrundlage:
Kolumbus, Christoph: Der erste Brief aus der Neuen Welt, herausgegeben von Wallisch, Robert, Stuttgart 2000.
Toscanelli, Paollo dal Pozzo: Seekarte, in: König, Hans Joachim: Die Entdeckung und Eroberung Amerikas 1492-1550, Freiburg/Würzburg 1992, S. 21.
Forschungsliteratur
Behringer, Wolfgang (Hg.): Lust an der Geschichte. Amerika. Die Entdeckung und Entstehung einer neuen Welt. Ein Lesebuch, München/Zürich 1992. Bitterli, Urs: Alte Welt - neue Welt. Formen des europäisch-überseeischen Kulturkontakts vom 15. bis zum 18. Jahrhundert, München 1986. Bitterli, Urs: Die Entdeckung Amerikas. Von Kolumbus bis Alexander von Humboldt, München 1999.
Brenner, Peter J.: Vom Augenschein zur Wissenschaft. Formen neuzeitlicher Welterfahrung in den Reiseberichten von Hans Staden und Jean de Léry, in: Daphnis 21 (1992), S. 179-217.
Art „Kolumbus“, in: Brockhaus. Die Enzyklopädie, Leipzig/Mannheim 1996, Bd. 12, S. 209/210.
Enders, Angela: Fremde Menschen in fremder Natur. Formen der Vereinnahmung einer Neuen Welt in romanischen Reiseberichten des 16. Jahrhunderts, in: Berger, Günter/Kohl, Stephan (Hg.): Fremderfahrung in Texten des Spätmittelalters und der frühen Neuzeit, Bd. 7, Trier 1993. Gewecke, Frauke: Wie die neue Welt in die alte kam, Stuttgart 1986. Hahn, Alois: Die soziale Konstruktion des Fremden, in: Sprondel, Walter (Hg.): Die Objektivität der Ordnungen und ihre kommunikative Konstruktion, Frankfurt/M. 1994, S. 140-63.
23
Magalhaes, Antonio Carlos de Melo: 1492 und die Folgen - Der lange Weg einer Erkenntnis, in: Evangelische Akademie Bad Boll (Hg.) : Die Entdeckung des Kolumbus - 500 Jahre danach. Tagung vom 27. bis 29. September 1991 in der Evangelischen Akademie Bad Boll, 1992.
Mesenhöller, Peter (Hg.): Mundus Novus. Amerika - oder die Entdeckung des Bekannten. Das Bild der Neuen Welt im Spiegel der Druckmedien vom 16. Bis zum frühen 20. Jahrhundert, herausgegeben im Auftrag des Instituts für Zeitungsforschung und des Museums für Kunst und Kulturgeschichte der Stadt Dortmund, 1. Auflage, Essen 1992.
Möller, Joachim (Hg.): Das Ei des Kolumbus? Lateinamerika und Europa im Unterricht. Perspektiven auf das Jahr 1992. Eine Dokumentation der Tagung vom 10.-13. November 1991, Bielefeld 1992.
Monegal, Emir Rodríguez (Hg.): Die Neue Welt. Chroniken Lateinamerikas von Kolumbus bis zur Unabhängigkeitserklärung, Frankfurt 1982. Schrader, Ludwig: Kolumbus. Seine Vorbereiter - Seine Fahrten - Seine Berichte, in: Wunderli, Peter (Hg.): Reisen in reale und mythische Ferne. Reiseliteratur in Mittelalter und Renaissance, Düsseldorf 1993, S. 232-254. Siebenmann, Gustav: Vom Zauber der Erfindungen zum Trug der Empfindungen. Amerika im Spiegel der Literatur, in: Ibero-Amerikanisches Institut, Preußischer Kulturbesitz und Museum für Völkerkunde, Staatliche Museen zu Berlin (Hg.): Amerika 1492-1992. Neue Welten - Neue Wirklichkeiten. Geschichte - Gegenwart - Perspektiven, Braunschweig 1992, S. 78-87.
Todorov, Tzvetan: Die Eroberung Amerikas. Das Problem des Anderen, Frankfurt/Main 1985.
Wallisch, Robert: Vorwort, Kommentar und Nachwort (Christoph Kolumbus und die atlantischen Träume der Portugiesen), in: Kolumbus, Christoph: Der erste Brief aus der Neuen Welt, herausgegeben von Wallisch, Robert, Stuttgart 2000, S. 5-11, 51-70 und 76-109.
Arbeit zitieren:
Rita Bartl, 2003, Kolumbus: Der erste Brief aus der neuen Welt, München, GRIN Verlag GmbH
Dieser Text kann über folgende URL aufgerufen und zitiert werden:
Einbetten
DOI
Das Bordbuch des Christoph Kolumbus
Geschichte Europa - and. Länder - Mittelalter, Frühe Neuzeit
Essay, 6 Seiten
Geschichte Europa - and. Länder - Mittelalter, Frühe Neuzeit
Referat / Aufsatz (Schule), 8 Seiten
Stereotype - Indianer sind Kannibalen
Romanistik - Spanische Sprache, Literatur, Landeskunde
Hausarbeit, 18 Seiten
Die sprachliche Darstellung der eurozentrischen Weltsicht im Kolumbusb...
Romanistik - Spanische Sprache, Literatur, Landeskunde
Hausarbeit (Hauptseminar), 24 Seiten
Die Epoche der Entdeckungsreisen untersucht am Beispiel Spaniens und P...
Geschichte Europa - and. Länder - Mittelalter, Frühe Neuzeit
Facharbeit (Schule), 21 Seiten
Das Problem des Anderen in Tzv...
Studienarbeit, 15 Seiten
Die Kreuzzüge - ein historischer Abriss
Eine Darstellung von Gründen, ...
Geschichte Europa - and. Länder - Mittelalter, Frühe Neuzeit
Hausarbeit, 17 Seiten
Indiobild der Europäer im 16. Jahrundert
Geschichte Europa - and. Länder - Mittelalter, Frühe Neuzeit
Referat / Aufsatz (Schule), 13 Seiten
Die spanische Kolonisation in der Neuen Welt
Charakterisierung der gestalte...
Geschichte Europa - and. Länder - Mittelalter, Frühe Neuzeit
Hausarbeit, 23 Seiten
Utopie oder Vision - José Martís Suche nach der Südamerikanischen Iden...
Romanistik - Spanische Sprache, Literatur, Landeskunde
Seminararbeit, 20 Seiten
Zentrale Faktoren fuer das Phänomen des Kolonialismus
Soziologie - Kultur, Technik und Völker
Hausarbeit (Hauptseminar), 19 Seiten
'La tierra de Alvargonzález' von Antonio Machado
Die Romanze in der modernen sp...
Romanistik - Spanische Sprache, Literatur, Landeskunde
Hausarbeit (Hauptseminar), 19 Seiten
Colombo, Colom, Colón, Columbus: Biographie und Erfahrungen vor der At...
Hausarbeit, 15 Seiten
Die "Brevísima Relación" des Las Casas und die Leyenda Negra
Romanistik - Spanische Sprache, Literatur, Landeskunde
Seminararbeit, 23 Seiten
Astronomie und Kosmologie im Mittelalter
Geschichte Europa - and. Länder - Mittelalter, Frühe Neuzeit
Hausarbeit, 30 Seiten
Don Juan und Catalinon, alias ...
Germanistik - Komparatistik, Vergleichende Literaturwissenschaft
Hausarbeit, 13 Seiten
Repräsentation der Malinche in der "Historia verdadera de la conq...
Romanistik - Spanische Sprache, Literatur, Landeskunde
Hausarbeit (Hauptseminar), 23 Seiten
Don Juan und die Frauen - bezogen auf Molina und Mozart/ Da Ponte
Germanistik - Neuere Deutsche Literatur
Hausarbeit, 34 Seiten
Airbus versus Boeing - Strategic Management Report
BWL - Unternehmensforschung, Operations Research
Wissenschaftliche Studie, 85 Seiten
Rita Bartl's Text Kolumbus: Der erste Brief aus der neuen Welt ist nun auf dem Buchmarkt erhältlich
Rita Bartl hat den Text Kolumbus: Der erste Brief aus der neuen Welt veröffentlicht
Rita Bartl hat einen neuen Text hochgeladen
Perspektiven Der Philosophie: Neues Jahrbuch Band 34 - 2008.
Georges Goedert, Martina Scherbel
Perspektiven Der Philosophie. Neues Jahrbuch Band 35 - 2009
Georges Goedert, Martina Scherbel
Perspektiven einer neuen Engagementkultur
Praxisbuch zur kooperativen En...
Fred Karl, Kirsten Aner, Franz Bettmer, Elke Olbermann
Der erste Brief aus der Neuen Welt
Mit dem spanischen Text des Er...
Christoph Kolumbus, Robert Wallisch
Wege in die Moderne. Reiseliteratur von Schriftstellerinnen und Schrif...
Jahrbuch Forum Vormärz Forschu...
Christina Ujma
0 Kommentare