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Inhaltsverzeichnis
I. Der Begriff der Androgynie und ihre Rezeption
II. Der Ursprung des Androgynie-Motivs im Kontext
von Platons „Symposion“
1. Die Reden der Festteilnehmer
a) Preislieder auf Eros
b) Dialogische Struktur
c) Das „Platonische“ im „Gastmahl“
2. Die Aristophanesrede
a) Der Mythos des Kugelmenschen
b) Interpretationsansätze
III. Androgynie als beliebtes Paradigma der Mode, Kunst und
Wissenschaft in der Postmoderne
IV Literaturverzeichnis
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I. Der Begriff der Androgynie und ihre Rezeption
Unter Androgynie (wörtliche Bedeutung: „Mannweiblichkeit“, von gr. „andrós“: Mann, Mensch und „gynaikós“: Weib, Ehefrau) versteht man die Vereinigung männlicher und weiblicher Körpermerkmale und Wesenszüge in einer Person. 1 Dabei beschränken sich androgyne Mischungsverhältnisse nicht auf Einzelwesen, sondern die Skala reicht von makrokosmischer bis zur mikrokosmischen Zweieinigkeit, „Gottmenschen“ sind ebenso eingeschlossen wie Menschenpaare und Geschwister (oft Zwillinge). Mit Androgynie kann sowohl göttliche Schöpferkraft verbunden werden, durch die Verschmelzung bzw. Potenzierung sexueller Kräfte, als auch durch deren Neutralisierung mit geschlechtsloser Bedürfnislosigkeit. Alle geschlechtlichen Kombinationen sind möglich: die häretisch gleichgeschlechtliche Konstellation ebenso wie die orthodox männlich-weibliche Vereinigungsform. 2 Die vielfältigen Möglichkeiten der Zusammensetzung sind schon in der antiken Schrift des „Gastmahls oder Von der Liebe“ von Platon, in dem Kugelmenschenmythos, begründet. Dieses Motiv findet seinen Ursprung jedoch nicht nur bei Platon, sondern auch Ovid bildet mit seinem „Hermaphroditos“ die Basis für nachfolgende Androgynievorstellungen. Als weitere Vorbilder sind z. B. der „Adam“ aus dem Schöpfungsbericht der Bibel oder das sich ergänzende Yin-Yang Zeichen der chinesischen Philosophie zu nennen. Literarische Ausformungen der Androgynie haben ihren Höhepunkt weiter in der Renaissance, der Romantik, z. B. in Schlegels „Lucinde“ und in der Literatur um 1900, wo narzisstische Androgynieversionen bzw. die androgyne Geschwisterliebe dominieren (siehe z. B. „Wälsungenblut“ von Thomas Mann). 3
Ziel meiner Arbeit ist das Androgynie-Motiv, das in der Aristopahnesrede des „Symposions“ (=Gastmahl, von gr.: das Gelage) klar hervortritt, zu erläutern. Des Weiteren möchte ich mögliche Interpretationsansätze, die sich aus dem Kugelmenschenmythos ergeben, aufzeigen.
1 Androgynie, in: Duden. Fremdwörterbuch, Bd. 5, 7. Auflage, Mannheim 2001, S. 65.
2 Aurnhammer, Achim: Androgynie. Studien zu einem Motiv in der europäischen Literatur, Bd.
30, Köln/Wien 1986, S. 3f.
3 Aurnhammer 1986, S. 5-8.
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Da „Das Gastmahl“ als einheitlicher und geschlossener Text von Platon konzipiert wurde und die einzelnen Reden der Festteilnehmer aufeinander aufbauen, möchte ich meine Untersuchung zur Androgynie im Zusammenhang mit dem ganzen Werk betrachten. Hierbei werde ich neben dem Inhalt besonderen Wert auf die durchstrukturierte Komposition der Dialoge legen und das „platonische“ Gedankengut, das sich hier wiederfindet, herausarbeiten.
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II. Der Ursprung des Androgynie-Motivs im Kontext
von Platons „Symposion“
Das „Symposion“ gehört in Platons Mittelwerk (ca. 387-67 v. Chr.) und ist wahrscheinlich um 380 v. Chr. entstanden. Es ist eines seiner wichtigsten Schriften und konstituiert im besonderen Maße den Platonismus. Das Gastmahl selbst, das darin beschrieben wird, fand vermutlich 416 v. Chr. zur Feier des ersten Tragödiensieges des Dichters Agathon statt. 4
1. Die Reden der Festteilnehmer
a) Preislieder auf Eros
Das „Symposion“ beginnt mit einem komplizierten, einleitenden Rahmengespräch. Apollodor, ein Anhänger Sokrates, erzählt von einem Gespräch, das er mit seinem Freund Glaukon führte. Dieser befragte ihn neugierig nach dem berühmten Gastmahl des Agathon, das schon mindestens acht Jahre zurückliegt und an dem nachweislich folgende Gäste teilgenommen haben: Aristodemos, Sokrates, Agathon, Phaidros, Pausanias, Eryximachos, Aristophanes und Alkibiades. Apollodor seinerseits erfuhr von dem Gelage von Aristodemos und er hat sich diesen Bericht nachträglich von Sokrates bestätigen lassen. 5 Mit diesem verklausulierten Prolog, in dem verschiedene Erzählebenen verschachtelt sind, verfolgt Platon einen besonderen Zweck: erstens wird die Bedeutung des Ereignisses gesteigert, wenn sich das Andenken daran so lange erhalten hat. Zweitens taucht nur Erinnerungswertes auf, Unerhebliches wird durch die verschiedenen Berichterstatter ausgemerzt. 6 Drittens dient er bewusst einer ironischen Distanzierung vom Geschehenen und gleichzeitig verifiziert er das Erzählte durch den Augenzeugenbericht. 7 Nach dem Festessen einigen sich die Anwesenden darauf, nicht zu zechen, sondern
4 Schmalzriedt, Egidius: Platon. Symposion, in: Jens, Walter (Hg.): Kindlers Neues Literatur
Lexikon, Bd. 13, München 1991, S. 411.
5 Hildebrandt, Kurt: Einleitung, in: Platon: Das Gastmahl oder Von der Liebe, Stuttgart 1979, S.
22f.
6 Friedländer, Paul: Platon. Die Platonischen Schriften. Zweite und Dritte Periode, Bd. 3, 2.
Auflage, Berlin 1960, S. 1f.
7 Schmalzriedt 1991, S. 411.
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nur nach Neigung zu trinken und in der Reihenfolge der Sitzordnung Lobreden auf den Eros zu halten.
Den Beginn macht Phaidros. Er preist Eros als Ältesten unter den Göttern und als Urheber größter Güter, wobei für den Liebenden das Größte der Geliebte ist und umgekehrt. Die Liebe bewirkt die „Scham vor dem Schändlichen und den Wetteifer im Schönen“ 8 , wodurch seiner Meinung nach ein Antrieb zu großen und edlen Taten entsteht. Als anschauliches Beispiel nennt er ein Heer aus Liebespaaren, das trotz kleiner Anzahl deswegen unüberwindlich sein würde, weil die Liebenden versuchen sich Hässlichem zu enthalten und gegenseitig miteinander wetteifern. Sie würden auch lieber füreinander sterben als feige das Schlachtfeld zu verlassen. Phaidros bewertet zum Abschluss den Liebhaber höher als den Geliebten, da er göttlich sei. Indem Phaidros fast nur im Maskulinum spricht, betont er das päderastische Verhältnis und wertet es positiv, was später noch deutlicher zum Tragen kommt.
Als nächstes folgt die Rede des Pausanias. Seine Grundthese ist, dass es zwei unterschiedliche Eroten gibt, da es auch zwei Aphroditen gibt, zu denen Eros gehört. Pausanias unterscheidet zwischen der älteren Tochter des Uranos, der Himmlischen, der Urania und der jüngeren Tochter des Zeus und der Dione, der Bürgerlichen, der Pandemos. Deswegen gäbe es auch einen himmlischen und einen vulgären Eros. Er nennt den Zweiten schlecht, da er den Leib mehr als die Seele liebt und sich kritiklos genauso auf Frauen, wie auf Männer richtet, weswegen dieser nicht zu loben sei. Pausanias hingegen will den himmlischen Eros würdigen. Diesen findet er nur in der geistigen Männerfreundschaft, die Vernunft und Tugend fördert und wodurch Bildung und Weisheit erlangt wird. Liebe dient damit nicht nur den Liebenenden, sondern auch der Gemeinschaft, dem Staat. Für das Androgyniemotiv ist außerdem interessant, dass Günter Diez darauf hinweist, dass Aphrodite ursprünglich u. a. auch von einem androgynen Hintergrund verstanden werden muss, d. h. dass auch sie eine einheitliche Gottheit war. Erst durch die Aufspaltung in eine eher
8 Platon: Das Gastmahl oder Von der Liebe, Stuttgart 1979, S. 40.
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männliche Urania und eine weibliche Pandemos, sei auch die Differenzierung des Eros nachvollziehbar. 9
Nach der Sitzordnung wäre als dritter Redner eigentlich Aristophanes an der Reihe. Da ihn ein Schluckauf plagt, fährt Eryximachos mit dem Hymnus auf Eros weiter. Er behält die Unterscheidung in einen zweifachen Eros bei, kehrt jedoch zu seiner universalen Bedeutung zurück und geht seinem Wirken in allen Bereichen des Lebens nach. Dabei erwähnt Eryximachos, der Arzt ist, in einer trockenen und aufgeklärten Weise u. a. die Bereiche der Landwirtschaft, der Heilkunst und der Musik. Der „schöne“ Eros schafft die notwendige Harmonie in der Welt der Menschen, der „hässliche“ die Unordnung. Obwohl in dieser Rede etwas die Leidenschaft fehlt, trägt Eryximachos doch dazu bei Eros als Weltkraft zu begreifen.
Ganz anders verhält es sich mit dem Beitrag des folgenden Festteilnehmers. In der mythischen Geschichte des Komödiendichters Aristophanes zum Ursprung der Menschen kommt die volle poetische und symbolische Bandbreite des Eros zum Tragen. Die wichtigen Kernpunkte dieser Erzählung werde ich jedoch erst in Punkt 2 besprechen.
Der gefeierte Tragödiendichter Agathon, der Gastgeber des Festes, hält schließlich eine Prunkrede, die mehr durch ihre schwelgerische und schöne Wortwahl auffällt, als durch ihren Inhalt. Agathon beschreibt das Wesen des göttlichen Eros, der sich durch Kraft, Schönheit und Weisheit auszeichnet. Mit rhetorischen Mitteln, mythischen Bildern und dem musikalischem Klang der Worte trägt Agathon zur feierlichen Stimmung des Gastmahls bei, jedoch wenig zur ernsthaften geistigen Auseinandersetzung mit Eros. Alle Festteilnehmer sind daraufhin begeistert von der schönen Rede und zeigen ihre Bewunderung. Doch wie nicht anders zu erwarten reagiert Sokrates, der Letzte in der Runde, nicht nur mit (spöttischem) Beifall, sondern er beginnt mit seinem beliebten Frage- und Antwortspiel und widerlegt damit alles vorher Gesagte. Sokrates bringt endlich die volle Wahrheit ans Licht und deckt das Falsche der anderen Philosophen auf. In der Rede des Sokrates scheint die Rede der Diotima hindurch, mit der er im jugendlichen Alter ein Gespräch über
9 Diez, Günter: Platons Symposion. Symbolbezüge und Symbolverständnis, in: Reimbold, Ernst
Thomas/ Gesellschaft für wissenschaftliche Symbolforschung (Hg.): Symbolon. Jahrbuch für
Symbolforschung, Bd. 4, Köln 1978, S. 56.
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das gleiche Thema führte. Sokrates Gedanken bilden den Höhepunkt der Festreden und hier wird das Wesentliche über die Liebe und das Schöne gesagt. Mit Hilfe seiner dialektischen Untersuchung beweist Sokrates, dass Eros nicht schön und weise ist, da er das Schöne und Weise begehrt. Dann folgt der Mythos über die Zeugung des Eros durch Poros, dem Überfluss und Reichtum, und Penia, dem Mangel und der Armut, am Geburtstag der Aphrodite. Als Sohn von Poros ist Eros ein Jäger, Zauberer und Philsoph, als Sohn von Penia ist er nicht schön, rau, obdachlos und bedürftig und als Begleiter der Aphrodite ist er ein Liebhaber des Schönen. Eros ist jedoch nicht wie von den anderen Redenden behauptet ein großer Gott, sondern er ist zwischen sterblich und unsterblich, ein Dämon, ein Vermittler zwischen den Göttern und Menschen. Durch die Liebe schafft er die Möglichkeit für die Menschen an der Unsterblichkeit teil zu haben und glücklich zu sein. Diese Unsterblichkeit versucht man entweder durch das Zeugen und Fortbestehen in Kindern zu erreichen oder durch schöpferische Werke und Taten, wie sie Staatsmänner und Dichter vollbringen. Über einen Stufenweg kann man schließlich auf dem Höhepunkt der Erkenntnis das „Schöne an sich“ schauen. Eros stellt dabei den besten Helfer dar. In der Diotima- bzw. Sokratesrede eröffnen sich dem Leser die entscheidenden Aussagen des „Symposions“. Nicht nur das wahre Wesen von Eros wird geklärt, sondern die Platonische Ideenlehre tritt explizit in Erscheinung. Genauer werde ich jedoch erst in Punkt 1c) darauf eingehen. Nachdem Sokrates geendet hat, bricht der betrunkene Alkibiades mit einer Schar Nachtschwärmer in die Gesellschaft und setzt sich zu ihnen. Er will keinen Lobgesang auf Eros halten, sondern auf Sokrates. Unbewusst preist er jedoch damit gleichzeitig auch Eros. Alkibiades beschreibt Sokrates Selbstbeherrschung, seine geistige Größe, seine rednerischen Fähigkeiten und seine Tapferkeit im Krieg. Für ihn stellt Sokrates die leibhafte Verkörperung des Eros dar und entspricht dem Urbild des Philosophen, der die anderen mit Liebe an sich zieht, dann aber diese zur Philosophie drängt. Sokrates ist also die Personifikation des pädagogischen Eros.
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Hier enden die sieben Reden des „Symposions“. Müdigkeit breitet sich aus, die Gäste schlafen ein oder gehen nach Hause. Auch hier bleibt Sokrates als letzter Sieger übrig. Als Einziger verlässt er das Fest am Morgen ohne geschlafen zu haben, geht zum Baden und begibt sich erst am nächsten Abend zur Ruhe.
b) Dialogische Struktur
Soweit zum Inhalt des „Gastmahls“. Doch nicht nur die Situationsschilderung des sinnenfreudigen Festes und die Gedankenentfaltung der zeitlosen, klugen Reden machen den Reiz dieses Meisterwerks aus. Besonders die kompositorische Raffinesse, mit der Platon philosophische Problemkomplexe darstellt und zu einer großen poetischen Einheit verbindet, ist bemerkenswert. 10
Das „Symposion“ ist dialogisch aufgebaut. Reden und Gegenreden der Gäste, durchbrochen von gliedernden Zwischengesprächen, bilden dabei ein Gleichgewicht und tragen zusammen dazu bei, ein vollständiges Bild von Eros abzugeben. Die ersten fünf Beiträge stellen jeweils nur einen Teilaspekt des behandelten Subjekts dar. In ihrer analytischen Dialektik und gekonnten Rhetorik fördern sich die Gesprächsteilnehmer gegenseitig und suchen gemeinsam nach der Wahrheit. Diese Reden, die sich zwischen nüchternem Referat und verschmitzter Ironie bewegen, ähneln etwas einem sportlichen Wettkampf. 11 Phaidros bis Agathon repräsentieren durch ihre Reden die verschiedenen Möglichkeiten sich zu dem ihnen angemessenen Eros zu verhalten (denn nicht jeder Eros ist jedem Menschen angemessen) und symbolisieren ihre jeweilige personale Entwicklungsstufe. Diese individuellen Aspekte des Eros enthalten auch immer ein Stück der Gesamtwahrheit des Eros, wenn auch in abgestuften Klarheitsgraden. 12 Zusammen bilden sie dann mit ihren Beiträgen das Fundament für Sokrates` Triumph, in dem sich die vollkommene Erkenntnis über die Liebe und das Schöne und Gute widerspiegelt. Hier ist das „Symposion“ also am Höhepunkt angelangt. Den Schlussteil bildet die Alkibiades-Episode, die die Wirklichkeit des praktischen
10 Schmalzriedt 1991, S. 411-13.
11 Hildebrandt 1979, S. 5.
12 Diez 1978, S. 67.
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Lebens auf dem Weg zum von Sokrates - Diotima beschriebenen Zieles darstellt. Die reale menschliche Bewegung im Aufstieg zu jener Höhe beendet die dialogische Struktur des „Gastmahls“. 13
Die einheitliche, jedoch durchaus spielerisch wirkende Komposition des Gastmahls erreicht Platon, indem er die Reden untereinander durch zahlreiche Motive und Anspielungen miteinander verknüpft. So gehören z. B. Phaidros und Agathon als Gegensätze zusammen: der eine preist Eros als den ältesten, der andere als den jüngsten der Götter. Ein anderes Rednerpaar wird durch Pausanias und Eryximachos gebildet, die beide das Motiv des zweifachen Eros vertreten. Aristophanes hingegen steht eher für sich, sowohl mit seiner mythologischen Geschichte, als auch menschlich, da die anderen vor-Sokratischen Tischredner Freunde sind. 14 Immer wieder wird der Leser auf die Klimax des „Symposions“ hingewiesen. So bereitet schon der Prolog mit seinen verschiedenen Berichtebenen auf die Sokratesrede vor, die wiederum nur von dem Gespräch mit Diotima berichten wird. Hier verläuft die Komposition auch genau parallel zum vorgetragenen Inhalt. Der erste Teil über die Eigenschaften des Eros beginnt mit einem Dialog, der die falschen Meinungen enthüllt und die Wahrheit darlegt, und führt zu einer Rede Diotimas über die Bereiche Herkunft, Wesen und Macht des Eros, die jeweils mit einem Hinweis auf die Vermittlerfunktion enden. Der zweite Teil über das Wirken des Eros fängt erneut mit einem Dialog an, setzt sich wiederum in einer mehrteiligen Rede Diotimas fort und gipfelt schließlich in der Darlegung des „Stufenwegs nach oben“. 15 Nicht nur in den Worten des Sokrates entsprechen sich Inhalt und Form. Karl Vretska weist das auch für das gesamte „Symposion“ nach, dass es ein Kunstwerk, „ein körperhaftes Ganzes“ ist, in dem sich „die Schönheit erfüllt“ 16 . In einem Schema lässt sich sein Modell gut verdeutlichen:
Hier erkennt man z.B., dass das Gesamtwerk zwei Haupteile besitzt, die gleich lang sind.
13 Friedländer 1960, S. 20-24.
14 Friedländer 1960, S. 15.
15 Schmalzriedt 1991, S. 421f.
16 Diez 1978, S. 68.
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Der Prolog, das Zwischengespräch Sokrates - Eryximachos und die dionysische Schlussszene bilden einen ordnenden Rahmen. Weitere kompositorische Elemente und inhaltliche Entsprechungen lassen sich nachweisen. Da genauere Erläuterungen innerhalb dieser Arbeit jedoch zu weit führen würden, möchte ich mich darauf beschränken, dass Platon insgesamt bestimmte harmonische Proportionen verwendet und damit eine einheitliche Form schafft. 17
c) Das „Platonische“ im „Gastmahl“
Wie schon angedeutet treten im „Symposion“ wichtige Kernpunkte der Platonischen Lehre auf. Dabei finden Schlagworte wie „Platonische Liebe“ und „Pädagogischer Eros“ hier ihren Ursprung, aber auch die Ideenlehre, die einem besonders durch das Platonische Höhlengleichnis bekannt ist, scheint v.a. durch die Rede der Diotima hindurch.
Da das Grundthema der sieben Reden Eros ist, liegt es nahe, auch die „Platonische Liebe“ hier zu suchen. Dabei muss jedoch festgestellt werden, dass die übliche umgangssprachliche Verwendung dieses Begriffs falsch ist. Nach einer Wörterbuch-Definition versteht man darunter „den platonischen Eros-Begriff missverstehend, die Liebe zweier Personen verschiedenen Geschlechts ohne Sinnlichkeit und sinnliches Begehren.“ 18 Im landläufigen Sinn meint man damit also, wenn eine Beziehung rein „platonisch“ ist, dass sie ohne Sexualität auskommt. Im „Symposion“ ist mit Liebe jedoch alles andere als das eben Beschriebene gemeint. Hier werden die Sinnenfreuden bewusst mit eingezogen und verbinden sich mit den körperlichen, seelischen und geistigen Möglichkeiten innerhalb einer Liebesbeziehung. 19 „Platonisch“ trifft höchstens auf die Art und Weise zu, dass auch ein besonderes Gewicht auf den geistigen Austausch bei den Liebenden gelegt wird. Das führt mich auch schon zum nächsten Punkt, dem „Pädagogischen Eros“. Sokrates bildet dafür das mythische Vorbild. Der im geistigen Athen herrschende Brauch der Knabenliebe wird durch die erzieherische Funktion des Liebenden zum Geliebten legitimiert. Der Liebhaber vermag im Geliebten
17 Diez 1978, S. 68-71.
18 Diez 1978, S. 49.
19 Schmalzriedt 1991, S. 413.
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„Vernunft und der übrigen Tugend zu fördern, der andere aber (hat) das Bedürfnis (…), Bildung und Weisheit zu gewinnen.“ 20 Ziel eines jeden Philosophen ist ein „schönes“ Leben zu führen, das durch die Liebe zum „Schönen“ erreicht wird. Schön ist jedoch sowohl der Leib als auch die Seele. Edles und tugendhaftes Verhalten wird angestrebt, jedoch keine Sinnenfeindlichkeit und Askese. Ziel ist nicht die Ausrottung der Leidenschaft, sondern die Selbstbeherrschung. 21 Sokrates als Verkörperung des Ideals des „Pädagogischen Eros`“ ist die gelebte Einheit von Tugend, Harmonie, Einsicht, Besonnenheit und Mannhaftigkeit. Er sucht das Schöne, führt seine „Schönen“, die er bezaubert und die ihm folgen, aber auch zur Philosophie und damit auf den Stufenweg der Erkenntnis der wahren Welt. Diese wahre Welt ist die Welt der Ideen, von der die Welt, in der wir unmittelbar leben, nur ein Abbild ist. Sich dahin zu erheben und das Ewige zu schauen ist die Erfüllung der Sehnsucht jedes Menschen. Um das wahre Leben zu realisieren bedarf der Mensch der Leitung durch Ideen bzw. Begriffe, Gedanken oder Leitbilder, woran er das Wirkliche misst. Hätte der Mensch z. B. nicht schon eine Idee, eine Vorstellung von Gerechtigkeit, könnte er auch nicht zur Schaffung eines gerechten Staates beitragen. Erst solche Bilder geben uns die Möglichkeit, uns in dieser Welt zurecht zu finden, uns zu orientieren und sie richtig zu beurteilen. Die Welt der Ideen kann man aber natürlich nicht sinnlich mit den Augen sehen, sondern sie ist ein Gegenstand des Wissens. 22 Woher dieses Wissen kommt ist jedoch ungewiss. Platon versucht das Rätsel durch folgende Hypothese zu lösen: „Gott ließ die Seele vor ihrer Geburt den Kosmos schauen. Unsere sinnlichen Wahrnehmungen erwecken die Erinnerung daran.“ 23
Die Einsicht in die Wahrheit ist nur schwer und durch langsame, schrittweise Annäherung zu gewinnen. Eros kann bei dem Aufstieg in die Höhe dieser übersinnlichen Welt Führer des Menschen sein, der Weisheit, Ganzheit und Seinsfülle in den zeitlosen Ideen sucht. Dabei führt der Weg von der Liebe zu einer schönen Gestalt, über die Liebe zu allen schönen Körpern zur Erkenntnis der schönen Seele. Auf der vierten Stufe sieht er die schönen Sitten
20 Platon 1979, S. 48.
21 Hildebrandt 1979, S. 8f.
22 Bröcker, Walter: Platos Gespräche, Frankfurt 1964, S. 156-60.
23 Hildebrandt 1979, S. 13.
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und Handlungsweisen, dann die schönen Wissenschaften und schließlich erkennt er auf dem Gipfel das Schöne selbst. Die letzte Stufe auf dem Stufenweg ist dann erreicht, wenn der Mensch einsieht, dass alle Dinge der diesseitigen Welt nur Abbilder der Ideen sind, allen voran die Idee des Schönen und Guten. 24
Soviel zu den philosophischen Inhalten und der Darstellung von Platons Ideenlehre im Gesamtzusammenhang des „Symposions“. Auch in der folgenden Beschreibung der Aristopahnesrede tauchen Ausformungen des platonischen Erosgedankens und der ewigen Ideen, z. B. der der Einheit, auf.
24 Bröcker 1964, S. 156-60.
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2. Die Aristophanesrede
a) Der Mythos des Kugelmenschen
Aristophanes erzählt von einer mythischen Vorzeit, in der es drei Geschlechter gab: männliche, weibliche und mannweibliche Wesen. Dieses dritte androgyne Geschlecht vereinte die beiden Ersten. „Sein Name ist noch übrig, es selbst verschwunden. Mannweiblich war damals das Eine, Gestalt und Name aus beidem: Männlich und Weiblich zusammengesetzt (…).“ 25 Die damalige Gestalt des Menschen war rund, er hatte vier Arme, vier Beine, zwei Geschlechtsteile und einen Januskopf. Er bewegte sich auch nicht aufrecht vorwärts, sondern durch seine Kugelgestalt beschrieb er radschlagend einen Kreis, getragen von seinen acht Gliedmaßen. Die Zahl und Beschaffenheit der drei Geschlechter hing damit zusammen, dass jedes einzelne einem Gestirn zugeordnet war und ihm ähnlich war. Die Männlich-männlichen gehörten zur Sonne, die Weiblich-weiblichen zur Erde und die Mannweiblichen zum Mond. Diese Urmenschen waren nun aber so mächtig und vollkommen, dass sie sich gegen die Götter auflehnten. Die Götter mussten also etwas unternehmen. Da sie jedoch selbstsüchtig Opfergaben und Heiligtümer zu ihren Ehren von den Menschen brauchten, konnten sie sie nicht umbringen. Deswegen beschloss Zeus, die Kugelmenschen zur Strafe auseinander zu schneiden, so dass sie schwächer würden. Dies hatte für die Götter noch den positiven Nebeneffekt, dass ihre Anzahl sich verdoppelte und es damit auch mehr Opfer gab. Die Kugelmenschen wurden also geteilt und ihr Gesicht zur Schnittseite umgekehrt. Es wurde ihnen sogar gedroht, nochmals entzwei geschnitten zu werden, falls sie weiterhin frech werden sollten. Nach dieser Operation gingen die gespaltenen Menschen auf zwei Beinen aufrecht. Doch sie waren nicht lebensfähig, weil sie unter der Trennung von ihrer zweiten Hälfte unsäglich litten. „Sie starben aus Hunger und gänzlicher Untätigkeit, weil sie nichts getrennt voneinander tun wollten. (…) Und so gingen sie zugrunde.“ 26 Zeus hatte schließlich Erbarmen und fand Abhilfe: er versetzte die Schamteile nach
25 Platon 1979, S. 55.
26 Platon 1979, S. 57.
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vorn. Jetzt konnte eine geschlechtliche Vereinigung stattfinden. Durch diese direkte Befriedigung wurde der überdimensionierte Partnertrieb auf ein vernünftiges Maß reduziert und dadurch insgesamt die Zuwendung zu den lebenserhaltenden Tätigkeiten wieder ermöglicht. Außerdem war durch die Vereinigung von Mann und Frau die Fortpflanzung des Menschengeschlechts gesichert, wobei die Zeugung jetzt ineinander stattfand und nicht mehr über die Erde. 27
Seit dieser Teilung sucht nach Aristophanes jeder sein ursprüngliches Gegenstück. Würde man Liebende fragen, was sie am meisten begehrten, so wäre die Antwort, „vereint und verschweißt mit dem Geliebten aus Zweien einer zu werden.“ 28 Der Grund dafür ist in der ursprünglichen Natur des zweieinigen Menschens zu finden und die jetzigen Wesen wollen zu diesem Zustand zurückkehren. Der Eros bezeichnet diese Begierde und Jagd nach der Ganzheit und er ist der große Arzt, der den Menschen Heilung bringt, indem er die zusammengehörenden Teile in der Liebe wieder vereint und sie so zu ihrem ursprünglichen Wesen zurückfinden lässt. Er hilft bei der Suche nach dem Partner, der einem wesensnah ist und spendet die Hoffnung, wieder in die uralte Natur zurückversetzt zu werden. 29
b) Interpretationsansätze
Der Kugelmenschenmythos innerhalb des „Symposions“ zeigt vielfältige Deutungsmöglichkeiten. Die wohl traditionellste und auch romantischste Interpretation ergibt sich direkt aus dem Text und wird von Aristophanes selbst geliefert. Sie beantwortet die Frage, warum der Mensch immer die Sehnsucht nach einem anderen Menschen verspürt, warum es also so etwas wie Anziehung und Liebe gibt; warum man nur noch mit einer einzigen Person zusammen sein und sich mit ihr sowohl körperlich als auch geistig vereinen will. Der Mensch will ganz einfach die verlorengegangene Hälfte wiederfinden und die ursprüngliche Einheit des mythischen Ausgangspunktes wiederherstellen. Erst dann ist er wieder ganz und vollkommen. Interessant ist dabei, dass Platon fast nur bei dem Urzustand das Wort „Mensch“ verwendet, bei den
27 Platon 1979, S. 55-58.
28 Platon 1979, S. 58.
29 Platon 1979, S. 58f.
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Folgestadien des Kugelmenschen vermeidet er diese Bezeichnung. 30 Damit sind die heutigen Wesen also gar keine Menschen im eigentlichen Sinne mehr. Erst durch die Vereinigung mit einem passenden Gegenstück zur Ganzheit werden wir wieder zum „Menschen“.
In der Aristophanesrede gibt es auch keinen Platz für Diskriminierungen. Alle geschlechtlichen Vereinigungsformen sind hier legitimiert, sowohl homosexuelle, als auch heterosexuelle Kombinationen. Es wird jedoch durchaus eine Hierarchie aufgestellt. Diese ergibt sich unter anderem aus der Zuordnung der Geschlechter zu den Gestirnen. Die Sonne ist das aktive Prinzip, folglich wird die männliche Homosexualität am meisten geschätzt. Dann kommt in der Rangordnung die mannweibliche Ehe, die zum Mond als ausgeglichenes Element gehört, da dieser Licht spendet und empfängt. Das Schlusslicht bildet die lesbische Liebe, die analog zur Erde das passive Prinzip darstellt. Natürlich spiegelt sich in dieser Hierarchie aber auch die damalige soziale Struktur wieder. Männerfreundschaft galt wegen ihrer Geistigkeit als anzustrebendes Ideal und der in Athen herrschende Brauch der Knabenliebe war religiös und gesetzlich anerkannt. 31 Diese Liebesbeziehungen unter Männern förderten nach damaliger Ansicht auch das Staatsleben. Die Männer werden zu Ehe und Kinderzeugung hingegen „durch das Gesetz genötigt“ 32 und über homosexuelle Frauen heißt es im „Symposion“, dass sie von Buhlerinnen abstammen. 33
Im „Gastmahl“ wird davon gesprochen sein Gegenstück (z. B. S. 58) zu suchen. Dieser Begriff, im Original symbolon, weist auf einen antiken Gastfreundschaftsbrauch zurück. Gastfreunde zerbrachen beim Scheiden einen Ring und durch das Zusammenfügen der Hälften konnten sich die Nachkommen gegenseitig voreinander ausweisen und wiedererkennen. Aurnhammer leitet von diesem Vorgang das „symbolontische Curriculum“ ab, das er allgemein zur Definition der Androgynie gebraucht. Er nutzt den Begriff in der Bedeutung, die der Frage nachgeht, „wie eins aus zwei werden kann“ und Androgynie beschreibt demnach die „Relation zweier komplementärer Elemente
30 Aurnhammer 1986, S. 10.
31 Aurnhammer 1986, S. 10f.
32 Platon 1979, S. 59.
33 Platon 1979, S. 58.
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(…), die eins waren, eins sind oder eins sein möchten (…)“ 34 . Das „symbolontische Curriculum“ setzt sich aus drei Phasen zusammen: Ganzheit, Chiasma (Trennung in Hälften) und Rekurs (Wiedervereinigung). Androgynie kann, je nachdem welche Phase gerade aktuell ist, als Prozess oder Zustand beschrieben werden. Wenn man dieses Modell nun auf den Kugelmenschenmythos von Platon anwendet, ergibt sich Folgendes. Die Doppelmenschen der Urzeit sind eine Ganzheit (1. Phase), die von den Göttern entzweigeteilt werden (2. Phase) und durch Vereinigung wieder versuchen die ursprüngliche Einheit wiederherzustellen (3. Phase). Der Vorgang der Trennung bzw. der Wiedervereinigung ist ein Prozess, die statische Version der Ganzheit bzw. der Trennung repräsentiert einen Zustand. 35 Mit dem Kugelmenschenmythos lassen sich verschiedene Phänomene erklären. Dazu gehört nicht nur die zwischenmenschliche Liebe, sondern man könnte die Liebe zu einer anderen Person auch als reine Selbstliebe deuten. Nach dieser Auffassung sucht der Mensch im Anderen nur seine andere Hälfte, d.h. einen Teil seiner selbst. Die Geschlechtertrennung, also das Verschwinden des androgynen Geschlechts und das Übrigbleiben von Männern und Frauen, findet seinen Ursprung ebenso in der Aristophanesrede. Auch das Auftreten und die Wirkung der körperlichen Schönheit kann mit dieser Erzählung erklärt werden. Die Schönheit kann nämlich die Ursache für die Liebe zur anderen Hälfte sein und somit die Vereinigung zum Ganzen erst ermöglichen. Da die Suche nach der anderen Hälfte jedoch beschwerlich ist, können mit dem Kugelmenschenmythos als Folge auch häufige Missgriffe in der Partnerwahl und die Unbeständigkeiten in der Liebe gerechtfertigt werden. 36 In der Aristophanesrede spielt die Symbolik eine wichtige Rolle. Der Kreis bzw. die Kugel ist hierbei das zentrale Motiv. Sie steht für die ursprüngliche kosmische Vollkommenheit, ist Symbol für das Weltganze. Diese vollkommenste Form zeigt sich bei den Urmenschen in ihrer Gestalt und ihrer Fortbewegungsart. Platon vervollständigt den Mythos dadurch, dass die Geschlechter den Gestirnen verwandt sind, die ja auch kugelförmig sind. So ist
34 Aurnhammer 1986, S. 2.
35 Aurnhammer 1986, S. 3.
36 Orchard, Karin: Annäherung der Geschlechter. Androgynie in der Kunst des Cinquecento, Bd.
10, Münster/Hamburg 1992, S. 61f.
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der Mensch als Mikrokosmos ein genaues Abbild des Makrokosmos. 37 Der unperfekte Zustand dazwischen weist auf die existentielle Gespaltenheit des Menschen hin. Die Menschen sind Bruchstücke und immer in Gefahr noch bruchstückhafter zu werden. Die sexuelle Zeugung ist nur ein Trost für die Unvollkommenheit der gegenwärtigen Natur des Menschen. Eigentliches Heilmittel wäre die Wiedererlangung der Ganzheit der Androgynen. 38 Zum Schluss möchte ich noch auf die komischen Elemente in der Aristophanesrede hinweisen, der passenderweise auch ein Komiker war. Diese bilden in gewissem Maße einen Gegensatz zu dem leidenschaftlichen Mythos über Liebe und Vollkommenheit. Vor allem die Operation der Kugelmenschen durch Zeus, wenn er die Menschen wie Eier oder Früchte beim Einmachen halbiert, strotzt nur so vor lustiger Beschreibung oder wenn Apollon „von allen Seiten die Haut über das, was jetzt Bauch heißt, zusammen(zog) wie einen geschnürten Geldbeutel und (…) es zu einer Mündung mitten auf dem Bauche ab(band), die man jetzt Nabel nennt. Glättete dann die vielen Falten aus und fügte die Brust zusammen mit einem Werkzeug, wie es die Schuster haben, um über dem Leisten die Falten des Leders zu glätten.“ 39 Dem Leser kommt auch ein Schmunzeln über die Lippen, wenn Aristopahnes über die Furcht spricht, „wenn wir nicht anständig gegen die Götter sind, dass wir noch einmal gespalten werden und herumwandeln wie die Menschen auf den Grabreliefs über die Nase weg durchgesägt“ 40 . Diese verschmitzte Ironie taucht natürlich nicht nur in der Rede des Aristophanes auf, sondern das ganze „Symposion“ harmoniert in einer souveränen Mischung aus Ernst und Heiterkeit. Es ist aber so, dass es in der Erzählung über die Kugelmenschen nicht beim Komischen bleibt, sondern nach Krüger zum Tragikkomischen übergeht. Denn in einer Komödie überwiegt das Thriumphierend-Schadenfrohe über andere, die von einer Schwäche betroffen sind, über die man lachen kann. Doch bei diesem Mythos sind alle Menschen, auch der „Lachende“ selbst von dem Schicksal der Entzweiung der Androgynen betroffen. Hier drückt sich also Spott aus, der sich auf alle bezieht und wird damit tragisch. Die Lächerlichkeit der Menschen zeigt sich auf die Art, dass sie in ihrem Ernst und in ihrer
37 Diez 1978, S. 58f.
38 Rosen, Stanley: Plato´s Symposium, 2. Auflage, Yale University 1987, S. 139.
39 Platon 1979, S. 57.
40 Platon 1979, S. 60.
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Leidenschaft, mit der sie zueinander in Liebe streben, eigentlich gar nicht den wahren Grund ihrer Sehnsucht begreifen, nämlich wieder die ursprüngliche verlorengegangene Einheit zu erreichen. Denn das Paradoxe ist, dass es nicht um Fortpflanzung und Geschlechtstrieb geht, wie die meisten Menschen glauben. Nein, diese Phänomene sind nur Nebenwirkungen der Trennung der Hälften, die Folge des tragischen Urfrevels der Menschen gegen die Götter ist. Die Lösung des Rätsels des Eros ist eigentlich ein religiöses Problem in diesem Mythos. 41
Mir dieser Interpretation der Aristophanesrede, in der das Androgyne verwurzelt ist, möchte ich meine Arbeit beenden. Für mich ist diese Deutung besonders treffend, da ich uns Menschen auch gerne als tragikkomische Figuren auf der Suche nach der ursprünglichen Einheit und Vollkommenheit sehe.
41 Krüger, Gerhard: Einsicht und Leidenschaft. Das Wesen des platonischen Denkens, 3.
Auflage, Frankfurt/Main 1963, S. 120-30.
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IV. Androgynie als beliebtes Paradigma der Mode, Kunst und Wissenschaft in der Postmoderne
Wie ich gezeigt habe, ist das Motiv der Androgynie schon in der Antike verwurzelt und ist im Laufe der Jahrhunderte immer wieder vielfältig aufgegriffen worden. Selbst heute noch hat die Vorstellung der „Mannweiblichkeit“ nichts an Aktualität eingebüßt, sondern ist im Gegensatz äußerst präsent.
Besonders in der Welt der Mode ist „unisex“ seit langem Standard. Kleidungsstücke und Accessoires, speziell Parfüms, werden nicht mehr männer- oder frauenspezifisch gestaltet, sondern vielmehr herrscht der Gedanke eines übergreifenden, „universalen“ Outfits vor.
Auch die Kunstszene der letzen Jahrzehnte hat einige Vertreter, die mit dem Androgynie-Gedanken spielen, hervorgebracht. Spontan fallen einem Popmusiker wie David Bowie, Michael Jackson oder auch Marylin Manson ein, die männliche und weibliche Merkmale in sich vereinen. Ebenso experimentieren Fotografen und Selbstdarsteller wie Pierre und Gilles mit ihren Bildern und ihrer Person mit diesem Konzept. Besonders in den 80er Jahren hat die Androgynie in diesem Bereich eine starke Rezeption erfahren. Diesen Aspekt möchte ich gerade betonen, da wir uns heute, 2003, in einem 80er-Jahre-Revival befinden, denkt man an Fernsehsendungen wie „Die 80er Show“ oder ein erneutes Aufflammen des Punks.
Doch nicht nur Mode und Kunst haben die Androgynie als beliebtes Paradigma aufgegriffen, sondern auch die Wissenschaft macht sich sie zu Nutze. Die Psychologie z. B. interpretiert Männlichkeit und Weiblichkeit nicht mehr als entgegengesetzte, unvereinbare Pole, sondern sieht die Möglichkeit, in einem Individuum maskuline und feminine Geschlechterrollen zu vereinigen.
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Außerdem wird insgesamt die Postmoderne als Epoche gesehen, in der Geschlechtsunterschiede im ökonomischen uns sozialen Bereich Schritt für Schritt verschwinden. Die Androgynie spielt auch im Bereich der Sozialwissenschaft, bei der Untersuchung des Feminismus, eine entscheidende Rolle. Sie stellte für die Frauenbewegung eine Vision dar, mit deren Hilfe die restriktive Festlegung auf eine bestimmte Geschlechtsidentität und damit auch -hierarchie durchbrochen werden sollte. 42
42 Feldmann, Doris/Schülting, Sabine: Androgynität, in: Nünning, Ansgar: Metzler Lexikon
Literatur- und Kulturtheorie, 2. Auflage, Stuttgart/Weimar 2001, S. 17.
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V. Literaturverzeichnis
Primärliteratur
Platon: Das Gastmahl oder Von der Liebe, Stuttgart 1979. Sekundärliteratur
Aurnhammer, Achim: Androgynie. Studien zu einem Motiv in der europäischen Literatur, Bd. 30, Köln/Wien 1986. Bröcker, Walter: Platos Gespräche, Frankfurt 1964. Diez, Günter: Platons Symposion. Symbolbezüge und Symbolverständnis, in: Reimbold, Ernst Thomas/ Gesellschaft für wissenschaftliche Symbolforschung (Hg.): Symbolon. Jahrbuch für Symbolforschung, Bd. 4, Köln 1978, S. 49-71. Androgynie, in: Duden. Fremdwörterbuch, Bd. 5, 7. Auflage, Mannheim 2001, S. 65.
Feldmann, Doris/Schülting, Sabine: Androgynität, in: Nünning, Ansgar: Metzler Lexikon Literatur- und Kulturtheorie, 2. Auflage, Stuttgart/Weimar 2001, S. 17f. Friedländer, Paul: Platon. Die Platonischen Schriften. Zweite und Dritte Periode, Bd. 3, 2. Auflage, Berlin 1960.
Hildebrandt, Kurt: Einleitung, in: Platon: Das Gastmahl oder Von der Liebe, Stuttgart 1979, S. 3-28.
Krüger, Gerhard: Einsicht und Leidenschaft. Das Wesen des platonischen Denkens, 3. Auflage, Frankfurt/Main 1963.
Orchard, Karin: Annäherung der Geschlechter. Androgynie in der Kunst des Cinquecento, Bd. 10, Münster/Hamburg 1992.
Rosen, Stanley: Plato´s Symposium, 2. Auflage, Yale University 1987. Schmalzriedt, Egidius: Platon. Symposion, in: Jens, Walter (Hg.): Kindlers Neues Literatur Lexikon, Bd. 13, München 1991, S. 411-14.
Arbeit zitieren:
Rita Bartl, 2003, Der Ursprung des Androgynie-Motivs im Kontext von Platons „Symposion“, München, GRIN Verlag GmbH
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