Inhaltsverzeichnis
1. Einleitung. 4
2. Landesspezifische Daten zu Lateinamerika 6
2.1 Politische Entwicklung im 19. Jahrhundert bis heute. 8
2.2 Größerer Einfluss der Vereinten Nationen oder Rückgang der US-
amerikanischen Dominanz? 9
3. Die Medienlandschaft Lateinamerikas. 12
3.1 Die enge Verbindung zwischen dem medialen und politischen System 14
3.2 Die Verbreitung der Medien in Lateinamerika. 15
4. Das lateinamerikanische Pressewesen 18
4.1 Die Presse- und Meinungsfreiheit auf dem Subkontinent. 19
4.1.1 Einschränkung der Pressefreiheit und die „schwarzen Schafe“ des
Subkontinents 20
4.1.2 Übergriffe auf Journalisten und Medienunternehmen 21
4.1.3 Die allgemeine Situation in Lateinamerika. 23
4.2 Guatemala 24
4.2.1 Die guatemaltekische Presselandschaft 25
4.2.2 „Constitución Política de la República de Guatemala 1985“ 25
4.2.3 „Presse- und Meinungsfreiheit“ 27
4.3 Argentinien. 28
4.3.1 Die wichtigsten argentinischen Zeitungen 28
4.3.2 Die rechtlichen Grundlagen in Argentinien 29
4.3.3 Argentinien unter der Regierung Peróns 30
4.4 Die Presselandschaft in Kuba. 31
5. Das Rundfunkwesen in Lateinamerika 34
5.1 Der Hörfunk auf dem Subkontinent 35
5.2 Die Entstehungsgeschichte des Fernsehens. 36
5.3 Mexiko. 37
5.3.1 Das Fernsehen in Mexiko 38
5.3.2 Das mexikanische Rundfunkgesetz. 38
5.3.3 „Televisa“ - das mächtigste Medienunternehmen Lateinamerikas. 41
5.4 Brasilien 43
5.4.1 Das Medienrecht Brasiliens 43
5.4.2 Rechtsgrundlagen des Landes 44
5.4.3 Die brasilianische Aufsichtsbehörde 45
5.4.4 Fernsehen und „TV Globo“ 46
5.5 Argentinien. 47
5.5.1 Die argentinische Rundfunklandschaft 48
5.5.2 Das „Manual de Instrucciones para las Estaciones de Radiodifusión“ und
die „COMFER“ 49
5.5.3 Das argentinische Rundfunkgesetz 49
5.5.4 „Clarín und „Citicorp Equity Investment (CEI) 51
6. Die globale Nutzung der Neuen Informations- und Kommunikations-
technologien (NIKT) 53
6.1 Lateinamerika im Internet 53
6.2 Privatisierung der Telekommunikationsunternehmen 56
6.3 Regulierung des Internets in Kuba. 56
7. Fazit. 59
8. Literaturverzeichnis. 63
9. Verzeichnis der Abbildungen und Tabellen 69
1. Einleitung
Diese Arbeit beschäftigt sich mit dem Thema „Medienpolitik in Lateinamerika“. Dabei möchte ich auf die ordnungspolitischen Ziele eingehen, die die lateinamerikanischen Länder in den letzten 60 Jahren inne hatten. Die beträchtlichen Unterschiede zwischen den Ländern Lateinamerikas erschweren es, pauschale Aussagen über den ganzen Subkontinent zu treffen. Aufgrund der großen nationalen Unterschiede, habe ich mich deshalb entschlossen einen besonderen Fokus auf die Länder Argentinien, Brasilien, Guatemala, Kuba und Mexiko zu legen. Anhand einer Inhaltsanalyse werde ich versuchen, die wichtigsten Punkte und Komponenten in Bezug auf die Medienpolitik herauszuarbeiten. Zum Großteil beziehe ich meine Informationen sowohl aus Fachliteratur, als auch aus dem Internet.
Der erste Teil meiner Arbeit gibt einen allgemeinen Überblick über die gegenwärtige Situation in Lateinamerika. Fragen, wie beispielsweise welchen sozialen Problemen und Ungleichheiten die lateinamerikanische Bevölkerung gegenüber steht oder wie sich die Arbeitslosigkeit auf dem Subkontinent gestaltet, werden geklärt. Auch die politische Entwicklung vom 19. Jahrhundert bis heute stellt einen wichtigen Teilbereich in meiner Arbeit dar. Im darauffolgenden Kapitel wird das Verhältnis der lateinamerikanischen Staaten gegenüber den Vereinten Nationen vorgestellt. Inwiefern hat der US-amerikanische Markt noch Einfluss auf den Subkontinent? Ist es inzwischen bereits zu einer vollständigen Abwendung von der US-amerikanischen Vorherrschaft im Medienbereich gekommen? Wie verhält sich Kuba gegenüber seinem erklärten „Feind“?
Des Weiteren gebe ich einen allgemeinen Überblick zur lateinamerikanischen Medien-landschaft. (Wie und durch wen gestaltet sich der Medienmarkt auf dem Subkontinent?) Diesbezüglich stellt sich die Frage, welche Medienunternehmen marktbeherrschenden Großkonzerne der Entwicklung einer pluralistischen Medienlandschaft in Lateinamerika zunehmend im Wege stehen. Unter anderem werde ich das Thema der engen Verbindung zwischen den lateinamerikanischen Massenmedien und den Regierungen aufgreifen, mit folgender Fragestellung im Mittelpunkt: Wie gestaltet sich die objektive Berichterstattung und die Pressefreiheit in den lateinamerikanischen Medien?
Auch das lateinamerikanische Presse- und Rundfunkwesen ist in Bezug auf die Medienpolitik von besonderem Interesse. Dabei werde ich zum einen auf die allge- Einleitung 4
meine Situation in Lateinamerika eingehen und zum anderen das Pressewesen in Guatemala und Argentinien und diesbezüglich auch dessen rechtliche Grundlagen vorstellen. Im darauffolgenden Kapitel werde ich die Regulierung der Massenmedien in Kuba kurz beschreiben. Weiters stellt das Rundfunkwesen in Lateinamerika ein wichtiges Thema in meiner Arbeit dar. In einem eigenen Kapitel werde ich den Hörfunk und das Fernsehen näher beleuchten. Sowohl die Entstehungsgeschichte der Rundfunkmedien als auch die gegenwärtige Situation sind ein Thema. Unter anderem konzentriere ich mich dabei besonders auf die Länder Mexiko, Brasilien und erneut auf Argentinien.
Zwar sind die Printmedien für den Großteil der Bevölkerung zugänglich, jedoch stellt der weit verbreitete Analphabetismus den Subkontinent vor zunehmend große Schwierigkeiten. Unter anderem gebe ich einen Einblick darüber, wie sich die Presse-und Meinungsfreiheit auf dem Subkontinent gestaltet. Welche Autoritäten sind die „schwarzen Schafe“, die Journalisten in ihrer täglichen Arbeit an einer freien Berichterstattung hindern? Immer wieder kommt es durch Polizei- und Streitkräfte, Paramilitärs, Guerrillos und organisierte Kriminelle zu Übergriffen auf die Nachrichtenredakteure und auf lateinamerikanische Medienunternehmen. Diese Maßnahmen differieren jedoch stark von Land zu Land. Dabei werde ich einen kurzen Überblick über die verschiedenen Länder Lateinamerikas geben und die gegenwärtige Situation näher beschreiben.
Das Internet spielt in unserem Zeitalter eine immer wichtigere Rolle und wächst täglich rapide an. Aus diesem Grund beschäftigt sich das letzte Kapitel meiner Arbeit mit der Nutzung der Neuen Informations- und Kommunikationstechnologien. Dabei werde ich zum einen auf die weltweite Situation kurz eingehen und zum anderen die lateinamerikanische Gegebenheiten näher erklären. Aufgrund der prekären Lage in Kuba ist es mir ein besonderes Anliegen, die Regulierung des Internets und die gegenwärtige Situation auf Kuba näher zu beschreiben.
Einleitung 5
2. Landesspezifische Daten zu Lateinamerika
Von sechs Milliarden Menschen auf der Erde müssen drei Milliarden mit nur weniger als zwei Dollar am Tag auskommen. Die 200 wohlhabendsten Personen weltweit verfügen über Vermögenswerte, die denjenigen einer Gruppe von Ländern entsprechen, in denen 41 Prozent der gesamten Weltbevölkerung leben. Das Vermögen der drei reichsten Männer der Welt übersteigt zusammengenommen das kumulierte Bruttosozialprodukt der 35 ärmsten Länder und ihrer 600 Millionen Einwohner. (Benoist 2001, 13)
Kollektiv über Lateinamerika zu berichten, bedeutet eine grobe Vereinfachung der mehr als 30 Länder mit ihren unterschiedlichen Kulturen und Sprachen, sowie den differenten historischen, politischen und ökonomischen Verhältnissen. Ebenso wie beispielsweise beim Kontinent Afrika wird gängig auch im Fall Lateinamerika von einem Kontinent in seiner Gesamtheit gesprochen und nicht zwischen den einzelnen Ländern und deren komplexen Kulturen unterschieden. Laut Wilke (1987: 9) macht Lateinamerika knapp ein Sechstel der Erdoberfläche und rund ein Zwölftel der Weltbevölkerung aus.
Auf dem Subkontinent, der sich von Abbildung 1: Landkarte von Lateinamerika der mexikanischen Grenze bei San
Diego im Norden bis zum Kap Hoorn im Süden erstreckt, lebten im Jahre 2005 etwa 554 Millionen Menschen. Die Verstädterung in Lateinamerika ist fast so hoch wie in den Industrienationen - immerhin leben drei Viertel der Bevölkerung in den Metropolen. Ein Drittel der Lateinamerikaner ist jünger als 15 Jahre, da die Wachstumsquote bei zwei Prozent liegt. Diese ist somit drei Mal so hoch wie in den Industriestaaten, wo im Vergleich knapp 16 Prozent der Bevölkerung unter 15 Jahre alt sind (vgl. Afemann 2002:
Landesspezifische Daten zu Lateinamerika 6
Das Lateinamerika des 21. Jahrhunderts steht auch heute noch immer vor zahlreichen ungelösten Problemen. Wohl keine Region dieser Erde ist so stark von sozialen Ungleichheiten und der Kluft zwischen arm und reich geprägt wie Lateinamerika. Besonders die Armut stellt ein zentrales Problem auf dem Subkontinent dar.
La situación latinoamericana se está caracterizando por tener la distribución de la renta más desigual del mundo, en la que 20% de la población más pobre apenas recibe 4%
del ingreso total, mientras que un 10% de la población concentra 60% del ingreso. 1 (Ramírez 2002: 705, Hervorheb. i. O.)
Man zählt fast alle Länder Lateinamerikas zu den Entwicklungsländern und somit zu den Ländern mit niedrigem Einkommen. In den letzten Jahren haben es nur drei Länder geschafft in die Gruppe der am meist entwickelten Länder aufzusteigen. Laut einer Einstufung durch das Entwicklungsprogramm der Vereinten Nationen sind dies Argentinien, Chile und Costa Rica. In diesen drei Gebieten liegt der „Human Development Index“ über dem Wert von 0,8. Dieser Wert berücksichtigt neben dem Bruttoinlandsprodukt (BIP) pro Einwohner eines Landes, auch die Lebenserwartung, den Bildungsgrad und die Einschulungsrate der Bevölkerung. Alle anderen Länderausgenommen das am wenigsten entwickelte Land Haiti - zählen zu den Ländern mit einem mittleren „Human Development Index“. Ein gravierendes Problem stellt die hohe Arbeitslosenquote in Lateinamerika dar (vgl. Afemann 2002: 1f.). „In den letzten Jahren war durch die erleichterten Arbeitsbedingungen aufgrund des technologischen Fortschritts, eine steigende Tendenz der Produktivität mit gleichzeitiger Abnahme der Arbeitsplätze zu verzeichnen.“ (Haslinger 2004: 25) Somit müssen durchschnittlich etwa 40 Prozent der Lateinamerikaner mit weniger als zwei US-Dollar pro Tag auskommen. Besonders auffallend sind diese enormen Einkommensunterschiede in Brasilien. Die Zahl der Arbeitslosen und Unterbeschäftigten liegt dort bei knapp 50 Prozent und in manchen Regionen sogar darüber (vgl. Afemann 2002: 1f.). Jedoch gilt nur die Gruppe als „arm“, die bis zu einem Dollar pro Tag verdient. Jeder der mehr als einen Dollar verdient wird als „nicht arm“ eingeordnet. Unter diesen Bedingungen fällt es leicht, die erbärmlichen Umstände, unter dem der Großteil der Bevölkerung lebt, herunterzuspielen und die in Misere lebenden Lateinamerikaner als eine Minderheit darzustellen (vgl. Haslinger 2004: 27).
Landesspezifische Daten zu Lateinamerika 7
2.1 Politische Entwicklung im 19. Jahrhundert bis heute
Lateinamerika besteht im engeren Sinn aus all jenen Ländern Amerikas, die aus den Kolonialgebieten Spaniens, Portugals und Frankreichs hervorgingen. Bis zur Mitte des 19. Jahrhunderts hatten konservative Diktatoren und Machthaber in den meisten Ländern die Macht übernommen. Als die spanische und die portugiesische Kolonialherrschaft abgeschüttelt werden konnte, geriet der Subkontinent von seiner politischen Abhängigkeit zunehmend in eine wirtschaftliche Interdependenz. Nun ging der Imperialismus von anderen europäischen Mächten aus. Zu jener Zeit gewannen die führende Weltmacht Großbritannien und Frankreich in Mittel- und Südamerika an immer größerem Einfluss. Später wurden die Länder von den USA abgelöst und die Vereinten Nationen wurden zum wichtigsten Abnehmer und Kapitalgeber Lateinamerikas. Im 20. Jahrhundert mischten sich die Vereinten Nationen zunehmend in die inneren Angelegenheiten einzelner Staaten ein (vgl. Encarta Enzyklopädie 2004).
Die politischen Beziehungen der lateinamerikanischen Länder waren stets durch Kooperation und Konflikt geprägt. Die wechselseitige, außenpolitische Annäherung hat keinesfalls zu einer völligen Übereinstimmung geführt. Jedes Land vertritt nach wie vor seine regionale Meinung und eigene außenpolitische Interessen. Dennoch zeigt sich im Prozess des Wandels, von Fall zu Fall eine übergreifende Tendenz (vgl. Klaveren 1991: 33). Während in den siebziger Jahren in den Ländern des Subkontinents die Militärregime dominierten, so gelten die achtziger Jahre wohl eher als Dekade der Transition zur Demokratie (vgl. Herzog/Hoffmann/Schulz 2002: 10). In den 1980er und 1990er Jahren kam es nach einer Ära des Autoritarismus in mehreren Ländern zur Redemokratisierung. Zu jenem Zeitpunkt standen die Festigung der Demokratie und die Überwindung der autoritären Restbestände im Zentrum des Interesses. Dennoch war dieser Prozess nicht überall und durchgängig von Dauer. In manchen Gebieten gab es sogar wieder Rückschläge hin zu autoritären Verhältnissen, wie beispielsweise in Peru unter der Präsidentschaft Alberto Fujimoris (vgl. Wilke 2003: 7). Auch Argentinien erlebte im Laufe der neunziger Jahre, unter der Regierung Menem, eine Schwächung und Einschränkung seines demokratischen Systems (vgl. Herzog/Hoffmann/Schulz 2002: 11).
Während in Costa Rica das politische System von bemerkenswerter Kontinuität geprägt ist und das Land als wohl stabilste und kohärenteste Demokratie des Kontinents gelten kann, stellte Peru unter Fujimori ab 1992 sicherlich den drastischsten Fall dar, in dem der Demokratisierungsprozess in eine Diktatur hinter demokratischer
Landesspezifische Daten zu Lateinamerika 8
Fassade mündete. Mit der Flucht des Präsidenten steht das Land seit Ende 2000 vor einem demokratischen Neubeginn (ebd.: 11).
Der sozialistische Einparteienstaat Kuba stellt bisher den wohl noch größten Kontrapunkt in Lateinamerika dar. Auch nach 1989 hat die Regierung Castros bisher jeglichen Übergang zur pluralistischen Demokratie konsequent verweigert.
Wo politische Systeme (politische Parteien) die Medien (Medieninstitutionen) kontrollieren können, übernehmen die Politiker die Gladiatoren-Rolle, während die Rolle der Kommunikatoren darin besteht, als Propagandisten zu wirken. Auf das Publikum wird hier Druck ausgeübt (…). (Weischenberg 1995: 242)
Außer Frage steht, dass die Gesellschaften Lateinamerikas demokratischer geworden sind, obgleich die neuen Demokratien noch relativ zerbrechlich und unstabil sind. Auf dem Subkontinent wird der Demokratisierungsprozess nach wie vor von militärischer Dominanz, Menschenrechtsverletzungen, Drogenhandel und sozialen Spannungen gefährdet. Unter anderem hemmen Defizite in der Rechtsstaatlichkeit und die weit verbreitete Korruption die demokratische Entwicklung. Weiters können die Regierungen kaum Erfolge beim Abbau von Arbeitslosigkeit und Armut vorweisen. Um das System eines demokratischen Staates zu stärken, müssen sich insbesondere Regierung, Parlament, Privatwirtschaft und Zivilgesellschaft verändern. Notwendige Voraussetzungen hierfür sind eine gute Regierungsführung, sowie die gleichberechtigte Beteiligung aller gesellschaftlichen Gruppen (vgl. Marzinka 2004: o.S.).
2.2 Größerer Einfluss der Vereinten Nationen oder Rückgang der US-
amerikanischen Dominanz?
Heutzutage hängt nicht nur die lateinamerikanische Wirtschaft von den USA ab, sondern auch umgekehrt. Lateinamerika zählt zu den Hauptabnehmern USamerikanischer Produkte. Besonders der lateinamerikanische Fernsehmarkt beweist sich als ein lukratives Geschäft und gilt als Wachstumsmarkt. Weltweit bekannte USamerikanische Medienkonzerne, wie „Walt Disney“, „Time Warner“ und „News Cooperation“, schlossen sich daher schon frühzeitig mit lateinamerikanischen Fernsehsendern zusammen, um auf diesem Wege ihre Programmvermarktung sicherzustellen (vgl. Flemes 2003: 165). Zwischen 1987 und 1997 stiegen die gesamten
Landesspezifische Daten zu Lateinamerika 9
Exporte der USA nach Lateinamerika um 140 Prozent, also von 34,5 Billionen auf 134,5 Billionen Dollar. Des weiteren zeigen die US-amerikanischen Konzerne großes Interesse am lateinamerikanischen Markt. Die Vorteile für amerikanische Unternehmen liegen in den niedrigen Preisen, im Überfluss an Rohstoffen und in der billigen Arbeitskraft. Lateinamerika kann hingegen die partielle Abhängigkeit der USA nützen, um einerseits Gewinne für die eigene Nation zu schaffen und andererseits bessere Bedingungen für Verhandlungen zu erreichen. Immer mehr lateinamerikanische Staaten ziehen sich jedoch aus den bilateralen Abkommen mit den USA zurück. Der Einfluss der USA auf den lateinamerikanischen Markt ist nach wie vor gegeben. Dennoch besteht im Gegensatz zu früher eine Aussicht auf den Rückgang der US-amerikanischen Dominanz (vgl. Haslinger 2004: 71).
Obwohl die Überflutung US-amerikanischer Programme auch in den lateinamerikanischen Staaten einhält, haben sich auf dem Subkontinent seit Mitte des vergangenen Jahrhunderts Medienunternehmen gebildet, die den Programmimport aus den USA durch Eigenproduktion zu einem großen Teil ersetzen. Heute zeichnet sich die lateinamerikanische Medienindustrie durch eine zunehmende Internationalisierung [Hervorheb. d. Verf.) aus, sei es durch den Export von Produktionen oder durch den Erwerb von Anteilen an ausländischen Märkten (ebd.: 153).
Lateinamerika hat in den letzten Jahrzehnten sowohl in wirtschaftlicher, politischer als auch sozialer Hinsicht einen fundamentalen Wandel durchlaufen. Im Großteil der lateinamerikanischen Länder ist eine grundlegend neue Definition der Außenbeziehungen zu beobachten. Beispielsweise verfügt Brasilien heutzutage über ein weitreichend verzweigtes Netz internationaler Kontakte. Letztendlich hat es im Zuge eines komplizierten und aufwendigen Prozesses seine traditionelle Bindung an die US-amerikanischen Staaten gelockert. Hingegen wurde Mexiko zu einem zunehmend geschätzten Partner der Vereinigten Staaten. Das Land orientierte sich schon immer, wohl vorwiegend aufgrund seiner geografischen Nähe zu den Vereinten Nationen und deren wirtschaftliche Zusammenarbeit, mehr an seinem nördlichen Nachbar als dies die anderen lateinamerikanischen Länder taten. Mexiko hat seine isolierte, alleinige Position überwunden und eine Hauptrolle bei der Friedenssuche im Zentralamerikakonflikt eingenommen (vgl. Klaveren 1991: 9). In der mexikanischen Region hat sich der Zufluss an US-amerikanischen Programmen vor allem seit dem Zustandekommen des NAFTA verstärkt. Nur der Medienkonzern „Televisa“ bezieht einen wesentlich geringeren Anteil ausländischer Sendungen. Sein meist rezipierter Sender „canal 2“ strahlt ausschließlich mexikanische Produktionen aus. In anderen Regionen Lateinamerikas hat sich durch die Marktöffnung der Informationsfluss von den USA nach Lateinamerika verstärkt. Während sich vorher der Anteil importierter
Landesspezifische Daten zu Lateinamerika 10
US-amerikanischer Sendungen noch auf 20 Prozent belief, liegt der Anteil heute, seit dem Inkrafttreten der NAFTA, zwischen 33 und 62 Prozent (vgl. Haslinger 2004: 84f.). Dennoch ist zu beachten, dass trotz des US-amerikanischen Einflusses in Lateinamerika etwa 30 Prozent der Produktionen vom eigenen Subkontinent stammen. Zu einem hohen Anteil handelt es sich hierbei um Telenovelas (vgl. Sánchez Ruiz 1997: 55).
Der Wandlungsprozess hat auch die kleinen Länder Lateinamerikas erfasst. In vielen Fällen sogar jene, welche dem Einfluss der Großmacht ausgesetzt sind. Jedoch auch die lateinamerikanischen Länder, die ihrem nördlichen Nachbar noch sehr nahe stehen, teilten gelegentlich nicht die Meinung der Vereinten Nationen und konzentrierten sich somit vorwiegend auf ihre eigene Region. Während dieses Prozesses haben sie sowohl alternative als auch ergänzende Beziehungen einerseits zu lateinamerikanischen und andererseits zu westeuropäischen Ländern gesucht (vgl. Klaveren 1991: 10). Kuba wehrte sich beispielsweise stets gegen den USamerikanischen Einfluss. Für seine interne politische Entwicklung war und ist der externe Konflikt mit den USA von zentraler Bedeutung. „Das Versprechen der Revolution, eine authentische Unabhängigkeit der kubanischen Nation zu verwirklichen, bedeutete zwangsläufig eine Überwindung der Jahrzehnte alten subalternen Verhältnisse zu den USA.“ (Hoffmann/Herzog/Schulz 2002: 14)
Dennoch zählen die Vereinigten Staaten nach wie vor zu den wichtigsten externen Akteuren Lateinamerikas. Bisher ist keine Machtnation in Sicht, die sich in der Lage befände, ihnen diese Position streitig zu machen. Die US-amerikanischen Staaten fungieren als ein grundlegend wichtiger Handelspartner Lateinamerikas. Weiters sind sie sowohl die Hauptquelle für Direktinvestitionen und Außenfinanzierung, Waffenlieferant, ein Akteur, der bei innenpolitischen Themen der Länder nie vernachlässigt werden darf, als auch ein unverzichtbarer Bezugspunkt in vielen außenpolitischen Bereichen der lateinamerikanischen Staaten. Es steht jedoch nicht außer Frage, dass Lateinamerika kaum daran vorbeikommen wird, weitere Anstrengungen zu unternehmen, um ihre Beziehungen mit der Großmacht neu zu definieren. „Aber die meisten politischen Akteure in der Region sind sich jetzt offenbar der Gefahren einer Vereinfachung bewusst und vermeiden falsche Dichotomien zwischen totalem Konflikt und besonderer Beziehung, zwischen Befreiung vom imperialistischen Joch und vollständiger Abhängigkeit.“ (Klaveren 1991: 17)
Landesspezifische Daten zu Lateinamerika 11
3. Die Medienlandschaft Lateinamerikas
In den letzten Jahren hat sich Lateinamerika für die Medienindustrie immer mehr zu einem gewinnbringenden und dynamischen Markt entwickelt. Heute stehen den etwa 554 Millionen Einwohnern des Subkontinents circa 2.000 größere Zeitungen und Magazine, 6.000 Hörfunkstationen und 500 Fernsehsender zur Verfügung. Mehr als die Hälfte der lateinamerikanischen Zeitungen und Fernsehsender konzentrieren sich auf Brasilien und Mexiko. Weitere Regionen, die in der Medienproduktion eine wichtige Rolle spielen, sind Argentinien, Kolumbien und Venezuela (vgl. Haslinger 2005: o.S.).
Die Medienmacht liegt einerseits in den Händen weniger Familienclans, andererseits aber auch bei Medienunternehmen, die andere Industriebranchen einschließen und weltweit tätig und ausgebreitet sind. In Kolumbien herrschte im Gegensatz zu vielen anderen Staaten Lateinamerikas eine breite Medienvielfalt. Diese hat sich jedoch in den letzten Jahren durch die zunehmende Konzentration im Mediensektor verringert (vgl. Haslinger 2004: 138).
Oligopolistisch oder gar monopolistisch kontrollierte Märkte gefährden immer die Vielfalt der Medien und damit die Medien- und Informationsfreiheit. Mit der Expansion auf internationale Märkte entstehen Marktkonzentrationen von einer Größe, die durch keinen Nationalstaat mehr kontrollierbar sind. Diese Tendenz wird umso bedenklicher, da publizistische Macht immer auch politische Macht konstituiert. (Kleinsteuber/Thomaß 1996: 142)
Lateinamerika ist eine der wenigen Regionen weltweit, in der privatwirtschaftlich und kommerziell organisierte Massenmedien über jede andere Medienform dominieren. Der Großteil der lateinamerikanischen Medien befindet sich in privatem Besitz der oberen Schicht und dient dabei insbesondere der Förderung ihrer politischen Interessen. Ihre Machtposition wird vor allem durch ökonomische Interessen bestimmt, was schließlich dazu führt, dass die Mächtigen entscheiden, was zur Nachricht wird bzw. als informativ gilt und was nicht. „Die Medieninhalte geben die Interessen jener wieder, die sie besitzen. Wer die Medien finanziert, wird nicht erlauben, dass Material , [sic] das seinen vitalen Interessen schadet, veröffentlicht wird.“ (Flemes 2003: 217) Peru wurde beispielsweise durch die politischen Konflikte des vergangenen Jahrhunderts immer wieder an einer freien Entwicklung des Mediensektors gehindert. Die Medien wurden von ökologischen Interessen bestimmt und von der Politik instrumentalisiert. Heute unterliegen sie noch immer einer strikten Zensur und Journalisten leben stets mit der Angst und der Gefahr vor gewalttätigen Übergriffen der Regierung oder der Guerrilla (vgl. Haslinger 2004: 140).
Die Medienlandschaft Lateinamerikas 12
Im Allgemeinen übernehmen die Entwicklungsstaaten die Rolle des Importeurs. Vor allem aus dem Grund, da es ihnen oft an technologischen und finanziellen Ressourcen mangelt. Äußerst selten kommt es zu einem Export kultureller Erzeugnisse wie beispielsweise Büchern, Filmen und Musik von der südlichen in die westliche Welt. Eine Ausnahme diesbezüglich stellen spanischsprachige Erzeugnisse aus Lateinamerikabesonders die eigenproduzierten Telenovelas aus Mexiko, Brasilien und Venezuelain die USA dar. Manche der privaten lateinamerikanischen Medienunternehmen konkurrieren erfolgreich im Weltmarkt mit amerikanischen und europäischen Kommunikationsunternehmen. Das wirtschaftsstärkste Land in Lateinamerika ist Mexiko mit seinem Medienkonzern „Televisa“, derzeit im Besitz von Emilio Azcárraga Jean. Die Geschäftsbereiche des größten Medienunternehmens des Subkontinents erstrecken sich vom nationalen Markt in Lateinamerika, über die USA bis nach Europa. Ihre Produktionen gelangen unter anderem auch nach China und Afrika (vgl. Haslinger 2004: 9 und 82). Der Konzern exportiert seine Programme in über 55 Ländern und ist somit das größte spanischsprachige Medienunternehmen unserer Erde (vgl. Haslinger 2005: o.S.). Ein weiterer Medienkonzern, der im internationalen Markt mitmischt, ist „Rede Globo“ in Brasilien. Vor allem die produzierten Telenovelas von „Televisa“ und „Rede Globo“ lassen sich nicht nur in Mittel- und Südamerika gut verkaufen, sondern finden auch in Europa und China großen Andrang (vgl. Flemes 2003: 165). „Lateinamerikas Medienkonzerne (…) sind auch durch ihre internationale Präsenz von Bedeutung. So zählen die Riesen Televisa in Mexiko und Rede Globo in Brasilien mit 60 bis 80 Millionen ZuseherInnen täglich zu den meist rezipierten kommerziellen Netzwerken der Erde.“ (Haslinger 2005: o.S.) Ausschlaggebend für die Entwicklung und den Erfolg der beiden Mediengiganten waren sowohl ihre guten Kontakte zu wichtigen politischen Entscheidungsträgern als auch die Strategieübernahme US-amerikanischer Firmen.
These days, some Latin American television companies earn much of their income abroad and have become sizeable exporters of materials to Spanish-speaking territories in the United States. Intercountry television traffic is also on the increase within the region. (Beltrán 1988: 4)
Die Medienkonzerne „Televisa“ und „Rede Globo“ stehen schon seit längerer Zeit „stellvertretend für marktbeherrschende Großkonzerne, die durch ihre eigene Machtposition (wirtschaftlich wie politisch) und den damit verbundenen Interessen nur noch eingeschränkt als Instanz der Kritik und Kontrolle anderer Machtträger gelten können.“ (Flemes 2003: 214) Brasilien und Mexiko durchbrachen bereits in den 1970er Jahren die Importabhängigkeit von den USA und exportierten als erste Länder ihre eigenproduzierten Programme auch an die restlichen Regionen Lateinamerikas (vgl.
Die Medienlandschaft Lateinamerikas 13
Haslinger 2004: 83). Aber auch die beiden dominierenden Konzerne, die Gruppe „Clarín“ in Argentinien und „Organisaçión Cisneros“ in Venezuela, stehen einer pluralistischen Medienlandschaft, die eine vielfältige gesellschaftliche Artikulation sowie die Meinungs- und Konsensbildung fördert, immer mehr im Wege.
3.1 Die enge Verbindung zwischen dem medialen und politischen System
Die lateinamerikanischen Massenmedien stellen keineswegs eine unabhängige Macht im Staat dar, sondern sie sind monopolisiert, zentralisiert und sehr oft eng mit der Regierung verbunden. In vielen Regionen Lateinamerikas verkommen die Medien zu einem verlängerten Arm der Regierung und sind aufs engste mit der politisch dominierenden Klasse ihrer Länder verbunden (vgl. Marzinka 2004: o.S.). In Lateinamerika kommt den Medien zunehmend eine Schlüsselrolle bei der Gestaltung des öffentlichen Lebens zu:
Dabei versuchen sowohl die Medien selbst, der Politik ihre Gesetze aufzuzwingen, so etwa durch gezielte Kampagnen zugunsten oder zuungunsten genehmer oder nicht genehmer Politiker, als auch die Politik, sich die Medien gefügig zu machen, durch die Verfolgung missliebiger Journalisten oder die Förderung linienfreundlicher Sender. (…) Pressefreiheit und objektive Berichterstattung bleiben hierbei oft auf der Strecke. Ob in Kolumbien oder Peru, in Paraguay oder Argentinien: Unterdrückung der Pressefreiheit und Gängelung kritischer Stimmen durch die Politik sind ebenso an der Tagesordnung wie Machtmissbrauch oder verfälschende Berichterstattung durch die Medien selbst: Sie stellen die beiden Grundübel dar, an denen der Medienbereich in ganz Lateinamerika krankt. (Priess 2001, 29)
Zweifellos sind die Massenmedien weltweit immer wieder Mächten und Einflüssen ausgesetzt, die ihren Handlungsspielraum sowie ihre Nachrichtengebung beeinflussen und bestimmen. Im Allgemeinen unterscheidet man zwischen offenen und geschlossenen Mediensystemen. Ersteres bedeutet, dass "das Mediensystem als soziales Subsystem prinzipiell autonom ist beim Umgang mit Informationsangeboten, aber auch mit Einflüssen aus den diversen gesellschaftlichen Teilsystemen." (Weischenberg 2004: 105) Ein geschlossenes Mediensystem meint hingegen „die legalisierte Einflußnahme durch bestimmte gesellschaftliche Subsysteme, die sich als Kommunikationskontrolle auswirkt - im allgemeinen durch das politische System. Und dies bedeutet auch die explizite Einbindung der Medien und ihrer Nachrichtengebung
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Bakk.Komm. Irene Hartinger, 2006, Medienpolitik in Lateinamerika mit einem Fokus auf Argentinien, Brasilien, Guatemala, Kuba und Mexiko, München, GRIN Verlag GmbH
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