1. Einleitung
Diese literaturwissenschaftliche und fachdidaktisch-pädagogische Analyse unterscheidet sich von vielen anderen. Zu E.T.A. Hoffmann ist viel geschrieben und gesagt worden. So liest
1 oder öfters etwas von einem Gespensterman, Hoffmanns Welt sei „chamäleonartig“
Hoffmann. Dem hier zu Grunde liegenden literatur- und kulturwissenschaftlichen Verständnis entsprechen solche Plattitüden nicht. Vielmehr wird von einer hohen Theoriegeleitetheit der Literatur ausgegangen. Das bedeutet konkret, dass der literarische Text von außerliterarischen
2 Dabei leitet den Autor die Kontexten vornehmlich wissenschaftlicher Art beeinflusst wurde.
Überzeugung, dass sich dieses kulturwissenschaftliche Verständnis mittelfristig als neues Paradigma der Literatur- und Kulturwissenschaften durchsetzen wird. Dies erfordert dann auch beispielsweise ein Umdenken im Deutsch-Unterricht. Um den Lehrkräften eine handhabbare Vorgehensweise in diesem Sinne zu ermöglichen, wurde die vorliegende literaturwissenschaftliche und fachdidaktische Analyse zu Hoffmanns „Der goldne Topf“ verfasst. Sie soll den Lehrer/innen eine wissenschaftliche Anleitung bei gleichzeitigem Aufzeigen von fachdidaktischen Reduktionen sein.
E.T.A. Hoffmanns literarische Produktion umfasste die dreizehnjährige Zeitspanne von 1809 bis 1822. Trotz dieser Kürze findet man Versuche, sein Werk nach chronologischen Gesichtspunkten zu unterteilen, vorzugsweise in ein Früh-, mittleres und Spätwerk. In dieser Struktur würde „Der goldne Topf“ unter das Frühwerk Hoffmanns (1809-1817) fallen. Diese erste schriftstellerische Produktion beschäftigt sich vornehmlich mit sexualmedizinischpsychologischen (vor allem: Mesmerismus und Magnetismus als die die damalige Zeit beherrschenden Themen), christlich-religiösen, medizinisch-juristischen,
kognitionstheoretischen sowie kunstreflexiv-ästhetischen Themengebieten. Wie ersichtlich, ist zu einer literaturwissenschaftlichen Tätigkeit neben einem sorgfältigen Primärquellenstudium die Analyse der zeitgenössischen physiologisch-psychologischen, juristischen, erkenntnistheoretischen und ästhetisch-philosophischen Diskurse erforderlich. Ergänzt werden diese Überlegungen durch die Einbeziehung von Fragen über die Programmatik der Spätromantik und die Form des analysierten Werks sowie deren Einfluss auf den Inhalt.
Die Analyse von E.T.A. Hoffmanns Erzählung „Der goldne Topf“ (1814) will textimmanente Komponenten mit kontextanalytischen Teilen verbinden. Die textimmanente Analyse umfasst
1 Susanne Gröble, Lehrpraktische Analyse zu E.T.A. Hoffmann: Der goldne Topf. Stuttgart 1994, S. 16.
2 Vgl. hierzu Stefan Schweizer, Wissenschaft(en) der Kultur - Perspektiven der Literaturwissenschaft. In: Kulturpoetik (2006) (1).
2
konventionelle erzähltextanalytische Fragen wie v.a. diejenigen nach der Gattung, den Erzählsituationen, aber auch der Figurenanlage und Figurenkonstellation. Die rein textimmanent verfahrende Analyse sollte, um den wünschenswerten Analyseertrag zu erbringen, durch eine Kontext-Analyse ergänzt werden, welche um den Themenbereich des Ästhetik-Diskurses der Romantik kreist. Ein innovativer Aspekt der Analyse liegt demnach darin, dass dezidiert und en detail ein wesentliches Element des Kontextes der Hoffmann-Erzählung in die Analyse einbezogen wird. Der angesprochene Kontext besteht aus verschiedenen philosophischen Ansätzen der Ästhetik, welche Hoffmann nachweislich bekannt war und ihm in schriftlicher Form vorgelegen hat.
Die moderne Literaturwissenschaft und Kulturwissenschaft thematisiert die Beeinflussung literarischer Texte durch kontextuelle Bezüge, in unserem Fall den ästhetischen Diskurs. Zur Frage der Diskurse gehört folglich die Frage nach der Text-Kontext-Unterscheidung, welche heute als zentraler Punkt der kulturwissenschaftlichen Debatte gilt. Zur Gewinn bringenden Analyse literarischer Texte reicht eine textimmanent verfahrende Lektüre nicht aus. Bei zeitlich weit zurückliegenden Texten wird eine Einbeziehung literarische Texte beeinflussender Kontexte erforderlich. Ziel einer ambitionierten, wissenschaftstheoretisch anspruchsvollen und wissenschaftlich verfahrenden Literaturwissenschaft sollte die Fokussierung vertexteter Kontexte sein. So wird der Philologe zum Wissenschaftshistoriker und Wissenschaftstheoretiker, innerhalb des in Bewegung geratenen disziplinären Institutionengefüges eine privilegierte Position. Literaturgeschichte und Wissenschaftsgeschichte, Poesie und Wissen sollten einander annähern.
Kulturwissenschaftlich inspirierte Literaturwissenschaft könnte eine der Philologie verpflichtete Literaturwissenschaft bedeuten, »die methodisch kontrolliert auf externe Wissenskontexte ausgreift und eine vorsichtige Erweiterung ihres traditionellen Textkorpus
3 Damit ist ein historischer und quellenorientierter Ansatz erforderlich, der eine anstrebt«.
Schließung der zeitgenössischen Sinnlücken als Frage-Antwort-Rekonstruktion vornimmt. Der Ort dieses Ansatzes ist das Archiv, die Vorgehensweise hermeneutisch. Das Ziel ist nicht die große Erzählung, sondern eine wissenschaftstheoretischen Anforderungen entsprechende und wissenschaftshistorische Konstellationen berücksichtigende historisch-kontextuelle Rekonstruktion mittlerer Reichweite.
3 Danneberg, Lutz: Vorwort In: Scientia Poetica 8 (2004). S. VII-IX. Hier S. VII.
3
2. Gattungsunterscheidungen zwischen Volksmärchen, Mythos und Kunstmärchen
Die Frage nach der Gattung des „Goldnen Topfes“ ist nie abschließend und zufriedenstellend beantwortet worden. Ernsthafte Argumentationen behelfen sich mit einem „sowohl als auch“, was sich auf Märchen, Kunstmärchen, Novellen und sogar Romane erstreckt. Unstrittig ist dabei, dass Märchen und Kunstmärchen ein wichtiges Element im Hoffmannschen Werk darstellen. Kinder suchen beim Heranwachsen Ordnung in ihrem sich kompliziert darstellenden Inneren und Äußeren zu schaffen und ihrem Leben einen Sinn zu geben und
4 Entscheidende Funktion der Märchen ist dabei den diesen „Sinn finden sie im Märchen.“
Kindern, auf vorbewusster, unbewusster oder bewusster Ebene Botschaften zu vermitteln, welche von unmittelbaren menschlichen Nöten und Konflikten handeln. Auch sollten die Märchen Ernsthaftigkeit im Umgang mit diesen existentiellen Ängsten an den Tag legen und gerade deshalb - oder aber vielleicht auch dennoch - gilt: Die im Märchen auftauchenden erwähnten Problembereiche werden immer einer für das Kind positiv erscheinenden Lösung
5 Nach Bruno Bettelheim kann das Märchen nur deshalb eine so große zugeführt.
psychologische Wirkung auf das Kind ausüben, weil es ein Kunstwerk - und eng damit
6 verbunden - Fiktion ist. Fiktion, die erzählt, kann neue Lebensräume und
Lebensentwicklungen eröffnen, die sowohl in der psychologischen Verfasstheit als auch im extremeren Fall bei der physischen Tat der Rezipienten reale Auswirkungen besitzen können. Andere Erzähltextgattungen weisen märchenähnliche Strukturen auf, haben aber nach Bettelheim nicht die gleichen psychologischen Wirkungsmöglichkeiten wie diese. Um diese Hypothese nachvollziehen zu können, soll im folgenden ein kurzer Vergleich zwischen Märchen und Mythos und Märchen und Kunstmärchen angestellt werden.
2.1 Volksmärchen und Mythos
Zeitlich geht der Mythos dem Märchen voraus und es ist denkbar, dass Mythos und Märchen einst als „verbundene Gattungen eine Art friedlicher Koexistenz“ geführt haben. Der Mythos wird als Versuch früher Kulturstufen gesehen, „Fragen des Ursprungs der Welt [...], ihres Endes [...], der Entstehung der Götter [...], der Menschen [...] und bestimmter Naturphänomene [...] in Bildern, durch Personifikationen [...] oder mehr oder weniger
4 Bettelheim, B., Kinder brauchen Märchen. Stuttgart 1979, S. 11.
5 Ebd., S. 12 und 17.
6 Ebd., S. 19.
4
ausgeschmückte Geschehnisfolgen zu erfassen. Der Mythos läßt sich auch als Versuch
7 Der Mythos
erklären, Moralisches, Existentielles oder Mystisches in Symbolen zu gestalten.“ ist also dieser Definition zufolge eine Fiktion, die schon früh in der phylogenetischen (stammesgeschichtlichen) Entwicklung eine Rolle zur Lebenserklärung und -bewältigung gespielt hat. Aus den Mythen heraus wurde versucht, Hilfen zur Deutung von Leben und scheinbar nicht erklärbaren Sachverhalten wie der Existenz des Universums und des Lebens allgemein zu erhalten.
Erzählen an sich erhält damit eine Funktion, Leben zu bewältigen und zu konstituieren. Die Gattungsbezeichnung Märchen tauchte - obwohl die Gattung an sich natürlich schon länger existierte - erstmals im 15. Jahrhundert auf und unter Märchen wird heute eine „phantast., realitätsüberhobene, variable Erzählung, deren Stoff aus mündl. volkstüml. Traditionen
8 verstanden, welche auf anonymes Erzählgut zurückgeht. Ein Erzähler oder Dichter stammt“
im eigentlichen Sinne ist nicht auszumachen.
Bei den Märchen stehen im Gegensatz zum Mythos nicht so sehr phylogenetische, sondern ontogenetische (individualgeschichtliche) Aspekte im Vordergrund. Allerdings können von den geglückten Individuationsprozessen mehrere profitieren; oft zumindest zwei, denn die Synthese vom Ich und Du zum Wir ist häufig unabdingbarer Schritt zum Glück, denn das „Ich kann auf einer noch so hohen Ebene leben, ohne das Du lebt es ein einsames Leben. Das sagt uns der glückliche Ausgang der Märchen, in denen der Held mit seiner Lebensgefährtin
9 Dieser scheinbare Gegensatz zwischen Märchen und Mythos ist aber kein vereinigt wird.
wirklicher, sondern verdeutlicht eher die strukturelle Nähe der beiden Ebenen im abstrakten Sinne: Phylogenetische Entwicklungen können sich in ontogenetischen Entwicklungen widerspiegeln - und umgekehrt. So meint auch der Stuttgarter Germanist Heinz Schlaffer, dass Gattungsdifferenzen in Bezug auf die mythische Erbschaft zweitrangig sind, denn Ziel
10
und Funktion der Gattungen sei die „Repräsentation von Sinn.“ Bei den Mythen liegt die Sinnhaftigkeit in den Erklärungsversuchen von universalen Weltdeutungen, bei den Märchen eher in einer auf das individuelle Verhalten gemünzten Hilfestellung. Schon aus diesen kurzen Skizzierungen ist zu erahnen, warum der Psychologe Bettelheim Märchen gegenüber Mythen für eine „positive Kindesentwicklung“ favorisiert: Im Kindesalter ist die individuellere Schiene aufgrund der Egozentriertheit des Kleinkindes am ehesten zu begreifen und zu verarbeiten. Aber auch die unterschiedliche Beschaffenheit der
7 Metzler Literatur Lexikon. Stuttgart 1990, S. 316.
8 Ebd., S. 292.
9 Bettelheim, B., Kinder brauchen Märchen. Stuttgart 1979, S. 325.
10 Schlaffer, H., Poesie und Wissen. Frankfurt am Main 1990, S. 111.
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Protagonisten von Märchen und Mythos lassen die Vorzüge des Märchens erkennen: „Die Mythen projizieren eine Idealpersönlichkeit, die auf der Grundlage der Forderungen des Über-Ich handelt, während Märchen eine Ich-Integration schildern, die Spielraum für die
11 Mit einfachen Worten ausgedrückt: Der angemessene Befriedigung von Es-Wünschen läßt.“
Mythos überfordert aufgrund seiner umfassenden Erklärungsansprüchen und wegen der Strukturiertheit der Protagonisten (als Über-Ich bestimmt) das Kind und seine Vorstellungen. Im Märchen hingegen wird der (meist letztlich positiv verlaufende) Individuationsprozess mit allen dem Kind vertrauten Facetten (Befriedigung der Es-Wünsche) dargestellt. Eine Identifizierungsmöglichkeit des Kindes mit den Märchenhelden ist also im Gegensatz zum Mythos gegeben. Mythen haben daher einen Hang zum Negativen und Pessimismus, Märchen gehen zumeist positiv aus und verbreiten dadurch den für das Kind erforderlichen Optimismus.
2.2 Volksmärchen und Kunstmärchen
Hoffmanns „Goldner Topf“ will kein Mythos sein, er enthält aber gleichwohl viele Elemente des Märchens. Allerdings bezieht sich Hoffmann durch den Atlantis-Komplex einen Mythos in sein Kunstwerk ein, welcher von nicht unentscheidender Bedeutung für die Gesamtinterpretation des Kunstwerks ist. Bedenkt man zusätzlich, dass sich diese Mythos-Elemente in der Form des Märchens und Kunstmärchens potenzieren, so erhält man ein komplexes und vielschichtiges Interpretament. Doch dazu wird unten mehr zu sagen sein. Dennoch kann und will „Der goldne Topf“ kein reines Märchen sein. Der augenfälligste Unterschied zwischen Märchen und Kunstmärchen ist der, dass beim Kunstmärchen ein bestimmter Autor sich für das literarisch produzierte Artefakt in schriftlich fixierter Form verantwortlich zeichnet, in unserem Fall E.T.A. Hoffmann. Zwar wird bezweifelt, dass dem Kunstmärchen im Gegensatz zum Märchen die Ursprünglichkeit und Echtheit fehlt, dennoch wird konzediert, dass das Kunstmärchen anzeigt: Hier „liegt eine Ableitung vor, ein
12 Schon alleine durch dieses Eingeständnis verliert das Kunstmärchen gegenüber Derivat.“
dem Märchen an Qualität: der universale und archaische Anspruch des Märchens wird entschieden reduziert. Das Kunstmärchen besitzt den Ausführungen des Stuttgarter Germanisten Volker Klotz zufolge den Vorzug, den überkommenen Gebrauchswert der Volksmärchen in einer neuen Zeit hinfällig zu machen und damit auf der inhaltlichen Ebene
11 Bettelheim, B., Kinder brauchen Märchen. Stuttgart 1979, S. 51.
12 Klotz, V., Das europäische Kunstmärchen, München 1987, S. 7 f.
6
13 Erstaunlich ist es, was Klotz alles unter die
aktueller und zutreffender zu sein.
überkommenen Gebrauchswerte subsumiert, als da „Initiationsriten, Brautwerbungen, Totenkulte, magische Bräuche des Totemismus, Animismus, Tabuismus, sinnbildliche
14 zu nennen sind. Gerade einige dieser Enträtselungen unerklärlicher Naturerscheinungen“
Aspekte sind es aber, die für Bettelheim den eigentlichen Wert der Märchen für Kinder ausmachen.
Durch die Thematisierung der genannten Aspekte in Märchen, wie Initiationsriten, Totenkulte und Tabuismen werden dem heranwachsenden Kind Ängste genommen und Entwicklungsperspektiven und -hilfen aufgezeigt. Das, was Klotz ohne Gebrauchswert in einer modernen Welt sieht, besitzt für Bettelheim einen unschätzbaren Wert für die Kindesentwicklung: „Das Märchen verwendet universelle Symbole, die das Kind je nach dem Stand seiner intellektuellen und seelischen Entwicklung auswählen, sich aneignen oder verwerfen kann. In welcher Entwicklungsphase das Kind sich auch befindet - das Märchen macht implizit klar, wie es über diese Stufe hinausgelangen kann und welches der nächste
15 Man könnte sagen, dass
Schritt auf dem Wege zur Persönlichkeitsintegration sein könnte.“ der sicherlich etwas verkommene Gebrauchswert von Märchen bezüglich der phylogenetischen Entwicklung in der ontogenetischen Entwicklung eines Kindes immer noch eine große Bedeutung besitzt.
3. Die Romantik
Ein nicht unwesentlicher Teil der kontextualistischen Analyse bildet die Epoche inklusive ihrer soziopolitischen Konstellationen. Dies ist eigentlich eine germanistische Binsenweisheit, wenn man einmal von rein textimmanenten Interpretationen absieht. Einen kompakten aber guten Überblick über die Etymologie des Wortes Romantik und die vielfache
16 Im folgenden interessiert insbesondere Verwendungsweise desselben gibt Gerhard Schulz.
die Verwendungsweise des Begriffes Romantik als Epochenetikett der zugehörigen literarischen Bewegung in Deutschland bzw. es werden die damit verbundenen Konnotationen dem Begriff zugrundegelegt. Allerdings wäre eine alleinige Fokussierung auf die literarische Romantik fatal, denn gerade die romantische Bewegung in ihrer universalistischen Gesamtausrichtung und unabdinglichen Tendenz zum Absoluten ist als ein
13 Ebd., S. 22.
14 Ebd.
15 Bettelheim, B., Kinder brauchen Märchen. Stuttgart 1979, S. 150.
16 Vgl. Schulz, G., Romantik. München 1996, S. 10-13.
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Dr. Stefan Schweizer, 2008, Kunst als Annäherung an das Absolute - E.T.A. Hoffmanns "Der goldne Topf", Munich, GRIN Publishing GmbH
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