Inhaltsverzeichnis
1 Einleitung. 3
2 Das Störungsbild ADHS. 5
2.1 Symptom-Trias und Klassifikation 5
2.2 Komorbidität 8
2.3 Epidemiologie 10
2.4 Ätiopathogenese 12
2.4.1 Neurologische Modelle 12
2.4.2 Neuropsychologische Modelle 14
2.5 Diagnostik. 16
3 Interventionen bei ADHS 17
3.1 Pharmakotherapie. 17
3.2 Kognitive Verhaltenstherapie. 18
3.3 Wirksamkeit der Interventionen bei ADHS 19
4 Das Therapieprogramm THOP. 21
4.1 Aufbau und Ziele des THOP. 21
4.2 Das Eltern-Kind-Programm des THOP. 23
5 Eine Bewertung des THOP 27
5.1 Wirksamkeit des THOP 27
5.2 Vier Vorraussetzungen für multimodale Verhaltenstrainings nach
Petermann (2003) 29
5.3 Diskussion 30
6 Literatur. 34
7 Anhang 38
Einleitung 3
1 Einleitung
Hyperaktivität und Aufmerksamkeitsstörung sind in aller Munde. Eine Suche im Online Archiv der Neuen Züricher Zeitung (NZZ) widerspiegelt den öffentlichen Diskurs über diese Themen: „Pillen für den Zappelphilipp. Eine Gleichung mit mehreren Unbekannten“ (NZZ, 8.2.2006), „Ginko für den Zappelphilipp. Können pflanzliche und homöopathische Präparate helfen?“ (NZZ am Sonntag, 9.6.2002), „Umstrittene Therapie hyperaktiver Kinder. Ritalin - Wundermittel oder Einstiegsdroge? (NZZ, 17.10.2001), „Knacknuss für Forscher. Wie diagnostiziert man Hyperaktivität?“ (NZZ Folio, 6.8.2001), „Zappelphilipp oder Hans-guck-in-die-Luft?“ (NZZ, 10.9.2007), „Auswirkungen von Aufmerksamkeitsstörungen am Arbeitsplatz“ (NZZ, 31.1.2007). Wie man an diesen Zeitungsüberschriften erkennen kann, haben vor allem Behandlungsmöglichkeiten eine hohe Medienpräsens, aber auch Diagnostik und Subtypen sowie die Chronifizierung bis ins Erwachsenenalter sind diskutierte Themen. Auch der wissenschaftliche Diskurs läuft angeregt. Döpfner meint dazu: „Die Therapie von Kindern mit hyperkinetischen Störungen gehört gegenwärtig zu den grössten Herausforderungen für die kinderpsychologische Praxis und Forschung.“ (Döpfner, 2002, S. 165). Tatsächlich stellen die Aufmerksamkeitsdefizit-/Hyperaktivitätsstörung (ADHS) bzw. die Hyperkinetische Störung - zusammen mit aggressiven Verhaltensstörungen - die häufigsten Störungen des Kindes- und Jugendalters dar (Döpfner, 2002; Döpfner, Frölich & Lehmkuhl, 2000).
Während meiner Arbeit als Lehrerin an einer englischsprachigen Primarschule habe ich betroffene Kinder, deren Eltern und Lehrer kennen gelernt. Für diese Kinder stellt die Störung ein erhebliches Entwicklungsrisiko dar. Die Bezugspersonen sehen sich mit einer Vielzahl von Problemen konfrontiert. Daraus wird klar, dass ein enormer Bedarf nach einer effektiven Behandlung besteht. Die deutsche Gesellschaft für Kinder- und Jugendpsychiatrie und -Psychotherapie (2003) empfiehlt in ihren „Leitlinien zu Diagnostik und Therapie von hyperkinetischen Störungen“ eine multimodale Behandlung, welche nebst Psychoedukation eine Kombination aus pharmakologischer und kognitiv- verhaltenstherapeutischen Interventionsmassnahmen in der Familie sowie in
Einleitung 4
der Schule/im Kindergarten umfasst. Eine diesen Forderungen entsprechende Therapie existiert bereits im deutschsprachigen Raum: Das Therapieprogramm für Kinder mit hyperkinetischem und oppositionellem Problemverhalten THOP (Döpfner, Schürmann & Frölich, 1997, 1998, 2002).
Ziel der vorliegenden Seminararbeit ist es einerseits anhand aktuellster Literatur einen Überblick über das Störungsbild ADHS zu geben. Andererseits soll das THOP als Beispiel eines multimodalen Behandlungsprogramms vorgestellt und bewertet werden.
Demnach ist die Arbeit so aufgebaut, dass er Leser im Kapitel 2 einen umfassenden Überblick zum Störungsbild ADHS erhält. Dazu gehört die Definition der Kernsymptome und deren unterschiedliche Klassifikation zu Diagnosen (siehe 2.1). sowie die am häufigsten begleitend auftretenden komorbiden Störungen (siehe 2.2). Anschliessend werden epidemiologische Studien vorgestellt, die über die Häufigkeit, die Verteilung unter den Geschlechtern, den Verlauf und die Persistenz von ADHS Auskunft geben (siehe 2.3). Zur Erklärung der Störung kommen eine Vielzahl von Faktoren in Betracht (siehe 2.4.1). Integrative Modelle versuchen einzelne empirisch begründete Faktoren in ihrem Bedingungsgefüge zusammenzufassen und Wechselwirkungen bzw. Kreisläufe aufzuzeigen (siehe 2.4.2). Zum Abschluss werden die verschieden Ebenen des diagnositischen Prozesses kurz aufgezeigt (siehe 2.5). Danach werden in Kapitel 3 die gängigen Interventionen bei ADHS, namentlich Pharmakotherapie (siehe 3.1) und kognitive Verhaltenstherapie (siehe 3.2), vorgestellt. Die Ergebnisse zur Wirksamkeit (siehe 3.2) legen eine Kombination dieser Interventionen nahe. Das in Kapitel 4 beschriebene Therapieprogramm THOP bietet eine solche multimodale Behandlung im deutschsprachigen Raum. Aufbau und Ziele des THOP (siehe 4.1) werden in den Beschreibungen der Therapiebausteine des Eltern-Kind-Programms (siehe 4.2) verdeutlicht. Anschliessend wird im Kapitel 5 eine Bewertung des THOP vorgenommen, einerseits anhand deren Wirksamkeit (5.1), andererseits an-hand deren Erfüllung von Vorraussetzungen für multimodale Verhaltenstrainings (5.2). Die diese Seminararbeit abschliessende Diskussion (5.3) gibt differenziert eine Antwort auf die Frage „Gibt es ein wirksames Therapiepro- gramm für Kinder mit ADHS?“.
Das Störungsbild ADHS 5
2 Das Störungsbild ADHS
2.1 Symptom-Trias und Klassifikation
Die betroffenen Kinder und Jugendlichen zeigen in klinischen Erscheinungsbild folgende Symptom-Trias: eine Beeinträchtigung der Aufmerksamkeit (Unaufmerksamkeit), der Aktivität (Hyperaktivität) und der Impulskontrolle (Impulsivität). Sie zeigen diese Beeinträchtigungen „early, to a degree that is exessive and inappropriate for their age or developmental level, and across a variety of situations that tax their capacity to pay attention, restrain their movement, inhibit their impulses, and regulate their own behavior relative to rules, time and the future“ (Barkley, 2006, S. 77).
Bei der Klassifikation dieser Störung unterscheiden sich die beiden gängigen Klassifikationssysteme ICD-10 (Internationale Klassifikation psychischer Störungen; Dilling, Mombour & Schmidt, 2004) und DSM-IV (Diagnostisches und Statistisches Manual Psychischer Störungen; Saß, Wittchen & Zaudig, 2003) zwar kaum in der Definition der genannten Symptome, jedoch in der Kombination dieser Symptome zu Diagnosen sowie in der diagnostischen Bezeichnung.
So spricht das ICD-10 von einer Einfachen Störung der Aktivität und Aufmerksamkeit (F90.0), wenn die komplette Symptom-Trias vorliegt („Zappelphilipp“, siehe Einleitung). Kommt zusätzlich eine Störung des Sozialverhaltens hinzu (mit oppositionellem, aufsässigem Verhalten), wird die Kombinationsdiagnose Hyperkinetische Störung des Sozialverhaltens (F90.1) vergeben. Daneben sieht das ICD-10 zwei weitere Kategorien vor, nämlich Sonstige Hyperkinetische Störung (F90.8) und Nicht näher bezeichnete Hyperkinetische Störung (F90.9), die gewählt werden, wenn einige Kriterien nicht vollständig erfüllt sind.
Anders klassifiziert das DSM-IV, welches drei Subtypen der Aufmerksamkeitsdefizit-/Hyperaktivitätsstörung (ADHS) unterscheidet: (1) den Mischtyp, (2) den vorherrschend unaufmerksamen Typ („Hans-guck-in-die-Luft“, siehe Einleitung), (3) vorherrschend hyperaktiv-impulsiven Typ. Beim Mischtypen liegt die komplette Symptom-Trias vor, bei den anderen beiden Subtypen ist ent-
Das Störungsbild ADHS 9
Aufmerksamkeitsgestörte Kinder zeigen eher internalisierende Störungen (Angst- und affektive Störungen mit sozialem Rückzug), während impulsivhyperaktive Kinder vermehrt zu externalisierenden Störungen neigen (Störung des Sozialverhaltens mit aggressivem, oppositionellem Verhalten). Bei etwa 10 bis 20% werden zusätzlich zur ADHS noch ausgeprägte Lernstörungen und Schulleistungsdefizite diagnostiziert, bei 80% liegen mindestens zwei Noten unter dem Klassendurchschnitt (Döpfner, 2002). Vor allem durch die Aufmerksamkeitsstörungen sind die Lernleistungen hyperkinetischer Kinder beeinträchtigt, weshalb diese häufiger eine Klasse wiederholen. Mit zunehmenden Alter werden die Leistungsdefizite noch zusätzlich durch Sekundärstörungen verstärkt, wie etwa ein vermindertes Selbstwertgefühl, schulische Misserfolgserfahrungen und geringe Leistungsmotivation. Etwa die Hälfte aller Kinder mit ADHS haben deutliche Probleme in sozialen Beziehungen mit Gleichaltrigen, da sie sich anderen Kindern gegenüber oft penetrant, bestimmend und kritisierend verhalten. Sie unterbrechen die Aktivitäten anderer, verletzen Regeln und zeigen oftmals aggressives Verhalten. „Nicht was sie tun, sondern wie sie es tun, führt zu sozialen Schwierigkeiten“ (Döpfner, 2002, S. 154). Daher werden Kinder mit ADHS von Gleichaltrigen in der Regel abgelehnt und nehmen eine negative soziometrische Position ein. Das negative Interaktionsverhalten betrifft auch die Eltern-Kind-Beziehungen, die durch negative, bestrafende und kontrollierende Interaktionen gekennzeichnet ist.
Da es sich bei ADHS um eine Störung mit sehr heterogenem Erscheinungsbild handelt, oftmals mit zusätzlichen komorbiden Störungen, wird häufig eine Fehldiagnose gestellt. Daher ist es wichtig, vor der Diagnosestellung folgende Differentialdiagnosen ausschliessen zu können (Döpfner, 2002):
• Altersgemässe Verhaltensweisen bei aktiven Kinder
• Durch Medikamente oder neurologische Störungen bedingte hyperkinetische
Symptomatik
• Hyperkinetische Symptome bei Intelligenzminderung
• Hyperkinetische Symptome bei schulischer Überforderung
• Hyperkinetische Symptome bei schulischer Unterforderung
Arbeit zitieren:
lic. phil. hum. Martina Brunnthaler, 2007, Gibt es ein wirksames Therapieprogramm für Kinder mit ADHD?, München, GRIN Verlag GmbH
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