Leib und Körper
Da Körper den durch Gesellschaft bearbeiteten meint, ist es hilfreich, den unbearbeiteten Körper davon zu unterscheiden. Der unbearbeitete Körper, der sich noch in der Einheit mit der Umwelt befindet, wird in der vorliegenden Arbeit als Leib bezeichnet. 1 Der Körper ist das Ergebnis der Naturbeherrschung des Menschen an sich selbst. 2 Diese Unterscheidung von Körper und Leib entspricht der Definition Rudolf zur Lippes. 3 Im Mittelalter gibt es nach Lippe noch eine sinnliche Verschränkung der Menschen untereinander und der Natur. 4 Erst in der Renaissance wurde der Leib in immer stärkerem Maße zum Leib erzogen 5 , wobei die Institutionen, die diese Bearbeitung ermöglichten bereits, vor diesem Zeitpunkt entstanden. Die Maschinisierung des Leibes als Körper, wirkt bis in die Struktur des entstehenden Körpers, da die Struktur des Körpers seit dem Aufkommen der modernen Naturwissenschaft dem Aufbau einer biologischen Maschine gleicht. Als Maschine wird - nach der Bestimmung von Franz Reuleux - eine "Kombination resistenter Teile, deren jeder eine spezielle Funktion hat [...] 6 ", verstanden. Die neuzeitliche Medizin, die optische Geräte vermehrt einsetzt, zerteilt den Körper in eine Vielzahl von einzelnen Organen auf. 7 Bereits die ersten Untersuchungen von Organen trennten den Zusammenhang von Körper und Umwelt auf, da nicht mehr der lebende, sondern der tote Organismus, der nicht mehr in einer Verbindung zur Umwelt steht, in den Blick genommen wird. 8 Zugleich wird der innere Zusammenhang der Organe aufgelöst, die jetzt jeweils für sich untersucht werden. Der Körper erscheint als eine komplizierte biologische Maschine. 9 Der Körper scheint aus einer Vielzahl von einzelnen Organen konstruiert zu
1 Vgl. dazu: Kurt Bayertz, "GenEthik - Probleme der Technisierung menschlicher Fortpflanzung", Rowohlt, Hamburg, 1987, S. 190 - 206
2 Vgl. Rudolf zur Lippe, "Vom Leib zum Körper Naturbeherrschung am Menschen in der Renaissance", Rowohlt, Hamburg, 1988, S. 17-23
3 Vgl. ebenda, S. 11-17. Anm.: Leib verweist etymologisch auf Leben und deutet damit auf die innige Beziehung des Menschen zu seiner Umwelt und zur Gemeinschaft hin, während Körper, im Englischen zu corps (Leiche) wurde und auf das Tote verweist. Siehe dazu: Ebd.
4 Vgl. Lippe, "Leib", a.a.O., S. 17-23 und vgl. dazu: Michael Wolf, "Der Körper - Die Körper", in: Dietmar Kamper, Christoph Wulf (Hg.), "Der andere Körper", Mensch und Leben, Berlin, 1984, S. 49 f. und S. 52 ff.
5 Vgl. Lippe, "Leib", a.a.O., S. 17-23
6 Franz Reuleux zitiert aus: Lewis Mumford, "Mythos der Maschine - Kultur, Technik und Macht", Fischer, Frankfurt a.M., 1980, S. 222
7 Vgl. Berr, Marie-Anne: „Technik und Körper“, Reimer, Berlin, 1990, S. 19 f.
8 Vgl. Ebd. S. 22
9 vgl. Julien Offray de La Mettrie, "Der Mensch eine Maschine", in: Klaus Völker, "Künstliche Menschen", Suhrkamp, Frankfurt a.M., 1994, S. 87 ff.. und vgl. Rudolf zur Lippe, "Der Sinn der Sinne >> der Körper ei- ne Fiktion <<", in: Dietmar Kamper, Christoph Wulf (Hg.),"Das Schwinden der Sinne" Suhrkamp, Frankfurt
sein. Mit der Zergliederung des Leibes wird dieser entmystifiziert. Das Herz, das bis zu diesem Zeitpunkt als Sitz der Seele angesehen wurde, wird zum bloßen Muskel, der die Funktion einer Pumpe ausübt. Auch das Skelett ist nach eindeutig klassifizierbaren mechanischen Gesetzen aufgebaut. In der Anatomie zeigt sich am deutlichsten, dass zur Beschreibung des Körpers, Gesetze, die der mechanischen Umwelt entnommen wurden, verwendet werden. Da der Körper wie eine Maschine aufgebaut ist, indem er sich aus vielen einzelnen Teilen zusammensetzt, muss man ihn wie eine Maschine warten und pflegen. Fehlerhafte Haltungen und Behinderungen werden korrigiert oder ausgeglichen. Dies ist das Aufgabengebiet der Orthopädie und der Prothetik.
Da die Funktionsabläufe des Körpers analog zu maschinellen Vorgängen gesehen wurden, ist es nicht verwunderlich, dass die ersten Prothesen von Maschinentechnikern entwickelt wurden. Zwar waren bereits in der Antike Prothesen bekannt, doch wurden erst im Laufe des Mittelalters funktionsfähige Prothesen entworfen. Die bekanntesten Prothesen der Neuzeit sind sicherlich die des Götz von Berlichingen. Die eiserne Hand dieses Ritters konnte mit Hilfe von Druckknöpfen festgestellt werden, so dass eine - wenn auch geringe - Funktionsfähigkeit des fehlenden Körperorgans wiederhergestellt war. Mit der Prothese wird eine mechanische Vorrichtung als Teil des organischen Körpers entworfen. Der organische Körper wird mittels mechanischer Vorrichtungen und medizinischer Erkenntnisse, die auf mechanischen Gesetzen basieren, dementsprechend versorgt, dass eine fast vollständige Wiederherstellung der ehemaligen Leistungsfähigkeit möglich ist. Diese Reparatur der Maschine "Körper" findet jedoch nicht nur äußerlich statt, sondern es werden auch innere Organe durch künstliche ersetzt. Man denke an das Kunstherz und die Überlegungen, Computer-Chips direkt in das Gehirn zu verpflanzen. Es verschwindet in diesem Chiasmus von Mensch und Maschine die Grenze zwischen Innen und Außen, da man jetzt nicht mehr unterscheiden kann, ob die Maschine oder der Körper außen und damit Umwelt ist. Wie sich die beiden Bereiche der mechanischen und der organischen Sphäre überschneiden, wird in der Transplantationsmedizin am deutlichsten. Bei Nierenversagen wird der Patient zuerst an eine künstliche Niere angeschlossen, der organische Körper erhält ein künstliches Ersatzteil, das - wenn es möglich ist - durch ein organisches Ersatzteil ersetzt wird.
a.M., 1984, S. 305 f., S. 308 und siehe z.B. Adolf Faller, "Der Körper des Menschen", Thieme, Stuttgart,
1978
Die Ergebnisse des Maschinisierungsprozesses des organischen Körpers und der Organe wirkten auf die den Körper umgebende Umwelt zurück. Die Maschinenlogik, die im Körper "entdeckt" wurde, wird jetzt in die Umwelt, z.B. in die Fabrik, rückübertragen. Mittels der gewonnen Erkenntnisse über den Aufbau des Körpers, ist es möglich, Körperfunktionen besser nachzubilden und gleichzeitig die Energieverschwendung, die durch den Einsatz des ganzen Körpers stattfindet, zu verringern. Bei der Fabrikarbeit treten nun zwei Probleme auf, zum einen ist der Unterschied der einzelnen Menschen noch dermaßen groß, dass es zu Reibungsverlusten beim Anpassungsprozeß kommt; Taylor löste dieses Problem, indem er die passenden Menschen an die entsprechenden Maschinen platzierte.
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Das zweite Problem ist, dass bei der Einbindung des Menschen an eine technische Maschine zuviel überflüssige "Biomasse" mit eingesetzt wird. Bei der Anpassung des Menschen an die Maschine wird nicht nur der Arm, der den Hebel bedient oder die Schraube festzieht, sondern der ganze Körper eingesetzt. Somit werden nicht alle Ressourcen optimal genutzt. So war es das Interesse Henry Fords, den Einsatz menschlicher Arbeitsleistung am Fließband auf ein Minimum zu reduzieren.
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Mit der Minimierung der Arbeitsleistung geht eine Entqualifizierung der Tätigkeit einher. Der einzelne Arbeitsschritt muss nicht mehr lange erlernt werden, sondern man kann unqualifizierte und damit billigere Arbeitskräfte für diese Arbeit einsetzen, da die Arbeitskräfte nur noch eine Bewegung ausüben müssen. Der Körper des Arbeiters wird zum Teil der Maschine, da er lediglich eine Funktion übernimmt, die die technische Vorrichtung nicht selbst ausführen kann.
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Der Arbeiter besteht nur noch aus seinem Arm, der einen bestimmten Hebel zieht. Der Körper des Arbeiters wird in seine Einzelteile zerteilt, von denen lediglich ein bestimmtes von Interesse ist. Das Problem ist, dass alle übrigen Teile mit in den Produktionsprozess hineingenommen werden müssen, obwohl sie unproduktiv sind. Daher zeigt sich bereits in frühen Phasen von arbeitsteiligen Produktionsprozessen eine Tendenz zur Herausdrängung des biologischen Körpers aus der technischen Maschine. Ist bereits die Anbindung des Körpers an die Maschine Ressourcenverschwendung und ist zudem die Belastbarkeit des Körpers nicht annähernd so hoch, wie die der Maschine, so erweist sich der Mensch auch noch als unberechenbarer und anfälliger Störfaktor. Diese Unwirtschaftlichkeit des Körpers führt zu dem Ergebnis, dass der Unsicherheitsfaktur "menschlicher Körper" kalkulierbar ge-
10 Vgl.Berr, "Technik", a.a.O., S. 60 f.
11 Vgl. Ebd., S. 53 ff.
12 Siehe dazu: Joachim Israel, "Der Begriff Entfremdung - Zur Verdinglichung des Menschen in der bürokrati- schen Gesellschaft", Rowohlt, Hamburg, 1985, S. 60 - 66
Arbeit zitieren:
2008, Elemente einer Soziologie des Schmerzes, München, GRIN Verlag GmbH
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