In seinem Werk ‚Der totale Krieg’ (Erstausgabe 1934) stellt Erich Ludendorff seine Wahrnehmung und Vorstellungen des Krieges dar, der seiner Meinung nach künftig in allen Belangen total sein wird. Aufgrund der politischen und geistigen Nähe zu den Nationalsozialisten stimmten seine Thesen über den totalen Krieg in wesentlichen Punkten mit Hitlers Vorstellungen über die Kriegführung überein. Tatsächlich wurden viele von Ludendorff geforderte Elemente im zweiten Weltkrieg verwirklicht. Der erste Weltkrieg, bei dessen Planung und Durchführung Ludendorff eine Schlüsselrolle einnahm, stellte für ihn eine Zäsur der Kriegsgeschichte dar: „Der totale Krieg […] war geboren.“ 1 Es soll anhand einiger Schlüsselelemente des ‚totalen Kriegs’ gezeigt werden, wie Ludendorffs Erfahrungen im ersten Weltkrieg seine Theorie und Vorstellung vom Krieg beeinflusst und geprägt haben. Dies sind namentlich die Kriegswirtschaft, die seelische Geschlossenheit des Volkes und die Rolle des Feldherren im totalen Krieg.
Erich Ludendorffs Teilnahme am Ersten Weltkrieg kann in zwei Phasen eingeteilt werden. In den ersten beiden Kriegsjahren war er als Generalstabschef der 8. Armee im Osten aktiv und machte insbesondere mit den Siegen bei Tannenberg und an den Masurischen Seen auf sich aufmerksam. Nach internen Kämpfen und langem Wider-stand durch den Kaiser wurde General Erich von Falkenhayn am 29. August 1916 als Chef der Obersten Heeresleitung (OHL) von Paul v. Hindenburg und Erich Luden-dorff abgelöst. 2 In der ersten Phase wirkte Ludendorff eher operativ und musste im Rahmen der ihm gegebenen Möglichkeiten agieren. Fehler der OHL und Missstände beim Militär und in der Wirtschaft konnte er aus nächster Nähe beobachten. In der zweiten Phase war Ludendorff bis zu seiner Entlassung am 26. Oktober 1918 jedoch in der Position, Fehlentwicklungen nach seinen Vorstellungen entgegenzuwirken und der deutschen Kriegführung seinen Stempel aufzudrücken, sprich: Einige Kernelemente des ‚totalen Krieges’ zu verwirklichen.
Ludendorff bemerkte recht früh, dass das Deutsche Reich für einen längeren Krieg nicht bereit war: „Auf den Weltkrieg 1914 war Deutschland wirtschaftlich und finanziell nicht vorbereitet.“ 3 So war der General im Osten gezwungen, „den Pferden Holzmehl in das Futter mischen zu lassen, damit sie wenigstens den Magen füllen konn- 1 Ludendorff,Erich: Der totale Krieg, München 1936, S. 5.
2 Vgl. Kitchen, Martin: The Silent Dictatorship. The politics of the German High Command under Hindenburg and Ludendorff, 1916-1918, London 1976, S. 26ff.
3 Ludendorff, Erich: a.a.O., S. 30. 1 1
konnten.“ 4 Mit dem so genannten Hindenburg-Programm stellte der General die deutsche Wirtschaft ab 1916 auf die Erfordernisse des Kriegs ein, um den Krieg überhaupt fortsetzen zu können. 5
Aus diesen Erfahrungen folgert Ludendorf in ‚Der totale Krieg’, dass sich das Reich bereits in Friedenszeiten auf einen kommenden Krieg vorzubereiten habe. Luden-dorff sah, dass Deutschland schnell seines Zugangs zum Meer beraubt und vom Welthandel abgeschnitten werden kann. Darum mache der Mangel an eigenen Rohstoffen es erforderlich, schon vor dem Krieg ausreichende Bestände an Metallen, Treibstoffen und Nahrung anzulegen. Im Krieg habe das Reich durch Eroberung von Ölfeldern die Versorgung mit Treibstoffen zu sichern. Ferner war ein großer Mangel an Waffen, Uniformen und insbesondere Munition festzustellen. Ludendorff fordert deshalb, dass sich Industrien, die bisher kein Kriegsgerät hergestellt haben, in den Dienst der Kriegsindustrie zu stellen haben. 6 Die Wirtschaft habe alle Anstrengungen zu unternehmen, um eine bestmögliche Versorgung des Militärs zu gewährleisten. Dabei sei der Bedarf des Volkes jedoch nicht zu vernachlässigen, um keine Unzufriedenheit aufkommen zu lassen.
Die materiellen Schwierigkeiten kommen für Ludendorff als Erklärung für seine Niederlagen im späteren Kriegsverlauf jedoch nicht in Betracht. Ein wichtiges Motiv in seinem Denken ist die so genannte ‚Dolchstoßlegende’, nach der das im Felde unbesiegte Heer aus dem Heimatland von oppositionellen Zivilisten im metaphorischen Sinne einen Dolchstoß in den Rücken erhalten habe. Der General erklärte sein Scheitern im Weltkrieg hauptsächlich mit dem Wirken der Sozialdemokratie und ‚überstaatlicher Kräfte’, in seinen Augen Juden, Katholiken und Freimaurer. 7 Hier greift die Vorstellung Ludendorffs, die Wehrmacht wurzele im Volke: Die Wehrmacht gehe aus dem Volk hervor und bedürfe deren Unterstützung. Falle diese Unterstützung weg, müsse das Heer scheitern. Diese Erfahrung veranlasst Ludendorff zu der Schlussfolgerung, dass die oberste Aufgabe einer totalen Politik die Wahrung der Geschlossenheit des Volkes sei. Als angemessene Maßnahmen nennt Ludendorf unter anderem die
„schärfste Zensur der Presse, verschärfte Gesetze gegen Verrat militärischer Geheimnisse, Sperrung des Grenzverkehrs gegen neutrale Staaten, Versammlungsverbote,
4 Ebd., S. 37.
5 Vgl. Haffner, Sebastian / Venohr, Wolfgang: Preussische Profile, Königstein 1980, S. 283 f.
6 Vgl. Ludendorff, Erich: a.a.O., S. 43.
7 Vgl. Ebd., S. 12. 2 2
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Malte Turski, 2008, Der Einfluss des Ersten Weltkriegs auf den totalen Krieg bei Erich Ludendorff, München, GRIN Verlag GmbH
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