1. Realismus als Epochenproblematik
Defizite und damit verbundenen Probleme von Epocheneinteilungen in Literaturgeschichten sind hinlänglich bekannt und thematisiert worden. Beispielsweise wird Epochenkonzepten das prädestinierte Manko einer spezifischen Historisierung 1 vorgehalten, in denen die polyfaktoriellen und -kontextualen epochenspezifischen Einflussfaktoren nicht ausreichend gewürdigt werden. Heute versteht man allgemein die Epochenbegriffe als kritisch-heuristisch 2 bzw. man schreibt ihnen hinsichtlich ihrer Funktionalität eine kritische und heuristische Funktionsleistung zu. Primäres Verdienst eines dergestalt verstandenen Epochenbegriffs sind Klassifizierungs- und Systematisierungseffekte, die kategoriale Differenzierungen innerhalb der Literaturgeschichte und somit Zugehörigkeitsdistinktionen ermöglichen, die dann häufig dienen. 3 als Diskussionsgrundlage für spezifische Themenbereiche Diese
Diskussionsgrundlage bildet häufig die Basis für Fragestellungen einschlägiger Monografien. Da die neue Theorienvielfalt in der neueren Literaturgeschichte auch eine Art Paradigmenwechsel 4 dahingehend ermöglicht hat, Literaturgeschichte 5 in ihrem Verhältnis zum allgemeinen Prozess der Geschichte zu betrachten 6 empfiehlt sich beispielsweise eine kritische Reflexion der sozialgeschichtlichen Implikate des Realismus. Fokussiert werden dabei gesamtgesellschaftliche, aber auch subsystemische - hierbei vor allem genuin politische
- Entwicklungen. Dabei ist von einem Zusammenhang von Komplexität und Systemdifferenzierung auszugehen, wobei der Grad und die Form der Systemdifferenzierung des Gesellschaftssystems als erklärende Variablen das Explanans der Gesellschaftsstruktur bedingen. 7 In einem weiteren Schritt wird versucht, die sich aus (gesamt-) realistische Programmatik mit ihren relevantesten Axiomen darzustellen. Hierbei gilt, dass die Wissenschaft und Kunst als soziale gesellschaftliche Teilsysteme sich selektiv verhalten „zu derjenigen Selektivität, mit der ihre Objektsysteme sich auf je ihre Umwelt ... (wieder die Kunst, S.S.) einstellen. Die Asymmetrie und Unumkehrbarkeit des Verhältnisses von Gegenstand und Erkenntnis wird systemtheoretisch als Steigerungsverhältnis von aufeinander
1 Rohe, W., Roman aus Diskursen, S. 5
2 Vgl. Bahr, E., Vorwort, in: Bahr, E., (Hrsg.), Geschichte der deutschen Literatur, Band 1, S. X
3 So zum Beispiel die Frage wie stark der Romantik zugehörig der "alte" Goethe betrachtet werden kann oder die Frage der Möglichkeit einer Epochenzugehörigkeit von Heinrich Kleist.
4 Zum Begriff des Begriffs Paradigmenwechsels vgl. Kuhn, T., Die Struktur wissenschaftlicher Revolutionen
5 Einen guten Überblick über die Theorieentwicklungsgeschichte der Literaturwissenschaft erhält man z.B. in Rainer Rosenberg, Verhandlungen des Literaturbegriffs, S 8-25
6 Vgl. Bahr, E., Vorwort, in: Bahr, E., (Hrsg.), Geschichte der deutschen Literatur, Band 1, S. X mit Verweis auf Jauß, H.R.
7 Vgl. Niklas Luhmann, Gesellschaftsstruktur und Semantik, Band 1, S. 21
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bezogenen Selektivitäten dargestellt.“ 8 Nicht zuletzt durch diese Überlegungen wird eine Plausibilisierung der These der gegenseitigen Bedingtheit von künstlerischer Programmatik und sozialgeschichtlichen Implikate ermöglicht. Die Programmatik einer Epoche bietet bildlich gesprochen sozusagen den Ariadnefaden, der einen bei der analytischen Durchleuchtung dieser Epoche zugehörigen Werke an der Hand nimmt und leitet. Abweichungen von epochenbestimmenden Programmatiken sind für den
Literaturwissenschaftler von besonderem Interesse, da durch sie eine Epochen-unabhängige 9 Strukturierung eines Werks erkenntlich werden kann. Solche Fälle lassen auf Grund semantisch-poetischer Leerstellen und Ambiguitäten besonders viel Spielraum für tiefschürfende Interpretationen. Bleibt das Problem, dass Epochenprogrammatiken selten einheitlich sind und vor allem, dass sie nicht für die gesamte Epoche gleichverbindlich gelten. So kann man beispielsweise den Realismus in eine poetische, bürgerliche und psychologische Phase untergliedern, wobei auch andere Kategorisierungen aufzufinden sind. Bleibt man beispielsweise bei der gerade genannten Einteilung, so stellt sich unter anderem die Frage, ob diese als deskriptiv oder analytisch zu verstehen ist. Bei ersterem Verständnis stellt sich das Problem, dass häufig Elemente aller drei Realismen in einem Werk aufzufinden sind. Wird sie analytisch postuliert, so wird zwar auf theoretischer Ebene potentiell Theoriebildung ermöglicht, bewegt man sich dann aber auf die Textebene herunter, ergibt sich wieder die Problematik einer Vermischung und Überlappung der Realismuskonzepte.
2. Sozialgeschichtliche Implikate
Um sozialgeschichtliche Implikate namhaft machen zu können, sollte die jeweilig anvisierte Epoche zeitlich fixiert werden. Am heftigsten war der Begriff des Realismus in den Jahren von 1830 bis 1880 in der Diskussion. 10 Anderswo findet sich die Datierung des Realismus von 1830-1890. 11 Generell kann man für die Länge dieser Epochendatierungen gravierende Veränderungen der Bevölkerungsstruktur durch die industrielle Revolution konstatieren. Die industrielle Revolution ermöglichte nämlich einen qualitativen und quantitativen produktionstechnischen Wandel. Gleichzeitig fand flächendeckend ein enormes Bevölkerungswachstum statt. Auch im wissenschaftlichen Bereich vollzogen sich
8 Niklas Luhmann, Gesellschaftsstruktur und Semantik, Band 2, S. 188
9 Epochen-unabhängige Texte gibt es nicht, da niemand in einem zeitlosen Vakuum Texte produzieren kann. Gemeint ist vielmehr der Sachverhalt, dass Normabweichungen bezüglich der Programmatik eine Distanzierung von derselben erlauben, letztlich aber immer noch eine Auseinandersetzung mit derselben darstellen.
10 Metzler Literatur Lexikon, S. 376
11 Frenzel, H.A. und E., Daten deutscher Dichtung, Band 2, S. 411
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entscheidende Neuerungen. Die Transformation Deutschlands von einem Agrar- zum hochentwickelten Industriestaat vollzog sich innerhalb weniger Jahrzehnte. Auch wird ein gesteigertes nationales Bewusstsein im Zusammenhang mit der Entwicklung von merkantilistischer zu kapitalistischer Produktionsweise gesehen. 12 Zwar wurde per Gesetz bestimmt, dass die Bauern den feudalen Verpflichtungen enthoben wurden; ihre geringen finanziellen Kapazitäten trieben sie aber praktisch wieder in die Arme der Gutsherren. Durch diese Art der Besitzumschichtung entstanden die Gruppen der landwirtschaftlichen Unternehmer, der Pächter sowie der Lohnarbeiter. Es setzte eine große Abwanderung der Landbevölkerung in industrielle Großstädte ein. Durch den 1834 von Preußen gegründeten Zollverein wurden Großbetriebe, Gewerbe und Industrie rentabler. Adelsschichten beteiligten sich wegen vorhandener Finanzressourcen aktiv am Wirtschaftsleben.
Arbeiterklasseninteressen wurden seit den 40er Jahren des 19. Jahrhunderts durch Arbeiterorganisationen vertreten. Die Beurteilung der vor allem seit Mitte des Jahrhunderts "durch die industrielle Revolution ausgelösten gesellschaftlichen Veränderungen und die Auswirkungen naturwissenschaftlicher Untersuchungen" 13 gestaltete sich äußerst ambivalent, denn die "Deutungen reichen von dem optimistischen Vertrauen auf die Entwicklungsmöglichkeiten der Technik und dem Glauben an die freie Selbstbestimmung des Menschen ... bis zu den Entwürfen einer pessimistischen Weltanschauung(,) ... von Ludwig Büchners ... materialistischer Auslegung der Naturprozesse ... und Ernst Haeckels ... kausaler Monismuslehre ... der Sehnsucht nach einer heilen Welt in der Pflege übernommener christlicher Ideale ... bis zur Angleichung der christlichen Geistesart an eine germanischdeutsche Gesinnung ..." 14 Die festgestellte Meinungsheterogenität hinsichtlich der zeitgenössischen Beurteilung von gesellschaftlichen Epochenerscheinungen scheint aus heutiger Sicht allzu verständlich. Für die literarische Produktion (und wohl auch Rezeption) werden den misslungenen Revolutionsbestrebungen des Jahres 1848 eine große Bedeutung zugesprochen, 15 denn sie zeichnen sich für ein Drängen nach nationaler Einheit, zum bürgerlichen Staat und allgemeinen sozialen Umgestaltungen verantwortlich. Ferner sind der Trend zu unpersönlichen Beziehungen zwischen dem Individuum und der Gesellschaft sowie sich verschärfende Klassengegensätze und damit verbunden eine zunehmende Hässlichkeit der Fabriken und Mietskasernen in diesem Kontext zu nennen. Insofern gehen die misslungenen politischen Revolutions- und Reformversuche Hand in Hand mit einer
12 Gerhard Schulz, Romantik, S. 24
13 Daemmrich, H.E., Realismus, in: Bahr, E., (Hrsg.), Geschichte der deutschen Literatur 3, S.10 f.
14 Daemmrich, H.E., Realismus, in: Bahr, E., (Hrsg.), Geschichte der deutschen Literatur 3, S. 11
15 Hahl, W., Reflexion und Erzählung, S. 200
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zunehmenden funktionalen Differenzierung. Die sich ausdifferenzierenden Funktionssysteme für Politik, Wissenschaft, Wirtschaft, aber beispielsweise auch Intimbeziehungen verlangen „stärkere Generalisierung der noch übergreifenden Sinnformen.“ 16 Bleibt zu fragen wo und wie diese sozialintegrative Sinnklammer geliefert werden konnte.
3. Programmatik des Realismus
Suchte die Romantik die Tradition des Mimesis-Begriffs durch poiesis zu ersetzen, also nicht mehr nur Realität nachzuahmen, sondern auch herzustellen, so rekurrierte man im Realismus wieder auf den aus der aristotelischen Tradition 17 stammenden Mimesis-Begriff. 18 Damit wurde hervorstechendes Merkmal des Versuchs der Wirklichkeitsproduktion, dass sich vermeintlich ein hoher quantitativer Anteil an äußerer Wirklichkeit in den schriftstellerischen Kunstwerken fand. Mit der gescheiterten Märzrevolution wurde der ">Realismus< sowohl zur gemäßen bürgerlichen Haltung wie zum literarischen Programm erhoben." 19 Damit ist der Anfang des Realismus bürgerlich. Gottfried Keller kann beispielsweise als Vertreter des demokratischen Kleinbürgers betrachtet werden. 20 Weiter kann man Keller als „voll- und liberalliberalistisch“ 21 bezeichnen. In thematisch enger Verbindung damit ist zu konstatieren, dass die Auffassung über das Künstlertum im Realismus betont moderat ausfiel, denn die "programmatischen Realisten üben die >>bestimmte Tätigkeit<< des literarischen Schaffens aus, so wie sich gleichzeitig ihre Landsleute auf die Wirtschaft oder die Wissenschaft oder die Politik spezialisieren." 22 Als basale Voraussetzung des Realismus kann man die "Verurteilung von jeder Art der >>Negation<<, der christlichen Weltfeindschaft sowohl wie des nachchristlichen Zerfallsprodukt Nihilismus" 23 betrachten. Die realistische Programmatik erfordert explizit die Darstellung des wirklichen gegenwärtigen Lebens, wobei dadurch für die Kunst ein objektiver Anspruch erhoben wird. 24 Friedrich Sengle eruiert anhand des Beispiels von Fontane weitere Kriterien realistischer Literatur, nämlich dass Realisten:
- einen vollen Griff ins Leben tun
- generell eine positive Lebenshaltung besitzen
16 Niklas Luhmann, Gesellschaftsstruktur und Semantik, S. 18
17 Vgl. hierzu Aristoteles, Poetik
18 Realismus, in: Metzler Literatur Lexikon, S. 376
19 Hahl, W., Reflexion und Erzählung, S. 200
20 Sengle, F., Biedermeierzeit, Bd. 1, S. 264 f.
21 Friedrich Sengle, Biedermeierzeit, Band 2, S. 1051
22 Sengle, F., Biedermeierzeit, Bd. 1, S. 270
23 Sengle, F., Biedermeierzeit, Bd. 1, S. 211
24 Hahl, W., Reflexion und Erzählung, S. 202
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Quote paper:
Dr. Stefan Schweizer, 2008, Realismus als literaturwissenschaftliche Epoche, Munich, GRIN Publishing GmbH
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