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Kulturwissenschaft als Zeichen der Moderne
Friedrich Jaeger/Burkhard Liebsch (Hg.), Handbuch der Kulturwissenschaften. Band
1. Grundlagen und Schüsselbegriffe. Stuttgart 2004, 558 S., gb., 59.95 ; Friedrich
Jaeger/Jürgen Straub (Hg.), Handbuch der Kulturwissenschaften. Band 2.
Paradigmen und Disziplinen. Stuttgart 2004, 694 S., gb., 59.95 ; Friedrich
Jaeger/Jörn Rüsen, Handbuch der Kulturwissenschaften. Band 3. Themen und
Tendenzen. Stuttgart 2004, 551 S., gb., 59.95 .
Man kommt angesichts der hohen Anzahl neuer Publikationen nicht umhin, den
kulturwissenschaftlichen Diskurs kritisch nach innovativen Einsichten zu befragen.
Dabei ist der Verdacht nicht von der Hand zu weisen, dass die meisten
Publikationen nicht eben selten bekannte Standpunkte festigen möchten. Die
kulturwissenschaftliche Debatte zeichnet sich zudem durch Unübersichtlichkeit aus.
Folglich besteht Systematisierungs- und Klassifizierungsbedarf, welcher
Orientierung in Form von Grundlagenreflexion ermöglicht. Für dieses Desiderat
scheint die Form eines Handbuchs prädestiniert. Das voluminöse ,,Handbuch der
Kulturwissenschaften" von Friedrich Jaeger et. al. verschafft mehr als einen
leitenden Überblick im Bereich der Kulturwissenschaften. Einige Artikel setzen
Kennerwissen des kulturwissenschaftlichen Diskurses voraus und erreichen eine
Detailkenntnis und -tiefe, welche ansonsten spezialisierten Diskursen in
einschlägigen Fachzeitschriften vorbehalten ist. Das Handbuch stammt aus dem
Hause Metzler, welches sich zunehmend verkaufs- und auflagenorientierten Bücher
zuwendet, wie z.B. Lexika und Handbücher.
Das Gros der in den drei Handbüchern vertretenen Autoren orientiert sich, soweit sie
sozialwissenschaftlich einzuordnen sind, am empirisch-analytischen
Wissenschaftsverständnis. Mit der Ausrichtung am empirisch-analytischen
Wissenschaftstheorie einher geht generell eine Überschätzung der Reichweite des
methodologischen Individualismus inklusive seiner mikroanalytisch fundierten
Handlungstheorie(n). Dasselbe gilt für das Korrelat in den
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Geschichtswissenschaften: Die Autoren argumentieren für einen
Paradigmenwechsel in der Geschichtswissenschaft, was mit den Stichworten
Geschichte als narrativer und ggf. fiktionaler Text, oral history etc. umschrieben
werden kann. So verwundert es nicht, dass der prominente Mannheimer Soziologe
Hartmut Esser mit seiner Werterwartungstheorie aufwarten darf. Eigentlich wohnt
Essers eklektischem Theorienmix wenig Eigenleistung inne. Insbesondere vom
amerikanischen Soziologen James Coleman hat Esser viele Theoriebausteine
übernommen, nicht zuletzt die sogenannte essersche Badewanne. Allerdings finden -
und dies ist als Pluspunkt zu verzeichnen - auch konstruktivistisch-
systemtheoretische Varianten à la Luhmann und Schmidt Berücksichtigung,
wenngleich geringfügiger. Eine Konzeptionierungsschwäche des Handbuchs kann
man darin sehen, dass eine Unterscheidung zwischen dem genuin geistes- und
sozialwissenschaftlich ausgerichteten Begründungszusammenhang so gut wie nicht
vorgenommen wird. Der Versuch einer Nivellierung von Sozial- und
Geisteswissenschaften unter dem Dach der Kulturwissenschaft ist keinesfalls
apriorisch zu verwerfen, zumal so ein ernst zu nehmendes Gegengewicht zu den
Naturwissenschaften, nicht zuletzt bezüglich ressourconaler Verteilungskämpfe,
aufgebaut werden kann.
Nicht unproblematisch ist die Gliederung des Handbuchs und die damit
zusammenhängende Redundanz der Artikel. So finden sich v.a. zwischen Band 1
und 2 Überschneidungen.
Das Vorwort (S. VII-VIII, Bd. 1) ist in den drei Bänden des Handbuchs identisch
und mit zwei Seiten nicht allzu umfangreich. Diese zwei Seiten sind relativ
nichtssagend. Damit verspielen die Herausgeber die Chance, Klärungsarbeit zu
leisten und aussagekräftige Standpunkte zu beziehen. Jaeger, Liebsch, Rüsen und
Straub plädieren für die Überschreitung des traditionellen Methodenkanons bei
gleichzeitiger Wahrung der institutionellen Disziplinarität. Damit verbunden wird
die Forderung nach einer stärkeren Vernetztheit bisher vorhandener trans- und
interdisziplinärer Fragestellungen unter kulturwissenschaftlichen Vorzeichen. Diese
wissenschaftspolitische Forderung steht diametral zur Argumentation von Böhme et.
al., welche offen für die Errichtung einer eigenständigen Disziplin
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Kulturwissenschaften eintreten. Damit beziehen die Autoren eindeutig bei einer der
wesentlichen Fragen der kulturwissenschaftlichen Debatte Stellung. Es versteht sich
jedoch, dass die Diskussion um die Kulturwissenschaften mit dieser Frage nicht
einmal ansatzweise angestoßen ist. Eingängig, aber banal ist der Verweis auf die
Differenzen französischer, anglo-amerikanischer und deutscher
kulturwissenschaftlicher Konzepte. Eine solche Aussage birgt keinen besonderen
Erkenntnisgewinn. Vielmehr wäre ein methodischer Hinweis angebracht, dass sich
der Forscher nicht dogmatisch einer kulturwissenschaftlichen Richtung anschließen
solle, sondern die im Begründungszusammenhang (!) erfolgende Selektion der
Theorie vom Forschungszuschnitt und von der Aufgabenstellung abhängt. M.E. ist
sogar innerhalb einer jeweiligen national-kulturwissenschaftlichen Strömung ein
hohes Maß an Theorien- und Methodenheterogenität gegeben. Durch das Handbuch
wird, so die Autoren, das Desiderat der Errettung des Kulturbegriffs vor der
Banalität erfüllt. Darüber hinaus möchte das Handbuch, ,,das die
Kulturwissenschaften mit ihren bereits erwiesenen Stärken, aber auch mit ihren
offenen Fragen vorstellt und aufeinander bezieht, einen Überblick über den Stand
der Diskussion bieten, der zu weiterer Klärung und Kooperation motiviert." (S. VII,
Bd. 1) Durch die Systematisierungs- und Klassifizierungsleistungen des Handbuchs
wird systematische Reflexion kulturwissenschaftlichen Denkens nur teilweise
möglich. Vor dem Hintergrund einer nicht immer unproblematischen Gliederung des
Handbuchs kann dieser Anspruch nicht durchgehend eingelöst werden.
Für Band 1 ,,Grundlagen und Schlüsselbegriffe" sind kulturwissenschaftlich-
theoretische Leitkategorien wie Erfahrung, Sprache, Handlung und Geschichte
leitend. Der zweite Band ,,Paradigmen und Disziplinen" untersucht gemäß des im
Vorwort bezogenen Standpunkts die methodisch-fachlichen Grundlagen einzelner
Disziplinen hinsichtlich ihrer kulturwissenschaftlichen Anwendbarkeit. ,,Themen
und Tendenzen" als dritter Band expliziert aktuell in der Forschungspraxis
angewendete Interpretationsmodelle von Kultur, Wirtschaft, Politik und Recht.
Monieren lässt sich die wenig eindeutige Gliederung der Bände. Wieso Richard
Münchs Artikel ,,Strukturen - Die Ausdifferenzierung und Institutionalisierung von
Handlungsräumen" in Band 1 unter der Rubrik Handlung zu finden ist, bleibt
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beispielsweise unverständlich. Hinter dem Namen Münch verbirgt sich ein die
parsonssche Systemtheorie normativ überhöhender und das AGIL-Schema und
Vierfeldertabellen predigender Soziologe. Hauptangriffspunkt gegen solch ein
Wissenschaftsverständnis ,,ist das völlige Ausblenden des Individuums und damit
verbundener Handlungstheorien".
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Der Mensch verhält sich, aber handelt nicht.
Ärgerlich ist der polemische Versuch Münchs, seinem Intimus Luhmann zu
unterstellen, seine Systemtheorie sei eine evolutionstheoretische Legitimation des
Neoliberalismus.
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(S. 178, Bd. 1) ,,Paradigmen und Disziplinen" ist mit Abstand der
interessanteste der drei Bände, entgegen der ansonsten so weit verbreiteten Maxime:
,,Grau, mein Freund, ist alle Theorie". Band drei fällt ab. Hier leitete die
Herausgeber wohl das Motto, dass Artikel, welche bereits geschrieben und ggf.
anderweitig abgelehnt wurden, noch in einem dritten Band des Handbuchs
zusammengefasst werden können. Alles, was nicht in Band 1 oder 2 passte, findet
sich in Band 3 wieder. Womit genug zur nicht immer unproblematischen Gliederung
gesagt ist.
Mit Jan Assmann ist ein prominenter Vertreter kulturwissenschaftlichen Arbeitens
im ersten Band des Handbuchs in der Rubrik ,,Geschichte" vertreten. Er fragt in
seinem kurzen, ungegliederten Artikel nach ,,Sinnkonstruktionen im alten Ägypten".
Nach Assmann lassen sich drei kulturelle Sinnbegriffe unterscheiden. Es gibt
transzendente, immanente und soziale Sinnquellen. Transzendente Sinntheorien
greifen auf den Sinn ordnenden und planenden Willen Gottes zurück, während
immanente Sinntheorien Sinn aus dem Kosmos bzw. der Natur ablesen. Soziale
Sinntheorien insistieren auf der sozialen und kulturellen Konstruiertheit von Sinn.
(S. 454) Assmann besitzt hier einen blinden Fleck. Durch das Einnehmen einer
Beobachterposition höherer Ordnung kann dieser verschwinden: An Assmanns
Einteilung ist problematisch, dass sowohl transzendente als auch immanente
Sinnkategorien immer soziale und kulturelle Dimensionen besitzen. Insofern gibt es
ausschließlich soziale und kulturelle Sinnkonstruktionen, auch wenn sie
transzendenten oder immanenten Inhalt besitzen. Diese Einsicht ist modern und wird
vom forschenden Subjekt eingenommen und kann nichts über das Sinn-
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Stefan Schweizer, Politische Steuerung selbstorganisierter Netzwerke. Baden-Baden 2003, S. 55
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Luhmann hatte die Angriffe Münchs mit Schweigen gestraft.
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Selbstverständnis der jeweiligen Kultur aussagen. Bei den alten Ägyptern herrschten
Fragen nach dem Zusammenhang, der Richtung und dem Ziel des Ganzen vor.
Zentraler Begriff der ägyptischen Sinndebatte ist Ma'at. Ma'at bedeutet Wahrheit,
Gerechtigkeit und Ordnung. Das zugehörige Verb bedeutet lenken. Der ägyptische
Ma'at-Begriff, so Assmann, besitzt eine große Nähe zum Sinnbegriff der kulturellen
und sozialen Konstruiertheit und ist damit modern. (S. 455) Leitend ist dabei die
Vorstellung, dass es der Staat ist, welcher die Ma'at auf Erden herstellt. Die
Menschen als Einzelwesen sind für deren Funktionieren verantwortlich. Der Sinn
verlässt die Welt, wenn der Staat zusammenbricht. Assmann beschreibt den Ma'at-
Begriff als Prinzip der staatlich-gesellschaftlichen Stabilisierung. Aus der daraus
resultierenden Fundierung von Bestand, Dauer und Kontinuität entsteht die
Kategorie der Unsterblichkeit. Ma'at gilt als kohäsionsstiftend in der Zeitdimension.
In der Sozialdimension bewahrt Ma'at vor Zwietracht und Vereinsamung. Alleine
der Mensch ist für die Herstellung und Bewahrung der Ma'at-Dimension
verantwortlich. (S. 456) In der ägyptischen Theoriekonstruktion ist bereits angelegt,
was bei Thomas Hobbes wieder auftaucht. Der Staat ,,befreit die Menschen von der
Unterdrückung der Schwachen durch die Starken, indem er eine Rechtssphäre
herstellt, in der alle die gleichen Chancen haben, sich durchzusetzen". (S. 457) Der
Staat ist Institut der Erlösung und Befreiung. Darüber hinaus erlöst er durch die
Garantierung einer Kontinuität vom Tode, in der Tote in der Gemeinschaft der
Lebenden weiterleben. Es ist nämlich der Staat, welcher die Pflege des Totenkults
verbürgt. Zwar entspringt Ma'at ursprünglich dem Willen Gottes, dieser hat die
Aufgabe aber an den irdischen König delegiert. In der ägyptischen Vorstellungswelt
ist die Schöpfung ein permanent zu leistender Prozess. Insofern ist die Annahme
einer Spiegelung von Himmel und Erde, Kosmos und Staat nicht verwunderlich.
Auf beiden Seiten wird für die Herstellung der Ma'at gesorgt. Sinn muss im Alltag
von den Menschen generiert werden, entgegen den Tendenzen der Welt, in Zerfall
und Chaos abzudriften. (S. 458 f.) Sinn wird sozial und kulturell hergestellt.
Offensichtlich bereitet es Assmann argumentative Probleme, das nicht offen
eingreifende Mitwirken Gottes an der Ma'at-Herstellung zu erklären, zumal dies ja
seiner Kategorisierung des ägyptischen Ma'at-Begriffs als rein kulturelle und soziale
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