Seminar für Osteuropäische Geschichte
Ruprecht-Karls-Universität Heidelberg
Proseminar I: Peter I.: Reformer und Despot
Wintersemester 2004-2005
Der Weg zum Sieg in Poltava
- Entwicklungen und Ereignisse -
verfasst von
Christian Weckenmann
Heidelberg, April 2005
Verzeichnis:
1.Einleitung 3
2. Die Ausgangssituation 4
3. Der Ablauf des Großen Nordischen Krieges 5
4. Der Weg zum Sieg 7
4.1 Zustandsbeschreibung der russischen Armee vor und am Anfang des Großen Nordischen Krieges 7
4.2 Die Reform des Heeres unter Peter dem Großen 8
4.3 Strategisches und diplomatisches Geschick Peters 13
4.3.1 Peters strategisches Geschick 14
4.3.2 Peters Geschick und Karls Unfähigkeit in der Diplomatie 15
4.4 Die Skrupellosigkeit Peters 17
4.5 Glückliche Umstände und unbeeinflussbare Ereignisse 18
5. Schluss 20
Bibliographie 21
Quellenbände 21
Sekundärliteratur 21
1.Einleitung:
Im Anschluss an die Unterzeichnung des Friedens von Nystad, mit dem der Große Nordische Krieg ein Ende hatte, schrieb Peter I. an den Fürsten Wassilij Dolgorukij folgende Zeilen:
Im allgemeinen haben die Studenten ihr Studium nach 7 Jahren abgeschlossen. Wir sind dreimal so lange in die Schule gegangen, aber – dem Herrn sei Dank – es ist so gut ausgegangen, wie man es gar nicht besser wünschen könnte.[1]
Und tatsächlich - am Ende des Großen Nordischen Krieges stand Peter I als Gewinner da. Er hatte das Baltikum erobert, die Schweden geschlagen, sein Heer reformiert und eine mächtige Flotte aufgebaut. Die europäischen Herrscher nahmen Russland jetzt als ernstzunehmenden Gegenspieler wahr. Doch wie war es möglich, dass das russische Heer, welches sich vor dem Ausbruch des Großen Nordischen Krieges in einem desolaten Zustand befand in kürzester Zeit solche Fortschritte machte? Wie war es möglich, dass es das als vorbildlich angesehene schwedische Heer in der Schlacht von Poltava schlug? Und was mussten die Russen, nach Peters Auffassung, in ihrem einundzwanzigjährigen Studium erst noch erlernen, um mit anderen Großmächten militärisch konkurrieren zu können? Diese Fragen zu beantworten soll das Ziel dieser Arbeit sein, in der zu Beginn auf die für den Verlauf des Großen Nordischen Krieges bedeutende Ereignisse vor dessen Ausbruch eingegangen wird. Ein grober Überblick über den Ablauf vermittelt das nötige Vorwissen um darauf folgende Ausführungen nachvollziehen zu können. Um die Unglaublichkeit des russischen Sieges nachvollziehen zu können, wird weiterhin eine Zustandsbeschreibung des russischen und schwedischen Heeres vor Kriegsausbruch gegeben, um dann darauf aufbauend die Entwicklungen, die zum Sieg des russischen Heeres über die Schweden führten, zu erläutern. Hierbei liegt der Fokus auf Peters Heeresreform. Des Weiteren wird evaluiert in wie weit Peters Eigenschaften als Stratege und Diplomat eine Rolle in der siegreichen Beendigung des Krieges spielten, wie auch Karls Anteil an diesem für Schweden desaströsen Ausgang. Abschließende Betrachtungen beziehen sich auf von beiden Monarchen unbeeinflussbare Ereignisse des Krieges und deren Auswirkungen auf diesen.
2. Die Ausgangssituation:
Peter I. übernahm im Februar des Jahres 1696 nach dem Tod von Ivan V. als alleiniger Herrscher die Führung Russlands. In den darauf folgenden Jahren sollte es auch in anderen Ländern zu Führungswechseln kommen, die für den Ausbruch des Großen Nordischen Krieges von Bedeutung waren. So wurde Polen ab 1697 von August II. regiert, der in Personalunion mit Sachsen stand. In Dänemark herrschte seit 1699 Friedrich IV. und in Schweden folgte der erst 14 Jahre alte Karl XII. seinem Vater auf den Thron.[2]
Russland, das seit 1687 mit der Türkei im Krieg lag, konnte seit langem den ersten militärischen Erfolg verzeichnen, indem es am 18. Juli 1696 die türkische Festung Asow eroberte.[3] Peter, der durch die Anbindung an das Asowsche Meer den Anschluss an das Mittelmeer sicherte, erzielte somit einen Teilerfolg und war seinem Ziel, zur „Drehscheibe des Welthandels“[4] zu werden, einen Schritt näher gekommen. Um seinen ehrgeizigen Plan jedoch realisieren zu können, bedurfte es auch der Kontrolle der Ostsee und somit den baltischen Häfen, die in Schwedischer Hand lagen.
In der Unerfahrenheit des jungen schwedischen Königs sahen Peter I., August II. und Friedrich IV. eine Chance sich Gebietserweiterungen mit geringem Aufwand zu sichern. Für August II. war ein kurzer erfolgreicher Krieg mit Gebietsgewinnen für Polen ein Weg seinen Sitz auf dem polnischen Thron zu festigen und auch Friedrich IV. von Dänemark wollte die Gelegenheit nutzen, die Gebietsverluste, die durch den Krieg von 1645-60 resultierten, wieder zu revidieren.[5]
Jedoch waren die drei Monarchen nicht geneigt ohne Verbündete in einen Krieg gegen Schweden einzutreten, dessen Heer als sehr leistungsfähig und modern angesehen wurde. 1699 verdichteten sich die Angriffpläne gegen Schweden und Sachsen, Dänemark und Russland schlossen eine Allianz.[6]
Peter jedoch, der zu diesem Zeitpunkt noch im Krieg mit der Türkei lag und dem die Gefahr eines Zweifrontenkriegs bewusst war, koppelte die Allianzbedingungen an einen vorherigen Friedenschluss mit der Türkei.
Die Aussichten auf einen erfolgreichen Feldzug gegen die Schweden, die somit einen Dreifrontenkrieg fürchten mussten und sich auf das Geschick eines jugendlichen Monarchen verließen, waren sehr erfolgsversprechend.
Die Wahrscheinlichkeit der Einmischung anderer Großmächte hingegen war verschwindend gering, da diese nach dem Tod Karls II. von Spanien am 1. November 1700 vollends mit dem spanischen Erbfolgekrieg beschäftigt waren.[7]
3. Der Ablauf des Großen Nordischen Krieges:
Obwohl die Ausgangsituation der Bündnispartner viel versprechend zu sein schien, traten bald Probleme in der Koordination des Krieges auf. August II., der sich durch die schnelle Eroberung Rigas ein Vorrecht auf Livland sichern wollte, lag viel an einem frühzeitigen losschlagen seiner Truppen.[8] Er überschritt im Februar 1700 die livländische Grenze. Auch Friedrich IV. zögerte nicht länger und führte seine ersten militärischen Aktionen gegen Schweden im März desselben Jahres durch.[9] Peter hingegen verhielt sich vorerst neutral und beteuerte seine friedlichen Absichten mit Schweden, indem er den Kardis-Frieden im November 1699 erneuerte. Die Aufmerksamkeit Karls richtete sich somit auf Friedrich und August.[10] Als Peter nach dem Friedenschluss mit der Türkei letztlich Schweden den Krieg erklärte, war Friedrich durch das schnelle und harte Eingreifen Karls schon geschlagen und aufgrund der Belagerung Kopenhagens am 19. August zum Frieden von Travendal gezwungen worden.[11] Auch Augusts Versuche Riga zu nehmen scheiterten kläglich, was nicht zuletzt daran lag, dass August über keine Seestreitkräfte verfügte, die die Versorgung der Stadt vom Meer aus hätten unterbinden können und an der Tatsache, dass sich der livonische Adel nicht, wie von Patkul[12] prophezeit, auf Augusts Seite schlug.
Karl, der sich nach dem Sieg über Dänemark gleich in Richtung Riga aufmachte, zwang die Sachsen die Belagerung der Stadt kampflos aufzugeben. Erst jetzt widmete sich Karl den Russen, die, obwohl sie eine fast dreifache Übermacht auf ihrer Seite hatten, bei Narva eine herbe Niederlage mit dem Verlust von 8000 Männern und 145 Kanonen verzeichnen mussten. Diese Niederlage bestätigte die europäische Auffassung von der Überlegenheit des schwedischen Heeres gegenüber dem russischen, was auch indirekt durch Peters Abreise vom Schlachtfeld am Abend vor der Schlacht Ausdruck zu finden schien.[13] Nach seinem Sieg entschied sich Karl jedoch gegen einen weiteren Einmarsch ins praktisch ungeschützte Russland, was Peter die Zeit gab sich von der Niederlage zu erholen und erneut ein Heer auszubilden. Über die möglichen Folgen einer schwedischen Invasion in Russland zu diesem Zeitpunkt gibt es unterschiedliche Einschätzungen.[14] Karl konzentrierte sich von nun an auf August II. und setzte alles daran dessen Abdankung zu erzwingen. Da Karl jedoch nur ein großes schlagkräftiges Heer besaß, konnte er nicht gleichzeitig in Polen gegen August kämpfen und die schwedischen Provinzen im Baltikum verteidigen. Diese, nur mit einer geringen Anzahl von Soldaten geschützt, hatten Peters neu formierter Armee nichts entgegenzusetzen. Nacheinander fiel Nöteborg, Nyen, Dorpat und Narva.[15] Mit diesen Erfolgen im Hintergrund und den beträchtlichen Kosten des Krieges vor Augen[16], suchte Peter den Frieden mit Schweden. Karl jedoch, von der Übermacht seiner Armee überzeugt, schlug jede Friedensverhandlung aus, wodurch die Konfrontation zwischen ihm und Peter unausweichlich wurde. Peter, der sich über die Konsequenzen einer erneuten vollständigen Niederlage seines neu gebildeten Heeres bewusst war, ging vorerst jedoch jeder großen kriegerischen Auseinandersetzung aus dem Weg. Als Karl auf Poltava zumarschierte um sich der Lebensmittel dort zu bemächtigen, machte auch Peter mobil, der nicht bereit war Poltava aufzugeben.[17] Die Schlacht endete mit der völligen Vernichtung des schwedischen Heeres und Karls Flucht nach Bender in der Türkei. Obwohl der Große Nordische Krieg damit nicht beendet war und noch einige Jahre andauerte, war es Karl nicht mehr möglich die Russen in ernste Bedrängnis zu bringen.
4. Der Weg zum Sieg:
Schon bei der Betrachtung der obigen Zusammenfassung des Ablaufes des Großen Nordischen Krieges lässt sich ansatzweise erkennen, wie es Peter möglich war die Schweden in Poltava zu schlagen. Der Erfolg Peters lässt sich auf kluge militärische Entscheidungen seinerseits und Fehleinschätzungen Karls, eine enorme Reformleistung, diplomatisches Geschick und die Unfähigkeit seines Gegenspielers in diesem Gebiet und nicht zuletzt die glücklichen Umständen zurückführen. Im folgenden werden diese Unterpunkte genauer betrachtet, doch zuvor soll ein Eindruck von dem Zustand der russischen Armee am Anfang und Ende von Peters Regierungszeit gewonnen werden, um die Unglaublichkeit des Sieges in Poltava richtig einschätzen zu können.
4.1 Zustandsbeschreibung der russischen Armee vor und am Anfang des Großen Nordischen Krieges:
Beschreibungen über den Zustand der russischen Armee am Anfang des 18. Jahrhunderts gibt es viele. Eins haben sie fast alle gemein – sie alle beschreiben den Zustand als erbärmlich. Voltaire bezeichnet in seinem Buch über Karl XII. die russischen Soldaten als „barbarians, dragged away from their forests, dressed in the skins of wild animals, some armed with bows and arrows, others with clubs“[18]. Eine weitere Beschreibung findet man in einem Memorandum an Golowin, das die Rekrutierung unter Alexej und Sophie wie folgt beschreibt: “ Früher [...] trieb man eine Menge Menschen zum Dienst zusammen, und wenn man die Leute genauer betrachtete, so musste man begreifen, dass man mit ihnen nur Schande ernten konnte.“ Weiter wird die Bewaffnung und Effizienz dieser Armee wie folgt beschrieben: „Das Fußvolk hatte schlechte Waffen, und die Leute verstanden nicht, mit ihnen umzugehen. Es kamen immer drei oder vier getötete Russen auf einen getöteten Ausländer.“[19]
Frost macht in The Northern Wars darauf aufmerksam, dass durch die vor Peter angewendete Methode, die Verteidigung Russlands einer Dienerschicht anzuvertrauen, die diese Aufgabe an deren Söhne weitergab, und die sich im Falle einer kriegerischen Auseinadersetzung selbst auszurüsten hatte kein Heer produziert werden konnte, welches den anderen europäischen Armeen ebenbürtig war.[20]
Er weist weiterhin darauf hin, dass durch diese Art der Landesverteidigung auch die Kavallerie nur sehr uneffektiv arbeitete, da ihren Reitern jedwede Erfahrung und Ausbildung fehlte und sie oftmals flohen, ohne auch nur eine Aktion ausgeführt zu haben.[21] Somit war es Russland trotz der Fähigkeit eine große Anzahl von Menschen für einen geringen Zeitraum zu mobilisieren, oftmals nicht möglich, eine Schlacht für sich zu entscheiden.
Nur neun Jahre nachdem also Possoschkow die russische Armee als Schande bezeichnete, schreibt Otto Anton von Pleyer folgendes über eben diese neue unter Peter entstandene russische Armee:
„It is surprising what perfection the soldiers have attained in military movements, how orderly and obedient they are to their superiors’ commands, and how bravely they conduct themselves in battle. One hears not a word from anybody – let alone a shout; they are all so eager.“[22]
Nachdem diese enorme Entwicklung und Veränderung in der Wahrnehmung des russischen Heeres, dessen Sieg bei Poltava deren Neubewertung sicherlich begünstigte, nun aufgezeigt worden ist, sollen die Gründe für diese Entwicklung betrachtet werden.
4.2 Die Reform des Heeres unter Peter dem Großen:
Peter musste um eine Armee, die groß genug war es mit der schwedischen aufnehmen zu können, eine unglaubliche Anzahl von Soldaten rekrutieren. Um seinen großen Bedarf an Menschen zu decken, verpflichtete er Bauern, die in Russland die größte Bevölkerungsgruppe ausmachten.
In Otto Pleyers „Report on the Present State of the Muscovite Government“ erklärt dieser, dass die Eingliederung der untrainierten Einheiten erstaunlich gut funktionierte, band man diese wie von Peter gefordert in Regimenter ein, die sich sowohl aus unerfahrenen wie aber auch aus erfahrenen Soldaten zusammensetzten.[23] Die gut trainierten Soldaten, die zur Unterweisung der neuen Rekruten herangezogen wurden, hatten ihre Erfahrungen in den konstanten Abwehrkriegen gegen die Tataren, den Krieg gegen Polen-Livland im Jahr 1667 und den Krieg gegen die Türkei mit den Kampagnen in der Krim und der Belagerung bei Asow erworben.[24]
Jedoch stellten sich bald Probleme bei der Rekrutierung der Soldaten ein. Peters Versuche einen konstanten Strom von neuen Rekruten sicherzustellen, können an einem seiner Befehle veranschaulicht werden. Diesen erließ er, nachdem ihm berichtet wurde, dass in der Stadt Briansk die Stadtbevölkerung zunahm, jedoch die Rekrutierung nicht in gleichem Maße. Er ordnete daraufhin an, alle für den Kriegsdienst brauchbaren Männer zu einem neuen Regiment zusammenzufassen.[25] In einem Brief an Avtomon Ivanowitvh Ivanov wird weiterhin konkretisiert von welcher Art die Schwierigkeiten bei der Rekrutierung waren und definiert welche Gegenmaßnahmen getroffen wurden, um diese zu überwinden. Es wird darin berichtet, dass zu rekrutierende Soldaten in die Wälder flüchten. Um dies zu verhindern sollen die Rekruten von nun an füreinander bürgen und selbst ihre Väter und ihre Verwandtschaft können bei Flucht zur Rechenschaft gezogen werden.[26] Da Peter sich der Nachteile des gerade beschriebenen Rekrutierungssystems bewusst war, wurde 1705 ein einheitliches Verfahren eingeführt, welches bis zum Kriegsende und darüber hinaus in Betrieb blieb. Es sah vor, dass jeder zwanzigste Haushalt einen Rekruten mit Brot, Kleidung und Schuhwerk auszustatten hatte. Falls dieser Rekrut getötet werden sollte, musste ein anderer bereitgestellt werden.[27] Die Tatsache, dass durch diesen neuen Erlass jedoch oftmals nicht genug neue Rekruten ausgehoben werden konnten, um den riesigen Bedarf an Soldaten zu decken und das Ausmaß unter dem Städte und Dörfer mit der Bereitstellung von jungen, leistungsfähigen Männern belastet wurden, geht aus einem Buch hervor, dass John Perry, ein Engländer, der 1698 nach Russland kam um dort an den Docks zu arbeiten, verfasste, nachdem er wieder nach England zurückgekehrt war:
Besides the common Taxes that are laid on them [the common people] by the Czar’s particular orders for carrying on his Wars, it is the manner of Russia [...] to send an Order into such Provinces and Districts for he respective Governors of the Towns, [...], to levy them from among such of the Peasants or Slaves, according as the order directs; which sometimes falls out, that every third, fifth or tenth House, shall find a Man, whether Carpenter, Smith or Labourer, sometimes with a Horse, sometimes without, for so many Months or so much Time as such order appoints, to be paid at the proper Expense and Charge of the Towns and Villages from whence they are appointed to be levied, till they are order’d to be relieved, and other numbers of fresh Men, either from the same or some other Districts are sent in their Places.[28]
Des Weiteren verließ sich Peter auf die militärischen Fähigkeiten von Söldnern, die er aus ganz Europa versuchte anzuwerben. Um deren zahlreiche Verpflichtung für das russische Heer zu sichern, erließ er Gesetze und verfasste Manifeste, in denen er festschrieb, dass Ausländer respektvoll behandelt werden müssen, sie Religionsfreiheit besitzen und falls gewünscht den russischen Dienst ohne Konsequenzen wieder verlassen dürften.[29] Dies war bei der gegebenen ausländerfeindlichen Stimmung, die in Russland zu dieser Zeit herrschte nicht immer realisierbar. Diese Ausländerfeindlichkeit kann exemplarisch an dem Testament des Patriarchen Joachim illustriert werden, der in diesem die Befürchtung ausdrückt, dass, durch den Aufenthalt der vielen Ausländer, fremdartige Sitten und Bräuche eingeführt werden und der von den Ausländern als ‚Feinde Gottes’ spricht.[30] Peter jedoch hielt deren Präsenz für unabdingbar und erklärt in Pavel Ivanovich Iaguzhinskiis schriftlich festgehaltenen Erinnerungen, dass „if I endeavour to retain foreigners in my dominion, it is only for the instruction of my people, and consequently for the good of the empire.“[31]
Auch darf nicht vergessen werden, dass das langfristige Ziel Peters, gerade durch die Einbindung erfahrener ausländischer Soldaten und Offiziere, immer schon die Ausbildung eines im Kern russischen Heeres war.[32]
Peters Kriegsvorbereitungen und die Massenrekrutierung bezogen sich jedoch nicht nur auf die Bauern und ausländische Söldner. Auch der Adel wurde von der Pflicht militärischen Dienst zu leisten nicht ausgenommen.
Frost beschreibt die Situation wie folgt: “Russia’s elites from the greatest boyar to the humblest pomeshchik, needed to serve, and accepted the service ethic in a way which was entirely alien to Polish noble culture.”[33] Zuwiderhandlung des Adels gegen Peters Zwangsrekrutierung waren ähnlich drakonisch, wie die der oben erwähnten Bauern. In einem Erlass Peters vom 26. September 1714 verlangt er, dass sich alle Adeligen und deren Verwandte im Alter zwischen zehn und dreißig Jahren nach Moskau zu begeben, haben, um sich dort für den Kriegsdienst registrieren zu lassen. Falls dieser Forderung nicht nachgekommen wird, heißt es weiter, werden alle Besitztümer der angezeigten Person dem Anzeigenden überstellt.[34] Dieser Erlass wurde 1722 nochmals verschärft, indem der Registrierung fernbleibende Adelige nicht nur all ihren Besitz verloren, sondern auch von diesem Zeitpunkt an als vogelfrei angesehen wurden.[35] Für den Adel bedeutete diese Veränderung also die „Umstellung der Dienstpflicht vom Feldzugsaufgebot auf den permanenten Gamaschendienst“.[36]
Die größte Demütigung des Adels jedoch, kam durch eine weitere Instruktion Peters, die wie die meisten Befehle und Erlässe zu dieser Zeit der Verbesserung der russischen Militärfähigkeiten dienen sollte. Peter schreibt:
The chief generals should test in the field [the combat efficiency of]each officer and each non-commissioned officer, first individually and then in groups, simulating real battle conditions. If any one of them shows himself unskilled, while a man of lower rank does better, then let the senior man be demoted and the man of lower rank raised.[37]
Doch Peter ging noch weiter. Er machte es nicht nur möglich, dass ein Mitglied des Adels auf Grund von fehlenden militärischen Fertigkeiten herabgestuft und durch ein Mitglied des niederen Standes ersetzt werden konnte, er sorgte per Erlass auch dafür, dass es keine Beförderungen Adeliger in den Rang eines Offiziers geben durfte, die nicht vorher eine Grundausbildung als Gefreiter durchlaufen hatten.[38] Peters Glaube in ein System, welches auf Leistung und nicht auf Geburt beruht, zeigte er auch dadurch, dass er anfangs selbst den Rang eines einfachen Soldaten trug und nur schrittweise in die höheren Ränge aufstieg.
Peter schreckte auch nicht davor zurück, Söhnen von Adeligen zu befehlen ins Ausland zu reisen um sich dort, vor allem in Gebieten, die dem Militär dienlich waren, weiterzubilden. Peter nimmt hier keine Rücksicht auf bisherige Konventionen und scheut sich nicht den Adelstand in seinen Freiheiten einzuschränken und ihn zu demütigen um seinem Ziel, der Modernisierung Russlands, näher zu kommen.[39] Wittram beschreibt die Einberufung des jungen Adels in den Militärdienst in folgender Weise:
Jahr um Jahr wurden Schübe von Jugendlichen zur Registrierung und Überprüfung ihrer Tauglichkeit in die beiden Hauptstädte beordert, wo nicht selten der Czar selbst sie besichtigte. [...] : die einen wurden zum Soldatendienst eingezogen, die anderen zur Ausbildung im Seewesen nach Holland geschickt, die dritten zum Schulbesuch nach Reval befohlen.[40]
Damit hatten Peters Heeresreformen aber noch kein Ende. Die Unabdingbarkeit eines zentralen Organs, das sich um Belange des Militärs kümmerte, wurde bald sichtbar. Peter gründete deshalb ein Kriegsministerium, das militärische Angelegenheiten wie die Rekrutierung, neu gebildete Regimenter, das Aufstellen einen Offizierskorps und die Disziplin im Allgemeinen verwalten sollte. Weiterhin wurde ein Versorgungsamt gegründet, um die neuen Regimenter so gut es ging auszustatten.[41] Bei all den Reformen, die Peter während des Großen Nordischen Krieges auf den Weg brachte, darf man jedoch nicht vergessen, dass er bei der Modernisierung seiner rückständigen Armee unter enormem Zeitdruck stand. So blieb es nicht aus, dass Peters Reformen wie Frost ausführt, „were conducted in haste“[42], was wiederum die Schwierigkeiten der Durchführung und die nicht auszubleibenden Fehlschläge, wie die schon angesprochenen Probleme bei der Rekrutierung, erklärt.
Die Ausstattung der Armee stellte den Zaren vor weitere Probleme. Der Bedarf an Waffen und Munition für die Landstreitkräfte, Holz und Leinen für den Schiffsbau, wie auch die Kleidung für die Soldaten verschlang unglaubliche Summen.
Auch in diesem Feld überließ der Zar nichts dem Zufall und versuchte durch Gesetze sowohl den Abbau von Rohstoffen wie Eisen und Salpeter zu fördern, als auch die Gründung von Fabriken mit Steuerentlastungen und anderen Vergünstigungen zu unterstützen, um so die Versorgung, der für den Krieg so wichtigen und notwendigen Rohstoffe und Materialien zu sichern. Hier kann aber nicht ins Detail gegangen werden, da die Wirtschaftsreformen Peters I. in dieser im Umfang begrenzten Arbeit nicht in angemessener und ausschöpfender Weise dargestellt werden können.
4.3 Strategisches und diplomatisches Geschick Peters:
Wie schon anfangs erwähnt, lässt sich bei alleiniger Betrachtung der Heeres- und Flottenreform Peters die Frage, wie es zu einem Sieg in Poltava gegen die Schweden kommen konnte, nicht zufrieden stellend beantworten. Neben den gerade detailliert geschilderten Reformen, die von Peter I. durchgeführt wurden, war es nicht zuletzt seinem in strategischer und diplomatischer Hinsicht klugen Verhalten vor der Schlacht von Poltava zu verdanken, dass ein Sieg der Russen überhaupt möglich wurde.
Peters Aufmerksamkeit dem Ausland gegenüber und seine Bewunderung für dieses lässt sich in seinem Leben mehr als nur einmal deutlich erkennen. Er war der erste Zar, der um diplomatische Verhandlungen mit anderen europäischen Ländern zu führen, selbst mit einer Gesandtschaft inkognito durch Europa reiste. Auch die schon mehrmalig angesprochenen Anstrengungen ausländische Experten für das Militär aber auch für zivile Bereiche anzuwerben um seine Untertanen ausbilden zu lassen, deuten darauf hin, dass Peter Europa gegenüber aufgeschlossen war. Obwohl das Ziel seiner Reise, für den Krieg gegen die Türken zu werben, nicht von Erfolg gekrönt war, zeigte es doch, dass er sich darüber bewusst war, dass die Diplomatie ein Weg war, Verbündete zu finden und gemeinsame Absichten mit geringerem Aufwand realisieren zu können.
Jedoch wäre es falsch, Peter in Anbetracht des Bündnisschlusses mit August II. und des Erfolges in der Eingliederung der baltischen Provinzen als diplomatisches Genie zu bezeichnen. Die gerade erwähnten Erfolge, sind eher auf seine Fähigkeit eine günstige Situation zu erkennen und zu nutzen, auf eine gewisse Einsicht in diplomatische Prozesse, auf eine Skrupellosigkeit gegenüber anderen Machthabern, vor allem aber auf die Unfähigkeit Karls XII. in diesen Bereichen zurückzuführen. Dies soll jetzt näher erklärt werden.
4.3.1 Peters strategisches Geschick:
Peters strategisches Kalkül zeigte sich im Verlauf des Großen Nordischen Krieges immer wieder. Mit der Kriegserklärung gegen Schweden auf einen Friedenschluss mit der Türkei gewartet zu haben, um einen möglichen Zweifrontenkrieg zu verhindern, ist hier nur ein Beispiel. Auch während des Krieges lässt sich diese These bestätigen. Als Karl den Entschluss gefasst hatte mit seiner Armee eine Entscheidungsschlacht gegen die Russen zu suchen, ging Peter dieser aus dem Weg. Er entschloss sich zu einer Zermürbungstaktik, da er sich der Stärke der schwedischen Armee zu diesem Zeitpunkt bewusst war und schwächte die Schweden, indem er alle Vorräte auf dem von ihnen eingeschlagenen Weg zerstörte und Karl so keine Möglichkeit gab sein Heer ausreichend zu verpflegen. Des Weiteren ermüdete er die Schweden mit konstanten kleineren Angriffen aus dem Hinterhalt.[43] In The Northern Wars beschreibt Frost diese Guerillataktik gegen die schwedische Armee wie folgt:
A month later the army emerged into a wilderness of deserted and smoking villages, whence everything had been carried away, in which they were constantly harried by enemy raids, so that they were not safe from attack ‘for a single hour’, as the great cry went up from the army ‘what shall we eat?’[44]
Weiterhin kann Peters Kaperung des schwedischen Nachschubes unter Lewenhaupt hier genannt werden, die sich als katastrophal für die schon miserable Versorgungssituation der Schweden herausstellte. In dem Maße indem es leichtsinnig von Karl war ohne diesen aufzubrechen und er die russische Entschlossenheit und Kampfkraft unterschätzte, war es strategisch klug von Peter diesen anzugreifen als er die schwedische Schwäche erkannte und bedingungslos ausnutzte.[45] Die Kombination aus den ständigen Angriffen und dem Entzug von Versorgungs-möglichkeiten durch die Zerstörung von jeglicher Infrastruktur und der Kaperung des Nachschubs darf hier als Faktor, der der schwedischen Moral und deren Kampfkraft abträglich war, nicht unterschätzt werden.[46] Diese Entschlossenheit Peters, die bei dem Angriff auf Lewenhaupt deutlich wurde, lässt sich auch in dem schnellen Eingreifen der Russen gegen Mazepa, dem Hetman der linksufrigen Ukraine, der sich auf Karls Seite schlug, erkennen.
Karls Hoffnungen sich durch den Übertritt des Hetmans neue Nahrungsmittel-, Munitions- und Waffenlager sichern zu können, die er aus obigen Gründen dringend benötigte, wurden durch Menshikovs brutales und vor allem schnelles Einschreiten jäh enttäuscht.[47]
4.3.2 Peters Geschick und Karls Unfähigkeit in der Diplomatie:
Peters Geschick und Karls Unfähigkeit in der Diplomatie lässt sich am besten an der Art und Weise illustrieren wie beide Monarchen sich gegenüber Polen verhielten und an Peters Umgang mit den eroberten baltischen Provinzen. Bedenkt man, dass der Große Nordische Krieg sechs Jahre lang bis zur Schlacht in Poltava in Polen geführt wurde, wird offensichtlich, wie wichtig polnische Sympathien für den Ausgang des Krieges waren. Peter verhielt sich dies beachtend sehr klug, indem er alles in seiner Macht stehende tat, um August und dessen Kampf gegen die Schweden in Polen zu unterstützen. Zu welchem Ausmaß Peter August unterstützte, wird durch Zernacks Aussage: „Peter geriet in diesen Jahren an den Rand der Leistungsmöglichkeiten [...].“[48] ersichtlich. Doch nur durch diese immensen Anstrengungen Peters, war es möglich, den Krieg für eine solch lange Zeit von russischem Boden fernzuhalten.
Karl indessen nahm keine Rücksicht auf etwaige polnische Gefühle. Sein vorrangiges Ziel war es August, den rechtmäßig gewählten König Polens, zu entthronen. Seine Einstellung gegenüber dem Mitspracherecht der Republik in polnischen Belangen wird durch die rüde Zurückweisung des Vermittlungsvorschlags des Sejm zwischen Peter und Karl ersichtlich.[49] Durch die Forderung der Abdankung Augusts mischte er sich weiter in innenpolitische Fragen ein, die Polens Anspruch als unabhängigen Staat verletzten.[50] Nach der Entthronung Augusts bestimmte Karl auch dessen Nachfolger ohne etwaige polnische Präferenzen in dieser Entscheidung zu beachten. Zernack beschreibt den Friedensvertrag den Karl mit den Polen letztlich unterzeichnet als ein „Diktat Karls XII.“[51]. Hinzu kommt, dass Karl auch keine Rücksicht auf die ansässige Bevölkerung nahm und sich und seine Soldaten auf Kosten dieser versorgte.
On Charles’s direct orders villages were burnt, fields were laid waste, cattle were driven off to feed the army and any who objected were put to the sword. The harsh behaviour of the Swedes towards the local population during the Russian campaign of 1707-9 had its clear antecedents in Poland.[52]
Angesichts dieser Verhaltensweise ist es nicht verwunderlich, dass sich der Sejm schließlich entschied auf der Seite Augusts in den Krieg einzugreifen und somit auch indirekt Peter unterstützte. Auch später wiederholte sich dieses Szenario in ähnlicher Weise. Als England Preußen und Österreich 1710 auf die Erklärung Norddeutschlands als neutral drängten, erkannte Karl, trotz der Befürwortung seines königlichen Rates, dies nicht an und sorgte somit für eine weitere Isolierung seines Landes sowie für die Annäherung Preußens an Russland.[53] Zuletzt sei hier noch auf Karls Verhalten in türkischem Asyl zu verweisen, wo er durch „seine Anmaßungen [...] sich nach und nach das Wohlwollen der Hohen Pforte verscherzt[e] und einen offenen Konflikt heraufbeschworen [hatte].“[54]
Wie schon kurz angesprochen, kann auch durch Peters Umgang mit den eroberten Provinzen im Baltikum sein diplomatisches Feingefühl verdeutlicht werden, sowie auch seine Fähigkeit, sich Stimmungen in Bevölkerungsgruppen zu nutze zu machen. Schon vor dem Ausbruch des Großen Nordischen Krieges waren Spannungen zwischen der schwedischen Krone und den autonomen Provinzen im Baltikum die unter schwedischer Kontrolle standen erkennbar. Grund für diese Verschlechterung der Beziehung war Schwedens Vorhaben, basierend auf der Unfähigkeit zur Selbstverteidigung der Provinzen, Güter in Livland und Estland einzuziehen, um diese somit indirekt an den Kosten einer möglichen Verteidigung zu beteiligen. Dieses Vorhaben stieß auf großen Widerstand des dort ansässigen Adels.[55] Nach Peters Eroberung der schwedischen Besitzungen im Baltikum griff dieser zu einer anderen Strategie. Die Wichtigkeit der Loyalität des livländischen Adels im Auge, verstand es Peter, die den Schweden feindlich gesinnten Gruppen durch Garantien und Versprechungen an sich zu binden.[56]
Peter garantierte alle unter schwedischer Herrschaft eingeräumten Freiheiten beizubehalten, er versprach die freie Ausübung der Lutheranischen Religion, stellte weitere Privilegien in Aussicht und sicherte den früheren Eignern die Überstellung ihrer entzogenen Besitztümer wieder zu.[57] Durch diese Maßnahmen machte Peter eine schnelle Eingliederung und den rapiden Wiederaufbau der eroberten Gebiete möglich.
4.4 Die Skrupellosigkeit Peters:
In der Nennung von Peters Fähigkeiten und Eigenschaften, die die Umgestaltung der Armee in solch kurzer Zeit, die militärischen Erfolge und schließlich den Gewinn des Großen Nordischen Krieges mit möglich machten, darf auch Peters Skrupellosigkeit gegenüber seinem Volk und anderer Machthaber nicht außer Acht gelassen werden. Peters Entschlossenheit alles für die Realisierung seiner Pläne zu tun, wurde gerade während des Großen Nordischen Krieges sichtbar. Seine Skrupellosigkeit verhilft ihm während des Krieges immer wieder seine Ausgangsituation zu verbessern und darf daher als Faktor, der für den Ausgang des Krieges als mitentscheidend bezeichnet werden kann, nicht unerwähnt gelassen werden. Die gerade benannte Skrupellosigkeit wird schon zu Beginn des Krieges deutlich, als Peter dem Botschafter Schwedens persönlich versicherte, dass kein Krieg zwischen Schweden und Russland zu fürchten sei, zu einer Zeit zu der die Bündnisse für eben diesen Krieg schon geschlossen und russische Vorbereitungen bereits angelaufen waren.[58]
Durch diese Lüge erkaufte sich Peter Zeit und verhinderte die Entstehung eines Zweifrontenkrieges. Weiterhin hielt sich Peter mit der Beteuerung seiner friedlichen Absichten gegenüber Schweden eine Rückzugsoption offen. Am besten jedoch ist Peters Skrupellosigkeit an seinem Verhalten gegenüber Polen und im Speziellen August II. zu illustrieren. Das Anrecht Augusts auf Livland, das in den Bündnisverhandlungen mit Polen vor Ausbruch des Krieges von Peter zugesichert worden war, bestätigte dieser bis nach der Schlacht von Poltava. So lange Peter noch auf Augusts Hilfe angewiesen war und ihm an der Weiterführung des Krieges in Polen lag, erhielt dieser die Fiktion aufrecht, dass das eroberte Livland an Polen abgegeben werden würde.
Nach Poltava jedoch, auf dem Höhepunkt seiner Macht, mit einem verwüsteten Polen und militärisch schwachen August II., offenbarte er seinem ehemaligen Bündnispartner, dass er keinerlei Absichten hatte seine baltischen Eroberungen abzutreten.[59] In den Friedensverhandlungen von 1718 mit Schweden war Peter I. sogar bereit für Livland, Estland und Ingermansland die Unterstützung Augusts II. als polnischen König völlig aufzugeben und das Vorgehen Schwedens gegen das ehemalig mit Russland verbündete Dänemark in Norwegen zu unterstützen.[60] Auch kann hier auf die russischen Streifkorps verwiesen werden, die seit 1719 von Peter den Befehl erhielten, die schwedische Küste so stark wie möglich zu malträtieren und zu verwüsten um die Schweden zum Frieden zu zwingen.[61] Peter I. nutzte jede Möglichkeit, die sich ihm bot um seine Situation zu verbessern und verschaffte sich, indem er zum Beispiel August II benutzte und Polen als Kriegsschauplatz missbrauchte, Vorteile, die letztlich auch dazu beitrugen den Krieg gegen Schweden erfolgreich beenden zu können.
4.5 Glückliche Umstände und unbeeinflussbare Ereignisse:
Die Vielzahl der angegebenen Entwicklungen unter Peter, seine Fähigkeiten als Diplomat und Stratege und das Aufzeigen von Karls Fehlverhalten in den gerade benannten Bereichen sind alles Teile, die deutlich erkennen lassen wie die schwedische Niederlage in Poltava möglich war. Das letzte Teil dieses Puzzles jedoch muss der Vollständigkeit wegen noch hinzugefügt werden.
Bisher wurde der Fokus auf Bereiche gelegt, die entweder von Peter I oder von Karl XII. direkt beeinflusst wurden. Es gab jedoch auch Ereignisse, die unbeeinflussbar waren und deren Bedeutung für den Ausgang des Krieges nicht bestritten werden können. So konnte Peters Kampagne im Baltikum nur deshalb so schnell und so erfolgreich beendet werden, da die Pest in Kurland, Livland, Estland und den schwedischen Städten an der Ostsee wütete und die Verteidigungskraft dieser Gebiete enorm verringerte.
In welchem Maß dies der Fall war, kann anhand der Stadtbevölkerung Revals vor und nach Ausbruch der Pest illustriert werden: „Von den insgesamt 5122 Einwohnern der Innenstadt des Jahres 1708 waren im Oktober 1711 nur noch 1732 am Leben.“[62] Vallotton spricht sogar von einer „günstigen Wendung“[63] des Nordischen Krieges aus russischer Perspektive durch die Pest. Doch die schwedische Kampfkraft wurde durch ein weiteres nicht zu beeinflussendes Ereignis geschwächt. Das Heer Karls, welches seid dem Frühjahr 1709 Poltava belagerte, musste im Winter zuvor, schon unter Versorgungsschwierigkeiten und somit Lebensmittel- und Materialknappheit leidend, einen der „fiercest winters of the century“[64] überstehen, bei dem mehrere tausend schwedische Soldaten der Kälte zum Opfer fielen. Dieser Winter verringerte die Stärke der Armee Karls beträchtlich, setzte aber auch die Moral der Truppen herab.[65] Der Vorteil, der sich aus dieser Schwächung der Armee Karls für die Russen ergab, die kurz danach die Hauptschlacht suchten, ist klar ersichtlich. Weiterhin darf auch nicht vergessen werden, dass das schwedische Heer beim Sturm auf Poltava ohne seinen charismatischen Anführer auskommen musste, da diesen eine Verletzung am Fuß, die er sich beim Erspähen der russischen Stellungen am Tag zuvor zugezogen hatte, davon abhielt sein Heer selbst in den Kampf zu führen. Auch diese Entwicklung war der Moral von Karls Heer mit Sicherheit nicht zuträglich, das seinen Führer, aufgrund von furchtlosem Verhalten in früheren Schlachten, für unverwundbar hielt.[66] Die Kombination dieser, aus schwedischer Sicht, unglücklichen Verkettung von Ereignissen vor der Schlacht von Poltava soll hier als letzter Punkt für die Niederlage der Schweden angeführt werden.
5. Schluss:
In dieser Arbeit wurde versucht zu zeigen, dass es vielerlei Faktoren möglich machten, dass die Russen aus dem Großen Nordischen Krieg als Gewinner hervorgingen. Ein zentraler Teil hierbei nimmt mit Sicherheit Peter der Große ein, auf dessen Reformleistung in Bezug auf das Heer detailliert eingegangen wurde. Sein bedingungsloses Vorgehen gegen die ländliche sowie städtische Bevölkerung und den Adel bei dieser Umgestaltung wurde thematisiert, wie auch die Probleme und Lösungsversuche Peters bei der Rekrutierung russischer und ausländischer Soldaten.
Weiterhin konnte gezeigt werden, dass sich Peter I. durch mehrere kluge Entscheidungen in strategischer aber vor allem diplomatischer Hinsicht von seinem schwedischen Gegenspieler unterschied und sich so immer wieder Vorteile verschaffte oder seinen Gegner vor Probleme stellte. Wie seine Skrupellosigkeit ihm hierbei oft dienlich war, wurde auch illustriert. Zusammenfassend lässt sich mit Blick auf die Veränderungen im Militärwesen und den Wechsel der Oberhand von Schweden auf Russland sagen, dass dieser untrennbar mit Peters Fähigkeiten und seinem Reformwesen zu tun hatte. Nichts desto trotz wurde darauf wert gelegt, auch andere Faktoren zu benennen, die diesen Großmachtwechsel in den ersten 20 Jahren des 17. Jahrhunderts erklären können. Dieser Bereich konzentrierte sich hauptsächlich auf taktische Fehler Karls, wie auch auf Entwicklungen und Ereignisse, die der Kontrolle der beiden Monarchen entzogen waren. Letztlich kann aber festgestellt werden, dass der Große Nordische Krieg hauptsächlich durch den Charakter zweier Monarchen bestimmt wurde – Karl XII. von Schweden, vom Krieg besessen, der von seiner Einsetzung bis zu seinem Tode nur mit der Bekämpfung seiner Gegner beschäftigt war und Schweden in seiner ganzen Regierungszeit keinen Frieden gönnte und Peter I., der alles dafür tat, sein Land zu modernisieren und nicht vor Verrat an anderen Monarchen oder der Versklavung seines Volkes für die Umsetzung seiner Ideale zurückschreckte. Es waren diese Herrscher, die den Ausgang des Großen Nordischen Krieges hauptsächlich bestimmten und die somit für die Einreihung Russlands in die Liste der europäischen Großmächte und das Abrutschen Schwedens in eine Nebenrolle auf der europäischen Bühne verantwortlich waren.
Bibliographie:
Quellenbände:
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Sekundärliteratur:
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Zernack, K. (Hg.): Handbuch der Geschichte Russlands. Band 2: 1613-1856: Vom Randstaat zur Hegemonialmacht. Stuttgart, Hiersemann, 1986.
[1] Vallotton, Henry. Peter der Grosse. 2. Aufl., München, Callwey, 1978, 232.
[2] Frost, Robert I. The Northern Wars: War, State and Society in Northeastern Europe, 1558-1721. Harlow, Longman, 2000, 226-227.
[3] Stökl, Günther. Russische Geschichte: Von den Anfängen bis zur Gegenwart. 4. erw. Aufl., Stuttgart, Kröner, 1983, 343.
[4] Zernack, K. (Hg.): Handbuch der Geschichte Russlands. Band 2: 1613-1856: Vom Randstaat zur Hegemonialmacht. Stuttgart, Hiersemann, 1986, 249.
[5] Frost, The Northern Wars, 227.
[6] Frost, The Northern Wars, 228.
[7] Zernack, Handbuch der Geschichte Russlands, 258.
[8] Zernack, Handbuch der Geschichte Russlands, 260.
[9] Zernack, Handbuch der Geschichte Russlands, 261.
[10] ibid.
[11] Stökl, Russische Geschichte, 351.
[12] ständepolitischer Sprecher der Ritterschaften Vgl. Zernack, Handbuch der Geschichte Russlands, 254.
[13] Stökl, Russische Geschichte, 352.
[14] Vgl. hierzu Bushkovitch, Paul. Peter the Great: The Struggle for Power, 1671-1725. Cambridge, Cambridge UP, 2001, 243. ; Frost, The Northern Wars, 243. ; Stökl, Russische Geschichte, 352.
[15] Zernack, Handbuch der Geschichte Russlands, 268–269.
[16] 1705 flossen 95% des Staatshaushaltes in die Kriegsausgaben; Vgl. hierzu Zernack, Handbuch der Geschichte Russlands, 269.
[17] Gitermann, Valentin. Geschichte Russlands. Zweiter Band. Nachdruck der dreibändigen Ausgabe von 1944, 1945 und 1949, Frankfurt a. M., Olten, Wien, 1987, 421.
[18] Voltaire. Lion of the North, Charles XII of Sweden. In: Frost, The Northern Wars, 231.
[19] Gitermann, Geschichte Russlands, 413.
[20] Frost, The Northern Wars, 235.
[21] ibid.
[22] Vernadsky, George. A source book for Russian history from the early times to 1917: Vol. 2: Peter the Great to Nicholas I., New Haven and London, Yale UP, 1992, 332.
[23] Vernadsky, A source book for Russian history from the early times to 1917, 333-334.
[24] Frost, The Northern Wars, 233.
[25] Vernadsky, A source book for Russian history from the early times to 1917, 328.
[26] ibid.
[27] Frost, The Northern Wars, 230-40.
[28] Vernadsky, A source book for Russian history from the early times to 1917, 318.
[29] Vernadsky, A source book for Russian history from the early times to 1917, 348.
[30] Vernadsky, A source book for Russian history from the early times to 1917, 361-362.
[31] Vernadsky, A source book for Russian history from the early times to 1917, 350.
[32] Vgl. Frost, The Northern Wars, 242.
[33] Frost, The Northern Wars, 235.
[34] Vernadsky, A source book for Russian history from the early times to 1917, 329.
[35] Vernadsky, A source book for Russian history from the early times to 1917, 329.
[36] Wittram, Reinhard. Peter I., Czar und Kaiser: Zur Geschichte Peters des Großen in seiner Zeit. Erster Band, Göttingen, Vandenhoeck& Ruprecht, 1964, 129.
[37] Vernadsky, A source book for Russian history from the early times to 1917, 328.
[38] Vernadsky, A source book for Russian history from the early times to 1917, 329.
[39] Wittram, Peter I., Czar und Kaiser, 129.
[40] Wittram, Peter I., Czar und Kaiser, 141.
[41] Frost, The Northern Wars, 239.
[42] Frost, The Northern Wars, 241.
[43] Frost, The Northern Wars, 231.
[44] Frost, The Northern Wars, 286.
[45] Vgl. Frost, The Northern Wars, 287.
[46] Zernack, Handbuch der Geschichte Russlands, 273.
[47] Frost, The Northern Wars, 288.
[48] Zernack, Handbuch der Geschichte Russlands, 269.
[49] Frost, The Northern Wars, 263.
[50] Frost, The Northern Wars, 265.
[51] Zernack, Handbuch der Geschichte Russlands, 270.
[52] Frost, The Northern Wars, 283.
[53] Zernack, Handbuch der Geschichte Russlands, 279.
[54] Vallotton, Peter der Grosse, 221.
[55] Zernack, Handbuch der Geschichte Russlands, 254.
[56] Zernack, Handbuch der Geschichte Russlands, 275.
[57] Vernadsky, A source book for Russian history from the early times to 1917, 334.
[58] Bushkovitch, Peter the Great, 224.
[59] Frost, The Northern Wars, 269.
[60] Zernack, Handbuch der Geschichte Russlands, 287.
[61] Stökl, Russische Geschichte, 362.
[62] Hartmann, Stefan. Reval im Nordischen Krieg. Band 1, Bonn-Godesberg, Wissenschaftl. Archiv, 1973, 84.
[63] Vallotton, Peter der Grosse, 218.
[64] Frost, The Northern Wars, 288.
[65] ibid.
[66] Frost, The Northern Wars, 289.
Arbeit zitieren:
Christian Weckenmann, 2005, Der Weg zum Sieg in Poltava, München, GRIN Verlag GmbH
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