Kann man Kinder „be-gaben“?
Ronnie Berzins
Inhaltsverzeichnis
1 Beispiele aus meinem Erfahrungsbereich 3
1.1 Plötzlich aufgetretene Begabung 3
1.2 Grenzen der Begabungsförderung 4
2 Erarbeitung Punkte 3 und 4 auf der Seite 156 5
3 Literaturverzeichnis 7
In dieser Ausarbeitung setze ich mich mit dem Thema auseinander, ob die Begabung eines Menschen festgelegt ist oder man Kinder „be-gaben“ kann. Dabei werde ich den Primärtext von Theo Dietrich[1] als Grundlage dieser Ausarbeitung nehmen.
Die Frage, ob sich ein Kind begaben lässt, werde ich an einigen Beispielen zum Thema Begabung behandeln.
1 Beispiele aus meinem Erfahrungsbereich
1.1 Plötzlich aufgetretene Begabung
Stefan
Stefan ist ein Freund aus meiner Jugendzeit. Wir machten viel gemeinsam, spielten, grillten und so weiter. Für Musik hatten wir beide nicht sehr viel übrig. In der 7. Klasse war er bei einem Freund eingeladen, die Eltern dieses Freundes hatten ein Klavier, auf dem aber niemand spielte. Stefan setzte sich an das Klavier und spielte einfach so wild auf den Tasten herum und es machte ihm Spaß zu spielen, auch wenn es noch schrecklich klang. Einige Tage später besorgte es sich bei seinem Musiklehrer ein Notenlernbuch, aus dem er Noten lernte und meldete sich bei einer Musikschule an. Binnen drei Monaten konnte er fast problemlos und voll genial nicht nur einfache Lieder, sondern auch schwierigere Stücke, spielen. Leider ist er dann mit seinen Eltern ein Jahr später weggezogen ich kann also nicht sagen, was aus ihm geworden ist, aber in diesem einen Jahr lernte er immer weiter und nicht zuletzt war seine Klavierlehrerin überrascht über die Geschwindigkeit, mit der er lernte, und dann auch spielte.
Dieses Beispiel zeigt für mich eindeutig, dass es eine gewisse Veranlagung geben muss. Ich kann mit Sicherheit sagen, das Stefan davor noch nie ein Instrument in der Hand gehabt hatte, er konnte noch nicht einmal Noten lesen. Auch seine Eltern waren überhaupt nicht musikalisch und haben diese Gabe auch nie versucht zu fördern. Es hieß dann aber immer, das habe er von seinem Opa geerbt.
Ich sehe mich im Gegensatz dazu. Ich bin echt motiviert Gitarre zu lernen und übe auch recht häufig, aber es will und will einfach nicht klappen. Stefan dagegen hat es binnen drei Monaten geschafft, Klavier zu spielen. Er hat viel geübt und hatte kaum mehr Zeit für uns, aber das finde ich doch sehr erstaunlich.
Michael
Michael war bei der Bundeswehr in meiner Truppe und er war immer der Dumme. Er war einer von den Menschen, die für solch eine Rolle prädestiniert sind, zumindest bei der Bundeswehr. Er war dick und etwas kleiner, konnte weder schnell rennen noch gut schießen, brachte es nicht fertig, sein Zelt aufzubauen, sein Bett richtig zu machen und seine Hemden auf DIN A4-Größe zusammen zu legen. Er war einfach nur immer der Dumme, mit dem keiner etwas zu tun haben wollte und der nie beachtet wurde.
Nach einem Monat hatte er Wachdienst mit einem Kameraden zusammen, der für sein Leben gerne Schach spielte, also brachte er Michael aus lauter Langeweile Schach bei, denn neun Stunden ohne Schlaf in einem kleinen Wachhaus sind eine lange Zeit. Michael begriff das Spiel erstaunlich schnell, obwohl ihn alle für etwas dumm hielten. Nach fünf Stunden gewann er das erste Mal und lernte immer schneller. Nach dieser Nacht konnte er einfach genial Schach spielen. Seit dieser Nachtwache spielte er in jeder freien Minute Schach. Weil es die meisten Kameraden nicht glauben wollten, dass Michael wirklich Schach spielen kann, spielten sie verzweifelt gegen ihn und die meisten verloren. Irgendwie hatten alle vor Michael jetzt einen wahnsinnigen Respekt, auch die, die ihn vorher verspotteten. Bei Feldübungen wurde er immer noch wegen seiner Unfähigkeit verlacht, aber beim Schachspielen war er ab nun ein echter Gegner.
Mich hat dies echt erstaunt, denn selbst ich hielt es für erwiesen, dass Michael einfach nichts kann außer Backen (denn er war Bäcker). Schach ist keine leichte Sportart, das weiß ich aus eigener Erfahrung und man braucht viel Übung und Erfahrung, um die verschiedenen Eröffnungen und Züge zu kennen. Schach ist nichts, was man in einer Woche lernt.
Ich denke nicht, dass man eine gesonderte Begabung für Schach haben kann, es hat eher mit seiner Vorstellungskraft oder seinem Denken zu tun. Wir versuchten es bei ihm mit all diesen logischen Spielen wie Viergewinnt in 3-D oder Master-mind. In solchen Spielen war er einfach fast unschlagbar und das mit Hauptschule, Mathematik Note 4. Auch hier weiß ich nicht, wie es weitergegangen ist, Michael wollte noch eine Berufsbratung machen, ob es Berufe gibt, in denen er diese Gabe oder Veranlagung weiter ausbauen könnte – der Beruf des technischen Zeichners oder ähnliches. Ich sehe an Michael, dass es eine Begabung geben muss, denn es war ihm komischerweise auch in der Schule nie bewusst aufgefallen, dass er dieses Verständnis für logisches Denken hat. Somit hatte er es nie trainiert und es muss eine natürliche Veranlagung gewesen sein.
1.2 Grenzen der Begabungsförderung
Oliver
Zur Vorgeschichte: Bei mir entdecken meine Eltern sehr schnell, dass ich eine technische Begabung haben muss. Egal, ob Lego oder Laubsäge, egal was ich zusammenbaute, schraubte oder sägte, es gelang mir und machte mir Spaß. Das erkannten wohl auch meine Eltern und so statteten sie mich mit Werkzeug und Bastelmaterial aus, wo es nur ging. So kam es, dass ich einfach alles versuchte zu reparieren was kaputt war. Anfangs war es mein Bike, später der Fernseher oder eine kaputte Schranktüre – und meine Eltern ließen mich gewähren. Es ging kaum etwas schief oder war danach nicht wieder funktionstüchtig. Durch Bücher erlas ich mir das, was ich nicht wusste, zum Beispiel wie ein Motor im Staubsauger funktioniert oder ähnliches, was man einfach nicht wissen kann. Ich denke, das Technische ist eine Gabe, die von meinen Eltern entdeckt und gefördert wurde.
Bei Oliver, einem Freund aus meiner Teeniezeit war es gerade andersherum. Sein Vater wollte unbedingt, dass sein Sohn technisch verständig wurde und genau dessen Gabe bekommt. Olivers Vater war selbstständiger Handwerker und wollte, dass sein Sohn in seine Fußstapfen tritt. Oliver erzählte mir, dass er von Kind an Modelleiseinbahnen, Laubsägen und Fischertechnik-Baukästen bekommen hat. Oliver hat aber nie Gefallen daran gefunden und konnte immer nur das bauen, was auf den Plänen vorgezeichnet war und weder selbst kreativ werden, noch die Zusammenhänge verstehen. Wenn ich bei Oliver war, ließ er sich zwar begeistern und machte das, was ich ihm sagte, also wo welches Teil hin sollte und was er zusammenstecken sollte, aber alleine baute er nie weiter. Ich denke, hier war Begabung auch begrenzt, denn Oliver lernte sehr wohl nach Plänen zu arbeiten und das nachzubauen, aber er schaffte es nie, Neues zu entdecken oder zu konstruieren, was mir so leicht fiel.
Daniel
Daniel war ein Freund aus dem Fußballverein und er war einer der besten. Das lag wohl mit an seiner Begabung für Ballsportarten. Ob Fußball, Volleyball, Streethokey oder Tennis, er konnte es einfach. Doch Fußball war sein Favorit Nummer eins. Vor der Schule ging er eine dreiviertel Stunde lang joggen und trainierte drei Mal in der Woche im Verein und zwei Mal in der Woche schoss er auf das leere Tor auf dem Sportplatz. Mit acht Jahren hatte er im Verein angefangen und mit 16 war er einfach der Beste. Er wurde vom Verein und von seinen Eltern voll unterstützt, doch mit 16 merkten er und auch sein Trainer, dass es nicht mehr vorwärts ging. Daniel trainierte weiterhin fünf Mal in der Woche, doch weder an seiner Technik noch an seiner Kondition konnte er etwas verbessern. Daniel war am verzweifeln und trainierte noch mehr, aber es wurde einfach nicht besser. Er berief sich immer darauf, dass alle sagten, er habe ein besonderes Talent und wäre begabt und er steigerte sich voll hinein. Ungefähr mit 17 gab es immer noch keine großen Leistungs-Änderungen bei ihm. Natürlich lernte er neue Tricks und seine Kondition wurde auch etwas besser, doch der erhoffte Erfolg blieb aus und er musste zugeben, dass er kein Wunderkind des Fußballes ist. Daniel spielt heute noch Fußball und trainiert auch regelmäßig und man kann sagen, er ist gut.
Ich habe dieses Beispiel ganz bewusst zum Thema „Grenzen der Begabungsförderung“ gewählt, denn bei Daniel dachten alle, er habe ein ganz besonderes Talent und bis zum Alter von 16 Jahren konnte man das durchaus an ihm sehen. Ich würde sagen, Daniel ist heute noch ein guter Fußballspieler. Wahrscheinlich liegt es an seinem kontinuierlichen Training und nicht an seiner besonderen Begabung. Mit 16 lässt sich dann feststellen, dass ihm alles Trainieren nicht geschadet hat, aber er wurde auch nicht besser als andere Spieler. Seine Begabung fand hier eine Grenze.
Ich denke, an diesem Beispiel kann man wunderbar sehen, dass Begabung auch Grenzen hat. Und wenn Daniel sieben Mal in der Woche trainiert hätte, es hätte wohl nicht den gewünschten Erfolg gehabt, überdurchschnittlich gut zu sein.
Wenn man eine Begabung hat, dann kann man versuchen, sie auszubauen und diese Gabe zu trainieren, was aber nicht heißen muss, dass sie bis ins Unendliche steigerbar wäre.
2 Erarbeitung Punkte 3 und 4 auf der Seite 156
Zuordnung
Die Aussage von Punkt drei würde ich der dritten Denkweise zuordnen, die „anerkennt, dass einerseits die Erbanlagen als Grundlage der Begabung und der entsprechenden Leistung, aber andererseits eine Herausforderung und der Förderung der Begabung durch die Umwelt, also durch Erziehung und Unterricht, für unerlässlich hält“.[2]
Hier werden die „statische Begabungstheorie“ und die „milieutheoretische Begabungstheorie“ miteinander verknüpft. Der Mensch ist also immer von seinen erblichen Grundlagen und von der Umwelt und der Erziehung abhängig.
Aussage
Punkt drei auf Seite 156 sagt aus, dass wir, „sobald wir eine Regung oder ein Verhalten des Kindes registrieren, das vorwärtsweisend ist, …diese Aktivität durch Beachtung oder Lob verstärken [müssen].“[3] Um nun die „Intelligenz und die Begabung zu fördern, sollten wir dem Kind gut konstruiertes“[4] und didaktisch sinnvolles Spielzeug geben.
Wenn sich nun ein Kind für Spiele interessiert, bei denen es um mathematisches Verständnis geht, sollten dem Kind mehr Möglichkeiten zum Ausbau dieser Fähigkeiten eröffnet werden. Zum Beispiel könnten ihm Spiele zum logischen Denken angeboten werden oder mit ihm schon früh angefangen werden zu zählen.
Erklärung
Die dritte Denkweise verknüpft also die „statische Begabungstheorie“ und die „milieutheoretische Begabungstheorie“ miteinander. Der Mensch ist also immer von seinen erblichen Grundlagen und von der Umwelt und der Erziehung abhängig.
Diese Aussage trifft für Punkt 3, Seite 156 zu, denn:
Wenn bei einem Kind entdeckt wird, dass es etwas gut kann oder etwas gerne macht (es ist also eine Begabung vorhanden = „statische Begabungstheorie“) soll das Kind in diese Richtung gefördert und geschult werden (Begabung ist also in Abhängigkeit der Förderung = „milieutheoretische Begabungstheorie“).
Eine einseitige Sicht kann nicht vertreten werden, denn die „statische Begabungstheorie“ wäre für diesen Punkt falsch, denn sie schließt die Förderung und Schulung der Gaben aus. Somit wäre eine Begabung schon bei der Geburt des Kindes auf einem „End-Level“. Genau so wäre die „milieutheoretische Begabungstheorie“ falsch, denn sie schließt die erbliche Veranlagung aus. Hier könnte jedes Kind jede Fähigkeit bei gleichem Training gleich gut erlernen.
In der Aussage von Punkt drei werden aber beide Faktoren genannt. Das Kind hat eine Begabung, aber diese muss entdeckt und kann mit entsprechendem Material gefördert werden.
Resümee
Ich würde auch zur Verknüpfung der „statischen Begabungstheorie“ und der
„milieutheoretischen Begabungstheorie“ tendieren. Aus meiner Erfahrung heraus, sowie aus den Beispielen, die ich anfänglich schilderte, bin ich zu dem Schluss gekommen, dass eine Begabung ohne Förderung nicht zum Tragen kommt, aber Förderung ihre Grenzen in einer gewissen Begabung hat, die man braucht, um eine bestimmte Fähigkeit weiter zu entwickeln.
Es wäre also völlig falsch davon auszugehen, dass Kinder nur das können, wozu sie durch ihre Erbanlage fähig sind. Es wäre aber auch genauso falsch davon auszugehen, ein Kind könne alles perfekt, wenn man es nur darin schult.
Für mich bedeutet das in der Kinder-, Jugend-, aber auch Erwachsenen-Arbeit, dass ich Gaben bei Menschen entdecken kann und diese auch fördern kann. Im Gegensatz dazu kann ich auch den Mut haben Menschen zu sagen, dass sie etwas vielleicht besser lassen sollen und sich nicht verbissen an eine Aufgabe klammern sollen. Ganz praktisch würde ich das so umsetzten, dass ich Gemeindeglieder oder Jugendkreislern verschiedene Aufgaben gebe und sie dabei beobachte und mit ihnen über diese Aufgabe dann spreche. Keiner sollte zu etwas gezwungen werden, wozu er keine Lust hat, weil ihm die Begabung fehlt. Andererseits kann ich Menschen fördern und herausfordern, bei denen ich ein verstecktes Talent vermute. Das hört sich einfach an und ist in der Ausführung bestimmt nicht einfach, aber es geht mir darum, das Prinzip und eine Problematik verstanden zu haben und Erkanntes umzusetzen.
3 Literaturverzeichnis
Dietrich, Theo, Zeit und Grundfragen der Pädagogik. Eine Einführung in pädagogisches Denken. Bad Heilbrunn, 81998.
[1] T. Dietrich, Zeit- und Grundfragen der Pädagogik. Eine Einführung in pädagogisches Denken, Bad Heilbrunn 8 1998, 136-156.
[2] T. Dietrich, a.a.O. 142.
[3] Ebd. 156
[4] Ebd. 156
Arbeit zitieren:
Ronnie Berzins, 2005, Kann man Kinder be-gaben ?, München, GRIN Verlag GmbH
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